Alle Artikel mit dem Schlagwort “Shruggie des Monats

Shruggie des Monats: Der E-Scooter (als Symbol für den Umgang mit dem Neuen)

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Haben Sie eine Meinung zu E-Scootern? Vermutlich schon. Denn wer sich in den vergangenen Wochen in urbanen Umfeldern bewegte, hatte mehr Kontakt zu Ansichten, Urteilen und Einschätzungen zu den neuen Elektrofahrzeugen als zu den E-Scootern selber. Denn zum Neuen haben wir im Wortsinn ausgesprochen gern eine Meinung. Meinung ist das beste Mittel gegen die verstörende Ratlosigkeit, die sich breit macht, wenn das Neue auf die Bildfläche tritt. Meinung immunisiert gegen die Verwirrung, gegen den Moment, in dem nicht alles erklär- und sortierbar ist. Dieser Moment dehnt sich gerade unter unseren Füßen aus, er nimmt an Größe und Bedeutung zu. Doch statt Meinungsfreizeit zu nehmen, reagieren immer mehr Menschen auf die Verstörung mit noch mehr Meinung. Und die E-Scooter illustrieren das besonders schön.

Wenn ich Sie frage, ob Sie auch eine Meinung zu Autos haben, wäre ich mir bei der Antwort nicht mehr ganz so sicher. Denn Autos waren ja schon immer da, die gehören doch dazu. Die normative Kraft des Faktischen ist groß. Was da ist, wenn wir geboren werden, halten wir für normal. Keine Verstörung, weniger Meinung – und vor allem weniger Panik.

Heute habe ich gelesen, dass der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung vor E-Scootern warnt: „E-Tretroller sollten komplett verboten werden“, sagt er. Denn: „“Die schlimmsten Befürchtungen sind eingetreten. Aus unfallchirurgischer Sicht sind E-Tretroller eine Katastrophe.“

Vielleicht hat der Mann Recht. Ich wurde nur stutzig, als ich einen Klick neben seiner Warnung die Meldung las, dass bei der unsachgemäßen Nutzung eines schweren Geländewagens in Berlin am Freitag vier Menschen ihre Leben verloren. Was wäre in diesem Land los, wenn der 42-jährige Fahrer nicht mit einem SUV, sondern mit einem E-Scooter vier Menschen tot gefahren hätte? Welche Forderungen würden wir dann von Ärzten hören?

An der Antwort auf diese Fragen kann man ablesen, dass Meinungen deutlich davon gefärbt sind, für wie normal eine Technologie gehalten wird. Und Autos waren ja irgendwie immer schon da. Der Twitter-Nutzer seitvertreib kam unlängst auf die Idee, in all den Meldungen und Warnungen über die E-Scooter einfach den Begriff zu tauschen*:

Denkt man diesen Ansatz einen Schritt weiter, kommt man zu der Frage: Was wäre eigentlich, wenn jemand heutzutage Autos erfinden würde? Wie würden Sie reagieren, wenn Ihnen jemand eine Technologie vorschlägt, die Menschen Mobilität verspricht – dafür aber 3275 Menschen im Jahr 2018 das Leben kostet?

Trotzdem halten wir Autos und LKW im Straßenverkehr für normal. Der Verkehrsminister kommt seit Jahren damit durch, dass jährlich mehr Radfahrer*innen im Straßenverkehr ihr Leben lassen. Im ersten Halbjahr 2019 ist deren Zahl um 11,3 Prozent gestiegen. In der zugehörigen Meldung werden dafür zwei Hauptgründe genannt: „Die untergeordnete Rolle, die die Verkehrspolitik der Infrastruktur für das Fahrrad zuweist und die fehlende passive Sicherheit der Räder. Erst Innovationen wie Bremsassistenten, Schleuderverhinderer und Sicherheitsfeatures wie Sicherheitsgurt und Airbag haben den Auto-Verkehr sicherer gemacht.

Wer sich aber Innovationen wünscht, sollte an einem anderen Verhältnis zum Neuen arbeiten – vielleicht mit etwas mehr ¯\_(ツ)_/¯

* @heibie weist mich gerade darauf hin, dass Daniela Becker die Idee schon vorher hatte

Die aktuelle Folge von Pessimists Archive befasst sich übrigens auch mit genau diesem Thema!

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Shruggie des Monats: Heuchelei

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wäre es scheinheilig, wenn die Umweltaktivisten Greta Thunberg mit dem Flugzeug reisen würde? Während sie medial begleitet über den Atlantik segelt (um das Fliegen zu vermeiden), wird genau die Frage nach der Heuchelei ausführlich diskutiert: Verhält sie sich privat womöglich anders als sie es politisch verlangt? Meinungsdetektive beobachten dies sehr genau – und werten alle Indizien als Beweis für das, was die Wikipedia als Hypokrisie definiert: das absichtsvolle Vermitteln eines Bildes, das nicht dem realen Selbst entspricht. Eben diese vermeintliche Heuchelei wollen sie auch entdeckt haben, wenn irgendwer ermittelt, dass grüne Bundestagsabgeordnete häufiger fliegen als andere. Das sei ebenso verlogen wie das Ergebnis der Erhebung, dass Wähler*innen der Grünen häufiger auf Flug-Reisen sind als AfD-Wähler*innen.

Diese Entdeckungen sollen als Argument dienen, um die vermeintliche Heuchelei der Klimaschützer zu belegen. Denn wenn die schon selber nicht tun, was sie politisch fordern, müssen sie ja verlogen sein – so der eher schlichte Gedankengang, der auf etwas abzielt, was der Shruggie als Namensgeber dieser Rubrik für problematisch hält: auf moralische Reinheit! Nur wer moralisch rein sei, solle fordern dürfen, so das zugrundeliegende Argument. Wer aber einzig den privaten ökologischen Fußabdruck einer Person heranzieht, um deren Argument zu überprüfen, ist dem süßen Gift der einfachen Antworten verfallen – und teilt die Welt vereinfachend nach einzig moralischen Kategorien ein. Nur wer auf der richtigen Seite stehe, so die verkürzende Annahme, könne auch Richtiges sagen. Das ist nicht nur gefährlich, es ist auch das Gegenteil von liberal. Denn die Idee einer freien Gesellschaft basiert darauf, dass die Menschen eben nicht moralisch rein, sondern fehlbar sind. Und weil wir unperfekt sind, gestehen wir einander zu, Fehler zu machen und unsere Meinung ändern zu dürfen – und zwar unabhängig davon wie nah wir dem vermeintlich wahren moralischen Kern kommen.

Diese Moralkritik gilt allerdings nicht nur für die so genannten Greta-Kritiker, sie gilt auch für die moralische Überlegenheit der Umweltschützer selber: Der Shruggie wäre deshalb sogar der Meinung, dass es der Sache und der Debatte nützen würde, wenn Greta Thunberg im SUV zum Flughafen fahren, einen Pappbecher-Kaffee durch den Plastikstrohhalm schlürfen und nach New York fliegen würde (Foto: unsplash). Laut atmosfair würde sie damit 3.719 Kilogramm CO₂ für Hin- und Rückflug aus Stockholm produzieren. Sie würde damit aber auch etwas reduzieren: den moralischen Druck, ausnahmslos alles stets richtig machen zu wollen oder zu müssen.

Der Shruggie glaubt fest daran, dass eine der zentralen Fähigkeiten für Zukunftsgestaltung darin liegt, Mehrdeutigkeiten auszuhalten – und man kann Ambiguitätstoleranz an wenig besser erklären als an dem Thunberg-Flug nach New York. Denn so problematisch man eine Flugreise finden kann, die Tatsache, dass Greta Thunberg beim Klimagipfel teilnimmt, ist so ein starkes Symbol, dass man selbst aus Umweltgesichtspunkten die 3800 Kilogramm CO₂ nicht ablehnen kann.

Die Dinge sind ganz selten einfach nur schwarz oder nur weiß. Sie sind nahezu immer in Abstufungen grau. Diese Abstufungen muss man aushalten lernen. Das ist der Zauber einer liberalen Demokratie: dass nicht nur einer Recht, sondern dass immer auch das Gegenteil Berechtigung hat. Diese Abstufungen sind die Voraussetzungen für gesellschaftlichen Fortschritt – der auf politischer Ebene geschaffen wird. Denn natürlich ist es klimapolitisch viel bedeutsamer, dass auf institutioneller Ebene ein schneller Kohle-Ausstieg, die Verkehrswende und die Unterstützung erneuerbarer Energien beschlossen wird (hier die inhaltlich-politischen Forderungen von „Fridays for Future“ nachlesen). Zumindest ist das die Überzeugung in der liberalen Grundhaltung des Shruggie: dass eine freie Gesellschaft sich schrittweise und in Kompromissen auch durch ihre Institutionen verbessert. Es wird sich nicht das absolut Reine und Wahre durchsetzen können, sondern der gesellschaftliche Kompromiss. Der US-Autor Adam Gopnik beschreibt diese Entwicklung über den Wert vermeintlich kleiner Handlungen in seinem Buch „A Thousand Small Sanities“. Das sind dann kleine (Fort-)Schritte, aber eben Fortschritte.

Womit wir wieder beim kleinen Akt der privaten Flugreise sind: Natürlich kann es sinnvoll sein, wenn jede und jeder weniger CO₂ ausstößt, aber eben aus privaten Gründen nicht aus moralischer Überlegenheit. So würde sich in doppeltem Sinne das Klima verbessern – jenes in der Debatte und auch die Umwelt. Denn Klimaschutz braucht mehr Politik und weniger private moralische Zeigefinger.

¯\_(ツ)_/¯

P.S.: Wer sich für das Thema interessiert, kann drüben bei der SZ den kostenlosen Newsletter abonnieren: unter klimafreitag.de schreiben meine Kollegen Marlene Weiß, Pia Ratzesberger, Alex Rühle und ich wöchentlich zum Thema

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Shruggie des Monats: die Meinungsbremse

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Was wäre eigentlich, wenn das Gegenteil richtig wäre? Diese wichtigste Frage aus dem Pragmatismus-Buch will ich heute aus aktuellem Anlass auf ein Thema anwenden, bei dem sich offenbar alle einig sind: auf Online-Debatten! Ich frage mich: Was wäre eigentlich wenn Debatten im Internet zivilierter wären als jene im echten Leben – wie Menschen ohne gedanklichen Zugang es nennen? Ist das vorstellbar, dass das Internet ein Ort für hochwertige Debatten ist?

Ich glaube daran immer noch und immer wieder. Und vielleicht erleben wir gerade eine Art Wendepunkt in der Frage, wie wir Online-Kommentare bewerten. Instagram hat in dieser Woche ein neues Feature angekündigt, das die Debatte über Debatten verändern könnte. Man könnte es sehr banal als Meinungsbremse beschreiben. Es handelt sich um eine bewusste Verlangsamung des Affekts, den Menschen kennen, die sich schon mal gestritten haben. Im Streit sagt man Dinge, die einem danach leid tun. Genau an dem Punkt will Instagram ansetzen und zwei Dinge ermöglichen, die das so genannte echte Leben nicht bereit hält.

In besonderen Fällen will die Plattform wenige Sekunden Meinungsfreizeit verschenken, ein paar Augenblicke vor dem Abschicken eines womöglich hasserfüllten Beitrags, in denen Nutzer*innen gefragt werden: Willst du das wirklich posten? Es handelt sich dabei um eine kleine Hürde, die womöglich sehr hilfreich sein kann. Jedenfalls kann man auf den Gedanken kommen, wenn man dieses Gespräch zwischen Arthur Brooks und Simon Sinek anhört, in dem sie genau eine solche Meinungsbremse empfehlen (interessanter Nebenaspekt: Brooks empfiehlt sogar einen vergleichbaren Trick für streitende Paare. Bevor man sich gegenseitig kritisiert, soll man fünf Dinge in Erinnerung rufen, die man an dem oder der anderen mag).

Außerdem soll es für gewisse Kommentare auf Instagram eine Option geben, die auch Google unlängst für Mails eingeführt hat: wenige Augenblicke, in denen man die Zeit zurückdrehen bzw. eine E-Mail zurückholen kann. Wer also einen blöden Kommentar gepostet hat, soll in die Lage versetzt werden, diesen schnell und einfach wieder aus der Welt zu schaffen.

Beide Ansätze werden vielleicht nicht alle Probleme lösen, die sich rund um die Debatte um Online-Debatten ranken. Sie sind aber deshalb äußerst bemerkenswert, weil sie im besten Shruggie-Sinn die Perspektive drehen: Sie schaffen Möglichkeiten, die es außerhalb des Netzes so nicht gibt. Und diese Möglichkeiten öffnen vielleicht tatsächlich neue Räume, in denen wir dereinst sagen werden: Das ist so ein heikles Thema, das sollten wir besser online besprechen. Dort haben wir mehr Möglichkeiten zur zivilisierten Debatte.

¯\_(ツ)_/¯

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In Kategorie: DVG

Shruggie des Monats: Das größte dezentrale Denkmal der Welt

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Ich weiß nicht, wie der Boden vor dem Wohnhaus von Walter Lübcke in Wolfhagen-Istha beschaffen ist. Ich habe keine Ahnung, ob es dort möglich ist, einen Betonwürfel von 100 Millimetern Höhe in den Boden einzulassen. Ich finde aber man könnte darüber nachdenken. Der Künster Günter Demnig verlegt seit 1992 solche so genannten Stolpersteine – und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in 23 weiteren europäischen Ländern. (Foto: Axel Mauruszat, via Wikipedia; Stolperstein für Else Liebermann von Wahlendorf, Budapester Straße 45, Berlin)

Demnig erinnert mit seinem Projekt an die Opfer der NS-Zeit. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitiert Gunter Demnig auf der Website den Talmud. Und ich finde, Walter Lübcke, der nach allem, was man heute weiß von einem Nazi ermordert wurde, sollte nicht vergessen werden. Man sollte sich an seinen Namen erinnern. Er sollte vielleicht sogar als Name für eine Stiftung gegen den Hass, für Verständigung und die christlichen Werte von Nächstenliebe und Toleranz dienen (auf die sich perfider Weise gerade diejenigen berufen, die seinen Tod herbeiwünschten und bejubelten). Vielleicht fühlt sich gar die hessische Landesregierung berufen, Walter Lübcke zum Namensgeber für ein Bildungsprojekt zu machen, das Menschen davor bewahrt so verblendet und rechthaberisch zu werden, dass sie über ihre politische Meinung die grundlegende Menschlichkeit vergessen.

Mir scheint es in jedem Fall passend in dem Monat, in dem Deutschland von dem Mord an Lübcke erschüttert wird, an des Projekt von Gunter Demnig zu erinnern. Den Stolpersteinen ist mit dieser Form des vernetzten Gedenkens etwas geglückt ist, was die FAZ mal als „das größte dezentrale Denkmal der Welt“ bezeichnet hat. Über 70.000 Steine haben Demnig und seine zahllosen Helfer*innen bereits verlegt – und damit über 70.000 Zeichen gesetzt gegen die schreckliche Geschichte von Nazi-Deutschland.

Diese Form des vernetzten Protests passt zu den Ideen des Shruggie. Denn es ist kein teilnahmsloser Protest, es ist ein aktives Eingreifen und Erinnern. Und es ist dezentral und vernetzt. Es ist auf eine erstaunliche Weise digital – wenngleich die Steine genau das nicht sind (es wäre in der Tat spannend, über eine digitale Nutzung nachzudenken, die nicht nur Pokemon-Go-Spieler*innen nutzt).

Auf der Stolpersteine-Website steht unter dem Punkt „Spenden“

Stolpersteine werden in der Regel über Patenschaften finanziert. Wenn Sie Pate eines Stolpersteines werden möchten, wenden Sie sich an die entsprechende Stadt und schreiben Sie die dortige Initiative an. Einen Überblick aller Initiativen finden Sie unter „Kontakt“.

Man kann das Projekt aber auch ganz banal mit Geldspenden unterstützen!

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Shruggie des Monats: der Fußball-Botschafter 2019

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Ich habe eine Schwäche für Fußball-Metaphern. Ich mag es, den Sport als Bild für gesellschaftliche Entwicklungen zu nehmen und daraus ungefragt Schlüsse zu ziehen. Im Digitale-Notizen-Newsletter habe ich das hier schon mal anhand des Begriffs Unbeugsam und der allgegenwärtigen Fehlerkultur getan. Und genau in diesem Sinne möchte ich ein Zitat nutzen, das ich unlängst vom Deutschen Fußballbotschafter 2019 gelesen habe. Jürgen Klopp, Trainer des FC Liverpool, ist vor ein paar Tagen auf diese Weise ausgezeichnet worden – und Ende April sprach er im Interview mit der Deutschen Welle dieses Worte als er auf das Klischee des ewigen Finalverlierers angesprochen wurde:

Ich stand bereits sechsmal mit einem Team in einem Endspiel und habe sechsmal verloren. Aber das macht mich nicht zu einer gebrochenen Person oder so. Für mich bedeutet das Leben, es immer wieder zu versuchen. Wenn nur Gewinner überleben dürfen, können wir alle einpacken (…) Wenn der liebe Gott mich dafür braucht, um zu zeigen, dass jemand sechs Endspiele in Folge verliert und er es tatsächlich auch noch ein siebtes Mal versucht, dann bin ich die perfekte Person dafür. Keine Ahnung, wer das entschieden hat, aber offensichtlich ist das ein lustiger Kerl.

Diese Worte wurden gesprochen bevor Klopps Mannschaft erst ein sensationelles Spiel mit epischer Niederlage in Camp Nou und anschließend ein Rückspielwunder gegen Barcelona ablieferte. Als Klopp diese Perspektive eröffnete, war überhaupt nicht klar, ob Liverpool überhaupt ein weiteres Mal ein Finale erreichen könnte. Jetzt stehen sie im Endspiel von Madrid – und können die Champions League gewinnen. Manche sagen, Klopp müsse jetzt auch mal ein Finale gewinnen, sonst bleibe er der ewige Zweite.

Ich habe mit großem Interesse die Klopp-Biografie von Raphael Honigstein gelesen (der vor einer Ewigkeit auch schon mal hier im Blog zu Gast war) und das DW-Interview und ich finde, dass Klopp auf wunderbare Weise den Eindruck vermittelt, dass ihm egal ist, was andere über ihn denken könnten. Über die Finalniederlagen sagt er: „Ich kann ich damit leben. Es waren nicht gerade die besten Tage meines Lebens, sie schaffen es auch nicht in meine Top-Five. Aber trotzdem sind es sehr wichtige Erfahrungen für mich, und ich will sie für die Zukunft nutzen.“ ¯\_(ツ)_/¯

Das allein wäre angetan, um als Shruggie des Monats in den Tagen vor dem entscheidenden Spiel gegen Tottenham ausgewählt zu werden. Aber Klopp schließt noch eine Botschaft an diesen shruggiehaften Umgang mit Sieg und Niederlage an. Und wenn Fußball eine Botschaft hat (und einen Botschafter, der sich übermittelt), dann sind Klopps Ratschläge, die er für junge Spieler hat, vielleicht nicht die schlechtesten Ideen um etwas im Sinne des Shruggie „für die Zukunft“ zu nutzen. Er rät:

Sei offen und lerne die Sprache so schnell du kannst! Das Wichtigste ist: Sei offen und lerne, lerne, lerne! Das hören junge Menschen vermutlich nicht gerne. Aber Lernen heißt tatsächlich vom Leben lernen.

Ich würde mir wünschen, dass Klopp das Finale gewinnt. Aber irgendwie geht es darum in Wahrheit gar nicht.

¯\_(ツ)_/¯

Hier das ganze DW-Gespräch auf englisch anschauen:

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Shruggie des Monats: Q und das Gendersternchen mit doppeltem i-Punkt

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Ich war unlängst im Podcast von Christoph Keese zu Besuch. Darin habe ich mich in das etwas schiefe Bild verstrickt, die Digitalisierung als Mensch zu denken, der in den Raum tritt. Christoph Keese hat mich dann gefragt, wie wir uns die Digitalisierung vorstellen müssten und ich habe geantwortet: „Vermutlich so wie Q“.

So nennen ihre Macher*innen die erste geschlecherneutrale Computerstimme. Anders als Siri (weiblich) ist Q keinem Geschlecht klar zuzuordnen. Es lohnt sich, Q anzuhören, weil erst dann klar wird, wie prägend die geschlechtliche Konnotation in den bisher bekannten Computerstimmen ist. Q legt das auf eine erstaunliche Weise offen und würde der Shruggie sprechen können: er hätte vermutlich die Stimme von Q.

Womit wir auch bei einem Fehler sind, den ich der Hauptperson meines Buches zugeschrieben habe: das Geschlecht. Ich habe das im „Was würde der Shruggie tun?“-Podcast schon mal erwähnt: Würde ich das Buch nochmal schreiben, das Shruggie wäre wie Q – nicht eindeutig zuzuordnen. Oder zumindest so wie das Känguru in Marc-Uwe Klings Epos über das Leben mit dem Beuteltier.

Aber Q ist eine gute Ratgeberstimme, um sich der Frage zu nähern, wie man denn eine gendergerechte Sprache erhalten könne. Eine Lösung besteht in dem kürzlich als Anglizismus des Jahres ausgezeichneten Gendersternchen. Ich benutze das Gendersternchen auch hier im Blog gelegentlich um Leser*innen anzusprechen und nicht nur mitzumeinen. Es gibt aus unterschiedlichen Richtungen Kritik an diesem kleinen Symbol. So zementierte der Verein für deutsche Sprache im März seine Rolle, in dem er diesen Tweet formulierte, der vor allem klar macht: An einer konstruktiven Lösung des Problems gibt es offenbar wenig Interesse. (Wer im Detail nachlesen, was alles gaga ist an diesem Verein und der Sprachkritik, kann diese hier und hier tun).

Dass man durchaus Kritik am Gendersternchen formulieren kann, hat Luise Pusch im jetzt-Gespräch sehr anschaulich formuliert. Dennoch möchte ich das Gendersternchen als Shruggie des Monats loben, weil es trotz der Kritik meiner Meinung nach ein Zeichen des Fortschritts ist – wie auch diese Petition für gendergerechte Sprache in der Wikipedia.

Denn dieser Fortschritt ist nicht nur erkenn-, sondern auch hörbar. Man spricht in der Phonetik von einem glottalen Plosiv, um zu beschreiben, dass es durchaus möglich ist, ein Gendersternchen (oder eine Variante) auszusprechen. Felix Stephan beschreibt dies in der heutigen Ausgabe der SZ sehr lesenswert: „Die Lösung, die zunehmend zu hören ist, besteht darin, vor dem gedachten Binnen-I eine kurze Pause einzulegen, wobei ein neuer Laut entsteht: ein kurzer, trockener, kaum wahrnehmbarer Kehllaut, an der Stelle, an der hier der Bindestrich ist: Künstler-innen.“ Felix schreibt, so etwas „kommt im Deutschen im Grunde unentwegt vor. Etwa wenn zwei Vokale aufeinandertreffen, die sich nicht in derselben Silbe befinden. Zwischen dem „e“ und dem „a“ in „Theater“ zum Beispiel.“ Das ist interessant, weil es das gängige Gegenargument gegen das Gendersternchen aufhebt, dass man dieses nicht aussprechen könne. Es passiert im Gegensteil sogar ständig – zum Beispiel im Französischen, wo für solche Fälle der doppelte i-Punkt im Einsatz ist (Dass also das „a“ und das „i“ in „naïve“ getrennt gesprochen werden und nicht wie in „Flair“, erkennt man an den zwei Punkten über dem i.), was ja auch als Ersatz für das Gendersternchen denkbar wäre: „Das wäre dann nicht nur linguistisch begründbar, sondern auch ästhetisch ein erheblicher Gewinn: Künstlerïnnen. Redakteurïnnen. Seglerïnnen. Was für eine Zukunft wäre das, in der deutsche Wörter aussehen könnten wie das französische „coïncidence“? Sicher keine schlechte.“

¯\_(ツ)_/¯

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Shruggie des Monats: das Web – Vague but exciting

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In diesen Tage gab es einige Jubiläumsveranstaltungen und Veröffentlichungen mit dem Titel „30 Jahre Web“. Denn im März 1987 legte Tim Berners-Lee einen ersten Grundstein für das, was wir heute sehr selbstverständlich im Browser ansurfen: das World Wide Web. Es wäre allerdings falsch anzunehmen, dass wir das seit 30 Jahren tun. Denn im März vor 30 Jahren reichte Berners-Lee einen ersten Vorschlag für ein Projekt ein, aus dem dann irgendwann mal das werden sollte, was wir als Web kennen. Bis eine erste Website online ging, dauerte es bis in den Dezember 1990 und erst im August 1991 wurde das Web einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dass all das aber nicht der Geburtstag des Internet (die zugrunde liegende Infrastruktur) ist, sondern der Beginn einer von zahlreichen auf dem Internet basierenden Anwendungen (eben dem Web), kann man im Detail in der Gebrauchsanweisung für das Internet nachlesen, in der es auch eine Übersicht über die zahlreichen Jahrestage gibt, die man in Bezug auf das Internet feiern kann.

Am Forschungsinstitut Cern, wo Berners-Lee damals arbeitete, wurde der Jahrestag des ersten Forschungsanstrags in diesem Monat gerade mit einem Festakt begangen und in London feierte das Science Museum den berühmten Sohn der Stadt mit einer prominent besetzten Veranstaltung. Tim Berners-Lee hielt dabei (ab ca 1:15 Std) einen Vortrag, der sich inhaltlich deckt mit dem, was er in einem offenen Brief notierte, der dieser Tage in zahlreichen internationalen Medien veröffentlicht wurde.

In dem Vortrag zeigt er auch das erste handschriftliche Feedback, das auf seinen Vorschlag erhielt: „Vague but exciting“ ist so eine schöne (perfekt zum Shrugggie passende) Beurteilung für nahezu alles im Digitalen, dass man die handschriftliche Notiz mittlerweile sogar auf einem T-Shirt gedruckt kaufen.

Unklar, aber spannend – ist eine gute Beschreibung für die Herausforderung, vor die das Web uns stellt. Leider ist das Web und die neue Welt, die sie uns öffnet nicht einfach und eindeutig. Sie ist (wie vermutlich jede Zukunft zu jeder Zeit) ein Raum voller Unsicherheiten und Widersprüche, aber ein spannender Raum. Wir können und wir sollten sie gestalten.

Wie wir das tun, ist leider etwas untergegangen in der Berichterstattung der vergangenen Tage. Denn neben einer recht umfangreichen Analyse dessen, was unklar ist am Web, bringen die Jubliäums-Veröffentlichungen durchaus eine erkennbare Beschreibungen dessen, was digitale Bürger*innen tun können. In der deutschen Übersetzung des Contract for the Web heißt es, Bürger*innen sollten sich folgendes vornehmen:

Gestalter und Mitwirkende im Web sein
Damit das Web für jeden Menschen umfangreiche und relevante Inhalte bereithält.

starke Gemeinschaften bilden, die den gesellschaftlichen Diskurs und die Menschenwürde respektieren
Damit sich jeder Mensch online sicher und willkommen fühlt.

für das Web kämpfen
Damit das Web offen und eine globale öffentliche Ressource für die Menschen bleibt – überall, heute und in Zukunft.

Ich finde in diesen drei zunächst vage klingenen Vorsätzen für digtale Bürgerschaft, steckt ein spannendes Potenzial. Denn was bedeutet dies vor dem Hintergrund der Debatten und Demonstrationen um das Urheberrecht, die wir in der kommenden Woche erleben werden? Was bedeutet es in Bezug auf die Frage, wie wir mit gewaltverherrlichender Propaganda und den Regeln der Aufmerksamkeit zum Beispiel nach dem Terroranschlag von Christchurch umgehen?

Berners-Lees Antwort darauf: Wir sollten Verantwortung übernehmen – für unser Handeln, aber eben auch für das Web als offene Infrastruktur. „Denn das Wichtigste von allem: Bürger*innen müssen Unternehmen und Regierungen in die Pflicht nehmen, sich an die Versprechen zu halten, die sie gegeben haben. Sie müssen von beiden einfordern, dass sie das Web als globale Gemeinschaft der Bürgerinnen und Bürger respektieren. Wenn wir keine Politiker*innen wählen, die das freie und offenen Web verteidigen, wenn wir nicht unseren Teil dazu beitragen, eine konstruktive und gesunde Debattenkultur zu pflegen und wenn wir einfach „Zustimmen“ klicken ohne für unseren Datenschutz einzutreten, dann laufen wir vor unserer Verantwortung davon, diese Debatten auf die Agenda unserer Regierungen zu heben.“

Das digitale Klima, die Gesundheit des Web sind bedeutsame Aufgaben für die Zukunft. Mir scheint, dass selbst an einem Festtag wie in dieser Woche das öffentliche Bewusstsein dafür nicht gerade ausgeprägt ist. Entweder weil Menschen das Web ohnehin für böse halten oder weil sie nicht bemerken, wie bedeutsam die Idee einer offenen Infrastruktur ist. Beides halte ich für kurzsichtig. Es ist möglich, einen offenen nicht euphorischen Blick auf das Web zu werfen und zu erkennen, welche demokratische Gestaltungsmacht in dem liegt, was Tim Berners-Lee vor 30 Jahren in einer ersten Idee formulierte. Dies kann gelingen, wenn wir Gestalter und Mitwirkende an diesem gemeinsamen Projekt werden, die Menschenwürde respektieren und für das Web kämpfen.

Jedenfalls kann man darauf im besten Shruggiesinn hoffen ¯\_(ツ)_/¯

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Shruggie des Monats: Auf die Straße gehen

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

„Wissen Sie,“ sagt Greta Thunberg im Gespräch mit dem Spiegel, „Ich darf nicht wählen, obwohl es hier um meine Zukunft geht. Und zur Schule muss ich gehen. Wenn ich dann schwänze, um gegen die Klimakrise zu protestieren, wird auf meine Stimme viel eher gehört.“ Greta Thunberg ist Vorbild für zahlreiche Schüler*innen und Student*innen, die europaweit freitags streiken. Statt zur Schule oder zur Uni gehen sie auf die Straße. Fridays for Future heißt die Aktion, die sich deutschlandweit vor allem über Dark-Social-Kanäle wie WhatsApp- und Telegram organisiert – wie einer der Mitorganisatoren in diesem Gastbeitrag auf Tagesschau.de erklärt (Details dazu auch in diesem Bento-Bericht)

Am 15. März wollen Klimaschützer*innen weltweit auf die Straße gehen – um für die Einhaltung der Pariser Klimaziele zu demonstrieren. Für acht Tage später ist eine Demonstration gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform geplant (Hintergründe hier). Beide Themen scheinen die Kraft zu haben, viele junge Menschen auf die Straße zu bringen – um dort ihre Meinung kundzutun. (Foto: Twitter/Adora Belle)

Aber bringt das überhaupt was? Wird sich dadurch die Politik ändern? Die Hauptperson aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ antwortet darauf mit einem unterstützenden Schulterzucken. Denn der Shruggie ist kein teilnahmsloser Zyniker, sondern jemand, der den demokratischen Impuls unterstützt, für die eigenen Interessen auf die Straße zu gehen.

„Wir sind keine Bots“, rufen diejenigen, die am Wochenende gegen die Urheberrechtspläne in Köln auf die Straße gegangen sind. Sie wollen damit deutlich machen, dass sie eigene Interessen vertreten und nicht im Auftrag von Plattformen handeln. Ein CDU-Abgeordneter hatte dies mit einem Tweet nahegelegt. Mit ihrem Protest bringen sie aber auch ihre Lebensrealität, ihren Alltag und ihre Sprache auf die Straße – wie dieses tolle Plakat zeigt (weitere Plakate hat Buzzfeed gesammelt) Zu sehen ist das Table-Flip Emoticon, das dem Shruggie allein deshalb gefällt, weil er aus der gleichen Welt kommt. Details findet man auf der Seite jemoticons, die Emoticons aus japanischen Schriftzeichen versammelt.

Der Table-Flip (rechts der Tisch, den die Figur links aus Protest umgeworfen hat) ist ein Zeichen des Protests – auf neue Art. Vermutlich gab es bisher keine Demonstration in diesem Land, auf der ein solches Symbol gezeigt wurde. Und das allein gefällt dem Shruggie an den Demos des Frühjahrs 2019: Sie werden von einer neuen Generation getragen, die ihre eigenen Symbole und Zeichen prägt. Und die vielleicht auch ein neues Denken verlangt.

Rund um die Schulstreiks junger Menschen hat sich eine Debatte über die Frage entzündet, ob es denn erlaubt sei, freitags einfach nicht zur Schule zu gehen. Verweise und mindestens unentschuldige Fehlstunden drohen. Torsten Beeck hat deshalb schon den Verdacht geäußert, dass diese Hinweise in Zeugnissen künftig als Ausdruck einer politischen Haltung gelesen werden können.

Mich erinnert der Schulstreik an die Wehrdienstverweigerer der Vergangenheit. Die junge Generation des Jahres 2019 verweigert nicht die Wehrpflicht, sondern die Schulpflicht – nicht in Gänze, sondern aus symbolischen Gründen jeden Freitag. Als Wehrdienstverweigerer musste man die eigene Entscheidung schriftlich begründen und einen (längeren) Ersatzdienst leisten. Vielleicht wäre dies auch ein Option für die streikenden Schüler*innen der Gegenwart: Sie können offiziell verweigern – und damit ihren Protest gegen die verfehlte Klimapolitik der Regierung Merkel zum Ausdruck bringen.

Bei der Wehrpflicht hatte diese Form der persönlichen Verweigerung langfristig bedeutsame politische Folgen. Und darum geht es doch, wenn man auf die Straße geht…

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Zum Thema Schulstreik empfehle ich den TED-Talk von Greta Thunberg aus dem August 2018 sowie die Übersichtsseite Fridays for Future. Bei Netzpolitik gibt es eine Übersicht der Demonstrationen gegen Artikel 13.

Shruggie des Monats: die Zehn-Jahres-Challenge

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wenn tatsächlich alles immer schneller und unübersichtlicher wird, dann ist das Veröffentlichen zehn Jahre alter Bilder vielleicht mehr als ein kurzlebiger Trend. Vielleicht ist die Tenyears-Challenge, die gerade Bildpaare aus den Jahren 2009 und 2019 in die Timelines spült, der Versucht, Übersicht zu schaffen. Oder Ordnung. Oder zumindest sowas wie digitale Historizität. Man setzt ins Bild, was Facebook seit einer Weile mit dem „heute vor x-Jahren“-Hinweis erzeugen will: ein Gefühl für die Zeitverfluggeschwindigkeit (Foto: Unsplash)

Die Geschichte des Memes illustriert einige Reflexe in der digitalen Wahrnehmungswelt: vom Aufkommen des Trends, über verstärkende mediale Berichte, die lautstarke Warnungen (Vorsicht: Gesichtserkennung!) und ähnlich laute, aber abschwächende Antworten (Hat Facebook überhaupt nicht mehr nötig). Aus mindestens zwei Gründen eignet sich die Dekaden-Challenge (die in Wahrheit natürlich keine wirkliche Herausforderung ist) als Shruggie-Referenz.

Zum ersten beweist sie: Man kann auch zu früh dran sein mit einer guten Idee. 2018 hat der Shruggie eine Art Zehn-Jahres-Challenge gestartet. Für den Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ bot er ein Zehn-Jahres-Abo an – leider nicht mit ausreichendem Erfolg. Und nur wenige Monate später spricht das Netz von nichts anderem mehr: die 10-Years-Challenge liefert gerade (unter unterschiedlichen Schlagworten) einen Überblick über optische Veränderungen der vergangenen zehn Jahre. Genau diesen Blick wollte der Shruggie 2018 auch eröffnen – nicht nur optisch.

Damit sind wir beim zweiten Grund, weshalb die Tenyears-Challenge zum ersten Shruggie des Monats 2019 taugt: Sie beweist nämlich wie nah zehn Jahre in Wahrheit ist. Eine Dekade klingt nach irrer zeitlicher Distanz, die Fotos zeigen aber: Zehn Jahre vergehen schneller als man denkt.

Der Shruggie lädt nun dazu ein, den Blick nach vorne zu richten. 2029 ist näher als man denkt. Wie wird die Welt dann sein? Welchen Fortschritt haben wir erzielt? Der Shruggie sieht in den Fotos, die gerade hochgeladen werden, deshalb vor allem eins: den Impuls, an einer besseren Zukunft zu arbeiten. Denn es geht schneller als man denkt, da laden die Menschen des Jahres 2029 ihre Doppelbilder auf die Social-Media-Plattformen der Zukunft.

Was für eine Zukunft wird das sein? Arbeiten wir dran ¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

Shruggie des Monats: die Deutsche Umweltwelthilfe (DUH)

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wer steckt eigentlich dahinter, dass wir gerade über Fahrverbote in deutschen Innenstädten reden? Die naheliegende, aber falsche Antwort lautet: die Deutsche Umwelthilfe e.V. Dabei handelt es sich um einen Verein mit Sitz am Bodensee. Dieser Verein ist in den vergangenen Monaten in den Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit gerückt, weil er vor Gericht gezogen ist und klagt, wenn in deutschen Städte die Stickoxid-Grenzwerten überschritten werden.

Dass diese Grenzwerte überschritten werden, liegt allerdings nicht an der DUH. Den Grund formuliert das Umweltbundesamt so: „Dennoch wäre der Luftgrenzwert an den meisten Orten einzuhalten gewesen, wenn die Realemissionen der Diesel-Pkw nicht in wachsendem Maße die Emissionen auf dem Rollenprüfstand überschritten hätten.“ Man könnte auch sagen: die Autos stoßen mehr giftige Gase aus als die Hersteller behauptet haben.

Deshalb wird Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, aktiv: „Vor einer Automesse ließ er sich im September mit einer Atemmaske fotografieren, darauf stand der Slogan „Diesel-Abgase töten!“. Im jüngsten Jahresbericht der DUH warnt er davor, dass „die Innenstädte auf viele Jahre nicht bewohnbar“ wären, falls es nicht gelänge, die Stickstoffdioxidbelastung zu reduzieren.“ So steht es in einem Bericht des Magazins Capital, der mit den Worten „Das fragwürdige Geschäftsmodell der Umwelthilfe“ überschrieben ist. Der Text meint es nicht gut mit Resch und urteilt: „Seine Kompromisslosigkeit verprellt selbst alte Mitstreiter wie Baden-Württembergs grünen Regierungschef Winfried Kretschmann, der nicht mehr mit Resch redet.“

Dass dies vielleicht auch daran liegen könnte, dass Kretschmann sich etwas zu kompromissbereit in eine eigenwillige Richtung verändert hat, erwähnt der Text nicht. Er liefert vielmehr Argumente für die Diskussion, die wenige Tage später auf dem CDU-Parteitag geführt wurde. Dabei fallen Begriffe wie Abmahnverein und die Gemeinnützigkeit der DUH wird in Frage gestellt. Dass darüber weder die Regierung und schon gar keine Partei zu entscheiden hat, ist vor lauter Auto-Wut bei der CDU niemandem aufgefallen. Und dass man die Erkenntnisse des Capital-Berichts schon 2017 in der SZ lesen konnte auch nicht: „Die DUH ist keine klassische Umweltorganisation mit Ortsgruppen, wie etwa der Bund für Umwelt- und Naturschutz. Sondern eher eine Art Öko-Firma, die Kampagnen, Klagen und Projekte initiiert, für Rußfilter in Autos, gegen Plastiktüten, oder eben gegen schmutzige Diesel. Und zur Finanzierung auch Umweltsünder per Abmahnung zur Kasse bittet. Letzteres brachte 2015 immerhin fast 2,5 Millionen Euro; führt aber dazu, dass der DUH auch der Ruf eines Abmahn-Vereins anhaftet. Zu Unrecht, wie Resch findet, der lieber von Verbraucherschutz redet. Firmen, die mit Falschaussagen über angeblich ökologisch unbedenkliche Produkte ihre Kunden in die Irre führten, müssten haften.

Diese ungewöhnliche Form der Finanzierung ist in den vergangenen Wochen zum zentralen medialen Thema geworden. Geschäftsführer Resch erkennt dahinter eine Kampagne der Autoindustrie, wie er in diesem Horizont-Interview erklärt.

In jedem Fall lässt sich an der Debatte ein bedeutsamer Shruggie-Punkt illustriert. Denn es ist sogar möglich, die Finanzierung der DUH bemerkenswert und ihre Aktionen gegen giftige Luft in deutschen Städte richtig zu finden. Ambiguitätstoleranz nennt man das – und diese Haltung war schon im Sommer mal Thema in dieser Rubrik hier. Deshalb stelle ich den Verein hier vor – und weil er zum Jahreswechsel auf einen weiteren wichtigen Punkt in Sachen Luftverschmutzung hingewiesen hat: Silvester-Feuerwerk ist eine enorme Belastung für die Luft und für die Umwelt. Bis zu 5000 Tonnen Feinstaub werden, so die DUH, durch Feuerwerkskörper freigesetzt. Deshalb fordert der Verein „einen Stopp von Feuerwerken in den mit Luftschadstoffen hoch belasteten Innenstädten“. (Foto: unsplash)

Eine Forderung, mit der man sich nicht nur Freunde macht – auch deshalb passt der Verein (den man übrigens hier als Fördermitglied unterstützen kann) in die Rubrik Shruggie des Monats

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“