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Fünf abschließende Sätze für wissenschaftszweifelnde Hygiene-Demonstrierende in meiner Timeline

Vergangene Woche habe ich hier einen Brief an diejenigen Menschen in meiner Timeline geschrieben, die sich Corona-Zweifler nennen. Daraufhin haben sich einige Debatten ergeben, die auch mit den so genannten Hygiene-Demonstrationen vom Wochenende zu tun haben. Am Ende laufen diese Diskussionen stets auf eine Polarisierung hinaus, die einige Demonstrierenden inszenieren. Sie halten sich für einen Widerstand gegen den nicht weiter definierten Mainstream. Wer ihnen widerspricht, ist dieser Logik nach, Teil der „Weltverschwörung“ oder „Medienelite“ – und bestätigt die Thesen. Dass jemand freiwillig anderer Meinung ist, ist nicht vorgesehen bei denen, die sich unterdrückt fühlen.

Lenz Jacobsen analysiert dazu bei Zeit Online richtig: „Sie können die Polarisierung, von der sie profitieren, nicht selbst herstellen, dafür brauchen sie die Hilfe aller, die Aufmerksamkeit zu verteilen haben: Medien, Leser, Retweeter, Facebook-Liker, WhatsApper.

Ich werde meine Aufmerksamkeit künftig achtsamer verteilen, deshalb hier fünf abschließende Sätze zur Debatte mit den wissenchaftszweifelnden Hygiene-Demonstrierenden (Foto: Unsplash)

1. Du bist weder die Mehrheit noch wirst du unterdrückt. Es gibt keine geheime Verschwörung, die du gerade gemeinsam mit Nazis und anderen Spinnern aufdeckst. Du darfst das aber behaupten und du darfst dafür sogar demonstrieren.

2. Dann musst du aber damit leben, dass ich das in hohem Maße scheiße finde, was ihr da treibt. Widerspruch ist Teil der offenen Gesellschaft, kein Ausdruck von Gehorsam. Wer für Grundrechte eintritt, muss es aushalten, dass es unterschiedliche Meinungen gibt. Dazu zählt zum Beispiel auch dies: Es stimmt schlicht nicht, dass es keine Kritik an der Regierung gibt. Die öffentliche Debatte ist voll davon, du müsstest nur genauer hinschauen.

3. Ich möchte darüber nicht weiter diskutieren. Ich muss und will dich nicht überzeugen. Und ich will von deinen unwisssenschaftlichen Ansichten auch nicht überzeugt werden. Es ist okay, dass du deine Meinung hast. Es ist aber auch okay, dass ich sie nicht teile – und sie jetzt auch nicht weiter öffentlich diskutiere und damit wichtiger mache als sie tatsächlich ist.

4. Das einzige, was mich an deiner Demo interessiert: Ihr haltet euch nicht an die Regeln, die ich für geboten und vernünftig halte. Und zwar nicht in dem Sinn einer Diktatur, sondern im Sinn einer Ampel, vor der ich aus Vernunft bei rot stehen bleiben, nicht aus Gehorsam. Dass Ihr Eure Angst dennoch immer wieder auf öffentlichen Demos in das Diktatur-Narrativ dreht, macht euch nicht glaubwürdiger. Im Gegenteil: Ich halte eure so genannten Demos für dumm, unsolidarisch und unvernünftig.

5. Wenn du tatsächlich für Grundrechte auf die Straße gehst, dann lass doch den Grund-Gedanken der Toleranz zu: Die deiner Meinung nach „Bösen“ haben die gleichen edlen Motive in ihrem Handeln wie du. Alle sind in Sorge, alle versuchen das Beste für ihre Lieben. Die Polarisierung in die „Bösen“ dort und die „Guten“ hier hilft nicht weiter. Denn die Bösen denken selbst, dass sie die Guten sind ¯\_(ツ)_/¯

Wir müssen nicht einer Meinung sein, aber wir sollten uns nicht spalten lassen.

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Brief an Corona-zweifelnde Facebook-Freund*innen!

Ich habe gestern einen Beitrag vom Zeichner Janosch auf Facebook entdeckt. Es ist nur ein Satz, den er mit seinem Namen unterzeichnet hat: „Wer das hier liest, braucht sich vor nichts mehr zu fürchten“ steht da. „Mutmacher“ hat Janosch daneben geschrieben und dafür unzählige Herzchen bekommen.

Es ist eine wirklich schöne Vorstellung, etwas zu lesen, was uns die Angst nimmt. Keine Furcht mehr, einfach dadurch dass man etwas liest. Ich habe Angst in diesen Tagen und ich wäre deshalb fast reingefallen auf diesen Janosch-Satz. Denn wenn ich Angst habe, Unsicherheit verspüre oder keinen Ausweg sehe, dann sind Sätze wie jener von Janosch süße Versprechen. Sie bieten eine Lösung für Probleme, die mich überfordern. Sie beruhigen mich – auch wenn ich weiß, dass es diese sehr einfachen Sätze in Wahrheit nicht gibt. Trotzdem bin auch ich anfällig für die Dynamik, die Janosch mit seinem Beitrag anstößt. Diese Dynamik wird durch Social Media massiv verstärkt (Foto: Unsplash).

Deshalb schreibe ich Dir.

Wir haben uns in den vergangenen Jahren etwas aus den Augen verloren, Facebook hält uns aber in Verbindung und so habe ich in den vergangenen Wochen immer mal wieder Beiträge von dir gesehen. Du hast Interviews aus dem Kanal KenFM geteilt, eine Petition gegen die Maskenpflicht und gestern den Mut derjenigen gelobt, die „sich das Denken nicht verbieten lassen“ und in Stuttgart, Berlin und München „gegen den Gehorsam der Mainstream-Medien auf die Straße“ gegangen sind.

Ich sehe das entschieden anders als du, aber ich halte dich deshalb nicht für einen Nazi oder eine Verschwörungstheoretikerin. Ich nehme an, dass du diese Beiträge teilst, weil du dir ernsthaft Sorgen machst und ich kann das verstehen: Ich mache mir auch Sorgen. Vielleicht hat Facebook also gar nicht mal so Unrecht: Wir haben da eine Verbindung.

Diese Verbindung haben wir, obwohl ich sehr grundlegend anderer Meinung bin als du. Ich finde nicht, dass deine Ansichten unterdrückt werden in diesem Land oder dass deine Perspektive tot geschwiegen wird. Dass du diese Beiträge teilen kannst, dass Menschen auf die Straße gehen und auch Leute wie Ken Jebsen publizieren, zeigt, dass es Meinungsfreiheit gibt in diesem Land. Dass Leute wie er dennoch ständig so tun als würden sie gegen einen anders denkenden Mainstream kämpfen, ist Teil ihrer Strategie. Sie inszenieren sich als Vorkämpfer für die Wahrheit und deuten den inhaltlichen Widerspruch als Beweis dafür, dass sie unterdrückt oder zensiert werden. Es ist aber kein Ausdruck von Unterdrückung und Zensur, wenn man jemandem, der sich öffentlich äußert, deutlich macht, dass er Unsinn redet (hier und hier kann man das ausführlich nachlesen). Es ist im Gegenteil Beweis einer offenen Gesellschaft, um die Ihr Euch ja sorgt, dass eine Rede auch eine Widerrede erträgt.

Aber ich möchte dir hier gar nicht widersprechen, dich belehren oder gar beschimpfen. Ich habe ja gesagt: Wir haben vermutlich mehr gemein als uns gerade auffällt. Wir machen uns gerade beide Sorgen. Wir haben Angst, weil es so etwas wie diese Corona-Pandemie noch nie gab und wir alle nicht so genau wissen, wie es weitergeht. Diese Angst ist scheiße, aber wir können sie aushalten. Gemeinsam. Denn wir sind beide Menschen, uns verbindet die Sorge um unsere Lieben und wir wollen beide nicht, dass Menschen sterben müssen.

Ich glaube, dass viel mehr Menschen diese Sorge teilen als du denkst. Auch diejenigen Menschen, die du in „den Eliten“ oder „der Politik“ oder „in den Medien“ vermutest. Sogar Bill Gates teilt diese Sorge. Ich bin mir da sehr sicher und würde dich bitten, für einen Moment den Gedanken zuzulassen, dass auch die Leute am Robert-Koch-Institut, in der WHO und sogar die Bundeskanzlerin aus den gleichen guten Motiven handeln wie du und die anderen Leute, die auf die Straße gehen oder KenFM-Clips teilen. Stell dir mal vor wie es wäre, wenn wir allesamt gerade einfach nur scheiß Angst haben. Stell dir mal vor, dass „die da oben“ nicht gegen dich sind oder einen geheimen Plan verfolgen, sondern schlicht das Gleiche wollen wir du: dass dieser ganze Mist möglichst bald wieder aufhört.

Kannst du dir nicht vorstellen? Verstehe ich. Es gibt dafür sogar einen wissenschaftlichen Begriff. Man nennt das „Motive attribution asymmetry“. Der Begriff beschreibt das Gefühl, dass wir immer denken, diejenigen, die anderer Meinung sind als wir selbst würde ihre falsche Meinung aus boshafter Intention vertreten. Deshalb funktionieren die Beiträge von KenFM und anderen so gut: Sie reden uns ein, die anderen hätten einen bösen Plan. Wenn wir das glauben, erzeugen diese Beiträge genau das Gefühl von dem obigen Janosch-Satz. Wir müssen uns plötzlich nicht mehr fürchten. Denn es gibt jetzt einen Gegner, jemanden, dessen boshafte Pläne man bekämpfen kann. Damit gibt es etwas zu tun, man kann streiten und kämpfen – und zwar für das Gute, denn wenn die anderen das Böse planen, ist man ja automatisch auf der guten Seite.

Ich schreibe das nicht als Vorwurf, sondern als Bekenntnis: Ich kenne dieses Gefühl. Es ist „wie eine Kompassnadel, die immer in eine Richtung deutet: auf das Böse, das Falsche, das Ärgerliche. Das ist gut, denn dann bilde ich mir ein, wieder zu wissen, wie alles ist. Dann habe ich wieder Übersicht. Zumindest glaube ich das in diesem Moment der Empörung. Ich kann auf das Falsche zeigen, auf das, was ich anprangere. Das gibt mir nicht nur Orientierung, es bedeutet unausgesprochen natürlich auch immer: Ich stehe auf der richtigen Seite, bei den Guten, bei denen, die die richtigen Intentionen haben, das Richtige wollen.

Was aber, wenn es die anderen gar nicht gibt? Was wenn die, die wir für die anderen halten auch einfach nur das Beste wollen (halt auf einem anderen Weg)? Sobald du diesen Verdacht zulässt, fallen alle Beiträge von KenFM und den anderen in sich zusammen. Plötzlich verschwindet die mutmachende Kraft des „wer das liest, braucht sich nicht mehr zu fürchten“. Plötzlich steht man nackt da, ohne Gegenseite, ohne Kompassnadel und Orientierung.

Das ist scheiße. Und ich glaube, dass viele Menschen deshalb zu Covidioten werden, weil sie nicht mit der Angst umgehen können. Das will ich ihnen gar nicht vorwerfen. Wir haben schließlich alle Angst. Ich will dich aber bitten (weil wir uns kennen, weil wir eine Verbindung haben), lass dich nicht auf dieses Spiel mit der Spaltung ein. Es löst keine Probleme, wenn du ständig in wir und die denkst. Es hilft nicht weiter, wenn du in Microsoft Word ein Pamphlet gegen Bill Gates verfasst – selbst wenn du dich dann für einen kurzen Moment besser fühlst.

Mir hilft in diesen Situationen der Angst und Orientierungslosigkeit das Buch, das KenFM ständig in die Kamera hält. Das Grundgesetz sagt nämlich, dass wir die anderen als Menschen mit Würde wahrnehmen sollen. Dass wir ihnen zubilligen, eine andere Meinung zu haben und sie dennoch wertschätzend zu behandeln. Wenn dir das auch wichtig ist, hast du jetzt eine gute Möglichkeit damit zu beginnen. Stell dir zum Beispiel einfach mal vor, dass es Menschen gibt, die Masken nicht aus Gehorsam tragen, sondern aus Nächstenliebe. Sie wollen ihren Mitmenschen damit deutlich machen: „Falls ich das Virus in mir trage, möchte ich dich damit nicht anstecken.“ Ich finde das ein schönes Zeichen, das kraftvoller ist als alle Petitionen. Es ist Ausdruck von Vernunft – und darum geht es mir, wenn ich dir hier schreibe: Ich weiß, dass Du kein Covidiot bist. Ich weiß, dass du wie wir alle Angst hast und vielleicht an ein oder zwei Stellen unvernünftig abgebogen bist. Das ist kein Grund, unsere Facebook-Freundschaft zu beenden. Aber es ist ein Grund, nochmal darüber nachzudenken, von wem die Sätze eigentlich stammen, die das schöne aber trügerische Gefühl verbreiten, wir müssten uns nicht mehr fürchten.

Lass uns vernünftig bleiben! Auf dass dieser Scheiß bald vorbei ist

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> Zehn Tipps gegen Falschmeldungen im Netz

Lass Dir keine Angst machen (Digitale-November-Notizen)

Dieser Text ist Teil die November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Zum Ende des zweiten Teils der Faust-Tragödie lässt Goethe den Heinrich Faust mit der Sorge in Kontakt kommen. Zwar wehrt er sich, doch die personifizierte Sorge ergreift Besitz von ihm – und lässt ihn schließlich erblinden. Man muss nicht betonen, dass Faust selber von einem „garstigen Wirrwarr netzumstrickter Qualen“ spricht, um im Auftreten der Sorge eine Parallele zur „netzumstrickten“ Gegenwart zu erkennen.

Die Wirkung, die Goethe der Sorge zuschreibt, liest sich wie die Beschreibung eines angstgetriebenen Wählers im November 2016: „Er verliert sich immer tiefer, / Siehet alle Dinge schiefer, / Sich und andre lästig drückend; / Atemholend und erstickend; / Nicht erstickt und ohne Leben, / Nicht verzweiflend, nicht ergeben. / So ein unaufhaltsam Rollen, / Schmerzlich Lassen, widrig Sollen / Bald Befreien, bald Erdrücken / Halber Schlaf und schlecht Erquicken / Heftet ihn an seine Stelle / Und bereitet ihn zur Hölle.“.

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Selten ist so genau beschrieben worden, was passiert, wenn die Sorge Besitz ergreift von einem Menschen, ihn an seine Stelle heftet und ihm damit die Hölle bereitet. Ein Mensch, der so voll der Sorge ist, erkennt nicht mehr, was ihm die Sorge nehmen könnte. Er sieht nicht auf Fakten, die gegen seine Angst sprechen. Er ist blind vor Sorge. So jedenfalls beschreibt es Goethe im zweiten Teil des Faust.

Und es spricht nicht für dieses aufgeregte und angstvolle Jahr 2016, dass ich nun zum zweiten Mal auf den Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz und seinen Satz zu sprechen kommen muss: „Ein ängstlicher Mensch ist immer ein Untertan.“ Beim ersten Mal im Juli ging es um die akute Panik nach dem Attentat vom Olympia-Einkaufszentrum in München. Vier Monate später – im Wahlmonat Donald Trumps – geht es um die Frage, wie mit Angst Politik gemacht wird: Denn auch die Sorge vor dem Fremden, vor dem Unreinen, vor dem Bedeutungsverlust macht blind. Und diejenigen Politiker, die diese Ängste besonders gut bedienen, scheinen davon aktuell sehr stark zu profitieren. Denn Sorge ist – um es aufmerksamkeitsökonomisch salopp zu formulieren – zum neuen Sex geworden. Diese Zuspitzung trägt der Tatsache Rechnung, dass in einer Welt des ständig wachsenden Inhalts, der Kampf um Aufmerksamkeit immer härter wird. Wo früher Sex sells galt, müssen heute handfeste Ängste geschürrt werden, um die Aufmerksamkeit (als Voraussetzung für Wählerstimmen) zu erlangen.

Diese Form der Angst-Politik zeigt sich in zwei Ausprägungen: Einerseits in der akuten Panikmache gegen vermeintliche Bedrohungen. Und andererseits in der Art und Weise wie mit unbestreitbaren Fakten umgegangen wird. „Wir leben im kontrafaktischen Zeitalter“, zitiert Florian Klenk im Falter den Psychater Patrick Frottier und fährt fort: „Wir leugnen Tatsachen, weil sie uns unsicher machen, weil wir sie nicht mehr verstehen und einordnen können, weil sie unseren tradierten Bildern widersprechen. Wir basteln uns vor allem im Netz eine Welt zusammen, die unsere Meinung stützt.“

Nun zählt es – wie gesagt – zu den weniger zielführenden Ratschlägen, einem Menschen in Sorge, ein „hab keine Angst“ vorzuschlagen. Deshalb trägt dieser Beitrag einen Titel, der versucht die Mechanismen der Sorge in den Blick zu nehmen: „Lass dir keine Angst machen“ soll der Versuch sein, zu erkennen, wie mit Hilfe der Sorge um Aufmerksamkeit gekämpft – und damit am Ende auch Politik gemacht wird. Als ich in der Januar-Folge der Digitalen Notizen für Social-Media-Gelassenheit warb, war mir nicht klar, wie häufig ich im Laufe des Jahres darauf zurückkommen würde. Denn natürlich basiert auch diese Form der Angstmache auf den Potenzialen des Katalysators „Social Media“. All die Tweets und Facebook-Posts der US-Wahlnacht beweisen dies.

Es gibt nämlich nicht wenige Menschen, die auf die Ergebnisse dieser Angst-Politik selber mit großer Sorge reagiert haben. Was berechtigt sein mag oder nicht, aber in jedem Fall anschaulich zeigt, was Angst mit Menschen macht. Vielleicht ist den Lesern dieses Newsletter diese Sorge vor Trump näher als jene (berechtigte oder künstlich erzeugte) Sorge, die Menschen dazu brachte Trump ihre Stimme zu geben. In beiden Fällen stellt sich aber die Frage: Kann die Sorge Besitz ergreifen?

Ich persönlich habe dabei große Sympathie für den Ansatz, den Carolin Emcke in ihrer aktuellen SZ-Kolumne formuliert hat: „Ich hatte es mir anders erhofft, aber überrascht hat mich die Wahl von Donald Trump nicht. Ich bin nur komplett ratlos, wie sie gedeutet werden soll“, schreibt sie – was mich sehr an die Ratlosigkeit erinnert, die ich im Shruggie erkenne. Das mag man albern finden oder dem Ernst der Lage nicht angemessen: für mich ist Ratlosigkeit aber der erste Schritt gegen die Angst. Wer sich zur Ratlosigkeit und Überforderung bekennt, tritt einen Schritt aus der Wirkmacht der Angst heraus. Denn wer keine (einfache) Antwort hat, kann auch keine Schuldigen benennen, keine Konsequenzen fordern. Gerade in Umbruchsituationen zeigt sich in der Ratlosigkeit der Mut, Antworten nicht in den Modellen von gestern (die man schon kennt) zu suchen, sondern in den Ansätzen von morgen (die noch fremd sind). Die Ratlosigkeit ist somit Bestandteil des Unreinen, Unbekannten, Vielfältigen, das Carolin Emcke in ihrem Buch „Gegen den Hass“ als Gegenentwurf gegen das dogmatischen Denken lobt, das keine Schattierungen berücksichtigt.

Oder um es mit Barack Obama zu sagen, der in dem großartigen #langstrecke-Text von David Remnick davor warnt, sich in das Narrativ vom Ende der Welt zu begeben: „Ich glaube nicht an die Apokalypse – bis die Apoklypse kommt. Ich denke, nichts ist das Ende der Welt bis zum Ende der Welt.“ Und bis dahin sollten man für eine freie, demokratische und im besten Sinne pluralistische Welt kämpfen, z.B. indem man die Mechnanismen der Angstpolitik aufdeckt!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen: „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September) „Soll mein Buch auf Facebook?“ (August), „Der Grüffelo in Social Media“ (Juli) „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

Der Grüffelo in Social Media-Diensten (Digitiale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil die Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Kein Tier kommt in dem sehr schönen Kinderbuch „Der Grüffelo“ zu Schaden. Und doch sind der Fuchs, die Eule und die Schlange in so großer Sorge, dass sie von ihren Plänen ablassen, die viel kleinere Maus anzugreifen – denn: „weil die Maus den Grüffelo als fuchterregendes großes Tier beschreibt, flüchten ihre Fressfeinde und lassen sie lieber in Ruhe.“

Das Kinderbuch von Julia Donaldson und Axel Scheffler ist ein schönes Beispiel für den Umgang mit Furcht und Angst. Es zeigt, dass die kleine und schwache Maus auch Tiere in Angst und Schrecken versetzen kann, die viel größer und kräftiger sind als sie selber. Und sogar als auftaucht, was sie sich als Schreckensszenario ausmalt (der Grüffelo nämlich) nutzt die Maus wiederum die Dynamik der Sorge, um sich aus der Situation zu retten. Sie wandert gemeinsam mit dem Grüffelo (Bild rechts: Beltz-Verlag) durch den Wald und lässt die Furcht der Tiere, die die beiden gemeinsam sehen, so wirken als ängstigten sich diese vor ihr: Vor der kleinen Maus, die niemandem etwas tut. Das wiederum beunruhigt den Grüffelo so sehr, dass er von der kleinen Maus ablässt, die ja gefährlich sein muss, wenn die anderen sich vor ihr fürchten.

Im Kinderbuch ist das ein für die kleine Maus beruhigendes Bild. Überträgt man es auf das Leben der Erwachsenen legt es die Dynamik von Schrecken und Terror offen: Angst zu verbreiten (Fear mongering) ist ein sehr tauglicher Mechanismus um Aufmerksamkeit zu binden – und zu nutzen.

Ein ängstlicher Mensch ist immer ein Untertan„, zitiert Martin Tschechne im Deutschlandradio Kultur den Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz und ergänzt: „einer, den man ausnutzen kann. (…) Denn durch Angst lässt das Denken sich fernsteuern, Angst beherrscht die Wahrnehmung und überlagert jede andere Emotion. (…) Angst macht blind und dumm. Gefährlich ist: die Schlauen wissen das.

Der Beitrag lief vor dem Amoklauf von München im Radio. Und doch lassen sich diese Angst-Analyse ebenso wie die Terror-Dynamik des Grüffelo auf die Panik übertragen, die sich nach den ersten Meldungen vom Olympia-Einkaufzentrum in der Stadt wie in sozialen Medien verbreitete. Angesichts der Szenen in der Stadt und der Posts auf Twitter und Facebook erscheint es fast banal, an den Appell vom Beginn des Jahres zu erinnern: Wir müssen Social-Media-Gelassenheit einüben!

Denn anders als bei den bisherigen Social-Media-Großlagen (Böhmermann oder Kölner Silvernacht) wurde unter dem Hashtag #oez und #muenchen eine ordentliche Portion direkte Angst beigemischt. Diese wirkt als Brandbeschleuniger für die Falschmeldungen und Gerüchte, die Menschen aus böser Absicht oder eigener Angst verbreiten. Dabei ist es egal, ob Massenmedien (wie hier Skyp News) mit Angst Quote machen wollen oder ob eine Privatperson in einer Whats-App-Gruppe Bilder mit Blut und Leichen postet (die in Wahrheit aus Südafrika stammen und fast zum Standard-Repertroire der Angstmachen zählen). Stets greift der Grüffelo-Mechanismus: Es muss gefährlich sein muss, wenn die anderen sich so fürchten.

Es ist einer der untauglichsten Ratschläge, in furchterregenden Situationen „Keine Angst“ zu fordern. Wer je mit Flugangst in ein Flugzeug gestiegen ist, kennt das. Und so wird es vermutlich auch nichts helfen, im Rahmen der Social-Media-Gelassenheit „Keine Angst“ zu fordern. Gleichwohl erscheint es sinnvoll an das Reflektionsvermögen zu appellieren. Twitter, Facebook und unser Agieren auf diesen Plattformen ist historisch gesehen noch sehr jung – und kaum eingeübt. Ereignisse wie die Amoknacht von München zeigen, dass es dringend und wichtig ist, hier neue Techniken einzuüben. Es wurde auch erst das Auto und dann erst der Sicherheitsgurt erfunden…

Reflektion und Vernunft zu zeigen, wenn sich alle dem Grüffelo-Mechanismus hinzugehen scheinen, scheint in jedem Fall nicht falsch. „Es ist die wohl meistversprechende Strategie gegen ein archaisches, überwältigendes Gefühl, das wie ein Virus von einem Menschen auf den nächsten überspringen kann“, schreibt Christina Berndt in der Süddeutschen Zeitung. Das gilt aber nicht nur im persönlichen Umgang mit der Angst – sondern auch und vor allem in ängstlichen Zeiten auf Twitter und Facebook.

Denn so schön die Grüffelo-Metapher auch ist: Social-Media-Nutzer sind nicht die Maus, die sich gegen Fressfeinde erwehren muss. Man sollte sich von den Angstmachern (von welcher Seite auch immer) niemals in diese Rolle drängen lassen!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen: „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).