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Bist du eine Marke? Tipps zum Personal Branding

Für die aktuelle Ausgabe des Medium Magazin hat mir der Strategiecoach Julian Heck eine Anfrage geschickt. Es geht um „Personal Branding“ – so der Titel der „Journalisten-Werkstatt“-Beilage, in der Julian die Grundlagen dessen vorstellt, was man als Marke bezeichnet.

Die Tipps zur Selbstvermarktung im Journalismus sind meiner Einschätzung nach äußerst gelungen – und ich freue mich, dass ich meine Meinung zum Thema Position und öffentliches Auftreten beisteuern durfte. Ich dokumentiere meine Antworten auf Julians Fragen im Folgenden, empfehle aber den Kauf des Heftes, in dem u.a. auch die Kolleginnen und Kollegen Franziska Bluhm, Kristine Schmidt, Laura Lewandowski, Astrid Csuraji, Malcolm Ohanwe und Andreas Rickmann zu Wort kommen.


1. Wie würden Sie sich als eigene Marke beschreiben? Was waren bzw. sind für Sie wichtige Schritte für die eigene Positionierung als journalistische Marke?

Ich würde mich gar nicht als Marke beschreiben, sondern als Journalist und Autor, der die Themen Internet, Veränderung und Transformation in Form und Inhalt begleitet. Ich äußere mich öffentlich und das versuche ich aus einer nachvollziehbaren Position heraus zu tun. Diese Haltung hat sich bei mir eher über den Inhalt meiner Beiträge ergeben als über eine langfristige Markenpositionierung. Ich interesssiere mich für das Digitale, für Veränderung und bin neugierig auf gesellschaftlichen Fortschritt. Erst im nächsten Schritt habe ich eine Website ins Netz gestellt, habe angefangen zu bloggen, Newsletter zu schreiben und auszuprobieren, was technisch möglich ist. Der Inhalt war die Grundlage für Bücher, Vorträge und alles, was man dann als Marke bezeichnet.

2. Welche Kanäle nutzen Sie dafür bevorzugt und warum?
Gespräche. Diese führe ich auf unterschiedlichen Wegen, am liebsten persönlich, das kann auf Twitter, Instagram oder in meinem Blog sein. Wichtig ist stets die Offenheit zum Dialog und zum Austausch. Deshalb ist ein für mich sehr bedeutsamer Kanal mein Newsletter. Aber auch hier gilt: Der Inhalt steht vor dem Verbreitungsweg. Ich muss wissen, worüber ich sprechen möchte, bevor ich ein Mikrofon und Kopfhörer kaufe. Wenn ich das weiß, gibt es ein paar Grundregeln, die ich zum Einstieg empfehlen würde: Versuche möglichst unter deinem Namen auffindbar zu sein. Das klingt banal, ich kenne aber viele Kolleginnen und Kollegen, die sich „Hoppelhase Hans“ in Instagram nennen und sich wundern, warum sie nicht als seriöse journalistische Stimme wahrgenommen werden.

3. Aus welchen früheren Fehlern und Hürden haben Sie gelernt – und was?
Ich hoffe, ich habe aus möglichst vielen Fehlern gelernt. Da sind große wie kleine Fehler dabei, allen ist aber eins gemeinsam: Ich kann nur aus ihnen lernen, wenn ich bereit bin mich selbst zu reflektieren und mich selbst nicht so wichtig zu nehmen.

4. Wie schützen Sie sich gegen persönliche Angriffe / Shitstorms im Netz?
Als weißer mittelalter Mann bedeutet der Begriff Shitstorm für mich etwas ganz anderes als für all die Menschen, die absichtsvoll und abgestimmt angegriffen und zum Schweigen gebracht werden sollen. Ein wichtiger Schutz vor Shitstorms besteht deshalb meiner Meinung nach auch darin, strukturell gegen diejenigen vorzugehen, die die wunderbaren Möglichkeiten des Web pervertieren und zu Hass und Hetze aufrufen. Deshalb sollte man Organisationen wie HateAid unterstützen und sich in der politischen Debatte immer bemühen, Menschen und Meinungen zu trennen.

5. Welche drei Tipps würden Sie Kolleginnen und Kollegen zur Arbeit am persönlichen Markenaufbau geben?
Ich kann nur sagen, wie ich es machen würde: Ich würde mir ein Thema suchen, das mich interessiert und würde beginnen dazu zu bloggen. Das kontinuierliche Publizieren in einem eher persönlichen Rahmen war für mich ein wichtiger Lern- und Reflektionsschritt. Darüber hinaus finde ich es nicht falsch, sich zu bemühen, stets glaubwürdig und souverän zu bleiben ¯\_(ツ)_/¯

Hier kann man die Ausgabe inklusive der Journalisten-Werkstatt kaufen.

loading: Low Budget High Spirit Magazin

2014 legte Fabian Schuetze mit seiner Band „A Forest“ den Entstehungsprozess der eigenen Musik offen. Damals kamen wir in Kontakt, weil ich genau über diesen Prozess in Eine neue Version ist verfügbar geschrieben hatte. Wir blieben in losem Kontakt und ich verfolgte seinen sehr inspirierende Newsletter „Low Budget High Spirit“. Deshalb war es eine Freude als er mich fragte, ob ich an der Magazin-Werdung des Newsletters teilnehmen würde: Es geht um ein Print-Magazin zum Oberthema „Musik Business neu denken“. Zu dem Heft ist vergangene Woche ein Crowdfunding gestartet – und ich habe Fabian dazu den loading-Fragebogen geschickt.

Was machst du?
Ich versuche Musikbusiness neu zu denken und hoffe, dass es auch anderen Denkanstöße gibt. Ich schreibe einen monatlichen Newsletter und mache jetzt zum ersten Mal ein Print-Magazin mit tollen Gastbeiträgen und Long Reads.

Warum machst du das (so)?
Ich liebe Print und wollte schon immer ein Magazin machen. Low Budget High Spirit war und ist „Newsletter First“, und jetzt halt „Magazin second.“ ich bin froh, wenn ich es zukünftige schaffe einmal im Jahr ein Magazin zu machen. Der Aufwand ist natürlich enorm. Das Magazin wird maßgeblich über ein Crowdfunding finanziert, weil das dem Community-Gedanken von Low Budget High Spirit am besten folgt.

Wer soll sich dafür interessieren?
Ambitionierte Musiker:innen, Professionals aus der Branche und alle, die sich für Wandel in Kreativindustrien interessieren.

Wie geht es weiter?
Nach einem hoffentlich erfolgreichen Crowdfunding wird Ende Mai das Magazin erschienen und hoffentlich viele Leser:innen finden. Dazu gibt es natürlich weiter den Newsletter und sicherlich auch noch weitere Projekten 2021.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Dass die Musikindustrie mehr Schein als sein ist. Dass es eine Branche mit vielen Problemen ist. Dass was es heißt Künstler:in zu sein in der Realität etwas komplett anderes ist, als das, was sich die Leute darunter vorstellen.

>>> Das Low Budget High Spirit-Magazin auf Kickstarter supporten

Was ist inspirierender Journalismus? (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Sie ist inspieriert von meiner Arbeit im Laufnewsletter Minutenmarathon für die SZ – und von dem Workshop-Newsletter, den ich am 12.4. auf Steady starten möchte.

Das breite Spektrum journalistischer Arbeitsformen wird seit ein paar Jahren von einem neuen Ansatz bereichert. Neben dem dokumentarischen Journalismus, der eine Art Chronistenpflicht verfolgt, und dem erlebenden Journalismus, der seine Leserinnen und Leser in fremde Welten mitnehmen will, hat sich einen Form entwickelt, die ich Inspirierende Journalismus nenne (Symbolbild: Unsplash). Dieser zeichnet sich in der digitalen Aufmerksamkeits-Ökonomie dadurch aus, dass er das Interesse der Nutzer:innen in den Mittelpunkt stellt. Inspirierender Journalismus bezeichnet all jene journalistischen Ansätze, die das Ziel verfolgen, Leser:innen mit neuen Ideen zu konfrontieren, überraschende Perspektiven zu vermitteln und zu anderen Möglichkeiten zu inspirieren.

Ich habe zu dem Thema hier bereits geschrieben und Interviews geführt. Nun möchte ich elf definitorische Punkte sammeln, die meiner Meinung nach beschreiben, was Inspirierenden Journalismus ausmacht. Er…

… macht einen Unterschied
Inspirierender Journalismus schließt die Reaktionen seiner Leserinnen und Leser ein. Sein Ziel ist es, einen Unterschied zwischen dem Moment vor der Nutzung und dem Moment nach der Nutzung zu schaffen. Genau in dieser Differenz zeigt sich das, was wir „Inspiration“ nennen: ein zentraler Anreiz, um für Journalismus zu bezahlen.

… schafft einen greifbaren Mehrwert
Inspirierender Journalismus ist ein Sammelbegriff für alle Formen des Journalismus, die ihren Leserinnen und Leser einen greifbaren Mehrwert schaffen möchten. Dabei geht es nicht nur um den aus Service- und Ratgeber-Stücken be‐ kannten Nutzwert. Auch eine überraschende Idee, ein neuer Gedanken oder Perspektivwechsel können als Denkwert in‐ spirieren. Immer beginnt Inspirierender Journalismus mit der Antwort auf die Frage aus Nutzer-Perspektive: Warum ist das für mich wichtig?

… sagt, was er tut
Für (fast) jeden Beitrag, der dem Inspirierenden Journalismus zugerechnet werden kann, könnte man eine ankündigende Zusammenfassung formulieren, die das zentrale Produktversprechen des Beitrags bündelt und die Frage nach dem Warum beantwortet: „In diesem Text lernst du, wie die Bundeskanzlerin ihre Entscheidungen trifft und welche Folgen das für die Regierungspolitik hat“ ist natürlich kein Satz, den man veröffentlichen würde. Es hilft aber, ihn vor dem Erstellen eines Beitrags im Kopf zu haben. Anschauliche Bei‐ spiele für diese Form der ankündigenden Zusammenfassung liefert zum Beispiel der YouTuber Rezo, der alle seine Videos so beginnt. Für digitale publizierte Texte bietet diese Form zudem Vorteile für die Sichtbarkeit in Suchmaschinen.

… zeigt mehr Möglichkeiten
Inspirierender Journalismus führt zu einem Mehr an Erkenntnis und eröffnet seinen Leserinnen und Lesern Gestal‐ tungsräume. Sie haben nach der Lektüre mehr Möglichkeiten als davor, sie sehen mehr Dinge, Perspektiven und viel‐ leicht auch Lösungen. Das kann durch konkrete Tipps geschehen, aber auch durch besondere sprachliche Formulie‐ rungen oder neue Stimmen, die ein „So habe ich das noch gar nicht gesehen“ anstoßen.

… bleibt unparteiisch
Neue Perspektiven und Wege zu zeigen, heißt bewusst nicht, aktivistisch oder parteiisch zu sein. Am Konzept des konstruktiven Journalismus wurde oft kritisiert, er verlasse die neutrale Position. Darum geht es beim Inspirierenden Jour‐ nalismus bewusst nicht. Die Werte des Qualitätsjournalismus gelten uneingeschränkt, sie werden erweitert um Ein‐ ordnung dessen, was berichtet wird. Zum „Sagen, was ist“ kommt ein „Sagen, was mache ich damit“, das in auch kon‐ krete Handlungen beschreiben kann.

… hilft bei der Entscheidungsfindung
Die Floskel „Bleibt abzuwarten“ war schon immer sprachlich unschön. Im Inspirierenden Journalismus ist sie aber auch inhaltlich nicht angebracht. Ziel des Inspirierenden Journalismus ist es, seinen Leserinnen und Lesern Methoden und Erkenntnisse an die Hand zu geben, die sie und ihn in die Lage versetzen, bessere Entscheidungen zu treffen.

… überfordert. Ein wenig.
Ein Missverständnis im Journalismus lautet: „Wir dürfen unsere Leserinnen und Leser nicht überfordern.“ Mit diesem Satz wird Detailtiefe verhindert, es werden Informationen auf Durchschnittsniveau gehalten. Inspirierender Journalis‐ mus fordert sein Publikum heraus, d.h. er überfordert es auch – ein wenig. Denn nur aus dem Trainingsreiz, der sich aus einer Überforderung ergibt, erwächst eine Verbesserung – und damit ein Erkenntnisgewinn.

… wird konkret
Inspiration gelingt dann leichter, wenn sie sich an konkreten Fragestellungen orientiert. Das „Sagen, was mache ich damit“ ist ohne die Perspektive der Leserinnen und Leser nicht machbar. Deshalb folgt der Inspirierende Journalismus auch hier den Regeln, die schon immer für guten Journalismus galten: Mache es greifbar, mach es konkret!

… ist ein Prozess nicht nur ein Produkt
Veränderung dauert. Das gilt auch für die beschrieben Differenz zwischen dem Vorher und Nachher in der Nutzung von Inspirierendem Journalismus. Wer einen Text über die Kaffeebohnen liest, ist deshalb nicht sofort Barista. Deshalb nutzt dieses Genre häufig Serien oder Challenges um Veränderungsprozesse anzustoßen, zu begleiten und erfolgreich zu machen. Wer auf diese Weise seine Leserinnen und Leser auf dem Weg einer Veränderung begleitet, verdient sich Vertrauen und erzeugt eine enge, langfristige Bindung.

… ist dialogisch
Digitaler Journalismus ist per Definition dialogisch. Es gibt Rückkanäle, auch wenn manche Journalistinnen und Journalisten davon keinen Gebrauch machen. Inspirierender Journalismus macht sich die Dialog-Option zu Nutze, bindet seine Leserinnen und Leser ein – allein schon um mehr über deren Interessen und Bedürfnisse zu lernen.

… zielt auf einen Call to Inspiration
Erfolg beginnt mit der klaren Definition dessen,, was angestrebt wird. Inspirierender Journalismus formuliert als Ziel, seine Leserinnen und Leser zu inspirieren. Analog zum “Call to Action” aus dem Marketing, könnte man hier von einem “Call to Inspiration” sprechen, auf den Beiträge des Inspirie‐ rende Journalismus zu laufen. Sie fassen die Mission eines journalistischen Projekts und orientieren sich stets an den Erwartungen der Leserinnen und Leser. Der Economist formuliert zum Beispiel eine Mission, die als ,Call to Inspiration’ gelesen werden kann: „Our readers expect us to keep them well informed about the world.

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen

>> Inspirierender Sachbuchjournalismus als Begleiter – Gespräch mit Michèle Loetzner und Christoph Koch

>> Die ankündigende Zusammenfassung

>> Inspirierender Journalismus (Digitale November-Notizen)

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen.

Inspirierender Sachbuchjournalismus als Begleiter – Gespräch mit Michèle Loetzner und Christoph Koch

Kann man ein Gespräch vor den Ohren von Publikum live auf Clubhouse aufzeichnen und dann später als Text zum Lesen zur Verfügung stellen? Dieses Experiment haben wir Anfang Februar in Clubhouse unternommen. Abseits vom Inhalt könnte diese Form des Drop-in-Audio das Produkt „Interview“ langfristig zu einem erlebbaren Prozess machen. Dazu habe ich hier unlängst mit Blick auf Clubhouse und Twitter-Spaces geschrieben – und in „Eine neue Version ist verfügbar“ sehr grundsätzlich nachgedacht.

Michèle Loetzner und Christoph Koch haben gerade Sachbücher veröffentlicht, die sich jeweils auf einer Wegstrecke (Symbolbild: Unsplash) mit dem persönlichen Wohlbefinden ihrer Leser:innen befassen. Es geht um Liebeskummer und Digitale Balance und beide haben sich dafür Tage als Lese-Distanz ausgesucht: Michèle hat sich mit 99 Tagen und Christoph mit einer 30-Tages-Challenge befasst. In einem Clubhouse-Talk im Februar habe ich die beiden zu diesen Ansätzen befragt – vor allem mit Blick auf die Idee des „Inspirierenden Journalismus“.

Sind Eure Bücher tatsächlich Beispiele für das was, ich „Inspirierenden Journalismus“ nennen würde, also eine Form von Sachbuch-Journalismus, der seine Leser:innen verändert?
Michèle: Ja. Das war tatsächlich die Idee des Buches direkt von Beginn an. Und das zeigt sich ja auch in dem doch sehr einfachen Titel. Man hätte sehr viel schönere und wortspielende Titel finden können und das hätte mein Literaturwissenschaftlerinnen-Herz auch mehr gefreut, aber auf dem Buch steht drauf, was drin ist.

„Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen“ – war es schwierig den Verlag davon zu überzeugen oder war es umgekehrt so, dass der Verlag dich überzeugen musste?
Michèle: Letzteres. Das ist schön, dass Du fragst, weil ich jetzt endlich mal meinen wunderschönen eigentlichen Titel sagen. Eigentlich hätte das Buch „Ja, der kann weg“ heißen sollen.
Christoph: Super.
Michèle: Das Buch richtet sich hauptsächlich an Frauen und der Titel hätte nicht nur die Bedeutung gehabt, dass der Typ in der heteronormativen Beziehung weg kann, sondern eben auch der Liebeskummer selbst. Aber direkt im allerersten Telefonat mit der Lektorin, nachdem alles unterschrieben war – und da gab es schon den Untertitel „Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen“ – meinte sie ganz deutlich: „Michèle, wir können jetzt lange rumtun, aber benennen wir es doch einfach mit dem Untertitel.“ Ich weiß noch, wie ich damals das Gefühl hatte, als hätte mir jemand einen Dolch ins Herz gestochen…

… wie fühlt es sich jetzt an? Das Buch ist seit Sommer auf dem Markt, empfindest du noch einen Schmerz?
Michèle: Nein. Das war die richtige Entscheidung für den Titel. Es war eine Marketing-Entscheidung, aber es war die richtige Entscheidung. Liebeskummer ist ein sehr spitzes Thema. Niemand kauft sich ein Buch, weil er gerade mal was Lustiges über Liebeskummer lesen möchte. Jemand, der das Buch kauft, steckt selbst in der Situation und sucht danach im Internet oder geht in den Buchladen und fragt: „Ich habe Liebeskummer. Können Sie mir da was empfehlen?“ Und wo Gelbwurst draufsteht, ist dann hoffentlich auch Gelbwurst drin. Wenn man jetzt bei Amazon „Liebeskummer“ eingibt, landet man automatisch bei meinem Buch.

Man kann also sagen: du hast beim Nutzer:innen-Interesse begonnen und hast daran entlang das Buch geschrieben. Du wolltest nicht eine Kulturgeschichte des Liebeskummers verfassen?
Michèle: Das wollte ich auf keinen Fall. Ich wollte ein Buch schreiben, das wirklich hilft. Es ist so, dass in Deutschland mehr Bücher von Frauen gekauft werden als von Männern. Und gerade im Ratgeberbereich sind es nochmal besonders viele Frauen, die kaufen. Deshalb war es schon alles so darauf zugeschnitten. Dass es am Ende 99 Tage geworden sind, hat noch einen anderen Hintergrund, aber den erzähle ich dann später… Viele Bücher, die in diesem Bereich erscheinen, funktionieren so, dass eine Autorin oder ein Autor aus dem eigenen Erleben schreibt und sagt: „Macht das so wie ich das gemacht habe, dann macht ihr das richtig.“ Das wollte ich aber genau nicht machen. Mich gibt es in diesem Buch nicht. Ich lasse nur die Wissenschaft sprechen. Es ist also von mir komplett von mir als Person losgelöst.

Das ist die perfekte Überleitung zu Christoph. Du hast zwei Bücher geschrieben, die sich mit dem Thema Digitales Leben befassen. Das eine ist schon erschienen, in dem du einen Ich-Erzähler als Blaupause wählst („Ich bin dann mal offline“) und jetzt eins, in dem du auch einen anderen Zugang wählst, auch über eine Challenge. Findest du dich wieder in dem, was Michèle sagt?
Christoph: Ich will ganz kurz einen Satz zu Michèle sagen, weil du gerade gesagt hast, der Titel war eine Marketing-Entscheidung. Aus Leser-Perspektive finde ich das aber total gut, weil es ein klares Versprechen gibt und ich weiß, was mich erwartet. Das ist eine gute Sache, und gar nichts, wofür man sich entschuldigen muss, weil es werblich ist oder so. Für mich als Leser ist das sehr angenehm, wenn es ein klares Versprechen gibt. Und bei den 99 Tagen bin ich natürlich auch sehr gespannt, aber da sprechen wir bestimmt gleich drüber…

… Du hast dir ein Drittel gewählt: 30 Tage ist die Challenge bei dir.
Christoph: „Ich bin dann mal offline“ ist jetzt zehn Jahre her und ist als Buch unfassbar schlecht gealtert. Da kommt noch StudiVZ drin vor und Instagram gibt es noch gar nicht und Smartphones nutzen nur ganz wenige Menschen. Ich habe mich aber damals bei dem Buch, das ein erzählendes Sachbuch im Selbstversuch ist, immer wahnsinnig darum gedrückt, wirkliche Ratschläge zu geben. Ich habe immer gesagt: „Nein, ich kann das nur beschreiben, wie ich es erlebt habe und daraus muss jeder selbst seine Konsequenzen ziehen.“ Ich habe dann aber gemerkt, dass das eigentlich Quatsch ist, weil die Leute immer und immer wieder nach Tipps und Empfehlungen gefragt haben. Und als ich dann über das neue Buch nachgedacht habe, habe ich gedacht, vielleicht muss ich die Angst vor dem Vorschlagen und dem Unterstützen ablegen. Dann habe ich erst an einen klassischen Ratgeber gedacht, habe dann aber gemerkt, dass ich eigentlich relativ viele verschiedene Tipps habe, die man aber auch nicht alle auf einmal umsetzen kann, sondern über einen gewissen Zeitraum. So bin ich dann auf die 30 Tage gekommen. Weil es ja im Gegensatz zu dem Liebeskummer, wo man über etwas hinwegkommen will, bei der digitalen Balance auch eher um Gewohnheiten oder Lebensführung geht, die immer eine gewisse Zeit braucht. Wenn man nur einen Tag lang sagt, ich ernähre mich jetzt mal anders, dann bringt das ja nichts. Man muss das ja eine gewisse Zeit lang machen, bis sich neue Dinge angewöhnt hat und man einen gewissen Effekt sieht.

Warum bist du bei den 30 Tagen gelandet?
Christoph: Für das Offline-Buch hatte ich mir damals einen Monat vorgenommen. Ich fands dann aber so gut und hatte aber so viel Angst vor der E-Mail-Lawine, die kommt wenn man offline ist, dass es am Ende 40 Tage wurden. Was dann wiederum biblisch und die Dauer der Fastenzeit war. Das ist mir aber erst später gesagt worden. Eigentlich halte ich einen Monat für einen ganz guten Zeitraum. Erstens ist mir für 30 Tage für jeden Tag eine kleine Aufgabe eingefallen bzw. ein kleiner Hack, den man direkt anwenden kann. Und zum zweiten hatte ich das Gefühl, einen Monat lang kann man sich auch mal auf was einlassen. Ein Klassiker ist ja zum Beispiel, dass ganz viele Leute diesen „Dry January“ machen und auf Alkohol verzichten. Einen Monat lang kann man einer Sache eine Chance geben, aber wenn es nichts für mich ist, ist ein Monat auch nicht so lang.

Nach dem Monat hat man auch das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Vielleicht ist man sogar ein wenig stolz. Das funktioniert bei der Digitalen Balance vielleicht sogar noch etwas besser als beim Liebeskummer. Deshalb an dich die Frage, Michèle, weil wir so neugierig sind: Wie kam es zu den 99 Tagen? Und wie bist du mit der Herausforderung umgegangen, dass jede Liebesgeschichte ja dann doch individuell ist?
Michèle: Da geht tatsächlich noch eine Frage voraus. Nämlich: Wie konsumiere ich in einem solchen Zustand des Liebeskummers? In dem Moment, in dem ich in so einem Ausnahmezustand bin, und da bin ich von mir selbst ausgegangen, kann ich mir nicht vorstellen, ein 400-Seiten-Buch über die Liebe zu lesen. Da bin ich nicht so konzentriert, lang am Stück zu lesen. Deswegen war von vornherein klar, dass man das stückweise macht und die Leserin, ich spreche das hier mal als generische Femininum – Männer sind mitgemeint – nicht überfordere. Das Buch ist so aufgebaut: auf der linken Seite erkläre ich immer eine Studie oder einen Forschungsgegenstand zum Thema Liebeskummer und auf der rechten Seite kann man wie in so einem Arbeitsbuch Fragen beantworten. Das ist jetzt nicht neu, aber in den anderen Büchern, die ich so kenne, sind diese Fragen immer unfassbar dumm. Offenbar geht man davon aus, dass Frauen nicht besonders intelligent sind und automatisch ein gebrochenes Hirn haben, wenn sie ein gebrochenes Herz haben. Da stehen dann so Aufgaben wie „Male mit Lippenstift deinen Ex-Freund auf und zünde bei Vollmond das Papier an“. Solche Aufgaben gibt es bei mir natürlich nicht, aber man hat so eine Art Tagesbuch-Funktion, die man jeden Tag bearbeiten kann. Und das dann eben häppchenweise, 99 Tage lang. Und die 99 Tage sind aus einem Witz heraus entstanden. Die beziehen sich auf den Song „99 Problems“ von Jay-Z, darin heißt es: „I got 99 problems but a bitch ain’t one.“ Und ursprünglich hätte ich gerne so eine Banderole ums Buch gehabt, wo das draufsteht und die man dann abreißen kann. Aber leider ist so eine Banderole ganz schön teuer…

Die 99 hast du dennoch behalten?
Michèle: Ja, die 99 Tage sind aber dann auch nochmal in drei Drittel unterteilt, die sich mit Loslassen, Kompensieren und Zurückerinnern beschäftigen. Und dann ist es in sich nochmal aufgebaut in den fünf Phasen der Trauer. Das klingt jetzt komplizierter als es ist. Es ist eine innere Struktur, die mir beim Schreiben von Anfang an sehr geholfen hat.

Hast Du dabei eine konkrete Leserin im Kopf, für die du schreibst?
Michèle: Nee, das eher nicht. Tatsächlich hatte ich eher abstrakt eine heteronormative Frau im Kopf. Was aber vor allem daran liegt, dass die wissenschaftliche Forschung sich hauptsächlich mit heteronormativen Beziehungen beschäftigt. Es ist also nicht meine Ignoranz gegenüber anderen Beziehungen, sondern dazu gibt es das meiste Material. Natürlich wünsche ich mir, dass sich die Wissenschaft da mehr öffnet und andere Geschlechter- und Beziehungsformen auch und vor allem noch mehr untersucht.

Christoph, hattest Du eine Person im Kopf beim Schreiben?
Christoph: Ich habe eher versucht zu vermeiden, mich auf eine konkrete Person so einzuschießen. Denn sonst neigt man dazu, die eigenen Probleme zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen und dann womöglich auf alle zu übertragen. Das ist aber natürlich totaler Quatsch. Denn andere Leute hängen vielleicht nicht wie ich bei Twitter ab, sondern bei Candy Crush, was ich zum Beispiel noch nie in meinem Leben gespielt habe…
Michèle: … nix gegen Candy Crush.
Christoph: Natürlich nicht! Ich habe auch schon eine Menge Zeit in alle möglichen Spiele versenkt . Ich habe beim Schreiben versucht, mir unterschiedliche Personen vorzustellen. Ich habe mich also gefragt: Wie sieht problematische Smartphone-Nutzung für jemanden aus, der zwanzig Jahre jünger ist als ich, oder zwanzig Jahre älter, eine Frau ist, festangestellt und nicht Freiberufler so wie ich. Ich habe also immer versucht, meinen Tunnelblick aufzulösen und nicht nur von meiner Warte aus zu schreiben. Denn davon wollte ich ja weg, von dieser Selbstversuchs-Dynamik, die ich damals bei “Ich bin dann mal offline hatte. Denn 40 Tage harte Digital Detox war für mich persönlich interessant, ist aber für andere ist das komplett unpraktikabel. Und da wollte ich eben hin, dass es für mehr Leute zugänglich ist. Es gibt zum Beispiel in dem Buch auch ein Kapitel, das sich mit der ganzen Eltern- und Familienthematik beschäftigt, mit dem schönen Titel „so lang du dein Smartphone an meiner Steckdose auflädst.“

Hast Du das Gefühl, dass die Zeit für die Selbstversuch-Bücher und -Experimente ein bisschen vorbei ist?
Christoph: Kurze Antwort: Ja! Dieses Genre hat seinen Höhepunkt auf jeden Fall überschritten. Es ist auch fast alles gemacht worden an Selbstversuchen. Mein erklärtes Vorbild war ja immer AJ Jacobs, der amerikanische Esquire-Autor, der ganz viel mit der Selbstversuch-Mechanik gemacht hat – wie ein Jahr der Bibel aufs Wort gefolgt ist und ein Jahr versucht hat, absolut gesund zu leben. Aber auch der ist irgendwann an ein Ende gekommen. Und trotzdem habe ich mich immer davor gedrückt, mir anzumaßen, anderen zu sagen, wie sie es machen sollen. Das fand ich immer irgendwie doof. Weil es ja diese journalistische Haltung gibt, „sagen was ist“, aber dann soll der Leser sich schon bitte selbst ein Urteil bilden. Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass diese Ratschläge und Tipps immer wieder eingefordert und nachgefragt wurden. Und dann wäre es ja auch irgendwie Quatsch, wenn man sich über Jahre mit Themen befasst und Studien liest, dann aber sagt: „Ich kann Ihnen hier nur die Forschung zitieren, darf dann aber keine Ratschläge daraus ableiten.“

Michèle, hast Du auch das Gefühl, dass du so im Kolleg:innen-Kreis noch mehr Reputation bekommen hättest, wenn du eine Kulturgeschichte des Liebeskummers, aber dafür weniger nutzwertig geschrieben hättest?
Michèle: Ja, vielleicht. Allerdings zahlen die ja auch nicht meine Miete… aber ich will noch einen Gedanken zu dem ergänzen, was Christoph gesagt hat. Denn ich werde auch ganz oft nach Ratschlägen gefragt, aber ich gebe bewusst keine konkreten Handlungsanweisungen. Ich sage auch was ist und wie der Stand der Forschung ist und stelle es in einen Zusammenhang und gebe Hintergrund und Kontext. Aber ich sage nicht „mach’s so“ oder „mach’s so“. Ich schreibe auch sehr deutlich in meinem Vorwort, dass es natürlich sein kann, dass manche Tage von den 99 Tagen überhaupt nicht zu der Leserin passen und dann kann sie die auch einfach überblättern. Aber ich bin ja eben Journalistin und keine Therapeutin, deshalb darf ich auch keinen Ratschlag geben und ich gebe auch keine. Und das liegt vielleicht auch ein wenig daran, Christoph sag mal wie du es siehst, dass es auf diesem Ratgeber-Markt auch wahnsinnig viele Scharlatane gibt, die wahnsinnig viel Quatsch erzählen und zu denen möchte ich nicht gehören.
Christoph: Absolut. Und es ehrt dich total, dass du da eine sehr gute Grenze ziehst. Denn es gibt unter dem Titel „Ratgeber“ tatsächlich auch jede Menge lieblos zusammengeklöppelte Küchenphilosophie.
Michèle: So mit einem Gummi-Cover. Ich weiß genau, was du meinst.
Christoph: Wir wollen jetzt keine Verlage dissen. Aber vielleicht ist das auch ein Unterschied, ob man sehr kurzfristig Ratgeber-Hilfe sucht, weil man bis übermorgen eine Bewerbung auf Englisch schreiben muss und dafür ein Büchlein kauft. Oder ob man sich intensiver mit einem Thema beschäftigen will.

Zum Abschluss würde ich Euch gerne einladen zu spekulieren. Werden wir solche Bücher, wie Ihr sie geschrieben habt, auch in anderen Feldern kennenlernen. Zum Beispiel im Politik-Journalismus: „In 99 Tage Friedrich Merz verstehen“ oder als Challenge „30 Tage Anna-Lena Baerbock und das Grünen-Programm kennen lernen“?
Christoph: Ein Gedanken, der mich schon fasziniert, ist diese Idee der Challenge. Die älteste Challenge der Welt ist ja vielleicht die Fastenzeit, dass man also für 40 Tage auf etwas verzichtet. Und wenn man das geschafft hat, hat man das Gefühl eines Erfolgs – und es ist irgendwie auch befriedigender, als wenn man sich einfach nur vornimmt, irgendwie weniger Schokolade zu essen. Und diese Challenge-Mechanik hat zumindest bei mir einen eigenen Drive und einen eigenen Ansporn. Und wenn man das gut nutzen kann, werden wir davon vermutlich auch mehr sehen. Wie man das jetzt in den Politik-Betrieb integriert, weiß ich nicht, ich kann es mir aber schon vorstellen bei Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Dieses unklare Gefühl „ich möchte weniger Energie verbrauchen“, kann so viel greifbarer werden, wenn man sich vornimmt, ich mach diese 10 konkreten Dinge jetzt mal für ein Jahr anders. So eine Begrenzung macht vieles greifbarer und damit auch einfacher, glaube ich.
Michèle: Diese Challenges gibt es ja schon eine ganze Weile. Und wenn man viel im Magazin-Bereich arbeitet, was Christoph und ich ja beide tun, ist man es glaube ich gewohnt, viele Texte als Challenge zu verpacken. Weil so eine Challenge einen Anfang und ein Ende hat. Und ich glaube schon, dass wir als Menschen gerne einen Anfang und ein Ende haben. Und wie sehr das mürbe macht, wenn kein Ende absehbar ist, sieht man ja auch gerade mit den Corona-Maßnahmen. Wir wollen halt gerne wissen, wann etwas vorbei ist. Ob das dann auch für politische Themen klappen kann, weiß ich nicht. Vermutlich kaufen die Leute dann doch eher „Merz für Dummys“ als „In 30 Tagen Merz verstehen“. Aber eigentlich möchte ich, dass sich gar niemand mehr mit Merz beschäftigen muss in Zukunft.

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen:

– Die Idee „Inspirierender Journalismus“
– Das Format „Ankündigende Zusammenfassung“
Shruggie des Monats: Deine Stimme
Shruggie des Monats: Digitale Präsenz
Der Hype um Clubhouse
Ruhe in Frieden, Ruheraum! Abschieds-Interview mit Erfinder Leander Wattig

Fünf Dinge, die ich durch mein NYTimes-Abo über den Journalismus der Zukunft gelernt habe

Dieser Text ist Teil der März-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Kann man mit hochwertigem Journalismus im Web Geld verdienen? Die Geschichte der New York Times ist Antrieb und Vorbild für viele Medienhäuser auf der Welt. Denn die Gray Lady (zum Bleiwüsten-Spitzenamen diesen Times-Insider lesen) hat sich in den vergangenen Jahren zum blühenden Branchenvorbild entwickelt. Der Einstieg ins digitale Abo-Geschäft im Jahr 2011 trägt erstaunliche Früchte, wie man in dieser Titelzeile aus dem Winter 2020 nachlesen kann: „People spent the summer freaking out and subscribing to the paper of record.“

In diesem Interview beschrieb der scheidende CEO Mark Thompson im Winter 2020 wie für diesen Erfolg das Unternehmen umgebaut wurde (Take-Away: guter Inhalt ist viel mehr als Schreiben, in der New York Times-Sprache: „No newsroom in the world has more journalists who can code.“).

Seine Nachfolgerin Meredith Levien erläuterte ihre Ziele dieser Tage im gleichen Podcastformat. Dabei betonte sie zwei zugrunde liegende Prinzipien:

1. Man braucht einen großen Aufmerksamkeits-Trichter, durch den man Leser:innen zu zahlenden Kund:innen machen kann
2. Man muss in die Inhalte investieren, um diese gut zu halten und beständig besser zu machen

Vor allem über den zweiten Punkt denke ich nach, seit ich seit ein paar Wochen ein äußerst günstiges Einstiegs-Abo bei der NYTimes abgeschlossen habe (das Beitragsfoto oben stammt aus dem Werbe-Newsletter, der mich nach Monaten des Cookie-Löschens überzeugte). Die zentrale Frage, die mich dabei treibt, lautet: Was ist guter Inhalt im Zeitalter digitaler Abos?

Auf der Suche nach der Antwort habe ich in der Nutzung der NYTimes-Website und -App in den vergangenen Wochen ein paar Beobachtungen gemacht, die ich notierenswert finde – und die mit dem zu tun haben, was ich hier schon mal inspirierenden Journalismus nannte.

1. „Zeitung“ ist mehr als Nachrichten:

Die App der New York Times hat auch News, aber in erster Linie fühlt sie sich an wie eine vertauensvolle Begleiterin, die über weit mehr Bescheid weiß als über das tagesaktuelle Geschehen. Das führt nicht nur zu anderen Themen und Ressorts (siehe 2.), es bietet auch Zugang zu anderen Nutzer:innen-Bedürfnissen: in der iOS-App-Vorschau steht das „Mini-Puzzle“ zum Beispiel ganz oben im Schnellzugriff.
Dass man mit einer Zeitung spielen kann, ist nicht neu. Wer regelmäßig zum Papier greift, findet diesen rätselnden Zugang zur Zeitung, im Digitalen hat die New York Times daraus sogar ein Geschäftsmodell gemacht, das vor allem auf dem genauen Erkennen von Zielgruppen basiert. Wie stark diese Nutzer:innen-Zentrierung bei der New York Times ausgeprägt ist, kann man in dieser internen Analyse des Medienredakteurs Ben Smith nachlesen, der der Frage nachgeht, warum der renommierter Redakteur Donald G. McNeil Jr. das Haus verlasssen musste.

2. Es entstehen neue Ressorts

Im Ausblick aus dem Jahr 2016 formulierte die New York Times als Vorgabe eine Ausweitung des Themenspektrums:

Our readers are hungry for advice from The Times. Too often, we don’t offer it, or offer it only in print-centric forms. Our ability to collaborate with The Wirecutter, the company’s newest acquisition, and the advent of Smarter Living are promising first steps in rethinking The Times’s role as a guide, but we remain far from reaching our potential here.

Wer heute durch die App klickt, findet neben den klassischen Ressorts, die man aus Zeitungen kennt, populäre Rubiken wie „Well: Nutrition & Fitness“, „Parenting“ oder das „Learning Network“. Es handelt sich dabei um Themenfelder, die quer zu klassischen Politik-Wirtschaft-Kultur-Sport-Ressorts liegen und eher aus der Nutzer:innen- als aus der Produzent:innen-Perspektive auf die Welt blicken.

Es ist für die große New York Times deshalb sehr selbstverständlich möglich, der Frage nachzugehen, was man gegen schlechten Schlaf tun kann. Und zwar sehr konkret anhand von fünf Ratschlägen, die Jessica Grose aus den fünf S ableitet, die Eltern an die Hand gegeben werden, um ihren Kindern einen besseren Schlaf zu ermöglichen (Swaddle, Side or stomach Position, Shush, Swing, Suck). Journalismus beschränkt sich hier also nicht mehr auf die Politik-Wirtschaft-Kultur-Sport-Perspektive, sondern versucht im Leben der Leser:innen Bedeutung zu erlangen.

3. Neue Themen ziehen neue Leser:innen

Solche Texte erweitern nicht nur das Themenspektrum dessen, was man als harten Journalismus bezeichnet. Sie erweitern auch die Leser:innenschaft wie Axios dieser Tage berichtet. Neue Leser:innen kommen immer häufiger zur New York Times, weil sie sich für die vermeintlich weichen Themen und das Spiel und Koch-Angebot der Zeitung interessieren.

4. Guter Inhalt schafft Rituale

Wer auf dieser Weise Inhalte an den Interessen der Leser:innen entlang entwickelt, muss ein anderes Verhältnis zur Aktualität entwickeln: was bedeutsam und heute relevant ist, hängt nicht mehr an einem externen Terminplan, dem man folgen kann. Es muss eine Aktualität bedient werden, die von den Leser:innen abhängt. Dieser Unterschied zwischen äußerere Aktualität und Rezipienten-Aktualität ist vermutlich der von außen sichtbarste Wandel in der Struktur der Zeitung App.

Hier spielt die planbare Ritualisierung von Inhalten eine wichtige Rolle. Der empfehlenswerte Laufnewsletter wird zum Beispiel stets am Samstag nachmittag deutscher Zeit verschickt.

5. Übersicht ist alles

Ganz viel an der NY Times mag ich sehr. Meine Lieblings-Entdeckung rund um das Zeitungs-Abo stammt aber nicht von den Journalist:innen in New York selbst, sondern von Matt Thomas, der einmal in der Woche einen sehr schlichten, aber genau deshalb guten Newsletter verschickt: Er kuratiert gute Inhalte aus dem Angebot der NYTimes – und schafft damit Übersicht und Zugang. Hier kann man ihn bestellen.

Ich erwähne das, weil ich glaube, dass der nächste Schritt in der Entwicklung einer nutzer:innen-zentrierten Angebotsstruktur in Richtung Kuration und Übersicht gehen muss.

Mehr zum Thema Inspirierender Journalismus hier im Blog
Was ist ein ankündigende Zusammefassung?
– der Newsletter zum Begriff „Inspirierender Journalismus“

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich öffentlich über Themen nachdenken, die mich beschäftigen.

User-Centric-Business: Leser:innen als Testimonials

Das Cover eines Magazins ist ein Heiligtum. Das Cover für nicht redaktionelle Zwecke herzugeben, gleicht deshalb häufig einem Sakrileg. Nicht so in dieser Woche auf der ersten Seite des Magazins „The Economist“. Um die aktuelle Ausgabe ist eine äußere Verpackung gelegt, die als zweites Cover vor dem Titelbild „America’s better future“ zu lesen ist.

Aber der Economist gibt sein Titelbild nicht an einen Anzeigenkunden oder an eine fremde Werbebotschaft. Der Economist widmet das Doppelcover seinen Leser:innen. „There’s no better time to share uns with friends and family“ steht da zu lesen und das soll vor allem heißen: „Laden Sie doch mal jemanden zum Economist-Lesen ein“.

Wie das technisch geht, steht auf der Cover-Umverpackung verbunden mit Abo-Modellen – und in einem Newsletter an zahlende Leser:innen: Ab sofort kann man Paid-Artikel verschenken, also anderen Leser:innen Zugang hinter die Bezahlschranke gewähren.

Der Economist, zu dessen besonderem Umgang mit dem eigenen Cover ich hier schon mal schrieb, verbindet diese äußerst prominente Ankündigung mit dem Start einiger neuer Newsletter und einer Erweiterung des Angebots.

Besonders finde ich aber diesen bemerkenswerten Zugang auf die eigenen Leser:innen als Testimonials. Das ist an sich nicht neu, es fühlt sich aber an keiner Stelle wie das „Leser werben Leser“-Programm alter Prägung an, sondern erinnert eher Referral Rewards aus Newslettern. Deutlich erkennbar ist hier nicht nur „Das höchste Gut ist deine Verbindung zu den Kund:innen“, es zeigt sich auch: Es wird in Zukunft darauf ankommen, diese Verbindung gut zu organisieren.

Digitalisiert Euch!

Wir wissen es nicht. Wir wissen nicht, wie es nach der Pandemie weiter geht und ob es überhaupt ein Ende gibt, das sich anfühlt wie ein davor. Ich habe in den vergangenen Tagen einige Beiträge gehört und gelesen, die mein Gefühl von Unsicherheit und Nicht-Wissen auf fundierte Weise bestätigt haben. Mai Thi Nguyen-Kim lässt in ihrem unbedingt empfehlenswerten „So endet die Pandemie“-Clip Lenny Krevitz zu Wort kommen, der singt. „So many tears I’ve cried / So much pain inside / But baby, it ain’t over till it’s over“. Bei Karl Lauterbach im Gespräch mit den Elementarfragen klingt das weniger poetisch, aber auch hier bleibt deutlich die Erkenntnis: Nach der Pandemie ist nicht einfach wieder alles so wie früher. (Foto: unsplash)

Im vergangenen Frühjahr habe ich hier versucht zu beschreiben, wie digitale Denkansätze helfen können mit der Unsicherheit umzugehen, die durch die Pandemie entsteht. Nach den Erfahrungen des vergangenen Jahres und den Einschätzungen zum weiteren Fortgang stelle ich mir immer häufiger die Frage: Müssten wir nicht auch viel deutlicher unser Handeln digitalisieren?

Die Art wie wir gerade Homeschooling erleben, wie der Einzelhandel versucht durch die Krise zu kommen und wie Restaurants versuchen Essen zu liefern – all das kann doch nicht das Ende der digitalen Weisheit sein. Es muss doch mehr möglich sein als Click&Collect und „könnt ihr mich hören“-Unterricht mit lausiger Bandbreite. Meinem Eindruck nach ist all das konzipiert vor dem Hintergrund von „Bald ist alles wieder wie vor der Pandemie“. Diese Hoffnung teile ich, um aber auf neue Ideen zu kommen, ist dieser Wunsch ein eher ungünstiger Begleiter. Er bremst die Kreativität, redet uns ein, ein neuer Ansatz lohne sich nicht und verhindert auf diese Weise wirklich digitale Lösungen.

Das Jahr 2021 ist jetzt alt genug, um zu erkennen: Die Idee, 2020 einfach aus dem Kalender zu streichen und so weiter zu machen als hätten wir jetzt die Fortsetzung von 2019, wird nicht gelingen. Statt auf physische Verbindungen zu hoffen, werden wir anfangen müssen, die digitale Präsenz zu umarmen. Denn selbst wenn wir das nicht mögen. Es gibt eine Sache, die in Zeiten von Unsicherheit noch schlimmer ist: diese quälende Unentschlossenheit. Deshalb wünsche ich mir: Digitalisiert euch!

Was heißt Digitalisierung? Fünf Entwicklungen zum Einstieg

1. Die Kopie geht nicht mehr weg. Nutze sie!
2. Das Internet ist ein Ort. Sprich mit den Einheimischen.
3. Wir erleben einen Wandel von der Lautsprecher- zur Kopfhörer-Kultur. Es gibt eine Welt hinter dem Durchschnitt.
4. Produkte werden zu Prozessen. Begleite deine Kundinnen und Kunden!
5. Neue Ideen sind möglich!

Dazu habe ich zu Beginn des November-Lockdowns fünf Ratschläge zum Start notiert!

Mega-Trend Newsletter: Fünf Gründe warum der Hype berechtigt ist

Dieser Text ist Teil der Februar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was ist der wichtigste publizistische Trend im Frühjahr 2021? Nein, ich spreche nicht von Clubhouse. Auch die wachsende Bedeutung von datenjournalistischen Formaten meine ich nicht. Ich spreche von der ältesten Innovation des digitalen Journalismus: Newsletter.

Schon im Februar 2020 sprachen wir hier über eine Entwicklung, die man als „newsletter first media“ bezeichnen kann. Ein Jahr später kann man festhalten: diese Entwicklung kommt jetzt auch bei den Medienhäusern und Plattformen an. Denn gerade eben haben sowohl Twitter als auch Facebook angekündigt, dass sie Newsletter für sich entdeckt haben. Die beiden Plattformen, die mal angetreten waren, Mails abzuschaffen (Botschaften, Messenger etc.) versuchen jetzt mit dem Kauf von Revue (Twitter) und dem Aufbau eines eigenes Newsletter-Netzes (Facebook) in den Posteingang von Leser:innen zu kommen.

An diesem Ort soll sich der Kampf um die Aufmerksamkeit entscheiden – darauf wetten Dienste wie Substack (zum Hintergrund diese sehr gute Breitband-Sendung oder den Axios-Podcast zum Thema hören) oder in Deutschland steady aber auch Medienhäuser wie Forbes, das gerade angekündigt hat, 20-30 Autor:innen anzustellen, die nichts anderes tun sollen als Newsletter schreiben. Genau damit versucht das Autor:innen-Kollektive Every ein Geschäft aufzubauen. Die Newsletter-Schreiber:innen haben zum Teil auf Substack erste Erfolge erzielt und bündeln ihre Inhalte nun neu.

Was steckt hinter der nicht abkühlenden Begeisterung für die im Kern sehr alte Technologie Mail und Newsletter? Ich glaube mindestens diese fünf Entwicklungen, die für Erfolg im digitalen Ökosystem entscheiden sein können:

1. Das höchste Gut ist deine Verbindung zu den Kund:innen

Newsletter basieren auf der wunderbaren dezentralen Infrastruktur von E-Mails, d.h. sie kommen ohne zentrale Plattform aus, sie sind auf allen Endgeräten und allen Betriebssystemen nutzbar und bringen seit Jahren ungebrochen erfolgreich die zentrale Erkenntnis des weltweiten Netzwerkes auf den Punkt: das höchste Gut im digitalen Ökosystem ist deine Verbindung zu deinen Nutzer:innen. (Foto: unsplash) Es gibt keinen Mittler, die sich zwischen Anbieter:in und Nutzer:in drängt. Das kann zur Grundlage für neue journalistische Formen, aber vor allem zu einem neuen Dialog führen.

Be smart: Nur wer seine Kund:innen kennt, kann deren Interessen befriedigen.

2. Newsletter sind alt, aber eine neue Form von Social Media

Die Besonderheit an Stories als Darstellungsform in Social Media war unter anderem: dass man nicht öffentlich, sondern nur in Direktnachrichten darauf reagieren konnte. Newsletter haben dieses Feature schon immer: Newsletter sind Mails, auf die man antworten kann. Und genau darin unterscheiden sich gute von sehr guten Newslettern, dass sie diese Möglichkeit zu direkter Kommunikation erkennen und auf Basis dessen Nutzer:innen-Bedürfnis befriedigen. Darin steckt einerseits die Anforderungen, so zu schreiben, dass man in den Posteingang der Leser:innen passt, aber dazu gehört auch, die Verbindung, die das Internet ist, anzuerkennen und Reaktionen auf die eigene Arbeit nicht als lästige Ergänzung, sondern als zentralen Bestandteil des Publizierens zu erkennen.

Be smart: Digitales Publizieren ist dialogisches Publizieren.

3. Newsletter brauchen Leser:innen

Die Idee, Produkte nutzer:innenzentriert zu entwickeln, führt im Journalismus dazu, Inhalte mindestens inspirierend, aber stets am klaren Interesse der Adressat:innen orientiert zu erstellen. Die Betreffzeile eines Newsletters ist die in wenige Zeichen kondensierte Aufforderung: Sage mir worum es geht und warum ich es lesen sollte! Wer Newsletter konzipiert, schreibt und umsetzt, kommt an der Frage nach dem Mehrwert für Leser:innen nicht herum. Wer Medien als Newsletter denkt, denkt in Produkten, die erst durch die Aufmerksamkeit ihrer Leser:innen entstehen. Hier erkennt man die Grundlage für das, was ich Inspirierenden Journalismus nenne. Journalismus in dieser Leseart braucht das Interesse der Leser:innen und liefert ihnen einen Mehrwert („Er muss nicht zwingend Nutzwert, aber stets Denkwert liefern: eine Idee, einen Gedanken oder Perspektivwechsel inspirieren.“). Jede Mail muss diesen Mehrwert immer wieder neu beweisen. Denn auch wenn das Eintragen in eine Newsletter-Liste den Kontakt ermöglicht, die Öffnung des Newsletters muss mit jeder Folge wieder neu erarbeitet werden – und macht so den Unterschied zwischen vor und nach der Mail erkennbar: die Inspiration, die die Mail ihren Leser:innen bringt.

Be smart: Wer einen Newsletter schreibt, muss vorher das eigene Produktversprechen kennen.

4. Newsletter begleiten ihre Leser:innen

Ein gedrucktes Buch ist eine abgeschlossene Inhalte-Einheit, ein Newsletter ist eine Folge von Inhalte-Einheiten, die durch ihren chronologischen Verlauf eher wie ein Workshop-Kurs oder eine Begleitung wirken können. Was ich damit meine: Newsletter können Bücher zu einem Prozess machen, zu einem Erlebnis. Darin steckt viel von dem, was ich als „Kultur als Software denken“ beschreibe, aber noch viel mehr Nutzer:innen-Fokus. Ein Newsletter kann mich als Leser auf einer Entwicklung begleiten (mein Lieblingsbeispiel: Mit dem SZ-Minutenmarathon kannst du Läufer:in werden) und ein Newsletter kann Bücher in wöchentliche Portionen zerlegen, die mir regelmäßig zu einer bestimmten Zeit geschickt werden. Ich nenne das Buch-Brief-Ing und glaube, dass darin nur ein Ansatz für den prozesshaften Charakter von Newslettern liegt.

Be smart: Gute Newsletter sind wie ein Workshop oder Kurs gedacht – und damit bestes Beispiele für inspirierenden Journalismus.

5. Die technische Entwicklung von Newslettern steht noch ganz am Anfang

Das klingt zunächst absurd, eine so etablierte Technik wie Mail als „am Anfang“ zu beschreiben. Was ich damit meine: Die Idee, Newsletter ungefiltert im Posteingang zu lesen, wird sich entwickeln. Wir werden erstens als Gesellschaft lernen, unseren Posteingang filtersouverän zu strukturieren (hier kann man nachlesen, wie man Filter in Gmail setzt), aber wir werden auch technische Angebote sehen, die Newsletter wie Podcasts darstellen. Dabei wird eine Technik zum Einsatz kommen, die ähnlich alt ist wie das Mailprotokoll: RSS-Feeds. Ich persönlich bin großer Fan von RSS und freue mich deshalb über Seiten wie kill-the-newsletter.com, den Substack-Reader oder die Stoop-App, die Newsletter aus dem Posteingang befreien wollen.

Be smart: Newsletter sind eines der wichtigsten Instrumente für die Zukunft des (digitalen) Journalismus.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem schon häufiger Beiträge über Newsletter erschienen sind. Einige stehen unter briefingbriefing.de verlinkt.

Shruggie des Monats: deine Stimme

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Während ich diese Zeilen tippe ist die Domain drop-in-audio.de noch frei. Das ist deshalb erstaunlich, weil ich diese Zeilen im Augen eines Hype-Orkans schreibe, in dem Drop-in-Audio das nächste große Dinge zu sein scheint (Symbolbild: Cooles Telefonieren bei Unsplash) Über die Hype-Mechanik habe ich hier schon geschrieben und hier gesprochen. Um das, was nach dem Hype bleiben wird, geht es in dieser Januar-Folge der Shruggie-Rubrik.

Denn natürlich lautet die korrekte Antwort hier (wie so oft):

¯\_(ツ)_/¯

Aber der Clubhouse-Hype erinnert uns in diesen deprimierenden Wintertagen der Pandemie daran, dass wir eine Stimme haben. Die Stimme als fast schon intimer Ausdruck der eigenen Persönlichkeit bildet den Kern dessen, was gerade eine etwas hektische Aufregungswelle erzeugt. Auf der surfen Sprachassistenten und Podcast-Boom(s) und alle sind sich einig: Audio wird total wichtig. Das gesprochene Wort wird als Bedien-Oberfläche für Geräte und Anwendungen ebenso Bedeutung erlangen wie in den Räumen, die Clubhouse eröffnet. Hier erzeugt es einen im Wortsinn eigenen Space, in dem heimatliche Gefühle entstehen. Man muss nicht Liebeslieder zitieren, um zu bemerken: Du kannst in vertrauten Stimmen versinken, dich heimisch und verstanden fühlen.

Diese Spaces, die die Stimme eröffnen kann, haben Twitter inspiriert (künftig) mit Drop-in-Audio das zu tun, was Instagram mit den Storys von Snapchat gemacht hat: Ein etabliertes Netzwerk übernimmt ein zentrales Feature eines Newcomers und macht es groß. Klar existiert Snapchat weiter, auch nachdem Instagram Storys kopiert hat. Und vermutlich wird auch Clubhouse nicht geschlossen nur weil Twitter die Quatschen-Funktion integriert. Aber Drop-in-Audio – und damit der Wert deiner Stimme – wird erst durch das etablierte Netzwerk volle digitale Reichweite entfalten.

Meine Erfahrung nach ein paar vorsichtigen Clubhouse-Versuchen und einem Reinhorchen in Twitter legt den deutlichen Verdacht nahe: Deine Stimme wird in den nächsten Monaten immer wichtiger. Womöglich wird die eingangs zitierte Domain nicht mehr lange frei bleiben wird. Im Gegenteil: Wir werden zusätzlich spannende Audio-Experimente sehen hören, von denen Philipp hier schon einige skizziert hat.

Und dazu teile ich die Prognose von Justin Jackson, der in diesem Blogpost Clubhouse und Twitter Spaces vergleicht und zu dem Schluss kommt:

However, my gut feel is that Twitter Spaces has a good chance of disrupting Clubhouse.

Bis es soweit ist, hier ein paar Programmtipps für Clubhouse in den kommenden Tagen:

> Donnerstag, 28.1., 18.30 Uhr: Christoph Koch von Keynoteria hat mich eingeladen übers Sprechen zu sprechen – hier ist der Clubhouse-Link

> Freitag, 29.1., 21 Uhr:
Lucas von Gwinner und ich nehmen die erste Folge der zweiten Staffel „Wirbt das?“ auf – hier ist der Clubhouse-Link & den Podcast gibt es hier

> Mittwoch, 3.2. 10 Uhr: Gemeinsam mit Kolleg:innen aus SZ und SWMH spreche ich über Kundenkontakt während Corona (Link folgt)

> Donnerstag, 4.2. 21 Uhr:
Gemeinsam mit Michele Loetzner und Christoph Koch spreche ich über Inspirierenden Journalismus (Link folgt)

> Freitag, 5.2., 21 Uhr: Lucas von Gwinner und ich nehmen die zweite Folge der zweiten Staffel „Wirbt das?“ auf – den Podcast gibt es hier

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Im April 2019 habe ich schon mal in dieser Rubrik über das Gendersternchen und die geschlechterneutrale Stimme Q geschrieben. Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Die ankündigende Zusammenfassung (IJ02)

In diesem Blogeintrag wirst du lernen, warum derartige Vorbemerkungen (die ich ankündigende Zusammenfassungen nenne) zur Zeit überall auftauchen und welche Rolle sie beim Konzept des inspirierenden Journalismus spielen. Mehr zum Thema Inspirierender Journalismus gibt es hier im Blog:

Inhaltsverzeichnis
> Definition: Was ist inspirierender Journalismus?
> Zusammenfassung
> Sprungmarken für die SEO-Optimierung

Es reichen sechzig Sekunden.
Das „Die Zerstörung der CDU“ genannte Video dauert zwar insgesamt fast 55 Minuten, doch um zu verstehen, wie Rezo den Journalismus nachhaltig verändert hat, reichen die ersten Sekunden seines Videos. Er beginnt die Zerstörung nämlich mit der Ankündigung dessen, was er im Folgenden tun wird: Zerstören. Im Original-Ton klingt das so…

„Ich werde in diesem Video zeigen, wie CDU-Leute lügen, wie ihnen grundsätzliche Kompetenzen für ihren Job fehlen, wie sie gegen deutliche Experten-Meinung Politik machen, wie sie sich augenscheinlich an verschiedenen Kriegsverbrechen beteiligen, wie sie Propaganda und Unwahrheiten gegen die junge Generation einsetzen, wie bei ihrer Politik in den letzten Jahrzehnten die Reichen immer mehr gewinnen und alle anderen immer mehr ablosen und ich zeige, dass nach der Experten-Meinung von zigtausenden deutschen Wissenschaftlern, die CDU aktuell unser Leben und unsere Zukunft zerstört.“

… und fasst auf diese Weise vorab zusammen, was nun folgen wird. Ich nenne diese Form der vorangestellten Bewertung: Ankündigende Zusammenfassung. Rezo nutzt diese Form in zahlreichen seiner Videos und auch außerhalb von Clips sehen wir die ankündigende Zusammenfassung, die auch in wissenschaftlichen Texten, in der so genannten Management Summary oder ganz banal in einem „Take away“ genannten Wissenskondensat (Foto: Unsplash) Anwendung findet, immer häufiger.

Warum ist das so?
Ich sehe dafür zwei Hauptgründe. Der erste ist technischer, der zweite inhaltlicher Natur.

Der technische Grund liegt an den Suchmaschine genannten Filter-Robotern, die durchs Web krabbeln, Informationen einsammeln und bewerten. Für die Gewichtung sind ankündigende Zusammenfassungen Gold wert. Am besten so wie im oberen grauen Kasten: mit Definition, Sprungmarken und Schlagworten, die eine interne Verlinkung und Bezugnahme zeigen und möglichst alle relevanten Begriffe in dem Kontext „Was ist eine ankündigende Zusammenfassung?“ oder „Definition: Ankündigende Zusammenfassung“.

Dieses Inhaltsverzeichnis spiegelt dem menschlichen Auge eine Art Übersichtlichkeit vor, sie zeigt, was auf dieser Seite zu erwarten ist und bringt die wichtigsten Begriffe auf den Punkt – aber es ist gar nicht fürs menschliche Auge geschrieben. Diese ankündigende Zusammenfassung ist für die Suchmaschinen geschrieben worden. Sie sollen helfen, Menschen auf die entsprechenden Seiten zu führen. Das funktioniert so gut, dass man ankündigende Zusammenfassungen mittlerweile auf allen Seiten findet, die so genannten evergreen-content in so genannten verticals sammeln. So nennt man nämlich Inhalte, die nicht tagesaktuell sind und hohes Suchvolumen versprechen. Menschen, die sich für ein bestimmtes Thema interessieren (das in den Schlagworten möglichst umfänglich eingegrenzt werden sollte), werden auf diesem Weg von ihrem Suchinteresse auf Webseiten geführt. Klassische journalistische Nachrichtenfaktoren wie Aktualität oder Nähe spielen hier eine immer geringere Rolle, wichtiger sind Schlagwort-Dichte, glaubwürdige Aufmachung und ein deutliches Nutzungsversprechen, das in der ankündigenden Zusammenfassung ausformuliert wird.

Damit kommen wir zum inhaltlichen Grund für den Siegeszug der ankündigenden Zusammenfassung: Sie stellt das Interesse der Nutzer:in in den Mittelpunkt und zeigt – in your face! – warum es diesen Text oder Beitrag überhaupt gibt. Wer ein konkretes Beispiel für die von Simon Sinek formulierte „Start with the Why?“-Theorie sucht: die ankündigende Zusammenfassung liefert genau dies, die Antwort auf das Warum? für diesen Beitrag oder Text.

Warum veröffentlicht Rezo ein Video wie Die Zerstörung der CDU? Die Antwort findet sich in den ersten sechzig Sekunden seines Clips. Und genau in diesen sechzig Sekunden kann man deshalb auch ablesen, was inspirierenden Journalismus ausmacht: er liefert seinen Leser:innen einen Grund, eine Antwort auf die Frage „Warum soll ich das jetzt lesen?“.

Ich habe zum Thema Inspirierender Journalismus bereits hier geschrieben und werde 2021 noch mehr dazu veröffentlichen. Wenn Sie sich dafür interessieren, empfehle ich Ihnen meinen kostenfreien monatlichen Newsletter. Wenn Sie zu dem Thema etwas beitragen möchten oder eine Anmerkung haben, lade ich Sie ein: Schreiben Sie mir (die Kontaktadresse finden Sie im Impressum). Einige Leser:innen haben mir (vielen Dank!) bereits geschrieben. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Austausch im Jahr 2021 hier im Blog Niederschlag finden wird.