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Glück auf! Wir sind nicht allein (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist der etwas ungewöhnliche Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Er steht in diesem Monat unter dem Eindruck der 🦠Corona-Ausnahmesituation.

Ich komme gebürtig aus dem Ruhrgebiet. Das finde ich ziemlich gut. Auch wenn Menschen von woanders nicht sofort auf „ziemlich gut“ kommen, wenn sie aufs Ruhrgebiet angesprochen werden. Das ist aber das Problem von woanders.

Trotzdem gibt es nur wenig, was mir unangenehmer ist, als Ruhrpottkitsch, also die Romantisierung von Dingen, die man für irgendwie „typisch“ hält – für die aber meist gilt, was Frank Goosen völlig zurecht auf den Punkt gebracht hat als: „Woanders ist auch scheiße“.

Besonders anfällig für Ruhrpottkitsch sind alle Dinge, die mit dem Bergbau zusammenhängen (Foto: feinster 🦠Ruhrpottkitsch aus der Schalke-Arena, wo 60.000 Menschen das Steigerlied singen, das mit „Glück auf, der Steiger kommt“ beginnt). Ehrlich gesagt hätte ich bis vor wenigen Tagen sogar zugestimmt, wenn jemand gesagt hätte, dass jede Anspielung auf den Bergbau voller Ruhrpottkitsch steckt. Dass ich mittlerweile eine Ausnahme für den Gruß Glück auf! machen würde, hängt mit der Ausnahmesituation zusammen, in der die Gesellschaft durch das Coronavirus und seine Folgen steckt.

Mit Glück auf! grüßten sich Bergleute unter Tage, also in den Kohlestollen tief unter der Erde. Glück auf! war Selbstbeschwörung und Wunsch für die anderen gleichmaßen. Glück auf! war Ausdruck der gemeinsamen Hoffnung, bald wieder „nach oben“ zu kommen: also sicher und gesund die beklemmende Enge in den Stollen zu verlassen, in der man nicht mal die Arme ausstrecken geschweige denn aufrecht stehen konnte. Kauern Sie sich bis zum Ende dieser Lektüre einfach mal auf den Boden, dann können Sie verstehen, was für eine Befreiung in diesem Gruss steckt: Glück auf! war das gegenseitige Versprechen von Sonne und Licht in der tiefen Dunkelheit.

Sie können wieder aufstehen. Denn Glück auf! ist vor allem noch heute der freundlichste Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung, die leider viel zu oft in der Augenhöhe-Floskel verhunzt wird. Mit jedem Glück auf! wird greifbar, dass hier zwei ein Schicksal teilen. Es sagt: „Wir stecken hier fest – aber zusammen.“ In jedem Glück auf! klingt deshalb immer sehr deutlich das Versprechen: Wir sind nicht allein!

„We are in it together“ ist das dominierende Gefühl, das ich mit der aktuellen Ausnahmesituation verbinde. Wir stecken alle zusammen hier fest. Und mit wir meine ich die tatsächlich nichts weniger als „die Menschheit“. All die Grenzen, die man uns hinsozialisiert hat, sind plötzlich wertlos: Dem Virus ist egal, woran der Kopf auf dem Körper glaubt, den es infiziert. Auch die Hautfarbe, das Geschlecht, das Gewicht, die Größe und all die anderen Dinge, von denen wir glauben, dass sie uns irgendwie bestimmen, spielen für das Virus keine Rolle. Sprache? Nationalität? Politische oder sexuelle Präferenzen? Für das Virus: alle gleich!

Noch vorsichtiger als mit Ruhrpottkitsch sollte man mit Botschaften sein, die man irgendwo rauslesen will. Aber hier muss man nicht mal genau hingucken um zu erkennen: All die Spaltungen der vergangenen Jahre sind mit einem unachtsamen Husten neben die Ellenbeuge hinfällig. All die Nationalisten und religiösen Fanatiker, die daran glaubten, etwas Besseres zu sein, verlieren ihre Grundlage. Im Angesicht des Virus spielt es keine Rolle, was du zu Thema x meinst oder ob du womöglich (Skandal!11!!!) anderer Meinung bist als ich.

Ich markiere mir genau diese Erinnerung in Pocket (oder einem anderen Readit-Later-Dienst) um wieder dran zu denken, wenn demnächst irgendeine Umweltsau durchs Dorf gejagt wird. Denn ich glaube fest daran, dass wir diese beklemmende Enge der Corona-Ausnahmesituation irgendwann wieder verlassen können. Und wenn wir dann wieder über Tage sind, will ich mich genau daran erinnern können – und ein wenig wie das Virus auf all die Konflikte und Spaltungen gucken: Sind halt alles Menschen!

Als kleine Erinnerung daran verwende ich deshalb den Gruß Glück auf! wenn ich Menschen in räumlicher (nicht sozialer) Distanz signalisieren will: „Wir stecken hier fest – aber zusammen.“
Das ist so ähnlich wie das freundliche Bleiben Sie gesund!, das ich in diesen unruhigen Tagen immer wieder höre – und das mich jedes Mal kurz zucken lässt. Diese drei Worte wecken bei mir stets den Eindruck, Gesundheit sei etwas, das man sich vornehmen kann, das davon abhängt, dass man es aktiv tut. Klar, es gibt einige Regeln für die aktuelle Corona-Lage, die im Sinne der Gesundheit verbreitet werden. Aber grundsätzlich zeigt die aktuelle Situation doch vor allem das: Gesundheit ist nichts, was man sich vornehmen kann.

Der Wunsch besagt natürlich viel mehr. Er sagt: Kommen Sie gut durch diese Zeit. Er ist ein Ausdruck von Empathie und Freundlichkeit. Und er ist auch deshalb so erstaunlich, weil man ihn in Zusammenhängen hört, wo bisher weniger Platz war für Empathie und Freundlichkeit. Deshalb denke ich mir bei jedem Bleiben Sie gesund! immer ein kleines Bleiben Sie menschlich! hinten dran. Weil das für mich einschließt, dass man daheim bleibt, auch wenn man selber nicht zur Risikogruppe zählt. Weil es daran erinnert, dass man anderen hilft, dass man nur soviel kauft wie man selber braucht und keine unsinnige Gerüchte verbreitet.

Bleiben Sie menschlich, bleiben Sie gesund – das beides und noch einiges mehr steckt in dem Gruß, den ich mit diesem Newsletter verschicken will: Glück auf! ist in diesen dunklen, engen Tagen ein Versprechen von Licht, Weite und Menschlichkeit!

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loading: das Veto-Magazin auf Startnext

„Veto ist das neue und einzige Print-Magazin, das die Engagierten im Land in den Fokus der Berichterstattung rückt“ steht auf der Startnext-Seite, die Tom Waurig und sein Team ins Netz gestellt haben. Sie wollen ein Magazin für Engagement drucken. Dazu haben sie das Crowdfunding gestartet – und Tom hat den loading-Fragebogen beantwortet.

Was macht Ihr?
Mit unserem Magazin Veto machen wir Engagement im Land sichtbar und zeigen all denen, die finden, dass es höchste Zeit ist, sich einzumischen, wie es gehen kann. Veto ist zuallererst ein Magazin, aber auch eine Plattform für jene, die sich auf den Weg gemacht haben, die Demokratie wiederzubeleben und unsere offene Gesellschaft zu verteidigen. Mit der journalistischen Arbeit haben wir Anfang 2019 online begonnen. Ab diesem Jahr soll es Veto auch am Kiosk geben, um den Engagierten dort eine mediale Bühne zu geben – viermal im Jahr und mit 96 Seiten pro Heft. Dazu haben wir Crowdfunding gestartet

Warum macht Ihr es (so)?
Weil es offensichtlich langweilig geworden ist, über das Gute zu berichten. Das muss sich endlich ändern – und Engagement raus aus der Nische! Magazine und Zeitschriften gibt es viele, auch viele gute. Doch Engagierte und ihre mutigen Ideen finden dort leider oft nur am Rand statt, zu besonderen Anlässen oder es werden Menschen gezeigt, die viele sowieso schon kennen. Mit Veto füllen wir diese Lücke, teilen die Erfahrungen und Ideen der Engagierten im Land mit anderen. Und weil Engagement ein so weites Feld ist, sind auch die Themen extrem vielfältig – Diversität, Klimagerechtigkeit, Demokratie, Tierschutz, Gleichberechtigung. Diese Liste ließe sich endlos erweitern. Denn überall gibt es Menschen, die sich für unterschiedliche gesellschaftliche Fragen einsetzen. Wir müssen sie nur kennenlernen.

Wer soll sich dafür interessieren?
Im ganzen Land wollen wir vor allem Engagierte erreichen – Menschen also, die haupt- oder ehrenamtlich in Initiativen, Vereinen, Verbänden oder Stiftungen arbeiten und dort organisiert sind. Auch sind die Inhalte für Menschen in Politik und Verwaltung gedacht, die sich mit Demokratie, Rechtsextremismus oder Engagement beschäftigen. Veto soll es aber auch am Bahnhofskiosk geben. Denn durch die Aufnahme von Geflüchteten, das Aufkommen der AfD oder Pegida und die daraus folgenden Diskussionen sind Themen wie politische Bildung, Ausgrenzung, Radikalisierung oder Demokratieförderung längst keine mehr, die nur jene Menschen bewegen, die betroffen oder in Initiativen organisiert sind. Heute sind es Fragen, die eine breite Masse bewegen, weil viele nach Beispielen suchen, die Mut machen, und Ideen liefern, wie sie sich selbst einbringen können.

Wie geht es weiter?
Die erste Ausgabe ist im Layout – und wir warten darauf, wie unser Crowdfunding ausgeht. Mit erfolgreicher Finanzierung machen die Menschen aus einer Vision Realität und schicken das Magazin in den Druck! Denn ohne Geld funktioniert leider auch die beste Idee nicht. Deshalb sind wir auf der Suche nach Menschen und Organisationen, die uns bei der Verwirklichung helfen, unsere Leidenschaft für Engagement teilen und an die Botschaft des Magazins glauben. Journalismus kostet nämlich auch Geld, vor allem bei Druck und Layout, aber genauso um all jene, die für uns schreiben oder diese so besonderen Fotos machen, angemessen zu bezahlen. Und online machen wir parallel zu Print weiter.

Was sollen mehr Menschen wissen?
Wer ist das eigentlich, diese Zivilgesellschaft? Diese Frage wollen wir mit unserem Magazin Veto beantworten – und anderen Menschen näherbringen. Denn während die Politik weiter nach Antworten auf gesellschaftliche Frage sucht, haben sich Engagierte längst auf den Weg gemacht, die Welt ein bisschen besser zu machen. Und sie helfen überall dort, wo Menschen in Not sind, sie greifen ein, wenn andere ausgegrenzt werden und suchen nach innovativen Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen. Doch erfolgreiche Strategien und Projekte werden nur sehr selten kommuniziert oder untereinander geteilt. Die Aktiven brauchen daher vor allem eine starke Stimme. Und: Sie brauchen Wertschätzung für ihre Arbeit.

>>> Hier das Projekt auf Startnext unterstützen

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Gegen die Corona-Panik

Als ich diesen Text Anfang März anlegte, war die Corona-Lage noch vergleichsweise entspannt. Mittlerweile hat sich nicht nur die medizinische Situation verändert. Auch der Umgang mit dem Virus hat eine andere Phase erreicht. Deshalb hier Hinweise auf Projekte, die nach diesem Text entstanden:

– eine Podcast-Folge über Falschmeldungen und Gerüchte
– ein SZ-Text mit 10 Ratschlägen gegen Gerüchte
– ein Live-Format mit der VHS Südost zum Thema Kommunikation in der Krise – hier kann man den Stream im Re-Live anschauen.

Medienkompetenz, darin sind sich alle schnell einig, ist eine wichtige Fähigkeit, die Schülerinnen und Schüler dringend lernen müssen. Dass Medienkompetenz aber auch von den Menschen erlernt werden muss, die gar nicht mehr in eine Schule gehen, zeigen die vergangenen Tage und der mediale Umgang mit dem so genannten Corona-Virus.

Mein Kollege Patrick Illinger hat in der SZ aufgeschrieben, warum der Umgang mit dem Erreger so kompliziert ist und ist dabei zu dem Schluss gekommen: „Panik wäre jetzt jedenfalls die falsche Reaktion, auch wenn die Fallzahlen steigen. Schon frühere Epidemien haben gezeigt, dass übersteigerte Angst fataler sein kann als das Virus.“

Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, ein Update für die Seite #gegendiepanik zu verfassen – und uns daran zu erinnern, dass jede und jeder dazu beitragen kann, ob sich eine virale Form der Hysterie verbreitet. Denn auch dein persönliches Verhalten ist dazu angetan, deine Mitmenschen anzustecken – mit Panik und irrationalen Reaktionen. Das gilt in so genannten Breaking-News-Situationen (wie bei dem Terror-Anschlag am OEZ) genauso wie im aktuellen Umgang mit dem Corona-Virus. Das, was du postest und weiterleitest kann andere in Panik versetzen (Foto: unsplash). Es ist deshalb ratsam, vorher darüber nachzudenken – wie man sich verhält.

Hier sieben ganz unmedizinische Hinweise (wer es medizinischer mag: Hier ein Text gegen die Panik)

1. Ich bin mir bewusst, dass eine von mir verbreitete Information gerade bei Freunden als verlässlich wahrgenommen wird. Dieser Verantwortung meinen Freunden gegenüber versuche ich gerade in unübersichtlichen Situationen wie dem Corona-Fall gerecht zu werden – und poste deshalb nicht unüberlegt und aus reiner Angst heraus.

2. Bevor ich etwas veröffentliche oder an meine Freunde schicke, atme ich dreimal tief durch – und suche mindestens zwei verlässliche Quellen für die Informationen. Es gibt in solchen Situationen immer wieder Betrüger, die bewusste falsche Informationen verbreiten – wie die WhatsApp-Botschaft ab nächster Woche würden Geschäfte nur noch zwei Stunden öffnen. Das stimmt nicht.

3. Ich verbreite keine Gerüchte! Ich halte mich nur an bestätigte Informationen und versuche mich von Spekulationen fernzuhalten. Deshalb halte ich mich an offizielle Stellen, an seriöse Medien und verifizierte Accounts! Twitter weist zum Beispiel unter dem Hashtag #coronovirus ganz oben auf den Account der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hin.

4. Ich bin mir bewusst, dass derartige Nachrichtenlagen Betrüger anziehen, die mit Absicht Fotomontagen und bewusste Lügen verbreiten. Die Falschmeldung, Daniel Radcliffe sei erkrankt, ist ein abschreckendes Beispiel dafür. Ich unterstütze dies nicht durch unvorsichtiges Weiterverbreiten – auch nicht um sie zu widerlegen oder ihnen zu widersprechen. Das ist das Ziel dieser Form der Betrügerei: die aktuelle Aufmerksamkeit für ihre Interessen zu nutzen.

5. Ich hüte mich davor, sofort Problemlösungen zu verbreiten. Ich kenne den Reflex des „kommentierenden Sofortismus“ (Bernhard Poerksen) und folge ihm nicht. Ich verbreite keine einseitigen Schuldzuweisungen und gebe diesen auch durch Retweets und Zitate keine Bühne. Dies gilt besonders für Rassismus, der sich durch das Virus zeigt.

6. Egal wie schlimm die Situation sich anfühlen mag, ich werde nicht in Panik verfallen und selber dazu beitragen, dass noch mehr Menschen in Angst überreagieren. Ich versuche durch mein eigenes Verhalten Social-Media-Gelassenheit zu verbreiten.

7. Dazu zählt auch, dass ich mich zunächst an die Ratschläge der offiziellen Stellen halte und mich dort informiere, welches Verhalten angemessen ist. Panik zählt nicht dazu.

Hintergrund zu dem ursprünglichen Text gibt es hier

Das Thema 🦠Corona-Krise hat sich zu einem kleinen Schwerpunkt im Blog in diesem Monat entwickelt – unter dem 🦠Schlagwort gibt es noch mehr Artikel

„E-Mail ist die neue Homepage“ – über bessere Newsletter

Kennen Sie Morning Brew? Haben Sie schon mal von TheSkimm gehört oder von Next Draft? Dabei handelt es sich um Angebote, die man als „newsletter first media“ beschreiben kann. Als Medien also, die Newsletter nicht als verlängerte Marketingmaßnahme oder Digitalverstärker für einen davon unabhängigen Inhalt ansehen, sondern im Newsletter selbst das Angebot erkennen, das das Interesse von Nutzer*innen erfüllt.

Im digital interessierten Deutschland ist das irrigerweise Blog genannte Socialmediawatchblog von Martin, Simon und Tilman das bekannteste Beispiel für diese Form von Newsletter-Medien. Für ihren unbedingt empfehlenswerten Newsletter (hier bestellen) haben sie den hierzulande populären Namen Briefing gewählt. Auch das Handelsblatt (Morningbriefing), der Tagesspiegel (Entscheider-Briefing) mein ehemaliger Kollege Nikolaus Röttger (Ki-Briefing), die Mediapioneers (Tech-Briefing etc.) und viele andere nutzen den vom englischen „Einsatzbesprechung“ abgeleiteten Begriff, der kurze, handlungsbezogene Informationen versprechen soll (Foto: unsplash).

„Email hat die klassische Zeitung ersetzt und aus einer digitalen Perspektive ist Email die neue Homepage“, zitiert digiday den Marketingchef von Morning Brew, der in dem Text den staunenden Medienmachern erklärt, dass man allein mit Newslettern Geld verdienen kann. „Newsletter“, so sein Fazit, „sind der Schlüssel um ein Verhältnis zu den Leser*innen aufzubauen.“
Anlass für den Bericht waren aktuelle Zahlen, die die Marketing-Abteilung von Morning Brew veröffentlicht hatte: deren täglicher Wirtschaftsnewsletter, der aus einer Uni-Idee zweier Studenten entstand, kommt aktuell auf 1,8 Millionen Abonennten und will bis zum Ende des ersten Quartals 2020 auf zwei Millionen Abonennten kommen.

Das ist erstaunlich und taugt zu Meldungen über den Erfolg des eigentlich ja alten Mediums „Email“ (mein Liebesbrief an die Technologie steht hier). Richtig spannend sind diese Zahlen aber erst, wenn man der Frage nachgeht: Wo kommen sie her?

Die Antwort auf diese Frage legt das grundlegene Missverständnis des Journalismus offen: Ich bin sozialisiert mit der Haltung „gute Geschichten finden ihre Leser“. Daraus leiten manche Kolleg*innen die Annahme ab, dass guter Journalismus sich einzig auf gute Geschichten konzentrieren müsse und dann schon Erfolg haben wird. Dass die Kunst, Leser*innen zu gewinnen und zu begeistern ebenfalls eine journalistische Aufgabe ist, gerät dabei manchmal etwas aus dem Blick.

„Natürlich ist der Inhalt super wichtig“, erklärt Annemarie Dooling, die bei Vox Media (und jetzt beim Wall Street Journal) für Enagement über Newsletter zuständig war, in diesem Interview. „Aber es gibt diesen riesigen Bereich mit Dinge, an die niemand im Unternehmen dachte, weil sie zu technisch oder marketinglastig sind.“

Wie die Macher*innen von Morning Brew das gemacht haben, kann man in diesem Medium-Post nachlesen. Dort beschreibt Tyler Denk, Produktchef von Morning Brew, wie sie mit Hilfe eines „Leser werben Leser“-Programms neue Abonent*innen gewonnen haben. In der Sprache des Web nennt man dieses Empfehlungs-System „Referral-Marketing“ und beschreibt damit die Möglichkeiten, über Links, die man persönlich zuordnen kann, diejenigen zu identifizieren und zu belohnen, die viele neue Leser*innen angeworben haben. Wer dabei besonders erfolgreich war, hat Produktvorteile zum Beispiel bei Dropbox bekommen, konnte aber vor allem einen zusätzlichen exklusiven Sonntags-Newsletter bestellen. Das Referreal-Programm ist ziemlich ausgefeilt, es zeigt aber vor allem: Newsletter sind nicht nur ein Kommunikationstool um mit Leser*innen in Kontakt zu bleiben, Newsletter können auch Leser*innen zu Werbenden für den Inhalt machen:

It’s helped turn readers into evangelists and evangelists into walking advertisements. It’s the ultimate 1 + 1 = 3 scenario that makes all of our acquisition channels X times more effective.

Ich finde das aus einer journalistischen Perspektive äußerst spannend. Es öffnet den Blick auf die Möglichkeiten, die sich abseits des Inhalts ergeben, wenn man das vernetzte Umfeld des Internet ernst nimmt. Das möchte ich künftig etwas genauer verfolgen, deshalb habe ich die Domain briefingbriefing.de reserviert und sammle dort interessante Links und Interviews zum Thema Newsletter und Emails im journalistischen Kontext. Neuigkeiten auf der Seite verlinke ich hier im Blog – aber natürlich vor allem in meinem eigenen monatlichen Digitale-Notizen-Briefing.

Wir haben kein sind das Problem

Jürgen von der Lippe hat Max Goldt zitiert. Das ist ein wenig untergegangen. Denn in erster Linie hat der „große Freund der guten Manieren“ (von der Lippe über von der Lippe) festgestellt, was „die Leute“ angeblich so wollen. Und da hat der Hawai-Hemd-Experte rausgefunden, dass „die Leute“ es satt haben erzogen zu werden und dass „die Leute“ Greta satt haben. (Foto: Google-Suche) Daraus hat das Hamburger Abendblatt eine Überschrift gebastelt und darunter von der Lippe sagen lassen: „Der alte weiße Mann ist eine dreifache Diskriminierung – wegen der Hautfarbe, des Alters und wegen des Geschlechts.“ Statt ihn auf strukturelle Vorteile und Privilegien anzusprechen, lässt das Abendblatt ihn dann zum Abschluss Max Goldt zitieren. Mit einem Satz, den ich erstaunlich finde. Im Interview heißt es:

Max Goldt hat mal gesagt: Wenn die Kritik an Zuständen mehr nervt als die Zustände selber, dann muss man aufpassen, und so weit sind wir gerade.

Erstaunlich finde ich den Satz aus zwei Gründen:

1. Bin ich sehr unsicher, ob das Zitat so tatsächlich von Max Goldt stammen kann. Es erscheint mir nicht nur sprachlich nicht dem Goldt-Werk zu entsprechen*. Denn

2. Ist genau diese Haltung, die in dem Zitat formuliert ist, Ausdruck einer äußerst privilegierten Sicht auf die Welt. Wen nervt die Kritik an den Zuständen mehr als die Zustände selber? Genau: diejenigen, die mit den Zuständen eher einverstanden sind. Deshalb müsste das Zitat eigentlich heißt

Wenn die Kritik an den Zuständen mehr nervt als die Zustände selber, dann geht es dir vermutlich ziemlich gut. Es wäre ein schöner Zeitpunkt, mal deine Privilegien zu überprüfen.

Wäre schön gewesen, wenn Jürgen von der Lippe das gemeint hätte mit „dann muss man aufpassen“ – das würde sogar sprachlich passen…

*P.S.: Falls das Zitat tatsächlich von Max Goldt stammt, freue ich mich über Hinweise auf die Fundstelle und den Kontext. Falls nicht, könnte vielleicht jemand Max Goldt informieren…

Shruggie des Monats: Lob des Nebenprojekts

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

„Keine Ratschläge annehmen“, rät Dirk Stermann in den tollen Interviews auf der Website meisterstunde.de, die eigentlich genau dafür gemacht wurde: Um Lehren von Meisterinnen und Meistern ihres Fachs zu sammeln.

Allein diese wundervolle Ambiguität würde ausreichen um über Meisterstunde im Rahmen der Rubrik Shruggie des Monats zu schreiben. Denn genau diese Bereitschaft zur Widersprüchlichkeit zeichnet die Hauptperson des Buches „Das Pragmatismus-Prinzip“ aus. ¯\_(ツ)_/¯

Meisterstunde ist ein Nebenprojekt von meinem Kollegen Peter Wagner, der auf der Seite Gespräche dokumentiert, die „eine Weisheit“ transportieren, „ein Handwerkszeug oder einfach nur Wissen, das im täglichen Leben und Arbeiten hilfreich sein kann“. So beschreibt er es auf der About-Seite.

Eigentlich dürfte es Meisterstunde nicht geben, denn niemand bezahlt dafür, dass Peter und der tolle Fotograf Gerald von Foris (bin mit beiden persönlich bekannt), sich auf den Weg machen, diese Gespräche führen und dokumentieren. Dass sie es dennoch tun, ist toll – nicht nur für uns Leserinnen und Leser.

Meisterstunde ist kein Podcast, das Projekt illustriert aber, was ich mit dem Dezember-Shruggie „Podcasting“ sagen wollte: Das absichtslose Publizieren kann sehr großartig sein.

Denn der Reiz an solchen Nebenprojekten geht ja weit übers Publizieren hinaus. Sie bieten die Möglichkeit zum Ausprobieren, zum Lernen und zum Weiterentwickeln. Mit Nebenprojekten kann man das tun, was Dirk Stermann auch rät: Etwas anderes machen als das, was alle machen. Nebenprojekte helfen, kleiner zu denken, Fehler zu machen, schlauer zu werden, Entwicklungen zu stimulieren und – mit etwas Pathos gesprochen – zu wachsen.

Nebenprojekte wie die Meisterstunde sind Ausdruck einer Geisteshaltung, die die Psychologin Carol Dweck in ihrem unbedingt empfehlenswerten Buch Selbstbild beschreibt: ein Mindset, das Wachstum für möglich hält. Der Begriff „growth mindset“ beschreibt einen Blick auf sich selbst, der davon ausgeht, dass man in Bewegung ist, sich verändert und sich verändern kann – ein dynamisches Selbstbild. Dem gegenüber steht ein statisches Selbstbild, bei dem man sich selber als quasi unveränderlich gut oder schlecht versteht. Dweck beschreibt wie dieses statische Selbstbild Veränderungen und Wachstum blockiert. Es ist durchaus vergleichbar mit der Streit-Technik, die unlängst als Haben oder Sein beschrieben habe.

Nebenprojekte sind darauf angelegt zu wachsen. Ganz oft sind sie – wie Peter es mit der Meisterstunde zeigt – schon großartig, sie beginnen aber mit der Idee, „fast fertig“ zu sein (was Carol Dweck zum Einstieg in den Ted-Talk als Motivation beschreibt). Sie wachsen und als Betreiber*in des Nebenprojekts kannst du mitwachsen. Das macht Spaß und ist Grundlage für ein dynamisches Selbstbild.

Dieses scheint mir im Sinne Bertrand Russells Ratschlag How to grow old übrigens auch ein guter Ansatz, um tatsächlich in Würde zu altern, um nicht zu verbittern und um mit der Angst vor dem Tod umzugehen. Um diese zu überwinden und „to grow old“ rät Russell: „The best way to overcome it -so at least it seems to me- is to make your interests gradually wider and more impersonal, until bit by bit the walls of the ego recede, and your life becomes increasingly merged in the universal life. An individual human existence should be like a river: small at first, narrowly contained within its banks, and rushing passionately past rocks and over waterfalls. Gradually the river grows wider, the banks recede, the waters flow more quietly, and in the end, without any visible break, they become merged in the sea, and painlessly lose their individual being.

Und das passt ja auch ziemlich gut zur Idee von Meisterstunde. ¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Ambiguität der Aufmerksamkeit: Fallen Sie nicht noch mal auf Claas Relotius rein (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Es ist eines der großen Probleme unserer Zeit, dass Medien manchmal über Dinge berichten (müssen), die eben durch die Berichterstattung zu einem Thema oder manchmal auch zu einem handfesten Problem werden. Ich nenne dieses Phänomen die Ambiguität der Aufmerksamkeit und es führt – wie hier und hier beschrieben – dazu, dass das bewusste Ignorieren von bestimmten Abläufen, eine politische Entscheidung sein kann. Denn wenn es blöd läuft, sorgt ausgerechnet die Dokumentationspflicht, die manche Medien empfinden, dafür, dass Marketingpläne aufgehen und die Berichterstattung als Teil einer Kampagne genutzt wird.

Ich will dies im Folgenden am Beispiel des Spins illustrieren, den der Betrüger Claas Relotius und seine Anwälte seiner Lügen-Geschichte gegeben haben. Diese Kampagne war so offensichtlich, dass sie als Lehrbeispiel in Sachen Medienkompetenz und Krisenkommunikation gelesen werden kann.
Ich wähle dabei das Bild eines Spins, weil die Kampagne funktioniert wie das gleichnamige Prinzip aus dem Ball-Sport (Symbolbild: unsplash): ein Tischtennis- oder Tennisball wird mit soviel Spin oder Effet geschlagen, dass die Gegenseite manchmal einfach nur den Schläger hinhalten muss und so einen Fehler begeht – weil der Ball dann ins Aus geht und der Spin-Treibende einen Punkt macht. Genau das ist diese Woche passiert.
In der Rolle der Spin-Geber: Relotius und seine Anwälte.
In der Rolle der Schlägerhaltenden: Die Zeit und Teile der deutschen Öffentlichkeit.

Ich äußere mich bewusst nicht zum Inhalt der Vorwürfe, die Relotius erhebt (komme allerdings später nochmal indirekt darauf). Denn indem man sich das Thema aufdrängen lässt, ist man dem Spin schon verfallen. Henriette Löwisch, Schulleiterin der Deutschen Journalistenschule, hat das in diesem Twitter-Thread perfekt zusammengefasst

Lehrstunde Medienkompetenz: Fünf Fragen zum durchsichtigen Plan des Betrügers Claas Relotius

Worin genau besteht der Spin?
Welche Möglichkeiten könnte es geben, um das Ansehen von Claas Relotius in der Öffentlichkeit zu heben? Klar, er könnte sich entschuldigen – zuerst bei denen, die „unwahre Interpretationen und Falschbehauptungen“ von Claas Relotius über sich hinnnehmen mussten, aber natürlich auch bei der Öffentlichkeit und bei den redlich arbeitenden Journalist*innen, deren Reputation er nachhaltig beschädigt hat. Wer aber einfach nur sein Image heben will, ohne selber etwas zu tun, wählt einen anderen Weg, einen, den man aus Wahlkämpfen kennt: Man versucht zunächst, das Problem zu personalisieren und eine Gegenseite zu konstruieren. Hier lohnt es sich kurz inne zu halten: Denn allein die Tatsache, dass wir glauben, es gebe einen Fall „Relotius gegen Moreno“ ist schon Teil des Spins, den wir gerade erleben. Fallen Sie bitte nicht erneut auf Claas Relotius rein: Wenn überhaupt lautet der Fall „Relotius gegen die Öffentlichkeit“, also gegen uns alle!

Es ist schon eine Leistung, der Öffentlichkeit den Eindruck zu vermitteln, die Gegenseite sei eine konkrete andere Person (eben Juan Moreno). Auf dieser Leistung baut der zweite Schritt auf, in dem es darum geht, die Glaubwürdigkeit der vermeintlichen Gegenseite so nachhaltig wie möglich zu erschüttern. Dafür gibt es unterschiedliche Methoden, in Wahlkämpfen wird der persönliche Hintergrund durchleuchtet, um dort Verfehlungen zu finden und in die Öffentlichkeit zu zerren. Das Ziel bei all dem: Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Person streuen. Im konkreten Fall soll damit beim Publikum der Eindruck erweckt werden „die schummeln ja alle“. Folge: Das Image des Fälschers Relotius hebt sich automatisch, seine singuläre widerwärtige Betrugsgeschichte wird relativiert. Das Besondere an diesem Vorgehen: Es gelingt völlig unabhängig davon, ob die Vorwürfe stimmen oder nicht. Der Spingeber muss nur jemanden finden, der den Schläger hinhält, also seine Zweifel öffentlich macht und anschließend Juan Moreno öffentlich vielleicht sogar noch damit konfrontiert. Wenn das passiert, ist der Spin geglückt. Relotius selber muss sich nicht erklären, er wird nicht konfrontiert, sondern kann beobachten wie Christof Siemes in Die Zeit ein Raunen verbreitet und Juan Moreno auf der Medientage-Bühne zu den „Vorwürfen“ von Relotius befragt wird. Klarer Punktgewinn für Relotius und seine Anwälte.

Aber ist es nicht die journalistische Pflicht, dieser Geschichte nachzugehen?
Unbedingt. Es ist jedoch auch die journalistische Pflicht, Zeitpunkt, Zusammenhang und Sprache „dieser Geschichte“ einzuordnen. Es ist Teil des beschriebenen Spins, darauf zu hoffen, dass ein Medium möglichst ohne Nachfrage oder Einordnung, Zitate desjenigen verbreitet, dessen Image gehoben werden soll. Er muss sich dann keinen nervigen Fragen stellen, die seine Sicht der Dinge einordnen könnten und kann auch den Zeitpunkt bestimmen, zu dem der Angriff auf die Glaubwürdigkeit der Gegenseite gestartet wird. Es ist durchaus möglich, erst dann groß über Unterlassungserklärungen zu berichten, wenn über ihren Gegenstand entschieden wurde – und nicht zu dem Zeitpunkt, den der Anwalt gerne hätte. Im konkreten Fall bekommt der Betrüger Claas Relotius die Bühne und darf ohne jegliche Einordnung behaupten, er stelle sich allem wofür er verantwortlich sei und er wolle nicht ablenken. Statt ein einfaches „hihi“ zu ergänzen oder vielleicht sogar eine kritische Frage, lässt Die Zeit diese Aussage unkommentiert und kommt zu dem Schluss: „Warum Relotius tat, was er tat, darüber kann wahrscheinlich nicht einmal er selbst schlüssig Auskunft geben.“ Wenn es einen Satz als Beleg dafür braucht, dass Christof Siemes durch und durch dem Spin der Anwälte erlegen ist, dann diese im doppelten Sinn mitleiderregende Spekulation.

Was ist eigentlich eine Unterlassungserklärung?
Darauf gibt es eine juristische Antwort und eine aus der Krisenkommunikation. Juristisch ist das Fordern einer Unterlassungserklärung nicht mehr als der Hinweis darauf, dass Partei A möchte, dass Partei B ein Verhalten in Zukunft unterlässt, das Partei A für rechtswidrig hält. Das Zivilrecht sieht dafür das Instrument der strafbewährten Unterlassung vor. Diese zu fordern heißt aber keineswegs, dass damit auch schon geklärt sei, ob das Verhalten von Partei B tatsächlich rechtswidrig ist. Deshalb ist die Unterlassungserklärung auch ein populäres Mittel in der Krisenkommunikation. Denn diese zu lautstark öffentich zu fordern, kann unabhängig vom juristischen Ausgang auch Teil eines Spins sein, der dabei helfen soll, Partei A wieder kommunikative Macht in einer Situation zu geben. Im Sinne einer guten journalistischen Einordnung der Geschehnisse hätte man erklären können, was die Forderung einer Unterlassung bedeutet.
Denn diese einfach nur zu erwähnen und uneingeordnet zu berichten, kann man auch als Google-Teil des Spins deuten. Wie das funktioniert, kann man am Beispiel von Boris Johnson sehen. Weil der mit den Google-Suchergebnissen zu seiner Person in Kombination mit dem Wort Bus nicht zufrieden war (Details dazu hier), begann er in Interviews zu behaupten, er sammle leidenschaftlich gerne Miniaturbusse. Die Folge: genau diese Artikel und Interviews fanden sich plötzlich weiter oben in den Suchergebnis-Seiten – und nicht mehr jene mit den Brexit-Kampagnenbussen, die Johnson gerne verschwinden lassen würde. Wer im konkreten Fall nach den Namen der Beteiligten und den Begriffen Lüge oder Betrug sucht, wird künftig auch andere Ergebnisse bekommen. Die über den Ausgangsbetrug des Betrügers Claas Relotius werden verdrängt von Ergebnissen, in denen es um vermeintliche Verfehlungen einer anderen Person geht. Auch hier: Spin geglückt.

Wie kann man sich dagegen wehren?
Mit der auch öffentlichen Reflektion dessen, ob, was und wann man veröffentlicht. Und damit meine ich nicht nur die Medien, die nicht einfach ungefiltert, den Spin einer Seite übernehmen sollten. Ich meine auch jede und jeden einzelnen, die oder der Informationen im Netz verbreitet. Es spielt eine Rolle, wie das geschieht – gerade in den angesprochenen Fragen der Optimnierung Beeinflussung von Suchmaschinen, fällt da auch dem einzelnen große Macht zu.

Aber wenn Relotius vielleicht doch Recht hat?
Diese Frage ist völlig berechtigt und es zeichnet guten Journalismus aus, diese Frage zu stellen. In der aktuellen Situation kann man darauf zwei Antworten geben. Die erste habe ich oben von Henriette Löwisch schon zitiert: Das kann man ja abwarten. Mit dem zweiten Teil der Antwort beziehe mich ausdrücklich nicht auf die aktuelle Situation, sondern grundsätzlich auf Kommunikationsstrategen, die in anderen Konstellationen auf diese Form des Spins zurückgreifen. Wer die Glaubwürdigkeit der Gegenseite in Frage stellen will, wird dafür nach allem suchen, was sie oder er finden kann: im Privatleben, in alten Geschichten, in früheren Interviews oder alten Reportagen. Denn je mehr sich finden lässt, umso besser funktioniert der beschriebene Spin. Umgekehrt heißt das aber auch: Wenn sich nicht mehr als Stilfragen finden, dann würde ich vermutlich nicht widersprechen wenn jemand behaupten würde: Die haben einfach in alten Geschichten von Moreno nix gefunden, weil der immer sauber gearbeitet hat.

Es ist übrigens auch Teil der Ambiguität, dass durch die Kampagne gegen Juan Moreno sein Buch noch mehr im Gespräch ist. Es heißt „Tausend Zeilen Lüge“ und ich halte es für unbedingt empfehlenswert.


UPDATE 7.11.:
Der Tagesanzeiger dokumentiert, wie in der Wikipedia nicht verifizierbare Accounts daran arbeiten, das Bild von Claas Relotius genau in der Form zu drehen wie oben beschrieben:

Sukzessive tauchen mehr als ein halbes Dutzend weitere Wikipedia-Debütanten auf. Sie gehen dreist vor. Und raffiniert. Die Manipulatorengruppe, die nicht als Gruppe wahrgenommen werden soll, beschönigt nach und nach Stellen zu Relotius’ Fälschungen. Den Rest des Lexikons ignoriert sie weitgehend. Nur da und dort werden Passagen über vergleichsweise kleine Fehler journalistischer Hochkaräter ausgeschmückt. Zu den so Angeschwärzten gehören Rechercheur Hans Leyendecker oder «Spiegel»-Kadermann Dirk Kurbjuweit. Der Tenor: Die ganze Branche fälscht, Relotius ist einfach einer der genialsten unter vielen Schriftstellern im Journalismus. Kein Vergleich ist den Manipulatoren zu klein, um ihn ins Onlinelexikon zu übernehmen: Relotius wird als «Karl May unserer Tage» verharmlost; er habe auch etwas von Tom Wolfe, Paul Auster und Truman Capote, den ganz grossen US-Literaten.

Das Perfide an den Eingriffen auf Wikipedia: Hier werden die oben genannten Presse-Meldungen als Referenz genannt (hier die Debatte nachlesen) Nächster Spin geglückt…


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in diesem sind zuletzt u.a. erschienen: „Bewahren vs. Gestalten“ (Mai 2019), 70 Jahre Grundgesetz (April 2019) „Warum die Urheberrechtsdebatte ein Fortschritt ist (März 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“, „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016)

Zeit für zivilen Ungehorsam: Greta Thunberg und The 1975

Was für ein Bild! Im Polaroid-Stil fotografiert von Jordan Curtis. Es zeigt Greta Thunberg an einer grauen Wand lehnend. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt. Eine Converse-Mashup-Kopie. „Antifa Allstars“ steht da. Schwarz auf weiß. In der Mitte ein schwarzer Stern. An Gretas Schulter lehnt ein junger Mann. Gelbes T-Shirt, strubbeliges Haar. Er wirkt fast kleiner als sie. Matty Healy ist Sänger, Gitarrist und Songschreiber der Band The 1975. Und alles auf diesem Bild ruft: Das hier ist Pop! Pop des Jahres 2019, aus dem Jahr, in dem das Klima politisch wurde. Dabei verströmt es – natürlich wegen der Polaroid-Ästhetik – die Aura eines augenblicklichen Klassikers.

Die Band The 1975 hat das Bild auf Instagram gepostet. Man kann es auf allen relevanten Musikportalen sehen – als Bebilderung für die Zusammenarbeit zwischen der schwedischen Klima-Aktivistin und der britischen Band. Denn diese ist in Wahrheit noch beeindruckender als das Bild (das aber nicht zu unterschätzen ist). Und das liegt nur oberflächlich daran, dass hier eine Zusammenarbeit im Sinne eines musikalischen Features vorliegt. Auch die These, dass Musik die Welt verändern kann, trifft in diesem Fall nicht unbedingt zu. Denn der Song ist im klassischen Sinn kein Song und er wird auch die Lücke der musikalischen Begleitung der „Fridays-for-Futures“-Bewegung nicht füllen. Diese Kooperation ist mehr und sie ist etwas anderes. Sie ist eben Pop des Jahres 2019.

Es ist eine Kollaboration, die die neuen digitalen Aufmerksamkeitsregeln des Musikbusiness erstmals bzw. erstmals so deutlich für politische Anliegen nutzt. Klar, wir haben in den vergangenen Monaten immer mal wieder darüber gesprochen wie der Entzug von Aufmerksamkeit als politisches Signal gewertet werden kann. Aber hier geht es ja um das genaue Gegenteil: Hier drängt ein politisches Thema in die Liste der Neuveröffentlichungen, die aktive Spotify-Nutzer*innen jeden Freitag augespielt bekommen. Im Release Radar gibt es in dieser Woche sehr direkte Politik, vorgestragen, in einem Song, der einzig aus einem politischen Appell von Greta Thunberg besteht. Zu sehr zurückgenommenen orchestralen Klängen spricht sie ihren Text ein. Das ist Pop, der auf Codes und Anspielungen fast vollständig verzichtet. Der Text, den Greta Thunberg spricht, ist eine klare politische Aufforderung. Keine Zwischentöne, keine Anspielungen, direkter politischer Appell.

Pop des Jahres 2019? In jedem Fall Politik im Jahr 2019.

Im Guardian analysiert Laura Snapes die Zusammenarbeit jedenfalls genau in diese Richtung

They may not be the world’s most commercially successful band, but – with their stylish aesthetic, unfiltered intimacy with fans and success with a post-genre mix of everything from soft rock to emo – they are one of the most mimicked, and so Thunberg’s message could spread far beyond their network. Spotify’s recommendation algorithms work by assigning thousands of intricate data points to every song, then using that data to link a track you already like, to another one you haven’t heard but would probably like as well.

Das klingt stimmig: die politische Aktivistin, die von den Popularität der Band profitiert. Aber spätestens, wenn man auf die Website kommt, die The 1975 zur ersten Single ihres neuen Albums geschaltet haben, kann man die Frage auch andersrum stellen: Ist das Werbung für eine politische Bewegung? Oder ist es nicht eher Werbung für die Band? Denn auf der Website steht nichts von Extention Rebellion, der Bewegung, der Greta Thunberg die Einnahmen spenden will. Auf der Website steht einzig ein Submit-Feld für die Mailingliste der Band. Damit man informiert werden kann, wenn im Frühjahr das neue Album erscheint. Auch das ist Pop der Gegenwart. Ein Newsletter.

Deutschland und das Internet

Es wird in diesem Land ja an unterschiedlichen Stellen darüber diskutiert, wie es passieren konnte, dass die Parteien offenbar den Draht (sic!) zu jungen Wählerinnen und Wähler verlieren konnten. Karin Janker und Sascha Lobo haben dazu in der SZ und bei SPON sehr lesenswerte Analyse vorgelegt, die beste Zusammenfassung für das Thema liefert der Präsident des FC Bayern. Ulrich Hoeneß hatte sich unlängst auf unglaubliche Weise über Jerome Boateng geäußert und wurde dann dafür auch im Internet kritisiert. Jetzt ist er gefragt worden, wie er das Echo einschätzt.

Seine Antwort ist erstaunlich, sie legt nämlich offen, welches Verhältnis wichtige Menschen Menschen, die sich für wichtig halten zum Internet haben. Hoeneß sagt:

Ich kenne überhaupt kein Echo, weil ich nie ins Internet gehe. Und es interessiert mich auch nicht, was da geschrieben wird. Die Leute sollen mir einen Brief schreiben, dann antworte ich schon drauf.

Mehr zum Thema im Newsletter-Text „Bewahren vs. Gestalten“

Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai/Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Bedeutung. Am Ende geht es einzig und allein um unsere eigenen Bedeutung. Das jedenfalls sagt Jason Feifer in seinem Text „Warum ältere Menschen schon immer über jüngere Menschen schimpfen“, der zur Grundlage für die aktuelle Episode des Pessimists Archive-Podcast wurde, die auf deutsch „Die Jugend von heute“ heißen würde (und auf Twitter vermutlich #diesejungenleute). „Wir können nicht anerkennen, dass das Leben ohne uns weitergeht. Und statt den Lauf der Welt zu akzeptieren, geben wir einfach der kommenden Generation die Schuld.

Für Feifer liegt genau in dieser Angst vor der eigenen Sterblichkeit der Hauptgrund für das Hadern der Alten mit der Jugend – und zwar nicht nur mit der Jugend von heute, sondern auch mit jener von gestern, vorgestern und auch der davor. Er erkennnt ein wiederkehrendes Muster, das man Beschuldigungs-Vererbung nennen könnte. Stets auf Neue klagen dabei die Älteren über die Jüngeren: Weil es diesen an Anstand fehle oder an Wissen oder weil sie schlicht nicht so sind wie das Früher™️, an das sich mancher zu erinnern glaubt. In der Podcast-Folge kann man dazu ein kleines Ratespiel spielen, für das Feifer Jugend-Beschimpfungen aus mehreren Jahrhunderten zusammengetragen hat, die sich frapierend ähneln und deshalb kaum unterscheidbar sind. Als aktuell fallen die Beschimpfung dieser Tage nur deshalb auf, weil sie häufig von der angeblich unsachgemäßen Handy-Nutzung (Symbolbild: Unsplash) handeln. Davon abgesehen scheint es eine Art Ur-Misstrauen der Alten in Bezug auf das Neue zu geben. Umberto Eco spricht deshalb davon, dass es sich beim Hadern der Jugend von gestern über die Jugend von heute um eine Art wiederkehrenden Menschheitstraum handle.

Es ist dies kein besonders schöner Traum – und der abgelaufene Monat war für mich voll von Beispielen für diese Konfliktlinie zwischen den Generationen. Ich durfte (wie hier berichtet) auf Einladung des Goethe-Instituts in Seoul an einer Veranstaltung teilnehmen, die Generationenkonflikte in einem internationalen Kontext beleuchtete. Dabei lernte ich, dass z.B. auch in Korea greifbar wird, wie Alte und Junge sowie Junge und Alte aneinander vorbei reden – und sich dabei auf äußerst unschöne Weise beleidigen, wie man in diesem Text von Korea Expose nachlesen kann – dazu in der aktuellen Ausgabe von The Economist über den Begriff kkondae Und kaum war ich zurück, lieferte ein YouTube-Video den Beweis dafür, dass auch Deutschland diese Konflikte kennt: zwischen denen, die etabliert sind und jenen, die sich etwas herausnehmen, was anders ist und neu – und nicht selten als Angriff wahrgenommen wird. „Das gehört sich nicht“, sagen die Alten und sprechen von mangelnder Wertschätzung für die eigene Leistung. „Die machen nichts“, sagen die Jungen und sprechen von mangelndem Möglichkeitssinn und Gestaltungswillen.

Zur Europawahl gab es diesen Konflikt dann auch in handfesten Zahlen, die zeigen: Diejenigen Wähler*innen die erstmals wählten, entschieden sich grundlegend anders als jene, die schon häufiger an Wahlen teilnahmen. Konkret stimmten bei den Wähler*innen unter 30 Jahren mehr Menschen für die Grünen als für SPD, CDU/CSU und FDP zusammen. Das passt zu einer Analyse über die Kluft zwischen den Generationen, die Jagoda Marinic schon im vergangenen Jahr in der New York Times beschrieb. Bernd Ulrich diagnostizierte am Sonntag, diese Europawahl habe „eine so nie da gewesene Spaltung zwischen der jungen Generation und den Älteren bloßgelegt“, was durchaus an seine Prognose aus dem März erinnert, als er schrieb: „Wenn die Politik so weitermacht, dann läuft nicht nur Deutschland in einen Generationenkonflikt hinein, gegen den 68 ein Kindergeburtstag war. Damals ging es vor allem um die deutsche Vergangenheit (und den Krieg in Vietnam), heute geht es um die globale Zukunft.“

Das mögliche Ausmaß dieses Generationenkonflikts konnte man unlängst im Atlantic nachlesen, wo ein Professor und ein Student gemeinsam analysierten, „der Bruch zwischen den Generationen in der amerikanischen Politik wächst so stark, dass er wichtiger werden könnte als die Differenzen zwischen Klassen oder Hautfarben, die traditioneller Weise als Grundlage der Analyse dienen“. Auch Georg Diez, der den Text in der taz zitiert, argumentiert ähnlich. Er fordert: „Es wird sich mehr verändern müssen als nur die inhaltliche Debatte von Politik, ob im EU-Parlament oder im Deutschen Bundestag, so viel scheint klar. Die Schüler, die den Protest auf die Straße getragen haben, was zu zum Teil krassen und hässlichen Abwehrreaktionen von Teilen der Politik und der Medien geführt hat, die mehr darüber aussagen, wie verzweifelt hier um das eigene Überleben, sprich die eigene Karriere oder die Interessen, die dahinter stehen, gekämpft wird – die Schüler sind jedenfalls geprägt von einer anderen Welt, wie sie sie wahrnehmen, bedroht in ihrem Wesen, erschaffen durch die Technologien, die sie benutzen. Das verändert Theorie und Praxis von Politik, wie es etwa Fridays for Future zeigt. Es geht nun darum, die Demokratie in Europa für das digitale Zeitalter und eine andere Generation neu zu erfinden.“

Womit wir wieder bei der eingangs erwähnten Bedeutung sind. Denn noch deutlicher als am Lebensalter ist die Differenz an einer Frage erkennbar, die ich hier und hier schon mal gestellt habe: Kann es (noch) besser werden? Die Konfliktlinie des neuen Generationenstreits zwischen denen, die etwas zu verlieren und jenen, die etwas zu gewinnen haben, verläuft zwischen der „Generation Bewahren“ und der „Generation Gestalten“ – und das hat natürlich mit dem Alter zu tun, aber eben nicht nur. Es hat damit zu tun, ob man die von Feifer eingangs zitierte eigene Bedeutung aus der Vergangenheit begründet oder ob man Zukunft gestalten will. Das geht womöglich beides und auch zusammen, aber es ist eine Frage der Priorisierung. Jede und jeder muss sich die Frage stellen: Trage ich dazu bei, Hoffnung für eine bessere Zukunft wachsen zu lassen?

Darin liegt vielleicht ein Ansatz, den wiederkehrenden Traum des Generationenkonflikts zu beenden. Denn: „Die Kraft diesen Zirkel zu durchbrechen, liegt in unseren Händen“, ereifert Feifer sich in seinem Podcast. Schließlich haben wir Alten Älteren, ja schon mal bewiesen, dass die Generationen-Beschuldigung falsch war. Was die Alten Sehr Alten über uns sagten, war doch erkennbar falsch, also durchbrechen wir den Kreislauf und hören auf, auf die Jungen zu schimpfen – schlägt Feifer vor und kommt zu dem Schluss: „Wir sind nichts Besonderes. Wir sind lediglich die letzte Generation in einer ganzen Reihe.“ Wir sollten uns von dem Wunsch verabschieden, dass man sich an uns erinnert. „Wir sind genauso gut und genauso schlecht wie die vor uns – auch wie die, die nach uns kommen. Wir sind eingeklemmt zwischen zwei Generationen. Das Beste was wir daraus machen können: Wir sollten unsere Zeit klug nutzen und diejenigen unterstützen, die uns mal nachfolgen werden.“

Besonders schön ist dieser Vorsatz übrigens in einem Kinderbuch zusammengefasst, das ich auch in diesem Monat gelesen habe. Es stammt von Rebecca Solnit, von der ich einen hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft gelernt habe und die sich die Mühe gemacht hat, Aschenputtel in eine moderne Form zu bringen (Cinderella Liberator). Sie sagt, sie habe irgendwann gemerkt, dass es in der Geschichte gar nicht so sehr darum gehe, einen Prinzen zu heiraten, sondern viel mehr um die Verwandlung und die Transformation. Deshalb lässt sie die gute Fee in dem Buch an einer Stelle auch sagen, dass die wahre Magie darin liege, dazu beizutragen, dass jedes Ding sein bestes und möglichst freies Selbst entwickeln kann.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, dessen Mai-Ausgabe in den kommenden Tagen verschickt wird. Mehr zum Thema Generationenkonflikt gibt es auch in dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip – zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen“