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Der Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

„Von den anvertrauten Talenten“ ist die Geschichte überschrieben, die im 25. Kapitel des Matthäus-Evangelium erzählt wird. Das Gleichnis beschreibt den Umgang mit Talenten Silbergeld, die sinnvoll eingesetzt bzw. unproduktiv versteckt werden. In biblischer Interpretation ist die Geschichte ein Bild für den Glauben: Wer diesen annimmt, so das Gleichnis, wird damit zu höherer Erkenntnis gelangen.

Abseits der biblischen Auslegung hat diese Geschichte größere Popularität erfahren, weil ihr Fazit einen Effekt beschreibt, den man als „Erfolg begünstigt Erfolg“ zusammenfassen kann. In Vers 29 heißt es:

„Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“

Der so genannte Matthäus-Effekt wurde erstmals vom Soziologe Robert K. Merton beschrieben. Dieser beobachtete, dass bekannte wissenschaftliche Autor:innen auch häufiger zitiert werden – und gab der Beobachtung den Namen, der sich auf das genannte Gleichnis bezieht. Man kann dieses Phänomen in unterschiedlichen Bereichen sehen und eine besonders auffällige Ausprägung ist der so genannte positive Netzwerk-Effekt. Dabei steigt der Nutzen für einzelne Konsument:innen dadurch, dass mehr Konsument:innen ein Produkt nutzen. Nahezu alle Angebote im Plattform-Kapitalismus leben von diesem Effekt. (Foto: unsplash)

Dieser Tage wird wieder viel über die Macht und die Bedeutung von Plattformen und Netzwerken diskutiert. Das Spektrum reicht dabei von „Twitter hat sich mit Trump angelegt“ bis zu „New York Times löst sich von Apple News“. Gerne wird dabei darauf hingewiesen, dass die digitalen Plattformen (von Twitter über Airbnb bis Lieferando) selbst gar nichts herstellten und nur von den Inhalten anderer profitieren. Ebenfalls häufig erwähnt wird, dass alle Plattformen verbinde, dass sie einzig kommerziellen Interessen genügten und man deshalb über eine eigene Plattform nachdenken müsse, die ganz anders strukturiert sei.

Ich frage mich dann immer, wie eine nicht-kommerzielle Plattform wohl aussehen würde. Leider habe ich bisher keine befriedigende Antwort gehört bzw. keine, die nicht am Ende auch wieder in Kapitel 25 des Matthäus-Evangelium landet. Denn die sagenumwobenden Algorithmen der kapitalistischen Plattformen (die allüberall kritisiert werden) tun vor allem dies: Sie bilden den Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit ab. Sehr vereinfacht gesprochen folgen sie dem Prinzip: Was viele wichtig finden, kann nicht unwichtig sein. In der Sprache der Bibel formuliert: „Wer da bereits Aufmerksamkeit hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe.“

Dieses Prinzip finden wir auf Google-Ergebnisseiten und in den Timelines von nahezu allen Netzwerken: Wo viel los ist, darauf wird die Aufmerksamkeit gerichtet. Große Debatte, Empörung und Aufregung zieht neue Debatte, mehr Empörung und weitere Aufregung nach sich. Eli Pariser („Die Filterbuble“) hat die Mechanik der Plattformen dabei mal mit einem Beobachter verglichen, der bei einem Vortrag mit dem Rücken zur Sprecherin ins Auditorium schaut und nur auf Basis der Publikumsreaktionen die Rede bewertet. Der Inhalt des Vortrags ist ihm nicht nur egal, er versteht ihn auch nicht (weil er die Sprache der Rednerin nicht spricht). Was er bewertet sind Reaktionen. Auf Basis dieser Reaktionen sucht er neue Inhalte heraus – und diese Inhalte dienen nur dem einen Zweck: Die Nutzer:innen möglichst lange im Raum also in der jeweiligen Plattform zu halten.

Das dieser Logik zugrunde liegende Prinzip heißt außerhalb des Web übrigens Einschaltquote. Und die öffentlich-rechtlichen Anbieter, aus deren Reihen häufig die Rede von einer alternativen Plattform geführt wird, messen diese Einschaltquote genau wie kommerzielle Anbieter es tun. Wenn man genau hinschaut, kann man sogar erkennen, dass sie auch die Themen ihrer TV-Talkshows nach dem Prinzip auswählen. Vermutlich würden sie also auch auf einer alternativen digitalen Plattform diesem Muster folgen. Denn im Kern ist der Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit („Was viel Aufmerksamkeit erfährt, wird mit weiterer Aufmerksamkeit bedacht“) ja kein digitales Phänomen, sondern ein journalistisches Reaktionsmuster, das völlig unabhängig vom Web existiert. Die Plattformen, über die wir streiten, haben aus diesem Effekt ein sehr erfolgreiches Geschäft gemacht, das man kritisieren, womöglich reglementieren und schließlich sogar mit Konkurrenzangeboten angreifen kann. Man sollte darüber aber nicht vergessen, dass das zugrunde liegende Prinzip nicht von Google oder Facebook erfunden wurde, es handelt sich vielmehr um ein Muster wie Aufmerksamkeit verteilt wird.

Die Schlüsse, die man daraus ziehen kann, können helfen, die Plattform-Kritik auf ein anderes Niveau zu heben. Sie können den Blick dafür schärfen, was mögliche alternative Plattformen tatsächlich anders als Facebook oder Twitter machen könnten. Dazu müssten wir alle gemeinsam versuchen, den blinden Fleck der digitalen Mediendebatte etwas zu erhellen: den Inhalt. Das zitierte Bild vom Beobachter, der mit dem Rücken zur Bühne ins Auditorium schaut, ist deshalb so stark weil es zeigt: Den erfolgreichen Plattformen geht es zuerst um Kontext dann erst um Content. Eine alternative Plattform müsste davon lernen und unbedingt den Blick auf Meta-Daten richten.

978-3-95757-246-2-x160xx400x-1466586213Das zu schreiben ist aber viel einfach als es auch zu tun: Denn aus der Perspektive von Medien (und ich schreibe das als Journalist!) sind Inhalte noch immer das Wichtigste. Im Eli-Pariser-Bild gesprochen: Wenn Medien ins Auditorium schauen, sehen sie stets zuerst ihr Redemanuskript und dann erst das Publikum. Das Dilemma, das sich daraus ergibt: Medien sehen Content vor Kontext, Plattformen aber sehen Kontext vor Content. (Wie man damit umgehen könnte, habe ich in „Meta – das Ende des Durchschnitts“ versucht zu beschreiben)

Im Gleichnis von den anvertrauten Talenten wird am Ende überigens derjenige bestraft, der aus Angst seine Talente versteckt und nicht einsetzt. Er will einzig bewahren, was er zu haben glaubt und wird genau dafür von Gott gerügt. Er nimmt ihm die Talente und gibt diese denen, die schon haben. Nach dem obigen Zitat endet das Gleichnis mit den Worten: „Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.“


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem unlängst u.a. erschienen sind: „Wie digitales Denken in der Corona-Krise helfen kann: fünf Vorschläge“ (Mai 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020), „Zwölf Dinge, die erfolgreiche Tiktokter tun“ (Dezember 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Mehr über den Wert von Kontext und die Bedeutung von Meta-Daten in dem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“, das man hier im Shop des Verlags Matthes&Seitz bestellen kann.

Offenheit, Lernbereitschaft und eine kritische Selbstreflexion – Thomas Ernst über Lehre im Stream

Thomas Ernst ist Geisteswissenschaftler und lehrt Germanistik und Medientheorie in Amsterdam und Antwerpen. In seiner Habilitationsschrift hat er sich mit dem Verhältnis von Literatur und Sozialen Medien befasst. Er bloggt und ist bei Twitter aktiv.

Du machst jetzt etwas, das du vorher im direkten Austausch mit Menschen gemacht hast, über eine digitale Verbindung. Hast Du Dich schon dran gewöhnt? Bzw. was irritiert Dich immer noch?
Da ich als Wissenschaftler sowieso den Großteil meiner Arbeitszeit hinter einem Computer verbringe, war die Umstellung für mich nicht wirklich riesig. Allerdings musste ich sehr schnell viele neue Tools und Techniken erlernen, das war anstrengend. Überhaupt habe ich die digitale Lehre und die Verantwortung für meine Studierenden in diesen herausfordernden Zeiten als intensiv erlebt – ich war durchgängig wesentlich müder als in normalen Semestern.
Zugleich ist mein Semester schon seit zwei Wochen vorbei, weshalb ich diesen Prozess bereits zu reflektieren begonnen habe. Dazu habe ich auch unter meinen Studierenden eine Evaluation durchgeführt, die in doppeltem Sinne hilfreich war: Erstens waren die vielen positiven Rückmeldungen sehr motivierend, zweitens haben die Studierenden sich sehr differenziert – mit Lob und Kritik – zum digitalen Unterricht positioniert. Für mich steht fest, dass das Coronasemester in dieser Form nicht optimal sein konnte, dass es jetzt aber wichtig ist, dass wir diese Erfahrungen – gerade mit digitalen Tools und Techniken – reflektieren und dann in ein besseres Blended Learning der Zukunft einfließen lassen.
Irritationen lösen bei mir vor allem jene gesellschaftlichen Kräfte aus, die trotz der anhaltenden gesundheitlichen Gefahren einfach so schnell wie möglich wieder zum Status quo der Vor-Corona-Zeit zurückkehren wollen. Die Erfahrungen in der Krisenzeit können die Gesellschaft jedoch auch nachhaltig zum Besseren verändern: Die Lehre kann digitaler und besser werden, in meinem Wohnort Brüssel gab es einschneidende Verbesserungen in der Verkehrspolitik… Wir sollten diese Krise nicht nur als eine, die unsere Gesundheit und Ökonomie angreift, verstehen, sondern auch die nachhaltige Verbesserung unserer Kultur im Blick behalten.

Was war die größte Hürde, die Du überwinden musstest?
Da in Belgien das Semester schon in der zweiten Februarwoche angefangen hatte, mussten wir im laufenden Semester Mitte März die Lehre komplett auf Digitalunterricht umstellen. Das war eine ziemliche Herausforderung. Meine Uni in Antwerpen hat das aber gut geregelt: Wir haben eine zentrale Lernplattform, Blackboard, und recht schnell pragmatische und gute Einführungskurse in die Liveunterrichtsfunktion erhalten; da ich schon immer mehr digitale Elemente in meine Lehre integrieren wollte (und auch in der Vergangenheit zum Beispiel das Weblog „Digitur“ (PDF) mit Studierenden aufgebaut habe), fand ich das grundsätzlich eine Chance.
Von der technischen Ausstattung her war das für uns kein Problem, aber es ist sicherlich so, dass viele Studierende in diesem Coronasemester benachteiligt waren, z.B. weil sie eine für das Lernen ungünstige Wohnsituation haben, ihren Nebenjob verloren haben, eine zu geringe Web-Bandbreite haben oder generell technisch schlecht ausgestattet waren (Laptop, Headset). Digitale Lehre muss einen hohen Aufwand betreiben, um die schon bestehenden Bildungsungleichheiten nicht noch zu verstärken.
Zudem waren die Uni-Bibliotheken geschlossen oder nur eingeschränkt nutzbar. Ich engagiere mich sehr für Open Access und neue Wege des digitalen Publizierens – diese Krise hat nochmals gezeigt, dass schon lange alle wissenschaftlichen Veröffentlichungen digital bereitstehen könnten, wir aber noch immer zu viele Hürden auf diesem Weg überspringen müssen. Dass inzwischen die KMK sogar dafür gesorgt hat, dass Fernleihen von Aufsätzen nicht mehr als Scan, sondern wieder als Ausdruck per Post verschickt werden müssen, ist absurd.

Gibt es etwas, das jetzt besser ist als vorher?
Ich finde vor allem drei Erfahrungen nachhaltig: Erstens musste ich viele Möglichkeiten des digitalen Lernens ausprobieren, die ich schon lange auf dem Schirm hatte. Der zielgerichtete Einsatz von eigenen Videos, der Aufbau eines gemeinsamen Wikis, die Binnendifferenzierung der Seminargruppe in Breakout Rooms, die mögliche Parallelität von Livegespräch und schriftlichem Feedback im Gruppenchat – solche Funktionalitäten sind wichtig und werde ich auch in Zukunft nutzen.
Das werde ich dann zweitens im Sinne des Blended Learning machen, also einer sinnvoll portionierten Verschränkung von analogen und digitalen Lehrmomenten. Das ist noch immer ein Experiment, doch nach diesen rein digitalen Erfahrungen bin ich sicher, dass eine solche Mischung zu einem besseren Lernerfolg der Studierenden beitragen kann. Allerdings wird es dazu wichtig sein, die traditionelle Struktur von regelmäßigen Präsenzveranstaltungen im Kombination mit Prüfungsformen wie Klausur und Hausarbeit durch kollaborative Schreib- und Reflexionsformen auf einer digitalen Lernplattform zu ergänzen oder in Teilen zu ersetzen. Zwangsläufig müssten dann auch einzelne Seminarpläne und Lehrinhalte modifiziert werden.
Drittens hat die Erfahrung der digitalen Kommunikation vielleicht eine positive Auswirkung auf die negativen Umwelt- und Zeiteffekte der Wissenschaft: Viele Kolleg*innen sind Pendler (manche mit 500-1000 Reisekilometern wöchentlich), zu Konferenzen müssen oft Flüge gebucht werden. Nature konstatiert, dass der Schadstoffausstoß aller etwa 7,8 Millionen Wissenschaftler*innen weltweit, wenn sie nur eine Konferenz jährlich besuchten, demjenigen eines kleinen Landes entspreche. In diesem Coronasemester haben wir jedoch die Autorin Kathrin Röggla in ein Masterseminar eingeladen, ohne dass sie extra reisen musste und dafür anderthalb Tage ihre Familie hätte verlassen müssen; ich habe zwei auf digitalen Plattformen durchgeführte Konferenzen reisefrei besucht (die Reise hätten ebenfalls zu Terminkollisionen geführt); und ich werde im November selbst eine Konferenz digital durchführen. Zwar werden hoffentlich weiterhin viele akademische Veranstaltungen vor Ort stattfinden; dass aber zum Beispiel für anderthalbstündige Gremiensitzungen zukünftig nicht mehr zwanzig Personen addiert zwei Arbeitstage im Stau verbringen müssen, erscheint mir eine sehr gute Entwicklung…

Im direkten Austausch gibt es stets irgendeine Form von Rückmeldung, eine Stimmung im Raum. Wie löst du das Problem, dass das online nur sehr viel schwieriger wahrzunehmen ist?
Es ist der Tat in so: Wenn man bei einer Sitzung im selben Raum mit den Kolleg*innen sitzt oder wenn man die Studierenden im Seminar vor Ort unterrichtet, kann man sehr schnell auch kleinste Signale wahrnehmen: Wer ist alles da, wer fehlt? Wie ist die Aufmerksamkeit, wer ist dabei und wer gedanklich abwesend? Kommt eine Bemerkung gut oder schlecht an? Ist eine Pause angebracht? All diese kleinen Signale, die sich in Gestik, Mimik, Sitzstellung, Geräuschkulisse äußern, fehlen. Ich habe in einer Studie gelesen, dass dies bei den Lehrenden einen wesentlich größeren Stress produziert, weil wir ständig versuchen, diese kommunikativen Leerstellen zu füllen.
In dieser Coronakrise hat das dazu geführt, dass meine Lehre wesentlich zeitaufwändiger war, weil ich neben dem eigentlichen Unterricht viel mehr Sprechstunden angeboten habe – mit Studierenden alleine, mit Arbeits- bzw. in Kleingruppen – und öfter zu Beginn einer Sitzung nachgefragt habe, wie es den Seminarteilnehmer*innen gerade geht. Das kostet alles viel mehr Zeit und Energie, die man im Seminarraum nur en passant in einen kurzen Blick investieren müsste (soziale Gesten wurden wichtiger, so hat mir die Uni Amsterdam einen Blumenstrauß als Dank für den ‚Kriseneinsatz‘ nach Hause geschickt, das fand ich toll).

Aus dieser Erfahrung heraus werde ich sauer, wenn behauptet wird, dass man durch digitale Lehre Geld im Erziehungssystem einsparen könnte, oder wenn ich lese, dass eine Uni für digitale Lehre ein geringeres Deputat berechnet. Diesen Gedanken kann man nur verfolgen, wenn man vom dummen Klischee der Massiv Open Online Courses ausgeht: Irgendwo in der Welt verteilt schauen sich große Massen die immer gleichen Videos an und erarbeiten sich dann die Inhalte autodidaktisch. Dass diese Kurse offenbar nur 5% der Studierenden erfolgreich abschließen, hat die FAZ zum Ausgangspunkt genommen, um gegen digitale Lehre allgemein zu polemisieren.
In Wirklichkeit ist die digitale Lehre harte und aufwändige Arbeit, die finanzielle Ressourcen bindet: Zunächst müssen alle mit Hard- und Software und Bandbreite ausgestattet werden; dann Lehrmedien für jede Studierendengruppe spezifisch produziert und bereitgestellt werden; der/die Dozent/in muss den Live-Unterricht anbieten, die Seminargruppe kennenlernen und binnendifferenzieren; dann regelmäßig und nach Bedarf individualisierte Gespräche anbieten; den Studierenden Feedback geben und Lernerfolge überprüfen. Insbesondere um der zentralen Gefahr der Digitallehre angemessen begegnen zu können, dass insbesondere Studierende in schwierigen sozial-ökonomischen Situationen und/oder aus bildungsfernen Hintergründen auf der Strecke bleiben, muss viel in die Qualität digitaler Lehre investiert werden.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, die/der jetzt auch ins Online-Streaming einsteigt?
Die Umstellung war überhaupt nicht so schlimm, wie manche Kolleg*innen befürchteten. Man sollte sich also weder von den Digitalenthusiast*innen noch von den -kritiker*innen verrückt machen lassen, sondern einfach selbst ausprobieren. Wichtig ist Offenheit, Lernbereitschaft und eine kritische Selbstreflexion.
Wir haben gleich zu Beginn der Umstellung auf digitale Lehre das Portal „Digitale Lehre Germanistik“ aufgebaut. Mit vier anderen Kolleg*innen haben wir in diesem Prozess vorab „Vorschläge für eine konstruktive Selbstreflexion“ (PDF) dieses Prozesses formuliert. Eine solche Selbstreflexion – was war gut, was war schlecht, was sollten wir mit in die Zukunft nehmen – wollen wir nach Abschluss des Coronasemesters in Deutschland unbedingt in Angriff nehmen, also wohl im Juli. Allerdings sehen wir auch einen großen Drang bei vielen Kolleg*innen, möglichst schnell den Status quo von vor der Krise herzustellen, so ist gerade ein offener Brief unter dem Titel „Zur Verteidigung der Präsenzlehre“ veröffentlicht worden. Es ist aber vielleicht ein Fingerzeig, dass inzwischen viele Kolleg*innen meinen, eine solche Verteidigungsposition einnehmen zu müssen…

Zum Abschluss: Kannst du noch kurz erklären, wie (also mit welcher Soft-/Hardware) du jetzt online gehst?
Das muss ich zweigeteilt beantworten: Einerseits hat es sich als ein großer Vorteil erwiesen, dass die Universiteit Antwerpen mit Blackboard eine Lernplattform nutzt, die sehr viele wichtige Funktionalitäten bereitstellt: Live-Klassenräume, digitale Semesterapparate, Video-Aufnahmefunktion, Wikis, Foren usw. Das ist eine große Erleichterung, zumal wir schnell gute Fortbildungen erhalten haben (in Amsterdam gilt dasselbe für die Plattform Canvas).
Für die Gespräche mit Kolleg*innen anderer Universitäten oder die Teilnahme an Konferenzen, die auf Online-Plattformen verlegt wurden, habe ich eine Vielzahl von Anbietern genutzt: Blackboard Collaborate ultra, Skype, Microsoft Teams, Zoom, BigBlueButton, Facetime, WhatApp. Hier wäre es gut, wenn sich die Universitäten perspektivisch auf eine oder zwei Varianten als Standards einigen würden, die im Idealfall stabil funktionieren, Open Source sind und die Datensouveränität ihrer Nutzer*innen beachten.

Dieses Interview ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Dazu sind erschienen:
> Eine Betrachtung über Geisterspiele in der Bundesliga
> Richard Oehmann von der Band Cafe Unterzucker über Band-Musik im Stream
> Interview mit Jasmin Schreiber von Streamkultur
> Shruggie des Monats: Der Live-Stream
> Zehn Lehren aus der Coronakrise für Videokonferenzen und Live-Streams
> Performance-Künstler Marcus John Henry Brown über die Herausforderung, Menschen im Stream zu halten
> Social-Media-Experte Michael Praetorius über Workshops im Stream
> Pfarrerin Miriam Hechler über Gottesdienst im Stream
> Museums-Experte Maximilian Westphal über Führungen im geschlossenen Museum
> DJ Ivo Schweikhardt übers Auflegen im Stream
> Autor Pierre Jarawan über Workshops zum Kreativen Schreiben im Stream
> Musikerin Maria über Musikunterricht im Stream
> Denny Leo Kinder über Friseure im Stream
> Wolfgang Tischer über Lesungen im Stream
> Die Therapeuten Imke Herrmann und Lars Auszra über Therapie im Stream
> Lehrer Philippe Wampfler über Unterricht im Stream
> Autor Tom Hillenbrand über Krimis auf Twitch
> VHS-Chef Christof Schulz über Volkshochschule im Stream
> Zukunftsforscher Gerd Leonhard über die Zukunft von Live-Events und Live-Streams

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Wo bleibt die Titelseite für Internet-Seiten?

Das kann nur Print. Dieser Satz klingt bedeutsam in Anbetracht der aktuellen Titelseite der New York Times, die heute durch alle Timelines gereicht wurde und den Agenturen eigene Meldungen wert war. Und doch ist der Satz unwahr.

„We wanted to take over the entire page” erklärt Tom Bodkin, Art Director der New York Times, im Times Insider-Blog die Hintergründe für diese besondere Titelseite, die den Opfern der Corona-Pandemie gewidmet ist: „Die Zeitung hat in sechs Spalten ganzseitig die Namen von Hunderten Verstorbenen abgedruckt. In der Ausgabe stehen insgesamt 1.000 Namen aus veröffentlichten Nachrufen und jeweils ein persönlicher Satz zu den Opfern“, schreibt dpa und Willi Winkler ergänzt in der SZ: „Kein Corona-Opfer wird davon wieder lebendig, doch werden die Toten aus der nüchternen Sterbestatistik gehoben. Die Aktion, die vor einer Woche in ähnlicher Form auch die brasilianische Zeitung O Globo veranstaltet hat, ist natürlich auch ein politisches Statement gegen den amtierenden Präsidenten.“

Die Liste der Kurz-Nachrufe ist auch online aufbereitet, auch dort ist sie beeindruckend, erschütternd und traurig. Minutenlang scrollt man an 100.000 kleinen Figuren vorbei. Einige sind mit einem kurzen Satz beschrieben. Die Sätze haben die NYT-Journalist*innen aus Nachrufen, Todesanzeigen und Berichten zusammengetragen und sie geben der anonymen unvorstellbaren Zahl ein Gesicht. Das ist ein erstaunliches (daten-)journalistisches Projekt – aber es ist durch die Titelseite eben auch ein Symbol.

Womit wir beim Einstiegssatz und seinem Wahrheitsgehalt sind. Die Macht, die von einer Cover- oder Titelseite ausgeht, scheint fest mit Print verbunden zu sein. Dabei geht es bei dem, was die Amerikaner „Frontpage“ nennen, weniger um die Herstellungsform als um den Aufmerksamkeits-Fokus: „We wanted to take over the entire page” wäre durchaus ist auch im Web denkbar. Von der Werbung kann man lernen, wie Full-Page-Gestaltung aussieht. Redaktionell ist diese Form der ganzseitigen Aufmerksamkeits-Fokusierung aber noch ungewöhnlich. Das liegt vor allem daran, dass wir keine Titelseiten von Webseiten kennen. Warum eigentlich nicht?

Die Frage ist falsch gestellt. Denn in Wahrheit kann ich mir schon denken, warum Webseiten keine Cover haben: Weil es dafür eben kaum Vorbilder gibt. Mein Traum ist aber schon seit Jahren, dass auch Webangebote sich eine Verkaufs- und Aufmerksamkeits-Fläche suchen, die funktioniert wie das Magazin-Cover oder die Titelseite eines Print-Angebots. Ein Ort, an dem die relevantesten Themen eines Tages (oder jeder anderen Zeitspanne) auf neue Weise aufbereitet und präsentiert werden. Ich glaube, dass sich dieser Aufwand lohnen würde – die New York Times zeigt heute nur einen möglichen Grund.

Meine stille Hoffnung ist die taz, die angekündigt hat, ihre Print-Ausgabe in absehbarer Zeit einzustellen. Da deren Titelseite (und die dort getexteten Zeilen) aber eines der Alleinstellungs-Merkmale der taz ist, wird den Kolleg*innen sicher ein digitales Äquivalent zur Print-Seite-1 einfallen. Vielleicht ziehen dann andere nach – und am Ende posten dann alle ihre neuen digitalen Cover-Seiten auf Instagram.

„Ich liebe beides, jedes auf seine Art!“ – Jasmin Schreiber über Lesungen und Live-Streams

Jasmin Schreiber hat im Frühjahr den Roman Marianengraben veröffentlicht. Die Lesetour zum Buch wurde von Corona unterbrochen. Sie begann Lesungen im Live-Stream und startete den Account Streamkultur, in dem sie Hinweise auf besondere Live-Streams kuratiert. Ich habe ihr ein paar Fragen zum Thema geschickt.

Du kümmerst dich seit Wochen um das Thema Live-Stream. Als Autorin, die vorliest aber auch als Kuratorin, die andere Streams empfiehlt. Deshalb die schwierigste Frage zu Beginn: Erleben wir gerade den Aufstieg des Live-Streams als kulturelles Format?
Livestreams spielen auf jeden Fall auf einmal in Bereichen eine Rolle, wo es bislang eher Berührungsängste mit solchen „Internetformaten“ gab. Ich erkenne auf jeden Fall neue Chancen! Als Beispiel: Die Live-Lesungen des Poetry-Slammers Fabian Navarro, der beim Lesen Hintergrundmusik einspielt und das alles in Richtung eines Livehörspiels verschiebt. So etwas hat das Potenzial, zu bleiben.

Es gibt immer wieder Kritik, dass ein virtueller Stream nur eine billige Kopie sei und ein echtes Erleben nicht ersetzen könne. Wie ist deine Haltung dazu?
Ich denke man sollte nicht einfach versuchen, etwas Analoges „zu ersetzen“. Einfach nur in die Kamera lesen, wie bei einer klassischen Vor-Ort-Lesung, funktioniert nicht. Man muss sich neue Formate überlegen, die maßgeschneidert für Livestreams ablaufen. Für mich ist das kein schnödes Ersetzen, es ist einfach ein ganz anderes Format. Abgesehen davon wehre ich mich generell gegen diese Unterscheidung von „echt“ und „Internet“. Das Internet ist auch „echt“, die Erlebnisse dort sind genau so real wie Vor-Ort-Events.

Was macht einen richtig guten Live-Stream aus?
Livestreams leben vom Live-Moment und der Interaktion, sonst könnte man ja auch einfach ein Video hochladen. Man muss das Publikum einbeziehen und damit Interaktivität schaffen, man muss sich neue Dinge ausdenken, die auf einer klassischen Lesung so vielleicht nicht möglich wären. Ich lese zum Beispiel immer im Pyjama und erwarte von meinem Publikum, ebenfalls im Pyjama zu streamen und mir Beweisfotos zu schicken. So bildet sich eine eingeschworene Community und ich denke, das ist wichtig.

Hast Du als Zuschauerin einen Lieblings-Stream und kannst Du erklären, was dich daran besonders fasziniert?
Tatsächlich der eben erwähnte Stream von Fabian Navarro. Er liest episodisch seinen Katzenkrimi vor, dabei spielt er Hintergrundmusik ein und hat sogar Werbejingles aus dieser Katzenwelt komponiert, mit denen er seine Streams mit Werbepausen unterbricht. Er liest auch nicht allein, sondern lässt immer mal Schauspieler*innen lesen. Das finde ich sehr kreativ, das alles erhöht die Spannung immens.

Ich habe hier im Blog ganz unterschiedliche Menschen befragt, die den Live-Stream nutzen, um ihren Job trotz physischer Distanz auszuüben. Dabei kommen sehr unterschiedliche Plattformen und Technologien zum Einsatz. Hast Du einen Favoriten an Technik und Plattform, die du selbst nutzt?
Ich finde tatsächlich Twitch sehr gut, weil sich da die Teilnehmer*innen im Chat austauschen können, außerdem ist es ein offenes Format, d.h. man muss sich nicht anmelden. Und man kann das am Fernseher schauen, das finde ich alles für die Zuschauenden sehr komfortabel. Meine Oma schaltet da regelmäßig ein!

Wie ist es überhaupt für Dich als Autorin, nicht vor eine physischen Publikum bei einer Lesung aufzutreten? Gibt es auch etwas das besser ist?
Ich vermisse meine physischen Lesungen sehr, sehe aber die Livestreams nicht unbedingt als Ersatz. Für mich ist das wie Äpfel und Birnen zu vergleichen, also vergleiche ich das nicht. Das sind zwei unterschiedliche Formate, und ich denke, ich werde das Streamen auch später parallel zu physischen Lesungen beibehalten. Ich liebe beides, jedes auf seine Art!

In Streamkultur wählt Ihr wie eine Fernsehzeitung Programmhinweise für Live-Streams. Es gab früher mal den Satz, dass das Internet kein „Einschaltmedium“ sei. Ist der Satz womöglich Quatsch?
Tatsächlich finde ich ihn unsinnig, denn: Das Internet ist alles, was wir daraus machen. Selbst bei streamlined Inhalten wie Liveübertragungen gibt es einen großen Unterschied zu einem Fernsehprogramm, denn die Leute schauen diese Streams ja gemeinsam und können sich dabei in Chat und Co. austauschen. Es ist ein Gemeinschaftserlebnis.

Kannst Du eine Prognose wagen: Wie wird es mit der Live-Streamkultur weitergehen?
Ich denke viele Sachen werden sich im Sande verlaufen, das merkt man ja schon jetzt. Aber ich bin sicher, dass einige Streams bestehen bleiben und finde auch toll, wie selbstverständlich Konzerthäuser und Co. Sofort auf Livestreams umgestiegen sind. Ich bin sicher, dass sich das ein oder andere Format etablieren wird.

Dieses Interview ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Dazu sind erschienen:
> Shruggie des Monats: Der Live-Stream
> Zehn Lehren aus der Coronakrise für Videokonferenzen und Live-Streams
> Performance-Künstler Marcus John Henry Brown über die Herausforderung, Menschen im Stream zu halten
> Social-Media-Experte Michael Praetorius über Workshops im Stream
> Pfarrerin Miriam Hechler über Gottesdienst im Stream
> Museums-Experte Maximilian Westphal über Führungen im geschlossenen Museum
> DJ Ivo Schweikhardt übers Auflegen im Stream
> Autor Pierre Jarawan über Workshops zum Kreativen Schreiben im Stream
> Musikerin Maria über Musikunterricht im Stream
> Denny Leo Kinder über Friseure im Stream
> Wolfgang Tischer über Lesungen im Stream
> Die Therapeuten Imke Herrmann und Lars Auszra über Therapie im Stream
> Lehrer Philippe Wampfler über Unterricht im Stream
> Autor Tom Hillenbrand über Krimis auf Twitch
> VHS-Chef Christof Schulz über Volkshochschule im Stream
> Zukunftsforscher Gerd Leonhard über die Zukunft von Live-Events und Live-Streams

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Shruggie des Monats: der Live-Stream

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Der Live-Stream als Shruggie der Corona-Zeit hängt eng zusammen mit den Lehren, die ich hier notiert habe und den Interviews, die hier im Blog gesammelt sind.

Zu dem gesamten Themenkomplex plane ich hier einen Newsletter!

These: In ein oder zwei Jahren wird es normal sein, dass auf jeder Nachrichtenwebsite prominent im Kopf ein „live“-Button leuchtet. Die Corona-Krise zeigt uns gerade, wie virtuelle Verbindungen funktionieren. Zwar nicht so lebendig und greifbar wie der Austausch in physischer Nähe, aber doch besser als alle immer dachten. Vielleicht wird aus dem aktuellen Notnagel „Live-Stream“ in Zukunft ein echtes digitales Geschäftsmodell, das sich zum Beispiel darin zeigen könnte, dass Webseiten ein Live-Ressort bekommen, in dem vom Live-Ticker bis zum gemeinsamen Stream alles gebündelt wird, was als Echtzeit-Erlebnis das bisherige Angebot ergänzt.

¯\_(ツ)_/¯

Wie ich darauf komme, kann man in meinem Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ nachlesen. Ich glaube, dass wir kulturelle Produkte mehr als Prozess (wie Software) denken könnten – und damit bemerken: Das Internet ist nicht nur Dokumentationsmedium, sondern vor allen Dingen ein Erlebnismedium. Teil- und Einflussnahme am Entstehen sind hier wertvoller Bestandteil der bisher als abgeschlossen gedachten Inhalten in allen erdenklichen Formen. Durch die Corona-Krise wird dieser Wandel vom Produkt zum Prozess auch für vormals weniger digitale Menschen greif- und fühlbar. Der Live-Stream macht aus Text, Bild und Ton ein Erlebnis, aus dem womöglich neue Finanzierungsmethoden erwachsen können – wenn wir anfangen, „live“ zu denken (am 1. Mai werde ich in einem Insta-Live versuchen, der Frage nachzugehen „Wie sieht die Live-Version eines Buches aus?“)

Meine Behauptung basiert nicht nur auf persönlicher Beobachtung, sondern vor allem auf einer großen Ankündigung des Facebook-Konzerns, der sich ja schon länger auf dem Dark-Social-Weg von einem offenen Marktplatz zu einer großen Summe vieler kleiner privater Räume befinden. „Video-Präsenz“, hat Mark Zuckerberg an diesem Wochenende angekündigt, „ist keine neue Ära für uns, aber es ist eine Ära, in die wir tiefer einsteigen wollen.“

Über die wichtigsten Angebote des Facebook-Konzerns hinweg (Messenger, Portal, WhatsApp und Instagram) wird (in Varianten) ein Video-Call-Angebot ausgerollt, das auf den Namen „Messenger Rooms“ hört: „Einfach einen Raum direkt über Messenger oder Facebook erstellen und jeden gewünschten Teilnehmer zum Beitritt einladen, auch wenn die Person kein Facebook-Konto besitzt“, schreibt Stan Chudnovsky im Unternehmensblog.

Damit reagiert Facebook auf die weltweite soziale physische Distanz durch die Corona-Krise und kopiert das Angebot von Zoom, das durch den rapiden Aufstieg von Live-Streams extrem populär geworden ist – und beschleunigt damit eine Entwicklung, die sicher nach Corona bleiben wird: der Live-Stream wird immer wichtiger.

Gerade ist er die einzige Möglichkeit des direkten Austauschs, aber auch wenn dieser direkte Austausch wieder möglich wird, wird das Live-Gefühl bleiben. Hier im Blog hatte Gerd Leonhard zurecht prognostiziert: „Online Konferenzen werden das neue Normal, und face to face wird der neue Luxus.“

Dafür spricht auch ein Feature, das Facebook für seine Rooms ankündigt: „Um Kreative und kleine Unternhemen zu unterstützen, wollen wir die Möglichkeit ergänzen, Eintritt zu verlangen für den Zugang zu Events mit Live Videos auf Facebook.“

Um diese Entwicklung zu begleiten, plane ich hier einen Live-Newsletter. Außerdem werde ich meine eigenen Live-Experimente als Virtual-Keynote-Speaker dort dokumentieren. Denn die Corona-Krise zeigt sehr deutlich, wie der Live-Stream an Bedeutung gewinnt – dazu auch diese Schwerpunkte hier im Blog:

> Zehn Lehren aus der Coronakrise für Videokonferenzen und Live-Streams
> Performance-Künstler Marcus John Henry Brown über die Herausforderung, Menschen im Stream zu halten
> Social-Media-Experte Michael Praetorius über Workshops im Stream
> Pfarrerin Miriam Hechler über Gottesdienst im Stream

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

loading: Mucbook

Das Münchner Stadtmagazin MUCBOOK hat ein Crowdfunding auf Startnext gestartet. Der Gründer Marco Eisenack beantwortet die loading-Fragen.

Was macht Ihr?
Wir sammeln auf startnext das fehlende Budget für die nächste Print-Ausgabe von MUCBOOK. Die Preise für die so genannten „Dankeschöns“ entsprechen im Grunde dem üblichen Preis des Heftes, des Abos und des Memberclubs. Das eingenommene Geld fließt zu 100% in die Honorare von Autoren, Grafikern und Fotografen.

Warum macht Ihr es (so)?
Warum ist ganz schnell erklärt: Durch Corona sind unsere Anzeigen Online und Print zu 90% eingebrochen.
Warum startnext? Bei MUCBOOK und dem dazugehörigen Medienhaus gehört der Purpose-Ansatz zum Leitmotiv der Strategie. Unser Haus steht mit seinem ganzen Handeln für eine bestimmte Haltung von verantwortungsvollem Wirtschaften und nachhaltig orientierten Unternehmertum. Es geht uns nicht um Gewinnmaximierung, sondern darum, der Stadtgesellschaft mit unseren Inhalten einen Mehrwert zu bieten.

Startnext ist mit seinem Selbstverständnis also die perfekte Plattform. Zusätzlich gibt es eine Sonderaktion zu Corona, die das Mindestziel aussetzt und die Einnahmen ohne Provision auszahlt. Auch durch seine Benutzerfreundlichkeit bietet sich die Plattform besonders gut an.

Wir haben für Grün&Gloria vor einigen Jahren schon einmal ein erfolgreiches Crowdfunding auf Startnext durchgeführt.

Wer soll sich dafür interessieren?
Alle Münchner, die sich für Nachhaltigkeit, Innovation und Kreativität in ihrer Stadt interessieren.
Und alle Menschen, für die ein Magazin nicht nur Nachrichtenwert hat, sondern das Zusammenwirken von Text, Foto und Grafik als Gesamtkunstwerk ansehen.

Wie geht es weiter?
Alles ist offen, in dieser Zeit. Es kann sein, dass es das letzte MUCBOOK-Print-Magazin wird, es kann aber auch sein, dass MUCBOOK gestärkt aus der Krise hervorgeht und zukunftsfähiger ist als vor Corona.
Ich bin ein großer Befürworter des leserfinanzierten Journalismus. Der jetzige plötzliche Zusammenbruch vieler Anzeigenmärkte wird LeserInnen überall im Lande in die Verantwortung zwingen, über den Fortbestand ihres Mediums mitzuentscheiden: Helfe ich mit, das Magazin oder die Zeitung zu erhalten, oder wird es mir nicht besonders fehlen? Bei MUCBOOK haften an der Schicksalsfrage lediglich 10.- Euro Abo oder 50.- Euro Memberclub im Jahr. Wir sind zuversichtlich, dass das gestiegene Qualitätsbewusstsein der Menschen für regionale Lebensmittel und fair gehandelte Produkte nicht ausgerechnet vor dem Journalismus halt macht.

Was sollten mehr Menschen wissen?
MUCBOOK ist ein dreidimensionales Stadtmagazin. Angefangen hat alles 2009 als Meta-Blog der Münchner Blogger-Szene. Nachdem alle anderen Stadtmagazine in München ihre Kiosk-Ausgaben eingestellt hatten, konzipierte MUCBOOK 2014 unter dem Motto „Blog goes Print“ ein neuartiges Stadtmagazin für die Zeitschriften-Liebhaber. Der Trend zum Live-Journalismus führte 2019 zum eigenen MUCBOOK CLUBHAUS, das mit konzeptionellen Zwischennutzungen in München Raum für die Stadt ohne Platz bietet. Derzeit gibt es drei MUCBOOK CLUBHAUS-Standorte die auf Flächen zwischen 300 und 2.500 Quadratmetern nach Corona wieder inspirierende Events, eine kreative Community und Co-Workingflächen anbieten.

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Glück auf! Wir sind nicht allein (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist der etwas ungewöhnliche Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Er steht in diesem Monat unter dem Eindruck der ?Corona-Ausnahmesituation.

Ich komme gebürtig aus dem Ruhrgebiet. Das finde ich ziemlich gut. Auch wenn Menschen von woanders nicht sofort auf „ziemlich gut“ kommen, wenn sie aufs Ruhrgebiet angesprochen werden. Das ist aber das Problem von woanders.

Trotzdem gibt es nur wenig, was mir unangenehmer ist, als Ruhrpottkitsch, also die Romantisierung von Dingen, die man für irgendwie „typisch“ hält – für die aber meist gilt, was Frank Goosen völlig zurecht auf den Punkt gebracht hat als: „Woanders ist auch scheiße“.

Besonders anfällig für Ruhrpottkitsch sind alle Dinge, die mit dem Bergbau zusammenhängen (Foto: feinster ?Ruhrpottkitsch aus der Schalke-Arena, wo 60.000 Menschen das Steigerlied singen, das mit „Glück auf, der Steiger kommt“ beginnt). Ehrlich gesagt hätte ich bis vor wenigen Tagen sogar zugestimmt, wenn jemand gesagt hätte, dass jede Anspielung auf den Bergbau voller Ruhrpottkitsch steckt. Dass ich mittlerweile eine Ausnahme für den Gruß Glück auf! machen würde, hängt mit der Ausnahmesituation zusammen, in der die Gesellschaft durch das Coronavirus und seine Folgen steckt.

Mit Glück auf! grüßten sich Bergleute unter Tage, also in den Kohlestollen tief unter der Erde. Glück auf! war Selbstbeschwörung und Wunsch für die anderen gleichmaßen. Glück auf! war Ausdruck der gemeinsamen Hoffnung, bald wieder „nach oben“ zu kommen: also sicher und gesund die beklemmende Enge in den Stollen zu verlassen, in der man nicht mal die Arme ausstrecken geschweige denn aufrecht stehen konnte. Kauern Sie sich bis zum Ende dieser Lektüre einfach mal auf den Boden, dann können Sie verstehen, was für eine Befreiung in diesem Gruss steckt: Glück auf! war das gegenseitige Versprechen von Sonne und Licht in der tiefen Dunkelheit.

Sie können wieder aufstehen. Denn Glück auf! ist vor allem noch heute der freundlichste Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung, die leider viel zu oft in der Augenhöhe-Floskel verhunzt wird. Mit jedem Glück auf! wird greifbar, dass hier zwei ein Schicksal teilen. Es sagt: „Wir stecken hier fest – aber zusammen.“ In jedem Glück auf! klingt deshalb immer sehr deutlich das Versprechen: Wir sind nicht allein!

„We are in it together“ ist das dominierende Gefühl, das ich mit der aktuellen Ausnahmesituation verbinde. Wir stecken alle zusammen hier fest. Und mit wir meine ich die tatsächlich nichts weniger als „die Menschheit“. All die Grenzen, die man uns hinsozialisiert hat, sind plötzlich wertlos: Dem Virus ist egal, woran der Kopf auf dem Körper glaubt, den es infiziert. Auch die Hautfarbe, das Geschlecht, das Gewicht, die Größe und all die anderen Dinge, von denen wir glauben, dass sie uns irgendwie bestimmen, spielen für das Virus keine Rolle. Sprache? Nationalität? Politische oder sexuelle Präferenzen? Für das Virus: alle gleich!

Noch vorsichtiger als mit Ruhrpottkitsch sollte man mit Botschaften sein, die man irgendwo rauslesen will. Aber hier muss man nicht mal genau hingucken um zu erkennen: All die Spaltungen der vergangenen Jahre sind mit einem unachtsamen Husten neben die Ellenbeuge hinfällig. All die Nationalisten und religiösen Fanatiker, die daran glaubten, etwas Besseres zu sein, verlieren ihre Grundlage. Im Angesicht des Virus spielt es keine Rolle, was du zu Thema x meinst oder ob du womöglich (Skandal!11!!!) anderer Meinung bist als ich.

Ich markiere mir genau diese Erinnerung in Pocket (oder einem anderen Readit-Later-Dienst) um wieder dran zu denken, wenn demnächst irgendeine Umweltsau durchs Dorf gejagt wird. Denn ich glaube fest daran, dass wir diese beklemmende Enge der Corona-Ausnahmesituation irgendwann wieder verlassen können. Und wenn wir dann wieder über Tage sind, will ich mich genau daran erinnern können – und ein wenig wie das Virus auf all die Konflikte und Spaltungen gucken: Sind halt alles Menschen!

Als kleine Erinnerung daran verwende ich deshalb den Gruß Glück auf! wenn ich Menschen in räumlicher (nicht sozialer) Distanz signalisieren will: „Wir stecken hier fest – aber zusammen.“
Das ist so ähnlich wie das freundliche Bleiben Sie gesund!, das ich in diesen unruhigen Tagen immer wieder höre – und das mich jedes Mal kurz zucken lässt. Diese drei Worte wecken bei mir stets den Eindruck, Gesundheit sei etwas, das man sich vornehmen kann, das davon abhängt, dass man es aktiv tut. Klar, es gibt einige Regeln für die aktuelle Corona-Lage, die im Sinne der Gesundheit verbreitet werden. Aber grundsätzlich zeigt die aktuelle Situation doch vor allem das: Gesundheit ist nichts, was man sich vornehmen kann.

Der Wunsch besagt natürlich viel mehr. Er sagt: Kommen Sie gut durch diese Zeit. Er ist ein Ausdruck von Empathie und Freundlichkeit. Und er ist auch deshalb so erstaunlich, weil man ihn in Zusammenhängen hört, wo bisher weniger Platz war für Empathie und Freundlichkeit. Deshalb denke ich mir bei jedem Bleiben Sie gesund! immer ein kleines Bleiben Sie menschlich! hinten dran. Weil das für mich einschließt, dass man daheim bleibt, auch wenn man selber nicht zur Risikogruppe zählt. Weil es daran erinnert, dass man anderen hilft, dass man nur soviel kauft wie man selber braucht und keine unsinnige Gerüchte verbreitet.

Bleiben Sie menschlich, bleiben Sie gesund – das beides und noch einiges mehr steckt in dem Gruß, den ich mit diesem Newsletter verschicken will: Glück auf! ist in diesen dunklen, engen Tagen ein Versprechen von Licht, Weite und Menschlichkeit!

loading: das Veto-Magazin auf Startnext

„Veto ist das neue und einzige Print-Magazin, das die Engagierten im Land in den Fokus der Berichterstattung rückt“ steht auf der Startnext-Seite, die Tom Waurig und sein Team ins Netz gestellt haben. Sie wollen ein Magazin für Engagement drucken. Dazu haben sie das Crowdfunding gestartet – und Tom hat den loading-Fragebogen beantwortet.

Was macht Ihr?
Mit unserem Magazin Veto machen wir Engagement im Land sichtbar und zeigen all denen, die finden, dass es höchste Zeit ist, sich einzumischen, wie es gehen kann. Veto ist zuallererst ein Magazin, aber auch eine Plattform für jene, die sich auf den Weg gemacht haben, die Demokratie wiederzubeleben und unsere offene Gesellschaft zu verteidigen. Mit der journalistischen Arbeit haben wir Anfang 2019 online begonnen. Ab diesem Jahr soll es Veto auch am Kiosk geben, um den Engagierten dort eine mediale Bühne zu geben – viermal im Jahr und mit 96 Seiten pro Heft. Dazu haben wir Crowdfunding gestartet

Warum macht Ihr es (so)?
Weil es offensichtlich langweilig geworden ist, über das Gute zu berichten. Das muss sich endlich ändern – und Engagement raus aus der Nische! Magazine und Zeitschriften gibt es viele, auch viele gute. Doch Engagierte und ihre mutigen Ideen finden dort leider oft nur am Rand statt, zu besonderen Anlässen oder es werden Menschen gezeigt, die viele sowieso schon kennen. Mit Veto füllen wir diese Lücke, teilen die Erfahrungen und Ideen der Engagierten im Land mit anderen. Und weil Engagement ein so weites Feld ist, sind auch die Themen extrem vielfältig – Diversität, Klimagerechtigkeit, Demokratie, Tierschutz, Gleichberechtigung. Diese Liste ließe sich endlos erweitern. Denn überall gibt es Menschen, die sich für unterschiedliche gesellschaftliche Fragen einsetzen. Wir müssen sie nur kennenlernen.

Wer soll sich dafür interessieren?
Im ganzen Land wollen wir vor allem Engagierte erreichen – Menschen also, die haupt- oder ehrenamtlich in Initiativen, Vereinen, Verbänden oder Stiftungen arbeiten und dort organisiert sind. Auch sind die Inhalte für Menschen in Politik und Verwaltung gedacht, die sich mit Demokratie, Rechtsextremismus oder Engagement beschäftigen. Veto soll es aber auch am Bahnhofskiosk geben. Denn durch die Aufnahme von Geflüchteten, das Aufkommen der AfD oder Pegida und die daraus folgenden Diskussionen sind Themen wie politische Bildung, Ausgrenzung, Radikalisierung oder Demokratieförderung längst keine mehr, die nur jene Menschen bewegen, die betroffen oder in Initiativen organisiert sind. Heute sind es Fragen, die eine breite Masse bewegen, weil viele nach Beispielen suchen, die Mut machen, und Ideen liefern, wie sie sich selbst einbringen können.

Wie geht es weiter?
Die erste Ausgabe ist im Layout – und wir warten darauf, wie unser Crowdfunding ausgeht. Mit erfolgreicher Finanzierung machen die Menschen aus einer Vision Realität und schicken das Magazin in den Druck! Denn ohne Geld funktioniert leider auch die beste Idee nicht. Deshalb sind wir auf der Suche nach Menschen und Organisationen, die uns bei der Verwirklichung helfen, unsere Leidenschaft für Engagement teilen und an die Botschaft des Magazins glauben. Journalismus kostet nämlich auch Geld, vor allem bei Druck und Layout, aber genauso um all jene, die für uns schreiben oder diese so besonderen Fotos machen, angemessen zu bezahlen. Und online machen wir parallel zu Print weiter.

Was sollen mehr Menschen wissen?
Wer ist das eigentlich, diese Zivilgesellschaft? Diese Frage wollen wir mit unserem Magazin Veto beantworten – und anderen Menschen näherbringen. Denn während die Politik weiter nach Antworten auf gesellschaftliche Frage sucht, haben sich Engagierte längst auf den Weg gemacht, die Welt ein bisschen besser zu machen. Und sie helfen überall dort, wo Menschen in Not sind, sie greifen ein, wenn andere ausgegrenzt werden und suchen nach innovativen Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen. Doch erfolgreiche Strategien und Projekte werden nur sehr selten kommuniziert oder untereinander geteilt. Die Aktiven brauchen daher vor allem eine starke Stimme. Und: Sie brauchen Wertschätzung für ihre Arbeit.

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Gegen die Corona-Panik

Als ich diesen Text Anfang März anlegte, war die Corona-Lage noch vergleichsweise entspannt. Mittlerweile hat sich nicht nur die medizinische Situation verändert. Auch der Umgang mit dem Virus hat eine andere Phase erreicht. Deshalb hier Hinweise auf Projekte, die nach diesem Text entstanden:

– eine Podcast-Folge über Falschmeldungen und Gerüchte
– ein SZ-Text mit 10 Ratschlägen gegen Gerüchte
– ein Live-Format mit der VHS Südost zum Thema Kommunikation in der Krise – hier kann man den Stream im Re-Live anschauen.

Medienkompetenz, darin sind sich alle schnell einig, ist eine wichtige Fähigkeit, die Schülerinnen und Schüler dringend lernen müssen. Dass Medienkompetenz aber auch von den Menschen erlernt werden muss, die gar nicht mehr in eine Schule gehen, zeigen die vergangenen Tage und der mediale Umgang mit dem so genannten Corona-Virus.

Mein Kollege Patrick Illinger hat in der SZ aufgeschrieben, warum der Umgang mit dem Erreger so kompliziert ist und ist dabei zu dem Schluss gekommen: „Panik wäre jetzt jedenfalls die falsche Reaktion, auch wenn die Fallzahlen steigen. Schon frühere Epidemien haben gezeigt, dass übersteigerte Angst fataler sein kann als das Virus.“

Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, ein Update für die Seite #gegendiepanik zu verfassen – und uns daran zu erinnern, dass jede und jeder dazu beitragen kann, ob sich eine virale Form der Hysterie verbreitet. Denn auch dein persönliches Verhalten ist dazu angetan, deine Mitmenschen anzustecken – mit Panik und irrationalen Reaktionen. Das gilt in so genannten Breaking-News-Situationen (wie bei dem Terror-Anschlag am OEZ) genauso wie im aktuellen Umgang mit dem Corona-Virus. Das, was du postest und weiterleitest kann andere in Panik versetzen (Foto: unsplash). Es ist deshalb ratsam, vorher darüber nachzudenken – wie man sich verhält.

Hier sieben ganz unmedizinische Hinweise (wer es medizinischer mag: Hier ein Text gegen die Panik)

1. Ich bin mir bewusst, dass eine von mir verbreitete Information gerade bei Freunden als verlässlich wahrgenommen wird. Dieser Verantwortung meinen Freunden gegenüber versuche ich gerade in unübersichtlichen Situationen wie dem Corona-Fall gerecht zu werden – und poste deshalb nicht unüberlegt und aus reiner Angst heraus.

2. Bevor ich etwas veröffentliche oder an meine Freunde schicke, atme ich dreimal tief durch – und suche mindestens zwei verlässliche Quellen für die Informationen. Es gibt in solchen Situationen immer wieder Betrüger, die bewusste falsche Informationen verbreiten – wie die WhatsApp-Botschaft ab nächster Woche würden Geschäfte nur noch zwei Stunden öffnen. Das stimmt nicht.

3. Ich verbreite keine Gerüchte! Ich halte mich nur an bestätigte Informationen und versuche mich von Spekulationen fernzuhalten. Deshalb halte ich mich an offizielle Stellen, an seriöse Medien und verifizierte Accounts! Twitter weist zum Beispiel unter dem Hashtag #coronovirus ganz oben auf den Account der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hin.

4. Ich bin mir bewusst, dass derartige Nachrichtenlagen Betrüger anziehen, die mit Absicht Fotomontagen und bewusste Lügen verbreiten. Die Falschmeldung, Daniel Radcliffe sei erkrankt, ist ein abschreckendes Beispiel dafür. Ich unterstütze dies nicht durch unvorsichtiges Weiterverbreiten – auch nicht um sie zu widerlegen oder ihnen zu widersprechen. Das ist das Ziel dieser Form der Betrügerei: die aktuelle Aufmerksamkeit für ihre Interessen zu nutzen.

5. Ich hüte mich davor, sofort Problemlösungen zu verbreiten. Ich kenne den Reflex des „kommentierenden Sofortismus“ (Bernhard Poerksen) und folge ihm nicht. Ich verbreite keine einseitigen Schuldzuweisungen und gebe diesen auch durch Retweets und Zitate keine Bühne. Dies gilt besonders für Rassismus, der sich durch das Virus zeigt.

6. Egal wie schlimm die Situation sich anfühlen mag, ich werde nicht in Panik verfallen und selber dazu beitragen, dass noch mehr Menschen in Angst überreagieren. Ich versuche durch mein eigenes Verhalten Social-Media-Gelassenheit zu verbreiten.

7. Dazu zählt auch, dass ich mich zunächst an die Ratschläge der offiziellen Stellen halte und mich dort informiere, welches Verhalten angemessen ist. Panik zählt nicht dazu.

Hintergrund zu dem ursprünglichen Text gibt es hier

Das Thema ?Corona-Krise hat sich zu einem kleinen Schwerpunkt im Blog in diesem Monat entwickelt – unter dem ?Schlagwort gibt es noch mehr Artikel

„E-Mail ist die neue Homepage“ – über bessere Newsletter

Kennen Sie Morning Brew? Haben Sie schon mal von TheSkimm gehört oder von Next Draft? Dabei handelt es sich um Angebote, die man als „newsletter first media“ beschreiben kann. Als Medien also, die Newsletter nicht als verlängerte Marketingmaßnahme oder Digitalverstärker für einen davon unabhängigen Inhalt ansehen, sondern im Newsletter selbst das Angebot erkennen, das das Interesse von Nutzer*innen erfüllt.

Im digital interessierten Deutschland ist das irrigerweise Blog genannte Socialmediawatchblog von Martin, Simon und Tilman das bekannteste Beispiel für diese Form von Newsletter-Medien. Für ihren unbedingt empfehlenswerten Newsletter (hier bestellen) haben sie den hierzulande populären Namen Briefing gewählt. Auch das Handelsblatt (Morningbriefing), der Tagesspiegel (Entscheider-Briefing) mein ehemaliger Kollege Nikolaus Röttger (Ki-Briefing), die Mediapioneers (Tech-Briefing etc.) und viele andere nutzen den vom englischen „Einsatzbesprechung“ abgeleiteten Begriff, der kurze, handlungsbezogene Informationen versprechen soll (Foto: unsplash).

„Email hat die klassische Zeitung ersetzt und aus einer digitalen Perspektive ist Email die neue Homepage“, zitiert digiday den Marketingchef von Morning Brew, der in dem Text den staunenden Medienmachern erklärt, dass man allein mit Newslettern Geld verdienen kann. „Newsletter“, so sein Fazit, „sind der Schlüssel um ein Verhältnis zu den Leser*innen aufzubauen.“
Anlass für den Bericht waren aktuelle Zahlen, die die Marketing-Abteilung von Morning Brew veröffentlicht hatte: deren täglicher Wirtschaftsnewsletter, der aus einer Uni-Idee zweier Studenten entstand, kommt aktuell auf 1,8 Millionen Abonennten und will bis zum Ende des ersten Quartals 2020 auf zwei Millionen Abonennten kommen.

Das ist erstaunlich und taugt zu Meldungen über den Erfolg des eigentlich ja alten Mediums „Email“ (mein Liebesbrief an die Technologie steht hier). Richtig spannend sind diese Zahlen aber erst, wenn man der Frage nachgeht: Wo kommen sie her?

Die Antwort auf diese Frage legt das grundlegene Missverständnis des Journalismus offen: Ich bin sozialisiert mit der Haltung „gute Geschichten finden ihre Leser“. Daraus leiten manche Kolleg*innen die Annahme ab, dass guter Journalismus sich einzig auf gute Geschichten konzentrieren müsse und dann schon Erfolg haben wird. Dass die Kunst, Leser*innen zu gewinnen und zu begeistern ebenfalls eine journalistische Aufgabe ist, gerät dabei manchmal etwas aus dem Blick.

„Natürlich ist der Inhalt super wichtig“, erklärt Annemarie Dooling, die bei Vox Media (und jetzt beim Wall Street Journal) für Enagement über Newsletter zuständig war, in diesem Interview. „Aber es gibt diesen riesigen Bereich mit Dinge, an die niemand im Unternehmen dachte, weil sie zu technisch oder marketinglastig sind.“

Wie die Macher*innen von Morning Brew das gemacht haben, kann man in diesem Medium-Post nachlesen. Dort beschreibt Tyler Denk, Produktchef von Morning Brew, wie sie mit Hilfe eines „Leser werben Leser“-Programms neue Abonent*innen gewonnen haben. In der Sprache des Web nennt man dieses Empfehlungs-System „Referral-Marketing“ und beschreibt damit die Möglichkeiten, über Links, die man persönlich zuordnen kann, diejenigen zu identifizieren und zu belohnen, die viele neue Leser*innen angeworben haben. Wer dabei besonders erfolgreich war, hat Produktvorteile zum Beispiel bei Dropbox bekommen, konnte aber vor allem einen zusätzlichen exklusiven Sonntags-Newsletter bestellen. Das Referreal-Programm ist ziemlich ausgefeilt, es zeigt aber vor allem: Newsletter sind nicht nur ein Kommunikationstool um mit Leser*innen in Kontakt zu bleiben, Newsletter können auch Leser*innen zu Werbenden für den Inhalt machen:

It’s helped turn readers into evangelists and evangelists into walking advertisements. It’s the ultimate 1 + 1 = 3 scenario that makes all of our acquisition channels X times more effective.

Ich finde das aus einer journalistischen Perspektive äußerst spannend. Es öffnet den Blick auf die Möglichkeiten, die sich abseits des Inhalts ergeben, wenn man das vernetzte Umfeld des Internet ernst nimmt. Das möchte ich künftig etwas genauer verfolgen, deshalb habe ich die Domain briefingbriefing.de reserviert und sammle dort interessante Links und Interviews zum Thema Newsletter und Emails im journalistischen Kontext. Neuigkeiten auf der Seite verlinke ich hier im Blog – aber natürlich vor allem in meinem eigenen monatlichen Digitale-Notizen-Briefing.