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Shruggie des Monats: der Shruggie selbst

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Eines ist sicher: Wir erleben gerade unsichere Zeiten. Die Ausnahmesituation im Umgang mit dem Corona-Virus ist neu, verwirrend und manchmal auch beängstigend. Sie verändert den Alltag nicht nur in diesem Land und dominiert unsere (nicht nur mediale) Wahrnehmung.

Als ich den Shruggie für das Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ adoptierte, hatte ich keine Ahnung von Corona. Aber ich wollte darüber schreiben, wie wir mit dem Neuen umgehen lernen – und dabei gelassen bleiben. Die Überforderung, so sage ich es seit dem Buch immer wieder, ist der Default-Modus unserer Zeit. Wir müssen lernen damit umzugehen.

Das fröhliches Schulterzucken kann dabei eine Hilfe sein: ¯\_(ツ)_/¯ Mehr noch: Vielleicht ist der Shruggie der beste Ausdruck für das, was #wirbleibenzuhause uns gerade abverlangt: auch in einer aussergewöhnlichen Situation gelassen zu bleiben.

Ich freue mich, dass mir Menschen schreiben, dass sie in der Corona-Aufregung Orientierung durch den Shruggie gefunden haben. Deshalb in diesem aufregenden Monat: Der Shruggie selbst ist der Shruggie des Monats!

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Shruggie des Monats: die Ziellosigkeit

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wer kein Ziel hat, darüber kann man schnell Einigkeit herstellen, wird auch nicht vorwärts kommen. Kein gut organisiertes Projekt wird von sich behaupten, ohne Ziele zu starten. Ziele haben allgemein ein so gutes Image, dass die Behauptung, man gehe ziellos durchs Leben sofort als schlecht angesehen wird (Foto: Unsplash).

Aber warum eigentlich? Sind Ziele vielleicht überbewertet? Diese Frage stellte ich mir als ich heute im unbedingt empfehlenswerten Newsletter von James Clear den Satz las:

If you want better results, then forget about setting goals. Focus on your system instead.

Clears These (aus seinem Buch „Atomic Habits“) lautet: Ziele sind wichtig um die Richtung vorzugehen, aber das System, in dem die Ziele gesetzt werden, ist viel bedeutsamer. Er illustriert das am Beispiel einer Sportmannschaft. Rhetorisch fragt er: Würde eine Sportmannschaft schlechtere Ergebnisse erzielen, wenn sie statt über Ziele zu sprechen, sich auf das System konzentriert, täglich zu trainieren und sich zu verbessern?

Mich erinnert diese Haltung an einen Text von Jason Fried, der 2016 mal bloggte: „Ich setze mir keine Ziele“. In dem Text erklärt er, welches Selbstbild ihn antreibt und er stellt dabei fest: Es hat nichts im Zielen im klassischen Sinn zu tun. Wörtlich schreibt er:

A goal is something that goes away when you hit it. Once you’ve reached it, it’s gone. You could always set another one, but I just don’t function in steps like that.

Der Shruggie findet Gefallen an dieser Idee. Denn die von ihm bevorzugte Ratlosigkeit verlangt ein offenes Verhältnis zu Zielen. Wer im Shruggie-Sinn ratlos durch die Welt geht, legt Wert auf das System und versteht das Ziel als Richtung. Im Pragmatismus-Prinzip illustriert er dies am Beispiel der Mittelorientierung aus der Gedankenwelt der Effectuation. Der Begriff geht auf die Professorin Saras Sarasvathy zurück, die ihn 2001 erstmals benutzte, um eine bestimmte, äußerst pragmatische Methode der Entscheidungsfindung zu beschreiben. Zentral steht dabei die Idee, die zur Verfügung stehenden Mittel zum Ausgangspunkt zu nehmen und nicht die weit entfernt liegenden Ziele.

Clear fasst dies so zusammen: „I’ve found that goals are good for planning your progress and systems are good for actually making progress.“ Und in diesem Sinn lobt der Shruggie die absichtliche (und natürlich etwas übertriebene) Ziellosigkeit, weil sie uns hilft, den Blick auf den Fortschritt zu lenken und nicht nur auf den Plan des Fortschritts.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Shruggie des Monats: Lob des Nebenprojekts

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

„Keine Ratschläge annehmen“, rät Dirk Stermann in den tollen Interviews auf der Website meisterstunde.de, die eigentlich genau dafür gemacht wurde: Um Lehren von Meisterinnen und Meistern ihres Fachs zu sammeln.

Allein diese wundervolle Ambiguität würde ausreichen um über Meisterstunde im Rahmen der Rubrik Shruggie des Monats zu schreiben. Denn genau diese Bereitschaft zur Widersprüchlichkeit zeichnet die Hauptperson des Buches „Das Pragmatismus-Prinzip“ aus. ¯\_(ツ)_/¯

Meisterstunde ist ein Nebenprojekt von meinem Kollegen Peter Wagner, der auf der Seite Gespräche dokumentiert, die „eine Weisheit“ transportieren, „ein Handwerkszeug oder einfach nur Wissen, das im täglichen Leben und Arbeiten hilfreich sein kann“. So beschreibt er es auf der About-Seite.

Eigentlich dürfte es Meisterstunde nicht geben, denn niemand bezahlt dafür, dass Peter und der tolle Fotograf Gerald von Foris (bin mit beiden persönlich bekannt), sich auf den Weg machen, diese Gespräche führen und dokumentieren. Dass sie es dennoch tun, ist toll – nicht nur für uns Leserinnen und Leser.

Meisterstunde ist kein Podcast, das Projekt illustriert aber, was ich mit dem Dezember-Shruggie „Podcasting“ sagen wollte: Das absichtslose Publizieren kann sehr großartig sein.

Denn der Reiz an solchen Nebenprojekten geht ja weit übers Publizieren hinaus. Sie bieten die Möglichkeit zum Ausprobieren, zum Lernen und zum Weiterentwickeln. Mit Nebenprojekten kann man das tun, was Dirk Stermann auch rät: Etwas anderes machen als das, was alle machen. Nebenprojekte helfen, kleiner zu denken, Fehler zu machen, schlauer zu werden, Entwicklungen zu stimulieren und – mit etwas Pathos gesprochen – zu wachsen.

Nebenprojekte wie die Meisterstunde sind Ausdruck einer Geisteshaltung, die die Psychologin Carol Dweck in ihrem unbedingt empfehlenswerten Buch Selbstbild beschreibt: ein Mindset, das Wachstum für möglich hält. Der Begriff „growth mindset“ beschreibt einen Blick auf sich selbst, der davon ausgeht, dass man in Bewegung ist, sich verändert und sich verändern kann – ein dynamisches Selbstbild. Dem gegenüber steht ein statisches Selbstbild, bei dem man sich selber als quasi unveränderlich gut oder schlecht versteht. Dweck beschreibt wie dieses statische Selbstbild Veränderungen und Wachstum blockiert. Es ist durchaus vergleichbar mit der Streit-Technik, die unlängst als Haben oder Sein beschrieben habe.

Nebenprojekte sind darauf angelegt zu wachsen. Ganz oft sind sie – wie Peter es mit der Meisterstunde zeigt – schon großartig, sie beginnen aber mit der Idee, „fast fertig“ zu sein (was Carol Dweck zum Einstieg in den Ted-Talk als Motivation beschreibt). Sie wachsen und als Betreiber*in des Nebenprojekts kannst du mitwachsen. Das macht Spaß und ist Grundlage für ein dynamisches Selbstbild.

Dieses scheint mir im Sinne Bertrand Russells Ratschlag How to grow old übrigens auch ein guter Ansatz, um tatsächlich in Würde zu altern, um nicht zu verbittern und um mit der Angst vor dem Tod umzugehen. Um diese zu überwinden und „to grow old“ rät Russell: „The best way to overcome it -so at least it seems to me- is to make your interests gradually wider and more impersonal, until bit by bit the walls of the ego recede, and your life becomes increasingly merged in the universal life. An individual human existence should be like a river: small at first, narrowly contained within its banks, and rushing passionately past rocks and over waterfalls. Gradually the river grows wider, the banks recede, the waters flow more quietly, and in the end, without any visible break, they become merged in the sea, and painlessly lose their individual being.

Und das passt ja auch ziemlich gut zur Idee von Meisterstunde. ¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Shruggie des Monats: Podcasting

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Du machst nichts falsch, wenn du in diesen Tagen einen Witz über Podcasts machst. Wenn Du es wie Alf oder Martin machst, kannst Du damit sogar recht lustig sein. Denn Podcasts gelten noch immer als Trend – und ständig beginnt irgendwo irgendwer damit, weitere MP3-Dateien ins Netz zu laden und sie via Apple und/oder Spotify zu verbreiten. Häufig geschieht dies ohne dass irgendwer drum gebeten hätte, weshalb all diese Podcasts erstaunlich wenige Hörerinnen und Hörer haben. Ein andere Witz lautet deshalb: es gibt mehr Podcaster*innen als Hörer*innen.

Ich weiß nicht ob das stimmt. Aber wenn ich das Podcasting zum Shruggie des Monats ernenne, dann auch genau deshalb, weil es darum gar nicht geht. Wer auf Reichweite ober Abrufzahlen schaut, könnte ja Tiktok-Videos produzieren. Dass aber (gefühlt) ständig irgendwo ein neuer Podcast gestartet wird, zeigt mir, dass hier ein anderes Interesse im Vordergrund steht: Menschen wollen im Wortsinn ihre Stimme erheben – und zwar nicht nur die mittelalten weißen Laberpodcast-Dudes, sondern diverse Stimmen sind plötzlich zu hören (Foto: unsplash)

Daran kann der Shruggie sich erstmal erfreuen. Denn dass sich mehr Menschen beteiligen, ist keine falsche Sache. Wenngleich eine trendartige Zunahme der Beteiligung natürlich stets auch Abwehr-Reflexe erzeugt. Beim Blogging war das vor einigen Jahren genau so wie jetzt beim Podcasting. Für manche wirkt es cooler, wenn man lautstark nicht mitmacht.

Gemeinsam mit dem Shruggie kann ich mich für diese Form der Coolness nicht erwärmen. Ich beobachte die Zunahme des aktiven Podcastings eher mit Freude – gerade weil nicht jeder dieser kleinen Audio-Blogs es auf große Reichweite bringen wird. Dass sie trotzdem entstehen, zeigt dass und wie Öffentlichkeit sich verändert: Publizieren ohne weitere Absicht ist möglich!

Genau diese Absichtslosigkeit passt zur Haltung des schulterzuckenden Emoticons: Probiers halt aus! Schau doch mal, wie itunes Podcasts einbindet (nämlich nur über RSS-Feeds, keine Datei wird bei Apple hochgeladen). Teste doch mal, wie ein Podcast in Spotify eingebunden wird. Finde heraus, welche Episoden oft gehört, welche Links oft geklickt werden. Und schau dir mal Substack an, dort kann man nicht nur bloggen und Newsletter verschicken, man kann auch Podcasts hosten.

Bei all dem lernt man mehr als wenn man nur am Beckenrand hockt. Podcasting ist das Wasser im Pool des Internet – du musst dort aber nicht zwingend um die Wette schwimmen. Plantschen ist auch okay!

¯\_(ツ)_/¯

Podcast-Tipps:
Seth Godin über Podcasts
Pia Frey spricht mit OMR-Gründer Philipp Westermeyer über Podcasts
– Die Weihnachtsfolge vom „Wirbt das?“-Podcast

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Der Shruggie hatte übrigens auch selber schon einen Podcast – und seit kurzem nehme ich gemeinsam mit Lucas von Gwinner auch einen Podcast auf. Hier kannst du ihn hören.

Shruggie des Monats: #OkBoomer

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wenn das augenrollende Emoji einen Hashtag hätte, es wäre dieser Tage #okboomer: Ein digitales Schlagwort, um den Generationenkonflikt zu beschreiben, der spätestens seit Rezo und den Ergebnissen der Europawahl in der Mitte der deutschen Gesellschaft angekommen ist. #okboomer entstammt dem Internet und ist allein deshalb Kandidat für den Shruggie des Monats, denn auch der ¯\_(ツ)_/¯ hat seine Quelle im Web.

Viele haben sich gefragt, wie die Reaktion der Generation „Fridays for Future“ wohl aussehen wird, wenn deren Proteste keine grundlegende Veränderungen zur Folge haben werden. Ihre Reaktion ist digital, abgrenzend und memetisch. Ihre Reaktion ist „Ok Boomer“. Mit diesen zwei Begriffen reagieren jüngere Menschen auf Belehrungen und Konfrontationen älterer Menschen, vornehmlich aus der namensgebenden Babyboomer-Generation. Taylor Lorenz hatte das Meme Ende Oktober in der New York Times massenmedientauglich gemacht: „Teenagers use it to reply to cringey YouTube videos, Donald Trump tweets, and basically any person over 30 who says something condescending about young people — and the issues that matter to them.“

Deutsche Medien zogen nach: t3n, Zeit, Welt, stern, NZZ berichten ebenfalls über den Spruch, dessen weltweite Popularität sie in einer Reaktion der Neuseeländischen Grünen-Abgeordneten Chlöe Swarbrick begründet sehen. In einem Gespräch mit dem neuseeländischen Stuff-Magazine hatte diese deutlich gemacht, dass ihre Verwendung des Begriffs sich klar darauf bezieht, dass die ältere Generation in Fragen der Umweltpolitik versagt habe – und sich nun häufig dem Dialog entzieht.

In Deutschland hat die Ok Boomer-Bewegung zwei Reaktionen hervorgerufen: auf Bento hat Marc Roehlig der älteren Generation versucht die Hand zu reichen (Wir sollten nicht „OK Boomer!“ sagen, sondern eher: „Ihr seid OK, Boomer!“) und im Tagesspiegel hat Klaus Brinkbäumer eine kleine Belehrung über englische Begriffe im Deutschen geschrieben.

Mich erinnert Okboomer vielmehr an einen Begriff, den ich in Korea gelernt habe: „teul-ttak-chung“ ist dort ein weitaus weniger charmanter Begriff für den Generationenkonflikt. Man kann das Wort mit „prothesenklapperndes Ungeziefer“ übersetzen – und so bezeichnen junge Menschen dort Vertreter*innen der älteren Generation, die sich vermeintlich weltweise über sie beugen und alles besser wissen.

Dagegen scheint mir das augenrollen der Okboomer-Bewegung im besten Wortsinn humor- und respektvoll. Zu dem Begriff hat der Psychologe Niels Van Quaquebeke auf SZ.de gerade ein interessantes Interview gegeben, das man auch mit Bezug auf den Generationenkonflikt lesen kann. Darin unterscheidet er zwei Arten von Respekt – den horizontalen und den vertikalen Respekt:

Habe ich Respekt, weil jemand etwas Besonderes leistet in einem mir wichtigen Bereich, also besser ist als ich? Das nennen wir bedingten, vertikalen Respekt. Der horizontale Respekt kommt nah an den Achtungsbegriff von Kant: Es geht darum, den anderen als gleichwürdig zu sehen. Dieser Respekt ist bedingungslos. Die einzige Kategorie, die ein Mensch dazu erfüllen muss, ist, dass er Mensch ist.

Stellt sich die Frage, was die jüngere Generation tun muss, um sich diesen Respekt zu erarbeiten und nicht von oben herab behandelt zu werden? Mit #okboomer ist ihr jedenfalls ein ganz gutes Hinweissystem geglückt.

¯\_(ツ)_/¯

UPDATE 1: Bei Übermedien liest Samira El Ouassil #OKboomer als kollektives ¯\_(ツ)_/¯

UPDATE2: digiom weist daraufhin, dass der Filter von Twitter den bestimmten Artikel „Die“ im Deutschen, mit der Englischen Aufforderung „Die“ (Stirb) verwechselt:

UPDATE 2: Schöne Rezo-Kolumne drüben bei Zeit-Online zum Thema. Mit dem richtigen Hinweis:

Die beliebte Boomerresponse auf „OK, Boomer“, wo der jeweilige Boomer dann immer glaubt, festhalten zu müssen, dass er sich selbst ja als Vater/Großvater/Arbeitnehmer/Öko/you name it sieht und eben nicht als Teil einer Generation, zeigt am Ende nur, wie nötig es ist, ihm diese Zugehörigkeit endlich mal unter die Nase zu reiben. Denn nur wer die Macht hat, kann immer bestimmten, wer er sein will. Und muss sich nicht als Teil von Ausländern/Frauen/dieser Jugend von heute/et cetera behandeln lassen.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.
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Shruggie des Monats: die Facebook-Gruppe

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Ich mag Werbung. Sie ist zentraler Bestandteil unserer Gegenwarts-Kultur, wird aber kaum als solche wahrgenommen (weshalb ich überlege, meine Wahrnehmung künftig stärker auf Werbung zu richten). Die meisten Menschen fühlen sich von Werbung vor allem gestört. Was auch daran liegt, dass die meisten Kampagnen genau darauf abzielen: Unterbrechung und Störung. Ich verstehe solche Werbung immer als leisen Hilferuf. Ich höre dann stets die Stimme der werbenden Marke, die etwas verzweifelt sagt: „Mein Angebot A ist echt kaum bekannt“ oder „Mein Angebot C könnte noch viel mehr Leute erreichen.“

Als ich diesen Monat durch die Stadt geradelt bin, hörte ich erstaunlich oft die leise Werbestimme von Facebook. Das ist deshalb erstaunlich, weil man sonst wenig von Facebook hört – und weil die meisten Menschen dachten: Facebook bräuchte doch gar keine Werbung. Braucht Facebook offenbar doch. Jedenfalls sah ich an einer Münchner Bushaltestelle ein Plakat, das mir Hamburger Hundehalter zeigte (unter einem Schirm, der mich fatal an die Versicherungskammer Bayern erinnerte). Wenige Busstationen weiter sah ich „Schwangere Echte Mamas“, die für Facebook werben. Denn Hundehalte wie Mamas haben sich auf Facebook in so genannten Gruppen organisiert. Und die Facebook-Werbestimme sagt: „Viel mehr Leute sollten sich für mein Angebot ,Facebook-Gruppen‘ interessieren.“

Diese Kampagne ist das sichtbarste Zeichen für eine Entwicklung, die ich Anfang des Jahres als „Dark Social“ beschrieb: Social Media wird privater. Mit der Werbung für die Gruppen-Funktion versucht Facebook auf einen Trend zu reagieren, der mancherorts auch als Messengerisierung beschrieben wurde. Im April hatte Mark Zuckerberg (dem noch vor wenigen Jahren der Spruch zugeschrieben wurde, Privatsphäre sei eine überholte Idee) angekündigt: „The future is private. I believe that a private social platform will be even more important to our lives than our digital town squares. So today, we’re going to start talking about what it means to have your social experience be more intimate.“

Was diese Gespräche bei Facebook bedeuten, kann man jetzt an deutschen Bushaltestelle sehen: Facebook möchte kein Marktplatz mehr sein, sondern ein gemütlicher Ort, an dem sich Gleichgesinnte treffen. Ich finde das eine spannende Beobachtung, weil sie zeigt, dass selbst Facebook um seine Ausrichtung und Relevanz kämpfen muss. Das Unternehmen, das vielen als unangreif- und besiegbar gilt, sucht nach einer neuen Bedeutung im Leben seiner Nutzer*innen – und dabei ist keineswegs sicher, ob das gelingt (was man im Techlash-Eintrag aus dem vergangenen Frühjahr nachlesen kann).

Doch selbst wenn es dem Mutterkonzern Facebook nicht gelingt auf den Privat-Trend in Social-Media zu reagieren: die Töchter WhatsApp und Instagram haben sich auf diese Entwicklung bereits eingestellt, bzw. treiben sie mit der angekündigten Threads-App aktiv voran.

Dennoch zeigt die Werbung für Facebook-Gruppen vor allem dies: die Welt im Web ist massiv in Bewegung. Wer da mithalten will, braucht die richtige Haltung zum Neuen ¯\_(ツ)_/¯

Mehr über „Dark Social“ hier im Blog

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Shruggie des Monats: Der E-Scooter (als Symbol für den Umgang mit dem Neuen)

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Haben Sie eine Meinung zu E-Scootern? Vermutlich schon. Denn wer sich in den vergangenen Wochen in urbanen Umfeldern bewegte, hatte mehr Kontakt zu Ansichten, Urteilen und Einschätzungen zu den neuen Elektrofahrzeugen als zu den E-Scootern selber. Denn zum Neuen haben wir im Wortsinn ausgesprochen gern eine Meinung. Meinung ist das beste Mittel gegen die verstörende Ratlosigkeit, die sich breit macht, wenn das Neue auf die Bildfläche tritt. Meinung immunisiert gegen die Verwirrung, gegen den Moment, in dem nicht alles erklär- und sortierbar ist. Dieser Moment dehnt sich gerade unter unseren Füßen aus, er nimmt an Größe und Bedeutung zu. Doch statt Meinungsfreizeit zu nehmen, reagieren immer mehr Menschen auf die Verstörung mit noch mehr Meinung. Und die E-Scooter illustrieren das besonders schön.

Wenn ich Sie frage, ob Sie auch eine Meinung zu Autos haben, wäre ich mir bei der Antwort nicht mehr ganz so sicher. Denn Autos waren ja schon immer da, die gehören doch dazu. Die normative Kraft des Faktischen ist groß. Was da ist, wenn wir geboren werden, halten wir für normal. Keine Verstörung, weniger Meinung – und vor allem weniger Panik.

Heute habe ich gelesen, dass der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung vor E-Scootern warnt: „E-Tretroller sollten komplett verboten werden“, sagt er. Denn: „“Die schlimmsten Befürchtungen sind eingetreten. Aus unfallchirurgischer Sicht sind E-Tretroller eine Katastrophe.“

Vielleicht hat der Mann Recht. Ich wurde nur stutzig, als ich einen Klick neben seiner Warnung die Meldung las, dass bei der unsachgemäßen Nutzung eines schweren Geländewagens in Berlin am Freitag vier Menschen ihre Leben verloren. Was wäre in diesem Land los, wenn der 42-jährige Fahrer nicht mit einem SUV, sondern mit einem E-Scooter vier Menschen tot gefahren hätte? Welche Forderungen würden wir dann von Ärzten hören?

An der Antwort auf diese Fragen kann man ablesen, dass Meinungen deutlich davon gefärbt sind, für wie normal eine Technologie gehalten wird. Und Autos waren ja irgendwie immer schon da. Der Twitter-Nutzer seitvertreib kam unlängst auf die Idee, in all den Meldungen und Warnungen über die E-Scooter einfach den Begriff zu tauschen*:

Denkt man diesen Ansatz einen Schritt weiter, kommt man zu der Frage: Was wäre eigentlich, wenn jemand heutzutage Autos erfinden würde? Wie würden Sie reagieren, wenn Ihnen jemand eine Technologie vorschlägt, die Menschen Mobilität verspricht – dafür aber 3275 Menschen im Jahr 2018 das Leben kostet?

Trotzdem halten wir Autos und LKW im Straßenverkehr für normal. Der Verkehrsminister kommt seit Jahren damit durch, dass jährlich mehr Radfahrer*innen im Straßenverkehr ihr Leben lassen. Im ersten Halbjahr 2019 ist deren Zahl um 11,3 Prozent gestiegen. In der zugehörigen Meldung werden dafür zwei Hauptgründe genannt: „Die untergeordnete Rolle, die die Verkehrspolitik der Infrastruktur für das Fahrrad zuweist und die fehlende passive Sicherheit der Räder. Erst Innovationen wie Bremsassistenten, Schleuderverhinderer und Sicherheitsfeatures wie Sicherheitsgurt und Airbag haben den Auto-Verkehr sicherer gemacht.

Wer sich aber Innovationen wünscht, sollte an einem anderen Verhältnis zum Neuen arbeiten – vielleicht mit etwas mehr ¯\_(ツ)_/¯

* @heibie weist mich gerade darauf hin, dass Daniela Becker die Idee schon vorher hatte

Die aktuelle Folge von Pessimists Archive befasst sich übrigens auch mit genau diesem Thema!

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Shruggie des Monats: Heuchelei

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wäre es scheinheilig, wenn die Umweltaktivisten Greta Thunberg mit dem Flugzeug reisen würde? Während sie medial begleitet über den Atlantik segelt (um das Fliegen zu vermeiden), wird genau die Frage nach der Heuchelei ausführlich diskutiert: Verhält sie sich privat womöglich anders als sie es politisch verlangt? Meinungsdetektive beobachten dies sehr genau – und werten alle Indizien als Beweis für das, was die Wikipedia als Hypokrisie definiert: das absichtsvolle Vermitteln eines Bildes, das nicht dem realen Selbst entspricht. Eben diese vermeintliche Heuchelei wollen sie auch entdeckt haben, wenn irgendwer ermittelt, dass grüne Bundestagsabgeordnete häufiger fliegen als andere. Das sei ebenso verlogen wie das Ergebnis der Erhebung, dass Wähler*innen der Grünen häufiger auf Flug-Reisen sind als AfD-Wähler*innen.

Diese Entdeckungen sollen als Argument dienen, um die vermeintliche Heuchelei der Klimaschützer zu belegen. Denn wenn die schon selber nicht tun, was sie politisch fordern, müssen sie ja verlogen sein – so der eher schlichte Gedankengang, der auf etwas abzielt, was der Shruggie als Namensgeber dieser Rubrik für problematisch hält: auf moralische Reinheit! Nur wer moralisch rein sei, solle fordern dürfen, so das zugrundeliegende Argument. Wer aber einzig den privaten ökologischen Fußabdruck einer Person heranzieht, um deren Argument zu überprüfen, ist dem süßen Gift der einfachen Antworten verfallen – und teilt die Welt vereinfachend nach einzig moralischen Kategorien ein. Nur wer auf der richtigen Seite stehe, so die verkürzende Annahme, könne auch Richtiges sagen. Das ist nicht nur gefährlich, es ist auch das Gegenteil von liberal. Denn die Idee einer freien Gesellschaft basiert darauf, dass die Menschen eben nicht moralisch rein, sondern fehlbar sind. Und weil wir unperfekt sind, gestehen wir einander zu, Fehler zu machen und unsere Meinung ändern zu dürfen – und zwar unabhängig davon wie nah wir dem vermeintlich wahren moralischen Kern kommen.

Diese Moralkritik gilt allerdings nicht nur für die so genannten Greta-Kritiker, sie gilt auch für die moralische Überlegenheit der Umweltschützer selber: Der Shruggie wäre deshalb sogar der Meinung, dass es der Sache und der Debatte nützen würde, wenn Greta Thunberg im SUV zum Flughafen fahren, einen Pappbecher-Kaffee durch den Plastikstrohhalm schlürfen und nach New York fliegen würde (Foto: unsplash). Laut atmosfair würde sie damit 3.719 Kilogramm CO₂ für Hin- und Rückflug aus Stockholm produzieren. Sie würde damit aber auch etwas reduzieren: den moralischen Druck, ausnahmslos alles stets richtig machen zu wollen oder zu müssen.

Der Shruggie glaubt fest daran, dass eine der zentralen Fähigkeiten für Zukunftsgestaltung darin liegt, Mehrdeutigkeiten auszuhalten – und man kann Ambiguitätstoleranz an wenig besser erklären als an dem Thunberg-Flug nach New York. Denn so problematisch man eine Flugreise finden kann, die Tatsache, dass Greta Thunberg beim Klimagipfel teilnimmt, ist so ein starkes Symbol, dass man selbst aus Umweltgesichtspunkten die 3800 Kilogramm CO₂ nicht ablehnen kann.

Die Dinge sind ganz selten einfach nur schwarz oder nur weiß. Sie sind nahezu immer in Abstufungen grau. Diese Abstufungen muss man aushalten lernen. Das ist der Zauber einer liberalen Demokratie: dass nicht nur einer Recht, sondern dass immer auch das Gegenteil Berechtigung hat. Diese Abstufungen sind die Voraussetzungen für gesellschaftlichen Fortschritt – der auf politischer Ebene geschaffen wird. Denn natürlich ist es klimapolitisch viel bedeutsamer, dass auf institutioneller Ebene ein schneller Kohle-Ausstieg, die Verkehrswende und die Unterstützung erneuerbarer Energien beschlossen wird (hier die inhaltlich-politischen Forderungen von „Fridays for Future“ nachlesen). Zumindest ist das die Überzeugung in der liberalen Grundhaltung des Shruggie: dass eine freie Gesellschaft sich schrittweise und in Kompromissen auch durch ihre Institutionen verbessert. Es wird sich nicht das absolut Reine und Wahre durchsetzen können, sondern der gesellschaftliche Kompromiss. Der US-Autor Adam Gopnik beschreibt diese Entwicklung über den Wert vermeintlich kleiner Handlungen in seinem Buch „A Thousand Small Sanities“. Das sind dann kleine (Fort-)Schritte, aber eben Fortschritte.

Womit wir wieder beim kleinen Akt der privaten Flugreise sind: Natürlich kann es sinnvoll sein, wenn jede und jeder weniger CO₂ ausstößt, aber eben aus privaten Gründen nicht aus moralischer Überlegenheit. So würde sich in doppeltem Sinne das Klima verbessern – jenes in der Debatte und auch die Umwelt. Denn Klimaschutz braucht mehr Politik und weniger private moralische Zeigefinger.

¯\_(ツ)_/¯

P.S.: Wer sich für das Thema interessiert, kann drüben bei der SZ den kostenlosen Newsletter abonnieren: unter klimafreitag.de schreiben meine Kollegen Marlene Weiß, Pia Ratzesberger, Alex Rühle und ich wöchentlich zum Thema

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Shruggie des Monats: die Meinungsbremse

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Was wäre eigentlich, wenn das Gegenteil richtig wäre? Diese wichtigste Frage aus dem Pragmatismus-Buch will ich heute aus aktuellem Anlass auf ein Thema anwenden, bei dem sich offenbar alle einig sind: auf Online-Debatten! Ich frage mich: Was wäre eigentlich wenn Debatten im Internet zivilierter wären als jene im echten Leben – wie Menschen ohne gedanklichen Zugang es nennen? Ist das vorstellbar, dass das Internet ein Ort für hochwertige Debatten ist?

Ich glaube daran immer noch und immer wieder. Und vielleicht erleben wir gerade eine Art Wendepunkt in der Frage, wie wir Online-Kommentare bewerten. Instagram hat in dieser Woche ein neues Feature angekündigt, das die Debatte über Debatten verändern könnte. Man könnte es sehr banal als Meinungsbremse beschreiben. Es handelt sich um eine bewusste Verlangsamung des Affekts, den Menschen kennen, die sich schon mal gestritten haben. Im Streit sagt man Dinge, die einem danach leid tun. Genau an dem Punkt will Instagram ansetzen und zwei Dinge ermöglichen, die das so genannte echte Leben nicht bereit hält.

In besonderen Fällen will die Plattform wenige Sekunden Meinungsfreizeit verschenken, ein paar Augenblicke vor dem Abschicken eines womöglich hasserfüllten Beitrags, in denen Nutzer*innen gefragt werden: Willst du das wirklich posten? Es handelt sich dabei um eine kleine Hürde, die womöglich sehr hilfreich sein kann. Jedenfalls kann man auf den Gedanken kommen, wenn man dieses Gespräch zwischen Arthur Brooks und Simon Sinek anhört, in dem sie genau eine solche Meinungsbremse empfehlen (interessanter Nebenaspekt: Brooks empfiehlt sogar einen vergleichbaren Trick für streitende Paare. Bevor man sich gegenseitig kritisiert, soll man fünf Dinge in Erinnerung rufen, die man an dem oder der anderen mag).

Außerdem soll es für gewisse Kommentare auf Instagram eine Option geben, die auch Google unlängst für Mails eingeführt hat: wenige Augenblicke, in denen man die Zeit zurückdrehen bzw. eine E-Mail zurückholen kann. Wer also einen blöden Kommentar gepostet hat, soll in die Lage versetzt werden, diesen schnell und einfach wieder aus der Welt zu schaffen.

Beide Ansätze werden vielleicht nicht alle Probleme lösen, die sich rund um die Debatte um Online-Debatten ranken. Sie sind aber deshalb äußerst bemerkenswert, weil sie im besten Shruggie-Sinn die Perspektive drehen: Sie schaffen Möglichkeiten, die es außerhalb des Netzes so nicht gibt. Und diese Möglichkeiten öffnen vielleicht tatsächlich neue Räume, in denen wir dereinst sagen werden: Das ist so ein heikles Thema, das sollten wir besser online besprechen. Dort haben wir mehr Möglichkeiten zur zivilisierten Debatte.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.
In Kategorie: DVG

Shruggie des Monats: Das größte dezentrale Denkmal der Welt

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Ich weiß nicht, wie der Boden vor dem Wohnhaus von Walter Lübcke in Wolfhagen-Istha beschaffen ist. Ich habe keine Ahnung, ob es dort möglich ist, einen Betonwürfel von 100 Millimetern Höhe in den Boden einzulassen. Ich finde aber man könnte darüber nachdenken. Der Künster Günter Demnig verlegt seit 1992 solche so genannten Stolpersteine – und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in 23 weiteren europäischen Ländern. (Foto: Axel Mauruszat, via Wikipedia; Stolperstein für Else Liebermann von Wahlendorf, Budapester Straße 45, Berlin)

Demnig erinnert mit seinem Projekt an die Opfer der NS-Zeit. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitiert Gunter Demnig auf der Website den Talmud. Und ich finde, Walter Lübcke, der nach allem, was man heute weiß von einem Nazi ermordert wurde, sollte nicht vergessen werden. Man sollte sich an seinen Namen erinnern. Er sollte vielleicht sogar als Name für eine Stiftung gegen den Hass, für Verständigung und die christlichen Werte von Nächstenliebe und Toleranz dienen (auf die sich perfider Weise gerade diejenigen berufen, die seinen Tod herbeiwünschten und bejubelten). Vielleicht fühlt sich gar die hessische Landesregierung berufen, Walter Lübcke zum Namensgeber für ein Bildungsprojekt zu machen, das Menschen davor bewahrt so verblendet und rechthaberisch zu werden, dass sie über ihre politische Meinung die grundlegende Menschlichkeit vergessen.

Mir scheint es in jedem Fall passend in dem Monat, in dem Deutschland von dem Mord an Lübcke erschüttert wird, an des Projekt von Gunter Demnig zu erinnern. Den Stolpersteinen ist mit dieser Form des vernetzten Gedenkens etwas geglückt ist, was die FAZ mal als „das größte dezentrale Denkmal der Welt“ bezeichnet hat. Über 70.000 Steine haben Demnig und seine zahllosen Helfer*innen bereits verlegt – und damit über 70.000 Zeichen gesetzt gegen die schreckliche Geschichte von Nazi-Deutschland.

Diese Form des vernetzten Protests passt zu den Ideen des Shruggie. Denn es ist kein teilnahmsloser Protest, es ist ein aktives Eingreifen und Erinnern. Und es ist dezentral und vernetzt. Es ist auf eine erstaunliche Weise digital – wenngleich die Steine genau das nicht sind (es wäre in der Tat spannend, über eine digitale Nutzung nachzudenken, die nicht nur Pokemon-Go-Spieler*innen nutzt).

Auf der Stolpersteine-Website steht unter dem Punkt „Spenden“

Stolpersteine werden in der Regel über Patenschaften finanziert. Wenn Sie Pate eines Stolpersteines werden möchten, wenden Sie sich an die entsprechende Stadt und schreiben Sie die dortige Initiative an. Einen Überblick aller Initiativen finden Sie unter „Kontakt“.

Man kann das Projekt aber auch ganz banal mit Geldspenden unterstützen!

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.