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2022 wird das Jahr des hybriden Denkens

Alles, was ich über das Jahr 2022 weiß, habe ich bei den Olympischen Spielen in Tokio gelernt. Der Moment, in dem sich Essa Mutaz Barshim und Gianmarco Tamberi entschieden erstmals in der Geschichte Olympias eine Gold-Medaille zu teilen, ist der Moment, der das Jahr 2022 definieren wird: Denn anhand des Doppel-Golds kann man beispielhaft beschreiben, was es heißt, wenn wir sagen: 2022 wird das Jahr des Hybriden!

Hybrid bedeutet „aus Zweierlei zusammengesetzt“ und beschreibt nicht nur kombinierte Antriebe bei Fahrzeugen oder die Mischung von Arbeiten im Büro und Unterwegs. Hybrid beschreibt eine Denkhaltung, die in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird. Man kann diese hybride Haltung als Sowohl-als-auch-Denken beschreiben, die sich deutlich vom gelernten System des Entweder-oder unterscheidet.

Entweder-oder-Denken

… nur eine Option

… eindeutig

… binär

… gelernt

Sowohl-als-auch-Denken

… mehr als eine Option

… mehrdeutig

… skaliert

… schöpferisch-kreativ

Die Fähigkeit zum Sowohl-als-auch-Denken basiert auf so genannter Ambiguitätstoleranz, also auf dem Aushalten von Widersprüchen. Wer sich nicht in die polarisierende Entweder-Oder-Muster drängen lässt, ist eher in der Lage, Entwicklungen zu verstehen. Diese verlaufen nämlich selten nur binär und sehr viel häufiger skaliert – wie mein Kollege Johannes Klingebiel und ich am Beispiel der fünf relevantesten Medientrends fürs neue Jahr beschreiben konnten.

Wir benennen diese als Linien, die keine Gegensätze beschreiben, sondern Verläufe. Konkret lauten diese: Von der klaren Grenze zum flüssigen Hybrid, von der Deutungshoheit zum Kontrollverlust, von der Massenkultur zur massenhaften Nische, vom Werk zum Netzwerk, vom Produkt zum Prozess.

Um diese Linien zu erkennen, braucht es das Denksystem des Sowohl-als-auch, das man so beschreiben kann:

Das Denken in klaren Widersprüchen und Polaritäten soll Übersicht erzeugen, führt aber in komplexen Systemen häufig zu einer problematischen Vereinfachung. Die Sowohl-als-auch-Kultur, die ein hybrides Denken fördert, kann dabei helfen, das Unvorhersehbare und Überraschende in Entscheidungsprozesse zu integrieren. Sie basiert auf der Idee, vermeintlich gegensätzliche Entscheidungen gemeinsam zu denken.

Beim Mediennetzwerk Bayern durfte ich ein paar Sätze zur Sowohl-als-auch-Idee sagen, was man in diesem Podcast der Medientage München nachhören kann.

Mehr über die Idee des Hybriden Denken gibt es in dem Buch „Anleitung zum Unkreativein„, in dem ihm ein ganzer Schwerpunkt gewidmet ist:

Hybrides Denken bildet die Basis für Kreativität. Denn Kreativität zeigt sich in der Verbindung von vormals Unverbundenem.

Can we have two golds? Mit der Barshim/Tamberi-Methode zum Zauber des Sowohl-als-auch

In der Liste der Goldmedaillen, die bei olympischen Spielen vergeben wurden, muss man lange suchen um mehr als einen Namen in einem Einzelwettbewerb zu finden. Bei den Spielen im Jahr 1912 sind in der Spalte für den Fünf- wie für den Zehnkampf jeweils zwei Namen aufgeführt. Entschieden wurde über diese geteilten Gold-Medaillen aber erst siebzig Jahre später. In Stockholm im Sommer 1912 hatte der schwedische König Gustav V die Medaillen dem Amerikaner Jim Thorpe mit den Worte überreicht: „Sir, Sie sind der größte Athlet auf der Welt.“

Nach den Spielen wurden Thorpe die Medaillen wegen eines angeblichen Formfehlers aberkannt (er hatte gegen die damals geltende Amateur-Regel verstoßen, weil er zwei Jahre zuvor in einem halbprofessionellen Baseball-Team gespielt hatte), die beiden Zweitplatzierten Hugo Wieslander (Zehnkampf) und Ferdinand Bie (Fünfkampf) lehnte die Goldmedaillen allerdings ab. Sie wollten sie nicht an Stelle von Jim Thorpe tragen, der die Spiele sportlich dominiert hatte. Erst 30 Jahre nach dessen Tod, im Jahr 1983 entschied das Olympische Komitee, dass die Goldmedaillen sowohl Thorpe als auch Wieslander bzw. Bie zuerkannt werden sollten.

Man muss diese etwas komplizierte Geschichte nachlesen, um den Wert dessen ermessen zu können, was bei den Olympischen Spielen von Tokio im Hochsprungfinale der Herren passiert ist. Die New York Times schreibt von einer „Demonstration der Sportlichkeit“ und das ZDF spürte den Olympischen Geist „mit Verve durch die Arena“ wehen. Denn erstmals seit 1912 stehen in einer Goldmedaillen-Spalte zwei Namen – und erstmals überhaupt sind die beiden Athleten der Grund dafür: Essa Mutaz Barshim und Gianmarco Tamberi teilen sich die die Olympische Goldmedaille der Spiele in Tokio!

Zuvor hatten sie sich ein spannendes Hochsprungfinale geliefert. Zwei Stunden lang sprangen die beiden Athleten, die auch außerhalb des Stadions befreundet sind, mit großer Genauigkeit. Sie überwanden die geforderten Höhen von 2,24 bis 2,37 jeweils im ersten Versuch. Zwei Sportler mit jeweils sechs Sprüngen. Kein Fehlversuch. Als 2,39 Meter aufgelegt wurde, war klar: Das wird ein Olympischer Rekord. So hoch war bei Olympischen Spielen vorher nur Charles Austin in Atlanta (1996) gesprungen. Barshim und Tamberi rissen beide drei Mal – und dennoch schafften sie einen Olympischen Rekord, der vermutlich höher einzuschätzen ist als die fehlenden Zentimeter.

Nach den drei Fehlversuchen treten die beiden vor den Schiedsrichter. Sie umarmen sich. Der Offizielle will ihnen das weitere Vorgehen für das Stechen erläutern, als Essa Mutaz Barshim die Frage stellt: „Can we have two golds?“ Es entsteht eine Sekunde Stille im Olympiastadion von Tokio. Dann sagt er Schiedsrichter: „Its possible“ und die beiden Freunde schauen sich an. Barshim mit roter Kappe und dunkler Sonnenbrille nickt seinen Freund an und sagt: „Lets make history.“ Tamberi nickt ebenfalls, holt mit der rechten Hand weit aus und schlägt mit Barshim ein. „Oh das ist schön“, sagt der ARD-Kommentator, „die beiden einigen sich, gemeinsam Olympiasieger zu sein.“

Das ist eine sportlich beeindruckende Geschichte, die den Blick auf die Verletzungen der beiden Athleten lenkt und zeigt, wie hoch die Belastung für Spitzensportler:innen ist. Tamberi hatte den Gips in Tokio dabei, den er tragen musste als er sich vor den Spielen von Rio ein Band im Bein gerissen hatte. Barshim, der in Rio Silber gewann, erlitt zwei Jahre später eine ähnliche Verletzung wie Tamberi: „Ich konnte nicht allein aus dem Bett, ich konnte nicht allein zur Toilette. Ich weiß, dass Gianmarco das Gleiche durchgemacht hat. Ich weiß, dass er Gold genauso verdient hat wie ich“, zitiert das ZDF den katarischen Hochspringer.Diese besondere Entscheidung von Tokio verdient aber nicht nur aus sportlichen Gründen so viel Beachtung. Sie ist ein Symbol über den Geist von Olympia hinaus.

“This is beyond sport,” hat der 30-jährige Barshim nach dem Finale gesagt. “This is the message we deliver to the young generation.”

Die Botschaft, die ich darin sehe ist aber nicht nur jene des Sportgeists. Ich sehe darin auch eine Option für scheinbar ausweglose Situationen. Wann immer ich in Zukunft gezwungen zu sein scheine, eine Entweder-oder-Entscheidung zu treffen, die mir nicht leicht fällt, werde ich an Barshim/Tamberi-Methode denken und mich fragen: Warum Entweder-Oder wenn auch Sowohl-als-auch geht? Nur weil in der Geschichte der Olympischen Spiele noch nie jemand vorher auf die Idee kam, eine Goldmedaille zu teilen, heißt das ja nicht, dass es nicht möglich sei. Auch wenn es undenkbar scheint: „it’s possible“ sagt der Schiedsrichter.

Ich glaube sogar, dass viel mehr kreative Lösungen für komplizierte Probleme möglich sind, wenn sie nach dem Sowohl-als-auch-Prinzip gedacht werden. Die Barshim/Tamberi-Methode kann Vorbild für jedes kreative Brainstorming sein, in dem kreative Menschen Ideen gegeneinander antreten lassen: Es wird besser, wenn man auf Vorschläge der anderen nicht mit aber, sondern mit und reagiert. Es entsteht Neues, wenn man auf dem aufbaut, was vorhanden ist, wenn man verbindet, was scheinbar gegensätztlich ist. Denn genau das zeichnet die so genannten Gold-Ideen aus: dass sie im richtigen Moment so funktionieren wie Essa Mutaz Barshim und Gianmarco Tamberi es vorgemacht haben.