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Hoffnung für besorgte Bürger

Am Wochenende durfte ich im Rahmen des Zündfunk Netzkongress ein Lob auf das Smartphone singen. Es geht in dem Beitrag – der hier im Netz steht – auch um das Smartphone, aber vor allem geht es um ein anderes Verhältnis zum Neuen, zum Unbekannten.

Der Vortrag basiert in weiten Teilen auf dem, was ich im in einem Buch zusammengefasst habe, das im Januar 2018 bei Piper erscheint. Es heißt „Das Pragmatismus-Prinzip“ und fasst im Untertitel zusammen, worum es mir in Vortrag und Buch geht: „Zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen“

Ich glaube, dass es an einem hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft fehlt. Das Morgen ist Optimisten wie hierzulande vor allem Pessimisten ein mit ihren Wünschen und vor allem Sorgen beschriebenes Blatt und viel zu selten ein offener, ein gestaltbarer Raum. Um es mit den Worten der sehr tollen Rebecca Solnit zusammenzusammen: Wir brauchen mehr Hoffnung. Sie schreibt:

Hoffnung ist die Umarmung des Unbekannten und dessen, was man nicht wissen kann. Hoffnung ist eine Alternative zu der Gewissheit, die Optimisten und Pessimisten gleichermaßen ausdrücken. Optimisten denken alles werde sich zum Guten wenden ganz ohne unser Zutun; Pessimisten nehmen die gegenteilige Haltung ein – beide finden darin eine Entschuldigung dafür, nicht selber aktiv zu werden.

Braucht man das? Noch bevor man mir nach dem Vortrag am Freitag die Frage stellen konnte, beantwortete die Bild-Zeitung sie übrigens per Titelzeile: „Deutschlands Schüler immer schlechter“ stand auf der Seite eins der Samstags-Ausgabe. Die Zeile sollte eine „Alarm-Studie zum Schreiben, Rechnen, Zuhören“ verkaufen und lieferte den perfekten Beweis für das, was ich in Vortrag und Buch kritisiere: Den Alarmismus, der vor allem darauf basiert, dass nach uns immer nur Niedergang kommt. Niemals würde irgendjemand behaupten, dass die nachfolgende Schülergeneration jetzt aber mal wirklich klüger und smarter sei als man selber. Immer wird behauptet, dass früher noch richtig gelernt, geschrieben, gerechnet und zugehört wurde. Muss ja auch so sein: Denn früher war man ja selber dabei.

Ich traue diesem Alarmismus nicht. Wo immer Hysterie und Panik geschürt werden, antworte ich mit dem Shruggie: ¯\_(ツ)_/¯ und frage mich: Und wenn das Gegenteil richtig wäre?

Diese Frage und die zugrunde liegende Haltung, die ich in Das Pragmatismus-Prinzip in zehn Gründen zusammnengefasst habe, scheint mir die beste Versicherung gegen den selbstgerechten Alterungsprozess zu sein, bei dem am Ende immer nur die eigene Vergangenheit als Maßstabe gilt – und nie die Zukunft als gestaltbarer Raum. Deshalb gilt: Für mehr ¯\_(ツ)_/¯!

🏃 Fünf Entwicklungen, die man beim Laufen für (digitale) Medien lernen kann (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Es gibt einen schönen Nebeneffekt am sportlichen Laufen, selbst wenn es man es nur joggend betreibt: Während man rennt, hat man Zeit zum Denken. Es gibt recht lesenswerte Ausführungen darüber, wie das Zusammenspiel von Nicht-Denken und Nach-Denken beim Laufen den Zwischenspeicher im Gehirn befreit (iPhone-Besitzer kennen einen vergleichbaren Prozess vom „Aufräumen“ auf hohe MB-Zahlen angewachsener Apps auf dem Smartphone). Und aus eigener Erfahrung kann ich ergänzen: Dieses Zusammenspiel bildet manchmal sogar die Grundlage für neue Ideen.

Jedenfalls entstand die Idee zu dieser Folge der „Digitale Notizen“ beim Laufen. Was auch damit zu tun hat, dass ich in diesem Monat an einem besonderen Lauf teilnahm – aber eben auch damit, dass ich glaube, dass der Kultur- und Medienbranche sich mit dem Laufen befassen sollten: mit dem Laufen als Markt. (Foto: Unsplash)

Denn im Geschäftsfeld „Breitensport“ lassen sich auch für mich als mittelsportlichen Laien ein paar Entwicklungen ablesen, die vielleicht Inspiration für die Medienbranche sein könnten. Ich sehe diese fünf (zu denen ich auch einen Experten befragt habe)

🏃 1. Vom Produkt zum Prozess – wie der Markt sich verändert 🏃
Ein Sportartikelhersteller lebt davon, Sportartikel zu verkaufen. Das klingt logisch und ist sicher auch richtig – aber eben nicht nur. Aus der Perspektive der ersten Entwicklung lässt sich ergänzen: Ein Sportartikelhersteller der digitale Gegenwart verkauft nicht mehr nur Sportartikel, er ist Partner für den gesamten Prozess „Sport machen“ geworden – oder versucht dazu zu werden. Neben bedeutsamen Veränderungen in der Ausrichtung der Kundenbeziehung (s.u.) heißt dies vor allem: Es geht nicht mehr nur darum, Sportartikel herzustellen und diese zu vertreiben. Es geht darum, den gesamten Prozess in den Blick zu nehmen.
Und was heißt das für Medien? Wenn der Vergleich stimmt, reicht es nicht aus, sich einzig auf gute Produkte – also Artikel, Beiträge oder Texte zu konzentrieren. Es könnte sinnvoll sein, den gesamten Prozess der Orientierung in den Blick zu nehmen

🏃🏃 2. Vom Verkäufer zum Gastgeber – wie die Unternehmen sich neu positionieren 🏃🏃
Selbstwahrnehmung und Positionierung des Unternehmens ändert sich durch die Erweiterung der Perspektive grundlegend. Es geht nicht mehr nur darum, gute Produkte zu verkaufen. Es geht um eine Infrastruktur, um eine dauerhafte Kundenbeziehung, für die das Unternehmen die Rolle eines Gastgebers einnimmt. Dabei folgt die Positionierung sehr vereinfacht gesprochen der Logik: Wenn wir wollen, dass die Menschen laufen (wofür sie dann unsere Sportartikel brauchen), dann müssen wir ihnen den Rahmen schaffen, in dem sie laufen können.
Und was heißt das jetzt für Medien? Wenn Sportartikelhersteller kostenlose Lauftreffs veranstalten, braucht es keine besonders große Kreativität um auf Lesegruppen zu kommen. Social Reading als Idee ist bereits da, bisher fehlt aber ein von Sportartikelherstellern Verlagen geschaffener Rahmen.

🏃🏃🏃3. Vom Kunden zum Testimonial – wie Verbraucher eine andere Rolle annehmen 🏃🏃🏃
Allein die Tatsache, dass Käufer*innen mit dem Erwerb von Sportartikeln auch Werbefläche anbieten, würde eine genauere Beobachtung verdienen: Wer ein T-Shirt von einem Sportartikelhersteller kauft, wirbt nicht selten durch die prominente Platzierung von Logo und Markennamen für den Hersteller. Allein die Frage zu stellen, wie man als Leser*innen diesen Distinktionsgewinn bei der Lektüre eines Mediums bekommen kann, wäre spannend. Aber darüberhinaus transportieren die laufenden Konsument*innen noch eine weitere Botschaft: Sie bringen andere Menschen in den Gastraum des Sportartikelherstellers. Sie werden zu Testimoninals, die die Sportartikelhersteller sogar bewusst fördern und vorstellen.
Was soll das jetzt für Medien bedeuten? Dass Leser*innen ein wichtiger Bestandteil der Gemeinschaft Zeitung sind (siehe dazu meine Notizen aus dem Jahr 2009). Man entscheidet sich für das eine oder andere Medium eben auch weil man sich für die eine oder andere Gruppe derjenigen entscheidet, die es auch lesen/hören/gucken. Dieser Aspekt der Distinktion und Sichtbarmachung derjenigen, die ein Medium nutzen kommt bisher fast gar nicht zum Tragen. Die Laufbranche macht auf erstaunliche Weise vor wie es gehen könnte.

🏃🏃🏃🏃4. Von der Marke zum Medium – welche Rolle Inhalte spielen 🏃🏃🏃🏃
Diese Behauptung klang schon an anderer Stelle im Newsletter an: Marken erstellen selber Inhalte, mit denen sie Zielgruppen erreichen. Sie werden also selber zu Medien. Im Zuge der Veränderungen der eigenen Rolle produziert der Sportartikelhersteller eben nicht mehr nur Sport-BHs, sondern auch Sport-Berichte. Als Partner im Gesamtprozess „Laufen“ übernimmt der T-Shirtproduzent nun auch Ratgeberfunktionen, die früher Sportmedien übernommen haben.
Warum ist das für Medien wichtig? Weil Marken hier in den Kernbereich dessen vordringen, was bisher exklusives Geschäfts von Medien war: Mit Hilfe von Inhalten Ziegruppen zu erreichen. Selbst wenn die anderen Punkte den Medien in ihrer Selbst- und Fremdwahrnehmung egal sind: Hier sind sie gefordert, sich neu und klarer zu positionieren.

🏃🏃🏃🏃🏃5. Von der (Produkt-)Eigenschaft zum Erlebnis – wie Werbung sich verändert 🏃🏃🏃🏃🏃
Wie inspiriert man Menschen dazu eine bestimmte Tätigkeit z.B. Laufen auszuüben? Indem man ihnen Menschen zeigt, die Freude an dieser Tätigkeit – also dem Laufen – haben. Bei der Beobachtung der zu Testimonials entwickelten Läufer*innen in sozialen Netzwerken habe ich verstanden, wie Content Marketing funktioniert (und was es von klassischer Produktwerbung unterscheidet): Es macht Lust darauf, eine Tätigkeit auszuüben, eine Produkt zu nutzen – indem es die Freude zeigt, die Menschen dabei haben. So stellen die Frontrunner und anders genannten Testimonials allein dadurch, dass sie ihr Laufen zeigen sicher, dass auch Menschen im erweiterten Umfeld inspirierte werden, zu laufen. Auch dafür brauchte man früher Sport-Medien und klassische Werbung.
Und welche Schlussfolgerung soll man nun daraus ziehen? Bei Content Marketing geht es nicht um Schleichwerbung oder Vertuschung einer Werbebotschaft. Es geht darum, die Nutzung eines Produktes von einer glaubwürdigen Person vorführen zu lassen. Völlig egal, wie man inhaltlich dazu steht: die Laufbranche zeigt, wie das funktionieren kann – und hat damit natürlich auch Einfluss auf klassische Medien.

Und wem das alles zu sportlich war: Man kann sich diese Entwicklungen auch von Apple zeigen lassen. In diesem Monat hat die Firma, die für viele ja ein Sportartikel-Smartphone-Hersteller ist, gezeigt, dass sie in Zukunft nicht nur das sein will, sondern zunehmend auch Infrastruktur-Anbieter werden will: Unter apple.com/today kann man sich anschauen, wie Apple die oben beschriebenen Entwicklungen auf die Anwendung seiner Geräte überträgt…

Zur Einordung meiner Beobachtungen übers Laufen habe ich jemanden gefragt, der sich damit auskennt: Aktiv wie als Berichterstatter. Gunnar Jans hat hier meine Fragen zum Laufen beantwortet.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Hope Cause I’ve Learned to Cope

Im Rahmen der Metaconference am NRW-Forum in Düsseldorf durfte ich heute mein passend betiteltes Buch Meta – das Ende des Durchschnitts vorstellen und ein wenig darüber sprechen, warum ich den Shruggie für ein gutes Symbol für eine neue Haltung zur Zukunft halte.

Dabei habe ich die wunderbare Rebecca Solnit zitiert, die mit ihrem Blick auf Hoffnung genau diese Haltung des Kulturpragmatismus auf den Punkt gebracht hat. Sie schreibt:

„Hoffnung ist die Umarmung des Unbekannten und dessen, was man nicht wissen kann. Hoffnung ist eine Alternative zu der Gewissheit, die Optimisten und Pessimisten gleichermaßen ausdrücken. Optimisten denken alles werde sich zum Guten wenden ganz ohne unser Zutun; Pessimisten nehmen die gegenteilige Haltung ein – beide finden darin eine Entschuldigung dafür, nicht selber aktiv zu werden.“

Nach dem Vortrag kam ein Zuhörer mit einer interessanten Referenz zu mir. Er hatte die Ideen der Shruggie-Haltung nämlich in einem Song wiedergefunden, den man sozusagen als Soundtrack zu dieser hoffungsvollen Perspektive auf die Zukunft hören kann. Er heißt: Hope (Cause I’ve Learned to Cope) und ist auch inhaltlich ein schöner Ratschlag!

Vielen Dank für den Hinweis!

Helfen nach dem Durchschnitt: der #global6k von Worldvision

Ich habe an diesem Wochenende an einem Lauf teilgenommen, für den sich außer mir genau 1350 Läuferinnen und Läufer angemeldet haben. Die Distanz des Laufs, der keinen offiziellen Startpunkt und keine Ziellinie hatte, betrug sechs Kilometer. Ich habe keinen der anderen Starter persönlich gesehen, ich habe keinem Teilnehmer die Hand geschüttelt und mit dem Veranstalter nicht persönlich gesprochen – und doch: der Global6k fand an diesem Wochenende statt. Nicht nur in Aurich, Ulm und Düsseldorf sind Menschen mitgelaufen, international haben sich über zehntausend Läufer*innen an diesem Projekt beteiligt.

Ich erzähle das hier so ausführlich, weil der Global6k von Worldvision die Idee eines Laufs nach dem Durchschnitt in die Tat umsetzt, die ich in meinem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ im Schlusskapitel beschreibe. Es ist ein Lauf, der die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzt – und in diesem Fall sogar für einen übergeordenten guten Zwecke: Die Teilnehmer*innen des Global6k laufen, um auf das Recht auf Trinkwasser hinzuweisen:

Sechs Kilometer ist die durchschnittliche Distanz, die Menschen in Afrika laufen müssen, um an eine Wasserstelle zu gelangen. In vielen Fällen ist dieses Wasser verunreinigt und vor allem für kleine Kinder lebensgefährlich.

Die Teilnahmegebühr für diesen Lauf wird eingesetzt, um Menschen in Ngoyila, im Osten von Sierra Leone Zugang zu sauberem Trinkwasser zu ermöglichen.

Ich finde das eine tolle Aktion, die die Möglichkeiten der Digitalisierung perfekt nutzt – für eine wie ich finde gute Sache. Wer das auch so sieht, kann auch ganz ohne Lauf hier für die Worldvision-Aktion spenden! Wer mehr über „Das Ende des Durchschnitts“ erfahren will, kann dies hier nachlesen.

Heimat!

In der aktuellen Ausgabe der Tageszeitung Die Welt erscheint heute ein Text (€-Blendle-Link) des SZ-Kollegen Heribert Prantl. Es ist dies ein Vorabdruck aus seinem Buch „Gebrauchsanweisung für Populisten“.

In dem Text geht es um den physikalischen Ort „Heimat“. Was Prantl aber meint, kann man auch auf den virtuellen Ort „Heimat“ beziehen. Das Internet – davon bin ich weiterhin überzeugt – kann Menschen ebenfalls Heimat sein. Ihm kann deshalb die gleiche Brauchtumsförderung zustehen wie den Städten und Dörfern, die Menschen Heimat bieten.

Wir verfolgen die Idee, einen Heimatverein fürs Netz zu gründen weiter. Ende des Jahres wird es dazu weitere Informationen geben.

Ähnliche Bücher, ähnliche Vornamen

Die digitale Bibliothek Skoobe hat mein Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ in dieser Woche in ihr Sortiment aufgenommen (hier der direkte Link) Das ist schön, etwas erstaunt hat mich allerdings, welche Titel der Skoobe-Algorithmus für „ähnlich“ hält:

Es sind dies vor allem Bücher von Autoren, die auch „Dirk“ heißen – sowie das Buch „Alles und nichts“ (bei dem ein „Dirk“ Ko-Autor war)

Denken ohne Geländer

Bei Arte kann man derzeit den sehr interessanten Dokumentarfilm „Hannah Arendt und die Pflicht zum Ungehorsam“ anschauen. Darin wird die Aktualität ihrer Schriften aufgearbeitet und der Blick geweitet für die Entwicklungen der Gegenwart.

Besonders erstaunlich finde ich die Ausschnitte aus dem Gespräch, das Hannah Arendt im Jahr 1964 mit Günter Gaus geführt hat. Der RBB hat eine Mitschrift dieses Fernsehinterviews online gestellt, die selber eine tolle #langstrecke ist. Darin fragt Gaus Arendt z.B. nach ihrem Erkenntnisinteresse. Ihre Antwort ist nicht nur aus feministischer Perspektive interessant:

Jetzt fragen Sie nach der Wirkung. Es ist das – wenn ich ironisch werden darf – eine männliche Frage. Männer wollen immer furchtbar gern wirken; aber ich sehe das gewissermaßen von außen. Ich selber wirken? Nein, ich will verstehen. Und wenn andere Menschen verstehen, im selben Sinne, wie ich verstanden habe – dann gibt mir das eine Befriedigung, wie ein Heimatgefühl.

Schöner kann man nicht formulieren, warum es vielleicht keine ganz doofe Idee ist, einen Heimat- und Brauchtumsverein fürs Internet zu gründen.

Nicht für die Schule, sondern fürs Leben

Fünf Milliarden Euro will Bundesbildungsministerin Wanka für einen „Digital-Pakt zwischen Bund und Ländern“ zur Verfügung stellen, der deutschen Schulen bis 2021 WLAN und Computer bringen soll. Was manchem als überfällig, aber mindestens notwendig erscheint, ist für Josef Kraus ein großer Fehler. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes hat sich in einem Interview zu den Digital-Plänen geäußert und seine Bedenken vorgetragen.

Foto: Unsplash/Roman Mager

Foto: Unsplash/Roman Mager

Es lohnt sich, das Interview genau zu lesen, weil es nicht nur Besitzstandswahrung eines Funktionärs, sondern vor allem ein Symbol dafür ist, welche Haltung in diesem Land zu (technischen) Veränderungen vorherrscht. In dem Interview zeigt sich beispielhaft, warum man über den rechten Gebrauch von Smartphones große Diskussionen erzeugen kann. Denn was neu und anders ist, sorgt bei Menschen wie Herrn Kraus nicht für Neugier oder Interesse, sondern führt einzig zu Ablehnung, auf Basis dessen, was sie ohnehin schon wissen:

„Die Digitalisierung der Klassen würde die bei den Schülern ohnehin vorhandene Neigung zum Häppchenwissen noch verstärken. Es leidet die Konzentration. Es leidet das Lesevermögen und die Diskursfähigkeit.“
(…)
„Viele lesen gar keine Bücher mehr. Bücher sind Wissen ohne Verfallsdatum.“

Mal abgesehen davon, dass Josef Kraus hier quasi nebenei eine wunderbare Definition für eBooks liefert („Wissen ohne Verfallsdatum“), zeigt diese Aussage vor allem dies: In seinem Urteil verlässt sich Herr Kraus so weitgehend auf die Vergangenheit, dass er die Gegenwart vollkommen ausklammern kann.

Darüber könnte man sich nun sehr intensiv und sehr zurecht aufregen. Man könnte und müsste anprangern, dass und wie der Präsident des Lehrerverbandes hier seine eigene Vergangenheit zum Maßstab für die Zukunft der Schülerinnen und Schüler – und damit auch unseres Landes – erhebt. Das wird aber vermutlich zu keinem Ergebnis führen, Menschen wie Herrn Kraus womöglich sogar noch in ihrer Ablehnung bestärken.

Deshalb will ich umgekehrt an die Vorbildfunktionen von Lehrerinnen und Lehrer in diesem Land appellieren: „Erziehung ist Vorbild und Liebe und sonst nichts“ hat Friedrich Fröbel mal gesagt. In diesem Sinne würde ich mir, den Schüler*innen und dem ganzen Land Lehrer*innen (und Präsidenten) wünschen, die sich als (digitale) Vorbilder verstehen: Menschen, die ihren Schüler*innen zeigen, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit (digitalen) Neuerungen geht. Menschen, die das Unbekannte nicht als falsch ablehnen, sondern sich ihm offen nähern, um herauszufinden was gut und schlecht daran ist. Denn womöglich kann man mit Laptop und Internet im Klassenzimmer Bücher lesen, ohne dafür Papier zu bewegen!

Wer vorher schon alles zu wissen glaubt, hat in Wahrheit gar keine Ahnung. Wer sich jedoch kulturpragmatisch auf die Welt einlässt, kann fürs Leben lernen – und sich fürs lebenslange Lernen wappnen. Genau das sollte Schule im besten Fall leisten – ob mit oder ohne WLAN ist dabei zunächst egal (sieht man ja gerade an vielen Schulen).

Wer aber wie Herr Kraus der Welt seine Meinung von gut und schlecht überstülpt und behauptet, „die vis-à-vis-Kommunikation ist immer besser, als auf dem Schulhof nebeneinanderzusitzen und sich gegenseitig WhatsApp-Nachrichten zu schicken“, beweist damit nur, dass es ihm nicht um Neugier und Interesse am Morgen geht, sondern einzig darum, die Wahrheiten des gestern zu sichern. Das kann man machen, aber wenn es eine Fähigkeit gibt, die einen Lehrer oder eine Lehrerin auszeichnen sollte, dann doch dies: Interesse an der Zukunft haben!

Mehr zum Thema Kulturpragmatismus in den Digitalen Notizen.

Das Clinton-Gruppen-Selfie als Symbol für „Das Ende des Durchschnitts“

„Ich versteh es nicht“, sagt der Kollege als ich sein Büro betrete. Vor ihm auf dem Bildschirm seine Facebook-Timeline mit überproportionaler Präsenz eines Bildmotivs aus dem US-Bundesstaat Florida. Fotografiert von Barbara Kinney während der Wahlkampftour der Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton am vergangenen Mittwoch. Zu sehen sind ausgestrecke Selfiearme, deren Besitzer der Kandidatin den Rücken zeigen. „Was ist daran so besonders?“, fragt der Kollege. „Sie hat doch gesagt ,Und jetzt macht alle mal ein Selfie‚…“.

Der Kollege versteht nicht, warum dieses Bild dennoch so große virale Verbreitung findet. Es sei doch vor allem die Dokumentation einer Interaktion von Clinton mit ihrem Publikum.

Das ist es, aber ein anderer Kollege bringt später am Tag mit einer Collage auf den Punkt, weshalb die Rücken an diesem Tag vor dem ersten TV-Duell zwischen Clinton und Trump so häufig geteilt wurden: Sie werden als Zeichen einer Veränderung gelesen.

Dabei geht es gar nicht so sehr darum, was das Foto tatsächlich dokumentiert. Mindestens ebenso wichtig ist, was man auf dem Foto sehen kann wenn man es denn will: Man sieht Menschen, die sich von der vermeintlichen Bühne abwenden, ihr den Rücken zudrehen um ein Selbstporträt mit prominentem Hintergrund anzufertigen. Ein taugliches Symbol für die selbstbezogene Smartphone-Gesellschaft, die eher ein Selfie macht als zur Kandidatin zu schauen.

Für mich ist dieses Bild – abseits jeglicher Beurteilung – ein Zeichen für das, was ich „Das Ende des Durchschnitts“ nenne. Ein Zeichen für die Entwicklung zu einer digitalen Gesellschaft, in der nicht mehr das für alle gleiche Standardbild als Erinnerung dient, sondern die unzähligen Einzelfotos, die nicht nur durch das Publikum entstehen, sondern mit dem Publikum: Jedes Selfie zeigt Clinton – aber vor allem ein anderes Gesicht im Vordergrund.

978-3-95757-246-2-x160xx400x-1466586213Mir persönlich ist dabei völlig egal, ob irgendwer das nun gut oder schlecht findet. Mir persönlich ist es Zeichen einer Entwicklung, mit der wir so oder so konfrontiert sind. Und da ich mich in den vergangenen Monaten etwas intensiver mit ihr befasst habe, kann ich klar sagen: Sie wird spannend!

Mehr zum Ende des Durchschnitts:

>>> Der Digitale-Notizen-Newsletter zur Frage: Soll mein Buch auf Facebook?
>>> Das Ende des Durchschnitts – der Lauf zum Buch
>>> Meta- Das Ende des Durchschnitts

Soll mein Buch auf Facebook? (Digitale-August-Notizen)

Dieser Text ist Teil die August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Ich arbeite gerade an einem neuen Buch. Es wird „Meta – Das Ende des Durchschnitts“ heißen und im Herbst bei Matthes&Seitz in unterschiedlichen Versionen erscheinen. Denn ich will in Meta nicht nur beschreiben, wie die Digitalisierung das Durchschnittsprodukt ablöst – ich will es auch in den Fassungen zeigen, die es von dem Buch gibt.

In der Planung des Buches habe ich mir u.a. auch die Frage gestellt: Soll mein Buch auf Facebook? Braucht ein Buch eigene Social-Media-Accounts? „Meta – das Ende des Durchschnitts“ verzichtet darauf – und das hat auch damit zu tun, dass ich mir diese Fragen nicht nur selber gestellt haben, sondern befreundeten Autorinnen und Experten. Hier sind ihre Antworten:

Kathrin Passig, Autorin:
Ich habe früher zu jedem Buch eine eigene Website angelegt, zu „Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin“ außerdem auch noch einen Twitteraccount, und dann vorhersehbarerweise nach kurzer Zeit alles vernachlässigt. Deshalb gibt es zu den späteren Büchern bestenfalls noch je ein Googledoc zum Sammeln von Fehlern und Verbesserungsvorschlägen. Wenn mir jetzt Ergänzungen, Updates, Korrekturen einfallen, verwende ich dafür meinen normalen Twitteraccount. Ob sich daraus Empfehlungen für andere, besser organisierte Leute als mich ableiten lassen, weiß ich nicht. Bei anderen Leuten folge ich dem Autoren-Account und keinen speziellen, zusätzlichen Buchaccounts. Ich weiß auch nicht, ob sie so was haben; falls ja, habe ich es nicht mitbekommen.

Nilz Bokelberg, Autor
Ich würde eher meinen eigenen Accounts benutzen, um mein neues Buch zu bewerben und zu besprechen. Wenn man noch extra Accounts für das Buch anlegt, habe ich immer das Gefühl, es gibt einen Streuverlust unter den Lesern, die einem erstmal als Person folgen (oder die erstmal nur dem Buch folgen). Weitaus praktischer ist es da, alles aus einem Guss zu haben. Ausserdem scheint mir der zusätzliche Aufwand, noch eine Seite zu pflegen, zu überflüssig hoch. Der Leser mag eigentlich am liebsten den direkten Kontakt zum Autor. Eine Buchseite fühlt sich immer so an, wie vom Verlag gemacht. Deswegen mein Rat: Alles auf die eigenen Profile holen – da fühlt sich der Leser am ernstesten genommen.

Leander Wattig, Publisher, Speaker, Berater
In den allermeisten Fällen lohnt es sich nicht, Extra-Seiten für ein Buch anzulegen. Bis dort Reichweite aufgebaut ist – so es überhaupt klappt -, ist das Buch „durch“. Ausnahmen sind hier am ehesten größere Reihen und Serien, bei denen sich das Thema über mehrere Publikationen erstreckt. Außerdem ist es eh zu empfehlen, dass die Leute solche Bücher schreiben, die positiv auf ihre persönlichen Plattformen einzahlen.

Sophie Servaes, Social Media Redakteurin
Ich werde das ab und zu von Journalistenfreunden gefragt , die ihr Buch bewerben wollen. Ich empfehle dann immer, eine extra Facebookseite anzulegen, von Twitter rate ich ab. Die FB-Seite kann man vorab super mit Inhalten befüllen und dann Freunde einzuladen, Fan zu werden. Parallel sollte man alle Inhalte auch mit seinem privaten Profil verlinken und sich auch nicht scheuen, da ein bisschen mehr Werbung zu machen als es gefühlt richtig erscheint. Da müssen die Freunde dann eben durch. Engere Freunde würde ich zusätzlich bitten, die Seite zu empfehlen, Dinge zu sharen und zu liken, um die Reichweite zu pushen und natürlich sollte die Seite auch gesponsert werden. Auf der FB-Seite können alle Interviews, Rezensionen, Lesestücke etc gepostet werden. Nach und nach würde ich alles auf die Seite auslagern, bis dahin aber auch privat gut Werbung dafür machen.

Nina Reddemann, Managerin Audience Development (Hanser-Verlag)
Ich empfehle immer, keinen eigenen Account für ein Buch anzulegen, egal ob auf Facebook, Twitter, Instagram & Co. Die Arbeit, die man dort reinsteckt, um Reichweite zu generieren, wird meist nur kurzfristig genutzt und dann liegt der Account mit Fans und Followern brach. Kurz gesagt: Statt eines Accounts für ein einzelnes Buch ist der persönliche Account eines Autors nachhaltiger. Der Autor kann ihn als Informationskanal für weitere Projekte und so z.B. auch für zukünftige Bücher nutzen.

Eva Schulz, Journalistin
Ich würde alles immer in meinen persönlichen Accounts bündeln. Zum Einen, weil ich sonst kirre würde. Und zum Anderen, weil so ein Sachbuch ja nicht aus dem Nichts kommt. In der Regel hat die Autorin das Thema schon lange vorher beschäftigt und dies in Form von Tweets, Blogposts, Facebook-Gedankenkrümeln mit ihren Followern geteilt (womöglich auch: getestet?). Das wird sie auch nach Erscheinen des Buches machen, und sehr wahrscheinlich führt das dann wiederum zum Thema ihres nächsten Buches… Als Leserin und Autoren-Fangirl finde ich es schön, solche Entwicklungen über persönliche Accounts verfolgen zu können.
Ein Beispiel ist der kanadische Journalist Doug Saunders, dem ich folge, seit ich sein Buch „Arrival City“ fürs Studium gelesen habe. Damals hatten wir sogar eine kurze Diskussion via Twitter, die mir bei einer Hausarbeit geholfen hat. Würde ich nicht seinem persönlichen Account folgen, hätte ich gar nicht mitbekommen, dass er inzwischen zur europäischen Flüchtlingskrise forscht und gerade den deutschen Pavillon bei der Architekturbiennale in Venedig mitgestaltet hat. Zwischendurch deutet er übrigens immer mal wieder an, dass dazu auch ein neues Buch in der Pipeline ist.

Simone Dalbert, Buchhändlerin und Bloggerin papiergefluester.com
Wenn man als Autor des Buches schon über ein Netzwerk verfügt, sollte man lieber das nutzen als neue Fan-Seiten speziell für jeden einzelnen Titel anzulegen. So nimmt man die Fans vom letzten Buch mit und die neuen von diesem Buch wiederum mit zu dem danach folgenden. Wer ein Buch von einem Autor mochte, liest wahrscheinlich auch noch ein weiteres von ihm. Wo kann er das besser erfahren, als über die Accounts des Autors selbst? Folgt er nur dem einen Buch, wird es dort irgendwann ruhig und der Kontakt zum Leser schläft ein. Außerdem machen die inzwischen bald allgegenwärtigen Algorithmen es schwer, mit einer neuen Seite schnell genug eine Followerschaft aufzubauen, deren Größe auch wirksam ist. Das funktioniert nur über Reposten der Beiträge der neuen Kanäle über bereits bestehende. Seine Inhalte zu sehr auf vielen Accounts zu verteilen ist aber nur sinnvoll, wenn man befürchtet, seinen eigentlichen Account damit spamartig zu überfüllen. Deshalb würde ich für ein neues Sachbuch eher meine bestehenden Accounts nutzen. Wer mir folgt, interessiert sich im Normalfall auch für meine Themen und fühlt sich durch Informationen zu einem Buch dazu eher informiert als genervt.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen: „Der Grüffelo in Social Media“ (Juli) „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).


Hier geht es direkt zum Buch, das über den Webshop von Matthes&Seitz vertrieben wird!