Alle Artikel in der Kategorie “Print

Die ankündigende Zusammenfassung (IJ02)

In diesem Blogeintrag wirst du lernen, warum derartige Vorbemerkungen (die ich ankündigende Zusammenfassungen nenne) zur Zeit überall auftauchen und welche Rolle sie beim Konzept des inspirierenden Journalismus spielen. Mehr zum Thema Inspirierender Journalismus gibt es hier im Blog:

Inhaltsverzeichnis
> Definition: Was ist inspirierender Journalismus?
> Zusammenfassung
> Sprungmarken für die SEO-Optimierung

Es reichen sechzig Sekunden.
Das „Die Zerstörung der CDU“ genannte Video dauert zwar insgesamt fast 55 Minuten, doch um zu verstehen, wie Rezo den Journalismus nachhaltig verändert hat, reichen die ersten Sekunden seines Videos. Er beginnt die Zerstörung nämlich mit der Ankündigung dessen, was er im Folgenden tun wird: Zerstören. Im Original-Ton klingt das so…

„Ich werde in diesem Video zeigen, wie CDU-Leute lügen, wie ihnen grundsätzliche Kompetenzen für ihren Job fehlen, wie sie gegen deutliche Experten-Meinung Politik machen, wie sie sich augenscheinlich an verschiedenen Kriegsverbrechen beteiligen, wie sie Propaganda und Unwahrheiten gegen die junge Generation einsetzen, wie bei ihrer Politik in den letzten Jahrzehnten die Reichen immer mehr gewinnen und alle anderen immer mehr ablosen und ich zeige, dass nach der Experten-Meinung von zigtausenden deutschen Wissenschaftlern, die CDU aktuell unser Leben und unsere Zukunft zerstört.“

… und fasst auf diese Weise vorab zusammen, was nun folgen wird. Ich nenne diese Form der vorangestellten Bewertung: Ankündigende Zusammenfassung. Rezo nutzt diese Form in zahlreichen seiner Videos und auch außerhalb von Clips sehen wir die ankündigende Zusammenfassung, die auch in wissenschaftlichen Texten, in der so genannten Management Summary oder ganz banal in einem „Take away“ genannten Wissenskondensat (Foto: Unsplash) Anwendung findet, immer häufiger.

Warum ist das so?
Ich sehe dafür zwei Hauptgründe. Der erste ist technischer, der zweite inhaltlicher Natur.

Der technische Grund liegt an den Suchmaschine genannten Filter-Robotern, die durchs Web krabbeln, Informationen einsammeln und bewerten. Für die Gewichtung sind ankündigende Zusammenfassungen Gold wert. Am besten so wie im oberen grauen Kasten: mit Definition, Sprungmarken und Schlagworten, die eine interne Verlinkung und Bezugnahme zeigen und möglichst alle relevanten Begriffe in dem Kontext „Was ist eine ankündigende Zusammenfassung?“ oder „Definition: Ankündigende Zusammenfassung“.

Dieses Inhaltsverzeichnis spiegelt dem menschlichen Auge eine Art Übersichtlichkeit vor, sie zeigt, was auf dieser Seite zu erwarten ist und bringt die wichtigsten Begriffe auf den Punkt – aber es ist gar nicht fürs menschliche Auge geschrieben. Diese ankündigende Zusammenfassung ist für die Suchmaschinen geschrieben worden. Sie sollen helfen, Menschen auf die entsprechenden Seiten zu führen. Das funktioniert so gut, dass man ankündigende Zusammenfassungen mittlerweile auf allen Seiten findet, die so genannten evergreen-content in so genannten verticals sammeln. So nennt man nämlich Inhalte, die nicht tagesaktuell sind und hohes Suchvolumen versprechen. Menschen, die sich für ein bestimmtes Thema interessieren (das in den Schlagworten möglichst umfänglich eingegrenzt werden sollte), werden auf diesem Weg von ihrem Suchinteresse auf Webseiten geführt. Klassische journalistische Nachrichtenfaktoren wie Aktualität oder Nähe spielen hier eine immer geringere Rolle, wichtiger sind Schlagwort-Dichte, glaubwürdige Aufmachung und ein deutliches Nutzungsversprechen, das in der ankündigenden Zusammenfassung ausformuliert wird.

Damit kommen wir zum inhaltlichen Grund für den Siegeszug der ankündigenden Zusammenfassung: Sie stellt das Interesse der Nutzer:in in den Mittelpunkt und zeigt – in your face! – warum es diesen Text oder Beitrag überhaupt gibt. Wer ein konkretes Beispiel für die von Simon Sinek formulierte „Start with the Why?“-Theorie sucht: die ankündigende Zusammenfassung liefert genau dies, die Antwort auf das Warum? für diesen Beitrag oder Text.

Warum veröffentlicht Rezo ein Video wie Die Zerstörung der CDU? Die Antwort findet sich in den ersten sechzig Sekunden seines Clips. Und genau in diesen sechzig Sekunden kann man deshalb auch ablesen, was inspirierenden Journalismus ausmacht: er liefert seinen Leser:innen einen Grund, eine Antwort auf die Frage „Warum soll ich das jetzt lesen?“.

Ich habe zum Thema Inspirierender Journalismus bereits hier geschrieben und werde 2021 noch mehr dazu veröffentlichen. Wenn Sie sich dafür interessieren, empfehle ich Ihnen meinen kostenfreien monatlichen Newsletter. Wenn Sie zu dem Thema etwas beitragen möchten oder eine Anmerkung haben, lade ich Sie ein: Schreiben Sie mir (die Kontaktadresse finden Sie im Impressum). Einige Leser:innen haben mir (vielen Dank!) bereits geschrieben. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Austausch im Jahr 2021 hier im Blog Niederschlag finden wird.

Inspirierender Journalismus (Digitale Dezember-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Dezember-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Sie ist inspieriert von meiner Arbeit im Laufnewsletter Minutenmarathon für die SZ.

Gute Produkte schaffen Veränderung. Als Konsument spüre ich während und nach der Nutzung einen Unterschied: eine gute Pizza schmeckt mir und macht mich satt. Dafür bin ich bereit zu bezahlen.

Journalismus, der nach neuen Geschäftsmodellen sucht, muss in dem Sinn zu einem guten Produkt werden. Er muss eine Veränderung bei seinen Nutzer:innen schaffen. Sie müssen sich nachher anders fühlen als vorher: informierter, erfrischter, schlauer. (Foto: unsplash)

Dieses beide Erkenntnisse stehen am Ende eines Jahres, das im deutschsprachigen Journalismus einen deutlichen Trend sichtbar gemacht hat: Digitales Bezahlen wird immer wichtiger. Alle relevanten Player im deutschsprachigen Journalismus (Disclaimer: Ja, auch mein Arbeitgeber) haben in den vergangenen Monaten ihre digitalen Abos inhaltlich erweitert und in der Masse ausgebaut. Neben der Frage nach der Zugänglichkeit und Usability der Angebote wird in dem Zug künftig ein Aspekt in den Mittelpunkt rücken, der bisher eher am Rand steht: die Frage nach den Inhalten. Wie muss Journalismus beschaffen sein, damit er einen Unterschied zwischen vorher und nachher schafft?

Die (über die reine Nachricht hinausgehende) Antwort, mit der die Branche bisher arbeitet, stammt von der New York Times und lautet: „Stories to help you understand the world – and make the most of it.“ Das ist die Unterzeile des Smarter Living Angebots aus New York, das man in Abwandlungen seit einigen Monaten auch in Hamburg, Berlin und München findet. Früher hätte man von Nutzwert gesprochen, heute geht es um Smarter Living-Ideen. Beides ist irgendwie richtig, aber dennoch nicht umfassend genug. Denn diese Form des Ratgeber- oder Beratungs-Journalismus, der in Fach-Interviews, Ich-Geschichten oder Produktlisten mithelfen will, den Alltag irgendwie besser zu gestaltet, ist nur ein Aspekt (meine eigenen Erfahrungen mit dem Thema können Sie übrigens im Minutenmarathon verfolgen). Ich würde mir darüberhinaus einen Journalismus wünschen, der nicht nur in Fragen der Wohnzimmergestaltung, Lebensführung oder des Liebeslebens hilft „most of it“ zu machen. Damit rücken die großen Medienmarken immer weiter in den Bereich der Fachtitel vor – und etablieren eine Beratungskraft für private Selbstoptimierung. Auf der Ebene dessen, was man Gesellschaft oder Politik nennt, bleibt aber die Frage, die ich eingangs gestellt habe: Wie muss politischer Journalismus beschaffen sein, damit er einen Unterschied zwischen vorher und nachher schafft?

Seit etwa zehn Jahren geistert ein Begriff durch die Branche, der immer wieder und immer noch für Diskussionen sorgt: Konstruktiver Journalismus hat es sich zur Aufgabe gemacht, Berichterstattung lösungsorientiert zu machen: „Konstruktiver Journalismus will zum Ausdruck bringen, wie Veränderung möglich ist, und hebt die Rolle hervor, die jedes Mitglied der Gesellschaft spielen kann, um sie zu fördern“, heißt es auf der Wikipedia-Seite und in dem Satz ist das gesamte Konfliktpotenzial angedeutet, das die Diskussionen über Konstruktiven Journalismus prägt. Ich will diese Diskussionen hier nicht wiederholen, weil sie selbst kaum mehr konstruktiv scheinen. Ich glaube, es braucht im Gegenteil einen Begriff, der weniger schönfärbend klingt und gleichzeitig das Potenzial hat, den Smarter Living-Ansatz auf den klassischer Weise als hart bezeichneten Journalismus zu übertragen.

Mein Vorschlag lautet: Journalismus, der langfristig digitale Bezahlmodelle begründen will, muss inspirierender Journalismus sein. Er muss nicht zwingend Nutzwert, aber stets Denkwert liefern: eine Idee, einen Gedanken oder Perspektivwechsel inspirieren. Er muss seinen Leser:innen das Gefühl geben, nachher mehr Möglichkeiten zu haben, mehr Dinge (und vielleicht auch Lösungen) zu sehen. Das kann durch konkrete Tipps geschehen, aber auch durch besondere sprachliche Formulierung oder neue Stimmen, die ein „So habe ich das noch gar nicht gesehen“ anstoßen. Journalismus auf diese Weise zu denken, schließt die Emotionen ein, die er bei seinen Leser:innen auslöst. Zum „Sagen, was ist“ kommt ein „Was macht das mit mir?“, das in guten Fällen sogar konkrete Handlungen beschreiben kann. Das schließt erstens die Reflektion des aktuellen Geschehens ein und führt zweitens zu der automatischen Frage, die man aus guten weil zielorientierten Meetings kennt: „Wie geht es weiter?“ Journalismus, der sich so positioniert, macht Inspiration zum Call-to-Action für gegenwärtigen Berichterstattung.

Im digitalen Marketing spricht man davon, dass Kontaktpunkte zu einem Aktionsaufruf führen sollen: Der CTA genannte Call to Action soll meist zu einem (Kauf-)Abschluss führen. Ich glaube, dass gegenwärtiger Journalismus einen Call to Inspiration braucht. Wer so denkt, kommt nicht umhin sich intensiver mit seiner Leser:innenschaft zu befassen: „Wen will ich erreichen?“ ist die Ausgangsfrage für jedes öffentliche Projekt. Journalismus bildet da keine Ausnahme. Im Gegenteil: Guter Journalismus muss darüberhinaus fragen „Wen will ich inspirieren?“ – und dann Wege und Worte finden, um diese Inspiration zu erzeugen, nachzuweisen und fortzuführen.

Deshalb endet auch dieser Text mit einem Inspirations-Aufruf: Schreiben Sie mir (Kontakt finden Sie, aber kein Bot, im Impressum) und sagen Sie mir, wo Sie inspirierenden Journalismus finden? Und wenn Sie mögen können Sie im zweiten Schritt auch ergänzen wie Sie das finden. Denn das Thema wird nicht nur die gesamte Branche in 2021 begleiten, auch mein Newsletter „Digitale Notizen“ wird künftig davon handeln. Den können Sie hier kostenfrei bestellen.

Überall Nuhr Rassisten?

Man muss Dieter Nuhr dankbar sein. Dem ARD-Witzemacher, der sich als Kämpfer gegen den Zeitgeist inszeniert, ist diese Woche eine erstaunliche Vorlage zur Aufklärungsarbeit geglückt. In der ARD-Sendung „Nuhr im Ersten“ hat er eine Buch-Cover-Kritik zu dem unbedingt empfehlenswerten Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ angefertigt. Dabei nannte er (ab Minute 16) den ersten Teil des Titels (den zweiten lies er erstaunlicher- und passenderweise weg) und sagte:

Das hätte mich vielleicht sogar interessiert, aber mir war der Titel ein bisschen zu rassistisch. Zu glauben, die Hautfarbe, ob weiß oder schwarz egal, bringe automatisch eine bestimmte Haltung mit sich: das ist ja klassischer Rassimus.

Danach behauptet er noch, das Buch der Kölnerin (Nippes!) Alice Hasters sei „in den USA ein Riesen-Renner“ gewesen und deshalb „maßgeblich dafür verantwortlich, dass es so etwas wie Donald Trump geben konnte“. Der letzte Teil ist blanker Unsinn, weil das Buch bisher nur auf deutsch erschienen ist. Aber auch der erste Teil ist keine mutige Meinung, die Nuhr hier zum besten gibt, sondern Ausdruck einer erstaunlichen Unkenntnis, der man nicht mit Widerspruch, sondern nur mit Bildung begegnen kann: In seiner „Form der Schein-Intellektualität“ zeigt Dieter Nuhr nämlich vor allem wie wenig er über das Thema Rassismus und strukturelle Diskriminierung weiß.

Es handelt sich hier also nicht um einen Meinungsstreit, sondern um einen Mangel an Bildung. Weshalb die beste Antwort auf Nuhrs Beitrag nicht Widerspruch, sondern die Empfehlung ist: Lies das Buch!

Es ist Ausdruck eines großen Privilegs, dieses Wissens nicht zu haben. Und genau dafür hat Alice Hasters ihr Buch geschrieben. Hätte Dieter Nuhr oder wenigstens irgendeine Mitarbeiter:in beim Sender das Buch auch nur kurz in die Hand genommen, hätten sie erstens gemerkt, dass der US-Bezug nicht funktioniert, sie hätten aber vor allem gelesen, dass Alice Hasters direkt auf den ersten Seiten des Buches die Antwort auf den Vorwurf gibt, den Nuhr formuliert.

Es gibt keinen Rassismus gegen Weiße – und das liegt daran, dass Rassismus in erster Linie keine private Einstellungsfrage, sondern ein gesellschaftliches Ordnungssystem ist.

Dieter Nuhr vertritt in seinem kenntnisfreien Witzchen eine Ansicht, die mir nicht unbekannt ist und die man erklären kann: Wer „ob weiß oder schwarz egal“ sagt, blendet damit die systemische und strukturelle Ebene des Rassismus aus und tut so als spiele Hautfarbe keine Rolle. Das ist zwar das Ziel anti-rassistischer Politik, so zu tun als sei es bereits erreicht, führt zu der falschen Annahme, der Titel des Buches sei selbst rassistisch. Das ist er nicht – und Alice Hasters erklärt das für alle, die die Fähigkeit aufbringen, das Buch aufzuklappen.

Viele Menschen gehen davon aus, dass grundsätzlich jede Person von Rassismus betroffen sein könnte. Diese Menschen sehen Rassismus als rein individuelle Haltung. Wie ein einzelner Mensch die Welt sich ordnet, hat erst einmal wenig Konsequenzen. Doch Rassismus ist ein System, das mit der Absicht entstanden ist, eine bestimmte Weltordnung herzustellen. Es wurde über Jahrhunderte aufgebaut und ist mächtig. Darin wurde die Hierarchie rassifizierter Gruppen festgeschrieben, und die lautet, ganz grob: Weiße ganz oben, Schwarze ganz unten.

Wer über Rassismus spricht, muss also unbedingt den Kontext mitbedenken und kann aus dem systemischen Problem nicht einfach eine individuelle Privatsache machen. Das ist schwierig, gerade für weiße Menschen, die das Privileg haben, nicht ständig den Mirkoaggressionen ausgesetzt zu sein, die Alice Hasters in dem Buch als Ausdruck von alltäglichem Rassismus beschreibt, der sich auch aufgrund der Geschichte und des Kontext zeigt. Das anzuerkennen ist unangenehm und Dieter Nuhr beweist mit seinem Auftritt, wie Recht sie hat, wenn sie schreibt:

Selten fühlen sich weiße Menschen so angegriffen, allein und missverstanden wie dann, wenn man sie oder ihre Handlungen rassistisch nennt. Das Wort ,Rassismus‘ wirkt wie eine Gießkanne voller Scham, ausgekippt über die Benannten. Weil die Scham so groß ist, geht es im Anschluss selten um den Rassismus an sich, sondern darum, dass ich jemandem Rassismus unterstelle.

Dieses Dilemma wird sich am besten lösen lassen, wenn wir beginnen zu reflektieren, statt Vorwürfe in den Raum zu schleudern. Das Buch hat bei mir genau diesen Reflektionsprozess ausgelöst, in dem ich weiterhin stecke: Ich versuche meine Privilegien zu reflektieren und die Strukturen zu verstehen, die Rasssismus begünstigen. Denn natürlich habe ich individuelle Verantwortung für rassistisches Verhalten, aber gleichzeitig gilt auch: Rassismus…

… ist schon so lang und so massiv in unserer Geschichte, unserer Kultur und unserer Sprache verankert, hat unsere Weltsicht so sehr geprägt, dass wir gar nicht anders können, als in unserer heutigen Welt rassistische Denkmuster zu entwickeln.

Diese Beschreibung hat zentrale Bedeutung für das ganze Buch, das die Kraft hat, den Reflektionsprozess anzustoßen, den die Gesellschaft bräuchte um langfristig gegen Rassismus vorzugehen. Deshalb wäre es so viel sinnvoller, Dieter Nuhr nicht zu beschimpfen, sondern ihm die Lektüre des Buches nahezulegen – weil es ihm hilft, seinen blinden Fleck zu überwinden. Und es hilft nicht nur ihm, sondern allen, die das Glück hatten, sich bisher nicht mit Rassismus befassen zu müssen.

Lest dieses Buch, verschenkt es zu Weihnachten und tragt zunächst die konstruktive Botschaft des Buches weiter, bevor ihr euch Empörung und Streit aussetzt. Bei der Bundeszentrale für politische Bildung (wo es am 10.11. veröffentlich wurde) ist es übrigens schon vergriffen!

Why it has to be Joe Biden!

Bevor die Wahlergebnisse in den USA feststehen (ich hoffe, sie stehen bald fest), muss ich ein großes Lob an den Economist loswerden. Ich habe hier schon darüber gebloggt, weshalb ich die Berichterstattung des Magazins auf allen Kanälen so schätzen, dass ich mich für ein kostenpflichtiges Abo entschieden haben (in Kürze: Journalismus als Dienstleistung, die mich in Kürze auf den Stand der Dinge in einem Themengebiet bringt). Denn der Podcast „Checks & Balances“, die die Economist-Mitarbeiter:innen John Prideaux (US Editor), Charlotte Howard (New York bureau chief) und Jon Fasman (Washington correspondent) in den vergangenen Monaten auf die Beine gestellt haben, zählt mit zu dem besten, was ich an Wahlberichterstattung aus den USA konsumiert habe.

Glücklicherweise haben sie bereits vor zwei Wochen angekündigt, das Audio-Angebot fortzuführen. Das ist auch deshalb spannend, weil man neben den Inhalten Einblicke in die Arbeit des Magazins bekommt, das darauf verzichtet, den Artikeln Autor:innen-Zeilen beizufügen. Das verändert die Art des Journalismus auf eine erstaunliche Weise wie ich finde, weil nicht zuzuordnen ist, wer hinter welchem Text steckt. Im Podcast gibt John Prideaux manchmal Einblick in die Arbeit, so dass man erfährt, dass Charlotte Howard quasi nebenbei noch die Titelgeschichte recherchiert und geschrieben hat.

Dieser besondere Blick hinter die Kulisse ist etwas, was der Economist seinen Abonennt:innen auch in einem besonderen Newsletter gewährt: „An exclusive look at how we decide on our cover“ heißt und ist der Newsletter, der in dieser Woche nicht nur das aktuelle Motiv oben rechts erläutert (bitte ehrlich sein: Wer hat das Trump-Konterfrei rechts neben der Flagge sofort gesehen?), sondern im Rückblick auch die Kampagne oben links aus dem Jahr 2016 erklärt.

Aber eins nach dem anderen: Ich erwähne diesen Newsletter weil er beispielhaft zeigt, wie der Kontext eines Inhalts Wert schaffen kann, der für Fans Bedeutung bekommt. Der Inhalt (das Cover) ist für alle sichtbar, aber der Kontext (die Entstehungsgeschichte) ist nur für Abonennt:innen nachvollziehbar – und deshalb wertvoll. Denn stets wird beschrieben, wie die Titelredaktion beim Economist arbeitet, welche Varianten sie geschaffen hat und warum sie sich dann für eben diese Option entschieden hat. Hier wird nicht nur das Produkt verkauft, sondern über den Prozess die besondere Qualität gezeigt (das ist ein perfektes Beispiel für das Prinzip, das ich als Kultur als Software denken beschreibe). Das finde ich nicht nur beispielhaft für digitales Denken, sondern auch äußerst interessant.

Denn durch den Newsletter wurde ich an die tolle Zeile erinnert, die vor vier Jahren erfunden wurde. Sie macht aus dem Namen Donald Trump durch simple Fettung von vier Buchstaben eine politische Botschaft DONald Trump. Das Motiv oben ist dabei eine Montage, aber der Slogan und die deutliche Aussage bleiben dadurch unberührt. Der Economist hatte sich schon vor vier Jahren deutlich gegen Trump ausgesprochen. Und der Texter und Art Director Stephen O’Neill (hier aussführlich) und seine Agentur AML (hier ausführlich auf LinkedIn) hatten damals erklärt, wie sie auf die Idee kamen.

Die Fettung war auch in diesem Jahr eine Option fürs Economist-Cover lese ich im Newsletter, eine zweite bestand darin, den Trump Slogan „Make America Great Again“ mit dem Satz „The Case for Joe Biden“ zu kombinieren, was sicher auch schön gewesen wäre. Die Entscheidung fiel schlussendlich auf die Flagge mit dem Trump-Konterfrei. Ein ziemlich tolles Cover wie ich finde – und da der Text dazu auch empfehlenswert ist, hier noch ein Lektüretipp während alle auf die Ergebnisse warten.

loading: Great Green Thinking &Töchter

Fünf Frauen, die in diesem schwierigen Jahr die Verlagsbranche inspirieren: &Töchter ist ein Buchverlag aktueller Prägung: Laura Nerbel, Lydia Hilebrand, Elena Straßl, Jessica Taso und Sarah Zechel denken das Verlegen neu – steht auf ihrer Website. Dort findet man auch das aktuelle Buchprojekt „Great Green Thinking“, das gerade auf Startnext realisiert wird. Lydia Hilebrand hat dazu die loading-Fragen beantwortet.

Was macht ihr?
Wir möchten über Startnext unser nächstes Buchprojekt realisieren: „Great Green Thinking“ ist ein Sachbuch über Nachhaltigkeit. Die beiden Autorinnen Jennifer Hauwehde und Milena Zwerenz beleuchten das Thema aus verschiedenen Perspektiven, erzählen eigene Geschichten und führen Interviews mit Expert:innen. Auf diese Weise möchten sie dieses kontroverse Thema so divers wie möglich aufgreifen und Möglichkeiten und Grenzen eines umweltbewussten Lebens aufzeigen. Wie kann ich nachhaltig, aber dabei bewusst und ohne Verzicht leben? Was passt zu mir und kann ich überhaupt alles richtig machen? Aber auch übergeordnete Fragen werden gestellt: Was hast Nachhaltigkeit mit Klassismus zu tun? Wieso ist das Thema so weiblich?

Warum macht ihr es so?
Wir sind ein neugegründeter Buchverlag: Fünf Frauen, die die Branche aufmischen möchten und frisch nach dem Studium, zeigen wollen, dass Buchproduktion und Literaturvermittlung neu gedacht werden kann. Das Buch „Great Green Thinking“ soll klimapositiv und nach dem Cradle-to-Cradle-Ansatz produziert werden. Die Kosten für diese Produktion sind (noch) hoch, aber der nachhaltige Ansatz hört bei uns nicht beim Inhalt des Buches auf.
Wir möchten diesen Ansatz der Kreislaufwirtschaft fördern und zeigen, dass das die Zukunft der Buchproduktion sein muss.

Außerdem ist es uns wichtig allen Beteiligten ein faires Honorar für ihre Arbeit zu zahlen und wollen uns nicht damit zufrieden geben, dass die Branche chronisch unterbezahlt ist. Mit dem Crowdfunding-Projekt wollen wir testen und zeigen, dass die Zeit für umweltfreundliche und faire Produktion gekommen ist.

Wer soll sich dafür interessieren?
Alle, die nicht nur selbst umweltfreundlich leben möchten, sondern auch Perspektiven kennen lernen möchten, die nicht in ihrer eigenen Filterblase dominieren. Wer daran glaubt, dass das Lesen und Bücher eine spannende Zukunft haben und wer einen Buchverlag unterstützen möchte, der sich den Werten Nachhaltigkeit, Offenheit und Gemeinschaft verschrieben hat, ist bei &Töchter auch immer richtig.

Wie geht es weiter?
Wenn die Crowdfunding-Kamapagne erfolgreich ist, wird „Great Green Thinking“ schon ab März 2021 in den Buchhandlungen stehen und für alle zu kaufen sein. Die Idee zu dem Buch war einer der Anreize für die Gründung und ist zum Herzensprojekt für den Verlag geworden. Wir haben aber auch schon einige neue Projekte in Planung und freuen uns, wenn wir vielleicht bald auch wieder unsere geliebten Lese-Events machen können.

Was sollten mehr Menschen wissen?
&Töchter ist mehr als „nur“ ein Buchverlag: Wir machen auch Literaturveranstaltungen, viel Social Media und einen Podcast. Wir glauben nämlich, dass die Literatur erlebbar und ein wertvolles Gesprächsthema ist. Das Lesen ist mehr als nur eine langweilige Schullektüre und kann ein wertvoller Ausgleich und spannender Informationsvermittler sein.
UND: Je mehr Unternehmen und vor allem Verlage, die Kreislaufwirtschaft des Cradle-to-Cradle-Ansatzes nutzen, umso leichter wird es für alle!

>> Hier kann man das Projekt auf Startnext unterstützen!

Außer: Man tut es! Eine Ideensammlung

Die Situation ist unübersichtlich, äußerst ärgerlich und unplanbar. Es würde mich nicht wundern, wenn man aus den Begriffen Kultur, Corona und Wellenbrecher-Lockdown mit wenigen Handgriffen das Akronym „SCHEISSE“ bilden könnte – und ganz sicher kann man sie auf das berühmte Kästner-Wort runterbrechen: „Es gibt nichts Gutes“.

Aber natürlich hat Erich Kästner es nicht bei dieser Situationsbeschreibung belassen, sondern einen zweiten Satzteil ergänzt und dazu möchte hier ein bisschen was schreiben: „Außer: Man tut es!“ war nämlich mein erster Gedanken als ich diesen Tweet von Karla Paul las:

Bezahlt Kreativität, damit sie zukünftig erhalten bleibt u zwar mit Geld, nicht nur mit Worten

Das ist ein richtiger und wichtiger Ratschlag. Nur leider gibt es gar nicht so wenige Leute, die ich gerade gar nicht bezahlen kann, weil sie keine Bücher am Markt haben, keine Lesungen machen können oder ihre Konzerte abgesagt wurden (Foto: unsplash). Ich würde das aber gerne tun, weil ich ihre Kunst schätze, deshalb kam mir die Idee: Vielleicht bringe ich sie auf Ideen ;-)

1. Digital sichtbar werden

„Nur wer sichtbar ist, findet statt“ hat Tijen Onaran ihr Buch über Selbstmarketing genannt. Das Buch ist empfehlenswert, aber allein der Titel lohnt sich. Denn vielleicht fehlt es vor allem anderen an digitaler Sichtbarkeit. Das war vor Corona vielleicht nicht so problematisch, in der aktuellen Lage führt es aber zu dem Problem, dass fehlende Sichtbarkeit auch alle anderen Möglichkeiten der digitalen Vermarktung verunmöglicht. Wann wenn nicht jetzt, ist ein guter Zeitpunkt, um digitale Netzwerke zu testen: Verbinde dich mit Menschen, die ähnliche Interessen teilen (hier mein Lob der losen Verbindung) und sei es nur um festzustellen: Es geht anderen auch so, du bist nicht allein!

2. Sag wer du bist

Zur Sichtbarkeit gehört für mich nicht nur die Vernetzung, sondern auch die Fähigkeit zu sagen wer man ist. Erstelle dir eine Website, die andere verlinken und verschicken können, wenn sie dich empfehlen wollen. Der Aufwand ist minimal (zum Beispiel bei WordPress, Wix, Substack und vielen anderen) und hat womöglich große Wirkung. Außerdem hilft eine eigene Website auch dabei die Frage zu stellen: Was kann ich eigentlich gut? Darauf können übrigens vielleicht auch Menschen eine Antwort geben, die dich gut kennen. Frage sie. Und schreibe ihre Antworten womöglich auf deine Website – so genannte Blurbs sind immer hilfreich und helfen dir, Netzwerke zu knüpfen.

3. Denke andersrum

Gerade ist kein guter Zeitpunkt für kreatives Rumspinnen. Oder vielleicht ein besonders guter. Die Lage bleibt (siehe oben) scheiße, aber manchmal führt eine veränderte Perspektive zu neuen Erkenntnissen: Ich will hier gar keine lange Rede über „Reframing“ halten, aber es finden sich manchmal neue Lösungen, wenn man neue Perspektiven wählt. Im ersten Lockdown haben Spargelbauern (Symbolbild Unsplash) zum Beispiel ihr Verkaufsprinzip umgedreht: Weil sie keine Erntehelfer:innen mehr fanden, haben sie statt dem Spargel den Zugang zum Spargel vermarktet. Man konnte dann nicht das Gemüse kaufen, sondern Spargeldämme pachten. Was das konkret helfen kann? Ich weiß es auch nicht, aber vielleicht ist es eine Inspiration!

4. Löse Probleme

Neue Ideen sind immer dann gut, wenn sie zu Problem-Lösungen führen. Es kann deshalb eine guter Ansatz sein, nicht zu fragen „Was kann ich jetzt nicht mehr tun?“, sondern eher: Wem kann ich mit dem, was ich gut kann, ein Problem lösen? Die Antwort hängt natürlich immer von den eigenen Präferenzen ab, aber ein Ansatz für Musiker:innen könnte zum Beispiel sein: Geschenkgutscheine zu verkaufen (Foto: unsplash) Denn in den nächsten Wochen werden Weihnachtsgeschenke gesucht. Menschen habe also das Problem: ich möchte meinen Lieben etwas schenken. Vielleicht könnte eine Antwort ein Geschenkgutschein für ein exklusives Wohnzimmer-Konzert sein, das nach der Pandemie gespielt wird. Bringt den Künstler:innen jetzt Geld und den Schenkenden jetzt ein Geschenk.

5. Nimm Geld an

Der vermutlich wichtigste Punkt: Man kann dir nur dann Geld geben, wenn du eine Möglichkeit hast, es anzunehmen. Das kann eine Kontonummer auf der Website sein, es kann aber auch eine etwas aufwändigere Crowdfunding-Aktion sein. Dieses Thema begleite ich seit Jahren u.a. hier im Blog unter dem Schlagwort loading. Dort findest du andere Leute, die sowas schon gemacht haben. Vielleicht sind sie eine Inspiration für dich, selbst eine Idee zu entwickeln. Die Plattform Startnext hat im ersten Lockdown Künstler:innen auf besondere Weise unterstützt. Du kannst Dir aber auch Angebote wie Steady oder Substack anschauen, die die Möglichkeit bieten, eine kontinuierliche Zahlung an Künstler:innen einzurichten. Vielleicht kannst Du einen Newsletter schreiben, einen Workshop anbieten oder auf andere Weise eine gutes Angebot machen, für das andere bereit sind zu zahlen.

Während des ersten Lockdowns habe ich mich intensiver mit dem Thema Live-Streams befasst. Dazu gibt es einen Übersichtstext und ein eigenes Schlagwort hier im Blog. Wenn du eigene Projekte startest: schreib mir, ich stelle sie gerne hier im Blog vor!

Bin ich auf einer Meinungsmodenschau oder in einer Diskussion?

Dieser Artikel ist eine Entscheidungshilfe für bessere Debatten. Er begleitet den Text Meinungsmodenschau aus meinem monatlichen Newsletter Digitale Notizen – und beantwortet die Frage: Bin ich gerade in einer Meinungsmodenschau oder in einer inhaltlichen Diskussion? (Foto: Unsplash)

Die Antwort auf diese Frage ist wichtig, um die eigenen Erwartungen an die jeweilige Auseinandersetzung anzupassen. Denn Meinungsmodenschau und Diskussion haben unterschiedliche Ziele und verlangen unterschiedliches Auftreten. Dass es sinnvoll sein kann, hier zu differenzieren, hat Julia Reda in dem Film „Die empörte Republik“ vorgeschlagen und ich finde die Unterscheidung sehr hilfreich.

Als Meinungsmodenschau definiere ich Auseinandersetzungen, in denen „Menschen ihre Ansichten wie Kleidung auf einem Laufsteg vorführen und dafür Applaus oder Widerspruch bekommen. Dieses Zurschaustellen von Meinungen findet aber nicht mit dem Ziel statt, daraus einen Kompromiss zu formen oder gar seine Kleidung Meinung zu ändern. Die Meinungsmodenschau im TV-Talkshowformat dient einzig dem Zweck, Menschen in ihren Meinungen zu bestätigen.

1. Worin besteht der Unterschied?

Meinungsmodenschau
… will Bandbreite der Ansichten zeigen.
Ist ein fortlaufender Prozess.
Sprechposition spielt eine große Rolle.
Bespricht ein Thema.
Nutzt Pro & Contra (Schwarz-Weiß)

Gefahr: False Balance
Ziel ist Sichtbarkeit der Meinung.

Wettstreit der Ideen
… sucht einen Kompromiss.
Hat Anfang und Ende.
Trennt zwischen Menschen und Meinungen.
Beantwortet eine konkrete Frage.
Differenziert (Graustufen)

Gefahr: Langweilige Sachdiskussion
Ziel ist ein Kompromiss.

Die meisten öffentlichen Debatten, die wir im Netz oder TV kennen, zählen zur Kategorie Meinungsmodenschau. Denn diese Kategorie ist aufmerksamkeitsstärker und schematischer. Für Zuschauer:innen finden sich in dieser Kategorie sehr zugängliche Anknüpfungspunkte („endlich sagt es mal einer“) und Identifikationsmöglichkeiten, die häufig in Empörungswellen umschlagen können. Vielleicht bildet die Meinungsmodenschau sogar die Voraussetzung für inhaltliches Diskussionen, weil auf den Modenschauen tatsächlich das Meinungsspektrum deutlich wird.

Beide Formate haben jedoch unterschiedliche Ziele, die auch die Stimmung und das Klima vorgeben, die in Meinungsmodenschau und Diskussion herrschen.

2. Wie verhalte ich mich am besten?

Meinungsmodenschau
Checke (deine) Privilegien
Frage sachlich nach
> Habe ich dich richtig verstanden?
Zeige dich empathisch
> Verstehen heißt nicht Verständnis haben*

Nimm die gegenteilige Perspektive ein
Versuche deren Bedürfnis* zu verstehen

Vermeide Verachtung
Egal wie aggressiv die Gegenseite ist,
vergiss nicht: Ihr seid Menschen

Achte auf den Rahmen
Wer Hassrede und körperliche Drohungen
ausspricht, verlässt den Rahmen der
Meinungsmodenschau

Wettstreit der Ideen
Checke die Spielregeln
Kläre die Leitfrage
> Welches Problem wollen wir lösen?
Zeige dich kompromissbereit
> Nachgeben heißt nicht verlieren

Nimm die gegenteilige Perspektive ein
Versuche deren Ziel zu verstehen

Vermeide Verachtung
Egal wie dumm der Vorschlag sein mag,
vergiss nicht: Ihr sucht gemeinsam eine Lösung

Achte auf den Rahmen
Wer persönlich beleidigt, sucht keinen
Kompromiss und verlässt den Rahmen
des Wettstreits der Ideen

* nach dem Konzept der vier Schritte in der Gewaltfreien Kommunikation

Ich glaube, dass die Unterscheidung zwischen den genannten Formaten sinnvoll sein kann, um die Diskussionskultur in Gänze zu heben. Welche Differenzierung dafür nötig sind, habe ich hier beschrieben:

1. Menschen sind mehr als ihre Meinungen
2. Hate Speech gehört nicht zur Diskussionskultur
3. „Nicht mehr“ erweckt einen falschen Eindruck von früher


Dieser Text ist Teil meines monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

„Es gibt glücklicherweise nicht mehr die eine Person, die dich anschreit oder motiviert“ – Martin Wiens (Neue Narrative) über agiles Publizieren

Die Frage wie aus einem Text eine guter Text wird, zählt zu magischen Herausforderungen im Journalismus. Dabei ist der Prozess der Textarbeit vielleicht gar nicht so magisch, sondern Teil eines guten Lektoratprozesses. Als ich im Jahr 2013 in dem Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ den Vorschlag notierte, Kultur als Software zu denken, war es gar nicht so einfach eine Lektor:in zu finden, die bereit war, den Lektoratsprozess zu dem Buch offen und transparent zu gestalten. Dabei glaube ich (übrigens mittlerweile sogar noch klarer), dass im Entstehungsprozess jeder Form von Kultur ein Mehrwert stecken kann. „Vom Produkt zum Prozess“ zu denken, beschäftigt meine Arbeit deshalb seit Jahren (dazu gibt es im Dezember eine spannende Konferenz in Dortmund).

Entsprechend erstaunt war ich, als ich in diesem Sommer einen Text für das Magazin „Neue Narrative“ schreiben durfte. Das „Magazin für neues Arbeiten“ hat einen Prozess für die Textarbeit entwickelt, der bemerkenswert ist und auf eine andere Form der Lektorats- und Redaktionsarbeit setzt. Ich fand das so erstaunlich, dass ich Martin Wiens nach Abgabe des Textes (der in der aktuellen Ausgabe erscheint) um ein Interview bat, in dem wir über Rollen, agiles Publizieren und das romantisierte Bild von genialistischen Autor:innen sprachen.

Martin, ich möchte mir Dir über das Lektorieren von Texten und Organisation von Verlagen sprechen: Wann hast du dich das letzte Mal in der „Änderungen nachverfolgen“-Funktion von Microsoft Word bewegt?
Ich kenne so eine Funktion aus GoogleDocs, aber in Word arbeite ich eigentlich nie. Wobei, an eine Sache erinnere ich mich: Letztes Jahr habe ich an einem Buchprojekt mitgearbeitet …

„Der Loop-Approach“ bei Campus.
Genau, und dabei haben wir am Ende sehr lange Dokumente hin- und hergeschickt.

Deshalb habe ich gefragt: Ich kenne nahezu keine Verlage, die bei Büchern und sehr langen Texten, auf das Verschicken von Word-Dokumenten verzichten. Bei „Neue Narrative“ macht Ihr das ganz anders.
Unser Magazin kommt dreimal im Jahr heraus, was bedeutet: Wir machen dreimal im Jahr genau dasselbe. Wenn man häufig dasselbe macht, bietet es sich an, die Prozesse zu optimieren. Deshalb haben wir viel Zeit darauf verwendet, genaue, kleinteilige Phasen bei der Texterstellung zu definieren. Es reicht nicht zu sagen „Jetzt wird der Text geschrieben“. Da gehören so viele Schritte dazu, dass wir versucht haben, das Ganze zu formalisieren und in eine Prozesslogik zu packen.

Wenn man für Euch schreibt, kriegt man ein GoogleDoc, in dem Ihr die Idee für den Text beschreibt, in dem technische Grundlagen geklärt werden und in dem am Ende auch geschrieben und redigiert wird…
… damit Arbeit transparent wird. Das Ziel ist es, dass alle Beteiligten jederzeit wissen, wo man gerade steht und welcher Schritt der nächste ist.

Ich bin als Autor mit der Idee sozialisiert: „Der Inhalt ist das wichtigste und alles andere hat sich dem unterzuordnen.“ Ihr kommt sehr deutlich vom Prozess und weniger vom Produkt, oder?
Ich liebe Produkte, aber ich glaube es kommt sehr selten etwas Gutes dabei raus, wenn man nicht über den Prozess nachdenkt. Wenn man Abläufe hat, die Spaß machen, ergibt sich quasi automatisch ein gutes Produkt. Oder anders gesagt: Wenn Leute das tun können, worin sie richtig gut sind und was sie richtig gerne machen, dann passiert das Produkt. Insofern hast du recht: Ich bin sehr stark mit der Idee sozialisiert, über das Wie? nachzudenken und das Was? geschehen zu lassen.

Es gibt viele gerade schreibende Leute, die sagen, Prozesse sind doch total langweilig. Du achtest sehr auf stimmige Prozesse. Wann machen Prozesse Spaß?
Für mich sind Prozesse dann gut, wenn sie dafür sorgen, dass alle Leute ihre Stärken einbringen können, Wertschätzung dafür erfahren und wenn Kollaboration geschehen kann. Gute Prozesse sind auch dafür da, das Ego ein bisschen unwahrscheinlicher zu machen. Sie legen beispielsweise fest: „An der Stelle passiert halt jetzt das und du kannst nicht einfach so durchrennen und ganz allein dein Ding machen.“

Woher kommt dann die Angst vor Prozessen?
Vielleicht liegt es daran, dass man in gut definierten Prozessen die eigene Arbeit transparent machen muss und nicht nur das Ego durchbringen kann. Meine Erfahrung ist, dass alle, die wirklich gute Produkte entwickeln wollen, auch kein Problem mit guten Prozessen haben.

Wenn man mit Verlagen redet, hört man oft Einschätzung: Die Autorin und der Autor stehen im Mittelpunkt und um die müssen wir alles drumherum bauen. Das würdest du ganz anders sehen, oder?
Das ist aber vielleicht auch unserem Produkt geschuldet. Wir haben lange überlegt, ob wir nicht komplett auf Autor:innen-Namen verzichten wollen. Und gerade denken wir darüber nach, ob wir künftig alle Rollen, die an einem Text beteiligt sind, über dem Text erwähnen sollten. Ich finde diese Autor:innen-Fokusierung eine merkwürdige Heroisierung einer Person, die in keiner Weise dem Rechnung trägt, wie ein Text in der Praxis entsteht.

In der Musik ist das ganz anders. Dort spielt es eine große Rolle, welche Produzent:in hinter einer Künster:in steht und deren Song produziert hat. In der Entstehung von Büchern sind die Produzent:innen, also die Lektor:innen, fast nie sichtbar. Hast du eine Erklärung warum das so ist?
Ich beobachte eine starke Romantisierung der Autor:innenschaft. Dieses Momentum „Ich sitze abends am Schreibtisch, bejammer mich selbst weil mein Leben als Autor so hart ist, aber gleichzeitig finde ich es auch geil“ kenne ich auch gut von mir selbst. Über die Jahre habe ich für mich gemerkt, dass mir diese Art des Schreibens nicht gut tut und versucht, die Perspektive zu verändern.

Ich durfte für die aktuelle Neue Narrative-Ausgabe was schreiben und ich fänd es wirklich gut, wenn unter dem Text auch all diejenigen aufgeführt würden, die daran mitgearbeitet haben. Erzähl mal, welche Rollen bei euch eingebunden sind?
Jeder Magazinprozess beginnt mit dem Sprint Exploration, einer Art Vorrecherche, in der Team-Mitglieder, die besonders gut darin sind, schnell Informationen zu überblicken, alle relevanten Aspekte des Heftthemas zusammentragen. Auf der Basis der Recherche entwickeln wir dann in einem Kick-off erste Themenideen für Artikel. Ein Text schafft es aber nur dann wirklich ins Heft, wenn eine Person aus der festen Redaktion auch bereit ist, dafür die Verantwortung zu übernehmen. Und ein Thema bei dem aktuellen Schwerpunkt „Wirksamkeit“ war die Frage, wie wir digital Verbindungen eingehen können, die gemeinsam und kollaborativ wirksam werden können. Dazu hätte ich was schreiben können…

… aber dann hast du dir gedacht: das macht besser der Dirk?
Naja, fast. Ich habe mir halt gedacht, dazu bin ich vielleicht nicht die kompetenteste Person. Wir haben eine Liste an Autor:innen, die wir gerne mal im Heft hätten und da bist du drauf. Und dann habe ich dir eine Nachricht geschrieben, mit einer total schwammigen Themenbeschreibung.

Ich erinnere mich.
Aber das ist auch gut so, denn die Autor:innen sollen ja ihre eigenen Gedanken einbringen können. Gemeinsam mit der Rolle „Sparring“ entwickeln die Autor:innen dann die Kernaussage ihres Textes und eine klare Struktur.

Das ist in der Tat erstaunlich: Ihr habt wirklich in dem Doc schon Zwischentitel, die vor dem Text formuliert werden sollen.
Wir glauben, dass die wichtigsten Argumente und das Gerüst des Textes stehen sollten, bevor der eigentliche Schreibprozess beginnt. Deshalb stellen wir uns immer Kästchen vor, die uns dabei helfen, den Text zu strukturieren. Bevor die oder der Autor:in eine Zeile am Text schreibt, sollten alle Titel und Zwischentitel formuliert sein.

Gab es Leute, die das als Einschränkung empfinden und sagen: „Ich bin so ein Genie, ich mach das nicht mit“?
Wir haben noch nicht mit solchen Leuten zusammengearbeitet, aber es gibt sie sicherlich. Unser Glück ist, dass wir sehr wenig mit Leuten zusammenarbeiten, die sich für Starautor:innen halten, sondern nur mit Leuten, die Starautor:innen sind, aber von denen das noch niemand weiß. Die haben relativ wenig Allüren und wollen in erster Linie einen guten Text schreiben.

Für mich war es nicht nur sehr erstaunlich (deshalb wollte ich mit dir auch drüber sprechen), sondern auf eine Art auch sehr befreiend, weil es mir Klarheit darüber gegeben hat, was Ihr als Auftraggeber Euch vorstellt.
Jede:r Autor:in bekommt zu Beginn des Prozesses ein eigenes Template für den Text. Darin machen wir unter anderem explizit, was wir mit dem Text erreichen wollen und warum es ihn überhaupt braucht. Am Ende geht es uns darum, den genialischen Black-Box-Textentstehungsprozess aufzubrechen und möglichst sicherzustellen, dass genau der Text entsteht, den wir für unser Magazin brauchen..

Lass uns noch einmal über die Rolle Sparring reden. Die ist sehr nah an dem, was klassische Redakteur:innen machen, die Texte beauftragen.
Die Rolle ist dafür da, den Text so lange zu begleiten, bis eine 80-Prozent-Version steht. Danach übernimmt die Rolle Lektorat.

Worin besteht der Unterschied zur Rolle Sparring?
Die Rolle Sparring stellt durch Feedbackschleifen sicher, dass jeder Text eine klare Aussage und eine funktionierende Struktur hat. Das geschieht in der Regel in einem offenen Austausch. Die Rolle Lektorat hingegen soll kein Feedback mehr ohne ganz konkrete Änderungsvorschläge geben. Sie greift eher stilistisch ein und bringt den Text von 80 auf 95 Prozent. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es sinnvoll ist, die Rollen Sparring und Lektorat zu trennen, damit die Nähe zum Text nicht zu groß wird.

Die fehlende fünf Prozent kommen von der Schlussredaktion?
Genau, am Ende wird die Rolle Korrektorat aktiv. Das sind zwei externe Personen, die dafür sorgen, dass kein einziger Fehler mehr im Text ist. Der Prozessschritt findet zunächst noch im GoogleDoc statt. Ganz am Ende gibt es noch eine Fahnenkorrektur in der finalen PDF.

Man kann also sagen, jeder Text wird bei Euch wie ein Ticket in einem Sprint behandelt, oder?
Ja, genau. Die Tickets schieben wir am Ende von jedem Sprint eine Spalte weiter, bis sie irgendwann am Ende angekommen sind. Dann geht das Magazin in Druck.

Wie kommt man auf ein solches Prinzip?
Mein Kollege Sebastian Klein hat Blinkist mitgegründet und sich da viel mit der Frage beschäftigt, wie Content entsteht. Deshalb haben wir von Anfang an alle in Google Docs gearbeitet und unsere Zwischenergebnisse transparent gemacht. Ein wichtiger Schritt war dann, dass ich für eine Weile ins Ausland gehen wollte. Damit kein Chaos ausbricht, habe ich mich mit Sebastian an ein Whiteboard gestellt und aufgeschrieben, welche wiederkehrenden Aufgaben ich habe und welche Prozessschritte wir immer wieder durchlaufen. So ist der erste Prototyp unseres Magazinprozesses und unserer Rollenstruktur entstanden. Seitdem machen wir nach jedem Heftdurchlauf ein Retro-Meeting und ein Governance-Meeting, um den Prozess und unsere Zusammenarbeit zu verbessern.

Governance-Meeting?
Das ist dafür da, an der Organisation zu arbeiten: also neue Rollen zu schaffen und die Struktur der Organisation zu verändern.

Ist das agiles Publizieren?
Wir würden es vermutlich nicht „agil“ nennen, weil der Begriff so ausgelutscht ist, dass er kaum noch etwas bedeutet. Aber klar, das Vorgehen folgt agilen Prinzipien und ist teilweise an Scrum angelehnt. Wichtiger ist aber, dass der Prozess zu uns passt und dabei hilft, möglichst gute Ergebnisse zu erzielen.

Was hast du in dieser Zeit über Publizieren gelernt?
Das klingt alles immer so fancy, aber ich glaube, das Wichtigste ist, sich selbst und den eigenen Arbeitsprozess jeden Tag zu reflektieren. Und ich finde es fahrlässig, wenn Redaktionen das so selten tun.

Womit wir wieder bei der Langeweile von Prozesse sind. Warum sind Redaktionen und Verlage da nicht offener?
Es ist vermutlich eine Mischung aus Gründen: Zum einen liegt es an dem, was du anfangs gesagt hast: dass alle nur über Produkte nachdenken und nur ungern über Prozesse. Hinzu kommt, dass der Druck im Tagesgeschäft oft so hoch ist, dass keine Zeit bleibt, das eigene Vorgehen zu reflektieren. Außerdem passen egofreie Prozesse nicht zu dem romantisierten Bild von Journalist:innen, das immer noch dominant ist: der Star-Autor, die Star-Autorin, der:die bei Kerzenschein einsam auf einen Einfall wartet und ihn dann im Alarmmodus aufschreibt.

Ihr habt in Eurem Magazin Stellungen und Machtpositionen aufgelöst, indem Ihr rollenbasiert arbeitet. Chefs, Eckbüros und Dienstwagen gibt es bei euch so gar nicht…
… aber es gibt natürlich Hierachie und Macht. Wir versuchen, eine Kompetenzhierachie zu erreichen, sprich: Jede Rolle wird von der Person ausgefüllt, die am kompetentesten ist. Wir glauben nicht daran, dass eine Person all die Aufgaben am besten kann, die zum Beispiel einer Chefredakteurin zugeschrieben werden. Häufig ist eine Person zum Beispiel gut darin zu organisieren, aber eher schlecht darin zu schreiben. Deshalb arbeiten wir mit Rollen, also klaren, kleinen Verantwortungsbereichen.

Das geht nur mit einem gemeinsamen Ziel.
Absolut. Es gibt glücklicherweise nicht mehr die eine Person, die dich anschreit oder motiviert. Stattdessen übernimmt jede Person Verantwortung für das, was sie zum gemeinsamen Ziel beitragen kann – natürlich ohne dabei von der Organisation allein gelassen zu werden. Dafür haben wir einen übergreifenden Purpose formuliert, den jede Person bei uns kennt und nach dem wir uns steuern können.

Was ist euer Purpose?
„Wir befähigen mit hammerguten Content-Produkten Menschen dazu, eine Wirtschaft zu gestalten, die für alle gut ist.“ Man merkt, dass der Satz nicht von einer Werbetexter:in stammt. Aber er beschreibt das, worauf wir uns alle einigen konnten.

Die aktuelle Ausgabe von Neue Narrative hat den Schwerpunkt Wirksamkeit. Vor ein paar Tagen hat das Magazin angekündigt: „Nach unserem Wissen sind wir seit Juli das erste Medienunternehmen in Deutschland, das in Verantwortungseigentum geführt wird. Und wir hoffen, dass uns viele weitere folgen werden.“ In dem Blogeintrag ist auch erwähnt, dass sie offene Stellen haben, aber natürlich rollenbasiert in den Bereichen: „Recherchieren und Schreiben von journalistischen Inhalten, CRM, Kampagnenentwicklung und datengetriebenes Wachstum sowie B2B-Vertrieb und Kooperationen.“ Außerdem hat Neue Narrative vor ein paar Tagen seine Kiosk-Bilanz offengelegt – und damit gezeigt, vor welchen Problemen die klassische Print-Distribution steht.

Mehr zum Thema Korrigieren und zur These, Kultur als Software zu denken, gibt es auf dieser Konferenz im November sowie in dem Buch „Eine neue Version ist verfügbar“.

Weniger schafft mehr – das Prinzip „Steigerung durch Begrenzung“ (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was kann ich tun, um Sie davon zu überzeugen, dass Sie die nun folgenden Zeilen über den Wert von Verknappung lesen? Sie haben viel zu tun, da kommt gerade eine Mail rein. Sie könnten den Text in Pocket speichern. Aber jetzt lesen? Das wird schwierig, aber es gibt eine vermeintlich paradoxe Möglichkeit, Ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen: Ich kann diesen Text verknappen. Ich lösche ihn nach 24 Stunden oder sperre ihn nach 1000 Aufrufen. Danach ist er verschwunden und Sie können nicht mehr nachlesen, wie im digitalen Ökosystem das Prinzip „Steigerung durch Begrenzung“ unsere Aufmerksamkeit lenkt.

Da Sie aber diesen Einstieg schon gelesen haben, haben Sie die Grundzüge der Kernthese schon verstanden. Das ist ein bisschen Meta, aber auch eine schöne Illustration für eine Methode, die das Internet als vermeintlich unbegrenzter Raum in den vergangenen Jahren perfektioniert hat. Im Schatten des Versprechens der schier grenzenlosen Reichweite hat sich eine Form der Aufmerksamkeitssteuerung entwickelt, die auf Exklusivität in den Dimensionen Raum (280 Zeichen), Zeit (24 Stunden) oder Zugang (Invite-Codes) setzt. Wo theoretisch alles kopierbar ist, wird Begrenzung zum Ausweis der Distinktion. Dass sich daraus Formen der Wertschätzung und dann auch Wertschöpfung ableiten lassen, ist nicht verwunderlich, denn Angebot und Nachfrage bestimmten schon vor der Digitalsierung den wahrgenommenen und den wirklichen Preis von Angeboten. (Symbolbild: Unsplash)

Der Weg aus der Welt der begrenzten, analogen Waren (Tonträger, Papierbücher etc.) durch den Überfluss der digitalen Vervielfältigung zurück zur künstlichen Verknappung war lang. Große Teile der Medienbranche folgen auch weiterhin der Logik der grenzenlosen Reichweiten, die durch die kostenfreie Vervielfältigung noch stimuliert wird. Nahezu alle Plattformen des Social-Web bedienen diese Logik, in dem sie im Kern wertlose Zahlen wie Fans oder Likes zu einer Währung erheben. Der Wettkampf um die Steigerung dieser Kennzahlen bildet die Grundlage ihres Geschäftsmodells, führt die Wettkämpfenden aber nicht zwingend zum Erfolg. In erster Linie vernebelt diese Messung den Blick für das, was man eigentlich erreichen will: Sind viele Likes tatsächlich das Ziel?

Die Tatsache, dass sich viele Medienhäuser darauf konzentrieren zahlende Leserinnen und Leser zu binden, ist ein erster Schritt raus aus der Reichweitenfalle. Ihm geht der Schritt voraus, Klarheit darüber zu erlangen, welche Ziele tatsächlich von Bedeutung sind: Zahlende Kund:innen sind dabei ebenfalls als Beispiel für eine Methode der Verknappung zu lesen – und zwar in der Dimension Preis: „Du kommst hier nur rein, wenn du bezahlst“, sagen die Türsteher:innen vor den Bezahlangeboten. Vor anderen Angeboten haben sich Gatekeeper aufgebaut, die wie bei Storys auf Instagram oder in Shopping-Clubs nach 24 Stunden das Angebot verschwinden lassen. Bei Twitter wiederum achten die Wächter:innen darauf, dass kein Angebot über die Grenze von 280 Zeichen hinausgeht. All das ergibt aus der reinen Machbarkeits-Logik des Web keinen Sinn. Es gibt keinen äußeren Grund für diese Begrenzungen – außer der Tatsache, dass die Begrenzung einen Wert schafft. Wer in einem ausverkauften Stadion einen Sitzplatz bekommt, fühlt sich besser als alle, die nicht mehr reingekommen sind.

Dieses Wissen scheint vor lauter Reichweiten-Zauber verloren gegangen zu sein. In der Frühphase wurden immer neue Zusatzstühle in den Räume gestellt. Vor lauter „mehr mehr“ verstummte aber die Frage nach dem Grund für den Besuch im Stadion. In der Sprache der Werbetreibenden lässt sich dieses Bild auflösen in dem Widerspruch zwischen Reach und Impact. Denn in Wahrheit ist die Reichweite stets nur Mittel zu einem anderen Zweck, den man mit Auswirkung, Wert oder Bedeutung übersetzen kann.

Um diesen Impact geht es in dem Newsletter, aus dem dieser Text hier stammt. Seit 66 Folgen schreibe ich die monatlichen Digitalen Notizen. Im Dezember 2014 führte ich den Newsletter mit einer Einladungs-Logik ein. Anfangs konnte man sich nur mit Invite-Codes in die Liste eintragen. Nun ist es an der Zeit, diese Logik auf eine nächste Ebene zu heben. Denn das Ziel dieses Newsletters ist nicht reine Reichweite, der Impact der Mails liegt darin, thematische Vernetzung zu schaffen. Dafür werde ich ab sofort den Versand des Newsletters reglementieren – und diejenigen von der Liste löschen, die seit fünf Folgen keine Mails mehr geöffnet haben.

Auslöser für diese Idee ist die Begrenzung des Newsletter-Dienstleisters Mailchimp. Dort gibt es eine Grenze bis zu der man kostenfrei Mails verschicken kann. Die anfallenden Kosten könnte ich weitergeben, aber ich möchte den Newsletter kostenfrei halten. Deshalb werde ich die Liste der Empfänger:innen der Digitalen Notizen begrenzen. Für die bisherigen Leser:innen ändert sich dadurch nichts – sofern sie den Newsletter auch tatsächlich öffnen. Etwas weniger als 50 Prozent derjenigen, die aktuell auf der Liste stehen, lesen den Newsletter gar nicht*. Die Auswertung in Mailchimp zeigt mir diese so genannte Öffnungsquote an. Der Branchenblick sagt, dass diese Quote für eine aktive Leserinnenschaft spricht. Das heißt aber auch: Durchschnittlich 50 Prozent auf der Liste öffnen den Newsletter nicht. Das ist ihr gutes Recht. Gleichzeitig möchte ich aber für diese Nicht-Leser:innen nicht bezahlen müssen. Deshalb beschränkte ich mein Newsletter-Angebot ab sofort auf diejenigen, die den Newsletter auch wirklich öffnen. Wer dies fünf Folgen lang nicht gemacht hat, wird von der Liste gestrichen.

Mir ist klar, dass ich damit meine potenzielle Reichweite beschränke. Denn in der Logik der Massenreichweite sind Mailadressen das höchste Gut, Kontakte sind das Ziel aller Aktivität. Sie zu löschen, gilt als falsch. Ich sehe das anders: Mir geht es nicht um Adressen und Reichweite. Mir geht es um den inhaltlichen Austausch – in einem interessierten Kreis. (…) im Mail-Newsletter folgen hier ein paar Zeilen über die Art der Exklusivität, die ich hier ausspare. Sie können sich aber jetzt noch hier eintragen, dann können Sie künftig auch Einblick in diesen Kreis erhalten (…) Um dies in einem Bild zu fassen, bietet sich das einer Abendveranstaltung an. Wenn ich Lesungen oder Vorträge halte, spreche ich mit Veranstalter:innen manchmal über die Anzahl der zu erwartenden Besucher:innen. Im Laufe der Zeit habe ich festgestellt, dass sich darin nur selten auch eine Kennzahl über den Wert des Abends ablesen lässt. Ich habe schon sehr inspirierende Abende mit nur drei Gästen erlebt, die für mich keineswegs schlechter waren als Vorträge vor 1000 Menschen.


* Danke für die Hinweise auf die Messungenauigkeit bei der Öffnungsquote. Das ist mir durchaus bewusst, aber eben ein Problem dieser Kennzahlen. Ich werde mich auf die Suche nach einer Alternative machen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem unlängst u.a. erschienen sind: „Wie digitales Denken in der Corona-Krise helfen kann: fünf Vorschläge“ (Mai 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020), „Zwölf Dinge, die erfolgreiche Tiktokter tun“ (Dezember 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Der Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

„Von den anvertrauten Talenten“ ist die Geschichte überschrieben, die im 25. Kapitel des Matthäus-Evangelium erzählt wird. Das Gleichnis beschreibt den Umgang mit Talenten Silbergeld, die sinnvoll eingesetzt bzw. unproduktiv versteckt werden. In biblischer Interpretation ist die Geschichte ein Bild für den Glauben: Wer diesen annimmt, so das Gleichnis, wird damit zu höherer Erkenntnis gelangen.

Abseits der biblischen Auslegung hat diese Geschichte größere Popularität erfahren, weil ihr Fazit einen Effekt beschreibt, den man als „Erfolg begünstigt Erfolg“ zusammenfassen kann. In Vers 29 heißt es:

„Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“

Der so genannte Matthäus-Effekt wurde erstmals vom Soziologe Robert K. Merton beschrieben. Dieser beobachtete, dass bekannte wissenschaftliche Autor:innen auch häufiger zitiert werden – und gab der Beobachtung den Namen, der sich auf das genannte Gleichnis bezieht. Man kann dieses Phänomen in unterschiedlichen Bereichen sehen und eine besonders auffällige Ausprägung ist der so genannte positive Netzwerk-Effekt. Dabei steigt der Nutzen für einzelne Konsument:innen dadurch, dass mehr Konsument:innen ein Produkt nutzen. Nahezu alle Angebote im Plattform-Kapitalismus leben von diesem Effekt. (Foto: unsplash)

Dieser Tage wird wieder viel über die Macht und die Bedeutung von Plattformen und Netzwerken diskutiert. Das Spektrum reicht dabei von „Twitter hat sich mit Trump angelegt“ bis zu „New York Times löst sich von Apple News“. Gerne wird dabei darauf hingewiesen, dass die digitalen Plattformen (von Twitter über Airbnb bis Lieferando) selbst gar nichts herstellten und nur von den Inhalten anderer profitieren. Ebenfalls häufig erwähnt wird, dass alle Plattformen verbinde, dass sie einzig kommerziellen Interessen genügten und man deshalb über eine eigene Plattform nachdenken müsse, die ganz anders strukturiert sei.

Ich frage mich dann immer, wie eine nicht-kommerzielle Plattform wohl aussehen würde. Leider habe ich bisher keine befriedigende Antwort gehört bzw. keine, die nicht am Ende auch wieder in Kapitel 25 des Matthäus-Evangelium landet. Denn die sagenumwobenden Algorithmen der kapitalistischen Plattformen (die allüberall kritisiert werden) tun vor allem dies: Sie bilden den Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit ab. Sehr vereinfacht gesprochen folgen sie dem Prinzip: Was viele wichtig finden, kann nicht unwichtig sein. In der Sprache der Bibel formuliert: „Wer da bereits Aufmerksamkeit hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe.“

Dieses Prinzip finden wir auf Google-Ergebnisseiten und in den Timelines von nahezu allen Netzwerken: Wo viel los ist, darauf wird die Aufmerksamkeit gerichtet. Große Debatte, Empörung und Aufregung zieht neue Debatte, mehr Empörung und weitere Aufregung nach sich. Eli Pariser („Die Filterbuble“) hat die Mechanik der Plattformen dabei mal mit einem Beobachter verglichen, der bei einem Vortrag mit dem Rücken zur Sprecherin ins Auditorium schaut und nur auf Basis der Publikumsreaktionen die Rede bewertet. Der Inhalt des Vortrags ist ihm nicht nur egal, er versteht ihn auch nicht (weil er die Sprache der Rednerin nicht spricht). Was er bewertet sind Reaktionen. Auf Basis dieser Reaktionen sucht er neue Inhalte heraus – und diese Inhalte dienen nur dem einen Zweck: Die Nutzer:innen möglichst lange im Raum also in der jeweiligen Plattform zu halten.

Das dieser Logik zugrunde liegende Prinzip heißt außerhalb des Web übrigens Einschaltquote. Und die öffentlich-rechtlichen Anbieter, aus deren Reihen häufig die Rede von einer alternativen Plattform geführt wird, messen diese Einschaltquote genau wie kommerzielle Anbieter es tun. Wenn man genau hinschaut, kann man sogar erkennen, dass sie auch die Themen ihrer TV-Talkshows nach dem Prinzip auswählen. Vermutlich würden sie also auch auf einer alternativen digitalen Plattform diesem Muster folgen. Denn im Kern ist der Matthäus-Effekt der Aufmerksamkeit („Was viel Aufmerksamkeit erfährt, wird mit weiterer Aufmerksamkeit bedacht“) ja kein digitales Phänomen, sondern ein journalistisches Reaktionsmuster, das völlig unabhängig vom Web existiert. Die Plattformen, über die wir streiten, haben aus diesem Effekt ein sehr erfolgreiches Geschäft gemacht, das man kritisieren, womöglich reglementieren und schließlich sogar mit Konkurrenzangeboten angreifen kann. Man sollte darüber aber nicht vergessen, dass das zugrunde liegende Prinzip nicht von Google oder Facebook erfunden wurde, es handelt sich vielmehr um ein Muster wie Aufmerksamkeit verteilt wird.

Die Schlüsse, die man daraus ziehen kann, können helfen, die Plattform-Kritik auf ein anderes Niveau zu heben. Sie können den Blick dafür schärfen, was mögliche alternative Plattformen tatsächlich anders als Facebook oder Twitter machen könnten. Dazu müssten wir alle gemeinsam versuchen, den blinden Fleck der digitalen Mediendebatte etwas zu erhellen: den Inhalt. Das zitierte Bild vom Beobachter, der mit dem Rücken zur Bühne ins Auditorium schaut, ist deshalb so stark weil es zeigt: Den erfolgreichen Plattformen geht es zuerst um Kontext dann erst um Content. Eine alternative Plattform müsste davon lernen und unbedingt den Blick auf Meta-Daten richten.

978-3-95757-246-2-x160xx400x-1466586213Das zu schreiben ist aber viel einfach als es auch zu tun: Denn aus der Perspektive von Medien (und ich schreibe das als Journalist!) sind Inhalte noch immer das Wichtigste. Im Eli-Pariser-Bild gesprochen: Wenn Medien ins Auditorium schauen, sehen sie stets zuerst ihr Redemanuskript und dann erst das Publikum. Das Dilemma, das sich daraus ergibt: Medien sehen Content vor Kontext, Plattformen aber sehen Kontext vor Content. (Wie man damit umgehen könnte, habe ich in „Meta – das Ende des Durchschnitts“ versucht zu beschreiben)

Im Gleichnis von den anvertrauten Talenten wird am Ende überigens derjenige bestraft, der aus Angst seine Talente versteckt und nicht einsetzt. Er will einzig bewahren, was er zu haben glaubt und wird genau dafür von Gott gerügt. Er nimmt ihm die Talente und gibt diese denen, die schon haben. Nach dem obigen Zitat endet das Gleichnis mit den Worten: „Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.“


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem unlängst u.a. erschienen sind: „Wie digitales Denken in der Corona-Krise helfen kann: fünf Vorschläge“ (Mai 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020), „Zwölf Dinge, die erfolgreiche Tiktokter tun“ (Dezember 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Mehr über den Wert von Kontext und die Bedeutung von Meta-Daten in dem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“, das man hier im Shop des Verlags Matthes&Seitz bestellen kann.