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Shruggie des Monats: Immer wieder aufstehen

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

In diesen Tagen ist das Magazin Spiegel Wissen mit dem Titelthema „Stark durch die Krise“ erschienen. Es geht um Corona und den Umgang mit den Folgen. Die Redaktion wählt das Bild eines Gummis um einen elastischen Weg der Krisenbewältigung zu beschreiben: „Gummi hat die Eigenschaft, einem Druck nachzugeben, aber ebenso in seine ursprüngliche Form zurückzufinden, sobald dieser Druck nachlässt. Solche Elastizität kann auch unsere Seele haben, nur heißt sie dann Resilienz.

Wenn ich das Wort Resilienz lese, muss ich immer an Patrick Fabian denken. Der Verteidiger des VfL Bochum beendet an diesem Sonntag seine aktive Fußballer-Karriere, die aus unterschiedlichen Gründen außergewöhnlich ist. Nicht weil Fabian wahnsinnig viele Titel errungen oder besonders viele Tore erzielt hätte. Patrick Fabian spielt beim VfL Bochum, da gibt es eh fast nie Titel. Außergewöhnlich ist seine Karriere, weil er seit dem Jahr 2000 an der Castroper Straße tätig ist: 20 Jahre – 1 Klub hat die Sportschau geschrieben und damit betont: Diese Treue ist im Fußball selten.

Fabian passt zum VfL Bochum weil er wie vermutlich kaum ein anderer Sportler für die Philosophie des Vereins steht: Unbeugsam zu sein, sich von Widerständen nicht unterkriegen zu lassen, steht im Leitbild des Vereins für Leistungssport, den manche Fans (inklusive mir) nicht selten eher für einen Verein fürs Leidenssport halten. Patrick Fabians Leiden ist genauso ungewöhnlich wie seine Treue: Er hatte vier Kreuzband-Risse und sechs Knie-Operationen im Laufe seiner Karriere – und ist dennoch am vergangenen Sonntag im Ruhrstadion eingewechselt worden.

Der SZ-Kollege Ulrich Hartmann beschrieb Fabians Leidensgeschichte nach dem vierten Kreuzband-Riss (dem ersten im linken Knie) so:

Im rechten Knie war ihm das vordere Kreuzband zuvor nämlich bereits drei Mal gerissen – wobei das medizinisch so nicht ganz korrekt ist. Denn nachdem ihm im März 2011 das Kreuzband im rechten Knie gerissen war, haben ihm die Ärzte dort seine Semitendinosus-Sehne eingesetzt, und nachdem auch diese Ersatzsehne im Januar 2012 gerissen war, haben sie ihm dort seine Quadrizeps-Sehne eingesetzt, und seit auch diese zweite Ersatzsehne im Juli 2012 gerissen war, trägt Fabian im rechten Kniegelenk nun seine Patella-Sehne.
Der Innenverteidiger des VfL Bochum weiß nicht, welche Sehne man noch als Kreuzband hätte benutzen können oder ob sich das rechte Knie überhaupt noch einmal erholt hätte – aber im linken Knie, da war die Sache relativ einfach. Man setzte ihm diesmal gleich die Patella-Sehne als neues Kreuzband ein. Danach absolvierte Fabian halbwegs routiniert zum vierten Mal in seinem Sportleben die mehrmonatige Rehabilitation.

Dazu muss man wissen, dass ein Kreuzband-Riss vermutlich zu den schwerwiegendsten Sportverletzungen zählt, die man sich vorstellen kann. „Horrorblessur“ steht in dem SZ-Text und dass es nicht viele Sportler:innen gibt, die nach vier Rissen noch aktiv sind. Patrick Fabian zählt dazu. Und das muss – so merkwürdig das klingt – mit der Gummi-Metapher zu tun haben: mit Resilienz, mit der Widerstandsfähigkeit und der Kraft, immer wieder aufzustehen.

Auf seinen Social-Media-Kanälen hat Patrick Fabian nach der Verabschiedung am vergangenen Sonntag nach dem letzten Bochumer Heimspiel der Saison ein Video veröffentlicht, in dem er sagt:

Es lohnt sich im Leben, Widerstände auszuhalten, an sich zu glauben, weiter zu machen, immer wieder aufzustehen. Weil man am Ende dafür belohnt werden kann. Es gibt keine Garantie, aber es gibt immer die Option – und die sollte man nie unberücksichtigt lassen, sondern es immer wieder versuchen. Und sich nicht von Widerständen aus dem Weg räumen lassen, sondern sie einfach akzeptieren und nur das tun, was in der eigenen Macht steht und sich dafür entscheiden, den Weg gegen solche Widerstände zu gehen.

Wer hier regelmäßig mitliest, weiß, dass ich den Fußball als Metapher häufiger nutze. Deshalb fällt es mir leicht, in Fabians Worten eine Nähe zur Grundhaltung des Shruggie zu finden: Widerstände zu akzeptieren und trotzdem nicht aufzugeben. Das steckt in dem Song „Immer wieder aufstehen“, den die Krautrockband Herne 3 in den 1980er Jahren veröffentlicht hat – und den ich irgendwie symapthischer finde als die Rede von der Fehlerkultur und dem Feiern des Scheiterns (Foto: unsplash).

Im Kern geht es aber um das gleiche: Es geht darum, immer wieder aufzustehen.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer sich für meine Vorliebe für Sport-Metaphern interessiert: ich habe hier über das Prinzip Unbeugsam zu sein beim VfL Bochum geschrieben (was übrigens durchaus einen Zusammenhang zu Sascha Lobo hat), hier ein Zitat des ehemaligen Bochumer Trainers Verbeek über Angst notiert und hier Lauflehren für die Medienbranche gezogen.

„Ich liebe beides, jedes auf seine Art!“ – Jasmin Schreiber über Lesungen und Live-Streams

Jasmin Schreiber hat im Frühjahr den Roman Marianengraben veröffentlicht. Die Lesetour zum Buch wurde von Corona unterbrochen. Sie begann Lesungen im Live-Stream und startete den Account Streamkultur, in dem sie Hinweise auf besondere Live-Streams kuratiert. Ich habe ihr ein paar Fragen zum Thema geschickt.

Du kümmerst dich seit Wochen um das Thema Live-Stream. Als Autorin, die vorliest aber auch als Kuratorin, die andere Streams empfiehlt. Deshalb die schwierigste Frage zu Beginn: Erleben wir gerade den Aufstieg des Live-Streams als kulturelles Format?
Livestreams spielen auf jeden Fall auf einmal in Bereichen eine Rolle, wo es bislang eher Berührungsängste mit solchen „Internetformaten“ gab. Ich erkenne auf jeden Fall neue Chancen! Als Beispiel: Die Live-Lesungen des Poetry-Slammers Fabian Navarro, der beim Lesen Hintergrundmusik einspielt und das alles in Richtung eines Livehörspiels verschiebt. So etwas hat das Potenzial, zu bleiben.

Es gibt immer wieder Kritik, dass ein virtueller Stream nur eine billige Kopie sei und ein echtes Erleben nicht ersetzen könne. Wie ist deine Haltung dazu?
Ich denke man sollte nicht einfach versuchen, etwas Analoges „zu ersetzen“. Einfach nur in die Kamera lesen, wie bei einer klassischen Vor-Ort-Lesung, funktioniert nicht. Man muss sich neue Formate überlegen, die maßgeschneidert für Livestreams ablaufen. Für mich ist das kein schnödes Ersetzen, es ist einfach ein ganz anderes Format. Abgesehen davon wehre ich mich generell gegen diese Unterscheidung von „echt“ und „Internet“. Das Internet ist auch „echt“, die Erlebnisse dort sind genau so real wie Vor-Ort-Events.

Was macht einen richtig guten Live-Stream aus?
Livestreams leben vom Live-Moment und der Interaktion, sonst könnte man ja auch einfach ein Video hochladen. Man muss das Publikum einbeziehen und damit Interaktivität schaffen, man muss sich neue Dinge ausdenken, die auf einer klassischen Lesung so vielleicht nicht möglich wären. Ich lese zum Beispiel immer im Pyjama und erwarte von meinem Publikum, ebenfalls im Pyjama zu streamen und mir Beweisfotos zu schicken. So bildet sich eine eingeschworene Community und ich denke, das ist wichtig.

Hast Du als Zuschauerin einen Lieblings-Stream und kannst Du erklären, was dich daran besonders fasziniert?
Tatsächlich der eben erwähnte Stream von Fabian Navarro. Er liest episodisch seinen Katzenkrimi vor, dabei spielt er Hintergrundmusik ein und hat sogar Werbejingles aus dieser Katzenwelt komponiert, mit denen er seine Streams mit Werbepausen unterbricht. Er liest auch nicht allein, sondern lässt immer mal Schauspieler*innen lesen. Das finde ich sehr kreativ, das alles erhöht die Spannung immens.

Ich habe hier im Blog ganz unterschiedliche Menschen befragt, die den Live-Stream nutzen, um ihren Job trotz physischer Distanz auszuüben. Dabei kommen sehr unterschiedliche Plattformen und Technologien zum Einsatz. Hast Du einen Favoriten an Technik und Plattform, die du selbst nutzt?
Ich finde tatsächlich Twitch sehr gut, weil sich da die Teilnehmer*innen im Chat austauschen können, außerdem ist es ein offenes Format, d.h. man muss sich nicht anmelden. Und man kann das am Fernseher schauen, das finde ich alles für die Zuschauenden sehr komfortabel. Meine Oma schaltet da regelmäßig ein!

Wie ist es überhaupt für Dich als Autorin, nicht vor eine physischen Publikum bei einer Lesung aufzutreten? Gibt es auch etwas das besser ist?
Ich vermisse meine physischen Lesungen sehr, sehe aber die Livestreams nicht unbedingt als Ersatz. Für mich ist das wie Äpfel und Birnen zu vergleichen, also vergleiche ich das nicht. Das sind zwei unterschiedliche Formate, und ich denke, ich werde das Streamen auch später parallel zu physischen Lesungen beibehalten. Ich liebe beides, jedes auf seine Art!

In Streamkultur wählt Ihr wie eine Fernsehzeitung Programmhinweise für Live-Streams. Es gab früher mal den Satz, dass das Internet kein „Einschaltmedium“ sei. Ist der Satz womöglich Quatsch?
Tatsächlich finde ich ihn unsinnig, denn: Das Internet ist alles, was wir daraus machen. Selbst bei streamlined Inhalten wie Liveübertragungen gibt es einen großen Unterschied zu einem Fernsehprogramm, denn die Leute schauen diese Streams ja gemeinsam und können sich dabei in Chat und Co. austauschen. Es ist ein Gemeinschaftserlebnis.

Kannst Du eine Prognose wagen: Wie wird es mit der Live-Streamkultur weitergehen?
Ich denke viele Sachen werden sich im Sande verlaufen, das merkt man ja schon jetzt. Aber ich bin sicher, dass einige Streams bestehen bleiben und finde auch toll, wie selbstverständlich Konzerthäuser und Co. Sofort auf Livestreams umgestiegen sind. Ich bin sicher, dass sich das ein oder andere Format etablieren wird.

Dieses Interview ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Dazu sind erschienen:
> Shruggie des Monats: Der Live-Stream
> Zehn Lehren aus der Coronakrise für Videokonferenzen und Live-Streams
> Performance-Künstler Marcus John Henry Brown über die Herausforderung, Menschen im Stream zu halten
> Social-Media-Experte Michael Praetorius über Workshops im Stream
> Pfarrerin Miriam Hechler über Gottesdienst im Stream
> Museums-Experte Maximilian Westphal über Führungen im geschlossenen Museum
> DJ Ivo Schweikhardt übers Auflegen im Stream
> Autor Pierre Jarawan über Workshops zum Kreativen Schreiben im Stream
> Musikerin Maria über Musikunterricht im Stream
> Denny Leo Kinder über Friseure im Stream
> Wolfgang Tischer über Lesungen im Stream
> Die Therapeuten Imke Herrmann und Lars Auszra über Therapie im Stream
> Lehrer Philippe Wampfler über Unterricht im Stream
> Autor Tom Hillenbrand über Krimis auf Twitch
> VHS-Chef Christof Schulz über Volkshochschule im Stream
> Zukunftsforscher Gerd Leonhard über die Zukunft von Live-Events und Live-Streams

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„Nah an die Kamera ran, nah ans Mikro ran“ – Lesungen im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 5: Tägliche Lesung im Stream (Foto: unsplash)

Wolfgang Tischer ist Gründer von Literaturcafe.de. In den vergangenen zwei Wochen hat er »Die Pest« von Albert Camus im Live-Stream vorgelesen.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Meistens lese ich als Sprecher live vor Publikum die Texte andere Menschen vor. Und ich mache auch YouTube-Videos. Immer noch ist es etwas irritierend, dass eine Live-Lesung via Stream irgendwo dazwischen liegt. Man muss voll konzentriert sein, weil man nicht wie beim normalen YouTube-Video sagen kann: »Fand ich nicht so gut, ich lese die letzten beiden Absätze nochmal und schneide dann.«
Auf der anderen Seite sitzt man aber dennoch allein vor Kamera und Mikro in einem relativ kleinen Raum.
Ich habe die letzten zwei Wochen jeden Tag um 10 Uhr »Die Pest« von Albert Camus gelesen. Und es war schön zu sehen, wenn kurz vor 10 Uhr die Zuschauerzahl nach oben katapultiert wird, die 100 überspringt und YouTube am Ende meist 500 bis 600 Leute ausweist, die pro Folge live dabei waren. Die sind dabei, aber ich kann sie nicht sehen. Das ist immer noch etwas irritierend. Es macht aber auch Spaß, sich auf diese Situation einzulassen.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Mein Perfektionismus. Ich selbst kann mittlerweile diese ganzen Videos aus den Wohn- und Arbeitszimmern der Menschen nicht mehr sehen. Diese Videos mit den unaufgeräumten Buchregalen oder in denen Menschen vor irgendwelchen Bildern sitzen und der Ton hallt. Das entzaubert so viel. Man muss derzeit selbst im Fernsehen Skype-Videos von ungeschminkten Promis sehen. Das ist so deprimierend.
Ok, geschminkt bin ich auch nicht, aber ich wollte eine gute Bildqualität. Das Licht muss stimmen, vor allen Dingen der Ton. Der Hintergrund sollte neutral sein. Eine sogenannte »Bauchbinde« sollte am unteren Bildschirmrand Infos anzeigen. Bei der Hölderlin-Lesung wollte ich auch mal ein Video einblenden, damit die Leute sehen, von wo aus ich streame. Daher habe ich noch eine Ringleuchte besorgt und vor allen Dingen geeignete Software, mehrere Mikro-Optionen aus meinem Podcast-Studio ausprobiert. Ich wollte nicht einfach nur mit dem Smartphone streamen. Es sollte schon besser aussehen.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Ich habe mich zum ersten Mal getraut, einen Spenden-Button auf der Lesungs-Seite zu platzieren. Schon länger hatten mir Leute dazu geraten, dass doch einfach mal zu machen. Nun habe ich es ausprobiert, weil die Camus-Lizenz ja auch etwas gekostet hat, und ich bin überwältigt, wie viele Menschen Geld gespendet haben.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
Man hat natürlich den Chat. Aber da kann und will ich in der Konzentration der Lesung nicht draufschauen. Und ich will ja mit meiner Stimme erreichen, dass die Leute von der Lesung gebannt sind und nicht chatten. Ich begrüßte die Leute und fordere sie am Ende aktiv zu Rückmeldungen auf. Es hat mich schon bewegt und gerührt, was da an Rückmeldungen und Lob kam. Jemand schrieb, dass er immer zur Lesung Tetris spiele, jemand anderes meinte, ich solle nicht immer so sehr überziehen, da sie sich nur eine Stunde frei nehmen könne, um zuzuhören. Durch all dieses Feedback habe ich mir so eine Vorstellung von den Menschen aufgebaut, die mich sehen und hören, wenn ich in die Kamera blicke.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Erst mal machen. Ausprobieren. Dann besser werden. In die Kamera schauen und sich klar machen, dass man zu Menschen spricht. Aber schon darauf achten, dass Bild und Ton möglichst optimal sind. Nah an die Kamera ran, nah ans Mikro ran. Die Zahl der Streaming-Angebote ist mittlerweile sehr groß geworden, man sollte sich also irgendein kreatives Alleinstellungsmerkmal ausdenken.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Bei der Hölderlin-Lesung hatte ich noch zu viele drahtlose Verbindungen: Mit dem iPhone wurde gefilmt und das Signal per EpocCam-App drahtlos auf ein Notebook zur Streaming-Software übertragen. Da ich die Technik für meine »echten« Lesungen habe, war auch das Mikro über eine Funkstrecke mit dem Notebook verbunden, so dass ich freier agieren konnte. Ich trage ein kleines Earmic direkt am Kopf, damit ich den Abstand zur Kamera variieren kann, ohne dass der Ton leidet. Aber Funkstrecken sind fehleranfällig.
Bei der Camus-Lesung ist daher per Kabelverbindung eine externe Logitech-Webcam inmitten einer Ringleuchte angebracht, die sich auf meiner Augenhöhe befindet, um nicht den typischen »von unten Blick« einer eingebauten Webcam zu haben. Das Mikro ist mittlerweile ebenfalls per Kabel mit dem Notebook verbunden, allerdings habe ich ein kleines Mischpult dazwischengeschaltet, um den Ton zu optimieren und um vor allen Dingen live einen Kompressor-Effekt auf die Stimme zu legen, sodass sie näher und druckvoller klingt und der Unterschied zwischen lauten und leisen Passagen geringer ist. Als Streaming-Software auf dem Notebook läuft die Open-Source »OBS«, die sich mit YouTube verbindet. Als Streaming-Kanal nutze ich YouTube, weil das die meisten Leute kennen, weil die Zuhörerinnen und Zuhörer keine Zusatzsoftware installieren oder sich zwingend vorher registrieren müssen.

Bild rechts: Das aktuelle Setup in der derzeit menschenleeren Lounge der Black Forest Lodge für die tägliche Camus-Lesung: Webcam auf Augenhöhe im Ringlicht, das Earmic (unten links) ist über ein Mischpult ans Notebook angeschlossen. Der Zoom H1, rechts auf dem roten Stativ, nimmt den Ton zusätzlich für interne Archivzwecke direkt vom Mischpult auf. Auf dem Notebook läuft die Streaming-Software OBS. Zur Dämpfung liegt eine weiche Decke auf dem Tisch.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

„Es braust weniger Empörung auf“ – Philippe Wampfler über Unterricht im Live-Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der ?Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 2: Unterricht im Stream (Foto: unsplash)

Philippe Wampfler ist Experte für das Lernen mit neuen Medien. Der Lehrer und Autor begleitet seinen digitalen Unterricht während der Corona-Krise auf einem eigenen Youtube-Channel.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Wenn ich Videokonferenzen mit Klassen durchführe (im Schnitt mache ich das einmal pro Woche mit jeder Klasse), dann rede ich oft einfach in den Bildschirm rein. Das geht, ich kann damit umgehen und habe mich daran gewöhnt. Ich versuche, nicht zu glatte Vorbereitungen zu erzeugen, sondern auch mal direkt im Browser was zu suchen, damit die Klasse auch etwas Pause zum Mitdenken erhält. In einem Schulzimmer kann ich aber die Stimmung direkt fühlen und merke, ob ich eher länger oder kürzer sprechen sollte, schneller oder langsamer oder vielleicht direkt zur nächsten Phase übergehen muss. Diese Wahrnehmung habe ich vor dem Rechner (noch) nicht.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Ich habe voll losgelegt: Einerseits, um die Gedanken an die Pandemie zu verdrängen, andererseits, weil ich Lust hatte, Ideen umzusetzen und die Situation zu nutzen. Als Hürde habe ich eher die Vorstellung von Kolleginnen und Kollegen empfunden, möglichst intensiv weiterzumachen und ihre Stunden einfach als Videomeeting abzuhalten, mit Absenzenkontrolle und Frontalunterricht. Da fehlte manchmal die Einsicht, dass es sich um eine veränderte Situation handelt.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Die informellen Gespräche an der Schule sind weggefallen. Das ist nicht generell besser, aber in einer Hinsicht schon: Es braust weniger Empörung auf, kurzfristige Anfragen und Umstellungen sind weniger gut möglich. Ich kann meine Arbeit etwas besser planen und bestimmen. Zudem haben die Schüler*innen mehr Freiheit: Sie konzentrieren sich auf das, was Sie als wichtig einschätzen. Weil der Notendruck im Moment weg ist, erlebe ich sie auch als gelöster.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
Ich telefoniere mehr, baue immer Feedback-Phasen ein, wenn ich mit jemandem rede. Oft führe ich auch in Chats ganz kleine Umfragen durch, meist nur eine Frage, damit alle auch etwas abschätzen können, ob sie mit einem Gefühl alleine sind oder nicht.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Nicht zu lange Sequenzen planen, die Möglichkeiten von Chats nutzen, keine Perfektion erzielen wollen. Improvisieren ist charmant und lernwirksam.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Ich nutze einen Standard-Laptop mit einem Bluetooth Headset. Manchmal nehme ich auch mit dem Handy an Calls teil. An der Schule benutze ich Microsoft Teams, sonst oft Zoom.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

„Bis die so weit sind, haben wir Herdenimmunität erreicht“ – Tom Hillenbrand über Lesungen im Stream

Was ist online möglich, wenn der direkte Austausch nicht mehr klappt? Mit dieser Frage befasst sich eine kleine Serie, die ich im Rahmen der ?Corona-Ausnahmesituation gestartet und mit zehn Lehren beschrieben habe. Folge 1: Lesung im Stream (Foto: unsplash)

Tom Hillenbrand ist Autor in München. Seit ein paar Tagen liest er regelmäßig im Netz. So auch wieder am Dienstag 7.4. unter tomhillenbrand.de/live.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. Was irritiert Dich immer noch?
Bei Lesungen und Vorträgen ist mein Trick, mir jemand im Publikum zu suchen, der nett aussieht und ihn dann immer wieder anzuschauen. Das vermittelt mir Zuversicht, gibt Halt. Das geht jetzt natürlich nicht. Und auch das für Lesungen so wichtige akustische Feedback durch Lacher oder Raunen fällt weg.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Technik ist schon eine Hürde. Im Prinzip macht Twitch, wo ich meine Lesungen streame, es einem aber ziemlich einfach. Aber natürlich hängt der Stream mal oder er läuft nicht synchron. Da die Probleme stets während des Livestreams auftreten, ist der Stressfaktor recht hoch. Ich vermute, dass Agenturen, die auf so etwas spezialisiert sind, gerade gutes Geld verdienen.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Die Anreise ist deutlich kürzer.

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
Es gibt ja non-stop Rückmeldungen über den Chat, der neben dem Stream langtickert. Und mit der Zeit lernt man auch, den zu parsen, eine Stimmung zu erahnen. Ansonsten versuche ich, die Lesung etwas offener zu gestalten, mich auch immer wieder zwischendrin mit den Leuten zu unterhalten und nicht erst am Ende im Q&A. Anderes Medium, andere Vortragsform, wobei ich noch nicht sagen kann, wie genau das am Besten wäre.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Just do it. Perfektion wird von niemand erwartet, die Zuschauer wissen, dass Du experimentierst. Das macht auch eine Teil des Reizes aus. Und vor allem nicht darauf warten, dass Dein Musiklabel, Dein Tourpromoter oder Dein Buchverlag das für Dich aufgleist. Bis die so weit sind, haben wir Herdenimmunität erreicht.

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Ich streame auf Twitch, mit Streamlabs, das ist eine Open-Source-Streaming-Software. Als Kamera verwende ich ein iPhone XR mit Zehn-Euro-Stativ. Investiert habe ich lediglich beim Sound, in ein Studiomikro von Røde, weil eine gut klingende Stimme natürlich wichtig ist.

Dieser Fragebogen ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Wenn du wegen der Corona-Krise auch auf Streaming umgestellt hast und darüber sprechen möchtest: melde dich bei mir!

Shruggie des Monats: der Shruggie selbst

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Eines ist sicher: Wir erleben gerade unsichere Zeiten. Die Ausnahmesituation im Umgang mit dem Corona-Virus ist neu, verwirrend und manchmal auch beängstigend. Sie verändert den Alltag nicht nur in diesem Land und dominiert unsere (nicht nur mediale) Wahrnehmung.

Als ich den Shruggie für das Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ adoptierte, hatte ich keine Ahnung von Corona. Aber ich wollte darüber schreiben, wie wir mit dem Neuen umgehen lernen – und dabei gelassen bleiben. Die Überforderung, so sage ich es seit dem Buch immer wieder, ist der Default-Modus unserer Zeit. Wir müssen lernen damit umzugehen.

Das fröhliches Schulterzucken kann dabei eine Hilfe sein: ¯\_(ツ)_/¯ Mehr noch: Vielleicht ist der Shruggie der beste Ausdruck für das, was #wirbleibenzuhause uns gerade abverlangt: auch in einer aussergewöhnlichen Situation gelassen zu bleiben.

Ich freue mich, dass mir Menschen schreiben, dass sie in der Corona-Aufregung Orientierung durch den Shruggie gefunden haben. Deshalb in diesem aufregenden Monat: Der Shruggie selbst ist der Shruggie des Monats!

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Aussteigen aus der Weltentdeckungsmühle: Ein Lesetipp für alle Daheimbleibenden

Aktueller Hinweis: am 2.4. um 21 Uhr treffen Harriet und ich uns zu einer Telebier-Lesung im Instagram-Account unseres Verlags @piperverlag. Schaut vorbei bei der Piper-Lesestunde!

Harriet Köhler hat das Buch zur (abgesagten) Leipziger Buchmesse 2020 geschrieben: die Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben eigenet sich aber auch für alle anderen, die unter den Absagen dieser Tage leiden (hier das Interview mit Gerd Leonhard zum Thema Online-Konferenzen lesen), denn es liefert einen Perspektivwechsel auf das Thema Reisen und Unterwegssein. Ich habe Harriet (die ich persönlich kenne) ein paar Fragen zum Thema Absagen und Nicht-Reisen gestellt.

Bist du persönlich traurig, dass die Buchmesse ausfällt?
Für die Cosplayer-Szene ist der Ausfall ihrer Jahreshauptversammlung natürlich ein Drama. Auch gecancelte Lesungen und Interviews sind für die Beteiligten doof. Und all die schönen Dinners und Partys: Ein Jammer. Doch davon abgesehen birgt die Absage auch eine Chance: nämlich die, mal zu hinterfragen, wie sinnvoll es im 21. Jahrhundert überhaupt noch ist, wenn zehntausende Menschen sich in Flugzeuge, Busse und Bahnen setzen, um durch eine überfüllte Halle außerhalb der Stadt zu stolpern und sich dieselben Bücher anzugucken, die es auch bei Hugendubel gibt.

Als Expertin fürs Daheimbleiben hast du vielleicht einen Tipp für alle, die jetzt nicht nach Leipzig fahren?
Eigentlich ist der Ausfall doch wie ein Lottogewinn: Aus heiterem Himmel hat der Literaturbetrieb vier Tage geschenkt bekommen! Ich finde: Man sollte diese Zeit, wenn irgendwie möglich, nicht zum Arbeiten nutzen, sondern dazu, endlich mal all die Dinge zu tun, für die man sonst immer seltener den Nerv hat: Sich mit alten Freunden treffen. In aller Ruhe kochen. Einen dicken Klassiker lesen. Nichtstun, ohne dabei ständig auf den Email-Eingang zu schielen. Ohne den Ernst der Lage kleinreden zu wollen: Aber insgeheim freue ich mich fast auf all die unfreiwilligen Corona-Auszeiten, die da auf uns warten. Klingt doof, aber aus China vernimmt man, dass viele Menschen in den Quarantäne-Gebieten nach anfänglicher Wut inzwischen durchaus die positiven Aspekte am Daheimblieben sehen. Sie haben endlich mal wieder Zeit für ihre Familie. Nachbarn unterstützen sich. Die Menschen rücken zusammen, und draußen vor der Tür bleibt die Zeit ja sowieso stehen. Ich stelle mir das ein bisschen so wie Weihnachtsferien vor, bloß ohne die daran geknüpften Erwartungen, ohne Geschenkestress und lästige Verwandschaftsbesuche.

Überall im Land fangen Menschen jetzt an, sich intensiver mit Home-Office und dem Daheimsein zu befassen. Trotz des gefährlichen Anlass‘ ist das doch in Deinem Sinn, oder?

Mein Buch übers Daheimbleiben handelt nicht von der Arbeit, sondern vom Urlaub zuhause – über Home-Office kann ich also nicht mehr sagen, als dass ich persönlich ganz schlecht darin bin (zum Schreiben gehe ich am liebsten in die Denkfabrik, also in die Stabi). Aber klar, wie für Messen und andere Großveranstaltungen gilt auch fürs Home-Office: Am Ende dieses Jahres werden wir definitiv mehr darüber wissen, wie gut das Konzept funktioniert, welche Anwesenheiten und Sitzungen wirklich wichtig sind, und was man, vielleicht sogar effizienter, auch auf anderen Kanälen besprechen könnte

Was ist gut am Daheimsein?
Die Möglichkeit, einmal die Perspektive zu wechseln. Wer statt zu verreisen daheim bleibt, gibt ja nicht nur weniger Geld aus und hat weniger Stress, sondern hat endlich auch die Gelegenheit, herauszufinden, was das Leben außerhalb des Alltags noch so für einen bereithält. Man kann das Fremde im scheinbar Vertrauten entdecken, den Wohnort mit den Augen eines Reisenden sehen, und die Abenteuer erleben, die direkt vor der eigenen Haustür liegen. Dinge tun, die er sonst nur im Urlaub machen würde – und dabei merken, dass man sein Leben vielleicht ja auch ganz anders führen könnte.

Wie bist du auf das Thema des Buches gekommen?
Eigentlich war’s eine Schnapsidee: Ein Buch über das Daheimblieben in einer Reisebuch-Reihe zu veröffentlichen. Entsprechend habe ich das Projekt dann auch jahrelang vor mir her geschoben. Aber im Laufe der Zeit wurde mir immer klarer, was für ein ökologischer Irrsinn die Reiserei tatsächlich ist: Acht Prozent des jährlichen Treibhausausstoßes gehen auf den Tourismus, auf unsere Flüge, Mietwagen, beheizten Pools und Kreuzfahrtschiffe. Und das alles nur, weil wir glauben, im Urlaub nicht daheim bleiben zu können! Ich bin also zur Aussteigerin geworden, also: zur Aussteigerin aus der Weltentdeckungsmühle – und habe endlich dieses Buch geschrieben.


Auf der Piper-Seite kann man Harriets Buch bestellen – und hier gibt es ein Interview mit dem Zukunfts-Forscher Gerd Leonhard, der sagt, dass wir dank der Corona-Absagen lernen werden, was eh kommt: „Wir werden uns in Zukunft viel mehr virtuell treffen“

Shruggie des Monats: die Ziellosigkeit

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wer kein Ziel hat, darüber kann man schnell Einigkeit herstellen, wird auch nicht vorwärts kommen. Kein gut organisiertes Projekt wird von sich behaupten, ohne Ziele zu starten. Ziele haben allgemein ein so gutes Image, dass die Behauptung, man gehe ziellos durchs Leben sofort als schlecht angesehen wird (Foto: Unsplash).

Aber warum eigentlich? Sind Ziele vielleicht überbewertet? Diese Frage stellte ich mir als ich heute im unbedingt empfehlenswerten Newsletter von James Clear den Satz las:

If you want better results, then forget about setting goals. Focus on your system instead.

Clears These (aus seinem Buch „Atomic Habits“) lautet: Ziele sind wichtig um die Richtung vorzugehen, aber das System, in dem die Ziele gesetzt werden, ist viel bedeutsamer. Er illustriert das am Beispiel einer Sportmannschaft. Rhetorisch fragt er: Würde eine Sportmannschaft schlechtere Ergebnisse erzielen, wenn sie statt über Ziele zu sprechen, sich auf das System konzentriert, täglich zu trainieren und sich zu verbessern?

Mich erinnert diese Haltung an einen Text von Jason Fried, der 2016 mal bloggte: „Ich setze mir keine Ziele“. In dem Text erklärt er, welches Selbstbild ihn antreibt und er stellt dabei fest: Es hat nichts im Zielen im klassischen Sinn zu tun. Wörtlich schreibt er:

A goal is something that goes away when you hit it. Once you’ve reached it, it’s gone. You could always set another one, but I just don’t function in steps like that.

Der Shruggie findet Gefallen an dieser Idee. Denn die von ihm bevorzugte Ratlosigkeit verlangt ein offenes Verhältnis zu Zielen. Wer im Shruggie-Sinn ratlos durch die Welt geht, legt Wert auf das System und versteht das Ziel als Richtung. Im Pragmatismus-Prinzip illustriert er dies am Beispiel der Mittelorientierung aus der Gedankenwelt der Effectuation. Der Begriff geht auf die Professorin Saras Sarasvathy zurück, die ihn 2001 erstmals benutzte, um eine bestimmte, äußerst pragmatische Methode der Entscheidungsfindung zu beschreiben. Zentral steht dabei die Idee, die zur Verfügung stehenden Mittel zum Ausgangspunkt zu nehmen und nicht die weit entfernt liegenden Ziele.

Clear fasst dies so zusammen: „I’ve found that goals are good for planning your progress and systems are good for actually making progress.“ Und in diesem Sinn lobt der Shruggie die absichtliche (und natürlich etwas übertriebene) Ziellosigkeit, weil sie uns hilft, den Blick auf den Fortschritt zu lenken und nicht nur auf den Plan des Fortschritts.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

50 Dinge, die man zum 50. Geburtstag übers Internet wissen könnte (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

1. Am 29.10.1969 wurde das erste Mal eine Verbindung über den Internet-Vorläufer Arpanet hergestellt. Zeit für eine kleine Jubiläumsliste ( Foto: Unsplash): Was man übers Internet wissen könnte!
2. Das Internet ist die grundlegende Infrastruktur für die Vernetzung. Sie ist die Voraussetzung für viele anderen Anwendungen.
3. Das Web ist die vermutlich bekannteste Anwendung, die das Internet nutzt. Es gibt aber noch zahlreiche weitere Anwendungen. Um das Web nutzen zu können, braucht man einen Internet-Browser.
4. Als Faustregel kann man sich merken: Das Internet vernetzt Computer – das Web vernetzt Inhalte.
5. Die wichtigste Erfindung im Web ist der Link. Von Goethe stammt das Zitat „Das Wichtigste sind die Bezüge. Sie sind alles.“ Im Web kann man erleben, was dies bedeutet.
6. Was der Link fürs Web, ist das Kabel fürs Internet. Die bekanntesten Internetkabel liegen unter dem Meer und verbinden Kontinente miteinander. Ohne Kabel kein Internet, sie dienen der Übertragung von Daten.
7. In Wahrheit werden die Daten aber nicht übertragen, sondern kopiert. Kevin Kelly spricht deshalb von der „Kopiermaschine Internet“.
8. Ich glaube deshalb, dass die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie zu den zentralen Treibern dessen gehört, was man digitalen Wandel nennt.
9. „Man kann nicht nicht kopieren.“ Und die Kopie ist lobenswert.
10. Am schnellsten können Daten kopiert werden, die über Glasfaserkabel übertragen werden.

11. Die Signalverarbeitung einer Verbindung wird als Bandbreite bezeichnet. Besonders hohe Übertragungsraten werden als Breitband beschrieben.
12. Die Versorgung des Landes nennt man deshalb Breitbandausbau.
13. Um alte Kupferkabel nicht durch Glasfaserkabel ersetzen zu müssen, gibt es den Ansatz Kupferkabel durch so genanntes Vectoring aufzurüsten.
14. Schon in den 1980er Jahren gab es Pläne, Deutschland flächendeckend mit Glasfaserkabeln auszustatten. Diese wurden aber mit dem Ende der sozial-liberalen Koalition nicht weiterverfolgt.
15. In Südkorea, das heute als eines der Länder mit der besten Internet-Infrastruktur gilt, hat man sich schon früh für Glasfaser entschieden. Dort wurden die Kabel aber nicht überall unter der Erde verlegt. In der Hauptstadt Seoul sieht man viele Kabel, die wie Stromkabel über die Straße gehängt werden.
16. Auch kabelloses Internet, so genanntes WLAN, braucht diese Kabel. Denn auch die Funkmasten sind mit Kabeln verbunden.
17. Außer den Kabeln benötigt das Internet drei weitere zentrale Bestandteile: Server, Router und das Endgerät, über das die Nutzer*innen ins Internet gehen.
18. In den 1990er Jahren gab es einen Werbespot mit dem Tennissspieler Boris Becker, in dem dieser sich mit einem Endgerät mit dem Internet verbindet und dann erstaunt fragt: „Bin ich schon drin?“
19. Texte über das Internet kommen in diesem Land nicht ohne diese Referenz aus. Ebenfalls verpflichtend für alle, die planen übers Internet zu schreiben: eine Referenz zu Angela Merkels Satz vom Neuland. Was hiermit erledigt ist.
20. Die Router sind die Lotsen ins Internet. Sie haben vermutlich auch einen Router in ihrem Wohnung stehen – er ist Ihre Verbindung ins Internet. Da das Internet ein Netzwerk ist, sind Sie dank des Routers auch immer Teilnehmer*in. Das Internet ist keine Einbahnstraße, sie sind nicht drin, sondern dabei.

21. Wie Sie persönlich dabei sind, können Sie über ihr so genannte IP-Adresse z.B. über utrace.de nachverfolgen.
22. Im Zusammenspiel von Kabeln, Servern, Routern und Endgeräten sind die Kabel die unterste Ebene des Austauschs. Würde man das Internet mit dem Versand eines Papierbriefes vergleichen (was ich in der „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tue), wären die Kabel die Transporter oder LKW.
23. Die Router entsprechen den Verteilzentren der Post, sie schicken die Daten jeweils auf Teilstrecken, bis sie erneut auf Router treffen. Der Server (engl. für »Diener«) schließlich ist der Briefkasten, in den und aus dem Absender und Empfänger (also die Endgeräte) den Brief stecken und herausnehmen.
24. Die Art der Zusammenarbeit wird über so genannte Protokolle geregelt. Diese kann man sich vorstellen wie das diplomatische Protokoll bei einem Staatsempfang. Sie schaffen eine Art Grammatik fürs Internet.
25. Der Austausch von Informationen wird über das so genannte Client-Server-Modell geregelt.
26. Der Server hält Informationen bereit, die der Client nach bestimmten Regeln abrufen kann.
27. Häufig werden Server in Schränken, sogenannten Racks, gestapelt, die wiederum so zahlreich sind, dass man von Serverfarmen spricht und zum Vergleich mit Fußballfeldern greift, um ihre Größe zu beschreiben.
28. Das Netzwerk, das wir als Internet kennen, basiert auf dem so genannten Prinzip der Paketvermittlung. Das heißt: Inhalte werden in Pakete zerlegt und über sehr viele unterschiedliche Wege transportiert und erst am Ende wieder zusammengefügt.
29. Die kleinen Pakete werden unabhängig von ihrem Inhalt alle gleich behandelt. Das meint der Begriff der sogenannten Netzneutralität. Das Netzwerk priorisiert den Versand nicht, es schafft lediglich die Verbindung.
30. Ein Dienst, der dieses Netzwerk nutzt, ist zum Beispiel E-Mail. Das Besondere an Mail: diese Verbindung kommt ohne zentrale Instanz aus, sie ermöglicht den Austausch zwischen völlig unterschiedlichen Partnern. Das ist ein großer Unterschied zu den Kommunikationsangeboten großer Dienste wie Facebook.

31. Es ist ohnehin wichtig zu betonen: Das Internet ist viel mehr als Google oder Facebook – auch wenn die großen Firmen das Internet heute dominieren. Man spricht in einem Akronym von der Übermacht von GAFAM (Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft).
32. Der besondere Zauber des Internet basiert darauf, dass es ein dezentrales Netzwerk ist, das ohne Zentrale auskommt. Bei der Verbindung ist dem Internet egal, welche Sprache, Betriebssystem oder Lebensalter ein Computer hat: es verbindet diese einfach.
33. Ich habe das Internet als grundlegende Infrastruktur gelegentlich als Ausdruck für eine Haltung beschrieben, die ohne Ausgrenzung und Nationalismen auskommen.
34. Das heißt nicht, dass diese auf der Anwendungsebene durchaus noch zu sehen sind. Aber eigentlich gilt: „Wer sich und seine Heimat ernsthaft für etwas Bessere hält, darf das Internet eigentlich nicht benutzen – seine bloße Existenz beweist nämlich, dass die Idee von Ausgrenzung und Distinktion überholt ist.“
35. Seine Existenz verdankt das Internet einem Projekt der „Advanced Research Projects Agency“ des US-Militärs. Deshalb hieß der Vorläufer des heutigen Internet Arpanet – und ging in diesem Oktober vor 50 Jahren ins Netz.
36. Im Raum 3420 der UCLA in Los Angeles wurde erstmals eine Verbindung zu anderen Rechnern hergestellt. Im empfehlenswerten Film „Wovon träumt das Internet?“ von Werner Herzog wird dieser Moment ausführlich in Szene gesetzt.
37. Im März 1989 schrieb Tim Berners-Lee einen Förderantrag im CERN in Genf, aus dem das hervorging, was viele heute für das Internet halten: das World Wide Web. Das Ziel des WWW ist es, Wissen miteinander zu verbinden.
38. Internet und Web haben einen grundlegenden Wandel in der Gesellschaft ansgestossen. Der Schweizer Kulturwissenschaftler Felix Stalder zeichnet in seinem Buch „Kultur der Digitalität“ drei grundlegende Entwicklungslinien. Diese sind: Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität.
39. Im Jahr 2004 kam erstmals der Begriff Web 2.0 auf. Tim O’Reilly definierte in einem Grundlagentext sechs Eigenschaften: „Web 2.0 wird erstens als eine Plattform betrachtet, es setzt zweitens auf die sogenannte Weisheit der vielen (Folksonomy statt Taxonomie), die Nutzer werden drittens als Mitarbeiter ohne Bezahlung eingespannt. Viertens wird Software eingesetzt, die über einzelne Gerätekategorien hinaus anwendbar ist, Daten sind fünftens wichtiger als Design, und es greift sechstens der sogenannte Long Tail. Unter diesem Titel (Der lange Schwanz) hat Chris Anderson ein Buch veröffentlicht, das beschreibt wie durch das Internet auch Nicht-Bestseller zu Verkaufserfolgen werden – weil sie eben sehr lange genutzt werden können.“
40. Als Schlagwort wird Web 2.0 vor allem als Oberbegriff für aktive Nutzer*innen verstanden. Es bildet die Grundlage für den Trend des Prosumers – und drückt sich vor allem auch in so genannten sozialen Medien aus wie Twitter oder Facebook aus.

41. Ein besonders Beispiel für diese Form der Beteiligungskultur ist die Enzyklopädie Wikipedia, an der man die Verflüssigung der Kultur beschreiben kann. Sie zeigt, wie Kultur zu Software wird.
42. Durch die aktiven Nutzer*innen entstand auch einen neue Form von Kultur. Der so genannten Meme-Kultur des Internet sind zum Beispiel auch kreative Anwendungsformen von Buchstaben und Symbolen zu verdanken – der Shruggie steht z.B. nicht nur für das Gefühl, online zu sein. Ich glaube sogar, dass er eine eigenen Philosophie ausdrückt.
43. Schon im Jahr 1996 formulierte der Internetforscher Nicholas Negroponte eine Befürchtung, die die Schattenseiten des Internet betrifft: „Wenn Sie mich fragen“, sagte er in einem Interview, „ist das die dunkle Seite des Internets, die wir auch sehr genau beobachten müssen. Die Privatsphäre mag in der Welt von Bits leichter erreichbar sei als in der Welt von Atomen, aber wenn wir nicht aufpassen, können wir sie auch schneller verlieren.“
44. Negropontes Buch „Total Digital“ stammt zwar aus den 1990er Jahren, zählt aber mit zum Besten, was man über die Digitalisierung lesen kann.
45. Der Kampf für Datenschutz gegen staatliche und kommerzielle Überwachung ist der Antrieb für eine neue Form von NGOs, die durch das Internet entstanden sind. EFF, Netzpolitik oder La Quadratur du Net sind Beispiele für eine digitale Zivilgesellschaft, die Ausdruck auch in der Gründung der Piratenpartei oder in Demonstrationen wie im Frühjahr gegen die europäische Urheberrechtsreform fand.
46. Diese Demonstrationen und die Debatte zum Beispiel um das Rezo-Video im Frühjahr zeigen, dass die Unterscheidung, die Marc Prensky 2001 getroffen hat, immer noch trennt – Eingeborene und Zugereiste des Digitalzeitalters. Es ist eine bedeutsame Aufgabe, diesen digitalen Graben nicht wachsen zu lassen.
47. Ein wichtiger Ansatz dafür, ist ein gelassener – ich schlage vor kulturpragmatischer – Blick auf das in Wahrheit gar nicht mehr so neue Medium Internet. Das bezieht sich vor allem auf das aktuell populärste Endgerät: das Smartphone, dessen Umgang die Gesellschaft einüben, aber nicht weiter verteufeln sollte.
48. Vielleicht ist es auch eine Idee, das Internet als Heimat zu denken – in Form einer Internet-Straße oder zumindest in Form einer Jubiläumsbriefmarke.
49. In jedem Fall ist das Internet in seinem 50sten Jahr viel umfassender und breiter geworden als jemals gedacht. Es hat tiefgreifende gesellschaftliche Transformationen ausgelöst, die rein technologisch nicht gelöst werden können. Es braucht auch einen kulturellen Wandel.
50. Diesem Wandel könnte man zum Beispiel Rechnung tragen, in dem die Bundesregierung – vergleichbar dem Umweltministerium – ein Querschnitts-Ressort einführt, das den Titel „Bundesministerium für Internet und Digitalen Wandel“ tragen könnte.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann. Ergebnis dieses Denkens war zum Beispiel das Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“, das bei Piper erschienen ist.

In diesem Newsletter sind schon häufiger Beiträge über das Internet erschienen – z.B. „Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Mai 2019), „Was ist dein Bild vom Internet?“ (August 2018), „Altland – eigentlich sollten wir online sein“ (April 2018). Das Thema findet sich aber auch in anderen Beiträgen im Blog – wie z.B. Deutschland und das Internet oder Wer nur am Rand hockt, braucht kein Wasser im Pool

Shruggie des Monats: der Fußball-Botschafter 2019

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Ich habe eine Schwäche für Fußball-Metaphern. Ich mag es, den Sport als Bild für gesellschaftliche Entwicklungen zu nehmen und daraus ungefragt Schlüsse zu ziehen. Im Digitale-Notizen-Newsletter habe ich das hier schon mal anhand des Begriffs Unbeugsam und der allgegenwärtigen Fehlerkultur getan. Und genau in diesem Sinne möchte ich ein Zitat nutzen, das ich unlängst vom Deutschen Fußballbotschafter 2019 gelesen habe. Jürgen Klopp, Trainer des FC Liverpool, ist vor ein paar Tagen auf diese Weise ausgezeichnet worden – und Ende April sprach er im Interview mit der Deutschen Welle dieses Worte als er auf das Klischee des ewigen Finalverlierers angesprochen wurde:

Ich stand bereits sechsmal mit einem Team in einem Endspiel und habe sechsmal verloren. Aber das macht mich nicht zu einer gebrochenen Person oder so. Für mich bedeutet das Leben, es immer wieder zu versuchen. Wenn nur Gewinner überleben dürfen, können wir alle einpacken (…) Wenn der liebe Gott mich dafür braucht, um zu zeigen, dass jemand sechs Endspiele in Folge verliert und er es tatsächlich auch noch ein siebtes Mal versucht, dann bin ich die perfekte Person dafür. Keine Ahnung, wer das entschieden hat, aber offensichtlich ist das ein lustiger Kerl.

Diese Worte wurden gesprochen bevor Klopps Mannschaft erst ein sensationelles Spiel mit epischer Niederlage in Camp Nou und anschließend ein Rückspielwunder gegen Barcelona ablieferte. Als Klopp diese Perspektive eröffnete, war überhaupt nicht klar, ob Liverpool überhaupt ein weiteres Mal ein Finale erreichen könnte. Jetzt stehen sie im Endspiel von Madrid – und können die Champions League gewinnen. Manche sagen, Klopp müsse jetzt auch mal ein Finale gewinnen, sonst bleibe er der ewige Zweite.

Ich habe mit großem Interesse die Klopp-Biografie von Raphael Honigstein gelesen (der vor einer Ewigkeit auch schon mal hier im Blog zu Gast war) und das DW-Interview und ich finde, dass Klopp auf wunderbare Weise den Eindruck vermittelt, dass ihm egal ist, was andere über ihn denken könnten. Über die Finalniederlagen sagt er: „Ich kann ich damit leben. Es waren nicht gerade die besten Tage meines Lebens, sie schaffen es auch nicht in meine Top-Five. Aber trotzdem sind es sehr wichtige Erfahrungen für mich, und ich will sie für die Zukunft nutzen.“ ¯\_(ツ)_/¯

Das allein wäre angetan, um als Shruggie des Monats in den Tagen vor dem entscheidenden Spiel gegen Tottenham ausgewählt zu werden. Aber Klopp schließt noch eine Botschaft an diesen shruggiehaften Umgang mit Sieg und Niederlage an. Und wenn Fußball eine Botschaft hat (und einen Botschafter, der sich übermittelt), dann sind Klopps Ratschläge, die er für junge Spieler hat, vielleicht nicht die schlechtesten Ideen um etwas im Sinne des Shruggie „für die Zukunft“ zu nutzen. Er rät:

Sei offen und lerne die Sprache so schnell du kannst! Das Wichtigste ist: Sei offen und lerne, lerne, lerne! Das hören junge Menschen vermutlich nicht gerne. Aber Lernen heißt tatsächlich vom Leben lernen.

Ich würde mir wünschen, dass Klopp das Finale gewinnt. Aber irgendwie geht es darum in Wahrheit gar nicht.

¯\_(ツ)_/¯

Hier das ganze DW-Gespräch auf englisch anschauen:

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.