Alle Artikel in der Kategorie “Print

Kommentare 0

Wer nur am Rand hockt, braucht kein Wasser im Pool – vom Ende des freien Internet

Ist die Aufregung um den Urheberrechtskompromiss, der gestern in Brüssel ausgehandelt wurde, eigentlich berechtigt? Ist das freie Internet wirklich in Gefahr? Darüber wird gerade heftig gestritten und der Grund hat weniger mit dem etwas komplizierten juristischen Fachgebiet zu tun (zu dem ich btw. eine klare Meinung bereits vor Jahren geäußert habe: Wir brauchen Lösungen mit und nicht gegen die Kopie) als vielmehr mit der Frage, was eigentlich gemeint ist, wenn man vom „freien Internet“ spricht.

Es gibt da nämlich einen sehr bedeutsamen Unterschied in der Wahrnehmung, den man am besten mit dem Bild von einem Pool illustrieren kann (Foto: Unsplash): Dort gibt es schwimmende Menschen und solche, die nur am Rand sitzen. Beide mögen den Pool, aber Schwimmer*innen und Randsitzer*innen haben dennoch völlig unterschiedliche Wahrnehmungen dessen, was den Pool ausmacht. Die Frage, ob Wasser im Pool ist, spielt dabei nur für diejenigen eine Rolle, die auch reinspringen. Für sie ist es jedoch die zentrale Frage. Im Urheberrechtsstreit ist das Wasser das freie Internet. Der Pool verliert seinen Reiz, wenn er kein Wasser mehr hat. Wie soll man dann schwimmen? Menschen von der Randsitzer*innen-Fraktion verstehen diese Frage nicht, denn Wasser kennen sie kaum aus eigenem Erleben. Sie schwimmen nicht und sehen höchstens Mal die Wasserspritzer wenn einer der Schwimmer Arschbombe macht. Das ist dann vielleicht lustig, aber eine Ausnahme. Denn die Randsitzer*innen gehen nicht ins Wasser und verstehen deshalb auch nicht, warum die Schwimmer so einen Aufstand um das Wasser machen. Der Pool ist doch auch ohne Wasser schön – denken sie und wischen alle berechtigten Bedenken weg, die mit Uploadfiltern verbunden sind. Denn wer eh nichts hochlädt, kann sich vermutlich auch keine Probleme mit Uploadfiltern vorstellen.

Ich habe schon vor ein paar Jahren in einem SZ-Text über diesen digitalen Graben zwischen den aktiven und den passiven Internet-Nutzern geschrieben (hier kann man ihn nachlesen), doch jetzt droht dieser Unterschied zu einem Problem zu werden. Denn die Randsitzer haben ein Gesetz in Planung, das dazu führen könnte, dass das Wasser aus dem Pool verschwindet.

Simon Hurtz hat dazu gestern einen treffenden Kommentar geschrieben, der die zentralen Sorgen der Schwimmer*innen zusammenfasst, schon im Sommer hat Sascha Lobo auf den Punkt gebracht, dass der Glaube an „Erkennungsoftware“ den Verdacht nähert, dass hier jemand noch nie im Wasser war. Die Schwimmer*innen aller politischen Farben hingegen sind sich einig, dass Uploadfilter das Wasser im Pool bedrohen – und deshalb keine Lösung liefern.

Da sich im so genannten Trilog EU-Staaten, die Kommission und das Parlament gestern auf einen Kompromiss geeinigt haben, ist unwahrscheinlich, dass das Parlament, das darüber noch abstimmen wird, den Entwurf noch ablehnt. Es ist aber nicht unmöglich, darauf weist eine der Schwimmerinnen im EU-Parlament hin: Julia Reda hat heute einen Blogeintrag online gestellt, in dem sie beschreibt, was andere Schwimmer*innen jetzt tun können:

Die endgültige Abstimmung im Parlament findet nur wenige Wochen vor der Europawahl statt. Die meisten Abgeordneten – und jedenfalls sämtliche Parteien – würden gerne wiedergewählt werden. Die Artikel 11 und 13 werden dann fallen, wenn genug Wähler*innen sie zum Wahlkampfthema machen

Vielleicht besteht ein Ansatz für eine Lösung ja darin, die Randsitzer*innen mal zum Aufstehen zu bewegen und sie wie auf dem Bild oben an die Leiter am Pool zu begleiten. Wer dort steht, stellt schnell selber fest, dass es einen Unterschied macht, ob Wasser im Pool ist oder nicht wenn man gleich reinspringt!

Viel Spaß beim Schwimmen – so lange es noch geht

Kommentare 0

„Wir möchten Ungewissheit und einen offenen Umgang mit Fehlern normalisieren“

Anfang des Jahres las ich im US-Magazin vox.com einen Bericht über die Leipziger Forscherin Julia Rohrer. Brian Resnik schrieb darin, sie wolle einen radikal neuen Ansatz zum Umgang mit Fehlern in der Wissenschaft etablieren. Denn Julia Rohrer hat mit einigen Kolleg*innen das Projekt Loss of Confidence ins Leben gerufen – in dem es um Ungewissheit in der Wissenschaft geht. Als Shruggie-Autor fand ich das so spannend, dass ich Julia Rohrer einige Fragen zu dem Projekt mailte, bei dem Wissenschaftler*innen noch bis 31. Januar Einsendungen tätigen können. (Unsicherheit-Symbolbild: Unsplash)

Wir leben in einer Zeit der Unsicherheit, man hat das Gefühl, Menschen suchen mehr als je nach Gewissheit. Warum starten Sie genau einer solchen Zeit so ein Projekt?
Wir als Forscherinnen und Forscher streben natürlich danach, robuste Einsichten und Erklärungen zu generieren. Insofern ist Gewissheit natürlich eines unserer Ziele, aber der Weg dorthin ist voller Unsicherheiten: Messen wir tatsächlich das, was uns interessiert? Lassen sich die beobachteten Zusammenhänge nicht auch auf Alternativerklärungen zurückführen? Haben unsere Methoden systematische Probleme, die verhindern, dass wir die richtigen Antworten finden? Dieses kritische Hinterfragen ist ein wichtiges Werkzeug, damit man sich nicht selbst zum Narren macht.

Daran soll das Projekt erinnern?

In den letzten Jahren hat sich in der Psychologie die sogennante Replikationskrise entfaltet. Beispielsweise sieht es so aus, als würde die Wiederholung des möglichst exakt gleichen Experiments in vielen Fällen andere Ergebnisse liefern — das hat doch einige Leute eher überrascht. Wir haben eine Forschungskultur aufgebaut, in der Forschungsergebnisse, die mit großer Gewissheit präsentiert werden, höher geschätzt werden. So langsam lernen wir, dass das die falschen Anreize für die Wissenschaft setzt: Forscher werden belohnt, wenn sie die vielen Unsicherheiten des wissenschaftlichen Prozesses einfach verschweigen oder wenn sie sich selbst davon überzeugen, dass ihre Ergebnisse wasserdicht sind. Solche Angewohnheiten machen es schwerer, Fehler zu korrigieren oder aus ihnen zu lernen. So zu tun, als wären wir uns mit allem immer ganz sicher und hätten eh immer Recht kann also den unangenehmen Nebeneffekt haben, dass wir am Ende weniger wissen (und nicht mal merken, wenn wir daneben liegen).
Die Idee des Loss-of-Confidence Projects ist es, dagegen zu steuern. Wir möchten Ungewissheit und einen offenen Umgang mit Fehlern normalisieren.

Warum ist es wichtig, Unsicherheiten öffentlich anzusprechen?
Für mich gibt es mehrere Gründe, warum gerade Wissenschaftler und andere Personen, die Wissenschaft kommunizieren, in der Pflicht stehen, auch die Unsicherheit in den Ergebnissen öffentlich anzusprechen.
Erstens ist es nach meinem Verständnis schlicht und ergreifend Teil des Jobs: Forschung wird oft öffentlich finanziert, und damit entsteht eine Verpflichtung, die Öffentlichkeit angemessen zu informieren — und wenn man vor allem neuere wissenschaftliche Ergebnisse präsentiert, dann gehört da praktisch immer eine gewisse Unsicherheit dazu.

Und der zweite Grund?
Zweitens sehe ich auch durchaus, dass eine übermäßig enthusiastische und unkritische Darstellung von Forschungsergebnissen auch langfristig negative Folgen haben kann. Das klassische Beispiel dafür sind bestimmte Bereiche der Ernährungswissenschaften, die oft viel Medienaufmerksamkeit bekommen – nur leider widersprechen sich die Ergebnisse. Den einen Monat schützt Kaffee vor Krebs, den nächsten Monat verursacht Kaffee Krebs. Zumindest mir scheint es plausibel, dass manche Leute da auf die Idee kommen, dass Forscher sich ja eh nicht einigen können und man sie deswegen auch getrost ignorieren kann. Das hat das Risiko, dass gut fundierte wissenschaftliche Empfehlungen ignoriert werden. Dabei gibt es ja bei einigen Themen einen soliden wissenschaftlichen Konsens! Unsicherheiten kommen in unterschiedlichen Ausprägungen vor und wir müssen sicherstellen, dass das angemessen kommuniziert wird.

Wen wollen Sie mit Ihrem Projekt ansprechen?
In unserem Projekten bitten wir im Moment explizit nur um Einreichungen aus der Psychologie. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass wir in dem Bereich die Expertise haben, um die eingereichten Statements richtig einschätzen zu können. Da aber die zugrundeliegende Frage – wie gehen wir damit um, wenn Wissenschaftler selbst ihren eigenen Ergebnissen nicht mehr trauen? – auch andere Felder betrifft, hoffen wir, dass das Projekt auch für Nicht-Psychologen interessant ist.

Haben Sie bereits Einsendung erhalten? Wovon handeln diese?
In der aktuellen Version des Manuskriptes finden sich sechs Einsendungen; nachdem wir es online gestellt hatten haben wir aber noch ein paar weitere erhalten. Die Einsendungen kommen aus ganz unterschiedlichen Teilfeldern der Psychologie und sie bringen auch ganz unterschiedliche Themen auf. Dazu gehören konzeptuelle Probleme mit dem Design von Studien, ungeeignete statistische Analysen, das Verschweigen von unpassenden Ergebnissen.

Was passiert mit den Einsendungen nach Abschluss des Projekts?
Wir haben Ende letzten Jahres ein vorläufiges Manuskript online gestellt und erneut Psychologen aufgefordert, zum Projekt beizutragen falls es sie anspricht. Ende Januar werden wir die „Datensammlung“ offiziell beenden, uns in Ruhe anschauen was wir zugeschickt bekommen haben und dann das Manuskript nochmal überarbeiten und es bei einer wissenschaftlichen Zeitschrift einreichen. Dabei werden alle Autoren von Einsendungen auch Autoren des Manuskriptes: Es ist uns wichtig, anzuerkennen, dass es eine Selbstkorrektur auch ein wissenschaftlicher Beitrag ist, der geschätzt werden sollte.

Mehr über das Projekt unter lossofconfidence.com – ich interessiere mich für diesen Umgang mit Fehlern und Ungewissheiten, weil mein aktuelles Buch davon handelt: ¯\_(ツ)_/¯

Der Typ, der nie übt

Ich habe diese Woche etwas Neues gelernt: Unter den Menschen, die Robert Habeck mögen, gibt es erstaunlich viele, die Twitter und Facebook nicht mögen. Jedenfalls habe ich in den vergangenen Tage zahlreiche Leserbriefe von Menschen bekommen, die genau aus der genannten Präferenzlage heraus super finden, dass Habeck sich bei Twitter und Facebook abgemeldet hat. Denn sie selber verzichten ja schon immer auf diese Dienste, lassen sie mich wissen. Seine Entscheidung ist ihnen Bestätigung ihrer Ablehnung. Sie weckt die Hoffnung, dass es vielleicht doch eine Option ist, nicht mitzumachen. Dass Habeck weiterhin auf Instagram (aktiv?) ist, bemerken sie dabei nicht.

Sie kritisieren mich, weil ich Anfang der Woche bei der SZ kommentierte, dass Habecks Schritt persönlich vielleicht nachvollziehbar, politisch aber ein sehr falsches Zeichen ist.

Nun kann man völlig zurecht argumentieren, dass diese Entscheidung des Grünen-Chefs ohnehin schon zuviel Aufmerksamkeit bekommt und man sich doch endlich wieder relevanteren Themen zuwenden sollte. Doch das ist eine zweite Erkenntnis dieser Woche: Es gibt erstaunlich viele Menschen, bei denen diese Debatte rund um Social-Media etwas auslöst. Es gibt Gesprächsbedarf in diesem Land.

Diese allgemeine Aufmerksamkeit nutzte Schlecky Silberstein, der Habecks Schritt lobte und ein Twitter-Verbot für Abgeordnete forderte. Deutschlandfunk-Kultur verfiel auf diese Provokation und rief mich heute Mittag an, um den Vorschlag zu sprechen.

Das ist deshalb erwähnenswert, weil entweder die Musikredaktion oder ein sehr schlauer Algorithmus nach dem Gespräch einen Song spielt, der meiner Einschätzung nach das Problem perfekt auf den Punkt bringt: „Der Typ, der nicht übt“ von Niels Frevert handelt zwar inhaltlich nicht von Twitter oder Facebook. Der Titel fasst aber zusammen, was mich stört: dass Habeck nicht lernt und weitermacht, sondern ernsthaft glaubt, dass Löschen eine Lösung sein. Denn: „Es gibt an den sozialen Netzwerken Dinge zu kritisieren, die man auf politischer Ebene dringend angehen sollte“, habe ich heute Mittag im Gespräch mit Max Oppel geantwortet: „Die Frage, wie mit Hasskommentaren dort umgegangen wird. Die Frage, wie man reguliert, dass sie sich der Steuerpflicht entziehen, dass sie den Datenschutz unterwandern. Das sind wichtige politische Fragen. Die werden wir aber nicht lösen, indem wir sagen: „Sehr gut, Herr Habeck hat seinen Account gelöscht.“ Damit wird das Problem ja nicht gelöst. Damit suggeriert man, es gebe eine einfache Lösung für die sehr komplizierte Regulierung von Social-Media-Plattformen.“ (Symbolbild fürs Wegschauen: unsplash)

Das Lied ist aber auch deshalb toll, weil es im vollständigen Titel in Klammern etwas ergänzt, was man auch zu dieser etwas länglichen Debatte ergänzen sollte

Worum es wirklich geht

Es geht darum, dass Social Media eine Herausforderung ist. Keiner hat gesagt, dass es leicht wird mit diesen vielen neuen Dingen. Aber ich glaube, wir müssen uns dem stellen und hinzulernen, wie man die neuen Medien gut nutzt. „Wir kommen nicht umhin“, schrieb ich Anfang der Woche, „uns den Problemen zu stellen – und den immer neuen Versuch zu unternehmen, sie zu lösen. Dabei werden Fehler passieren, wie sie Habeck passiert sind. Lösungen findet aber nur derjenige, der bereit ist, auch weiterhin Fehler zu machen. Diese Bereitschaft scheint Habeck verloren zu haben.“

Das ist deshalb schade, weil ich Ende der Woche gelesen habe, wer in Sachen Medienkompetenz offenbar besonderen Nachholbedarf hat: Nicht diese vermeintlich problematischen jungen Leute, sondern Menschen über 65 Jahre. Die Typen, die nie nicht mehr üben. Denn: „Nutzer im Alter von 65 Jahren oder älter teilen „fast sieben Mal mehr“ Artikel von Falschmeldungen verbreitenden Internetadressen als 18- bis 29-Jährige, wie aus einer Studie der Universitäten Princeton und New York hervorgeht“, schrieb der Faktenfinder der Tagesschau und ergänzte: „Die Autoren begründeten das Ergebnis mit der mangelnden digitalen Medienkompetenz älterer Menschen.“

Vielleicht ein ganz gutes Ergebnis der ganzen Debatte: Wir sollten allesamt mehr üben und bereit sein aus Fehlern zu lernen!

Lob des Großraumbüros: Leben wir es als Lesesaal!

Bei Zeit-Online gibt es ein spannendes Interview mit David Heinemeier Hansson von Basecamp. Mit Jason Fried hat er gerade das Buch „It Doesn’t Have to Be Crazy at Work“ geschrieben, darüber spricht er in dem Interview. Von den beiden stammen auch die Bücher Rework und Remote und auch das aktuelle Buch scheint lesenswert zu sein (Grundthese: Arbeit ist nicht dann gut, wenn sie an die Substanz geht). Und doch muss ich dem Reflex nachgeben, einen Widerspruch-Blogpost zu dem Interview zu schreiben.

Denn DHH sagt in dem Interview diesen einen Satz, mit dem man auf billigste Weise Zuspruch in jedem Büro der Welt bekommen kann – und den ich dennoch für falsch halte:

Ein riesiger, offener Raum ist ein fürchterlicher Ort, um konzentriert zu arbeiten.

Das klingt irgendwie gut – und doch: Ich habe in diesem Jahr an keinem Ort so konzentriert gearbeitet wie in einem riesigen, offenen Raum in Anwesenheit von sehr vielen Menschen um mich herum. Als ich zu Beginn des Jahres für die Gebrauchsanweisung für das Internet recherchiert habe, habe ich stundenlang im Lesesaal der Bayerischen Staatsbibliothek gearbeitet – in völliger Ruhe und hoher Konzentration. Denn obwohl Menschen sich anstellen mussten, um einen freien Platz in dem riesigen Raum zu bekommen, galt dort eine sehr einfach Regel: Nicht sprechen, wir sind in einem Großraumbüro einer Bibliothek (Foto: Robert Bye on Unsplash)

Wann immer irgendwer über einen Großraum schimpft, muss ich an diese Stunden der Konzentration denken. Denn räumlich unterscheidet sich ein Lesesaal in der Bibliothek nicht von einem Großraumbüro. Der Unterschied ist ein sozialer. Es gelten andere Regeln. Regeln, die nicht die Architektur vorgibt, sondern der Arbeitsmodus: Der Lesesaal ist ein Büro, das einem klaren Zweck gewidmet ist – dem konzentrierten Arbeiten.

Büros, die Menschen auf die Nerven gehen und so sind, wie DHH sie beschreibt, können groß oder klein sein. Ihnen fehlt stets die klare Ausrichtung auf eine Tätigkeit. Wir denken Büros als Räume, die man für alle unterschiedliche Tätigkeiten nutzt, die im Büroalltag so anfallen. Das ist das Bild des 20sten Jahrhunderts, wir gehen in ein Büro, setzen uns hin und machen alles an diesem einen Ort: Telefonieren, Besprechen, Lesen, Schreiben, konzentriert arbeiten.

Das muss schief gehen – völlig unabhängig von der Anzahl der anwesenden Personen. Es braucht Regeln – und ich glaube, dass ausgerechnet ein sehr großer Raum, nämlich der Lesesaal, vormacht wie diese umgesetzt werden. Wenn hier einer telefoniert, stört er alle anderen. Also sollte er das Telefonat in einem sehr kleinen Raum führen. Gleiches gilt für Gespräche und Meetings.

DHH erklärt das im Verlauf des Interviews auch sehr anschaulich. Er beschreibt die störende Kraft von Chatsystemen wie Slack (die man nur durch Regeln zähmen kann) und gibt dann den Ratschlag:

Wenn Sie sehen, dass Ihre Kollegin in die Arbeit vertieft ist, lassen Sie sie in Ruhe. Fast alles kann warten und Sie können in der Zwischenzeit an einer anderen Sache arbeiten und sie zwei Stunden später fragen.

Was er damit meint: wir brauchen soziale Konventionen um ein gutes Arbeitsklima zu schaffen. Und erstaunlicher Weise können wir diese Konventionen in Großraumbüros besonders gut begründen. Dabei gilt die Faustregel: Je größer der Raum ist umso kleiner muss die Anzahl an Gesprächen und umso geringer muss die Lautstärke im Raum sein. Und daraus ergibt sich die zweite Anforderung: Es braucht Raum für Gespräche, Besprechungen und Lautstärke. Großraumbüros sollten diesen Raum nicht bieten!

Journalismus mit der Unterstützung von philanthropic supporters

Ich habe drei spannende Lesetipps – und eine Frage, die die drei Links verbindet. Auch wenn die Hinweise inhaltlich wenig miteinander verbindet:

Es geht zum ersten um einen Beitrag vom US-Medium Vox, das mir dieser Tage in die Timeline gespült wurde. Ein Listicle mit dem Titel 23 charts and maps that show the world is getting much, much better

Zum zweiten geht es um die Serie Touchstones des US-Magazins New Yorker, in der Kritiker*innen des Magazins Meilensteine der Musikgeschichte vorstellen, die auch ihr eigenes Leben prägten. Drei Beiträge – zu Janet Jackson, Missy Elliot und Nirvana – sind diese Woche veröffentlicht worden. Die Serie soll noch weitergehen.

Auch der dritte Beitrag ist eine Serie, die dieser Woche gestartet worden. Sie heißt Amazon Diaries und der Guardian lässt darin eine anonyme Quelle aus dem Inneren von Amazon berichten lässt.

Was die drei Beiträge verbindet, ist ein kleiner Hinweis, der sich sowohl bei Vox als auch beim New Yorker und beim Guardian neben der Autorenzeile findet: „Supported by“ bzw. „Made possible by“ steht da und dann folgt ein Name, der offenbar dafür gesorgt hat, dass dieser Beitrag erscheint.

Bei Vox ist es im Fall der Liste die Rockefeller Foundation, die laut Wikipedia „von John D. Rockefeller gegründet mit dem Zweck gegründet wurde, das „Wohl der Menschheit auf der ganzen Welt“ zu fördern.“ Die Touchstones-Serie im New Yorker ist „supported“ vom Juwelier Tiffany & Co. Das steht unter der Autorenzeile, allerdings ohne Verlinkung oder weitere Information. Anders beim Guardian: Die Amazon Diaries werden unterstützt worden von der Fordfoundation, deren Ziel es ist, Berichte über Ungleichheit in den USA zu fördern. So steht es auf einer Seite, die der Guardian ins Netz gestellt hat, um seine philantrophischen Unterstützer vorzustellen. Dort steht:

The Guardian, like many news organisations around the world, is working to find new ways to fund our journalism to ensure we can continue to produce quality, independent journalism in the public interest. Increasing philanthropic support for our independent journalism helps fund impactful Guardian reporting on important topics such as modern-day slavery, women’s rights, climate change, migration and inequality.

Darunter folgt eine Liste von Stiftungen, die den Guardian in dieser Arbeit unterstützen – auf zwei Wegen: Einerseits über die Nonprofit-Organisation theguardian.org, die von der Muttergesellschaft Scott Trust gegründet wurde „to support quality independent journalism about some of the most pressing issues of our time.“ Der zweite Weg um als Philanthropic supporter tätig zu werden, ist der „Guardian Civic Journalism Trust“, den die australische Ausgabe des Guardian mit der Centre for Advancing Journalism der Uni Melbourne im März 2018 gegründet hat. Abgeschlossen wird die Seite von dieser Erklärung:

The underlying premise of all philanthropic support for the Guardian is that it is for editorial priorities that have already been identified by Guardian editors. Throughout the process of securing philanthropic support, the Guardian’s philanthropy editors and other senior editors confer about its suitability and the editor-in-chief has the final say on whether a funding opportunity is approved.

Um diese Unabhängigkeit im Falle der Amazon Diaries sicher zu stellen, gibt es beim Guardian die Position des Special Series Editor: Alastair Gee soll persönlich dafür sorgen, dass der Satz stimmt, der auf der Erklärseite zur Serie steht: “ All content is editorially independent“.

Womit wir bei meiner im ersten Satz angekündigten Frage sind: Ist das glaubwürdig?

Denn womöglich sind diese drei Beispiele in Wahrheit nicht vergleichbar – weil sie für sehr unterschiedliche Enden des „supported by“-Journalismus stehen. Aber mindestens beim Guardian steckt eine hohe Offenheit und ein erstaunlicher Aufwand dahinter, zu beschreiben, was „supported by“ bedeutet. Wird der dahinter liegende Journalismus dadurch schlechter? Nehmen die Medien durch solche Projekte Schaden? Oder ist es nicht vielmehr so, dass diese Ansätze dafür sorgen, dass guter Journalismus in schwierigen Zeiten eine Zukunft hat?

Ich bin unsicher, deshalb würde mich deine Meinung interessieren!

Shruggie des Monats: Das Mitgliedschaftsmodell des Guardian

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Umsonstkultur. Wann immer über Geschäftsmodelle im digitalen Raum gesprochen wird, taucht das Wort auf: Die Umsonstkultur des Internet wird dann stets als Problem beschrieben. Sie sei Geburtsfehler und auf jeden Fall schuld an den aktuellen Herausforderungen, die das Internet uns bringt. Mir ist aufgefallen, dass ich schon 2009 hier im Blog über den Mythos vom Geburtsfehler geschrieben habe. Und schon damals wollte ich dem Wort Umsonstkultur nicht glauben.

Dieser Tage habe ich ein Zitat gelesen, das vor dem Hintergrund der Umsonstkultur eine besondere Kraft entwickelt: „Die Annahme, nur weil der Guardian seine Inhalte kostenfrei in Netz stellt, könne man die Leserschaft nicht von dem Wert überzeugen, für den sie auch bereits sind zu bezahlen, hat sich als falsch erwiesen.“
Das Zitat stammt von Anna Bateson, sie ist beim Guardian für das zuständig ist, was Menschen, die das Wort Umsonstkultur mögen, Paid Content nennen würden. Beim Guardian wäre der passende Job-Titel eigentlich „Chief Supporter Officer“ gewesen, erzählt sie in diesem Interview. Da das aber merkwürdig klingt, wählte man den Titel „Chief Customer Officer“ als die Stelle 2017 für sie geschaffen wurde. Bateson war vorher bei Google beschäftigt – als „Director of Global Consumer Marketing“ bei der Videoplattform YouTube.

Und als sie zum Guardian wechselte, schaute sie sich an, wie Wohltätigkeitsorganisationen und politische Bewegungen organisiert sind. Denn für Bateson geht es nicht in erster Linie darum, Inhalte eines Medienhauses zu verkaufen. Sie bittet vielmehr um Unterstützung für eine globale Bewegung. So beschreibt sie ihren Job, der sich auf die Kunst des Bittens stützt, die Amanda Palmer schon 2013 beschrieben hat (wobei Art of Asking natürlich besser und vielschichtiger klingt). In jedem Fall liegt genau in diesem Unterschied zwischen Abo und Mitgliedschaft ein Grund dafür, warum Menschen (wie z.B. auch ich) den Guardian finanziell unterstützen – und zwar nicht obwohl er seine Inhalte frei ins Netz stellt, sondern gerade weil er das tut.

Das klingt zunächst unlogisch, begründet sich aber auf der Besonderheit des Digitalen und ist aus beiden Gründen die perfekte Situation für den Shruggie des Monats ¯\_(ツ)_/¯

Inhalte können im Netz identisch dupliziert werden, sie zu teilen ist eine Grundidee des Web (Man kann nicht nicht kopieren). Der Guardian hat darauf reagiert und einen Weg eingeschlagen, auf dessen Straßenschild im Englischen Donation steht. Es einzig mit Spende zu übersetzen, würde aber zu kurz greifen. Es geht vielmehr um eine Mitgliedschaft, die sich auf mehr begründet als auf den Zugang zum Inhalt. Es geht um Teilhabe und um die persönliche Antwort auf die Frage: Auf welcher Seite stehst du?

Vermutlich lässt sich darin am besten der Unterschied zwischen einem Abo- und einem Mitgliedschaftsmodell fassen. Dazu twitterte diese Woche Rob Wjinberg, Gründer der niederländischen Plattform The Correspondent, einige spannende Gedanken:

Let’s be clear on what we see as the core difference between subscription and membership. Subscribers pay money to get a product (i.e. access to a site). Members join your (journalistic) cause. How do you get people to “join a journalistic cause”? Well, a good start is: hire journalists who are deeply engaged with and care about their subject of expertise. And then: allow them to *express* their deeply felt convictions in all kinds of ways. (…) we ask our correspondents to write *a mission statement*. That’s right. We have them write down why they are so passionate about their subject matter, how they hope to inspire you to care too, and what they hope to find out once they start their research.

Ein journalistisches Mission Statement!? Wer hat so etwas? Wer hat (für sich oder andere) aufgeschrieben, warum sie sich für dieses oder jenes Thema begeistern? Wie sie die Leserschaft inspirieren und dafür gewinnen wollen, sich auch für das Thema zu interessieren? Und was sie hoffen herauszufinden, wenn sie sich diesem Thema widmen? Die Antworten bilden den Kern dessen, was Wjinberg „your journalistic cause“ nennt. Beim Guardian haben wir auf ganz großer Bühne gesehen, was dies im Fall Snowden bedeuten kann, De Correspondent beweist, dass es auch auf kleinerer Bühne funktionieren kann.

Ich habe hier im Blog immer wieder auf diese andere Perspektive auf das Thema Leserfinanzierung hingewiesen. Als ich dann aber diese Woche den Text las, aus dem das obige Zitat von Anne Bateson stammt, hatte ich das Gefühl: Das ist keine theoretische Spinnerei, sondern handfeste Geschäftsgrundlage für die weltweite Medienmarke The Guardian.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

Was ist dein Bild vom Internet? (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Seit diesem Monat wird die deutsche Bundesregierung digital beraten. Der so genannte Digitalrat versammelt Menschen mit Internet-Kenntnis, die der Bundesregierung „unbequeme Fragen“ zum Thema Digitalisierung stellen sollen. So steht es auf der Website der Bundesregierung – und das wurde in den vergangenen Tagen ausgiebig diskutiert kritisiert: Neben der berechtigten Anmerkung, dass in diesem Gremium die Zivilgesellschaft fehlt, zeigte mir manche Stichelei (Äh, Flash auf der Seite, hihi), dass wir mal übers Internet reden müssen – und über das Bild, das wir vom Internet haben.

Es ist an der Zeit, die schau mal, die checkens nicht“-Haltung zu überwinden, die ich mancherorts im Netz noch wahrnehmen, wenn die Politik versucht, sich dem Thema Digitalisierung zu nähern. Dass es den Digitalrat gibt, ist richtig und in Wahrheit überfällig. Und dass die Leute, die sich dort ehrenamtlich engagieren, ihre Sachkenntnis nachgewiesen haben, ist auch erkennbar. Es scheint mir deshalb geboten, diesen Kanal zu nutzen, um relevante digitale Fragen endlich auf diesem Weg auf die Agenda zu bringen – ich hab mal eine Twitter-Liste gemacht.

Unser Bild vom Internet ist viel zu häufig noch geprägt von den Debatten der vergangenen Jahre: von der Frage nach dem digitalen Graben und der Auseinandersetzung darüber, ob es nun gut oder gefährlich ist, dass wir das Internet haben. Dabei haben wir übersehen, dass es keine Selbstveständlichkeit ist, dass wir das Internet überhaupt haben. „Hinter den Debatten um all die schlimmen Seiten des Internet verbirgt sich nämlich eine der großartigsten Erfindungen unserer Zeit, die Menschen klüger und fröhlicher machen kann; wenn man sie richtig einsetzt – und sich daran beteiligt.“ So habe ich es auf die erste Seite des großspurigsten Buches geschrieben, an dem ich je gearbeitet habe. Es heißt „Gebrauchsanweisung für das Internet“ und erscheint am 4.9. in der gleichnamigen Serie im Piper-Verlag.

Zum Erscheinen des Buchs „Gebrauchsanweisung fürs Internet“ gibt es einen Fotowettbewerb mit dem Piperverlag. Das Buch ist ab dem 4.9. im Handel – hier kann man direkt beim Verlag vorbestellen.

Unter dem Hashtag #meinbildvominternet sammeln wir genau das: Fotos vom Netz! Fotografiere dein Bild vom Internet, lade es unter dem Hashtag #meinbildvominternet auf Instagram oder Twitter und gewinne mit etwas Glück eine von drei signierten Gebrauchsanweisungen. Details zum Gewinnspiel gibt es ab 4.9. auf dem Instagram-Account vom Piperverlag.

Natürlich maße ich mir nicht an, Regeln für das Internet (das ganze Internet!) aufzustellen oder gar im Sinne eines Beipackzettels richtiges Verhalten zu beschreiben. Das ist auch nicht der Sinn der Serie, in der auch schon Gebrauchsanweisungen für die Welt, das Leben und das Jenseits erschienen sind. Es geht eher im Sinne des ersten Autors der Gebrauchsanweisungen darum, einen Kontinent zu bereisen. Vor vierzig Jahren schrieb Paul Watzlawik eine Gebrauchsanweisung für Amerika – und in dem Internet-Buch versuche ich, den ortlosen Ort Internet als Reise-Destination zu beschreiben.

Vor allem aber möchte ich mein Bild vom Internet beschreiben – als Ort, der durch sein bloße Existenz beweist, wie toll Diversität und Multi-Kulti ist. Dieses dezentrale Netzwerk ist eine menschheitshistorische Erfindung von so großem Wert, dass es uns häufig gar nicht mehr auffällt. Dabei ist es der europäischen Idee nicht ganz unähnlich – und beides gilt es meiner Meinung nach zu verteidigen. Vielleicht kann man mit etwas Pathos sogar sagen, dass dies die zentrale Aufgabe unserer Generation ist: Die großartigen Errungenschaften Internet und Europa gegen die unterschiedlichen Angriffe zu verteidigen.

Doch Vorsicht: Dabei geht es natürlich nicht ums Konservieren oder um rückwärtsgewandte Vergangenheitsverklärung. Das Internet als lebendiges Netzwerk soll nicht kulturpessimistisch glorifziert, es soll auf Basis des Ideen von Pluralität und Demokratie belebt werden. Damit beziehe ich mich einerseits auf Ansätze, die bedeutsame Ideen wie RSS wiederbeleben wollen, es geht mir bei diesem Bild vom Internet aber um Grundlegendes – wie ich es an anderer Stelle schon erwähnt habe: „Dass völlig unterschiedliche Systeme, auf sehr alten und brandneuen Computern in diesem durch und durch heterogenen Netzwerk der Netze miteinander kommunizieren können (ermöglicht durch das zugrundliegende Internetprotokoll TCP/IP), ist eine bedeutsame, wenn man so will, multikulturelle Erfindung. (…) Denn dass es das Internet überhaupt gibt, zeigt, dass Diversität und Unreinheit funktionieren. Es zeigt, dass die Idee von Völkerverständigung, Offenheit und Pluralismus keine Spinnerei ist, sondern greifbare Wirklichkeit. Es lohnt sich, dieser Idee zu folgen, gerade auch, um gestaltend auf die dunklen Seiten zu reagieren, die durch das Netz zuweilen befördert werden.“

Es ist kein Zufall, dass ich diesen Text an dem Wochenende veröffentliche, an dem unter dem Hashtag #SaveYourInternet in Europa demonstriert wird. Es zeigt, dass auf europäischer Ebene für den Wert des Internet gestritten wird. Das finde ich gut und wichtig. Es macht uns deutlich: Das Internet ist nicht einfach immer so da. Damit es ein demokratischer Raum bleibt, muss man sich engagieren. Das kann auf unterschiedlichen Ebene geschehen. Ein wichtiger Schritt wäre, sich über das eigene Bild vom Internet bewusst zu werden – und darüber zu reden. Auch und gerade mit denen, die sich im Internet vielleicht noch nicht so Zuhause fühlen.

Für alle anderen soll es übrigens demnächst einen Heimatverein Internet geben. Gerade arbeite ich mit ein paar Mitstreiter*innen an einer ersten Umsetzung der Idee. Wer darüber informiert werden will, kann sich hier eintragen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Kann es (noch) besser werden?“ (Juni 2018) „Altland“ (April 2018) „#smarterphone“ (März 2018) „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Shruggie des Monats: der „für später“-Button von Pocket

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree, den Traditionshasen, die Plattform Startnext, das Stories-Format sowie die Özil-Debatte beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen.

Heute nun: der „für später“-Button des Dienstes Pocket ¯\_(ツ)_/¯

Wann genau ist eigentlich dieses „später“? Wann kommt also der Zeitpunkt, an dem ich die Ruhe finde all das zu lesen, was ich da per Mausklick speichere? Die Frage stelle ich mir seit geraumer Zeit. Zeit fast zehn Jahren nämlich sammle ich Lesetipps für später – mit einem Dienst, der Instapaper heißt und anfangs von dem sehr umtriebigen Programmierer Marco Arment quasi alleine auf die Beine gestellt wurde. Arment verkaufte Instapaper irgendwann und zuletzt sorgte der Dienst für Aufmerksamkeit, weil er Probleme mit dem europäischen Datenschutz hatte. Ich jedenfalls nutze ihn sehr lange und mindestens so häufig wie ich mich übers Archivieren und Wiederfinden von guten Texten freue, frage ich mich auch: Wann ist eigentlich später?

Die Antwort ist – natürlich – ein fröhliches Schulterzucken. ¯\_(ツ)_/¯

Denn auch wenn es in der Hektik des „schnell-speichern-und-vergessen“-Alltags manchmal untergeht: Es gibt diese guten Später-Momente durchaus. Eine lange Zugfahrt, auf der ich mich freue, all die Texte lesen zu können, die ich mal so spannend fand, dass ich sie speicherte. Deshalb sind Dienste wie Instapaper (und eben Pocket, auf das ich gleich komme) eben sehr tolle Erfindungen und deshalb ist das Klicken auf den „für später“-Button auch immer eine kleine Hoffnung auf ein besseres Morgen – verbunden mit dem Versprechen dereinst Zeit zu haben all das auch zu lesen.

Dass ich diese buttongewordene Hoffnung auf ein besseres Morgen genau jetzt als Shruggie des Monats auswähle, hängt mit der letzten Folge meines Newsletters zusammen. Anfang August drückten nämlich so viele Menschen bei dem Text Fünf Fitness-Übungen für Demokratie auf den „für später“-Button, dass meine Zugriffsstatistiken verrückt spielten.

Schuld daran ist der Instapaper-Konkurrent Pocket. Der hieß früher mal Read it later. Aber anders als Instapaper verkaufte der Gründer Nate Weiner den Dienst nicht, sondern entwickelte ihn weiter und betreibt ihn jetzt unter dem Dach der Mozilla-Foundation, die unter anderem auch den Browser Firefox entwickelt. Und der Firefox ist der Grund für den Traffic-Anstieg auf meinem Blog.

Mozilla möchte mit Hilfe von Pocket (und dem eingebauten „für später“-Button) ein Projekt realisieren, das sie Context Graph nennen. Sie wollen Nutzer*innen in Firefox auf Basis von Pocket-Empfehlungen Lesetipps ausspielen, die zu deren Interessen passen. Wie das gelingen kann, ohne Nutzerdaten zu speichern, wird hier erklärt. Wie das angenommen wird, kann ich auf Basis meines letzten Newsletters erklären: ziemlich gut.

Mein Text landete offenbar bei so vielen Firefox-Nutzer*innen auf der Startseite in den Pocket-Empfehlungen, dass nicht nur die Zugriffe auf dieser Seite in die Höhe gingen – auch die Abozahlen in meinem Newsletter stiegen massiv an. Das freut mich natürlich – und erinnert mich ein wenig an die Anfänge von Social-Media als derartige Reichweiten-Sprünge aus anfangs unerklärlichen Gründen noch häufiger passierten. Vielleicht steckt in der Pocket-Firefox-Entwicklung ähnliches Potenzial. In jedem Fall zeigt sie: Inhalte alleine sind immer weniger wert. Der Kontext wird immer wichtiger.

Wer sich für Hintergründe zu dieser Entwicklung interessiert, kann mal in mein Buch „Das Ende des Durchschnitts“ schauen oder sich bei The Verge dieses Interview mit Pocket-Chef Nate Weiner anhören.

Ich habe jedenfalls in diesem Monat meinen „für später“-Button von Instapaper zu Pocket umgezogen (das geht dank Export bei Instaper und Import bei Pocket recht einfach). Hier kann man meine öffentlichen Lese-Empfehlungen anschauen – ganz oben in der Liste sind gerade alte Folgen meines Newsletters. Denn auch hier im Blog gibt es ab sofort einen „für später“-Button von Pocket unter jedem Text. Denn kann man künftig gerne drücken – in der stillen Hoffnung auf ein gutes später mit mehr Zeit zur Lektüre

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

loading: Pronx

Raus aufs Land – das könnte das Motto des Abschlussmagazins sein, das die 56. Lehrredaktion der Deutschen Journalistenschule* produziert hat. Es trägt den Titel „Pronx“ und sammelt „Geschichten für junge Leute, die in den Medien zu wenig vorkommen: junge Leute vom Land und aus Kleinstädten“. So steht es auf der Startnext-Seite zum Projekt. Leonie Sontheimer hat den loading-Fragebogen beantwortet.

Was macht ihr?
Wir haben ein Magazin für junge Menschen gemacht, die Bock auf Provinz haben: Pronx, das sind 74 unverklärte Seiten voller mitreißender Geschichten, deeper Recherchen und lustiger Anekdoten.

Warum macht ihr das (so)?
Wir sind Schülerinnen und Schüler der Deutschen Journalistenschule. Und wir hatten genug von Geschichten vom Land, die sich entweder wie exotische Reiseberichte oder wie die „Landlust“ lesen. Wir wollten erzählen, wie das Leben in Dörfern und Kleinstädten für junge Menschen wirklich ist.

Wer soll sich dafür interessieren?
Pronx ist das Magazin für alle, die sich dafür interessieren, was abseits der Metropolen passiert. Weil das Abschlussmagazin der Schule normalerweise nur an andere Journalistinnen und Journalisten verschickt wird, machen wir ein Crowdfunding. Denn wir wollen mehr Hefte drucken und damit unsere wahre Zielgruppe erreichen: junge Leute, die Bock auf Provinz haben.

Wie geht es weiter?
Wenn das Crowdfunding klappt, gehen die Hefte im September in Druck. Die Release-Party ist am 14.09. in München. Die Sektdusche ist noch zu haben!

Was sollten mehr Menschen wissen?
Das Leben auf dem Land hat mehr Facetten als „Landlust“-Kitsch und Gülle-Gestank.

>>> Hier Pronx auf Startnext unterstützen.

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein eines meiner Bücher über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen).

* Offenlegung – im Rahmen des Projekts #journalistenschule habe ich mit Schülerinnen und Schülern dieser Klasse zusammengearbeitet.

Altland – eigentlich sollten wir online sein (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

„Nur noch“ – zwei Worte stechen heraus aus dem angekündigten Abschied des Heftes Neon, der in diesem Monat beschlossen wurde. Am 18. Juni erscheint die letzte Ausgabe des Magazins, das vor 15 Jahren von Menschen gegründet wurde, mit denen ich persönlich gut bekannt bin. Erfahren habe ich das aus einem Text, der die beide Worte in der Überschrift trägt: „NEON erscheint ab Sommer nur noch digital“ steht über dem offenen Brief der Chefredakteurin, der auf der Website stern.de veröffentlicht wurde – im April 2018.

Ich habe dieses „nur noch“ selber schon einmal in einem sehr vergleichbaren Zusammenhang gehört. Die damals verantwortlichen Geschäftsführer der SZ sagten „nur noch“ als sie das gedruckte jetzt-Magazin einstellten und uns online weitermachen ließen. Ich vedanke dem „nur noch online“ meinen Job – und in der Folge meine Haltung zur digitalen Welt. Es war eine Zeit weit vor Facebook und Twitter, in der online vielen Menschen tatsächlich als wertlose, kleine Schwester galt. Ich habe das damals schon nicht richtig verstanden, aber es ist 16 Jahre her – und wir fingen anschließend erst an zu verstehen, was online möglich ist.

Sechszehn Jahre!

Dass 16 Jahre später ausgerechnet im Umfeld von Neon die beiden Worte wieder auftauchen, schockiert mich fast mehr als der Inhalt der Meldung und das damit verbundene Schicksal der zum Teil sehr guten Kolleg*innen, die dort gearbeitet haben (und denen ich alles Gute wünsche). Ich habe mich vor 16 Jahre in diese vermeintlich wertlose, kleine Schwester verliebt – ich bin also keinesfalls objektiv, wenn ich die Meldung so lese: Die Chefredakteurin begründet das Aus für das Heft mit dem Worten „Die heute 20-Jährigen haben neue Lebensbegleiter gefunden“ und überschreibt diese Erklärung mit „nur noch digital“.
Auf Twitter würde man vermutlich den Hashtag #merksteselbst ergänzen… (Foto: Austin Chan/Unsplash)

Ich will mir kein Urteil über die Lebenswelt der heute 20-Jährigen erlauben, ich ahne aber, dass man lange suchen muss, um jemanden in diesem Alter zu finden, der oder die denkt: „Spotify ist schon okay, aber die Musik dort ist leider nur noch digital.“ Auch diesen Satz hört man vermutlich kaum: „Instagram ist ja ganz schön, aber leider nur digital.“ Anders formuliert: Ich kann mir vieles vorstellen aber sicher nicht, dass die heute 20-Jährigen online als kleine, wertlose Schwester von einem undefinierten besseren Früher wahrnehmen.

Eben weil das Digitale derart selbstverständlicher Bestandteil der Welt geworden ist, sind die beiden Worte so verräterrisch – und zwar im doppelten Sinne. Sie beweisen einerseits, dass man online noch immer für klein und wertlos hält – und somit keinen Draht zu denen hat, die sich dort Zuhause fühlen. Und sie zeigen zum zweiten, dass man nicht daran glaubt, dass in dieser wertlosen, kleinen Welt irgendwas Gutes entstehen kann (was bei dem, was dort derzeit gemacht wird, auch verwundern würde). Das ist nicht nur mit Blick auf die ursprüngliche Idee von Neon schade, es ist vielleicht auch ein Hinweis darauf, warum hierzulande noch immer vom Neuland gesprochen wird – ganz so als sei Altland irgendwie interessanter.

Aber vielleicht muss man es genauso wenden. Denn wer sagt, dass etwas „nur noch digital“ stattfindet, legt damit ja ein erstaunliches Lebensgefühl offen, das vielleicht sogar als Blaupause für eine Art von Lebenswelt-Journalismus taugt, von dem man dachte, dass seine Zeit vorbei ist: Man könnte daraus ein Heft entwickeln für Menschen, die zwar ahnen, dass das mit dem Internet unausweichlich ist, aber trotzdem keine Lust drauf haben. Ich habe auch schon eine Idee für Titel und Slogan: „Altland – eigentlich sollten wir online sein.“


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „#smarterphone“ (März 2018) „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).