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Die Story hinter dem „Love Story“-Meme von Taylor Swift und disco lines

Vorbemerkung: Mir ist bewusst, dass die mediale Tiktok-Aufmerksamkeit gerade geprägt ist von Donald Trumps Ankündigung, gegen die App des chinesischen Anbieters ByteDance vorzugehen. Und auch die Datenschutzprobleme bei Tiktok (auf die mein Kollege Matthias Eberl immer wieder zurecht hinweist) sind ein massives Problem. Und dennoch muss ich diese kleine Geschichte hier erzählen, die sich im Universum zwischen Tiktok, YouTube, Instagram abspielt. Sie illustriert den Zauber dessen, was durch aktive Nutzer:innen entstehen kann und die Probleme, die das Urheberrecht mit dieser gegenwärtigen Form der Kultur hat. Vorbemerkung, Ende

Im Herbst 2008 ist die US-amerikanische Sängerin Taylor Swift 19 Jahre alt (Foto aus dem Love-Story-Musikvdeo). Sie ist kurz davor, ihr zweites Album zu veröffentlichen. Es wird „Fearless“ heißen und elf Wochen lang an der Spitze der Charts stehen (Wikipedia: „kein anderes Album seit dem Jahr 2000 konnte diesen Spitzenplatz länger behaupten, und es war das meistverkaufte Album des Jahres 2009 in den Vereinigten Staaten“). Als erste Single wird im September 2008 das Lied Love Story veröffentlicht, es erzählt die klassische Romeo- und Julia-Geschichte einer Liebe gegen den Einwand der Eltern.

Thadeus Labuszewski ist zu dem Zeitpunkt in der Grundschule. Weder Taylor Swift noch er wissen, dass der Song sie zwölf Jahre später auf eine bestimmte Art zusammenführen wird – im Sommer 2020 wird Thadeus seinen Abschluss als Software-Engineer in Boulder (Colorado) machen und Taylor Swift wird ihr achtes Album veröffentlichen. Es heißt „folklore“ und enthält 16 neue Songs. Aber keiner von ihnen schafft, was dem Lied aus dem Jahr 2008 gelingt: Es wird ein Tiktok-Hit.

Warum das so ist, kann niemand so genau sagen. Man kann nur versuchen die Geschichte zu rekonstruieren, die dazu geführt hat, dass Thadeus in der vergangenen Woche eine Bitte auf Instagram gepostet hat: Er wünscht sich Kontakt zu Taylor Swift, um mit ihr über ein Video zu sprechen, das er unter seinem Künstlernamen „disco lines“ im Frühjahr 2019 auf YouTube gepostet hat. In if TAYLOR SWIFT went ONE DEEPER erklärt er, wie er aus „Love Story“ einen Deephouse-Song remixt. Das ist äußert amüsant, hat auf YouTube aber auch heute im Auge eines Aufmerksamkeits-Orkans nicht mal 9000 Aufrufe.

Der Orkan tobt auf Tiktok. Dort hat der Nutzer @Ethanishung einen Schnipsel aus dem disco lines Remix von Love Story hochgeladen. Diese so genannten Sounds sind die Vorlagen für andere Nutzer:innen um damit eigene Videos musikalisch zu untermalen. Sehr sehr viele Nutzer:innen verwenden dafür den Schnipsel, den Thadeus Labuszewski in seinem Tutorial-Clip genutzt hat: 2,4 Millionen Videos zählt Tiktok aktuell zu dem Sound. Eines davon stammt von @pokemonmasterzo. Er kniet sich zu der Liedzeile „He knelt to the ground and pulled out a ring“ auf den Boden und stößt ein Skateboard an, auf dem er eine Kamera postiert hat, die ihn filmt. Die für Trends relevante For-You-Page von Tiktok ist gerade voll von Clips, die den „Love-Song“-Sound und genau diesen Trick nutzen (eine wachsende Anzahl an Nutzer:innen greifen auch auf Drohnen zurück um den Bewegungseffekt einzubauen).

All diese Clips tragen dazu bei, dass der Ohrwurm des Sommers 2020 auf Tiktok diese Zeilen aus dem Jahr 2008 sind:

He knelt to the ground and pulled out a ring
And said, „Marry me, Juliet
You’ll never have to be alone
I love you and that’s all I really know

Rolling Stone und Buzzfeed berichten bereits drüber, weil dieser Love Story noch etwas fehlt zum Happy End. Denn wer in gängigen Streaming-Diensten nach „disco lines“ und „Love Story“ sucht, wird eher enttäuscht: es gibt keine offizielle Version des Songs, der auf Tiktok gerade in heavy rotation läuft. Für den Jungen aus Boulder ist das ein Problem: Er hat einen Welthit geschaffen, kann den aber gar nicht wirklich nutzen.

Deshalb versucht er jetzt, Kontakt zu Taylor Swift herzustellen. Vielleicht können die beiden gemeinsam eine Windmühle bauen für den Aufmerksamkeits-Orkan, der gerade durchs Web fegt. Das Problem dabei: Es ist nicht ganz klar, unter wessen Flügeln der Sturm für Auftrieb sorgen wird. Denn Taylor Swift hat einen Rechtsstreit um die Verwertungsrechte ihrer frühen Songs. Diese liegen beim ehemaligen Chef der Plattenfirma Big Machine Records und seinem neuen Partner. Vor den American Music Awards im vergangenen November machte Swift diese Debatte sogar öffentlich. Fünf Jahre zuvor hatte sie übrigens von sich reden gemacht, weil sie Teile ihres Albums 1989 auf eine Weise hatte schützen lassen, dass andere Bands dies als Angriff auf die freie Meinungsäußerung interpretierten: die Metalband Peculate schrieb deshalb mit Absicht einen Song, den sie „The Sick Beat“ nannte, weil Swift darauf Markenrechte angemeldet hatte.

All diese Urheberrechts- und Verwertungsdetails sind den Nutzer:innen auf Tiktok egal. Sie interagieren äußert aktiv mit dem Song aus dem Jahr 2008 und Thadeus beobachtet das sehr genau: „Every video I see of someone dancing to my remix puts a massive smile across my face“, wird er auf Buzzfeed zitiert. „I’m so glad to see people laughing and dancing to the song. It feels like the perfect shot of serotonin the world needs right now.“

Ich persönlich teile dies Serotonin-Begeisterung, weil ich glaube, dass diese Art der Popkultur (trotz der Copyright-Themen) zu den aktivsten und spannendsten Ausprägungen gegenwärtiger Kultur zählt. Ich befasse mich schon länger mit dem Thema („Mashup – Lob der Kopie“) und freue mich, dass ich in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“, das im September erscheint, das Bild des Ohrwurms genutzt habe, um zu erklären, was Meme so wunderbar macht. Mehr über Tiktok habe ich auf tiktok-taktik.de notiert.

Hier kann man den Song übrigens ganz anhören:

„Der Kaufprozess ist die einzigartige nicht reproduzierbare Handlung und definiert das Original“ – Interview mit Florian Kuhlmann

Am Freitag lädt der Düsseldorfer Künstler Florian Kuhlmann zu einem metamodernen Ritual in die Galerie Falko Alexander nach Köln. Florian greift dabei auf Konzepte zurück, die mit der Idee von Kopie und Original in der digitalen Welt spielen. Deshalb habe ich ihm ein paar Fragen zu der Veranstaltung (1.2. 19 Uhr, Venloer Str. Köln ) gemailt.

Ihr plant ein metamodernes Ritual mit der Energie des Marktes. Erklär mal, was passieren wird: Was ist ein metamodernes Ritual?
Dirk, ich sag wie’s ist. Auch nach mehreren Jahren der intensiven Beschäftigung mit Metamoderne weiß ich nicht was das ist. Aber da ist eben nach wie vor das wirklich SEHR starke Gefühl, verbunden mit einer tiefen Ahnung, dass sie da ist und jetzt beginnt, die Metamoderne. Immer. Jetzt.
Und auch hier ganz ehrlich: ich mag das einfach, also den Glauben daran, dass etwas beginnt, etwas Neues und Großes anfängt, gerade jetzt und hier. Am besten eben eine neue Epoche. Das ist doch viel geiler als die dieser ganze reaktionär-depressive Post-Retro-Blick der mittlerweile so abgefeiert wird.

Um aber auf Deine Frage zurück zu kommen, ich weiß also nicht wirklich was ein metamodernes Ritual ist. Aber aus dem eben beschrieben schließe ich, dass das, was am Freitag passieren wird wohlzwangsläufig metamodern sein wird. Ich glaube da fest dran an dieses Bauchgefühl, weil fühlen ja auch einfach wieder viel wichtiger wird als wissen.
Wer sich dafür aber ernsthaft interessiert kann dazu gerne etwas mehr in meinem Buch ‚METAMODERNE WISSEN FÜHLEN SEIN‘ nach lesen.

Was den Ritual-Charakter angeht beziehe ich mich aber dann eben doch auf etabliertes Wissen und schlagen eine Brück in die Vergangenheit und moderne Gegenwart. In diesem Fall mit Hilfe von Walter Benjamin und sein bahnbrechenden Text ‚Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit‘, den Du als Freund der Kopie natürlich kennst. Wer nicht, klickt hier bitte. Benjamin schreibt dort unter anderem „Mit anderen Worten: Der einzigartige Wert des »echten« Kunstwerks hat seine Fundierung im Ritual, in dem es seinen originären und ersten Gebrauchswert hatte. Diese mag so vermittelt sein wie sie will.“
Bingo!

Und was hat das mit der Energie des Marktes zu tun?
Energie ist einfach überall und auf allen Ebenen relevant. Nicht nur mit Blick auf Strom, der sich über den Computer in Informationen, Daten, Bilder, Texte und wieder zurück verwandelt, der Sprache transportiert und zuweilen auch Gefühle, Stichwort Emojis.
Im Prinzip geht das aber natürlich weiter. Ökonomie ist ja im Grunde – George Bataille beschreibt das sehr schön in ‚Die Aufhebung der Ökonomie‘ – nichts anderes als ein permanente Transformation von Energienformen.

Nun ist der Markt, dieses mystisch metaphysische Wesen, dem wir mittlerweile übermenschliches Wissen und Weisheit zugestehen, derzeit die vorherrschende Metapher für ökonomische Prozesse. Und das wird auch so bleiben, solange Gesellschaft kapitalistisch organisierte ist und bleibt.

Aber dieser Kapitalismus ändert sich gerade mal wieder, Interwebs und Digitales spielen dabei eine zentrale Rolle, sie verändern die etablierten Energieströme, schaffen neue Verbindungen und neue Akteure betreten die globale Bühne. Zusätzlich sind wir, das Publikum, nun aber über das Netz und insbesondere die sozialen Netzwerke sowohl als Produzenten, als auch als Autoren und Distributoren viel stärker in diese Prozesse eingebunden.

Wodurch sich zwangsläufig auch die Nutzung von Bildern, Medien, Texten ändert und damit ganz selbstverständlich auch die Fragen und Antworten nach dem Umgang mit Original, Kopie und Unikat. Kontext und aktive Nutzung sind viel wichtiger geworden als die reine Betrachtung.

Kannst Du das Konzept von „Selling the“ mal im Detail erklären?
Es sind einige einfache Regeln, nach denen 16 gleiche Bilder die als 4×4 Tableau gehängt sind gehandelt werden. Das ganze basiert auf einem Projekt an dem ich die letzten Jahre gearbeitet habe, THE GIFT und dem daraus abgeleiteten Konzept sellingthe.net.

Während des Rituals wird die Edition aus 16 Bildern nach zwei festgelegten Regeln verkauft.
Regel Nr 1: der Preis für ein Bild verdoppelt sich jeweils zum vorherigen.
Regel Nr 2: der Käufer erhält sein Geld zurück erhält sobald ein weitere Käufer kauft.
Nach dem Kauf wird das Bild aus dem Rahmen entnommen, dem Käufer übergeben und zurück bleibt dort lediglich der Kaufbetrag und die Unterschrift von mir und dem Käufer.

Der Markt schreibt sich so über den Kaufprozess sukzessive in den Arbeit ein. Der Kaufprozess ist die einzigartige nicht reproduzierbare Handlung und definiert das Original. Am Ende des Projekts bleibt ein transformiertes Tableau zurück, in dem sich einige Bilder in Zahlen transformiert haben. Das ganze verweist damit auf ein Zitat von Guy Debord in ‚Die Gesellschaft des Spektakels‘: „Das Spektakel ist das Kapital in einem solchen Grad der Akkumulation, dass es zum Bild wird.“ Im Ritual machen wir dann quasi die Rückabwicklung des ganzen, also Bild wird Kapital, wird Zahl.
Und Zahlen sind bekanntlich das neue Kapital.

Was erwartest Du Dir von Freitag abend?
Eine gute Zeit. Bisschen gedanklichen Austauch mit anderen zu den Fragen der Ökonomie im Kontext von Kunst, Interwebs und Digital. Klar auch paar Scheine im Tausch für die Bilder. Mals ehen was passiert. Die ersten 7 bis 8 Bilder gehen erfahrungsgemäß ruckzuck weg. Danach wirds dann sehr schnell etwas teuer, mal sehen ob wir diesmal die Marke von 65.536 Euro knacken und alle Bilder in Zahl transfomiert bekommen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Wie eingangs gesagt, Nicht Wissen und vor allem Nix wissen müssen ist eh das neue Paradigma. Fühlen, ahnen und einfach Metamodern sein. Darum gehts doch. Der Rest erledigt sich eh von selbst. Liebe Grüße an den Shruggie!

Mehr über Florian Kuhlmanns Arbeit auf seiner Website. Mehr übers Kopieren in Zeiten der digitalen Vervielfältigung im Lob der Kopie