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Tag "twitter"

So weit ist es gekommen. Der Bundespräsident muss sich Ratschläge von Boris Becker erteilen lassen. Der twitternde Tennis-Star thematisiert etwas über Bande was der stellvertretender SZ-Chefredakteur Wolfgang Krach in der morgigen Süddeutschen Zeitung so auf den Punkt bringt:

Jeder Lokaljournalist weiß, dass Abgeordnete oder Bürgermeister gerne anrufen, um unliebsame Berichterstattung zu verhindern. Doch die Mischung aus Naivität und Dreistigkeit, mit der Wulff agiert hat, bestürzt. Er ist nicht der Landrat von Osnabrück und auch nicht mehr Ministerpräsident von Niedersachsen, sondern das Oberhaupt des Staates. Dieses Amt aber ist für Wulff offenbar zu groß.

Das Erstaunliche daran ist aber nicht nur die demokratietheoretische Dimension des Anrufs. Erstaunlich finde ich, dass Wulff derart unpolitisch agiert. Man will sich gar nicht ausmalen, wie der Mann reagiert, wenn es mal um eine wirkliche Staatsaffäre geht, in der nicht bloß seine Finanzen, sondern das Wohl und Wehe dieses Landes verhandelt werden. Womöglich hätte dafür sogar Boris Becker mehr Gespür.

Dass das Erstaunliche in dem Fall aber offenbar Methode hat, zeigt sich, wenn man an diese Äußerungen des Bundespräsidenten aus dem Sommer 2010 erinnert. Damals hatte Wulff dem Deutschlandradio (MP3 nicht mehr verfügbar) gesagt, dass es ihm manchmal durchaus schwerfalle gelassen zu bleiben – wenn Zeitungen Berichte planen:

Früher war es so, da erfuhren sie nachmittags, dass morgen irgendwas in der Zeitung steht. Da konnten Sie schon richtig stellen, da konnten Sie schon gegenarbeiten. Heute erfahren Sie, dass etwas im Internet steht und Millionen anderer haben gleichen Zugriff auf die gleiche Information. Man hat damit keinen Vorlauf mehr, um Dinge richtigzustellen

Der Begriff des “Gegenarbeitens” erscheint im Lichte der Meldungen des heutigen Tages in einem neuen Licht …

P.S.: Der Kollege Michalis Panteluris hat in seinem lesenswerten Post Kai Diekmann beschimpfen übrigens klar gestellt, dass Boris Becker vielleicht doch nicht ganz recht hat mit seiner obigen Einschätzung. Es lohnt sich, den Text zu lesen und diesen Beitrag aus der WDR5-Sendung “Politikum” zu hören.

WDR5 Politikum – Der AB von Diekmann by Malotki

Danach bleibt eigentlich nur eine Frage: Wer hat in den letzten Tagen eigentlich alles bei Herrn Gauck angerufen? Dessen Mailbox würde ich jetzt gerne mal abhören …


Update: ich habe für jetzt.de ein Interview mit der Stimme von Christian Wulff geführt

Über den Wert von Twitter für die Zukunft der Nachrichten wurde hier schon an mancher Stelle gesprochen. Dieser via Twitter verbreitete Clip bringt in Form eines Jahresrückblicks sehr anschaulich auf den Punkt, wie Nachrichten sich in sozialen Räumen verbreiten:

Twitter bekommt ein neues Gesicht. Der Nachrichtendienst wird in den nächsten Tagen (und Wochen schrittweise) gerelauncht. Es wird einen veränderten Zugang, eine veränderte Gestaltung und vor allem eine angeblich einfachere Bedienbarkeit geben. Nachlesen kann man das auf fly.twitter.com, wo die Twitter-Macher erläutern, was sie umtreibt. Dort kann man auch diesen kleinen Werbespot anschauen:



Schwerpunkt der neuen Twitter-Positionierung ist der Slogan “Yours to discover”, was man mit “Gehe auf Entdeckungsreise – Folge Deinen Interessen jetzt noch schneller und einfacher” auf deutsch übersetzt hat. Diese Schärfung des Profils ist einerseits sicher eine Reaktion auf Googles Aktivitäten unter Google Plus. Andererseits geht Twitter damit aber einen Weg konsequent weiter, der mit der Umbenennung der Einstiegsfrage begann und in der neuen Aufforderung “Yours to discover” seinen nächsten Schritt erreicht (ich hatte im September 2010 in der Süddeutschen Zeitung drüber geschrieben). Es geht den Machern nun nicht mehr in erster Linie um Menschen, die aktiv Tweets schreiben. Es geht darum, in und über Twitter Nachrichten zu konsumieren. Twitter soll zum Zugang zur Welt der Information werden – in Echtzeit.

In der Woche, in der Flipboard seine iPhone-App vorstellt, lohnt es sich auf diesen Wandel hinzuweisen. Die Debatte rund um Twitter dreht sich nicht mehr um Oversharer oder um private Daten in öffentlichen Nachrichten. Die Debatte um Twitter (und soziales Wissen in Gänze) dreht sich mittlerweile um Zeitersparnis. So jedenfalls muss man den Spot verstehen, mit dem Flipboard seine tatsächlich sehr gute iPhone-App bewirbt:



Das ist erstaunlich, denn dadurch löst sich Twitter (völlig zurecht) von einer Debatte, die eh ein Scheingefecht war. Hier geht es schon lange nicht mehr darum, ob irgendwer vermeintlichen Quatsch verbreitet. Hier geht es um die Art und Weise, wie Menschen zeitgemäß durchs Netz navigieren, wie sie Nachrichten finden und verbreiten. Twitter will sich genau an dieser zentralen Stelle positionieren – und nach allem, was ich derzeit sehe, scheint das zu gelingen.

In Konkurrenz zu Google Plus und Facebook kommt dem Dienst der unschätzbare Vorteil der Einfachheit entgegen. Es geht weiterhin um das Lesen und Verbreiten von Meldungen von 140 Zeichen Länge. Dieser simple Ansatz ist der Kern von Twitter, der Zauber entfaltet sich durch all das, was drumherum geschieht.

Mehr zum neuen Twitter beim Guardian, Mashable und in der New York Times

Genau hier ist die Schnittstelle für guten, dialogfähigen Journalismus. Er sollte Antworten suchen auf die Frage: Wie können wir diese Ökosystem nutzen? Und dabei stehen wir – man vergisst es vor lauter Umbauten fast – noch ganz am Anfang: Twitter ist in diesem Jahr erst fünf Jahre alt geworden.

Die Frage, was eigentlich Journalismus sei und was nicht, steht zentral im Zeitalter der Demokratisierung dieses Berufs. Wie Journalisten darauf reagieren, kann man beispielhaft an Preisen ablesen, die in dieser Branche verliehen werden. Denn nur was als Journalismus gilt, kann auch einen Journalistenpreis bekommen (nein dabei geht es nicht nochmal um die Debatte um den Henri-Nannen-Preis).

Aktuell wird eine Pressemitteilung durchs Web gereicht, in der die Jury des Pulitzerpreises sich zu der Frage äußert, wie neue technische Instrumente den Beruf des Journalisten verändern – und damit das Spektrum dessen erweitern, was als auszeichnungswürdig gilt.

Auch in Deutschland wurde vor kurzem eine Pressemitteilung zu einem ähnlichen Thema verschickt. Sie stammt vom Henri-Nannen-Preis und kündigt für dessen nächste Verleihung eine neue Kategorie an. In der Erklärung heißt es:

Diese Neuerung trägt nicht zuletzt dem Umstand Rechnung, dass der Journalismus sich seit 2005, als der Henri Nannen Preis aus der Taufe gehoben wurde, deutlich verändert hat und heute in viel stärkerem Maße auf das erheblich gestiegene Bedürfnis der Leser nach Einordnung und Orientierung eingeht.

Wie also hat sich der Journalismus seit 2005 verändert? Geht es in der neuen Kategorie um digitale Dialogfähigkeit oder um multimediale Aufarbeitung eines Themas? Nein, die neue Kategorie trägt den Titel “Essay” und versammelt

Texte, die den Leser über ein aktuelles gesellschaftliches Phänomen orientieren, mit dem der Autor sich auf persönliche Weise mit Gedankenschärfe und stilistischer Geschmeidigkeit auseinandersetzt.

Im Kontrast dazu liest man in aller Geschmeidigkeit in der Pressemitteilung des Pulitzer-Boards das hier:

The Board continues to welcome a full range of journalistic tools – such as text articles, interactive graphics, blogs, databases, video and other forms of multimedia – in 12 of its 14 categories. The two photography categories remain restricted to still images, which must be submitted as digital files.

Und dann ganz konkret in Bezug auf die Kategorie “Breaking News”:

In an example intended to underline the importance of real-time reporting, the Board said that it would be disappointing if an event occurred at 8 a.m. and the first item in an entry was drawn from the next day’s newspaper.

Im Nieman Journalism Lab folgert Justin Ellis daraus:

It’s a step away from the punctuated publication cycle newspapers were tied to in print, and an acknowledgement of breaking news becoming real-time news

Für Deutschland stellt sich die Frage wie lange es dauert, bis auch ein hiesiger Journalistenpreis das Live-Bloggen zu einem Event als journalistische Leistung ansieht, die man sogar auszeichnen könnte?

We believe it is critical in keeping us as a part of the open web and of the global conversation, particularly after the launch of our digital subscription model. In fact, we value it so greatly that all social media links to nytimes.com are free… from everywhere in the world on all social networks. And, as I noted earlier, we’re using social media to engage our audience and we’re using it in our reporting. Twitter and Facebook are vast, so we have approached them by applying Times journalism as a layer on top of them. We come up with clever hashtags, ask provocative questions, find ways to curate only the best material for our site, provide Times quality live reporting on Twitter and our staff, aggressively and skeptically reports on developments in the social media world.

Arthur Sulzberger, Verleger der New York Times, erläutert an der LSE The continuing digital transformation of the New York Times

via

Ein Werkzeug, das hilft digital markierte Textstellen zu sammeln? Solche, die man auf Webseiten findet aber auch solche, die aus eBooks stammen? Ein Werkzeug, das gleichzeitig auch hilft, diese Fundstellen zu teilen? Ja, das klingt nach einem interessanten Werkzeug. Zumal wenn man liest, dass hinter dieser Idee Steven Johnson steckt.

Das Werkzeug heißt findings und sieht gut aus und macht einen sehr guten ersten Eindruck

https://findings.com/home

Andrew Culf ist “a deputy news editor for the Guardian“. So steht es auf seiner Profilseite der britischen Zeitung. @andrewculf “hat noch nichts getwittert”. So steht es auf seiner Profilseite bei Twitter. Von Bedeutung ist das wegen dieser Seite hier.

http://www.guardian.co.uk/help/insideguardian/2011/oct/10/guardian-newslist?CMP=twt_gu

Sie trägt den Titel “An experiment in opening up the Guardian’s news coverage” und ist nach allem, was ich bisher über Nachrichtenjournalismus und Zeitungsmachen weiß eine mindestens kleine Revolution. Im Bereich “UK News” trägt Andrew Culf heute die Verantwortung für die Nachrichtenlage beim Guardian. Das vermerkt diese Übersicht, die der Guardian künftig ebenso öffentlich macht wie die internationale und die Wirtschafts-Nachrichtenlage.

Abgeschaut haben sich die Guardian-Macher dieses Konzept des gläsernen Gatekeepers bei der schwedischen Zeitung Norran, die den Gedanken der Transparenz im digitalen Raum auf die nächste Ebene hebt. Dadurch dass man jetzt auch beim Guardian, den Versuch unternimmt (ja, es ist ein Quasi-Beta-Experiment), bekommt die Idee des offenen Blattmacherns einen neuen Schub: Journalisten in ganze Europa sind plötzlich mit dem Gedanken konfrontiert, ihre Arbeit offener und transparenter zu gestalten.

Was heißt das konkret? Andrew Culf muss künftig nicht nur die aktuellen Meldungen seines News-Tickers im Auge behalten. Er muss auch einen Blick auf das werfen, was die Guardian-Leser unter dem Hashtag #opennews auf Twitter schreiben. Zudem ist jetzt auch der Guardian-Newsroom auf Twitter vertreten. Denn Öffnung heißt für die neuen Nachrichtenmacher auch Dialog. Sie sind ansprechbar und unter dem genannten Hashtag offen für Kritik – aber eben auch für neue Themenvorschläge. Sie schaffen so für die passiven Leser eine große Nähe zu ihrem Lieblingsprodukt und für die aktiven Rezipienten einen direkten Weg an den Newsdesk der Redaktion.

Nebenbei verändert der Guardian damit den Blick auf die Blackbox Nachrichtenredaktion. Diese kulturelle Veränderung könnte zu mehr werden als zu einer kleinen Revolution. Denn wenn das Guardian-Experiment gelingt, wird dies Folgen auch für andere Journalisten haben. Transparenz könnte auf Mainstream-Ebene zu einer Grundanforderung an glaubwürdigen Journalismus werden (was sie heute in bestimmten Märkten sicher schon ist). Nicht mehr ausschließlich das finale Produkt würde dadurch zum Beurteilungsgegenstand journalistischer Arbeit, sondern auch der Weg dorthin (siehe dazu die Metaphorik des Nachrichtenfluß). Soweit ich das absehen kann, ist das grundlegend neu (in Deutschland). Es würde Produktionsbedingungen, Ausbildungswege und das Selbstverständnis journalistischer Arbeit in einer Art und Weise verändern, die wir heute nur in Ansätzen absehen können.

Allein deshalb sollten wir sehr genau beobachten, wie Andrew Culf in den kommenden Woche so arbeitet.

P.S.: Wo wir schon über den Guardian sprechen, hier das Werbe-Video für die iPad-Version der Zeitung, die in den kommenden Tagen veröffentlich werden soll.

P.P.S.: Weil es mich gerade im Rahmen meiner eigenen journalistischen Arbeit betrifft: Der SZ-Kollege Alex Rühle unternimmt gerade für eine Reportage ein kleines (transparentes) Twitter-Experiment. Unter Alex Rühle kann man ihm auf Twitter folgen – mehr zum Hintergrund steht hier.

Hat Google eine Startseite? Google hat einen Suchschlitz. Google nutzt manchmal sein Logo, um damit an bestimmte Daten zu erinnern. Und heute macht Google das hier mit der ersten Seite seines Angebots:


Unter dem Suchfeld steht

Steve Jobs, 1955 – 2011

verlinkt mit der Startseite der Firma Apple, deren Chef Jobs bis vor kurzem war. Dort steht die Traueranzeige zum Tod von Steve Jobs.

Wie gesagt: “Wenn eine Nachricht wichtig ist, wird sie mich schon erreichen.”

Brian Brett hat für die New York Times eine Untersuchung zu Share-Kultur im Netz gemacht. Seine Präsentation mit dem Titel The Psychology of Sharing kann man runterladen und auf Slideshare anschauen:

Es geht um die Frage: Warum teilen Menschen im Netz Inhalte? Die spannende Antwort: Menschen haben schon immer Inhalte geteilt. Das Netz verstärkt dies nur. Vermutlich deshalb sind auch die Gründe fürs Teilen nicht sonderlich netzspezifisch. Sie gelten (im Prinzip) auch fürs Weitererzählen beim Mittagessen, denn es geht in erster Linie um Beziehungen. Unter dem Titel “Sharing is all about relationships” benennt die Studie zunächst fünf Gründe fürs Teilen, leitet aus diesen sechs Typen des Teilens ab …

Altruists
Careerists
Hipsters
Boomerangs
Connectors
Selectives

… und liefert damit einen guten Rahmen zur Beantwortung der Frage: Warum machst du diesen Quatsch im Netz überhaupt?

Ein Aspekt kann zum Beispiel in dem liegen, was die Studie als Leitmotiv für Medienhäuser ausgibt:

From Broadcasters to Sharecasters

Medien werden zu Stichwortgebern für eine Share-Kultur. Was das bedeutet, kann man sich am 21. September übrigens auch in einem Webinar erklären lassen.

Ich kenne Eli Pariser nicht persönlich. Mir liegt auch nichts daran, ihn zu verteidigen. Ich glaube aber, dass ihm gerade an einigen Stellen unrecht getan wird – und dass das etwas über die Art sagt, wie Netzdebatten geführt werden.

Vor ein paar Wochen habe ich sein Buch The Filter Bubble in der SZ vorgestellt. Dabei habe ich versucht, seine Kernthese darzustellen, aber auch die Schlussfolgerungen, die er zieht. Ich fand gerade die hinteren Kapitel seines Buchs spannend. Weil ich sie als Grundlage für eine aktive Netzpolitik gelesen habe.

Zahlreiche Texte, die sich mit Parisers Buch befassen, beschränken sich aber darauf, seine Kernthese zu widerlegen, statt auch der Frage nachzugehen, aus welchem Grund er diese These so ausführlich darlegt – also die Frage zu beantworten: Worauf will Pariser eigentlich hinaus?

Ich habe sein Buch mitnichten als Beispiel für “eine geradezu klassisch kulturpessimistische Sicht” gelesen. Diese unterstellt Peter Glaser in einem Von wegen Filterblase betitelten Beitrag auf Hyperland. Ihn störe am meisten, schreibt Glaser,

dass es ein längst abgelegtes Menschenbild, nämlich das des wehrlosen, manipulierbaren Medienopfers, aus der Mottenkiste holt.

Das würde ich auch als störend empfinden. Aber genau dieses Bild bedient Pariser meiner Meinung nach nicht. Im Gegenteil: Er versteht den aktiven Rezipienten als Gestalter seiner (Medien-)Realität. Er liefert sogar Anleitungen, diese Realität sehr bewusst und gegen die Filter-Blase zu formen. Gleichzeitig sagt er aber: So lange Page- und Edge-Rank nicht offen liegen, sind diese Gestaltungsversuche nicht so effektiv wie sie sein könnten, wenn man Google und Facebook als Öffentlichkeits-Akteure in die Pflicht nimmt. Ich halte diesen Ansatz für zumindest diskutabel. Doch statt dieser Frage nachzugehen, räumt Glaser mit einer Art All-inclusive-Argument das gesamte Buch beiseite:

Man könnte auch sagen, dass Eli Pariser Schwierigkeiten mit der Tatsache hat, dass die Welt und damit auch die Demokratie immer komplexer wird. Das Zeitalter der Massenmedien geht zu Ende, nun beginnt die Zeit der Medienmassen. Ja, zunehmend viele unterschiedliche Zugänge und Auffassungen sind mühsam. Aber stattdessen alles wieder auf eine Mainstream-Einheitlichkeit zu reduzieren, ist auch keine Lösung.

Ich glaube nicht, dass es Pariser darum geht. Im Gegenteil: Er beklagt, dass Komplexität verloren geht. Ich habe das Buch eher als Hinweis auf die Frage verstanden: Taugen unsere überkommenen Vorstellungen von Relevanz eigentlich noch, wenn im Netz sich neue Interpretationen dessen entwickeln? Denn wenn sich die Zuckerbergsche Variante durchsetzt, heißt das, dass relevant nur noch das ist, worauf ich reagiere. Das bedeutet aber eben, dass womöglich gerade keine unterschiedlichen Zugänge und Auffassungen angezeigt werden. Und das verändert die Wahrnehmung. Selbst wenn man die anderen Zugänge und Auffassungen finden könnte, sie sind nicht mehr präsent.

Die Frage nach den Folgen einer solchen Entwicklung zu stellen, halte ich für sehr wegweisend. Denn sie ist nicht von Kulturpessimismus getrieben, sondern von der Sorge, die Gestaltung von gesellschaftlicher Relevanz und Öffentlichkeit nicht allein den Geschäftsinteressen von Google und Facebook zu überlassen.

Wenn es selbst ein junger Netzaktivist wie Eli Pariser nicht schafft, diese Frage auf die Agenda zu bringen, ohne gleich in die Ecke der Kulturpessimisten gestellt zu werden, scheint die Debatte über das Netz und seine gesellschaftlichen Folgen doch stärker von Reflexen und Automatismen durchzogen als es gut ist. Das finde ich schade. Denn ich glaube, wir brauchen über kurz oder lang eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Frage, wie die wachsende Personalisierung von Nachrichten mit unserer Lagerfeuer-artigen Vorstellung von allgemeiner Öffentlichkeit zusammengeht.