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Musik als Meme und Mashup: Was der Sommerhit „Old Town Road“ übers Internet erzählt

Ich habe den Verdacht bei der Analyse der musikalischen Jahresrückblicke 2018 schon mal geäußert: Die Spitze der Charts ist zwar populär, aber nicht zwingend bekannt. Man kann das jetzt gerade an einem Lied sehen, das die allermeisten Menschen für den Sommerhit 2019 halten. Es ist ein Song, der vor ein paar Tagen rekordausgezeichnete 143 Millionen Mal pro Woche gestreamt wurde. Er stand mehrere Wochen in Deutschland an der Spitze der Charts und in den USA noch immer. Und trotzdem ist der Song in meinem Umfeld nahezu unbekannt. Ich glaube allerdings, dass das weniger über mein Umfeld als über das sich ändere Pop-Umfeld aussagt – wie hier am Beispiel von RAF Camora schon mal erläutert.

Das Besondere an Old Town Road, das selbst ein Remix der 2018 produzierten Vorlage ist, ist nicht nur, dass Miley Cyrus‘ Vater, der Country-Sänger Billy Ray Cyrus mitsingt. Es ist die durch und durch digitale Darstellungs- und Distributionsform (dass der Erfolg von Lil Nas X auch Auslöser für größere Debatten in den USA war, hat Jan Kedves hier in der SZ aufgeschrieben). Das Lied, das u.a. ein Banjo-Sample aus dem Nine-Inch-Nails-Song „34 Ghosts IV“ nutzt, verbreitete sich fast schon wie ein Meme durchs Netz. Es wurde zur Vorlage für eine Challenge auf Tiktok, über die Alyssa Abereznak in einer lesenswerten Analyse schrieb:

The song’s Wild West imagery struck a chord among its young users, inspiring them to include it in 15-second challenge videos where they cosplayed as cowboys. The groundswell of enthusiasm on the social network bled out into the public and eventually launched the song to the top of the Billboard Hot 100 chart.

An dieser Chartspitze steht Old Town Road noch immer und schickt sich an zum erfolgreichsten Song in der Geschichte der Billboard-Charts nach dem 1942-Hit „White Christmas“ zu werden. Daran ist nicht nur interessant, dass ihm dieses Kunststück quasi abseits einer Aufmerksamkeit in den Bereichen gelingt, die man früher Mainstream genannt hätte. Der Erfolg basiert neben der memetischen Verbreitung in z.B. Tiktok auch auf dem Prinzip der Kopie und des Remixes. Heute wurde der 79ste Remix des Liedes veröffentlichte, zu dem Rapper Lil Nas X das Versprechen twittert, dies sei nun aber versprochen der letzte Remix.

Erstaunlich ist dieser angeblich letzte Remix weil er von jemanden gefertigt wurde, der im deutschen Mainstream noch unbekannter ist, dem Song aber einen enormen Schub garantieren wird. Es handelt sich um den Rapper Kim Nam Joon, der unter dem Namen RM Kopf der K-Popband BTS ist. Die Boyband ist nicht nur in Südkorea äußerst populär und wird mit dem Remix, der den Namen Seoul Town Road trägt und ein südkoreanisches Gartenwerkzeug namens Homi referenziert, dafür sorgen, dass Lil Nas X auch in Asien noch bekannter wird.

Diese Form des musikalischen Netzwerks ist nachvollziehbar, sie zeigt aber vor allem sehr konkret, wie die Digitalisierung eine Entwicklung beschleunigt hat, die man als Weg vom Werk zu Netzwerk bezeichnen kann. Es geht nicht mehr einzig um den Song, der als unveränderliches Werk in der Mitte stehen soll, es geht um das Netzwerk und die Bezüge drumherum. Es wird kopiert und referenziert, um Bekanntheit in unterschiedlichen Märkten zu schaffen. Die Kopie als Treiber der Remix-Kultur ist selbstverständliche Grundlage des Erfolgs. Keiner der Beteiligten will die Kopie bekämpfen, es geht im Gegenteil darum, möglichst viele Kopien und Remixes zu fertigen, weil diese Aufmerksamkeit nach sich ziehen.

Und dass all das nahezu abseits dessen stattfindet, was man mal als Mainstream bezeichnet hat, macht die drei digitalen Lehren aus „Old Town Road“ noch interessanter:

1. Die Kopie ist die Grundlage digitaler Kultur
2. Kultur verflüssigt sich, besteht immer mehr aus Referenzen
3. Die Idee von Mainstream löst sich dabei auf.

Grumpy Cat ist tot

Wer einen Grund zur schlechten Laune sucht, hier ist er: „Jetzt gibt es sogar schon Nachrufe auf Internet-Memes.“ Alles an dem Satz macht missmutig. Der Anlass (Grumpy Cat ist tot) und die darauf folgenden medialen Verwertungsmechanismen (Nachrufe!) laufen konsequent auf den einen Satz zu, der mit der missmutig schauenden Katze auf ewig verbunden sein wird: „I had fun once – it was awful“

Es war ein Spaß, sich an der Katze zu erfreuen, die mit einem besonders missmutigen Gesichtsausdruck beschenkt und von ihrer Besitzerin „Tadar Sauce“ getauft wurde. Doch der Spaß ist jetzt vorbei! Die vermeintlich schlechte Laune als Reaktion auf alles, war einer der ersten Running-Gags des Internets. Aus der vermeintlich guten Zeit: Früher! Eine lustige Referenz, die mit Erwartungen brach und auf gemeinsamem Vorwissen basierte. So funktionieren Memes, die Geheimsprache in der Welt, die für alle zugänglich ist. Das war mal jung und frisch und neu – und jetzt landet dieses System der Wortwitz-Bezüge in der Nachruf-Spalte. Schlimme Welt! Niedergang, Skandal, schlechte Laune!

Doch das ist das Großartige an der kleinen Katze aus Arizona: Sie hat die schlechte Laune den Schlechtgelaunten geraubt. Wann immer ein missmutiger Griesgram auftaucht, muss man an die in Wahrheit ja lustige Katze denken – und schon ist die Griesgram weniger mächtig. Das ist der Zauber der Ironie dieses Memes: man kann es nicht mit schlechter Laune betrachten.

Deshalb wird Grumpy Cat für mich immer der beste Beweis dafür bleiben, dass das Jammern über den Niedergang der Welt im Allgemeinen und über die Popularisierung von Memes im Speziellen nicht funktioniert. Es gehört zu Memes dazu, dass sie irgendwas aus der Ecke des Geheimwissens heraustreten. Und es bleibt Grundantrieb der Welt, dass sie sich ändert. So traurig der Anlass also sein mag, dass die Katze am 14. Mai verstorben ist: Dass es mittlerweile Nachrufe auf Memes gibt, ist doch in Wahrheit ein Beweis dafür, dass Fortschritt möglich ist. Und wer das nicht so sieht, darf gerne missmutig bleiben.

Hier der Beitrag zum Phänomen von vor vier Jahren aus der Serie „15 Minutes of Fame“

10 Dinge, die ich in „Chaos im Netz“ übers Internet gelernt habe

Es war im Jahr 1992 als die Autorin Jean Armour Polly für einen Artikel über das Internet nach einem Bild suchte. Sie entdeckte auf ihrem Mousepad das Motiv eines Surfers und nutzte es als Überschrift für ihren Text. Der „Information Surfer“ ist aber seit dem viel mehr: Surfen ist zu dem Symbol geworden für das, was man so schwer ins Bild setzen kann: im Internet sein.

Seit dieser Woche ist ein Film im Kino, dem das sehr gut gelingt. Er heißt „Chaos im Netz“ (im Original „Ralph Breaks the Internet“) und ist mehr als ein Disney-Kinderfilm. Denn dem Film gelingt es, das „Im Internet sein“ gut ins Bild zu setzen. Die Kolleg*innen der Kinderzeitung der SZ haben mich deshalb gebeten, über den Film und das Internet zu schreiben.

Die Bilder und Lehren, die man aus „Chaos im Netz“ ziehen kann, sind aber auch für Erwachsene äußerst interessant. Deshalb hier die zehn wichtigsten Erkenntnisse aus „Ralph Breaks The Internet“ – über das Internet:

1. Ohne Kabel geht gar nichts: Wie richtig dieser Satz ist, stellen gerade Menschen in Tonga fest. Ein Tiefseekabel ist zerstört worden und sie sind im Wortsinn vom Internet abgeschnitten. Im Film schlüpfen die Hauptfiguren Ralph und Vanellope durch die Kabel ins Internet. Die sehen aus wie Wasserrutschen und treiben sie in hohem Tempo immer tiefer rein ins Netzwerk. Wer sich dafür interessiert, wie diese Kabel außerhalb des Films aussehen, sollte sich das Buch Kabelsalat (von Andrew Blum) besorgen oder die Website wodasinternetlebt.de von Moritz Metz besuchen.

2. Das Zauberwort heißt Packet-Switching: Vanellope und Ralph werden bei der Reise durch die Kabel getrennt. Jeder reist für sich. Ich sehe darin ein (etwas weit hergeholtes) Bild für das grundlegende Prinzip des Packet-Switchings. Für die Datenübertragung übers Internet werden Informationen nämlich in kleine Teile zerlegt, die über unterschiedliche Wege versendet und erst am Ende wieder zusammengesetzt werden. Denn das Internet ist ein dezentrales Netzwerk, das auf eine zentrale Verteilstation verzichtet.

3. Das Internet ist nicht das Web:
Am Ende der Wasserrutschen Kabel landen Ralph und Vanellope in einer riesigen unübersichtlichen Stadt. Hier gibt es allerlei Firmen, die man so oder ähnlich auch aus dem echten Web kennt. Sie werden in dieser Stadt durch große Gebäude symbolisiert. Dieses Bild ist vermutlich ein wenig schief, richtig ist aber, dass das nicht das Internet ist. Diese unübersichtliche Stadt, in der kleine Figuren mit Schildern zwielichtige Angebote machen (JP Spamley), ist das Web. Dabei handelt es sich um eine Anwendung, die die Infrastruktur „Internet“ nutzt. Weitere Anwendung sind Mail oder FTP. Eine zentrale Rolle spielen dabei die so genannten Protokolle, die man sich ein wenig wie die Grammatik in der Sprache vorstellen kann. Sie regeln, dass die völlig unterschiedlichen Geräte und Systeme sich auch verstehen.

4. Links sind wie magische Züge: in der großen Web-Stadt gibt es einige tolle Besonderheiten. Am schönsten sind die magischen Züge, die plötzlich angerauscht kommen, wenn man irgendwo hinwill. Sie sind das Bild, das die „Chaos im Netz“-Erfinder für die wichtigste Grundlage des Web gefunden haben: den Link. Er verbindet Informationen, die vorher unverbunden waren. Das ist die Kernidee dessen, was Tim Berners-Lee in den 1990er Jahren das World Wide Web nannte.

5. Einen Algorithmus muss man sich wie eine sehr kluge Frau vorstellen: Das Web ist etwas anderes als das Internet und beides ist etwas anderes als Google oder Facebook oder eBay (das erstaunlich ausführlich beworben wird in dem Film). Dabei handelt es sich um Anwendungen, die im Web stattfinden. Die Google-Suche greift dabei auf Rechenanweisungen zurück, um festzustellen, welche Suchergebnisse wie wichtig sind. Man nennt diese Anweisungen Algorithmen. Im Film wird der Algorithmus im Bild einer sehr gewandten Chefin eines Unterhaltungskonzerns ausgedrückt. Die Figur Yesss berät Ralph und Vanellope als diese populäre Videos drehen wollen.

6. Autovervollständigung kann sehr lustig sein Wie ein Algorithmus arbeitet, zeigt der Film am Beispiel des Alleswissers, der in einer Bibliothek hockt und Fragen von Information Surfern beantwortet. Die Parallele zur Suchmaschine ist deutlich erkennbar – sie wird aber besonders dadurch betont, dass der Alleswisser wie die Autovervollständigung beim Tippen, stets versucht den Satz der Fragenden zu beenden. Das wirkt durch den Gesprächs-Charakter sehr lustig – und legt offen: das Ziel von Suchmaschinen ist nicht das Suchen. Sie wollen möglichst schnell und möglichst passend antworten. Manchmal sogar schneller als gefragt wurde.

7. Das Web schafft neue Geschäfsmodelle: Ralph und Vaneloppe nutzen die Viralkultur des Web (und die Hilfe von Yessss) um sehr schnell berühmt zu werden – und damit Geld zu verdienen. Wie aus der Popularität Geld wird, beschreibt der Film nicht. Dafür zeigt er, wie Popularität entsteht: Wenn viele Menschen auf einen Link klicken und ihn teilen. Mit Staubsaugern werden dann Like-Herzen eingesammelt, wenn Ralph wie eine Ziege singt. Das ist ein gutes Bild für die Aufmerksamkeits-Ökonomie des Netzes.

8. Meide die Kommentare: diesen Ratschlag gibt Yesss als sie gegen Ende des Films Ralph sucht und ihn in den Kommentarspalten seiner Videos findet. Dort wird er zum Teil übel beschimpft. Ralph macht das aber nichts aus – er ist Nutzer-Unmut aus seinem Computerspiele aus dem ersten Teil gewohnt. Dennoch schafft der Film in Sachen Kommentarkultur ein erstaunlich gutes Bild für das, was man bisher Shitstorm nannte: Ich nenne es den Meinungsvirus.

9. Das Darknet ist einfach nur eine Etage tiefer: Auf der Suche nach einem Virus, den Ralph benötigt, begeben sich die Filmfiguren auch ins Darknet. Dafür fahren sie in einem nicht näher definierte Aufzug sehr lange nach unten. Das ist nicht ganz falsch. Denn das Darknet nutzt die gleiche Infrastruktur wie das so genannte Surface Web. In seinem Buch „Darknet“ unterscheidet Stefan Mey das gute, das böse und das kommerzielle Darknet. Im Fim treffen die Hauptfiguren im Darknet auf den doppelköpfigen Charakter Double Dan, desssen Cousin Gord (ein Internet-Wurm) die Verbindung von Spam-Werbung ins Darknet hergestellt hat.

10. Das Internet ist ein Wunder: Als Ralph und Vaneloppe im Web angekommen, schauen sie auf das Gewusel und Vandeloope sagt: „This is the most beautiful miracle I’ve ever seen“ In der deutschen Übersetzung ist von dem wunderschönen Wunder allerdings nichts mehr übrig. In der gleichen Szene hört man im deutschen Film stattdessen den Netz-Skeptiker Ralph sprechen. Er sagt: „Heilige Scheiße, gehts hier ab“. Das ist nur eine sehr entfernte Übersetzung des gleichen Inhalts, es ist vor allem ein sehr schönes Bild für die unterschiedliche Wahrnehmung des Internets in den USA und in Deutschland. Aus der Begeisterung über das „schönsten Wunder, das ich je gesehen habe“, wird in Deutschland „heilige Scheiße, gehts hier ab“ eine skeptische Überforderung. Das ist schade, denn eine zentrale Erkenntnis des Films ist auch: Das Internet ist schon ein ziemlich tolle Sache!

Gerade ist die Gebrauchsanweisung für das Internet erschienen, „die allgemeinverständlich erklärt wie das Netz funktioniert“ – urteilt Spiegel-Online. Wenn man so will: Das Buch zum Film

„München – Stadt in Angst“ – was tun gegen die Panik?

Heute ist es zwei Jahre her, dass sich in München ein terroristischer Anschlag ereignete. Am 22. Juli 2016 erschoss ein 18-Jähriger am Olympia-Einkaufszentrum in München neun zumeist junge Menschen mit Migrationshintergrund. Zum Jahrestag des Verbrechens strahlt der Bayerische Rundfunk den Dokumentarfilm „München – Stadt in Angst“ von Stefan Eberlein aus (hier in der Mediathek ansehen).

Der Täter, aber vor allem die Opfer spielen in dem Film keine Rolle. „Stadt in Angst“ (was übrigens auch ein Filmtitel ist) dokumentiert vor allem die Panik, die sich im Anschluss an das Verbrechen in der Stadt ausbreitete: Wie kam es zu der Hysterie? Welche Wahrnehmungen lösten die Massenpanik aus? Welche Rolle spielen Polizei und Rettungskräfte?

Die Dokumentation, die daraus entstanden ist, ist extrem spannend. Sie lässt ein Bild entstehen, zoomt heraus und blickt mit Distanz auf das Geschehen. Leider spart der Film eine Frage aus, die sich nach dem Betrachten der Bild nahezu aufdrängt: Was kann man gegen die Panik tun? Wie kann man sich wappnen für einen neuen Hysterie-Fall? Welche Möglichkeiten hat jede/jeder Einzelne, um sich künftig einer Massenpanik zu widersetzen?

Ich habe darauf keine Antwort, ich sehe in dem Film allerdings mit Bewunderung einen älteren Mann, der davon berichtet wie er sich an dem Abend in aller Ruhe durch München bewegte. Er war im Kino und wollte im Anschluss mit seiner Frau, die in der Stadt beim Einkaufen war, zum Abendessen. Aufgrund der „Vollalarmierung“ in der Innenstadt war diese jedoch in einem Kaufhaus am Marienplatz eingesperrt. Er kam nicht rein, sie durfte nicht raus.
Der Mann schildert die Geschehnisse mit einer großen Gelassenheit (ca 55 Min). Ich habe mich lange gefragt, woher seine Ruhe kam – und habe nur eine Erklärung: Der Mann hat an dem Abend kaum Medien konsumiert. Offenbar hat er keine beängstigenden WhatsApp-Nachrichten erhalten und TV-Nachrichten hat er auch nicht anschauen können.

Denn: Das mediale Echo des Geschehens hat erst für den Nachhall der Panik gesorgt. Der BR-Reporter Martin Breitkopf, der an dem Tag vom Bierfest am Odeonsplatz zum Vor-Ort-Reporter am OEZ wurde, bringt es in der Sendung auf den Punkt (ca 62 Min): „Im Prinzip haben wir ja selber Terror gemacht. Alle miteinander haben wir Terror gemacht. Die Leute, die bei Facebook gepostet haben, wir die Medien, die Terror verbreitet haben. Die Polizei in gewisserweise auch, die nicht gesagt hat: Nein, es ist kein Terror. Aber klar, das Wort ist gefährlich und hat vielleicht die ganze Hysterie ausgelöst.“

Ich finde es ist an der Zeit, der Frage nachzugehen, wie die Gesellschaft mit diesen Situationen umgehen kann. Dazu zählt einerseits die Frage der klassischen medialen Berichterstattung, die nicht selten, im Sinne der Terroristen agiert (Braucht es eine Selbstverpflichtung gegen den Terror?). Es ist andererseits aber auch die Frage, wie man aufhört, auf soziale Medien zu schmipfen und beginnt, sie verantwortungsvoll zu nutzen. Bis uns was Besseres einfällt, verweise ich auf das kleine Projekt, das Heiko und Manuel ins Netz gebracht haben: Der Hashtag und die sieben Regeln #gegendiepanik

Shruggie des Monats: das Stories-Format

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree sowie den Traditionshasen und die Plattform Startnext beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. ¯\_(ツ)_/¯

Ich verstehs nicht. Das Format widerspricht allem, was ich meinte über Social Media verstanden zu haben: Man kann es nur für kurze Zeit (24 Stunden) ansehen, es gibt keine Möglichkeit zu öffentlichen Likes oder Kommentaren, keinen sichtbaren Austausch und maximal 15 Sekunden Zeit. Die im Hochformat gefilmten Sequenzen, die Snapchat unter dem Namen Stories erfand, sind mir ein Rätsel – aber ein faszinierendes. Seit Instagram das Format kopiert hat, versuche ich zu verstehen, was den Reiz der Stories ausmacht – mit mäßigem Erfolg. Bis ich mich meiner Ratlosigkeit stellte, einfach selber konsequent Stories zu nutzen begann und einen tollen Text dazu las.

Dabei soll ich hier gar nicht so sehr darum gehen, dass Ian Bogost in diesem the Atlantic-Text Stories als erstes Smartphone-Medienformat beschreibt. Als Shruggie des Monats wähle ich das Story-Format, weil ich eine Menge Leute kennen, die meine Ratlosigkeit ihnen gegenüber teilen. Sie verstehen einfach nicht so genau, was dieses Format will oder soll. Und genau diese Verstörung ist Ausgangspunkt für Neues – behauptet jedenfalls der Shruggie. Er fordert gar dazu auf, sich dieser Irritation bewusst auszusetzen. Eben um auf neue Ideen zu kommen.

Ich bin weit davon entfernt, auf Story-Ideen zu kommen. Seit ich aber aus der Ratlosigkeit heraus begonnen habe, selber kleine Sequenzen zu filmen und zu veröffentlichen, habe ich eine erstaunliche Shruggie-Beobachtung gemacht: Die Verwirrung verschwindet.

Durch die Benutzung habe ich selber verstanden, was ich vorher nur von außen geahnt habe: Die zeitliche Verknappung der Stories sind die grundlegende Basis ihres Erfolgs. Um auf dem Laufenden zu bleiben, was meine Freunde beschäftigt, muss ich sehr regelmäßig ihre Stories anschauen. Denn wenn es blöd läuft, verpasse ich sonst eine zentrale Information – die eben nach 24 Stunden verschwunden ist. So wie Twitter auf die unbegrenzte Möglichkeit der Veröffentlichung mit einer Begrenzung der Zeichenzahl reagiert, so setzt das Stories-Format in Zeiten der ständigen Verfügbarkeit von Online-Inhalten auf deren zeitliche Begrenzung. „Gibts halt nur 24 Stunden, musst du jetzt gucken“ ist die Online-Entsprechung zur Schlange am angesagten Club – eine Verknappung, die das Interesse steigert.

Richtig begriffen habe ich das erst, als ich über meine eigenen Ratlosigkeit hinweg begonnen habe, selber Stories zu veröffentlichen. Denn natürlich bleiben diese nicht ohne Reaktion – die Reaktionen geschehen aber nicht mehr öffentlich. Es gibt einen privateren Austausch als jener auf der Social-Media-Bühne. Auch das ist ein interessanter Aspekt, den ich als außenstehender Beobachter vermutlich nicht erkannt hätte.

Und abseits der formalen Aspekte, eröffnet das Format tatsächlich ein neues Erzählmuster und veränderte filmische Narrative. Ob es – wie Ian Bogost schreibt – wirklich das erste Smartphone-Medienformat ist, kann ich nicht beurteilen. Aber ich glaube er liegt nicht falsch, wenn er analysiert:

“Photography is not about the thing photographed,” Winogrand once said. “It is about how that thing looks photographed.” And likewise, a Story is not about the things sequenced in the story. It is about how those things look through the sensors and software of a smartphone. It’s a dubious sensation, to stare down the barrel of that future.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf, der dieser Tage passender Weise auf Startnext in das längste Podcast-Abo der Welt gestartet ist: Hier kann man es unterstützen

Tu was!

„Wenn ich von dieser Reise nach Deutschland eine Sache da lasse“, sagt Gary Vaynerchuk auf der Bühne der Online Marketing Rockstars und legt dabei seine Hände 🙏 wie zum Gebet zusammen 🙏. „Dann diese: Bitte, vergesst die Inspiration, den coolen DJ und die tollen Vortragenden hier. Ich bitte euch um eine Sache: Bitte, werdet aktiv. Tut was.

Gary Vaynerchucks Keynote ist ein 27minütiger Appell, sich zu bewegen und aktiv zu werden. Er trägt diesen frei und auf beeindruckende Weise vor. Es lohnt sich, diesen Vortrag anzuschauen.

Was ich daran mag: Gary Vaynerchuck beschreibt was ich Reinspringen und schwimmen nenne. „In unserer Branche gibt es wahnsinnig viele Leute, die Architekten sein wollen, aber keiner hat Lust Klempner zu sein.“ Wir stehen äußerst gerne am Rand, schwimmen lernen wir aber nur, wenn wir bereit sind, reinzuspringen und nass zu werden.

Vayernchuck illustriert dies am Beispiel von Menschen, die zwar gerne Instagram-Influencer werden wollen, aber keine Lust haben, Hashtags in dem Dienst zu verwenden oder den Austausch mit anderen zu suchen.

Ich bin davon überzeugt, dass wir nur durch Versuch und Irrtum besser werden: diese beiden Frisbee-Werfer illustrieren es wunderbar. Und Versuch und Irrtum setzen voraus, dass man etwas tut.


Die neue Folge des Digitale Notizen-Newsletter wird genau diese Tu-was-Idee aufnehmen – und gemeinsam mit den Leser*innen aktiv werden. Wer dabei sein will, sollte sich jetzt hier eintragen

Denken ohne Geländer

Bei Arte kann man derzeit den sehr interessanten Dokumentarfilm „Hannah Arendt und die Pflicht zum Ungehorsam“ anschauen. Darin wird die Aktualität ihrer Schriften aufgearbeitet und der Blick geweitet für die Entwicklungen der Gegenwart.

Besonders erstaunlich finde ich die Ausschnitte aus dem Gespräch, das Hannah Arendt im Jahr 1964 mit Günter Gaus geführt hat. Der RBB hat eine Mitschrift dieses Fernsehinterviews online gestellt, die selber eine tolle #langstrecke ist. Darin fragt Gaus Arendt z.B. nach ihrem Erkenntnisinteresse. Ihre Antwort ist nicht nur aus feministischer Perspektive interessant:

Jetzt fragen Sie nach der Wirkung. Es ist das – wenn ich ironisch werden darf – eine männliche Frage. Männer wollen immer furchtbar gern wirken; aber ich sehe das gewissermaßen von außen. Ich selber wirken? Nein, ich will verstehen. Und wenn andere Menschen verstehen, im selben Sinne, wie ich verstanden habe – dann gibt mir das eine Befriedigung, wie ein Heimatgefühl.

Schöner kann man nicht formulieren, warum es vielleicht keine ganz doofe Idee ist, einen Heimat- und Brauchtumsverein fürs Internet zu gründen.

„Die gehört der CDU“

Angela Merkel hat heute das erste Mal in ihrem Leben eine 360-Grad-Kamera gesehen – und sich dieser auf interessierte Weise genähert. Der kurze Clip vom Bundesparteitag der Union in Essen erfreut gerade das Internet.

Das ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Zunächst fällt auf, „dass es so weit gekommen ist, dass uns das nicht aggressiv macht, oder, dass wir es nicht urkomisch, sondern, dass wir das süss finden;)“ wie Philipp es auf Facebook formuliert. Der Neuland-Kanzlerin schlägt erstaunlich wenig Häme entgegen für ihr Nachfragen. Denn: Wer eine 360-Grad-Kamera kennt, werfe den ersten Häme-Stein.

Außerdem ist das Ende des kurzen Clips bemerkenswert: Denn diese Kamera gehört keinem klassischen Medienvertreter. Sie ist, so stellt die Parteivorsitzende der CDU fest, im Besitz ihrer Partei, die offenbar selber zu einem Medium wird: „Die gehört der CDU“

The Godfather-Notebook: Notizen der Entstehung

Vor vier Jahren startete ich ein Experiment, in dem ich die These aufstellte, dass die Digitalisierung uns dazu bringt, Kultur als Software zu denken. Eine neue Version ist verfügbar wurde ein Buch und der Beleg dafür, dass nicht nur der Inhalt, sondern auch dessen spezifischer Entstehungsrahmen, also die Versionierung, Bedeutung haben kann. Steve Jobs-Biograph Walter Issaccson bewies bereits 2013 wie diese neuen Möglichkeiten, das Schreiben verändern können.

Dieser Tage nun wird ein Buch angekündigt, dass zeigt, dass die Entstehungsnotizen hoch interessant sein können: The Godfather Notebook kostet 50 Dollar und bringt dafür (im November) die Notizen des Pate-Regisseurs Francis Ford Coppola in Buchform.

via
Mehr dazu in „Eine neue Version ist verfügbar“

Proper Tasty, Tasty und Nifty: Der Aufstieg der Rezeptefilme auf Facebook

Nachher fragt man sich dann stets wann es eigentlich angefangen hat. Im Fall von Tasty kann man es sehr genau sagen: Das Video-Rezepte-Angebot von Buzzfeed ist im vergangenen Sommer an den Start gegangen – und es legt eine erstaunliche Reichweitenkarriere auf Facebook hin. Dayna Evans erklärt im New York Magazine was sie an den kurzen Filmen fasziniert:

Black Bean BurgersFULL RECIPE: http://bzfd.it/1ShI7ot

Posted by Tasty on Montag, 28. März 2016

Tasty is barely a year old — it launched at the end of last July — but has since amassed almost 50 million Facebook fans, and, as of the beginning of this year, more than 84 million comments. The view count is even more astounding: Since Facebook switched over to an autoplay feed, where videos shared by your friends begin to stream without your hitting play, Tasty has racked up 8 billion views and counting.

Hauptgrund für den Erfolg der Videos ist die Autoplay-Funktion in der Facebook-Timeline. Um Videos mehr Gewicht zu geben (und sich selber als Konkurrent zu YouTube zu positionieren), ist Facebook dazu übergegangen, kurze Filmclips automatisch in der Timeline zu starten. Und die Macher aus Buzzfeeds Videoteam haben sich darauf eingestellt, sie haben diese kurzen Rezeptvideos entwickelt, die auch deshalb so populär sind, weil man sie eben nicht nachkochen will, wie Dayna Evans lesenswert erklärt:

The autoplay is part of what drew me into BuzzFeed Tasty in the first place. So many people were sharing these videos in my feed that I couldn’t look away. Inevitably, the Zen-like state that they put me in — who doesn’t like to see a task go from start to finish in under one minute — caused me to seek them out myself in times of panic or desperation. They are the basic salve to all ills. I may never make chocolate galaxy bark, but it helped me not lose my mind on Monday. In fact, I’ve never made any of the dishes on Tasty’s site, and I probably never will. To me, that’s not the point.

Buzzfeed jedenfalls legt nach: Auf Tasty folgte Proper Tasty sowie die brasilianische Version Tasty demains. Seit kurzem gibt es auch Nifty, eine Seite, die Haushaltstipps auf gleiche Weise aufbereitet.

3 Tiered Herb PlantersSee full written instructions here: http://bzfd.it/1MfWr47

Posted by Nifty on Sonntag, 20. März 2016

Stets handelt sich um kurze Clips, die in wenigen Sekunden ein Rezept zubereiten oder eine Problem lösen – und zwar jeweils aus der Perspektive des Zuschauers. Vor seinen Augen verwandelt sich das Ei in wenigen Augenblick in Eischnee oder die Karotten in einen vegetarischen Burger.

Hier den ganzen Text aus dem New York Magazine lesen