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Ausdauer – immer weiter, ohne Ziel

Ich habe in diesem Jahr sehr viel übers Laufen geschrieben und ich bin auch sehr viel gelaufen. Deshalb nimmt dieser Text das Laufen zum Anlass für die Frage: Wie geht man mit andauernder Belastung um? Wer mehr übers Laufen lesen möchte: Es gibt einen wöchentlichen Newsletter zum Thema.

Wenn der etwas überstrapazierte Vergleich, eine Herausforderung sei kein Sprint, sondern ein Marathon, jemals zutraf, dann auf das Jahr 2020 und die Corona-Pandemie. Dieses Jahr ist wahrlich kein Sprint, sondern eine echte Herausforderung an Geduld, Gelassenheit und Ausdauer. Der Ausdauer-Autor Alex Hutchinson (dessen Texte im Outside-Magazin ebenfalls empfehlenswert sind) hat diesen Vergleich zu einem erstaunlichen Beitrag in der kanadischen The Globe and Mail genutzt, in dem er der Frage nachgeht, was man aus sportwissenschaftlicher und psychologischer Sicht über die Ausdauer-Herausforderung Covid lernen kann: Welche Tricks vom echten Marathon-Lauf kann man für den Pandemie-Marathon nutzen?

Ich muss auf diesen unbedingt empfehlenswerten Text etwas ausführlicher eingehen, weil ich glaube, dass das Jahr 2020 ein besonderes Anrecht auf Lauf-Vergleiche hat. Im Frühjahr entbrannte als Reaktion auf die ersten Einschränkungen in Folge der Pandemie ein Boom des Laufsports, in dessen Folge auch ich häufiger über das Laufen geschrieben haben – und dies noch immer tue.

Zu den Texten, die man als laufinteressierter Mensch im Laufboom-Jahr 2020 gelesen haben sollte, zählt neben dem Ausrufen des Boomes in der New York Times auch dieser wunderbare Text der griechischen Läuferin Alexi Pappas in Sports Illustrated, in dem sie beschreibt, wie das Alleine-Laufen in der Pandemie dennoch zu einer verbindenden Bewegung werden kann. Als ich vor Jahren erstmals über Virtual Runs schrieb, hätte ich mir nicht ausmalen können, dass aus dieser digital gedachten Bewegung mal eine Art Volkssport werden könnten – auch dass ich daraufhin gar einen Laufnewsletter beginnen würde, hätte ich mir erst recht nicht vorstellen können.

Das Laufen ist aber im Jahr 2020 nicht nur ein gute Verarbeitungsmittel im Umgang mit der Pandemie gewesen. Das Laufen ist auch ein gutes Bild, um mit deren andauernden Forderungen umzugehen. Denn ein Grund, warum uns der Umgang mit der Pandemie so anstrengend liegt im Fehlen eines Ziels. Hutchinson zitiert in seinem Text die Forschung des deutschen Psychologen Hans-Volkhart Ulmer, der 1996 nachweisen konnte, dass die Vorstellung eines Ziels (teleoanticipation) sich sehr positiv auf die Bewältigung schwieriger Belastung auswirken kann. Hutchinson kommt mit Blick auf die Hoffnung auf eine Impfung aber zu dem Punkt:

Using endurance sports as their medium, researchers in this subfield have probed what happens when you hide the finish line, surreptitiously move it or take it away entirely. For those of us tempted by promising vaccine updates to start fantasizing about an end to the pandemic, these researchers have some advice: don’t.

Denn neben den unbestreitbaren Vorteilen, die im Setzen von Zielen liegen können, limitiert das Ziel auch unsere Vorstellungskraft. Hutchinson beschreibt dies so:

This fixation on the end creates a somewhat circular sense of what it means to be completely spent. We’re fully drained when we cross the finish line, but it was the act of approaching and crossing the line that did the final draining. Without that anchor, it becomes surprisingly hard to figure out how close we are to our limits.

Jason Kottke, über dessen Blog ich den Text gefunden habe, weist stattdessen auf das Prinzip von Mini-Zielen hin, die nicht als Abschluss der Gesamtanstrengung verstanden werden. Er zitiert dabei die nicht gerade wissenschaftliche Quelle Kimmy Schmitz, die die Hauptfigur einer TV-Serie ist, aber dennoch einen erstaunlichen Gedanken zum Umgang mit Belastungen formuliert hat:

“You can stand anything for 10 seconds,” says Kimmy Schmidt. “Then you just start on a new 10 seconds.”

Ob man daraus etwas für den Umgang mit der Pandemie lernen kann, fragt Hutchinson abschließend und gibt einen Ratschlag, den er selbst als fast schon zu banal bezeichnet. Aber er gilt für das Laufen wie für den Umgang mit der Pandemie:

Stay in the moment

Mehr über das Thema Laufen, Medien und Psychologie hier im Blog

Crowdlauf: Mit Virtual Runs laufend Gutes tun

Das Ende des Durchschnitts – der Lauf zum Buch

? Fünf Entwicklungen, die man beim Laufen für (digitale) Medien lernen kann (Digitale Mai-Notizen)

Laufen macht glücklich! (Interview zu den Digitalen Mai-Notizen)

Helfen nach dem Durchschnitt: der #global6k von Worldvision

Crowdlauf: Mit Virtual Runs laufend Gutes tun

„Es gibt keine Start- und keine Ziellinie, keine Streckenposten, keine Verpflegungsstationen, keinen gemeinsamen Ort – und doch gibt es einen gemeinsamen Lauf, der unter neuen Bedingungen stattfindet. Ein Lauf in die Zeit, die nicht mehr einzig vom Durchschnittsprinzip bestimmt wird.“ Mit diesen Worten habe ich in „Meta – Das Ende des Durchschnitts“ das Prinzip so genannter Virtual Runs beschrieben. Es handelt sich um Laufveranstaltungen, bei denen Teilnehmer*innen sich nicht an einem Ort, sondern in der digitalen Vernetzung treffen, um gemeinsam zu laufen.

Ich finde diese Form der Vernetzung (nicht nur beim Laufen) äußerst spannend – und habe hier im Blog schon wiederholt darüber geschrieben. Durch Zufall bin ich auf Crowdlauf gestoßen, ein Projekt, das Virtual Run für einen guten Zweck anbietet. Das hat mich so fasziniert, dass ich zum einen am Wochenende beim #everybodyisperfect-Lauf von theatritralisch.com mitgelaufen bin (Hintergründe hier, Beweis hier), sondern im Anschluss auch Daniel von Crowdlauf ein paar Fragen zu seinem Projekt gestellt habe.

Bist Du selber Läufer?
Ja, aber eher Trail-Läufer. Ich laufe also am liebsten Berge hoch und runter.
2012 habe ich begonnen, regelmäßig zu laufen. Ich war damals auf einer vierwöchigen USA-Reise und sah in Kalifornien so immens viele Jogger. Das hat mich inspiriert. Seitdem laufe ich zwei- bis dreimal pro Woche.
Meine Leidenschaft für das Trail-Laufen kam 2018, als ich zum ersten Mal an einem 25 km Trail in Innsbruck teilnahm. Mittlerweile laufe ich auch Ultra-Distanzen über 60 oder 70 km. In 2020 steht mein erster 108 km Trail mit 5.000 Höhenmetern an. Das wird krass!

Wie bist Du auf das Konzept Virtual Run gekommen?
Ich kannte das Konzept bereits aus dem englischsprachigen Raum. Dort ist der Begriff Virtual Run seit mehreren Jahren gut etabliert.
Virtual Runs sind eine besondere Art von Lauf-Event, bei denen man von jedem beliebigen Ort der Welt aus teilnehmen kann. Du meldest dich online an, läufst deine übliche Trainingsrunde im Park, trackst deine Kilometer und trägst danach deine Distanz und Zeit auf einer Website ein. Oft erhältst du als Belohnung eine Medaille, die dir per Post geschickt wird.
Für Läufer*innen aus Deutschland war es aber immer etwas doof, dort mitzumachen, weil der Versand der Medaillen oft sehr lange dauerte und auch kostspielig war. Das machte die Teilnahme an diesen Virtual Runs eher unattraktiv. Also haben Robert und ich im Jahr 2017 Crowdlauf gestartet und damit Virtual Runs nach Deutschland geholt.

Ein Aspekt, den ich an virtuellen Läufen immer etwas merkwürdig finde, ist die Startnummer. Wenn du als einziger im Park eine trägst, schauen alle immer etwas verwirrt. Ihr habt trotzdem Startnummer im Angebot. Warum?
Um ehrlich zu sein: Ich würde während eines Virtual Runs in der Öffentlichkeit auch keine Startnummer tragen!
Bei uns haben die Startnummern vor allem den Zweck, dass sie dich – wenn du nach deinem Lauf Fotos machst, um deine Kilometer bei uns einzureichen – eindeutig als Virtual-Run-Teilnehmer*in ausweisen. Dafür reicht es aber völlig, die Startnummer erst hinterher herauszuholen.
Manche tragen sie aber trotzdem während ihres Laufs, weil sie das an einen Wettkampf erinnert – und das motiviert sie dann zusätzlich. Manche haben sogar ihre Medaillen beim Laufen mit dabei, was schon krass ist, weil die meisten unserer Medaillen sehr groß und schwer sind. Man muss hier auch wissen: Bei uns erhalten alle Teilnehmer*innen ihre Medaillen schon vor dem Lauf, damit sie glücklich und gut gelaunt losstarten.

Ich laufe gerne und finde das Konzept von Virtual Runs großartig. Ich glaube sogar, dass man es noch weiter steigern könnte: Es wäre ja möglich, dass viele Teilnehmer*innen tatsächlich zur gleichen Uhrzeit an einem bestimmten Tag starten – aber eben an unterschiedlichen Orten. Habt Ihr sowas mal geplant?
Das wäre tatsächlich mal einen Versuch wert. Wenn alle zur selben Zeit am selben Tag starten und im Anschluss die ganze Crowd ihre Fotos vom Lauf im Netz teilt, hätte das mächtig Wumms in Sachen Aufmerksamkeit. Ein zentraler Aspekt von Crowdlauf ist nämlich auch, über wichtige soziale und ökologische Themen aufzuklären. Das könnte durch solch eine Aktion gut funktionieren.
Bis jetzt haben wir die Teilnahmezeiträume bei jedem Virtual Run immer auf mehrere Tage bis hin zu mehreren Wochen ausgedehnt. Einfach deshalb, weil die Crowdlauf-Community noch nicht so groß ist. An einem Wochenende finden alle irgendwann mal Zeit, einen Lauf zu machen. An einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit ist das für viele nicht mehr so leicht zu schaffen. Wir müssen ja immer auch versuchen, bei einem Virtual Run eine kritische Masse zu mobilisieren, damit wir etwas bewirken können.


Ihr betreibt Crowdlauf zum zweit. Dein Geschäftspartner sitzt in Hamburg, Du in Straubing. Schon mal gemeinsam einen Virtual run unternommen?

Ha! Nein, es ist uns tatsächlich noch nicht gelungen, gemeinsam – also physisch nebeneinander – zu laufen. Wenn wir einen Virtual Run veranstalten, läuft Robert in Hamburg mit und ich in Straubing, so wie die meisten Crowdläufer*innen das an ihren Wohnorten auch machen.

Aber Eure Zusammenarbeit basiert ja auf dem gleichen Prinzip der „virtuellen“ Zusammenarbeit. Wie macht Ihr das?
Wir haben Crowdlauf von Anfang an so konzipiert, dass wir alles möglichst schlank halten können. Das heißt bei uns: Wir arbeiten komplett von unseren Home Offices aus. Ein zusätzliches Büro brauchen wir nicht, das würde uns nur teure Miete kosten. Auch die Medaillen, die wir über unseren Online-Shop verkaufen, lagern im und um das Home Office herum. Sie werden auch von hier aus verpackt und verschickt – bei einem täglichen Spaziergang zum Briefkasten.
Auf Geschäftsreisen verzichten wir fast vollständig. Wir treffen uns lediglich einmal im Jahr zu einem Strategie-Wochenende, um über die Zukunft von Crowdlauf zu sprechen. Ansonsten haben wir immer mittwochs einen festen Skype-Termin, zusätzlich zu unserer täglichen Kommunikation über Slack und E-Mail. Alles, was wir entscheiden, wird in einem Wiki protokolliert. So behalten wir den Überblick, was wir wann machen wollen.
Dieses Prinzip, alles schön schlank zu halten, wenden wir übrigens auch auf die Weiterentwicklung von Crowdlauf an: Wir haben viele Ideen, wohin die Reise für uns gehen könnte. Aber wir überlegen uns sehr genau, und wählen auch sehr genau aus, welchen Schritt wir wann tun wollen.
Wir sind z.B. 2017 mit einer einzigen Medaille gestartet, um erstmal das Konzept „Medaille kaufen und für einen guten Zweck laufen“ vorsichtig zu testen. Als wir gemerkt haben, dass das gut ankommt, haben wir weitere Medaillen angeboten. Später kamen dann die Virtual Runs dazu, die auf den Medaillen aufbauen: Nur wer die Medaille hat, kann auch an dem dazugehörigen Virtual Run teilnehmen. So kommt eines zum anderen. Wie eine Treppe, die man hoch geht: Die zweite Stufe kann es nicht ohne die erste geben. Alles baut aufeinander auf.

Haben sich schon Anbieter von Laufsoftware wie Runkeeper oder Adidas Run bei Euch gemeldet, um mit Euch zusammenzuarbeiten?
Es gab schon mal Kooperationsanfragen von diversen Firmen. Aber die passten mit dem, was sie anbieten, nicht zu Crowdlauf. Lauf-Apps waren allerdings noch nicht darunter.
Klar, könnten wir uns da Kooperationen vorstellen! Wie cool wäre es, wenn z.B. jemand über die App eine Laufeinheit von sich zum Crowdlauf deklarieren könnte – und andere Leute die Medaille direkt über die App bestellen könnten. Da wir 75 % unseres Jahresgewinns an gemeinnützige Organisationen spenden, würden gleich mehrere Seiten davon profitieren.

Spekulier mal ein wenig: Wohin wird sich Crowdlauf in den nächsten Jahren entwickeln?
Wir sind als Social Business gestartet. Wir wollen auch in Zukunft 75 % unseres Jahresgewinns spenden und über wichtige soziale und ökologische Themen aufklären. Das ist das Herz und die Seele von Crowdlauf. Ich glaube nicht, dass sich daran jemals etwas ändern wird.
Was sich aber ändern kann, ist der Weg, den wir gehen werden, um diese Ziele weiter zu verfolgen. Wir finden es z.B. sehr spannend, zusätzlich zu unseren derzeitigen Aktivitäten spezielle Angebote für Firmen zu schaffen. Angebote, mit denen kleine und große Unternehmen Crowdlauf als Plattform nutzen können, um gemeinsam mit uns positive Effekte für die Umwelt und unsere Gesellschaft zu erzielen. Das wäre eine richtig interessante Sache.

Daniel war unlängst im runskills-Podcast zu Besuch und hat über die Idee von Crowdlauf gesprochen. Mehr übers Laufen (und was man vom Laufen für Medien lernen kann), hier im Blog: Ich habe über zwei Läufe geschrieben, an denen ich teilgenommen habe: einmal an dem Lauf nach dem Durchschnitt, den Global5K von Runkeeper und später am Global6k von World Vision. Beide Läufe waren Virtual Runs, das Konzept habe ich in meinem Buch „Meta – das Ende des Durschnitts“ beschrieben. Außerdem habe ich mit Gunnar Jans übers Laufen gesprochen und dazu passend Fünf Entwicklungen notiert, die man beim Laufen für (digitale) Medien lernen kann

Hier kann man sich für den aktuellen Crowdlauf anmelden