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Geduldtraining: Veränderung ist Marathon nicht Sprint (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Ich mag Friedrich Merz. Nein, nicht weil ich inhaltlich mit dem CDU-Politiker übereinstimmen würde. Es ist im Gegenteil so, dass ich häufig völlig anderer Ansicht bin als der Sauerländer. Wann immer ich Merz aber in einer Talkshow sehe, erkenne ich gesellschaftlichen Fortschritt – nicht in seinen Aussagen, sondern vor dem Hintergrund seiner Aussagen.

Um zu erklären, was ich damit meine, möchte ich zwei häufig zitierte Gedanken verbinden. Der eine hat viel mit der aktuellen Krise und dem Umgang mit Corona zu tun, der zweite stammt vom Zukunftsforscher Roy Amara.

Beginnen wir mit der Corona-Bewältigungsstrategie, die sehr ausdauernd mit dem Satz „ist ein Marathon, kein Sprint“ beschrieben wird. Nicht nur weil der Marathon im kommenden Monat Geburtstag feiert, empfinde ich folgende Roy Amara zugeschriebene Beobachtung dazu äußerst passend. Er schrieb schon in den 1980er Jahren, dass die Gesellschaft in der Bewertung technischer Entwicklungen dazu neigt, die kurzfristigen Folgen zu über- und die langfristigen Auswirkungen zu unterschätzen. Der Satz ist als Amaras Law zu einer Art Meme und Referenzvorlage der Zukunftsforschung geworden.

Im Zusammenhang mit dem aktuellen Corona-Marathon empfinde ich seine Einschätzung als beruhigend. Und das kommt so:

Ich kenne das von Sascha Lobo treffend beschriebende Phänomen der Groll-Bürger:innen, die mütend sind ob der zähen und wenig nachvollziehbaren Bewältigungsstrategien. Ich empfinde diese Form der Verdrossenheit, das Hadern mit der Bürokratie und das Verzweifeln an der fehlenden Veränderungsbereitschaft als Sprint-Perspektive, als kurzfristige Bewertung der aktuellen Veränderungen. Es gab in den vergangenen Tagen jede Menge Texte, die sich genau mit diesem Gefühl der Resignation befassten und heute hat Danger Dan auf seinem herausragenden Album „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ den Song „Beginne jeden Tag mit einem Lächeln“ veröffentlicht, der auf erstaunliche Weise mit platter Instagram-Poesie als Antwort auf die Überforderung aufräumt.

In der langfristigen Marathon-Perspektive auf die Corona-Krise erkenne ich dennoch die unterschätzten langfristigen Folgen des epochenmachenden Umbruchs. Weiter so! ist keine tragfähige politische Parole mehr. Wir leben am Vorabend grundlegender Veränderungen. Die Welt nach Corona, die sich als Hoffnungschimmer am Horizont zeigt, wird eine andere sein. Der Digitalisierungsschub, die Reduzierung unnötiger (Dienst-)Reisen, die weit überwiegende Übereinkunft über den Wert wissenschaftlicher Forschung, verlässlicher Nachrichten, einem stabilen Allgemeinwesens und einem angemessen honorierten Gesundheitssystems werden die Gesellschaft langfristig mehr verändern als wir es in der mütenden aktuellen Lage ahnen.

Das mag aus der Perspektive der Symbolbild-Schildkröte (Unsplash) übertrieben optimistisch klingen, aber eben nur wenn man keine Menschen vom Schlage Friedrich Merz kennt: Gesellschaftlicher Fortschritt lässt sich am besten an denjenigen ablesen, die gegen die Veränderungen durch Gendern, Gleichberechtigung oder Klimagerechtigkeit kämpfen. Die Welt des Jahres 2021 ist eine andere als jene der frühen 1990er Jahre – und besonders gut erkennt man dies stets an jenen, die gedanklich in den 1990er Jahren stehen geblieben sind.

Von Tahnee (die übrigens gerade eine sehr tolle Serie in der ARD-Mediathek hat) habe ich im Podcast mit Bettina Boettinger eine erstaunliche Einschätzung zum Thema Identität gehört. Sie sagt: „Alles, was wir denken, fühlen, was uns umgibt, ist immer etwas, was sich bewegt: wie ein Computer, der sich immer updatet. Alles ist immer in Bewegung und wir lernen immer dazu. Entwicklung passiert unumgänglich.“ Für mich drückt sich darin sehr viel von dem aus, was Maren Urner vor kurzem im Spiegel als dynamisches Denken als Bewältigungsstrategie beschrieben hat.

Klar, die Frage ist, ob die Schildkröte schnell genug ist. Aber dass sie sich bewegt, ist unbestreitbar. Und bei Ausdauerprojekten wie einem Marathon halten Sport-Psycholog:innen genau diese Erkenntnis für einen wichtigen Motivator: das Gefühl, dass es sich bewegt, dass man vorwärts kommt, dass es besser wird. Was es dazu braucht? Geduld!

Der Sportpsychologe und Ausdauer-Experte Brand Stulberg hat dies in einem Text in der New York Times mit vier P beschrieben, die den Marathon nicht nur als Metapher für die Corona-Krise, sondern als Bild für gesellschaftliche Veränderungen schlechthin lesbar macht. Stulberg schreibt von Patience, Pacing, Process (Over Outcome) und Purpose – um Ausdauerprojekte zu gestalten.

Wer Veränderungen schaffen möchte, braucht Geduld, ein gutes Gefühl für Geschwindigkeit (schnell kann nur sein, wer auch langsam sein kann), Wertschätzung für den Fortschritt (unabhängig vom Ergebnis) und ein langfristiges Ziel, das Sinn stiftet. Dass es der Gesellschaft gelingt, gemeinsam eine Herausforderung wie Corona zu bewältigen und Schlüsse aus den Fehlern zu ziehen, das ist doch gar nicht so schlecht als Ziel für den Marathon. Oder anders formuliert: dass es in Zukunft gerechter, diverser, inklusiver, digitaler, friedlicher und klimagerechter zugeht als in den 1990er Jahren, kann eine gute Motivation fürs Geduldtraining sein, das alle dieser Tage besonders üben müssen.

Ausdauer – immer weiter, ohne Ziel

Ich habe in diesem Jahr sehr viel übers Laufen geschrieben und ich bin auch sehr viel gelaufen. Deshalb nimmt dieser Text das Laufen zum Anlass für die Frage: Wie geht man mit andauernder Belastung um? Wer mehr übers Laufen lesen möchte: Es gibt einen wöchentlichen Newsletter zum Thema.

Wenn der etwas überstrapazierte Vergleich, eine Herausforderung sei kein Sprint, sondern ein Marathon, jemals zutraf, dann auf das Jahr 2020 und die Corona-Pandemie. Dieses Jahr ist wahrlich kein Sprint, sondern eine echte Herausforderung an Geduld, Gelassenheit und Ausdauer. Der Ausdauer-Autor Alex Hutchinson (dessen Texte im Outside-Magazin ebenfalls empfehlenswert sind) hat diesen Vergleich zu einem erstaunlichen Beitrag in der kanadischen The Globe and Mail genutzt, in dem er der Frage nachgeht, was man aus sportwissenschaftlicher und psychologischer Sicht über die Ausdauer-Herausforderung Covid lernen kann: Welche Tricks vom echten Marathon-Lauf kann man für den Pandemie-Marathon nutzen?

Ich muss auf diesen unbedingt empfehlenswerten Text etwas ausführlicher eingehen, weil ich glaube, dass das Jahr 2020 ein besonderes Anrecht auf Lauf-Vergleiche hat. Im Frühjahr entbrannte als Reaktion auf die ersten Einschränkungen in Folge der Pandemie ein Boom des Laufsports, in dessen Folge auch ich häufiger über das Laufen geschrieben haben – und dies noch immer tue.

Zu den Texten, die man als laufinteressierter Mensch im Laufboom-Jahr 2020 gelesen haben sollte, zählt neben dem Ausrufen des Boomes in der New York Times auch dieser wunderbare Text der griechischen Läuferin Alexi Pappas in Sports Illustrated, in dem sie beschreibt, wie das Alleine-Laufen in der Pandemie dennoch zu einer verbindenden Bewegung werden kann. Als ich vor Jahren erstmals über Virtual Runs schrieb, hätte ich mir nicht ausmalen können, dass aus dieser digital gedachten Bewegung mal eine Art Volkssport werden könnten – auch dass ich daraufhin gar einen Laufnewsletter beginnen würde, hätte ich mir erst recht nicht vorstellen können.

Das Laufen ist aber im Jahr 2020 nicht nur ein gute Verarbeitungsmittel im Umgang mit der Pandemie gewesen. Das Laufen ist auch ein gutes Bild, um mit deren andauernden Forderungen umzugehen. Denn ein Grund, warum uns der Umgang mit der Pandemie so anstrengend liegt im Fehlen eines Ziels. Hutchinson zitiert in seinem Text die Forschung des deutschen Psychologen Hans-Volkhart Ulmer, der 1996 nachweisen konnte, dass die Vorstellung eines Ziels (teleoanticipation) sich sehr positiv auf die Bewältigung schwieriger Belastung auswirken kann. Hutchinson kommt mit Blick auf die Hoffnung auf eine Impfung aber zu dem Punkt:

Using endurance sports as their medium, researchers in this subfield have probed what happens when you hide the finish line, surreptitiously move it or take it away entirely. For those of us tempted by promising vaccine updates to start fantasizing about an end to the pandemic, these researchers have some advice: don’t.

Denn neben den unbestreitbaren Vorteilen, die im Setzen von Zielen liegen können, limitiert das Ziel auch unsere Vorstellungskraft. Hutchinson beschreibt dies so:

This fixation on the end creates a somewhat circular sense of what it means to be completely spent. We’re fully drained when we cross the finish line, but it was the act of approaching and crossing the line that did the final draining. Without that anchor, it becomes surprisingly hard to figure out how close we are to our limits.

Jason Kottke, über dessen Blog ich den Text gefunden habe, weist stattdessen auf das Prinzip von Mini-Zielen hin, die nicht als Abschluss der Gesamtanstrengung verstanden werden. Er zitiert dabei die nicht gerade wissenschaftliche Quelle Kimmy Schmitz, die die Hauptfigur einer TV-Serie ist, aber dennoch einen erstaunlichen Gedanken zum Umgang mit Belastungen formuliert hat:

“You can stand anything for 10 seconds,” says Kimmy Schmidt. “Then you just start on a new 10 seconds.”

Ob man daraus etwas für den Umgang mit der Pandemie lernen kann, fragt Hutchinson abschließend und gibt einen Ratschlag, den er selbst als fast schon zu banal bezeichnet. Aber er gilt für das Laufen wie für den Umgang mit der Pandemie:

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