Alle Artikel mit dem Schlagwort “Shruggie des Monats

Shruggie des Monats: Die Plattform Startnext

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree sowie den Traditionshasen beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. ¯\_(ツ)_/¯

Diesen Monat – aus aktuellem Anlass – die Plattform Startnext.


Ich bin ein Fan. Wer hier einen objektiven Text über die Crowdfunding-Plattform „Startnext“ erwartet, sollte deshalb am besten gar nicht weiterlesen. Denn ich mag die Idee und die Art wie die Macherinnen und Macher von Startnext seit Jahren Crowdfunding in Deutschland machen. Dass sie dabei kontinuierlich erfolgreich sind und den deutschsprachigen Markt bestimmen (obwohl viele dachten, Kickstarter werde alles übernehmen), ist ein weiterer Grund für mein Fantum, das aber auch einen sehr persönlichen Auslöser hat.

Als ich im Herbst 2012 mit meinem Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“ auf Startnext experimentierte, bescherte mir die Plattform einen der schönsten Arbeitstage meines Berufslebens. Ich hatte gefragt: Kann man ein Buch verkaufen, von dem noch nicht eine Zeile geschrieben ist? Und im Laufe des Tages gaben mir immer mehr Leserinnen und Leser eine Antwort. Sie kauften dieses Buch, das nach klassischen Kriterien noch gar nicht existierte und schenkten mir damit eine Form der Motivation, die so nur durch das Internet und Startnext möglich ist: „Wir wollten das lesen“, sagten sie und hinterlegten diese Aufforderung sogar mit Geld.

Wer diese grundlegende Transformation der Content-Produktion nur aus finanzieller Sicht betrachtet, übersieht dabei den entscheidenden kulturellen Faktor, den ich inhaltlich wie formal in dem Buch beschrieben habe, das am Ende des Prozesses stand.

Dass ich Startnext heute aber als Shruggie des Monats erwähne und damit als Angebot, in dem viele Ideen aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erkennbar werden, liegt nicht an dem Erfolg. Es liegt an der Unsicherheit, die ich spüre, seit Yannic und ich vor ein paar Tagen eine neue Frage auf Startnext gestellt haben. Sie lautet: Kann man in diesen flüchtigen Zeiten Menschen für ein Zehn-Jahres-Abo begeistern? So lange wollen wir Hörerinnen und Hörern den Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ liefern, in einem Angebot, das wir etwas großspurig als das vermutlich längste Podcast-Abo der Welt genannt haben.

Ich weiß nicht, ob das viele Menschen interessiert. Ich weiß nicht, ob wir damit so viel Geld zusammenkriegen, um zumindest Yannics Arbeitszeit zu bezahlen. Ich weiß aber, dass genau der Reiz der Plattform Startnext ist. Sie ist das Website gewordene Gefühl von Unsicherheit. Das Projekt kann scheitern, öffentlich und sichtbar. Das wäre einerseits nicht schön, das ist aber andererseits warum ich mich für Crowdfunding begeistern kann. Weil Menschen sich diesem Gefühl des Scheiterns aussetzen. In dem kleinen Crowdfunding-Ratgeber, den ich mal schrieb, fasste ich diese Bereitschaft zum Nicht-Gelingen in dem halben Punkt zusammen, der in den 22,5 Schritten zum erfolgreichen Crowdfunding steckt.

„Wir alle strahlen gern Selbstsicherheit aus“, hat der niederländische Autor Erik Kessels mal geschrieben. „Wir glauben, dass wir Selbstsicherheit ausstrahlen müssen. Wir halten sie für eine Voraussetzung für Erfolg. Aber wenn es um Kreativität geht, ist in Wahrheit die Unsicherheit entscheidend.“ Ich glaube, dass er damit richtigliegt. Deshalb habe ich das Lob der Ratlosigkeit geschrieben und den Shruggie zum Titelheld des Buches und der zugrundeliegenden Haltung erhoben. Und deshalb bin ich Fan von Startnext.

Denn der direkte Kontakt zu den Leserinnen und Kunden macht nicht nur den Reiz aus, er ist auch die Grundlage für den kreativen Prozess, in dem wir stecken, wenn wir einen Text schreiben, einen Podcast aufnehmen oder ein kulturelles Werk erstellen wollen. Wenn wir Startnext genau in diesem Sinne einsetzen, können wir damit scheitern und Ideen sterben sehen – wir können dabei auch eine ganze Menge lernen: zunächst mal über uns selber, über unsere Erwartungen und unsere Selbstwahrnehmung. Aber natürlich lernen wir auch in Bezug auf die Idee hinzu. Haben wir sie gut genug erklärt? Ist sie tatsächlich schon so gut wie wir vorher glaubten? Wo können wir sie verbessern?

Genau deshalb ist Startnext für mich mehr als eine Plattform für Vorabbestellungen. Genau deshalb bin ich Fan – unabhängig davon, ob das Shruggie-Crowdfunding am Ende gelingt oder nicht.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf, der dieser Tage passender Weise auf Startnext in das längste Podcast-Abo der Welt gestartet ist: Hier kann man es unterstützen

Shruggie des Monats: der Traditionshase

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash und den Broccoli-Tree beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. Nun mit etwas Sicherheitsabstand zu den Ostertagen: der Traditionshase

Der Kollege Oliver das Gupta hat bei SZ.de die Sache mit dem Hasen sehr gut zusammengefasst: „Pünktlich zum nachrichtenarmen Feiertagswochenende“, schreibt er, „initiiert die politische Rechte einen Tanz ums goldene Langohr. Es geht um Osterhasen, genauer: um Schokoladenhasen, die zur Osterzeit gekauft, verschenkt und manchmal zu spät vertilgt werden. Im Handel firmiert eine Schweizer Sorte unter der Bezeichnung „Traditionshase“, worüber sich AfD-Leute und deren Anhang empören.“ Ihr Verdacht, den sie mit ihrer Followerschaft teilen, die ihn daraufhin ebenfalls verbreitet: „Die „Osterhasen“ müssten nun „Traditionshasen“ heißen, weil man sich nach der nicht-christlichen und nicht bio-deutschen Kundschaft richtet. Es sei eine „Unterwerfung“ (O-Ton AfD-Chef Jörg Meuthen) unter die politische Korrektheit.“

Im Folgenden widmet sich Oliver das Gupta dann sehr lesenswert der Geschichte des Osterhasen und geht der Frage nach, „ob der Osterhase wirklich zum christlich-abendländischen Kulturgut taugt, das verteidigt werden muss.“ Das ist sehr lesenswert, mich interessiert an der Aufregung um den Hasen, der übrigens schon seit 1992 als Traditionshase geführt wird, ein anderer Aspekt, der auch den Shruggie im genannten Buch umtreibt: Was wäre eigentlich, wenn das Gegenteil richtig wäre?

Ich habe mich in der Debatte kurz gefragt, was eigentlich wäre, wenn die Sorge der Menschen stimmt, die eine Unterwerfung derjenigen Traditionen zu erkennen meinen, die ihnen offenbar wichtig sind. Was wäre eigentlich, wenn ich ein Schulterzucken lang versuche herauszufinden, woher ihre Sorge rührt? Anders formuliert: Warum teilen Menschen diesen Unsinn?

Sie haben offenbar tatsächlich die Sorge, Dinge, die für sie wichtig sind, könnten an Bedeutung verlieren. In ihnen wächst scheinbar ernsthaft der Verdacht, sie selber könnten marginalisiert werden. Der Osterhase scheint ihnen wirklich zum Symbol ihrer eigenen Wichtigkeit zu werden. Sie haben das Gefühl, keine Rolle mehr zu spielen. Sie glauben, dass ihre Ansichten und Meinungen unterrepräsentiert sind, sie fühlen sich zurückgedrängt (wie absurd das z.B. im Fall von Jens Jessen sein kann, hat Margarete Stokowski sehr anschaulich beschrieben)

Viel wichtiger als die Frage, ob das alles auf Basis einer wirklichen Grundlage stattfindet oder nicht, ist die Beobachtung, dass und wie Populisten genau dieses Gefühl bedienen und in ihren Narrativen („darf man hierzulande ja nicht mehr sagen“) noch bestärken. Denn nur wenn man im Sinne des Shruggie aus dieser Perspektive auf das Thema blickt, wird man erkennen, dass man die Debatte mit Lustigmachen oder Gegenkampagnen in social-media nicht einfangen wird. Sie bestärken im Gegenteil sogar noch den Eindruck der gefühlt marginalisierten Masse.

Der Traditionshase ist deshalb ein gutes Symbol für den ständigen Appell an einen offenen, pluralistischen Diskurs, weil er so inhaltsleer ist. Genau deshalb beweist er aber, dass die demokratische Antwort auf diese inszenierten Aufregungs-Debatten nicht allein darin liegen kann, die Behauptung als inhaltlich falsch offenzulegen. Am Gefühl der Marginalisierung ändert das nichts – oder um es im Bild der beiden Menschen zu sagen, die von rechts und links auf eine am Boden liegende Ziffer blicken: Sie halten die 9 noch immer für eine 6.

Damit will ich keineswegs davon abraten, weiterhin zu sagen was ist. Es geht weiterhin darum, die Perspektiven von 6 und 9 zu benennen. Um aber die Grundlagen der pluralen, demokratischen Gesellschaft nicht in einem Facebook-Kampf von Rechthabern in Frage zu stellen, muss man mindestens ebenso sehr darauf hinweisen, dass es unterschiedliche Perspektiven gibt. Und für alle, die – wie ich – diese angestachelte Sorge um den Untergang des Abendslandes für falsch halten, heißt das zunächst: zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die sich ernsthaft von dem Begriff Traditionshase oder Wintermarkt marginalisiert fühlen. Es gibt diese Perspektive!

Das heißt nicht im Seehofer-Sinn: die Sorgen der Menschen ernst nehmen. Es heißt nicht, das Gefühl der Marginalisierung noch zu verstärken, indem man ständig von der Gefahr durch das Fremde spricht. Es heißt: Ihre Perspektive verstehen, nachvollziehen, warum sie auf die Tricks der Populisten reinfallen. Es heißt, das Narrativ der offenen, demokratischen Gesellschaft dem entgegenstellen, was die Populisten als Antwort anbieten. Es heißt den Perspektivwechsel vorzuleben.

Das beginnt damit, dass man dem Gefühl der vermeintlich Marginalisierten nachgeht – und ihm ebenfalls einen Perspektiv-Wechsel entgegenstellt. Das wird nicht bei den Antreibern dieser Debatten gelingen. Aber bei denen, die ihnen folgen, weil sie ernsthaft denken, durch den Verlust des Begriffs „Osterhase“ einen Wert zu verlieren. Kann es gelingen, ihnen die Perspektive derjenigen dazustellen, die wirklich etwas verlieren, weil sie ihr Land verlassen müssen? Weil ihre Unterkunft abgebrannt ist?

John Perry Barlow hat mal den Ratschlag für erwachsenes Handeln formuliert, den man vor dem Hintergrund des Traditionshasen neu lesen könnte: „Du solltest nicht davon ausgehen,“ schrieb er, „dass die Motive anderer ihnen weniger edel erscheinen als deine Motive dir selber.“

Wenn also diejenigen, die diese Traditionshasen-Aufregung weitergetragen haben, aus für sie ebenso edlen Motiven gehandelt haben, wie diejenigen, die versuchen die Luft aus dem Unsinn zu lassen, dann sollte es doch beiden Seiten möglich sein, einen Perspektivwechsel zu vollziehen. „Bildung ist die Fähigkeit, eine Sache aus der Perspektive eines anderen zu betrachten“, hat Gadamer mal gesagt. In diesem Sinne würde der Shruggie in Sachen Traditionshasen mehr Bildung wünschen – für alle Seiten.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf.

Shruggie des Monats: der Broccoli-Tree

Seit Beginn des Jahres gibt es eine Neuerung in meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann): den Shruggie des Monats. In dieser Rubrik habe ich bereits den Autoren Eli Pariser und das Phänomen des Techlash ausgezeichnet – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. In der März-Folge zeichne ich einen Baum aus, den es schon gar nicht mehr gibt: der Broccoli-Tree.

Er ist schon seit ein paar Monaten tot. Zerstört, gefällt, verschwunden. Und doch erhält der Baum am Südufer des schwedischen Vättern-Sees in diesem Monat besondere Ehre – und das liegt an diesem Video, das die Vlogbrothers gemeinsam mit dem schwedischen Fotografen Patrik Svedberg produziert und Anfang März online gestellt haben.

Patrik hat den Baum, der in seiner Form an einen Brokkoli erinnert unter dem Namen The Broccoli Tree web- und weltberühmt gemacht. Begonnen hat alles mit einer beiläufigen Beobachtung auf dem Arbeitsweg von Patrik. Er entdeckte den Baum, postete ein schlechtes Foto von ihm auf Instagram und erhielt 43 Likes. Mittlerweile folgen dem Baum über 30.000 Menschen auf Instagram (wo ich das Bild gemacht habe), er hat eine eigenen Ortsangabe auf Google Maps.

Denn aus der Freude aus der beiläufigen Beobachtungen wurde ein Gemeinschaftserlebnis. Patrik teilte seine Freude und sie wurde mehr. Denn – das mag pathetisch klingen – digitale Dateien und Freude verhalten sich sehr ähnlich: Sie werden nicht weniger, wenn man sie teilt.

Und genau über dieses Teilen haben die Vlogbrothers einen Clip gemacht, in dem Patrik die Geschichte des Baumes nacherzählt – von dem wachsenden Freundeskreis, der sich für die Motive in immer neuen Kontexten begeistert.

Doch dann im September 2017 war plötzlich etwas anders: Der Baum war beschädigt. Jemand hatte ihn bewusst zerstört – und zwar so massiv, dass der Brokkoli-Baum wenige Tage später offiziell gefällt werden musste. „Etwas zu teilen, trägt das Risiko in sich, es zu verlieren“, sagt Patrik in dem Clip. „Das gilt besonders für eine Welt, in der es das Bedürfnis gibt, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – und sei es nur indem man einen viel geachteten Baum zerstört.“

Trotzdem kommt Patrik – und da ist er dem Shruggie nicht unähnlich – nicht auf die Idee, das Teilen des Baumes in Zweifel zu ziehen. Denn: „In Wahrheit können wir auch die Dinge verlieren, die wir für uns und geheim halten. Nur dann sind wir auch in unserer Trauer allein und können den Verlust mit niemandem teilen.“

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf.

Shruggie des Monats: Der Techlash

Mit dem Jahr 2018 gibt es auch ein paar Änderungen in meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Ich führe zum Beispiel diese Rubrik ein: Den Shruggie des Monats. Ausgezeichnet wird eine Person oder Idee, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheint. Folge 1 im Januar 2018 war Eli Pariser. Folge zwei nun: der Techlash!

Nein, es geht nicht ums Abschalten! Der Begriff Techlash, der seit ein paar Wochen schon eine Entwicklung der Besinnung beschreibt, handelt nicht von der Rückkehr in die analoge Welt. Wenn man Rückbesinnung sprechen will, dann geht es eher um die Grundideen eines dezentalen Web, das ohne zentrale Plattform auskommt, die eigenmächtig die Regeln bestimmt. (Foto: Unsplash/Team UL8)

Der Kollege Johannes Kuhn hat auf SZ.de den Begriff und die Entwicklungen in Amerika vorgestellt. Für mich ist der Techlash bedeutsam, weil er beweist: Die als GAFAM abgekürzten Technik-Giganten Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft sind nicht per se groß und uneinholbar, man kann ihre Macht beschränken, politisch und durch technische Alternativen.

So interpretiert ist der Techslash der perfekte Ausdruck für die Haltung, die der Shruggie in „Das Pragmatismus-Prinzip“ beschreibt: die Offenheit für die ständige Frage „Was wäre, wenn das Gegenteil richtig wäre?“

Ich habe in den vergangenen Wochen zahlreiche Texte gelesen, die diese Entwicklung beschreiben und kreativ vorantreiben. Der mit Abstand beste war dieses fiktive Memo an die Chefs von Amazon, Facebook, Google, Apple, Netflix und Microsoft, das der Econmoist unter dem Titel „Silicon Valley, we have a problem“ veröffentlichte. Allein dieser Text ist ein Beispiel für den Perspektivwechsel, um den es im Pragmatismus-Prinzip geht. Das Memo beschreibt nämlich all die rechtlichen und politischen Entwicklungen, mit denen die Tech-Giganten konfrontiert sind – aber eben aus deren Perspektive, als Bedrohung.

Die weiteren Lese-Empfehlungen zum Thema versuche ich hier fortlaufend zu dokumentieren:
* Rachel Botsman: Dawn of the Techlash (Guardian)
* Adam Tinworth: Facebook Never Loved Journalism. It’s time to break up
* Chris Dixon: Why Decentralization Matters
* John Harris: The punk rock internet – how DIY ​​rebels ​are working to ​replace the tech giants
* Ethan Zuckerman: Facebook Only Cares About Facebook
(…)


Hier geht es zur passenden Newsletter-Folge, in der ich einen öffentlich-rechtlichen RSS-Reader vorschlage

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf.

Shruggie des Monats Januar: Eli Pariser

Mit dem neuen Jahr gibt es auch ein paar Änderungen an meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Ich führe zum Beispiel diese Rubrik ein: Den Shruggie des Monats. Ausgezeichnet wird eine Person, deren Auftreten mir besonders passend zu den Ideen aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheint. Folge 1 im Januar 2018: Eli Pariser (die gesamte Newsletter-Folge erscheint nächste Woche)

Schon in seinem Buch „Die Filter-Blase“ imponierte mir seine pragmatische Haltung. Anders als viele, die ihn und das Wort zitieren, zieht er daraus keineswegs kulturpessimistische Schlüsse. Eli Pariser startete im Wissen um das Prinzip der Filter-Blase eine Website, die Storytelling für genau diese digitale Welt entwickeln wollte: Upworthy.

Für ihn war die Filter-Blase nie eine Ausrede, im Gegenteil er nahm sie als Ansporn, um besser zu werden. In einem Interview mit meinen SZ-Kollegen Mirjam Hauck und Johannes Kuhn sagte er im Mai 2012: „Am Ende geht es darum, ob wir Werkzeuge benutzen oder die Werkzeuge uns. Jemand der sich gut auskennt und das Problem versteht, kann die Filterblase zum Platzen bringen. Aber viele Internetnutzer sind noch nicht so weit, weil es nicht leicht ist, diese neue seltsame Welt ohne technischen Hintergrund zu verstehen.“

In diesem Monat habe ich nun ein Interview mit ihm bei Digiday UK gehört, das seine Haltung zu Facebook auf den Punkt bringt. Eine Haltung, die dem Shruggie (der Hauptperson meines Buches „Das Pragmatismus-Prinzip“) sehr gefallen würde. Eli Pariser sagt darin mit Blick auf Facebook: “Facebook is still very important. It’s just the way the world is. It’s like gravity. It doesn’t help to say that gravity doesn’t exist. It does, and it exerts a strong force. Would we prefer that it didn’t exist? Maybe. But that’s not the world we’re living in. So, you have to be good at Facebook. Then, you build a sustainable business around that. There’s no choice [when it comes to Facebook] if you’re trying to reach a lot of people.”

Das ist interessant, weil Upworthy immer als Paradebeispiel dafür herangezogen wird, sich nicht zu sehr auf Facebook zu verlassen. Denn nach dem rasanten Aufstieg, brachen die Inhalte des Angebots in der Reichweite ebenso stark ein. Pariser bestreitet das nicht, hält aber fest, dass Upworthy dennoch eine funktionierendes Geschäftsmodell habe (das auf Branded Content basiert, was nochmal ein eigenes Thema wäre).

Das finde ich beeindruckend: Der Mann, der die Filterblase auf die öffentliche Agenda brachte, führt eine Firma, die ihr Geld mit und in Facebook verdient.

Darüberhinaus habe ich den Podcast mit großem Interesse gehört, weil Pariser auf beeindruckende Weise auf den Punkt gebracht, was der publizistische Kern der Art ist, wie Upworthy Geschichten erzählt. Dabei geht es darum, wie es diesem Medium gelingt, Menschen zu empowern. Leider fällt mir kein besseres Wort für die Art ein, wie Upworthy die Idee von Social-Media interpretiert (hier meine Perspektive zu dem Thema): „Do I have any role to play here or not?“ ist die Frage, die Upworthy-Geschichten ihren Leser*innen beantworten. Deshalb seien Upworthy-Geschichte stets aus einer Perspektive heraus gemacht, die den Leser*innen eine Anschlussmöglichkeit bietet, ein Option zum Empowerment: „How do you create those kinds of experiences where people walk away not feeling like „I gonna turn it all off“ but actually feeling like „I want to engage, I want to get busy doing somethin good“?

Diese Perspektive beschäftigt mich seit einer Weile und sie wird mich vermutlich weiter beschäftigen. Wer sich dafür interessiert und wer wissen möchte, welchen Shruggie des Monats ich im Februar wähle, der kann hier meinen monatlichen Newsletter bestellen, in dem es künftig eben genau diese Rubrik geben wird. Die Januar-Folge der Digitalen Notizen erscheint nächste Woche.