Alle Artikel mit dem Schlagwort “Shruggie des Monats

Shruggie des Monats: das Magazin Economist

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen.

Sollte man Steve Bannon eine Bühne bieten? Über diese Frage wird in angelsächsischen Medien gerade heftig gestritten. Anlass ist eine Ein- und wieder Ausladung des ehemaligen Beraters von Donald Trump durch das Magazin New Yorker. Bannon hätte im Rahmen des New Yorker Festivals vom angesehenen Chefredakteur David Remnick interviewt werden sollen. Wenige Minuten nach der Ankündigung, regte sich heftiger Widerstand und prominente Teilnehmer*innen kündigten an, nicht beim Festival aufzutreten, sollte Bannon dort auftreten. Daraufhin zog Remnick die Einladung zurück:

Im Guardian kommentierte Arwa Mahdawi die Entscheidung sehr klar als doppelt falsch. Sie schrieb:

The New Yorker’s decision to give Bannon a platform was irresponsible and immoral. While it has rescinded the invitation, harm has already been done. Indeed, I imagine that getting invited and then uninvited from the festival was Bannon’s dream scenario. First he gained intellectual legitimacy by having the New Yorker announce him as a headliner. Then he got to do what the far right seems to enjoy doing the most: play the victim. No doubt extremists everywhere are dashing off opinion pieces about how conservative views are being censored by the liberal media.

Auch in meiner Timeline und im direkten Umfeld hörte ich viele, die genau diese Meinung teilen. Ich bin allerdings sehr unsicher: Löst es das Problem, wenn man Bannon einfach nicht zuhört?

¯\_(ツ)_/¯

Zanny Minton Beddoes hat darauf heute eine beeindruckende und wie ich finde richtige Antwort gegeben. Sie ist die Chefredakteurin des Magazins Economist. Dort hat man im Frühjahr ein Debattenformat namens Open Future gestartet – und im Rahmen dieser Debatten hatte man ebenfalls Steve Bannon eingeladen. Doch anders als der Remnick hält Minton Beddoes an ihrer Einladung fest – und die Begründung dafür halte ich für souveräner und vor allem liberaler als Remnicks Entscheidung. Minton Beddoes schreibt:

Mr Bannon stands for a world view that is antithetical to the liberal values The Economist has always espoused. We asked him to take part because his populist nationalism is of grave consequence in today’s politics. He helped propel Donald Trump to the White House and he is advising the populist far-right in several European countries where they are close to power or in government. Worryingly large numbers of people are drawn to nativist nationalism. And Mr Bannon is one of its chief proponents.

The future of open societies will not be secured by like-minded people speaking to each other in an echo chamber, but by subjecting ideas and individuals from all sides to rigorous questioning and debate. This will expose bigotry and prejudice, just as it will reaffirm and refresh liberalism. That is the premise The Economist was founded on.

Ich glaube, sie hat recht. Demokratisch zu sein, heißt doch eben nicht einfach nur Recht zu haben. Es heißt auszuhalten, dass es andere Meinungen gibt, Pluralismus zu leben und den kritischen Austausch zu suchen. Es ist anstrengend das auszuhalten, es ist eine Herausforderung, aber ich glaube, dass Demokratie wie ein Muskel funktioniert: dass man sie trainieren muss.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

Shruggie des Monats: der „für später“-Button von Pocket

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree, den Traditionshasen, die Plattform Startnext, das Stories-Format sowie die Özil-Debatte beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen.

Heute nun: der „für später“-Button des Dienstes Pocket ¯\_(ツ)_/¯

Wann genau ist eigentlich dieses „später“? Wann kommt also der Zeitpunkt, an dem ich die Ruhe finde all das zu lesen, was ich da per Mausklick speichere? Die Frage stelle ich mir seit geraumer Zeit. Zeit fast zehn Jahren nämlich sammle ich Lesetipps für später – mit einem Dienst, der Instapaper heißt und anfangs von dem sehr umtriebigen Programmierer Marco Arment quasi alleine auf die Beine gestellt wurde. Arment verkaufte Instapaper irgendwann und zuletzt sorgte der Dienst für Aufmerksamkeit, weil er Probleme mit dem europäischen Datenschutz hatte. Ich jedenfalls nutze ihn sehr lange und mindestens so häufig wie ich mich übers Archivieren und Wiederfinden von guten Texten freue, frage ich mich auch: Wann ist eigentlich später?

Die Antwort ist – natürlich – ein fröhliches Schulterzucken. ¯\_(ツ)_/¯

Denn auch wenn es in der Hektik des „schnell-speichern-und-vergessen“-Alltags manchmal untergeht: Es gibt diese guten Später-Momente durchaus. Eine lange Zugfahrt, auf der ich mich freue, all die Texte lesen zu können, die ich mal so spannend fand, dass ich sie speicherte. Deshalb sind Dienste wie Instapaper (und eben Pocket, auf das ich gleich komme) eben sehr tolle Erfindungen und deshalb ist das Klicken auf den „für später“-Button auch immer eine kleine Hoffnung auf ein besseres Morgen – verbunden mit dem Versprechen dereinst Zeit zu haben all das auch zu lesen.

Dass ich diese buttongewordene Hoffnung auf ein besseres Morgen genau jetzt als Shruggie des Monats auswähle, hängt mit der letzten Folge meines Newsletters zusammen. Anfang August drückten nämlich so viele Menschen bei dem Text Fünf Fitness-Übungen für Demokratie auf den „für später“-Button, dass meine Zugriffsstatistiken verrückt spielten.

Schuld daran ist der Instapaper-Konkurrent Pocket. Der hieß früher mal Read it later. Aber anders als Instapaper verkaufte der Gründer Nate Weiner den Dienst nicht, sondern entwickelte ihn weiter und betreibt ihn jetzt unter dem Dach der Mozilla-Foundation, die unter anderem auch den Browser Firefox entwickelt. Und der Firefox ist der Grund für den Traffic-Anstieg auf meinem Blog.

Mozilla möchte mit Hilfe von Pocket (und dem eingebauten „für später“-Button) ein Projekt realisieren, das sie Context Graph nennen. Sie wollen Nutzer*innen in Firefox auf Basis von Pocket-Empfehlungen Lesetipps ausspielen, die zu deren Interessen passen. Wie das gelingen kann, ohne Nutzerdaten zu speichern, wird hier erklärt. Wie das angenommen wird, kann ich auf Basis meines letzten Newsletters erklären: ziemlich gut.

Mein Text landete offenbar bei so vielen Firefox-Nutzer*innen auf der Startseite in den Pocket-Empfehlungen, dass nicht nur die Zugriffe auf dieser Seite in die Höhe gingen – auch die Abozahlen in meinem Newsletter stiegen massiv an. Das freut mich natürlich – und erinnert mich ein wenig an die Anfänge von Social-Media als derartige Reichweiten-Sprünge aus anfangs unerklärlichen Gründen noch häufiger passierten. Vielleicht steckt in der Pocket-Firefox-Entwicklung ähnliches Potenzial. In jedem Fall zeigt sie: Inhalte alleine sind immer weniger wert. Der Kontext wird immer wichtiger.

Wer sich für Hintergründe zu dieser Entwicklung interessiert, kann mal in mein Buch „Das Ende des Durchschnitts“ schauen oder sich bei The Verge dieses Interview mit Pocket-Chef Nate Weiner anhören.

Ich habe jedenfalls in diesem Monat meinen „für später“-Button von Instapaper zu Pocket umgezogen (das geht dank Export bei Instaper und Import bei Pocket recht einfach). Hier kann man meine öffentlichen Lese-Empfehlungen anschauen – ganz oben in der Liste sind gerade alte Folgen meines Newsletters. Denn auch hier im Blog gibt es ab sofort einen „für später“-Button von Pocket unter jedem Text. Denn kann man künftig gerne drücken – in der stillen Hoffnung auf ein gutes später mit mehr Zeit zur Lektüre

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

Shruggie des Monats: Die Özil-Debatte

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree, den Traditionshasen, die Plattform Startnext sowie das Stories-Format beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. ¯\_(ツ)_/¯

Ich bin Mesut Özil dankbar. Denn es gibt einen Aspekt an der gerade in aller Heftigkeit laufenden Debatte, den ich uneingeschränkt und ohne jegliche Abwägung und Einordnung dank Mesut Özil betonen kann: So einfach ist es nicht. Mit diesem Satz liegt man in nahezu jeglicher Debatte über den Nationalspieler nicht falsch. Und das ist schon ziemlich viel Wert: nicht völlig falsch zu liegen.

Denn die Özil-Debatte präsentiert in aller Anschaulichkeit eine der definierenden Grundeigenschaften zahlreicher gegenwärtiger Herausforderungen, die man ebenfalls mit dem Satz „So einfach ist das nicht“ zusammenfassen kann. Bei immer mehr Problemen sind die Abhängigkeiten und Verknüpfungen so unübersichtlich und komplex geworden, dass wir mit einfachen Antworten nicht mehr weiter kommen – auch und gerade nicht in der Özil-Debatte. Sie ist, wie der Kollege Friedemann Karig es sehr treffend auf den Punkt gebracht hat, eine (wie ich finde:) großangelegte Übung in „Ambiguitätstoleranz“

Wir müssen lernen, mit Widersprüchen und Mehrdeutigkeiten umzugehen. Das drückt der Begriff Ambiguitätstoleranz aus – und die Özil-Debatte zwingt uns genau dazu. Denn sie ist voll von „Aber andererseits“-Argumenten, die es zu bedenken gilt, wenn man sich von den Verfechtern der einfachen Schuldzuweisungen distanzieren will. Das menschenfreundliche Schulterzucken des Shruggie ist für mich das perfekte Symbol für Ambiguitätstoleranz – und die aktuelle laufende Debatte um Mesut Özil eignet sich deshalb so gut für eine Übung genau darin, weil sie voll ist von Meinungen und Gewissheiten. Nahezu jeder Wortbeitrag zum Thema ist voll von festen Standpunkten und Ansichten. Aber fast kein Wortbeitrag bringt die Offenheit und die Toleranz auf, nachzufragen was ständiger Antrieb des Shruggie ist: Was, wenn das Gegenteil richtig wäre?

Dieser Pluralismus ist Grundlage für ein weltoffenes, tolerantes Land und die Debatte um Mesut Özil erinnert uns alle daran, dass es etwas gibt, was wichtiger ist als einfach nur recht zu haben: der Wettstreit der Ideen. Dafür einzutreten heißt eben auch, den Verdacht zuzulassen, dass die Gegenseite Recht haben könnte – oder schlimmer noch, dass mehrere Aspekte richtig sein könnte. (Foto: Unsplash/Ozan Safak)

Genau davon handelt die Haltung des Shruggie – und er hat sie diese Woche in einem Mehr Ratlosigkeit wagen überschriebenen Essay im Deutschlandfunk ausführlich dargelegt. Der Beitrag wurde an dem Tag veröffentlicht, an dem nachmittags viele tausend Menschen gegen Hetze und für eine menschenfreundliche Politik in München auf die Straße gegangen sind und an dem abends Mesut Özil seine III/III Stellungnahmen veröffentlichte.

Die CSU empfindet das Eintreten für eine menschliche Politik als Angriff auf ihre Vertreter*innen. Das klingt nicht nur entlarvend, es legt auch ein demokratisches Defizit offen: Die CSU hat sich ausführlich mit der #ausgehetzt-Demo befasst, sie hat dafür Plakate gedruckt und im Anschluss auch eine absonderliche #WirsindCSU-Kampagne gestartet, in der sie sich als Opfer von linker Hetze sieht. Ich frage mich, wieviel sinnvoller diese Energie investiert gewesen wäre, hätte ein CSU-Landtagsabgeordneter das getan, was die Vertreter*innen anderer Parteien bei der Demo am Sonntag auf dem Königsplatz getan haben: Fünf Minuten vor den Demonstranten zu sprechen. Für das demokratische Klima in diesem Land (und vermutlich sogar für die Wahlergebnisse der CSU) wäre ein solcher Auftritt sicher hilfreicher gewesen als die etwas merkwürdige Kampagne, die man jetzt zu starten versucht.

Denn Ambiguitätstoleranz zu praktizieren, heißt ja nicht nur festzustellen, dass es keine einfachen Lösungen mehr gibt. Es heißt auch, auszuhalten, dass es Widerspruch gibt – von der Bühne und vor der Bühne. Meiner Meinung nach müssen wir hier allesamt noch etwas üben. Mesut Özil hat das sehr eindrücklich offen gelegt.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

Shruggie des Monats: das Stories-Format

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree sowie den Traditionshasen und die Plattform Startnext beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. ¯\_(ツ)_/¯

Ich verstehs nicht. Das Format widerspricht allem, was ich meinte über Social Media verstanden zu haben: Man kann es nur für kurze Zeit (24 Stunden) ansehen, es gibt keine Möglichkeit zu öffentlichen Likes oder Kommentaren, keinen sichtbaren Austausch und maximal 15 Sekunden Zeit. Die im Hochformat gefilmten Sequenzen, die Snapchat unter dem Namen Stories erfand, sind mir ein Rätsel – aber ein faszinierendes. Seit Instagram das Format kopiert hat, versuche ich zu verstehen, was den Reiz der Stories ausmacht – mit mäßigem Erfolg. Bis ich mich meiner Ratlosigkeit stellte, einfach selber konsequent Stories zu nutzen begann und einen tollen Text dazu las.

Dabei soll ich hier gar nicht so sehr darum gehen, dass Ian Bogost in diesem the Atlantic-Text Stories als erstes Smartphone-Medienformat beschreibt. Als Shruggie des Monats wähle ich das Story-Format, weil ich eine Menge Leute kennen, die meine Ratlosigkeit ihnen gegenüber teilen. Sie verstehen einfach nicht so genau, was dieses Format will oder soll. Und genau diese Verstörung ist Ausgangspunkt für Neues – behauptet jedenfalls der Shruggie. Er fordert gar dazu auf, sich dieser Irritation bewusst auszusetzen. Eben um auf neue Ideen zu kommen.

Ich bin weit davon entfernt, auf Story-Ideen zu kommen. Seit ich aber aus der Ratlosigkeit heraus begonnen habe, selber kleine Sequenzen zu filmen und zu veröffentlichen, habe ich eine erstaunliche Shruggie-Beobachtung gemacht: Die Verwirrung verschwindet.

Durch die Benutzung habe ich selber verstanden, was ich vorher nur von außen geahnt habe: Die zeitliche Verknappung der Stories sind die grundlegende Basis ihres Erfolgs. Um auf dem Laufenden zu bleiben, was meine Freunde beschäftigt, muss ich sehr regelmäßig ihre Stories anschauen. Denn wenn es blöd läuft, verpasse ich sonst eine zentrale Information – die eben nach 24 Stunden verschwunden ist. So wie Twitter auf die unbegrenzte Möglichkeit der Veröffentlichung mit einer Begrenzung der Zeichenzahl reagiert, so setzt das Stories-Format in Zeiten der ständigen Verfügbarkeit von Online-Inhalten auf deren zeitliche Begrenzung. „Gibts halt nur 24 Stunden, musst du jetzt gucken“ ist die Online-Entsprechung zur Schlange am angesagten Club – eine Verknappung, die das Interesse steigert.

Richtig begriffen habe ich das erst, als ich über meine eigenen Ratlosigkeit hinweg begonnen habe, selber Stories zu veröffentlichen. Denn natürlich bleiben diese nicht ohne Reaktion – die Reaktionen geschehen aber nicht mehr öffentlich. Es gibt einen privateren Austausch als jener auf der Social-Media-Bühne. Auch das ist ein interessanter Aspekt, den ich als außenstehender Beobachter vermutlich nicht erkannt hätte.

Und abseits der formalen Aspekte, eröffnet das Format tatsächlich ein neues Erzählmuster und veränderte filmische Narrative. Ob es – wie Ian Bogost schreibt – wirklich das erste Smartphone-Medienformat ist, kann ich nicht beurteilen. Aber ich glaube er liegt nicht falsch, wenn er analysiert:

“Photography is not about the thing photographed,” Winogrand once said. “It is about how that thing looks photographed.” And likewise, a Story is not about the things sequenced in the story. It is about how those things look through the sensors and software of a smartphone. It’s a dubious sensation, to stare down the barrel of that future.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf, der dieser Tage passender Weise auf Startnext in das längste Podcast-Abo der Welt gestartet ist: Hier kann man es unterstützen

Shruggie des Monats: Die Plattform Startnext

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree sowie den Traditionshasen beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. ¯\_(ツ)_/¯

Diesen Monat – aus aktuellem Anlass – die Plattform Startnext.


Ich bin ein Fan. Wer hier einen objektiven Text über die Crowdfunding-Plattform „Startnext“ erwartet, sollte deshalb am besten gar nicht weiterlesen. Denn ich mag die Idee und die Art wie die Macherinnen und Macher von Startnext seit Jahren Crowdfunding in Deutschland machen. Dass sie dabei kontinuierlich erfolgreich sind und den deutschsprachigen Markt bestimmen (obwohl viele dachten, Kickstarter werde alles übernehmen), ist ein weiterer Grund für mein Fantum, das aber auch einen sehr persönlichen Auslöser hat.

Als ich im Herbst 2012 mit meinem Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“ auf Startnext experimentierte, bescherte mir die Plattform einen der schönsten Arbeitstage meines Berufslebens. Ich hatte gefragt: Kann man ein Buch verkaufen, von dem noch nicht eine Zeile geschrieben ist? Und im Laufe des Tages gaben mir immer mehr Leserinnen und Leser eine Antwort. Sie kauften dieses Buch, das nach klassischen Kriterien noch gar nicht existierte und schenkten mir damit eine Form der Motivation, die so nur durch das Internet und Startnext möglich ist: „Wir wollten das lesen“, sagten sie und hinterlegten diese Aufforderung sogar mit Geld.

Wer diese grundlegende Transformation der Content-Produktion nur aus finanzieller Sicht betrachtet, übersieht dabei den entscheidenden kulturellen Faktor, den ich inhaltlich wie formal in dem Buch beschrieben habe, das am Ende des Prozesses stand.

Dass ich Startnext heute aber als Shruggie des Monats erwähne und damit als Angebot, in dem viele Ideen aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erkennbar werden, liegt nicht an dem Erfolg. Es liegt an der Unsicherheit, die ich spüre, seit Yannic und ich vor ein paar Tagen eine neue Frage auf Startnext gestellt haben. Sie lautet: Kann man in diesen flüchtigen Zeiten Menschen für ein Zehn-Jahres-Abo begeistern? So lange wollen wir Hörerinnen und Hörern den Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ liefern, in einem Angebot, das wir etwas großspurig als das vermutlich längste Podcast-Abo der Welt genannt haben.

Ich weiß nicht, ob das viele Menschen interessiert. Ich weiß nicht, ob wir damit so viel Geld zusammenkriegen, um zumindest Yannics Arbeitszeit zu bezahlen. Ich weiß aber, dass genau der Reiz der Plattform Startnext ist. Sie ist das Website gewordene Gefühl von Unsicherheit. Das Projekt kann scheitern, öffentlich und sichtbar. Das wäre einerseits nicht schön, das ist aber andererseits warum ich mich für Crowdfunding begeistern kann. Weil Menschen sich diesem Gefühl des Scheiterns aussetzen. In dem kleinen Crowdfunding-Ratgeber, den ich mal schrieb, fasste ich diese Bereitschaft zum Nicht-Gelingen in dem halben Punkt zusammen, der in den 22,5 Schritten zum erfolgreichen Crowdfunding steckt.

„Wir alle strahlen gern Selbstsicherheit aus“, hat der niederländische Autor Erik Kessels mal geschrieben. „Wir glauben, dass wir Selbstsicherheit ausstrahlen müssen. Wir halten sie für eine Voraussetzung für Erfolg. Aber wenn es um Kreativität geht, ist in Wahrheit die Unsicherheit entscheidend.“ Ich glaube, dass er damit richtigliegt. Deshalb habe ich das Lob der Ratlosigkeit geschrieben und den Shruggie zum Titelheld des Buches und der zugrundeliegenden Haltung erhoben. Und deshalb bin ich Fan von Startnext.

Denn der direkte Kontakt zu den Leserinnen und Kunden macht nicht nur den Reiz aus, er ist auch die Grundlage für den kreativen Prozess, in dem wir stecken, wenn wir einen Text schreiben, einen Podcast aufnehmen oder ein kulturelles Werk erstellen wollen. Wenn wir Startnext genau in diesem Sinne einsetzen, können wir damit scheitern und Ideen sterben sehen – wir können dabei auch eine ganze Menge lernen: zunächst mal über uns selber, über unsere Erwartungen und unsere Selbstwahrnehmung. Aber natürlich lernen wir auch in Bezug auf die Idee hinzu. Haben wir sie gut genug erklärt? Ist sie tatsächlich schon so gut wie wir vorher glaubten? Wo können wir sie verbessern?

Genau deshalb ist Startnext für mich mehr als eine Plattform für Vorabbestellungen. Genau deshalb bin ich Fan – unabhängig davon, ob das Shruggie-Crowdfunding am Ende gelingt oder nicht.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf, der dieser Tage passender Weise auf Startnext in das längste Podcast-Abo der Welt gestartet ist: Hier kann man es unterstützen

In Kategorie: DVG

Shruggie des Monats: der Traditionshase

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash und den Broccoli-Tree beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. Nun mit etwas Sicherheitsabstand zu den Ostertagen: der Traditionshase

Der Kollege Oliver das Gupta hat bei SZ.de die Sache mit dem Hasen sehr gut zusammengefasst: „Pünktlich zum nachrichtenarmen Feiertagswochenende“, schreibt er, „initiiert die politische Rechte einen Tanz ums goldene Langohr. Es geht um Osterhasen, genauer: um Schokoladenhasen, die zur Osterzeit gekauft, verschenkt und manchmal zu spät vertilgt werden. Im Handel firmiert eine Schweizer Sorte unter der Bezeichnung „Traditionshase“, worüber sich AfD-Leute und deren Anhang empören.“ Ihr Verdacht, den sie mit ihrer Followerschaft teilen, die ihn daraufhin ebenfalls verbreitet: „Die „Osterhasen“ müssten nun „Traditionshasen“ heißen, weil man sich nach der nicht-christlichen und nicht bio-deutschen Kundschaft richtet. Es sei eine „Unterwerfung“ (O-Ton AfD-Chef Jörg Meuthen) unter die politische Korrektheit.“

Im Folgenden widmet sich Oliver das Gupta dann sehr lesenswert der Geschichte des Osterhasen und geht der Frage nach, „ob der Osterhase wirklich zum christlich-abendländischen Kulturgut taugt, das verteidigt werden muss.“ Das ist sehr lesenswert, mich interessiert an der Aufregung um den Hasen, der übrigens schon seit 1992 als Traditionshase geführt wird, ein anderer Aspekt, der auch den Shruggie im genannten Buch umtreibt: Was wäre eigentlich, wenn das Gegenteil richtig wäre?

Ich habe mich in der Debatte kurz gefragt, was eigentlich wäre, wenn die Sorge der Menschen stimmt, die eine Unterwerfung derjenigen Traditionen zu erkennen meinen, die ihnen offenbar wichtig sind. Was wäre eigentlich, wenn ich ein Schulterzucken lang versuche herauszufinden, woher ihre Sorge rührt? Anders formuliert: Warum teilen Menschen diesen Unsinn?

Sie haben offenbar tatsächlich die Sorge, Dinge, die für sie wichtig sind, könnten an Bedeutung verlieren. In ihnen wächst scheinbar ernsthaft der Verdacht, sie selber könnten marginalisiert werden. Der Osterhase scheint ihnen wirklich zum Symbol ihrer eigenen Wichtigkeit zu werden. Sie haben das Gefühl, keine Rolle mehr zu spielen. Sie glauben, dass ihre Ansichten und Meinungen unterrepräsentiert sind, sie fühlen sich zurückgedrängt (wie absurd das z.B. im Fall von Jens Jessen sein kann, hat Margarete Stokowski sehr anschaulich beschrieben)

Viel wichtiger als die Frage, ob das alles auf Basis einer wirklichen Grundlage stattfindet oder nicht, ist die Beobachtung, dass und wie Populisten genau dieses Gefühl bedienen und in ihren Narrativen („darf man hierzulande ja nicht mehr sagen“) noch bestärken. Denn nur wenn man im Sinne des Shruggie aus dieser Perspektive auf das Thema blickt, wird man erkennen, dass man die Debatte mit Lustigmachen oder Gegenkampagnen in social-media nicht einfangen wird. Sie bestärken im Gegenteil sogar noch den Eindruck der gefühlt marginalisierten Masse.

Der Traditionshase ist deshalb ein gutes Symbol für den ständigen Appell an einen offenen, pluralistischen Diskurs, weil er so inhaltsleer ist. Genau deshalb beweist er aber, dass die demokratische Antwort auf diese inszenierten Aufregungs-Debatten nicht allein darin liegen kann, die Behauptung als inhaltlich falsch offenzulegen. Am Gefühl der Marginalisierung ändert das nichts – oder um es im Bild der beiden Menschen zu sagen, die von rechts und links auf eine am Boden liegende Ziffer blicken: Sie halten die 9 noch immer für eine 6.

Damit will ich keineswegs davon abraten, weiterhin zu sagen was ist. Es geht weiterhin darum, die Perspektiven von 6 und 9 zu benennen. Um aber die Grundlagen der pluralen, demokratischen Gesellschaft nicht in einem Facebook-Kampf von Rechthabern in Frage zu stellen, muss man mindestens ebenso sehr darauf hinweisen, dass es unterschiedliche Perspektiven gibt. Und für alle, die – wie ich – diese angestachelte Sorge um den Untergang des Abendslandes für falsch halten, heißt das zunächst: zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die sich ernsthaft von dem Begriff Traditionshase oder Wintermarkt marginalisiert fühlen. Es gibt diese Perspektive!

Das heißt nicht im Seehofer-Sinn: die Sorgen der Menschen ernst nehmen. Es heißt nicht, das Gefühl der Marginalisierung noch zu verstärken, indem man ständig von der Gefahr durch das Fremde spricht. Es heißt: Ihre Perspektive verstehen, nachvollziehen, warum sie auf die Tricks der Populisten reinfallen. Es heißt, das Narrativ der offenen, demokratischen Gesellschaft dem entgegenstellen, was die Populisten als Antwort anbieten. Es heißt den Perspektivwechsel vorzuleben.

Das beginnt damit, dass man dem Gefühl der vermeintlich Marginalisierten nachgeht – und ihm ebenfalls einen Perspektiv-Wechsel entgegenstellt. Das wird nicht bei den Antreibern dieser Debatten gelingen. Aber bei denen, die ihnen folgen, weil sie ernsthaft denken, durch den Verlust des Begriffs „Osterhase“ einen Wert zu verlieren. Kann es gelingen, ihnen die Perspektive derjenigen dazustellen, die wirklich etwas verlieren, weil sie ihr Land verlassen müssen? Weil ihre Unterkunft abgebrannt ist?

John Perry Barlow hat mal den Ratschlag für erwachsenes Handeln formuliert, den man vor dem Hintergrund des Traditionshasen neu lesen könnte: „Du solltest nicht davon ausgehen,“ schrieb er, „dass die Motive anderer ihnen weniger edel erscheinen als deine Motive dir selber.“

Wenn also diejenigen, die diese Traditionshasen-Aufregung weitergetragen haben, aus für sie ebenso edlen Motiven gehandelt haben, wie diejenigen, die versuchen die Luft aus dem Unsinn zu lassen, dann sollte es doch beiden Seiten möglich sein, einen Perspektivwechsel zu vollziehen. „Bildung ist die Fähigkeit, eine Sache aus der Perspektive eines anderen zu betrachten“, hat Gadamer mal gesagt. In diesem Sinne würde der Shruggie in Sachen Traditionshasen mehr Bildung wünschen – für alle Seiten.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf.

Shruggie des Monats: der Broccoli-Tree

Seit Beginn des Jahres gibt es eine Neuerung in meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann): den Shruggie des Monats. In dieser Rubrik habe ich bereits den Autoren Eli Pariser und das Phänomen des Techlash ausgezeichnet – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. In der März-Folge zeichne ich einen Baum aus, den es schon gar nicht mehr gibt: der Broccoli-Tree.

Er ist schon seit ein paar Monaten tot. Zerstört, gefällt, verschwunden. Und doch erhält der Baum am Südufer des schwedischen Vättern-Sees in diesem Monat besondere Ehre – und das liegt an diesem Video, das die Vlogbrothers gemeinsam mit dem schwedischen Fotografen Patrik Svedberg produziert und Anfang März online gestellt haben.

Patrik hat den Baum, der in seiner Form an einen Brokkoli erinnert unter dem Namen The Broccoli Tree web- und weltberühmt gemacht. Begonnen hat alles mit einer beiläufigen Beobachtung auf dem Arbeitsweg von Patrik. Er entdeckte den Baum, postete ein schlechtes Foto von ihm auf Instagram und erhielt 43 Likes. Mittlerweile folgen dem Baum über 30.000 Menschen auf Instagram (wo ich das Bild gemacht habe), er hat eine eigenen Ortsangabe auf Google Maps.

Denn aus der Freude aus der beiläufigen Beobachtungen wurde ein Gemeinschaftserlebnis. Patrik teilte seine Freude und sie wurde mehr. Denn – das mag pathetisch klingen – digitale Dateien und Freude verhalten sich sehr ähnlich: Sie werden nicht weniger, wenn man sie teilt.

Und genau über dieses Teilen haben die Vlogbrothers einen Clip gemacht, in dem Patrik die Geschichte des Baumes nacherzählt – von dem wachsenden Freundeskreis, der sich für die Motive in immer neuen Kontexten begeistert.

Doch dann im September 2017 war plötzlich etwas anders: Der Baum war beschädigt. Jemand hatte ihn bewusst zerstört – und zwar so massiv, dass der Brokkoli-Baum wenige Tage später offiziell gefällt werden musste. „Etwas zu teilen, trägt das Risiko in sich, es zu verlieren“, sagt Patrik in dem Clip. „Das gilt besonders für eine Welt, in der es das Bedürfnis gibt, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – und sei es nur indem man einen viel geachteten Baum zerstört.“

Trotzdem kommt Patrik – und da ist er dem Shruggie nicht unähnlich – nicht auf die Idee, das Teilen des Baumes in Zweifel zu ziehen. Denn: „In Wahrheit können wir auch die Dinge verlieren, die wir für uns und geheim halten. Nur dann sind wir auch in unserer Trauer allein und können den Verlust mit niemandem teilen.“

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf.

Shruggie des Monats: Der Techlash

Mit dem Jahr 2018 gibt es auch ein paar Änderungen in meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Ich führe zum Beispiel diese Rubrik ein: Den Shruggie des Monats. Ausgezeichnet wird eine Person oder Idee, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheint. Folge 1 im Januar 2018 war Eli Pariser. Folge zwei nun: der Techlash!

Nein, es geht nicht ums Abschalten! Der Begriff Techlash, der seit ein paar Wochen schon eine Entwicklung der Besinnung beschreibt, handelt nicht von der Rückkehr in die analoge Welt. Wenn man Rückbesinnung sprechen will, dann geht es eher um die Grundideen eines dezentalen Web, das ohne zentrale Plattform auskommt, die eigenmächtig die Regeln bestimmt. (Foto: Unsplash/Team UL8)

Der Kollege Johannes Kuhn hat auf SZ.de den Begriff und die Entwicklungen in Amerika vorgestellt. Für mich ist der Techlash bedeutsam, weil er beweist: Die als GAFAM abgekürzten Technik-Giganten Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft sind nicht per se groß und uneinholbar, man kann ihre Macht beschränken, politisch und durch technische Alternativen.

So interpretiert ist der Techslash der perfekte Ausdruck für die Haltung, die der Shruggie in „Das Pragmatismus-Prinzip“ beschreibt: die Offenheit für die ständige Frage „Was wäre, wenn das Gegenteil richtig wäre?“

Ich habe in den vergangenen Wochen zahlreiche Texte gelesen, die diese Entwicklung beschreiben und kreativ vorantreiben. Der mit Abstand beste war dieses fiktive Memo an die Chefs von Amazon, Facebook, Google, Apple, Netflix und Microsoft, das der Econmoist unter dem Titel „Silicon Valley, we have a problem“ veröffentlichte. Allein dieser Text ist ein Beispiel für den Perspektivwechsel, um den es im Pragmatismus-Prinzip geht. Das Memo beschreibt nämlich all die rechtlichen und politischen Entwicklungen, mit denen die Tech-Giganten konfrontiert sind – aber eben aus deren Perspektive, als Bedrohung.

Die weiteren Lese-Empfehlungen zum Thema versuche ich hier fortlaufend zu dokumentieren:
* Rachel Botsman: Dawn of the Techlash (Guardian)
* Adam Tinworth: Facebook Never Loved Journalism. It’s time to break up
* Chris Dixon: Why Decentralization Matters
* John Harris: The punk rock internet – how DIY ​​rebels ​are working to ​replace the tech giants
* Ethan Zuckerman: Facebook Only Cares About Facebook
(…)


Hier geht es zur passenden Newsletter-Folge, in der ich einen öffentlich-rechtlichen RSS-Reader vorschlage

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf.

Shruggie des Monats Januar: Eli Pariser

Mit dem neuen Jahr gibt es auch ein paar Änderungen an meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Ich führe zum Beispiel diese Rubrik ein: Den Shruggie des Monats. Ausgezeichnet wird eine Person, deren Auftreten mir besonders passend zu den Ideen aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheint. Folge 1 im Januar 2018: Eli Pariser (die gesamte Newsletter-Folge erscheint nächste Woche)

Schon in seinem Buch „Die Filter-Blase“ imponierte mir seine pragmatische Haltung. Anders als viele, die ihn und das Wort zitieren, zieht er daraus keineswegs kulturpessimistische Schlüsse. Eli Pariser startete im Wissen um das Prinzip der Filter-Blase eine Website, die Storytelling für genau diese digitale Welt entwickeln wollte: Upworthy.

Für ihn war die Filter-Blase nie eine Ausrede, im Gegenteil er nahm sie als Ansporn, um besser zu werden. In einem Interview mit meinen SZ-Kollegen Mirjam Hauck und Johannes Kuhn sagte er im Mai 2012: „Am Ende geht es darum, ob wir Werkzeuge benutzen oder die Werkzeuge uns. Jemand der sich gut auskennt und das Problem versteht, kann die Filterblase zum Platzen bringen. Aber viele Internetnutzer sind noch nicht so weit, weil es nicht leicht ist, diese neue seltsame Welt ohne technischen Hintergrund zu verstehen.“

In diesem Monat habe ich nun ein Interview mit ihm bei Digiday UK gehört, das seine Haltung zu Facebook auf den Punkt bringt. Eine Haltung, die dem Shruggie (der Hauptperson meines Buches „Das Pragmatismus-Prinzip“) sehr gefallen würde. Eli Pariser sagt darin mit Blick auf Facebook: “Facebook is still very important. It’s just the way the world is. It’s like gravity. It doesn’t help to say that gravity doesn’t exist. It does, and it exerts a strong force. Would we prefer that it didn’t exist? Maybe. But that’s not the world we’re living in. So, you have to be good at Facebook. Then, you build a sustainable business around that. There’s no choice [when it comes to Facebook] if you’re trying to reach a lot of people.”

Das ist interessant, weil Upworthy immer als Paradebeispiel dafür herangezogen wird, sich nicht zu sehr auf Facebook zu verlassen. Denn nach dem rasanten Aufstieg, brachen die Inhalte des Angebots in der Reichweite ebenso stark ein. Pariser bestreitet das nicht, hält aber fest, dass Upworthy dennoch eine funktionierendes Geschäftsmodell habe (das auf Branded Content basiert, was nochmal ein eigenes Thema wäre).

Das finde ich beeindruckend: Der Mann, der die Filterblase auf die öffentliche Agenda brachte, führt eine Firma, die ihr Geld mit und in Facebook verdient.

Darüberhinaus habe ich den Podcast mit großem Interesse gehört, weil Pariser auf beeindruckende Weise auf den Punkt gebracht, was der publizistische Kern der Art ist, wie Upworthy Geschichten erzählt. Dabei geht es darum, wie es diesem Medium gelingt, Menschen zu empowern. Leider fällt mir kein besseres Wort für die Art ein, wie Upworthy die Idee von Social-Media interpretiert (hier meine Perspektive zu dem Thema): „Do I have any role to play here or not?“ ist die Frage, die Upworthy-Geschichten ihren Leser*innen beantworten. Deshalb seien Upworthy-Geschichte stets aus einer Perspektive heraus gemacht, die den Leser*innen eine Anschlussmöglichkeit bietet, ein Option zum Empowerment: „How do you create those kinds of experiences where people walk away not feeling like „I gonna turn it all off“ but actually feeling like „I want to engage, I want to get busy doing somethin good“?

Diese Perspektive beschäftigt mich seit einer Weile und sie wird mich vermutlich weiter beschäftigen. Wer sich dafür interessiert und wer wissen möchte, welchen Shruggie des Monats ich im Februar wähle, der kann hier meinen monatlichen Newsletter bestellen, in dem es künftig eben genau diese Rubrik geben wird. Die Januar-Folge der Digitalen Notizen erscheint nächste Woche.

In Kategorie: DVG