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Meta goes beta: Das Lese-Experiment auf log.os

Ich mag Experimente: Mit Eine neue Version ist verfügbar probierte ich aus, ob Crowdfunding nicht auch für die Buchbranche möglich ist (Spoiler: ist es!), mit Meta! testeten wir, ob Bücher nicht auch in Versionen erschienen können (Spoiler: geht auch!) und gemeinsam mit Log.os probieren wir nun ob Lesen nicht auch ein Gemeinschaftserlebnis sein kann. Wie schon beim SZ-Lesesalon ist dies ein weiterer Schritt in Richtung Livejournalismus als Social Reading.

Ab 1. März lesen wir in einer Lesegruppe das Buch auf der Plattform Log.os. Dafür muss man sich dort einen Account anlegen und kann die digitale Fassung der Standard-Version kaufen. Zusätzlich zum Inhalt erhält man Zugang zum Social-Reading-Experiment. Dieses wird rund einen Monat dauern und etwa so ablaufen.

Wir starten am 1. März mit einem gemeinsam kleinen virtuellen Event, zur Buchmesse in Leipzig wird es ein Vor-Ort-Event geben (das natürlich auch auf der Plattform gezeigt wird) und zum Abschluss gibt es noch eine gemeinsame Veranstaltung am Ende des Monats.
Hier Mitglied bei Log.os und in der Meta!-Lesegruppe werden

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Ähnliche Bücher, ähnliche Vornamen

Die digitale Bibliothek Skoobe hat mein Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ in dieser Woche in ihr Sortiment aufgenommen (hier der direkte Link) Das ist schön, etwas erstaunt hat mich allerdings, welche Titel der Skoobe-Algorithmus für „ähnlich“ hält:

Es sind dies vor allem Bücher von Autoren, die auch „Dirk“ heißen – sowie das Buch „Alles und nichts“ (bei dem ein „Dirk“ Ko-Autor war)

Vor/für 2017: Lesetipps für den Jahreswechsel

Es gibt Texte, die das Jahr überdauern werden. Um die Lektüretipps, die man vor 2017 oder zumindest für 2017 noch anschauen sollte, geht es in dieser (Doppel-)Liste. Dazu gibt es weiter unten die zehn beliebsten Blogeinträge aus den Digitalen Notizen:

Zehn Texte vor/für 2017:

1. Bis zum letzten Augenblick: Roland Schulz übers Sterben – SZ Magazin

2. Der Hass ist nicht neu. Für uns nicht. Mely Kiyak bei der Verleihung des Otto-Brenner-Preises – Übermedien

3. Anfangen. Carolin Emcke bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels – Friedenspreis

4. ‘Hope is a​n embrace of the unknown​’: Rebecca Solnit on living in dark times – Guardian

5. Boris wollte mich verbrennen. Florian Klenk fährt zu einem Facebook-Hater – falter

6. Obama Reckons with a Trump Presidency: David Remnick über die letzten Tage der Obama-Amtszeit – New Yorker

7. Noah lebt nicht mehr – Hakan Tanriverdi über Verschwörungstheorien – Süddeutsche Zeitung

8. How Technology Disrupted Truth: Katharine Viner über Journalismus zwischen Fakenews und Digitalisierung – Guardian

9. Der Untergang des Fußballs: Christoph Biermann über die Kommerzialisierung des Sports 11 Freunde

10. Münchens heroische Gelassenheit: Anette Ramelsberger über den Amoklauf vom Olympia-Einkaufszentrum Süddeutsche Zeitung

Die zehn beliebsten Blog-Einträge aus den Digitalen Notizen 2016:

10. Was früher auch nicht besser war: Der Pessimismus

9. Meta – Das Ende des Durchschnitts

8. Obama liefert dem Gif-Zeitalter das Cover-Motiv

7. Bon Valeur, Elektrischer Reporter und 140 Sekunden – meine Würdigung

6. Kulturpragmatismus

5. #digitalcharta: Nutzen wir die Chance

4. Weil wir dich lieben: Wie die BVG cool wurde

3. #nacktimnetz: fünf Fragen zu meinen Daten

2. Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein

1. Fünf Fragen zur angemessenen Smartphone-Nutzung

(Für Bloghistoriker: 2009 und 2010 habe ich so eine Liste schon mal erstellt)

Gegen den Hass, gegen die Panik!

Die Kolleg*innen der Sendung hr2 Der Tag haben mich eingeladen, über Social Media in Zeiten des Terrors zu sprechen, nachzuhören hier ab ca 30 Min (MP3-Download). Um meine Gedanken zu sortieren, habe ich es hier aufgeschrieben.

Es zählt zu den angenehmen Eigenschaften der social-media-vernetzten Welt, dass man auch in unangenehmen Momenten und emotionalen Ausnahme-Situationen nicht alleine sein muss. Man kann sein Unwohlsein teilen, was den Schmerz in den meisten Momenten etwas lindert. Deshalb neigen Menschen dazu, in Eilmeldungs-Situationen den Austausch zu suchen. Früher geschah dies im direkten persönlichen Umfeld oder maximal telefonisch, heute geschieht dies zumeist auf den Geräten, die früher mal einzig Telefone waren – und heute als Schnittstelle zur ganzen Welt dienen.

Wer sich an die Anschläge vom 11. September in New York erinnern kann, weiß vermutlich auch noch, wen er oder sie kurz danach kontaktierte. Dieser zutiefst menschliche Reflex greift auch heute, er benutzt dabei aber ein ungleich größeres Publikationsspektrum. Egal, ob man geschlossene Messenger-Gruppen, den Facebook-Freundeskreis oder gar die Hashtag-Öffentlichkeit bei Twitter in Echtzeit adressiert: die eigene Kommunikation ist sehr viel folgenreicher als damals beim Eins-zu-eins-Telefonat.

Die Ereignisse vom Berliner Breitscheid-Platz erinnern uns daran, dass wir uns diese Folgen bewusst machen müssen, wenn wir in emotionale Ausnahmesituationen geraten. Und wenn es eine Sache gibt, die man schon wenige Stunden nach dem Abend des 19. Dezember sagen kann, dann dies: Wir müssen lernen mit den neuen Publikationsmethoden umzugehen. Wir müssen uns bewusst machen, wie die Mechanismen der Angst wirken und dabei das reflektierte Nachdenken bremsen. Kurzum: Wir müssen Social-Media-Gelassenheit in emotional-medialen Ausnahmesituationen trainieren!

Schon im September 2013 hat das amerikanische Medienmagazin „On The Media“ ein Handbuch für Terror-Fälle veröffentlicht. Darin sind zehn Regeln aufgelistet, an die man sich halten sollte, wenn Gerüchte, Falschmeldungen und Spekulationen die gesicherten Nachrichten überlagern. Die wichtigste Regel steht ganz am Ende, sie lautet: Be Patient! Bleib gelassen! und kann als Grundlage für alle anderen Aktivitäten in den Ausnahmesitationen gelesen werden:

Wie gesagt: Es hilft nicht, Menschen in angstvollen Situationen „Hab keine Angst“ zuzurufen. Aber ich bin überzeugt davon, dass es helfen kann, sich auf diese Situationen vorzubereiten. Die Rekonstruktion der Angst-Nacht von München im Juli dieses Jahres zeigt, wie Gerüchte und ungeübte Social-Media-Nutzung Panik anfachten und die Probleme noch größer machten. Wenn das passiert, schlägt der soziale Austauschreflex ins Gegenteil um: Er lindert dann keine Schmerzen, sondern vergrößert sie. Genau das ist das Ziel von Terror: Angst und Schrecken zu verbreiten.

Deshalb sollte man sich gegen die mediale Verstärkung des Terrors wappnen und ein Regelwerk im Kopf haben, an das man sich in aller Panik erinnern kann. In Anlehnung an die On the Media-Regeln könnte sich Social-Media-Gelassenheit in diesen Handlungweisen ausdrücken:

1. Bevor ich etwas veröffentliche oder an meine Freunde schicke, atme ich dreimal tief durch – und suche mindestens zwei verlässliche Quellen für die Informationen.

2. Ich verbreite keine Gerüchte! Ich halte mich nur an bestätigte Informationen und versuche mich von Spekulationen fernzuhalten. Besonders bei Accounts, die unverifiziert sind, keine Profilbilder haben und vorher noch nie etwas gepostet haben, frage ich mich: Und wenn das Gegenteil richtig ist?

3. Ich poste, retweete und verbreite keine Bilder und Filme, deren Herkunft ich nicht kenne. Ich bin mir bewusst, dass derartige Nachrichtenlagen Betrüger anziehen, die mit Absicht Fotomontagen und bewusste Lügen verbreiten. Ich unterstütze dies nicht durch unvorsichtiges Weiterverbreiten.

4. Informationen und Bilder, die im Zusammenhang mit der Tat stehen, übermittle ich der Polizei und mache sie nicht öffentlich. Besonders dann nicht, wenn sie die Menschenwürde der Opfer verletzen und den Tätern nützen.

5. Ich hüte mich davor, sofort Problemlösungen zu verbreiten. Ich kenne den Reflex des „kommentierenden Sofortimus“ (Bernhard Poerksen) und folge ihm nicht.

6. Das gilt auch für Meinungen über die mediale Berichterstattung bzw. für die Kommentare von Politikern, die bereits fertige Lösungen präsentieren. Ich verbreite keine einseitigen Schuldzuweisungen und gebe diesen auch durch Retweets und Zitate keine Bühne.

7. Ich bin mir bewusst, dass eine von mir verbreitete Information gerade bei Freunden als verlässlich wahrgenommen wird. Dieser Verantwortung meinen Freunden gegenüber versuche ich stets gerecht zu werden – und poste deshalb nicht unüberlegt.

8. Egal wie schlimm die Situation sein mag, ich werde nicht in Panik verfallen und selber dazu beitragen, dass Angst sich verbreitet. Das ist das zentrale Ziel von Terror: Angst und Hass zu verbreiten. Dem widersetze ich mich! Durch mein eigenes Verhalten trage ich vielmehr dazu bei, Social-Media-Gelassenheit zu verbreiten.

Mehr zum Thema:
>>> Der Kommentar Gegen den Hass von Heribert Prantl in der SZ
>>> Der erste Eintrag zum Thema Social-Media-Gelassenheit aus dem Januar diesen Jahres
>>> Warum wir uns den Mechanismen der Angst widersetzen sollten.

Update: Aus diesem Blogpost entstand im Nachgang die Seite gegen-die-panik.de

loading: 8 Häftlinge

Wie sieht Haft in Deutschland aus? Dieser Frage nähert sich Alexander Krützfeld in seinem Crowdfunding-Projekt „8 Häftlinge“ – und er fragt weiter: Gibt es dazu eine Alternative?

Der Gerichtsreporter hat den loading-Fragebogen beantwortet.

Was machst du?
Ich arbeite seit zehn Jahren als Gerichtsreporter. Oft höre ich, vermehrt auch in den letzten Jahren wieder, diese Parolen, die immer auch im Wahlkampf benutzt werden: Es braucht doch härtere Strafen, die Justiz lässt die ja alle laufen, Knast ist Hotel und so. Wegen der Fernseher vermutlich.
Darum möchte ich jetzt eine große Recherche machen, die den Alltag und die Praxis im Gefängnis durchleuchtet. Interviews führen. Vor-Ort-Besuche. Nicht das Außergewöhnliche suchen, sondern das Typische – und auch typische Probleme benennen, nicht extreme.
Ich glaube, wenn das Verständnis von der Justiz und dem Strafsystem insgesamt größer wären, gäbe es vielleicht viele Vorurteile und Parolen nicht. Könnte auch sein, und das ist ja auch ein Ergebnis, wenn es andersherum ist.

Warum machst du es (so)?
Die Berichterstattung zu diesem Thema folgt in der Regel zwei Mustern: Skandal- und Betroffenheitsgeschichte. Erstere entspinnt sich, wenn etwas im Gefängnis passiert, das dort nicht passieren sollte/darf. Danach geht sie oft aber nicht (viel) weiter.
Die Betroffenheitsgeschichte zeigt mehr die Lebenswege. Ich finde, man kann beides verbinden. Das braucht aber Platz – und Budget. Dafür sammle ich jetzt, weil ich es für wichtig halte.

Wer soll sich dafür interessieren?
Leute, die wissen wollen, ob das stimmt, dass da „überall Ausländer sitzen“, die „Justiz nicht durchgreift“ und „Sexualstraftäter milde bestraft werden“. Wir landen zwar nicht alle im Gefängnis, aber Strafen gehen uns etwas an. Es sind die Normen, nach denen wir leben.
Falsche Informationen in diesem Sektor können – auch mit Hinblick auf die kommenden Wahlen – sehr gefährlich sein. Die Populisten haben die Kriminalitätsthemen längst für sich entdeckt und besetzen sie. Es ist unser Job, dem nachzugehen. Daher jetzt. Daher unbedingt jetzt.

Wie geht es weiter?
Wenn wir die nächsten vier Wochen überstehen, und das hoffe ich mal, das Funding geht ja bis Mitte Januar, dann schieben wir die Recherche an. Das bezieht sich auf die Vor-Ort-Besuche und Interviews, denn viel Vorrecherche ist auch jetzt schon nötig. Wenn alles klappt, wird es ein großer, hoffentlich schöner Achtteiler: 8 Häftlinge.

Was sollen mehr Menschen wissen?
Dass Menschen immer Menschen sind, auch wenn man Angst vor ihnen hat (was man oft nicht haben muss). Dass die Rückfallquote im Bereich Mord und Sexualdelikt eigentlich sehr niedrig ist, auch wenn „Die Welt“ vor drei Monaten schrieb: Fast jeder zweite Straftäter wird rückfällig. Das stimmt nicht, weil es stark deliktabhängig ist und sich Tatsituationen so oft gar nicht wieder ergeben.

>>> Hier 8 Häftlinge auf Startnext unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Tag der Menschenrechte: Digitales Exil

Heute ist Tag der Menschenrechte: Reporter ohne Grenzen haben sich dafür die Aktion Digitales Exil ausgedacht, die ich sehr gerne unterstütze. Dabei gebe ich Ray Mwareya auf meinen Social-Media-Accounts digitales Exil – d.h. ich poste für im Namen des Kollegen aus Simbabwe, der frei für das Global South Development Magazine und andere internationale Medien arbeitet. Da er in Simbabwe bedroht wird, lebt er in Südafrika. Um seinen Artikel Aufmerksamkeit zu bringen, aber vor allem auch um auf den Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit hinzuweisen, gebe ich Ray heute für ein paar Stunden Digitales Exil und dokumentiere dies hier.

#DigitalesExil für Ray Mwareya. Bitte lies jetzt seinen Artikel über die vergessenen mosambikanischen Gastarbeiter in der DDR bit.ly/2gUsOrh

#DigitalesExil für Ray Mwareya. Bitte lies jetzt seinen Artikel zu den verstoßenen Witwen in Mosambik bit.ly/2gbRjSz

Authentizität wird zu Autorität – zum Erfolg der Digitalcharta

Vom Werk zum Netzwerk, Symbolfoto: Unsplash

Nachdem ich Anfang der Woche kurz zur Idee einer Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union gebloggt hatte und anschließend ein wenig zum Thema auf Twitter diskutieren durfte, komme ich zu dem Ergebnis: Die Digitalcharta ist ein voller Erfolg!

Vermutlich nicht in dem Sinne, in dem die Initiatoren sich das ursprünglich gedacht haben, aber ganz sicher in dem Sinne, der in den FAQ beschrieben wird und vor allem weil der Entwurf und seine fortlaufende Behandlung uns zeigen, wie die Digitalisierung unsere Gesellschaft verändert. Dieses Bild ist so gestochen scharf, dass die Frage, ob am Ende der Debatte ein wirklicher Vorschlag für eine Digitalcharta steht, für mich persönlich fast in den Hintergrund getreten ist.

Das Ziel der Charta, so heißt es in den FAQ, sei es „eine Debatte über die Zukunft der digitalen Gesellschaft und wie man sie politisch gestalten kann“ zu beginnen. Dieses Ziel ist in jedem Fall erreicht. „Die vorgestellte Digitalcharta versteht sich als Entwurf, der in der Öffentlichkeit reifen soll, dazu gehört essentiell die Diskussion um jedes einzelne Wort. Am Ende könnte so ein digitalgesellschaftliches Fundament der EU entstehen.

Der Prozess der Reifung lehrt eine Menge über den digitalen Wandel. Ich will dies an drei Schlagworten illustrieren, die ich in hier und da verwende um zu beschreiben, was für mich Digitalisierung bedeutet.

1. Vom Produkt zum Prozess
Die Idee, dass sich viele schlaue Menschen hinsetzen, ein Papier entwickeln und damit an die Öffentlichkeit gehen, ist nicht nur wegen des Begriffs „Papier“ eine durch und durch analoge Idee. Digitale Öffentlichkeit zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass Inhalte sich verflüssigen, dass Dokumente zu Dialog werden. Die vergangenen Tage zeigen dies sehr deutlich: Der Entwurf und die Debatte gehören zusammen. Das Produkt „Entwurf“ ist ohne den Prozess „Debatte“ nicht zu denken. Das ist neu: Früher sprach das Papier für sich, das eine Gruppe engagierter Bürger öffentlich machte. Es konnte kaum überhaupt und nie in diesem Tempo prozessiert werden.
Dieser Wandel führt aber auch zu einer grundlegenden Veränderung für diejenigen, die einen solchen Entwurf öffentlich machen:

2. Von der Rampe zum Raum
Das Veröffentlichen wird zu einem Prozess, damit wird das Medium (das früher Rampe war) zu einem Raum, in dem Interaktion zu einem bedeutsamen Bestandteil wird. Die Frage, wie jemand auf Vorschläge, Kritik und auch Beleidigungen reagiert, ist in diesem Raum plötzlich Bestandteil seiner Wahrnehmung. Und ja, das gilt auch für Schweigen. Man kann sehen, wer sich der Debatte stellt und wer nicht. Ich finde das in Teilen bewundernswert wie engagiert einige der Initiatoren die Debatte führen. Umgekehrt ist es aber auch bezeichnend, dass es eben nur einige sind. Beim Fußball würde man von Einzelaktionen sprechen, ein System ist nicht erkennbar. Ich finde daran zeigt sich am deutlichsten, dass die Charta zwar digital heißt, aber in ihrer Form kaum digital gedacht wurde.

Einen Ausweg sehe ich dafür übrigens am ehesten in der Raum-Metapher: Ich glaube die Initiatoren sollten sich mehr als Gastgeber verstehen und tatsächlich einen Raum öffnen – in echt, im analogen Leben. In diesen Raum laden sie Kritiker und Unterstützer ein und führen nach dem Prinzip eines Kirchen- oder Parteitags eine geordnete Debatte. In einem solchen Ansatz läge meiner Einschätzung nach auch die Chance, am Ende ein inhaltliches Ergebnis zu produzieren, das auf breite Zustimmung stößt. Das wird aber anstrengend und setzt einen dritten Wandel voraus:

3. Von der Autorität zur Authentizität
Wo Wert nicht mehr nur im Produkt, sondern auch im Prozess entsteht, verschieben sich auch die Muster der Autorität. Diese muss sich neu begründen – und am besten gelingt dies (die unter Neuigkeit geführten Blogeinträge beweisen es) immer dann, wenn die Antwort auf die Kritik authentisch ist. Diese Authentizität erhöht die Glaubwürdigkeit und am Ende auch die Autorität der Diskutanten. Das ist im Kern nicht neu, Martin Schulz kennt dies aus Wahlkämpfen, es gilt aber verstärkt auch im Netz. Konkret heißt dies: Er könnte hier z.B. in einem Live-Stream Fragen beantworten und damit Autorität in der Sache gewinnen.

Ich bin optimistisch, dass es dem Charta-Team gelingt, die Idee des Digitalen nicht nur auf den Inhalt ihrer Charta zu beziehen, sondern auch für dessen Rahmen. Wenn es ihnen gelingt, die Initiative zu digitalisieren, kann dabei auch ein gutes Ergebnis geschaffen werden. Wie gesagt: Ich sehe dies als Chance!

#digitalcharta: Nutzen wir die Chance!

digital_charta

Ja, mir fallen auch ganz viele Dinge ein, die ich an der Digital Charta kritisieren könnte. Aber nein, ich habe in den vergangenen Jahren noch keinen Ansatz gesehen, der so umfassend und auf so hoher Ebene versucht hat, digitale Grundrechte zu formulieren (und diese heute im Europaparlament vorstellt) Deshalb freue ich mich darüber, dass es die Idee #digitalcharta gibt – und finde, wir sollten nach Tagen der Kritik nun endlich anfangen, ernstzunehmen, was die Initiatorinnen und Initatoren dieser Idee vorgeschlagen haben: gemeinsam mit ihnen eine digitale Zivilgesellschaft formen!

Dazu zählt, dass z.B. die Debatte über die Sinnlosigkeit der Vorratsdatenspeicherung künftig nicht mehr nur von den Menschen geführt wird, die sich bisher dagegen engagiert haben, sondern auch von dem Mann, den zumindest Gabor Steingart für einen potenziellen Kanzlerkandidaten der SPD hält. Martin Schulz zählt zu den Initiatoren dieser Charta, die den Satz enthält: „Eine anlasslose Massenüberwachung findet nicht statt.“

Ich lese das als Einladung, ihn in dem Moment daran zu erinnern, in dem die SPD wieder anfängt, über Vorratsdaten zu diskutieren. Ich lese den Vorschlag als Ermutigung an alle Internetskeptiker, sich zu engagieren in der digitalen Zivilgesellschaft. Anders kann ich mir nicht erklären, wofür die Unterscheidung zwischen Unterzeichner und Initiator gut sein soll: Es ist die Einladung, diese 27 Frauen und Männer beim Wort zu nehmen, wenn es um die digitale Gesellschaft sind:

Jan Philipp Albrecht
Gerhart R. Baum
Heinz Bude
Rebecca Casati
Johannes Caspar
Giovanni di Lorenzo
Michael Göring
Johnny Haeusler
Götz Hamann
Byung-Chul Han
Wolfgang Hoffmann-Riem
Jeanette Hofmann ·
Yvonne Hofstetter
Christoph Keese
Wolfgang Kleinwächter
Sascha Lobo
Christoph Möllers
Daniel Opper
Bernhard Pörksen
Frank Rieger
Nikolaus Schneider
Martin Schulz
Malte Spitz
Beate Wagner
Heinrich Wefing
Ulrich Wilhelm
Juli Zeh

Es handelt sich dabei um z.T. sehr tolle und allesamt sehr einflussreiche Menschen, die zum Teil schon heute als Streiter fürs Digitale und für digitale Grundrechte bekannt sind. Zum Teil aber eben noch nicht und nicht immer. Dass sie das mit dem Entwurf der Charta ändern, finde ich bemerkenswert, erfreulich und absolut unterstützenswert. Denn abseits der Diskussion um den Inhalt, zeigt der Ansatz der Charta doch: Diese Menschen wollen nicht mehr diskutieren, ob wir das Digitale brauchen, sie wollen gestalten, wie es eingesetzt wird.

Wie ernst sie dies meinen, wird sich meiner Meinung nach an zwei Entwicklungen zeigen, die wir in den nächsten Tagen und Wochen beobachten können. Zum einen werden wir sehen, ob sie das Angebot einer Debatte ernst meinen und ob sie einsteigen in den Austausch über den Inhalt ihres Entwurfs – oder ob sie dies auf die wenigen Schultern derjenigen laden, die eh schon im Netz debattieren. Und zum zweiten können all die einflussreichen Menschen der Initiatoren-Liste in ihrer täglichen Arbeit in den Gremien, Stiftungen und Medien, die sie führen beweisen, wie ernst sie es meinen mit dem Digitalen. Ich freue mich drauf!

PS: Wenn sie es ernst meinen, finden sie sicher auch Gefallen an der Idee, einen Heimat- und Brauchtumsverein fürs Internet zu gründen ;-)

Zwischenstand zum „Digitalen Heimat- und Brauchtumsverein“

24 Stunden nach dem die Oktober-Ausgabe der Digitalen Notizen verschickt wurde, haben sich 150 Interessenten auf der Liste für den Digitale Heimat- und Brauchtumsverein eingetragen. Das finde ich ziemlich toll. Vielen Dank!!

Ich glaube aber, dass wir den Anspruch haben sollten, den größten Brauchtumsverein des Landes zu gründen. Deshalb würde ich mir wünschen, dass sich bis Jahresende mindestens 1000 Menschen hier eintragen.

Foto: Unsplash (Felipe Belluco)

Foto: Unsplash (Felipe Belluco)

Wie wichtig ein Lobbyverein fürs Digitale ist, hat heute übrigens ausgerechnet das hochgeschätzte Deutschlandradio Kultur bewiesen. Im Kompressor wurde ich nachmittags von Max Oppel interviewt. Ich beantwortete seine Fragen zu den Hintergründen des Brauchtumsvereins und erläuterte, dass ein solcher Verein z.B. im Rundfunkrat des Deutschlandradio dafür sorgen würde, dass dort mehr aufs Internet geachtet wird. „Haben wir doch schon“, erklärte Moderator Max Oppel daraufhin sinngemäß und schloss das Gespräch mit dem Hinweis, dass durch die Erwähnung im Deutschlandradio die Zahl der Interessente bestimmt steigen würde. Das Problem dabei: das Interview ist auf der Sendungsseite online nicht zugänglich. Auf Twitter würde man sagen: #merksteselbst

Außerdem gab es heute ein kleineres Missverständnis rund um den ersten Namensvorschlag. Meine Idee, den Verein nach dem Emoticon für Sympathie und Liebe „<3 Internet - Kleiner Drei Internet" zu nennen, sorgte bei den Macher*innen des Blogs kleinerdrei.org für Verwirrung. Diese möchte ich vermeiden, deshalb würde ich vorschlagen, dass wir in 2017 einen Namen suchen.

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Auf der Website der deutschen Ausgabe von Wired steht übrigens gerade ganz oben die Frage: „Braucht das Internet einen eigenen Heimatverein?“ Dominik Schönleben hat mir diese Frage gestellt und mit mir ein wenig darüber spekuliert, wie der Verein denn aussehen könnte. Dabei habe wir auch über den Shruggie und das Prinzip des Kulturpragmatismus gesprochen. Das ganze Interview kann man hier nachlesen.

Für den Digitalen Heimat- und Brauchtumsverein kann man sich hier eintragen!

loading: RLY

Hä!? Eine Klasse der Deutschen Journalistenschule macht Crowdfunding? Genau, die Macher der Facebookseite RLY begleiten ihr Printmagazin mit einer Aktion auf Startnext. Die Hintergründe dazu erläuert Vanessa Vu im loading-Fragebogen.

Was macht ihr?
Wir sind 15 Nachwuchsjournalisten von der Deutschen Journalistenschule in München (DJS). Wir wollen Leute mit Journalismus erreichen, die sich sonst eher durch lustige Sprüche-Seiten klicken. Deshalb haben wir die Facebook-Seite RLY gegründet. Wir kitzeln das aus den News, was einfach nur RLY ist und posten es als Spruchbild. Unsere Quellen verlinken wir direkt. Seit Juli haben wir über 3.600 Fans gesammelt. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter und bieten unseren Fans den Longread an: ein Print-Magazin namens „RLY“ mit eigenen Geschichten. Für den Druck und Versand brauchen wir aber Hilfe.

Warum macht ihr es (so)?
Wir glauben nicht, dass Online immer der Feind von Print sein muss. Wir wollen zeigen, dass beides voneinander profitieren kann. Unser Print-Produkt soll durchs Internet überhaupt erst möglich gemacht werden. Ob das Experiment klappt, werden wir in den nächsten Wochen herausfinden.

Wer soll das lesen?
Wir wollen mit dem HÄ-Magazin nicht nur die üblichen Magazin-Leser erreichen, sondern Leute, die sich durch Instagram und 9gag klicken. Es sind Leute, die einfach gern „Hä“ sagen. Die das WTF-Gefühl feiern. Die auch im Zeitalter permanent zugänglicher Unterhaltung Lust auf relevante, aktuelle Infos haben.

Wie geht es weiter?
Bis zum 17. November kann sich jeder auf Startnext sein RLY-Magazin mit einem Dankeschön sichern. Mit dem Geld finanzieren wir Druck und Versand. Im Dezember verschicken wir das Magazin.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Als junge Journalisten hören wir oft, wir hätten kein Interesse an Qualtiätsjournalismus – und ließen uns von Klickzahlen verführen. Das sehen wir anders. Wir lieben gute Geschichten. Nur bei den Darstellungsformen sind wir weniger dogmatisch. Gute Geschichten stecken in jeder RLY-Spruchtafel auf Facebook und hinter jedem krassen Titel im RLY-Magazin. Das Magazin handelt von großen Fragen: Wo ist die Grenze zwischen Mensch und Tier? Warum riegeln wir plötzlich unsere Ländergrenzen ab? Und warum riskieren Leute für ein cooles Selfie ihr Leben?

>>>> Hier das Projekt auf Startnext unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren: