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Hybrides Denken: das Beispiel Bikepick

Können Sie die Scheibenbremse an einem Fahrrad entlüften? Oder wissen Sie, wie man einen Termin in einer Fahrradwerkstatt bekommt? Ich bin mir nicht sicher, was komplizierter ist. Ich weiß aber, dass es für beide Aufgaben hilft, Fahrradhändler:in zu sein. (Foto: unsplash)

Vor ein paar Wochen erreichte mich dieser Tweet von Hermsfarm, der den Beziehungsstatus zu Fahrradhändler:innen auf den Punkt bringt: Es ist kompliziert.

Denn selbst wenn man das Glück hat, freundliche Fahrradhändler:innen zu kennen, gibt es auch dann häufig Komplikationen: Platz- und Zeitprobleme. Ich habe schon einige Male ein reperaturbedürftiges Rad durch die Stadt geschoben, weil der Fahrradladen erst in ein paar Tagen Termine und bis dahin keine Abstellfläche für Räder hatte. Zudem scheint in meiner anekdotischen Evidenz-Erfahrung bei Radreperaturen ein Problem besonders häufig aufzutreten, das es auch in anderen handwerklichen Berufen gibt: Plötzlich steht das Gefühl im Raum, die anstehende Arbeit könne der Kunde/die Kunden mit etwas mehr Wissen/Geschick/Anstrengung doch eigentlich alleine erledigen (werde wie ein Idiot behandelt).

Womit wir wieder bei der Scheibenbremse sind, die ich entlüften wollte. Dort raten selbst die Video-Expert:innen auf YouTube dazu, ohne ausreichende Vorkenntnisse auf Fachkräfte zurückzugreifen. Im Großhandel warnt ein farbiges Schild vor der Werkstatt, gar nicht erst auf die Idee zu kommen, für ein nicht hier gekauftes Rad nach einem Reperaturtermin zu fragen. Mails an lokale Händler bleiben grundsätzlich unbeantwortet und Termine bei den netteren Händler:innen dauern nicht nur lange, sondern sollen auch so vereinbart werden, dass das Rad am besten zur Aufwandschätzung mal vorbeigeschoben wird. Das ist alles total freudlos und genau hier haben mich die Macher:innen von Bikepick erreicht als sie mir vor ein paar Wochen eine Instagram-Anzeige vor die Nase schoben.

Ich erzähle das hier so ausführlich, weil das Startup, das gerade in München eröffnet wurde, nicht nur mein Reperatur-Problem gelöst hat (alles selbst bezahlt und ohne persönliche Verbindung), sondern auch als Beispiel für eine Form des hybriden Denkens dient, die ich mir häufiger wünschen würde. Kern der Dienstleistung von Bikepick: Sie holen mein kaputtes Rad ab, bringen es wieder in Ordnung und dann zurück. Das ist keine Zauberwissenschaft, aber meiner Kenntnis nach dennoch ein neuer Ansatz. Vorteil für mich als Kunden: Ich muss nix durch die Stadt schieben. Vorteil für die Fahrradhändler:innen: Sie brauchen kein Ladengeschäft in der Stadt.

Bikepick überträgt damit die Idee der Ghost Kitchens auf den Fahrradmarkt. Hybrid ist dieses Denken, weil es nicht On- und Offline gegeneinander ausspielt, sondern miteinander versöhnt. Denn das Angebot von Bikepick wäre auch eine gute Ergänzung für einen bestehenden Fahrradladen, der einen physischen Raum betreibt. Online an dem Angebot ist aber der Service und die Auftragsabwicklung. Das ist an sich schon äußerst bequem, wenn man sich vor Augen führt, dass einigen Fahrradläden in meiner Umgebung nicht mal auf Mails antworten, muss es im Reperaturmarkt aber als revolutionär gewertet werden: Ich wähle auf einer Seite einen Abholtermin, bekomme eine Bestätigungsmail und dann Besuch von einem Bikepick-Laster, der das Rad abholt. Dieser Prozess geht mit Hilfe von Zahlenschlössern übrigens auch ganz ohne persönliche Anwesenheit. Ich bekam keine Quittung oder Bestätigung, sondern erst ein paar Tage später eine Mail mit einem Kostenvoranschlag für die nötige Reperatur. Diesen konnte ich mit einem Klick annehmen. Nach ein paar weiteren Tagen bekam ich dann eine Mail inklusive Rechnung und Bezahlbutton – und die Aussicht, dass mein repariertes Rad mir am Abend zurückgebracht wird (auch hier gab es wieder eine Zahlenschloss-Option). Diese Customer-Journey war eine reine Freude im Vergleich zum deprimierenden Hin- und Herschieben des Fahrrads beim klassichen Händler.


Hybrides Denken umfasst also neben der Verbindung von Unverbundenem auch das Aushalten und Gestalten von Mehrdeutigkeiten. Im kreativen Prozess tauchen diese Paradoxien an zahlreichen Stellen auf. Wenn du den Zufall planen, dich vom Glück finden lassen, dich absichtsvoll verirren oder Ideen präsentieren sollst, ohne sie zu präsentieren, dann ist das wie das Hybridfahrzeug – erstmal verwirrend. Die Tür zur Kreativität öffnet sich aber vermutlich erst dann, wenn du die Verwirrung zulässt. Der Mut, Umwege zu gehen oder sich gar zu verlaufen, ist Bestandteil des hybriden Denkens, das nicht mehr auf vollständige Planbarkeit setzt, sondern eben Raum für Zufälle lässt.
Zitat aus „Anleitung zum Unkreativ sein“

Erstaunlich an dem ganzen Prozess: Ich habe diesen Dienst einzig und allein deshalb ausprobiert, weil ich wusste, dass Bikepick eine Social-Media-Präsenz unterhält. Gewöhnlich werden solche Accounts ja immer als Marketing-Instrument geführt. Im konkreten Fall bot mir @bike.pick auf Instagram aber die Gewissheit, einerseits bei Problemen eine:n Ansprechpartner:in zu haben und andererseits mich öffentlich beschweren zu können, falls mein Rad verloren gehen würde. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb ich hier so ausführlich über Bikepick schreibe. Ich dachte mir: Wenn ich bei negativem Kundenerlebnis drüber geschrieben hätte, dann muss ich das bei positiven Kundenerlebnis fairerweise auch tun.

Zudem steckt hinter der Idee von Bikepick eben eine Form der Verbindung, die mich nicht nur an die Ghost Kitchens erinnert, sondern vor allem an die doppelte Goldmedaille im Hochsprung: Das Angebot von Bikepick ist kein Entweder-Oder zwischen On- oder Offline, sondern ein Sowohl-als-Auch, es verbindet die beiden Welten, die ältere Menschen immer noch getrennt wahrnehmen.

Diese Grenze zu überwinden und hybrid zu denken, scheint mir die Zukunft von (digitale) Dienstleistungen zu sein. Jedenfalls fand ich vor zwei Jahren einige Beispiele für diese Haltung als ich in Seoul war. Damals kam ich zu dem Schluss: „Wenn das Internet so selbstverständlich in den Alltag integriert ist wie in Südkorea, ergeben sich weitere Kombinationen fast automatisch, weil vielen gar nicht mehr auffällt, dass sie gerade das Internet nutzen.“

loading: Marco e Amici

Vergangene Woche durfte ich an einer besonderen Buchpremiere teilhaben: mein DJS-Kollege Marco Maurer hatte mich zur Vorstellung seines Buches „Meine italienische Reise“ eingeladen – virtuell. Gemeinsam mit Francesco Wilking von den Band Crucci Gang und Die Höchste Eisenbahn sprachen wir in einem Insta-Live über Italien und Marco zeigte uns den Buchladen in Hamburg, den er zu dem Buch eingerichtet hat. Ein Buchladen im Wortsinn: denn der ganze Laden im Lehmweg 43 in Hamburg ist dem Buch gewidmet.

Eine sehr tolle Idee, die man jetzt hier auf Startnext unterstüzen kann.

Was machst du?
Ich habe den einzigen One-Book-Bookstore der Welt, also die einzige Ein-Buch-Buchhandlung del mondo eröffnet. Sie wird nur bis 7. Mai offen stehen, aber wir möchten sie darüber hinaus erhalten. Ich habe das Buch „Meine italienische Reise“ geschrieben, und in der Buchhandlung, die auch über einen 3-D-Link einsehbar ist, kann man die Reise, die der Fotograf Daniel Etter, ein Pulitzer-Preisträger, und ich gemacht haben, „erfahren“. Über 7000 Kilometer mit uns von Sizilien bis nach Hamburg reisen, die Menschen treffen, die auch wir getroffen haben, an den Stationen Halt machen an denen wir das getan haben. Die Italiener und Italienerinnen haben Exponate (Wäscheleinen aus Neapel, eine Werkstatt aus Turin, Seide aus den 60er Jahren, Nudelhözer, Kleidungsstücke, eine Boccia-Kugel aus der Adenauer-Villa La Collins) geschickt, mit denen ich das Buch Kapitel für Kapitel nachgebaut habe. Dann könnte man das Buch mit nach Hause nehmen, erwerben, und eines der 25 Rezepte nachkochen, einen italienischen Tag oder ein italienisches Wochenende verbringen. Zudem können sie natürlich das Buch lesen, eine Erzählung. Insgesamt: Unsere Reise erleben.

Warum machst du es (so)?
Die Leipziger Buchmesse und viele Lesungen wurden abgesagt, einerseits. Anderseits leben wir in einer lähmenden Zeit, die uns alle stillstehen lässt. Kultur kann kaum stattfinden. Ich wollte den Menschen ein niedrigschwelliges kulturelles Gegengift verabreichen. Daher dachte ich mir, ich mach mal was anderes: eine Buchhandlung eröffnen, die wie ein Museum funktioniert. Allerdings verkaufen wir nur ein Buch, und die Geschichte der Erzählung. Ich diene als eine Art Reiseführer, nehme die Menschen mit auf die Reise für 15-30 Minuten, sie können alle Italiener und Italienerinnen treffen, die wir auch getroffen habe. Hintergrund ist, ich möchte Hamburg was bieten, Reisen ist gerade schwer, auch gibt es immer weniger Freizeitangebote aufgrund von Corona. Ich möchte ein nachbarschaftliches Projekt für ganz Hamburg sein, man kann hier auf einen Kurzurlaub in Italien vorbeikommen. Wir haben eine kleine Kirche aufgebaut, eine historische Turiner Cinquecento-Autowerkstatt, ein Cafe aus den Sechzigern, in dem es Illy-Espresso für einen Euro gibt. Eine Küche aus den Abruzzen ist ebenso zu finden, wie ein Papagei namens Andracko (mit ck!); ein Kollege von ihm hat nämlich besagtes Dorf in den Abruzzen gerettet. Wie das funktioniert erzähle ich im Lehmweg 43, 20251 Epppendorf und auf @marcoeamici auf Instagram. Der NDR nannte unsere Buchhandlung „Little Italy in Hamburg“, der Spiegel ein „Museum der Sehnsucht“. Gleichzeitig veranstalten wir hier auch die Amici-Talks, Gespräche mit prominenten Gästen. Du, Dirk, gehörtest ja auch dazu – und hast unseren Showpapagei Andracko nicht zum Sprechen gebracht übrigens ;) Auch zu Gast sein werden Johanna Haberer (Theologin, Buchautorin, Podcast „Unter Pfarrerstöchtern/Zeit“), Melissa Forti (italienische Konditorin und Buchautorin), Lars Weisbrod (Autor und Journalist Die Zeit), Jasmin Schreiber („Marianengraben“, Bestsellerautorin), Francesco Wilking und weitere mehr. Mehr über die einzelnen Veranstaltungen findet ihr hier: www.marcoeamici.de

Damit ist es auch ein gesellschaftliches und journalistisches Projekt, wir wollen die Menschen unterhalten in deiner Zeit in der wir uns nach Unterhaltung, Abwechslung sehnen. Reisen im Kopf ist unser Motto. Und deswegen mache ich das. Zerstreuung, Unterhaltung, sich unbeschwert fühlen. Wir bieten einen Kurzurlaub.

Wer soll sich dafür interessieren?
Menschen. Jung, alt, gebräunt, ungebräunt, Mann, Frau, divers, Italiener, Deutsche, Eppendorfer, Wilhelmsburger. Alle sollen sich hier heimisch fühlen. Alle, die gerne Urlaub in Italien machen wollen, können bei uns vorbeikommen. Ein paar unbeschwerte Momente bieten wir ihnen auch hier. Kostet gar nichts. Wer die Reise verlängern möchte, nimmt das Buch mit nach Hause, in der normalen oder einer Sonderedition (Details siehe unten; 5 Euro davon gehen an Seawatch oder die SOS Kinderdörfer), die live im Laden hergestellt wird.

Wie geht es weiter?
Erst einmal geht es bis zum 7. Mai. Das war bis dahin gut finanziert. Aber aufgrund von Corona sind uns zwei, drei Partner im letzten Augenblick (zum Teil während wir begonnen haben) abgesprungen; verklagen könnten wir sie, wollen wir aber natürlich nicht. Sind dennoch unsere Freunde, unsere Amici. Aber wir freuen uns ein wenig über Unterstützung. Es gibt als Dankeschöns Bilder von Daniel Etter, immerhin Pulitzer-Preisträger und World Press Award-Gewinnenr, zu kaufen, in Galeriequalität, Leinbeutel, Shirts, das Buch in einer Sonderedition (mit Prägestempel, limitiert auf 500 Exemplare, einem Leseband und vielen weiteren Extras) und, und, und. Oder man kauft nur unserem Vogel Futter; Andracko freut sich, er isst alles außer Avocados.

Am 7. Mai schließen wir wohl – oder ziehen weiter, was wir uns gut vorstellen können. Auf jeden Fall wollen wir das Ganze auch digitalisieren. Angefangen haben wir schon, siehe etwa dieser 3-DBlick hier in unsere Buchhandlung: aber es soll noch weitergehen. Außerdem ist es unser Wunsch mit der Sache durch Deutschland zu ziehen. Vielleicht gelingt das uns ja zusammen? Marco e Amici bald auch in deiner Stadt, wer weiß? Vielleicht sogar mit Italo-DJ-Set?

Was sollten mehr Menschen wissen?
Dass alles bald besser wird, Ciao und Amore.

>>> Marco E Amici hier auf Startnext unterstützen

Augmented Reality handgemacht: die #AllesIstDrin-Sonnenblumenkampagne der Grünen

Wie macht man eigentlich eine gute Social-Media-Kommunikation? Die Antwort auf diese Frage ist äußerst schwierig, aber manchmal findet man eine Lösung wenn man es sich ein wenig leichter macht. Ich hatte darüber hier schon mal am Beispiel von Norbert Röttgen geschrieben und als ich heute früh eine aufgehende Sonnen-Blume in der Timeline sah, dachte ich mir: Dieses Beispiel lohnt es, festgehalten zu werden.

Ich spreche von der Social-Media-Kampagne der Partei Bündnis90/Die Grünen, die gerade parallel zur Vorstellung des des Programmentwurfs zur Bundestagswahl 2021 gestartet wurde. Dazu zählen neben dem Hashtag #AllesIstDrin kleine gelbe Sonnenblumen-Schablonen, die grüne Influencer:innen Politiker:innen gerade in unterschiedlichen Kontexten fotografiert und gepostet haben. Die Bilder aus der Collage rechts stammen aus den Social-Media-Auftritten von Terry Reintke, Michael Kellner, Stefan Engstfeld und Katharina Schulze. Aber auch andere Partei-Accounts arbeiten mit dem Symbol, das schon immer eng mit den Grünen verbunden ist (im Corporate Design-Bereich der Website gibt es klare Vorgaben für die richtige Nutzung).

Neu ist wie diese halbe Sonnenblume als Schablone in neue Kontexte gestellt wird. Das ist an sich nicht sonderlich kompliziert, aber gerade deshalb bemerkenswert. Diese Form der Einbindung von Hand möchte ich als „Augmented Reality Handgemacht“ bezeichnen und als optische Übersetzung eines Hashtags beschreiben. Damit sind die Grünen sicher nicht die Ersten, aber sie zeigen auf politischer Bühne, wie eine gute Social-Media-Kampagne funktionieren kann – wenn man es sich etwas leichter macht.

Dass bald ein TV-Teams auf die Idee kommen wird, die aufgehende Sonnenblume über das Kanzleramt zu montieren und so die Berichterstattung über die Grünen im Fernsehen zu bebildern, ist sicher ein angenehmer Nebeneffekt.

Mehr über Social-Media und Politik gibt es auch in meiner Gebrauchsanweisung für das Internet, die bei Piper erschienen ist und in meinem Wagenbach-Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ – sowie in meinem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich mich unlängst auch mit der Social-Media-Strategie von Norbert Röttgen befasst habe. Denn ich interessiere mich für die Mechanismen hinter guter Kommunikation, deshalb frage ich gemeinsam mit Lucas von Gwinner regelmäßig: Wirbt das?

Digitalisiert Euch!

Wir wissen es nicht. Wir wissen nicht, wie es nach der Pandemie weiter geht und ob es überhaupt ein Ende gibt, das sich anfühlt wie ein davor. Ich habe in den vergangenen Tagen einige Beiträge gehört und gelesen, die mein Gefühl von Unsicherheit und Nicht-Wissen auf fundierte Weise bestätigt haben. Mai Thi Nguyen-Kim lässt in ihrem unbedingt empfehlenswerten „So endet die Pandemie“-Clip Lenny Krevitz zu Wort kommen, der singt. „So many tears I’ve cried / So much pain inside / But baby, it ain’t over till it’s over“. Bei Karl Lauterbach im Gespräch mit den Elementarfragen klingt das weniger poetisch, aber auch hier bleibt deutlich die Erkenntnis: Nach der Pandemie ist nicht einfach wieder alles so wie früher. (Foto: unsplash)

Im vergangenen Frühjahr habe ich hier versucht zu beschreiben, wie digitale Denkansätze helfen können mit der Unsicherheit umzugehen, die durch die Pandemie entsteht. Nach den Erfahrungen des vergangenen Jahres und den Einschätzungen zum weiteren Fortgang stelle ich mir immer häufiger die Frage: Müssten wir nicht auch viel deutlicher unser Handeln digitalisieren?

Die Art wie wir gerade Homeschooling erleben, wie der Einzelhandel versucht durch die Krise zu kommen und wie Restaurants versuchen Essen zu liefern – all das kann doch nicht das Ende der digitalen Weisheit sein. Es muss doch mehr möglich sein als Click&Collect und „könnt ihr mich hören“-Unterricht mit lausiger Bandbreite. Meinem Eindruck nach ist all das konzipiert vor dem Hintergrund von „Bald ist alles wieder wie vor der Pandemie“. Diese Hoffnung teile ich, um aber auf neue Ideen zu kommen, ist dieser Wunsch ein eher ungünstiger Begleiter. Er bremst die Kreativität, redet uns ein, ein neuer Ansatz lohne sich nicht und verhindert auf diese Weise wirklich digitale Lösungen.

Das Jahr 2021 ist jetzt alt genug, um zu erkennen: Die Idee, 2020 einfach aus dem Kalender zu streichen und so weiter zu machen als hätten wir jetzt die Fortsetzung von 2019, wird nicht gelingen. Statt auf physische Verbindungen zu hoffen, werden wir anfangen müssen, die digitale Präsenz zu umarmen. Denn selbst wenn wir das nicht mögen. Es gibt eine Sache, die in Zeiten von Unsicherheit noch schlimmer ist: diese quälende Unentschlossenheit. Deshalb wünsche ich mir: Digitalisiert euch!

Was heißt Digitalisierung? Fünf Entwicklungen zum Einstieg

1. Die Kopie geht nicht mehr weg. Nutze sie!
2. Das Internet ist ein Ort. Sprich mit den Einheimischen.
3. Wir erleben einen Wandel von der Lautsprecher- zur Kopfhörer-Kultur. Es gibt eine Welt hinter dem Durchschnitt.
4. Produkte werden zu Prozessen. Begleite deine Kundinnen und Kunden!
5. Neue Ideen sind möglich!

Dazu habe ich zu Beginn des November-Lockdowns fünf Ratschläge zum Start notiert!

Mehr Licht! Die App „Daylight“

Auf Instagram hat mir der Account Geheimtippmünchen heute früh vorgerechnet, dass die Tage in meiner Stadt innerhalb der nächsten Wochen immer länger werden. Es ist eine schöne zuversichtstiftende Aussicht zu wissen, dass die Sonne in acht Wochen mehr als zwei Stunden später untergeht als heute.

Als ich mich an dem Post freute, fiel mir die Daylight-App wieder ein, die auf Basis der eigenen Standortdaten täglich errechnet, wie das Tageslicht verteilt wird:

A small app with two views and daily push messages notifying you of positive daylight changes. Daylight is your friend through the dark winter times, encouraging you to make full use of the light you’ve got.
Image for post

schreibt Kristian Hjelle, einer der Macher hinter der App in diesem Medium-Post.

Eine nette, kleine Anwendung, die man im Browser, auf iOS und Android nutzen kann: daylight.today

Ausdauer – immer weiter, ohne Ziel

Ich habe in diesem Jahr sehr viel übers Laufen geschrieben und ich bin auch sehr viel gelaufen. Deshalb nimmt dieser Text das Laufen zum Anlass für die Frage: Wie geht man mit andauernder Belastung um? Wer mehr übers Laufen lesen möchte: Es gibt einen wöchentlichen Newsletter zum Thema.

Wenn der etwas überstrapazierte Vergleich, eine Herausforderung sei kein Sprint, sondern ein Marathon, jemals zutraf, dann auf das Jahr 2020 und die Corona-Pandemie. Dieses Jahr ist wahrlich kein Sprint, sondern eine echte Herausforderung an Geduld, Gelassenheit und Ausdauer. Der Ausdauer-Autor Alex Hutchinson (dessen Texte im Outside-Magazin ebenfalls empfehlenswert sind) hat diesen Vergleich zu einem erstaunlichen Beitrag in der kanadischen The Globe and Mail genutzt, in dem er der Frage nachgeht, was man aus sportwissenschaftlicher und psychologischer Sicht über die Ausdauer-Herausforderung Covid lernen kann: Welche Tricks vom echten Marathon-Lauf kann man für den Pandemie-Marathon nutzen?

Ich muss auf diesen unbedingt empfehlenswerten Text etwas ausführlicher eingehen, weil ich glaube, dass das Jahr 2020 ein besonderes Anrecht auf Lauf-Vergleiche hat. Im Frühjahr entbrannte als Reaktion auf die ersten Einschränkungen in Folge der Pandemie ein Boom des Laufsports, in dessen Folge auch ich häufiger über das Laufen geschrieben haben – und dies noch immer tue.

Zu den Texten, die man als laufinteressierter Mensch im Laufboom-Jahr 2020 gelesen haben sollte, zählt neben dem Ausrufen des Boomes in der New York Times auch dieser wunderbare Text der griechischen Läuferin Alexi Pappas in Sports Illustrated, in dem sie beschreibt, wie das Alleine-Laufen in der Pandemie dennoch zu einer verbindenden Bewegung werden kann. Als ich vor Jahren erstmals über Virtual Runs schrieb, hätte ich mir nicht ausmalen können, dass aus dieser digital gedachten Bewegung mal eine Art Volkssport werden könnten – auch dass ich daraufhin gar einen Laufnewsletter beginnen würde, hätte ich mir erst recht nicht vorstellen können.

Das Laufen ist aber im Jahr 2020 nicht nur ein gute Verarbeitungsmittel im Umgang mit der Pandemie gewesen. Das Laufen ist auch ein gutes Bild, um mit deren andauernden Forderungen umzugehen. Denn ein Grund, warum uns der Umgang mit der Pandemie so anstrengend liegt im Fehlen eines Ziels. Hutchinson zitiert in seinem Text die Forschung des deutschen Psychologen Hans-Volkhart Ulmer, der 1996 nachweisen konnte, dass die Vorstellung eines Ziels (teleoanticipation) sich sehr positiv auf die Bewältigung schwieriger Belastung auswirken kann. Hutchinson kommt mit Blick auf die Hoffnung auf eine Impfung aber zu dem Punkt:

Using endurance sports as their medium, researchers in this subfield have probed what happens when you hide the finish line, surreptitiously move it or take it away entirely. For those of us tempted by promising vaccine updates to start fantasizing about an end to the pandemic, these researchers have some advice: don’t.

Denn neben den unbestreitbaren Vorteilen, die im Setzen von Zielen liegen können, limitiert das Ziel auch unsere Vorstellungskraft. Hutchinson beschreibt dies so:

This fixation on the end creates a somewhat circular sense of what it means to be completely spent. We’re fully drained when we cross the finish line, but it was the act of approaching and crossing the line that did the final draining. Without that anchor, it becomes surprisingly hard to figure out how close we are to our limits.

Jason Kottke, über dessen Blog ich den Text gefunden habe, weist stattdessen auf das Prinzip von Mini-Zielen hin, die nicht als Abschluss der Gesamtanstrengung verstanden werden. Er zitiert dabei die nicht gerade wissenschaftliche Quelle Kimmy Schmitz, die die Hauptfigur einer TV-Serie ist, aber dennoch einen erstaunlichen Gedanken zum Umgang mit Belastungen formuliert hat:

“You can stand anything for 10 seconds,” says Kimmy Schmidt. “Then you just start on a new 10 seconds.”

Ob man daraus etwas für den Umgang mit der Pandemie lernen kann, fragt Hutchinson abschließend und gibt einen Ratschlag, den er selbst als fast schon zu banal bezeichnet. Aber er gilt für das Laufen wie für den Umgang mit der Pandemie:

Stay in the moment

Mehr über das Thema Laufen, Medien und Psychologie hier im Blog

Crowdlauf: Mit Virtual Runs laufend Gutes tun

Das Ende des Durchschnitts – der Lauf zum Buch

? Fünf Entwicklungen, die man beim Laufen für (digitale) Medien lernen kann (Digitale Mai-Notizen)

Laufen macht glücklich! (Interview zu den Digitalen Mai-Notizen)

Helfen nach dem Durchschnitt: der #global6k von Worldvision

Der Spabiergang gegen Corona: Ein Lob aufs Parkbier

Dieser Artikel basiert auf einer rein persönlichen statistischen Erhebung: Seit Wochen beobachte ich Menschen dabei, wie sie sich zu Zweier-Spaziergängen im Park verabreden und dort mit Glasflaschen in der Hand und im Corona-Abstand spazierend Gespräche führen. Ich nenne diese Freiluft-Variante des Telebiers, die beide hygienekompatible Arten des Austauschs sind, Parkbier, habe aber auch die Variante SpaBIERgang schon gehört. Und das hier ist ein Lob des Parkbiers!

In einer Krise kann es ein guter Perspektiv-Wechsel sein, sich vorzustellen, die Krise sei vorbei und man schaue vom Ende auf die schwierige Zeit. Wenn man genau dies im Rahmen des aktuellen Corona-Lockdowns tut, fällt etwas auf, was ich als Äquivalent zum Telebier interpretiere: das Parkbier! Nach Corona werden wir uns daran erinnern, dass uns erstmals und in großem Stil das hier einfiel: Menschen treffen sich zu zweit zum gemeinsamen Spaziergang mit Getränken in Mehrweg-Glasflaschen*. Sie verbringen Zeit miteinander, aber mit Abstand. Ich nenne diese Form des Austauschs auf Abstand Parkbier und möchte hiermit vorschlagen: Die Bundesregierung sollte Parkbiere fördern.

Zunächst ist das Parkbier nämlich eine Corona-konforme Art des Austauschs und sollte deshalb gefördert werden (Foto: unsplash). Dann steckt im Parkbier aber auch Potenzial für die Branchen, die sonst vom gemeinsamen Biertrinken leben. Wie wäre es, wenn man das Pfand von Bierflaschen nutzt, um für jede im Park getrunkene Flasche der Gastronomie im Umfeld Geld zu spenden? So würde auch das Problem des Leerguts gelöst, das sich seit Wochen auf Mülleimern im Park sammelt.

Mein konkreter Vorschlag geht so: Wir brauchen Bierautomaten am Ein- und Ausgang von Parks. Dort können nicht nur frische Getränke erworben werden (streng begrenzt!), hier kann auch das Leergut zurückgegeben werden. Bands, Künstler:innen und Designer:innen könnten sich mit Brauereien zusammentun und spezielle Parkbier-Etiketten fertigen, die in streng limitierter Auflage ausgegeben werden. Vielleicht findet sich auch wer, der für jede im Park getrunkene Flasche einen Euro aufs Pfand drauflegt um die Kunst- und Kreativ-Wirtschaft zu unterstützen, zu der die Spabiergänger:innen ohne Corona ihren Bierdurst getragen hätten.

Hier sind viele Ansätze denkbar. Auch Konzertveranstalter, die sonst Rock, Pop oder Punk im Park veranstalten, könnten einbezogen werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass hier gesellschaftliches Potenzial liegt und wünsche mir deshalb eine (dem Park-Run vergleichbare) Parkbier-Bewegung. Deshalb habe ich die Domain parkbier.de reserviert und fordere alle verantwortungsvollen Spabiergänger:innen auf, ihren Besuch im Park mit dem Hashtag #parkbier auf Instagram zu versehen – als Zeichen für die verbindende Grundhaltung: Wir lassen uns von Corona nicht unterkriegen! Wir bleiben vernünftig und auf Abstand und trinken unser Parkbier wenn es sein muss auch allein. Aber in jedem Fall bleiben wir gut gelaunt!

*Bier wird hier für jegliche Form Kaltgetränk verwendet. Es kann auch alkoholfrei oder koffeinhaltig sein.

Lob der losen Verbindung: über den Unterschied zwischen Reichweiten- und Inhalts-Netzwerken

Wir kennen uns nicht, aber wir grüßen uns. Der ältere Herr, dem ich seit einem Jahr morgens im Park begegnet, trägt immer Walking-Stöcke an den Händen und ein Lächeln im Gesicht. Ich kenne seinen Namen nicht und doch nicken wir einander immer freundlich zu, wenn wir uns im Park sehen (dass ich laufe, habe ich hier ausführlicher beschrieben). Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, aber ich glaube wir freuen uns beide immer ein klein bisschen wenn wir uns über den Weg laufen.

Über diese äußerst lose Form der Verbindung möchte ich schreiben, weil ich am 28. Oktober im Rahmen der Medientage München über Vernetzung sprechen darf. Das Internet besteht als Infrastruktur aus Verbindungen und auf der Ebene der sozialen Vernetzungen sind diese Verbindungen häufig genau wie meine Lauffreundschaft: eher lose. (Symbolbild: unsplash)

In den Anfangstagen der sozialen Netzwerke gab es deshalb eine häufig wiederholte Klage darüber, dass „digitale Freundschaften“ ja gar nicht so zu bezeichnen seien, weil der Charakter der Verbindung dort nicht stabil und tiefgehend genug sei. Mich hat schon damals mehr interessiert, wie diese losen Verbindungen zustande kommen und was sie ausmacht. Denn diese Form der losen Verbindung im Netz ist eine eigene Form der Freundschaft, die besondere Fähigkeiten und besonderes Interesse verlangt.

Dies gilt umso mehr als sie aktuell die Corona-konformste Art des Austauschs ist. Deshalb will ich sie – immerhin haben wir das Internet – zunächst und unbedingt loben. Gleichzeitig gelten auch für diese Form des Kontakts einige Infrasstrukturbedingungen, die manchmal nicht beachtet werden. Bei Zeit Online beschrieb Lisa Hegemann diese Woche wie das Netzwerk LinkedIn sich gerade zu einem Selbstdarstellungs- und Nerv-Netzwerk entwickelt:

Inzwischen ist der Rauch der Selbstdarstellung auf LinkedIn im Vergleich mit anderen sozialen Netzwerken besonders dicht. Ein Beitrag dort beginnt klassischerweise mit einer Alltagsbanalität oder einem Ghandi-Zitat, dann berichtet der Autor oder die Autorin über eine grob damit zusammenhängende, im besten Fall berufliche Frage, garniert mit dem daraus resultierenden learning. Und zum Ende folgt der call to action an die Followerinnen und Follower, der sie dazu bringen soll, möglichst zahlreich zu kommentieren: Geht es euch so? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

Ich würde dieser Beobachtung nicht widersprechen, glaube aber, dass das Problem dabei nicht so sehr die „Selbstdarstellung“ genannte Haltung ist, sondern vielmehr die Absicht hinter solchen Beiträgen: Hier geht es nicht um lose Verbindungen, hier geht es um Reichweite.

Solche Beiträge sind nicht aus inhaltlichem Interesse, sondern für den Algorithmus geschrieben: Fragen und möglichst viele Antworten gaukeln dem Algorithmus Interaktion vor, die dieser in Bedeutung übersetzt. Dass das nicht stimmt, ist der Kern aller Debatten um Relevanz und soziale Netzwerke – und zeigt: Wer lose Verbindungen nur eingeht, um damit Reichweite zu steigern, ist an Verbindung nur als Mittel zu einem anderen Zweck interessiert. Das kann in Ordnung sein, es verändert aber den Rahmen. Zielorientiert zu netzwerken, heißt nur dann beim zum Einstieg zitierten Lauf zu grüßen, wenn es auch „was bringt“. Dagegen stelle ich das Konzept des inhaltsorientierten Netzwerks, das kein qualitatives Ziel, sondern ein Thema verfolgt: Ich verbinde mich mit Menschen, mit denen ich ein inhaltliches Interesse teile. Und mit Inhalt meine ich das, was nach den Buzzwords kommt. Ich meine das, was man sagt, wenn man gefragt wird, warum interessierst du dich eigentlich für [New Sleep] oder [Agile Quatsching]? (Buzzword gerne nach eigner Branche einsetzen)

Nicht falsch verstehen: Ich habe nichts gegen die von Lisa Hegamann beschriebene Form des Reichweiten-Netzwerkens, ich finde aber, dass man sie auch als solche beschreiben sollte. Deshalb habe ich mal sehr holzschnittartig die beiden Ansätze gegenüber gestellt, die man meiner Einschätzung nach in sozialen Netzwerken wählen kann. Dabei schicke ich voraus: Die Graustufen sind viel spannender als das klare Schwarz-Weiß, das ich aus Gründen der Übersicht so deutlich herausstelle wie es in der Realität fast nie auftaucht. Der Vorteil daran: Jede und jeder kann sich fragen, wohin sie und er tendiert und mit welcher Form des Netzwerks sie/er sich eher verbinden und interagieren möchte

Reichweiten-Netzwerk…
… zielt auf viele Views für eigene Beiträge.
Nutzt Inhalte, um Traffic zu generieren.
Schreibt für den Algorithmus.
Sponsort eigene Beiträge.
Verfolgt eine User-Action
(Call to Action)

Erfolgsfaktoren sind quantitativ zu messen.

Inhalts-Netzwerk…
… zielt auf thematischen Austausch.
Stellt Verbindung über Traffic.
Schreibt aus Interesse.
Hat noch nie Beiträge gesponsort.
Verfolg inhaltliche Ziele
(Call to Content)

Erfolgsfaktoren sind qualitativ zu messen.

Das Interessante an dieser klaren Gegenüberstellung: Der Begriff „Selbstdarstellung“ kommt gar nicht drin vor. Denn dass sich jemand selbst darstellt ist meiner Meinung nach überhaupt kein Problem. Wenn ich eine persönliche und/oder inhaltliche Verbindung (und sei sie auch nur lose) zu dieser Person habe, finde ich die Darstellung nämlich interessant. Sie schafft eine Verbindung zwischen uns beiden.
Genau darüber werde ich auf den Medientagen sprechen: Dass die Corona-Zeit mir gezeigt hat, wie bedeutsam eine selbstdarstellende Instagram-Story oder ein persönlicher Eintrag sein kann – weil genau dadurch lose Verbindungen erst geschaffen werden. Für mich ist die wichtigste Voraussetzung dafür aber: Es muss ein gemeinsames Interesse geben.

So wie ich den Walker im Park auch nicht mehr grüßen würde, wenn ich feststelle, dass er dort nur rumläuft um mir etwas zu verkaufen. Wenn ich aber merke, dass wir das Interesse an sportlicher Aktivität im Wald teilen, haben wir eine Verbindung. Eine lose zwar, aber ich finde sie dennoch wertvoll.

Wer sich laufend mit mir verbinden möchte: unter minutenmarathon.de schreibe ich für die SZ einen Newsletter für Menschen, die gerne laufen (und mit dem Laufen anfangen wollen). Und wer sich für meine Theorie von Reichweiten- und Inhalts-Netzwerken interessiert: Ich spreche auf den Medientagen dazu.

Fünf abschließende Sätze für wissenschaftszweifelnde Hygiene-Demonstrierende in meiner Timeline

Vergangene Woche habe ich hier einen Brief an diejenigen Menschen in meiner Timeline geschrieben, die sich Corona-Zweifler nennen. Daraufhin haben sich einige Debatten ergeben, die auch mit den so genannten Hygiene-Demonstrationen vom Wochenende zu tun haben. Am Ende laufen diese Diskussionen stets auf eine Polarisierung hinaus, die einige Demonstrierenden inszenieren. Sie halten sich für einen Widerstand gegen den nicht weiter definierten Mainstream. Wer ihnen widerspricht, ist dieser Logik nach, Teil der „Weltverschwörung“ oder „Medienelite“ – und bestätigt die Thesen. Dass jemand freiwillig anderer Meinung ist, ist nicht vorgesehen bei denen, die sich unterdrückt fühlen.

Lenz Jacobsen analysiert dazu bei Zeit Online richtig: „Sie können die Polarisierung, von der sie profitieren, nicht selbst herstellen, dafür brauchen sie die Hilfe aller, die Aufmerksamkeit zu verteilen haben: Medien, Leser, Retweeter, Facebook-Liker, WhatsApper.

Ich werde meine Aufmerksamkeit künftig achtsamer verteilen, deshalb hier fünf abschließende Sätze zur Debatte mit den wissenchaftszweifelnden Hygiene-Demonstrierenden (Foto: Unsplash)

1. Du bist weder die Mehrheit noch wirst du unterdrückt. Es gibt keine geheime Verschwörung, die du gerade gemeinsam mit Nazis und anderen Spinnern aufdeckst. Du darfst das aber behaupten und du darfst dafür sogar demonstrieren.

2. Dann musst du aber damit leben, dass ich das in hohem Maße scheiße finde, was ihr da treibt. Widerspruch ist Teil der offenen Gesellschaft, kein Ausdruck von Gehorsam. Wer für Grundrechte eintritt, muss es aushalten, dass es unterschiedliche Meinungen gibt. Dazu zählt zum Beispiel auch dies: Es stimmt schlicht nicht, dass es keine Kritik an der Regierung gibt. Die öffentliche Debatte ist voll davon, du müsstest nur genauer hinschauen.

3. Ich möchte darüber nicht weiter diskutieren. Ich muss und will dich nicht überzeugen. Und ich will von deinen unwisssenschaftlichen Ansichten auch nicht überzeugt werden. Es ist okay, dass du deine Meinung hast. Es ist aber auch okay, dass ich sie nicht teile – und sie jetzt auch nicht weiter öffentlich diskutiere und damit wichtiger mache als sie tatsächlich ist.

4. Das einzige, was mich an deiner Demo interessiert: Ihr haltet euch nicht an die Regeln, die ich für geboten und vernünftig halte. Und zwar nicht in dem Sinn einer Diktatur, sondern im Sinn einer Ampel, vor der ich aus Vernunft bei rot stehen bleiben, nicht aus Gehorsam. Dass Ihr Eure Angst dennoch immer wieder auf öffentlichen Demos in das Diktatur-Narrativ dreht, macht euch nicht glaubwürdiger. Im Gegenteil: Ich halte eure so genannten Demos für dumm, unsolidarisch und unvernünftig.

5. Wenn du tatsächlich für Grundrechte auf die Straße gehst, dann lass doch den Grund-Gedanken der Toleranz zu: Die deiner Meinung nach „Bösen“ haben die gleichen edlen Motive in ihrem Handeln wie du. Alle sind in Sorge, alle versuchen das Beste für ihre Lieben. Die Polarisierung in die „Bösen“ dort und die „Guten“ hier hilft nicht weiter. Denn die Bösen denken selbst, dass sie die Guten sind ¯\_(ツ)_/¯

Wir müssen nicht einer Meinung sein, aber wir sollten uns nicht spalten lassen.

Mehr zum Thema:
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> Auf Coronapause.de erklärt Heiko, wie er mal auf Fake-News reingefallen ist und diese weiterverbreitet hat
> eine kleine Anleitung Gegen die Panik und
> Zehn Tipps gegen Falschmeldungen im Netz

Der Zauber von Online Only: Die Fünf-Minuten-Museums-Meditation der National Gallery

Ich gebe es zu: Ich kannte Joseph Mallord William Turner nicht. Ich musste Wikipedia bemühe um (wie peinlich!) zu lesen, dass er als der „bedeutendste bildende Künstler Englands in der Epoche der Romantik“ gilt. Landschaften und Seestücke waren seine bevorzugten Themen, dem Licht und der Atmosphäre galt dabei sein besonderes Interesse.“

Ich habe aber einen „gilt als“-Satz, den man dem Wikipedia-Eintrag des Malers ergänzen könnte. Denn (zumindest für mich) gilt Joseph Mallord William Turner als erster (und damit aktuell bedeutendster) Künstler eines erstaunlichen digitalen Museums-Zugangs. Sein Bild ‚Rain, Steam, and Speed – The Great Western Railway‘ aus dem Jahr 1844 war für mich das erste Motiv für das, was die National Gallery eine „Five Minute Meditation“ nennt. In eben dieser National Gallery in London hängt der Turner, man kann ihn dort aber gerade nicht besuchen, was dazu geführt hat, dass die National Gallery ihn einer viel größeren Zahl an Menschen auf eine ganz neue Weise zugänglich macht. Wem das irgendwie widersprüchlich erscheint, dass eine Schließung der physischen Galerie zu einem neuen potenziell größeren Publikum führt, ist dem zentralen Gefühl unserer Zeit auf der Spur: der Ambiguität!

Aber zurück zu Rain, Steam und Speed. Das Bild bildet die Oberfläche für eine fünf-minütige Meditation, die am Computerbildschirm das transporieren soll, was man manchmal in guten Ausstellungen in einem Museum erfährt: das Eintauchen in eine Bild.

Das bringt mich nicht nur dazu, mir den tollen Lunch-Talk der Gallery anzuschauen (der sofort das Gefühl erweckt, in London zu sein) und mehr über das Bild zu erfahren. Es erinnert mich auch an das Gespräch, das ich unlängst hier mit Maximilian Westphal von den Münchner Pinakotheken geführt habe, in dem es um Live-Stream von Museumsführungen ging. Wenn ich mir diese in Form einer Meditation vorstellen, eröffnen sich im Wortsinn ganz neue Räume für Museen: auf diese Weise in fünf Minuten in einem aufgezeichneten Clip in Bilder einzutauchen, ist schon toll. Aber wieviel besser noch wäre es, so etwas live gemeinsam mit anderen Menschen zu erleben?

Dieser Beitrag ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Dazu sind erschienen:
> Interview mit Jasmin Schreiber von Streamkultur
> Shruggie des Monats: Der Live-Stream
> Zehn Lehren aus der Coronakrise für Videokonferenzen und Live-Streams
> Performance-Künstler Marcus John Henry Brown über die Herausforderung, Menschen im Stream zu halten
> Social-Media-Experte Michael Praetorius über Workshops im Stream
> Pfarrerin Miriam Hechler über Gottesdienst im Stream
> Museums-Experte Maximilian Westphal über Führungen im geschlossenen Museum
> DJ Ivo Schweikhardt übers Auflegen im Stream
> Autor Pierre Jarawan über Workshops zum Kreativen Schreiben im Stream
> Musikerin Maria über Musikunterricht im Stream
> Denny Leo Kinder über Friseure im Stream
> Wolfgang Tischer über Lesungen im Stream
> Die Therapeuten Imke Herrmann und Lars Auszra über Therapie im Stream
> Lehrer Philippe Wampfler über Unterricht im Stream
> Autor Tom Hillenbrand über Krimis auf Twitch
> VHS-Chef Christof Schulz über Volkshochschule im Stream
> Zukunftsforscher Gerd Leonhard über die Zukunft von Live-Events und Live-Streams

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