Shruggie des Monats: Q und das Gendersternchen mit doppeltem i-Punkt

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Ich war unlängst im Podcast von Christoph Keese zu Besuch. Darin habe ich mich in das etwas schiefe Bild verstrickt, die Digitalisierung als Mensch zu denken, der in den Raum tritt. Christoph Keese hat mich dann gefragt, wie wir uns die Digitalisierung vorstellen müssten und ich habe geantwortet: „Vermutlich so wie Q“.

So nennen ihre Macher*innen die erste geschlecherneutrale Computerstimme. Anders als Siri (weiblich) ist Q keinem Geschlecht klar zuzuordnen. Es lohnt sich, Q anzuhören, weil erst dann klar wird, wie prägend die geschlechtliche Konnotation in den bisher bekannten Computerstimmen ist. Q legt das auf eine erstaunliche Weise offen und würde der Shruggie sprechen können: er hätte vermutlich die Stimme von Q.

Womit wir auch bei einem Fehler sind, den ich der Hauptperson meines Buches zugeschrieben habe: das Geschlecht. Ich habe das im „Was würde der Shruggie tun?“-Podcast schon mal erwähnt: Würde ich das Buch nochmal schreiben, das Shruggie wäre wie Q – nicht eindeutig zuzuordnen. Oder zumindest so wie das Känguru in Marc-Uwe Klings Epos über das Leben mit dem Beuteltier.

Aber Q ist eine gute Ratgeberstimme, um sich der Frage zu nähern, wie man denn eine gendergerechte Sprache erhalten könne. Eine Lösung besteht in dem kürzlich als Anglizismus des Jahres ausgezeichneten Gendersternchen. Ich benutze das Gendersternchen auch hier im Blog gelegentlich um Leser*innen anzusprechen und nicht nur mitzumeinen. Es gibt aus unterschiedlichen Richtungen Kritik an diesem kleinen Symbol. So zementierte der Verein für deutsche Sprache im März seine Rolle, in dem er diesen Tweet formulierte, der vor allem klar macht: An einer konstruktiven Lösung des Problems gibt es offenbar wenig Interesse. (Wer im Detail nachlesen, was alles gaga ist an diesem Verein und der Sprachkritik, kann diese hier und hier tun).

Dass man durchaus Kritik am Gendersternchen formulieren kann, hat Luise Pusch im jetzt-Gespräch sehr anschaulich formuliert. Dennoch möchte ich das Gendersternchen als Shruggie des Monats loben, weil es trotz der Kritik meiner Meinung nach ein Zeichen des Fortschritts ist – wie auch diese Petition für gendergerechte Sprache in der Wikipedia.

Denn dieser Fortschritt ist nicht nur erkenn-, sondern auch hörbar. Man spricht in der Phonetik von einem glottalen Plosiv, um zu beschreiben, dass es durchaus möglich ist, ein Gendersternchen (oder eine Variante) auszusprechen. Felix Stephan beschreibt dies in der heutigen Ausgabe der SZ sehr lesenswert: „Die Lösung, die zunehmend zu hören ist, besteht darin, vor dem gedachten Binnen-I eine kurze Pause einzulegen, wobei ein neuer Laut entsteht: ein kurzer, trockener, kaum wahrnehmbarer Kehllaut, an der Stelle, an der hier der Bindestrich ist: Künstler-innen.“ Felix schreibt, so etwas „kommt im Deutschen im Grunde unentwegt vor. Etwa wenn zwei Vokale aufeinandertreffen, die sich nicht in derselben Silbe befinden. Zwischen dem „e“ und dem „a“ in „Theater“ zum Beispiel.“ Das ist interessant, weil es das gängige Gegenargument gegen das Gendersternchen aufhebt, dass man dieses nicht aussprechen könne. Es passiert im Gegensteil sogar ständig – zum Beispiel im Französischen, wo für solche Fälle der doppelte i-Punkt im Einsatz ist (Dass also das „a“ und das „i“ in „naïve“ getrennt gesprochen werden und nicht wie in „Flair“, erkennt man an den zwei Punkten über dem i.), was ja auch als Ersatz für das Gendersternchen denkbar wäre: „Das wäre dann nicht nur linguistisch begründbar, sondern auch ästhetisch ein erheblicher Gewinn: Künstlerïnnen. Redakteurïnnen. Seglerïnnen. Was für eine Zukunft wäre das, in der deutsche Wörter aussehen könnten wie das französische „coïncidence“? Sicher keine schlechte.“

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

loading: Die Zukunftsbauer & #MissionUtopia

Zukunftsdenken an die Schulen – das ist die Aufgabe der Zukunftsbauer, die gerade ein Projekt auf Startnext ins Leben gerufen haben, um an sechs Schulen neues Denken auszuprobieren. Die Aktion heißt #MissionUtopia und will den Bildungsmarkt in Deutschland transformieren. Aileen Moeck hat den loading-Fragebogen beantwortet

Was macht ihr?
Unsere Gesellschaft braucht Utopien mehr denn je und hierfür die visionäre Kraft junger Menschen. Deshalb haben wir die Die Zukunftsbauer gegründet und die Bewegung #MissionUtopia ins Leben gerufen. Dabei fangen wir dort an wo alles beginnt: In der Schule, speziell der Studien- und Berufsorientierung.
Unser 2018 gestartetes und vom BMBF bereits prämiertes Bildungsprojekt, Die Zukunftsbauer, hat die Mission Zukunft an Schulen zu bringen. Dafür haben wir ein neues Konzept zur Studien- und Berufsorientierung im 21. Jahrhundert entwickelt, welches junge Menschen zu aktiven Zukunftsgestaltern werden lässt.
Mittlerweile sind wir ein buntes Kollektiv aus Zukunftsforschern, Pädagogen und Designern. Zusätzlich werden wir durch ein breites Netzwerk an Partnerinitiativen sowie Vor- und Querdenker im Bereich Zukunft, Arbeit und Bildung unterstützt.

Warum macht ihr es so?
In unserem Masterstudium Zukunftsforschung an der FU Berlin haben wir ein ganz neues Denken gelernt. Für uns persönlich war das eine enorme Bereicherung und wir haben uns schnell gefragt, warum das Denken Richtung Zukunft dort, wo junge Menschen auf das Leben vorbereitet werden sollen, kaum eine Rolle spielt: In der Schule! Wir finden, es ist Zeit für positive Zukunftsgestaltung. Dabei starten wir dort, wo sich die neue Generation versammelt!
#MissionUtopia ist eine Bewegung, die Antwort auf die Ohnmacht der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts geben soll, indem sie dazu motiviert, dass sich alle Menschen als aktive Gestalter*innen der Zukunft verstehen und wir als Gemeinschaft auf ein »gutes Anthropozän« hinarbeiten. Wir machen vielfältige Zukünfte und neue Arbeitswelten für SchülerInnen und Lehrende spannend und experimentell erfahrbar und inspirieren dazu, Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gemeinsam mit Mut und Neugierde zu begegnen und regen dazu an, eigene Zukünfte (der Arbeit) zu entwickeln. Hierfür haben wir Material bestehend aus einer Zukunftsreise aus 8 Modulen a 90 Minuten entwickelt, in der Lehrende und Lernende gemeinsam Zukunft gestalten, um dabei ihren eigenen Weg zu finden.
Wir sehen uns also nicht nur als Gestalter*innen eines neuen Unterrichtskonzepts, sondern als eine Bewegung für ein neues Bildungsverständnis, denn: Utopia starts with U!

Wer soll sich dafür interessieren?
Die junge Generation steht vor großen Herausforderungen: Klimawandel, Digitalisierung sowie der Wandel der Arbeitswelt erfordern die Fähigkeit zur aktiven Gestaltung der eigenen Zukunft. Gleichzeitig fühlen sich viele junge Menschen durch klassische Unterrichtsmethoden und Berufsberatung nicht ausreichend auf die Zukunft vobereitet.
Damit Lehrer sich, seine Schüler und die Schule fit für die Zukunft machen kann, braucht es Bildungsinnovationen und neue Impulse von außen mehr denn je.

Wie geht es weiter?
Der Bedarf für das Projekt Die Zukunftsbauer besteht. Und zwar jetzt und nicht erst in der nächsten oder übernächsten Legislaturperiode.
Bildung ist für uns ein öffentliches Gut, welches jedem frei zugänglich sein sollte. Der Erhalt von Geldern im öffentlichen Sektor ist jedoch nicht nur komplex, sondern vor allem sehr langwierig. Zudem haben wir uns bewusst gegen den sogenannten „Nachmittagsmarkt“ oder ausschließliche Zusammenarbeit mit Schulen in privater Trägerschaft entschieden.
Um das Konzept mit fertigen Materialien weiter umzusetzen, sind jetzt dringend Gelder nötig. Nur dann kann #MissionUtopia vorangetrieben und in ein bundesweit anwendbares Angebot umgewandelt werden.
Bisher haben wir ehrenamtlich und mit Stipendien das Konzept entwickelt. Nun geht es darum, das Gelernte und Entwickelte im größeren Rahmen iRL (in real life) zu testen und skalierbar zu machen. Der Nutzen und echte Mehrwert für Schulen, Lehrende und Lernende steht absolut im Vordergrund, doch unsere Möglichkeiten das Projekt pro bono voranzutreiben sind erschöpft. Wir sind nicht nur eine junge Bildungsinitiative, sondern es ist unser Herzensprojekt. Wir im Team glauben von ganzem Herzen an die Notwendigkeit dieses Projekts und an sein Potential. Unser aktuelles Crowdfunding auf Startnext soll helfen die laufenden Kosten für die Pilotierung an sechs Schulen in Berlin und Rostock, sowie die Produktion dafür benötigter Materialien zu decken.

Wieso sollten mehr Menschen davon wissen?
Unsere Bildungsinnovation soll keine Idee bleiben, sondern bundesweit von Lehrern genutzt werden. Von der Wissenschaft in die Praxis – unterstütze uns beim nächsten Schritt Zukunft an Schulen zu bringen! Im Vordergrund aller Mitwirkenden des Projekts »Die Zukunftsbauer« steht die Verwirklichung der Vision, in einer Welt leben zu wollen, in der jeder Mensch sich seines Gestaltungspotentials im eigenen Leben und in der Gesellschaft bewusst ist und eine Stimme sowie die passenden Tools besitzt, diese gemeinsam mit anderen zu gestalten. Wir fangen in der Schule an, die #MissionUtopia aber richtet sich an alle, ob Innovationsabteilungen oder Politik, es ist Zeit für wünschbare Zukünfte, auf die wir als Gesellschaft hin arbeiten können!

>>> hier das Projekt auf Startnext unterstützen!

Warum die Urheberechtsdebatte schon jetzt ein Fortschritt ist (Digitale März-Notizen)

Dieser Text ist Teil der März-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Erinnern Sie sich noch an den 11. Februar 2012? Das war der Tag, an dem die Tagesschau um 20 Uhr mit einer Urheberrechts-Meldung eröffnet wurde. „In vielen deutschen Städten haben Zehntausende Menschen gegen das Urheberrechts-Abkommen ACTA demonstriert“, sagte Ellen Arnold, dann sah man Bilder von demonstrierenden Menschen (viele mit Anonymous-Masken) und hörte den Satz: „Der massive Protest dürfte die Bundesregierung überrascht haben.“

Dieser 11. Februar 2012 war vermutlich der letzte Tag, an dem das etwas sperrige Rechtsgebiet „Urheberrecht“ derart prominent medial erwähnt wurde. Denn die Überraschung in der Bundesregierung führte dazu, dass sich niemand mehr an das unbedingt wichtige Rechtsgebiet heranwagte. Jedenfalls nicht im Sinne einer gestaltenden Reform. Im Gegenteil: in einem vertraulichen Gespräch sagte mir mal jemand im politischen Berlin, das Urheberrecht sei vielleicht wichtig, aber ein Gebiet, bei dem man nichts gewinnen könne als Politiker.

An diesem Wochenende war das Urheberrecht wieder die erste Meldung in der Tagesschau. Viele Zehntausend Menschen haben demonstriert. Und wer nicht genau hinschaut könnte den Eindruck gewinnen, dass die Einschätzung der Acta-Jahre noch immer stimmt. Das glaube ich nicht. Die Debatte der vergangenen Tage, die mit den Samstagsdemos (mit allein in München 40.000 Teilnehmer*innen) einen vorläufigen Höhepunkt gefunden hat, zeigt einen Fortschritt. Am Dienstag wird im Europaparlament über das neue Urheberrecht abgestimmt, das neben dem umstrittenen Artikel 13 (der Uploadfilter zur Folge haben würde) noch durchaus mehr Streitpotenzial in sich trägt. Egal wie die Abstimmung ausgeht: Danach warte eine Menge Arbeit! Denn es gilt, was Reto Hilty in diesem Interview sehr sachlich auf den Punkt bringt: Für das Thema gibt es keine einfache Lösung! Ich glaube aber, dass die vergangenen Wochen uns einer Lösung näher gebracht haben, deshalb ist bisherige Debatte für mich schon jetzt ein Fortschritt. Ich will das an fünf Punkten erläutern:

1. Sobald ein Thema relevant wird, wird es auch kontrovers

Dass wir jetzt über das Urheberrecht streiten, ist an sich schon ein Erfolg. Es beweist, dass das Thema in der gesellschaftlichen Mitte angekommen ist. Und in der gesellschaftlichen Mitte reicht es nicht mehr einfach nur Recht zu haben. Denn dort gibt es die Auseinandersetzung mit anderen Meinungen, dafür muss jede Seite ihre Komfortzone verlassen – und sich erklären. Das Urheberrecht (als kleinste Einheit der noch größeren Debatte über die Digitalisierung) kommt so auf den Marktplatz der Ideen. Das führt zu Auseinandersetzungen, es legt Wissensunterschiede offen und lässt unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen aufeinandertreffen. Streit ist unausweichlich, aber das ist der Sinn von Demokratie.
Wir haben gelernt: Die Debatte der vergangenen Wochen zeigt, dass das Mitmach-Internet zum Gegenstand politischer Debatten geworden ist. Das ist überfällig, aber es ist auf jeden Fall ein Fortschritt. Es zwingt diejenigen, die man verallgemeinernd als Netzgemeinde bezeichnet in den politischen Wettstreit und es zwingt Beckenrandsitzer, sich nicht mehr nur symbolisch fürs Digitale zu interessieren. Die Sache mit dem Internet wird jetzt ernst!

2. Wissensdefizite werden klar erkennbar

Dafür, dass es ernst wird, fehlt in weiten Teilen relevanter Entscheidergremien aber schlicht digitale Kompetenz. Das ist ein Floskel, aber die Debatte der vergangenen Wochen hat gezeigt, wie sehr diese Floskel stimmt. Axel Voss wurde dabei persönlich vom Hohn und Spott aus dem Internet getroffen. Der Hashtag #axelsurft mag dabei beleidigend gewesen sein und kein konstruktiver Beitrag zur Debatte. Erstaunlich ist dabei aber zweierlei: zum einen wurde genau dies unter dem Hashtag auch thematisiert und zum zweiten muss man sich für einen Moment vorstellen, ein prominenter Politiker und seine Fraktion hätten einen solchen fachlichen Unsinn in einem Themenbereich getwittert, der Boulevard-Medien und nicht die auch reflektierten Twitter-Nutzer*innen ärgert: Was hätten Voss und seine Fraktion erlebt, wenn sie zum Beispiel öffentlich bemerkt hätten, dass es sehr wohl auch Autos mit zwei Rädern gibt – auf denen tragen die Leute sogar Helme! Er wäre politisch erledigt gewesen.
Wir haben gelernt: Dass fachlich ähnlich kompetente Äußerungen in der Urheberrechts-Debatte aber folgenlos bleiben, zeigt, worin die gesellschaftliche und politische Aufgabe besteht, wenn wir nachhaltige Digitalpolitik machen wollen: Wir brauchen dringend bessere Erklärformate in allen Programmen – und verpflichtende Schulungen für Entscheidungsträger*innen! Digitalpolitik muss raus aus der Flugtaxi-Bällebad-Welt, sie muss an den Kabinettstisch!

3. Wir fangen endlich an, das Problem zu definieren

Guter Streit muss von einem Thema handelt, für das es auch eine Lösung gibt. Mit jedem Tag, den die Urheberrechts-Debatte dauert, habe ich das Gefühl, dass die Lösung für den Streit, der gerade geführt wird, gar nicht im Urheberrecht liegt. Denn der Impuls vieler, die für den aktuellen Vorschlag kämpfen, lautet: „Wir müssen Internetmonopole besser kontrollieren„, so formuliert es Helga Trüpel und in dem unter anderem von ihr unterzeichneten Manifest für diese Urheberrechtsreform heißt es: „Es gibt keine Freiheit ohne Regeln! Sonst setzt sich nur der Stärkste durch, wie mit den Internet-Giganten geschehen! Wir sind keine Maschinenstürmer, wir wollen eine Ordnungspolitik für die digitale Welt! Wir wollen ein offenes und faires Netz.“ Warum dafür ausgerechnet das Urheberrecht das richtige Werkzeug sein soll, steht da nicht. Das muss man aber mal fragen, denn der Jurist Martin Kretschmer sagt: „Wenn man wirklich bei den Plattformen ansetzen und dort Geld holen will, dann muss man über das Steuerrecht vorgehen und man muss das Wettbewerbsrecht anwenden. Das ist völlig klar, das wissen alle.“ Unjuristisch formuliert: Was wäre eigentlich, wenn man Teile der Streit-Energie der vergangenen Wochen nutzt, um dafür zu sorgen, dass die „Internet-Giganten“ angemessen Steuern zahlen?
Wir haben gelernt: Wenn wir wirklich über das Urheberrecht sprechen wollen, und nicht nur über das Unwohlsein mit „amerikanischen Internet-Unternehmen“, dann könnte man sich zum Beispiel von Cory Doctorow inspirieren lassen: Der erklärt in diesem Interview nicht nur, warum man dafür auch die Verwertungsgesellschaften refomieren müsste, sondern auch wie Pauschallizenzen funktionieren könnten: „Wir könnten Pauschallizenzen einführen, und zwar per Gesetz. Für jedes Abspielen eines Liedes oder Videos zahlen die Plattformen dann einen Betrag an die Künstler, egal, was für einen Vertrag sie mit ihrem Label haben.“

4. Die Debatten-Kultur im Internet kann besser sein als im TV

Kann das stimmen? Hören wir nicht überall wie schlimm die Diskussionskultur im Netz ist. Vielleicht ist das Gegenteil richtig: Jedenfalls hat mir die Urheberrechtsauseinandersetzung der vergangenen Tage gezeigt, dass das Netz (auch) fähig ist zu einem offenen Meinungsaustausch. Immerhin fand die meiner Einschätzung nach schlimmste Entgleisung in der Debatte in der Bild-Zeitung statt, wo ein Unions-Abgeordneter unkommentiert spekulieren durfte, die Demonstrierenden seien gekauft worden (die beste Antwort darauf hat meiner Meinung nach Henning Tillmann gegeben) – und der YouTuber Rezo hat hier noch ein paar mehr aus klassischen Medien aufgedeckt. Rezo nahm dann auch an dem erstaunlichen Talk-Format #jetztwirdgeredet teil, bei dem aus unterschiedlicher Perspektive über das Thema gestritten wurde, aber (wie ich finde) ausgesucht höflich und ohne die aus dem Fernsehen gelernte „jetzt lassen Sie aber mich mal ausreden“-Anbrüll-Logik. Leser*innen dieses Blogs wissen, dass mich das Thema einer medialen Streitkultur jenseits der populistischen TV-Formate umtreibt, deshalb habe ich mich in diesem Monat sehr gefreut – über die Debattenkultur im Netz.
Wir haben gelernt: Das Internet kann ein offener, toleranter im besten Sinn pluralistischer Ort sein. Es lohnt sich dafür zu kämpfen!

5. Europäische Politik war selten so greifbar wie jetzt

Bei Tagesschau.de hat Samuel Jackisch dieser Tage einen wenig optimistischen Kommentar zur Debatte verfasst. Er kommt darin zu dem Schluss: „Kurz vor der Europawahl vergrault die Mehrheit des Europäischen Parlaments eine überwiegend junge pro-europäische Wählergruppe. Ihr bleibt der Eindruck, dass andere über Gesetze von für sie zentraler Bedeutung entscheiden: nämlich lobbygelenkte Schreibtischtäter mit Faxgeräten im Büro und einer eigenen Referentin für den Twitter-Account.“ Daran ist vieles richtig, ich glaube aber, dass das Wort „vergrault“ falsch ist. Im Sinne des guten alten Spruchs „Ihr werdet Euch noch wünschen wir seien politiverdrossen“ würde ich im Gegenteil behaupten: Die Debatte ums Urheberrecht hat (gemeinsam mit der Klima-Debatte) einen junge Wählerschaft auf eine Weise politisiert, die man am 26. Mai spüren wird. Dann nämlich wird ein neues europäisches Parlament gewählt!
Wir haben gelernt: Politik ist ein Wettstreit von Ideen. Es lohnt sich zu streiten – und dabei sachlich und fair zu bleiben und auf ein Ziel hin zu diskutieren. Die Urheberrechtsdebatte wird uns noch eine Menge Möglichkeiten bieten, unsere demokratische Streitkultur zu beweisen. Es lohnt sich also, diese weiter einzuüben.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann. Über das Thema Urheberrecht denke ich nach seit ich 2011 das Buch „Mashup – Lob der Kopie“ bei Suhrkamp veröffentlichte.

loading: New Work needs Inner Work

Wie arbeitet man in einer Welt, die von Ungewissheit bestimmt ist? Mit dieser Frage beschäftigen sich Joana Breidenbach und Bettina Rollow in ihrem Buch „New Work needs Inner Work“, das gerade in einem Crowdfunding-Projekt auf Startnext finanziert wird. In dem Moment, in dem ich diese Zeilen tippe (und das Buch auch selber bestelle), steht es bei 9500 Euro. Das ist knapp unter der Fundingsumme von 10.000 Euro.

Joana Breidenbach hat den loading-Fragebogen zu dem Projekt beantwortet.

Was macht ihr?
Wir haben ein Buch für Menschen, Unternehmen und Teams geschrieben, die sich für selbstorganisiertes Arbeiten interessieren. Die wissen wollen, wie man von einem konventionell hierarchischen Unternehmen zu einer wesentlich flexibleren und dynamischeren Organisation wird, welches für die aktuellen Herausforderungen und das digitale Zeitalter viel besser geeignet sind.

Warum macht ihr es (so)?
Wir berichten aus der Perspektive der Unternehmerin (Joana), die sich als Chefin ihres Unternehmens abgeschafft hat und der Perspektive des Coaches (Bettina), die diese Transformation (und viele vergleichbare) begleitet hat. Wir hatten Laloux’s Buch Re-Inventing Organisations gelesen und waren sehr inspiriert. Aber Laloux beschreibt nur Fallbeispiele und nicht, wie man zu so einem agilen und potentialorientierten Arbeitsumfeld wird. Deshalb wollten wir basierend auf unseren eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen ein sehr praxisorientiertes Handbuch schreiben.

Wer soll sich dafür interessieren?
Das Buch richtet sich an alle, die selbstbestimmter arbeiten und leben wollen. Es hilft Führungspersonen und Mitarbeitern herauszufinden, welche Führungsstile und Formen der Zusammenarbeit zu ihrem Unternehmen passen. Es hilft allen Fans von Frederic Laloux herauszufinden, wie sich Re-Inventing Organisations in die Praxis umsetzen läßt. Es liefert Unternehmern einen Leitfaden um die Qualität des eigenen Coaches oder Organisationsentwicklers einzuschätzen. Es bietet Coaches eine ausgereifte Methodologie um Teams auf ihrem Weg zur Selbstorganisation zu begleiten. Es eignet sich aber auch für den allgemeinen Leser, der am „cutting edge“ der Menschheitsentwicklung interessiert ist. Denn die hier beschriebenen inneren Kompetenzen – wie Selbstkontakt und Selbstreflexion, Multiperspektivität und Intuition – sind notwendig um in zunehmend komplexen Umgebungen zu agieren

Wie geht es weiter?
Ich habe heute gerade die Korrekturfahnen von unserer Lektorin wiederbekommen und der Grafiker hat die Entwürfe für das Cover geschickt. Die Gestaltung wird sehr schön! Mitte April sollten die ersten Crowdfunder das Buch in den Händen halten können.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Digitalisierung verändert unsere Welt auf sehr spannende Weise, u.a. indem es alles verflüssigt. Wenn wir dieser neuen Komplexität und Dynamik gerecht werden und sie aktiv gestalten wollen, müssen wir selbst als Menschen beweglicher und flüssiger werden. Wir müssen lernen Sicherheit und Orientierung weniger in der Außenwelt zu suchen, als in uns selbst. Deshalb bin ich überzeugt, dass Digitalisierung mit einer Neuentdeckung und Vertiefung unserer Menschlichkeit einher geht. New Work needs Inner Work.

>>> Hier das Buch auf Startnext kaufen

Fünf Tipps, wie man einen Job findet, den man liebt

Ich bin großer Fan des Podcasts „The Arthur Brooks Show“. Regelmäßige Blogleser*innen haben den Hinweis auf Arthur Brooks schon hier sehen können. Jetzt ist die zweite Staffel seines Podcasts gestartet, die er – passend zu seinem neuen Buch – unter das Oberthema Liebe gestellt hat: Love Your Enemys folgt dem Thema der ersten Staffel, nämlich den Herausforderungen an eine zivilisierte Streitkultur. Der Podcast geht auf eine spannende Weise etwas darüberhinaus und stellt zum Beispiel die Frage: Wie findet man einen Job, den man liebt? (Foto: Unsplash)

Brooks hat dafür mit interessanten Menschen gesprochen. Zum Beispiel mit dem „Givers/Takers“-Autor Adam Grant, der selber einen tollen Podcast zu dem Thema macht (WorkLife für TED). Zum Ende des Gespräch versucht Brooks Ratschläge aus dem zu kondensieren, was Grant erforscht hat. Er schlägt die ersten drei Punkte aus der folgende Liste vor, die ich zum zwei weitere Punkte ergänzt habe. Punkte vier stammt aus dem Gespräch mit Adam Grant und Punkt fünf ist ein Ratschlag aus dem Gespräch mit dem Autor William Deresiewicz, der gerade das Buch „Excellent Sheep“ veröffentlicht hat.

1. Achte auf das richtige Verhältnis von Kontrolle und Autonomie. Finde einen Job, den du zu „deinem Job“ machen kannst. Der wichtigste Auslöser für Unzufriedenheit im Job, konnte man vorher lernen, sind schlechte Chefs. Solche, die keine Wertschäftung weitergeben und ein zu hohes Maß an Kontrolle ausüben. Solches Verhalten, so Grant, unterdrückt zwei Treiber für Zufriedenheit im Arbeitskontext: Die Möglichkeit, selber zu bestimmen und den Wert der eigenen Arbeit zu erkennen (Selbstwirksamkeit)

2. Finde einen Ort, an dem du die Leute magst, an dem ihr den gleichen Werten folgt und du Vertrauen teilst und bekommst. Vertrauen bekommt nur wer auch Vertrauen gibt. Deshalb beschreibt dieser Punkt keine Eigenschaften eines guten Jobs, sondern Aufgaben wie man einen Job zu einem guten machen kann: indem man auf Basis von ähnlichen Werten und Sympathie Vertrauen aufbaut.

3. Versuche in dem was du tust, einen tieferen Nutzen für andere zu stiften und dabei selber hinzuzulernen. Selbstwirksamkeit ist dann besonders wichtig, wenn man merkt, dass die eigene Arbeit anderen hilft, dass sie Nutzen stiftet. Grant erläutert dies in dem Podcast anhand von Studien, die beweisen, dass Menschen nicht nur höhere Zufriedenheit für, sondern auch bessere Ergebnisse im Job entwickeln, wenn sie Sinn in dessen Zielen erkennen.

4. Du solltest nicht nach einem Job suchen, der dich am glücklichsten macht. Suche einen Job, in dem du am meisten lernen kannst. Grant wählt diesen Ratschlag als Antwort auf diejenigen, die behaupten, man müsse nur seinen Träumen folgen. Das sei irreführend, sagt er. Wichtiger sei es, sich einem kalkulierten Maß an Überforderung auszusetzen und zu lernen. Denn das Meistern einer Lernkurve sei ein guter Indikator für Zufriedenheit.

5. Es wird nicht alles super sein. Sei offen für eine guten Kompromiss. Dieser Ratschlag stammt aus dem Gespräch mit William Deresiewicz. Er warnt davor, einen guten Kompromiss als Kapitulation zu interpretieren. Sehr locker übersetzt, sagt er: „Finde heraus, was du willst und dann kann auch die zweitbeste Lösung sehr zufrieden machen.“

Ich notiere das hier, weil mich Teile des Gesprächs an die Shruggie-Haltung erinnert haben. Ich notiere es aber vor allem, um den Podcast zu empfehlen.

Shruggie des Monats: das Web – Vague but exciting

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

In diesen Tage gab es einige Jubiläumsveranstaltungen und Veröffentlichungen mit dem Titel „30 Jahre Web“. Denn im März 1987 legte Tim Berners-Lee einen ersten Grundstein für das, was wir heute sehr selbstverständlich im Browser ansurfen: das World Wide Web. Es wäre allerdings falsch anzunehmen, dass wir das seit 30 Jahren tun. Denn im März vor 30 Jahren reichte Berners-Lee einen ersten Vorschlag für ein Projekt ein, aus dem dann irgendwann mal das werden sollte, was wir als Web kennen. Bis eine erste Website online ging, dauerte es bis in den Dezember 1990 und erst im August 1991 wurde das Web einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dass all das aber nicht der Geburtstag des Internet (die zugrunde liegende Infrastruktur) ist, sondern der Beginn einer von zahlreichen auf dem Internet basierenden Anwendungen (eben dem Web), kann man im Detail in der Gebrauchsanweisung für das Internet nachlesen, in der es auch eine Übersicht über die zahlreichen Jahrestage gibt, die man in Bezug auf das Internet feiern kann.

Am Forschungsinstitut Cern, wo Berners-Lee damals arbeitete, wurde der Jahrestag des ersten Forschungsanstrags in diesem Monat gerade mit einem Festakt begangen und in London feierte das Science Museum den berühmten Sohn der Stadt mit einer prominent besetzten Veranstaltung. Tim Berners-Lee hielt dabei (ab ca 1:15 Std) einen Vortrag, der sich inhaltlich deckt mit dem, was er in einem offenen Brief notierte, der dieser Tage in zahlreichen internationalen Medien veröffentlicht wurde.

In dem Vortrag zeigt er auch das erste handschriftliche Feedback, das auf seinen Vorschlag erhielt: „Vague but exciting“ ist so eine schöne (perfekt zum Shrugggie passende) Beurteilung für nahezu alles im Digitalen, dass man die handschriftliche Notiz mittlerweile sogar auf einem T-Shirt gedruckt kaufen.

Unklar, aber spannend – ist eine gute Beschreibung für die Herausforderung, vor die das Web uns stellt. Leider ist das Web und die neue Welt, die sie uns öffnet nicht einfach und eindeutig. Sie ist (wie vermutlich jede Zukunft zu jeder Zeit) ein Raum voller Unsicherheiten und Widersprüche, aber ein spannender Raum. Wir können und wir sollten sie gestalten.

Wie wir das tun, ist leider etwas untergegangen in der Berichterstattung der vergangenen Tage. Denn neben einer recht umfangreichen Analyse dessen, was unklar ist am Web, bringen die Jubliäums-Veröffentlichungen durchaus eine erkennbare Beschreibungen dessen, was digitale Bürger*innen tun können. In der deutschen Übersetzung des Contract for the Web heißt es, Bürger*innen sollten sich folgendes vornehmen:

Gestalter und Mitwirkende im Web sein
Damit das Web für jeden Menschen umfangreiche und relevante Inhalte bereithält.

starke Gemeinschaften bilden, die den gesellschaftlichen Diskurs und die Menschenwürde respektieren
Damit sich jeder Mensch online sicher und willkommen fühlt.

für das Web kämpfen
Damit das Web offen und eine globale öffentliche Ressource für die Menschen bleibt – überall, heute und in Zukunft.

Ich finde in diesen drei zunächst vage klingenen Vorsätzen für digtale Bürgerschaft, steckt ein spannendes Potenzial. Denn was bedeutet dies vor dem Hintergrund der Debatten und Demonstrationen um das Urheberrecht, die wir in der kommenden Woche erleben werden? Was bedeutet es in Bezug auf die Frage, wie wir mit gewaltverherrlichender Propaganda und den Regeln der Aufmerksamkeit zum Beispiel nach dem Terroranschlag von Christchurch umgehen?

Berners-Lees Antwort darauf: Wir sollten Verantwortung übernehmen – für unser Handeln, aber eben auch für das Web als offene Infrastruktur. „Denn das Wichtigste von allem: Bürger*innen müssen Unternehmen und Regierungen in die Pflicht nehmen, sich an die Versprechen zu halten, die sie gegeben haben. Sie müssen von beiden einfordern, dass sie das Web als globale Gemeinschaft der Bürgerinnen und Bürger respektieren. Wenn wir keine Politiker*innen wählen, die das freie und offenen Web verteidigen, wenn wir nicht unseren Teil dazu beitragen, eine konstruktive und gesunde Debattenkultur zu pflegen und wenn wir einfach „Zustimmen“ klicken ohne für unseren Datenschutz einzutreten, dann laufen wir vor unserer Verantwortung davon, diese Debatten auf die Agenda unserer Regierungen zu heben.“

Das digitale Klima, die Gesundheit des Web sind bedeutsame Aufgaben für die Zukunft. Mir scheint, dass selbst an einem Festtag wie in dieser Woche das öffentliche Bewusstsein dafür nicht gerade ausgeprägt ist. Entweder weil Menschen das Web ohnehin für böse halten oder weil sie nicht bemerken, wie bedeutsam die Idee einer offenen Infrastruktur ist. Beides halte ich für kurzsichtig. Es ist möglich, einen offenen nicht euphorischen Blick auf das Web zu werfen und zu erkennen, welche demokratische Gestaltungsmacht in dem liegt, was Tim Berners-Lee vor 30 Jahren in einer ersten Idee formulierte. Dies kann gelingen, wenn wir Gestalter und Mitwirkende an diesem gemeinsamen Projekt werden, die Menschenwürde respektieren und für das Web kämpfen.

Jedenfalls kann man darauf im besten Shruggiesinn hoffen ¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Eine wichtige Waffe gegen den Terror: Deine Aufmerksamkeit

Kevin Roose nennt die Tat in der New York Times „an internet-native mass shooting“, Simon Hurtz beschreibt für die SZ „zwar vernetzen sich die Rassisten in den Nischen des Internets, suchen dann aber die größtmögliche Bühne für ihre Taten – und die finden sie in sozialen Medien“.

Es geht um den Terroranschlag von Christchurch am heutigen Tag und um die Frage, ob und wie das Internet solche Taten begünstigt. Die beiden eingangs verlinkten Texte beschreiben dies sehr anschaulich – und beide warnen davor, einfache Antworten zu finden und dem Internet schlicht Schuld zu geben. Sie stoßen vielmehr eine Debatte an, die ich so ähnlich im Sommer 2017 schon mal angeregt hatte: Eine Debatte um unsere Aufmerksamkeit als Waffe gegen den Terror. (Foto: Unsplash)

Simon schreibt: „Wer nicht will, dass Terroristen Aufmerksamkeit für ihre Verbrechen bekommen, sollte ihre Selbstinszenierung nicht verbreiten: keine Links auf ihre Manifeste, keine Ausschnitte aus ihren Videos, keine Bilder, am besten nicht einmal ihre Namen nennen. Mörder wie Anders Behring Breivik wollen zu Vorbildern werden und andere junge Männer anstiften.“ Ich stimme dem voll zu – und glaube, dass man diese Forderung auf zwei Ebenen umsetzen müsste.

Zunächst lohnt es sich, dass jede und jeder bei sich beginnt. Die Idee von fairerteilen und Gegen die Panik basiert auf der Erkenntnis, dass es eine Rolle spielt, wie jede und jeder sich verhält. Es lohnt sich, darüber nachzudenken und das eigene Online-Verhalten zu überprüfen: Wenn ich einen Link poste oder andere Inhalte veröffentliche, halten meine Freund*innen das für verlässlich. Das ist eine große Verantwortung. Ich bemühe mich, dem gerecht zu werden. Deshalb poste ich nur solche Links, die ich überprüft habe.

Auf der zweiten Ebene brauchen wir aber auch eine gesellschaftliche Antwort auf den Terror, der sich dem wichtigsten Gut im Web bedient: unserer Aufmerksamkeit. Ich glaube, dass eine Selbstverpflichtung gegen den Terror sinnvoll sein könnte oder eine Anleihe bei der Debatte über die Frage: „Soll man noch Musik von Michael Jackson hören?“ Zu der Frage hat Julian Dörr im SZ-Magazin etwas sehr Kluges geschrieben, was man auch auf all die Medien übertragen kann, die jetzt gegen die klare Bitte der Behörden in Neuseeland das Video weiterverbreiten: „Ich habe vor einiger Zeit beschlossen, dass ich meine Lebenszeit nicht mehr verschwenden möchte. Es geht hier aber nur in dritter Linie um die Ausgestaltung meiner begrenzten Freizeit und in zweiter Linie um Geld. In erster Linie geht es darum, dass ich meine Aufmerksamkeit oder eben Nicht-Aufmerksamkeit als politischen Instrument verstehe, das gesellschaftlichen Wandel bringen kann. Der alte Kalender-Spruch »Sei du selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst«, er bekommt in unserer Aufmerksamkeitsökonomie ein ganz neues Gewicht.

Wenn man die Tat von Christchurch und die Folge-Berichterstattung im Web aus der Perspektive betrachtet, kann der Einsatz der eigenen Aufmerksamkeit zu einer wirksamen Waffe gegen den Terror werden. Nach dem Terroranschlag von Barcelona im Sommer 2017 schrieb ich hier: „Wenn alle alles veröffentlichen können, braucht es Mittel und Wege, gerade im Nicht-Beachten und Nicht-Verbreiten seine Haltung auszudrücken. Von Christian Stöcker stammt der Begriff Ignorestorm, der den Versuch unternimmt, einer bewussten öffentlichen Provokation nicht auch noch dadurch zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen, dass man sie thematisiert. Im Ursprung ging es dabei um Werbeformen, die absichtlich sexistisch oder rassistisch sind, um so auch die Aufmerksamkeit der Empörung und des Widerspruchs auf sich zu ziehen. Ich glaube, dass verantwortungsvolle Medien (und auch Menschen) genau hier vor einer zentralen Herausforderung im digitalen Zeitalter stehen – im Umgang mit Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit.“

Vielleicht ist es an der Zeit, einen Ignorestorm gegen den Terror zu starten…

Lesen Sie diesen Text – bevor es zu spät ist (Digitale Februar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Februar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Das größte Dilemma des Digitalen hat mit einer Ressource zu tun, die nur wenige als solche erkennen. Sie ist für alle gleich, kann nicht vererbt, aufgespart oder vermehrt werden. Sie ist die Vorausssetzung für alle Arten von Bezahl- und Geschäftsmodell im Web und wird doch nur selten beachtet. Ich spreche von Ihrer Aufmerksamkeit!

Zum Dilemma wird die Zeit durch das ständig steigende Angebot an Zeitvertreib. Denn auf dem Verhältnis von Inhalt und Aufmerksamkeit basiert unsere Wertschätzung. Wir kommen aus einer Welt, in der sehr wenig Inhalt eher viel Aufmerksamkeit traf: Es gab maximal drei Fernsehprogramme, Zeitungen, Magazine und vor allem keine einzige E-Mail. Niemand schrieb Chat-Nachrichten und Urlaubsfotos von Freunden sah man höchstens auf Dia-Abenden. Durch die Demokratisierung der Publikationsmittel hat sich das Verhältnis umgedreht: Auf unsere gleiche Aufmerksamkeitsspanne trifft heute ungleich viel mehr Inhalt. Denn zu den Fernsehprogrammen, Zeitungen und Magazinen von damals sind ja noch all die Websites, Info-Radios und Spezialangebote hinzugetreten, die alleine in keinen Tag passen würden. Doch darüberhinaus verlangen auch all die Tweets, Posts und Mails nach Aufmerksamkeit.

Diesem neuen Verhältnis von Zeit und Zeitvertreib ist es zu verdanken, dass die Dienstleistung, die Welt zu ordnen und Informationen zu sortieren, heute nicht mehr einzig von Inhalte-Anbietern vorgenommen wird, sondern vor allem von Plattformen und deren Filtern. Das kann man mögen oder nicht, dieses neue Verhältnis verschiebt aber die Wertschätzung. Es wird der Anbieter erfolgreich sein, dem es gelingt, Angebote zielgenau und zeitsparend zuzuschneiden. Das Ende des Durchschnitts bedeutet dabei auch: Dienstleistung für Leser*innen zu schaffen, das jeweils beste Angebot zu liefern und nicht nur möglichst viel zu produzieren oder möglichst breit zu informieren.

Diese Verschiebung bedeutet aber vor allem, dass der beliebte Satz „Eine gute Geschichte findet ihre Leser“ vielleicht gar nicht (mehr) stimmt. Denn es kommt auf mehr an als auf den guten Inhalt. Eine gute Geschichte bleibt am Ende trotzdem Wasser, das in den (Info-)Ozean geschüttet wird. Das allein bringt nichts, selbst wenn es Qualitätswasser ist.

Beobachten Sie! Bewerten Sie nicht!

Eine gute Geschichte findet ihre Leser nur dann, wenn sie auch danach sucht. Dazu gibt es zahlreiche Ansätze, eine besondere weil unterschätzte Möglichkeit heißt: Verknappung (deshalb der Titel!). Zahlreiche erfolgreiche Digital-Angebote nutzen das Prinzip der zeitlichen und räumlichen Verknappung, um Aufmerksamkeit zu generieren. Beim Crowdfunding – wie beim besten Sportmagazin der Welt – werden besondere Angebote für einen kurzen Zeitraum offeriert, die es nachher nicht mehr gibt. Bei Insta-Stories werden Bilder nur für 24 Stunden sichtbar angezeigt, TikTok-Filme dürfen nicht länger als 15 Sekunden sein und auf Twitter sind Beiträge auf 280 Zeichen begrenzt.

Ist das nicht ein totaler Fehler? Dachte man nicht immer, im Internet gebe es keine Begrenzung?

Eben! Gerade weil es kaum natürliche Grenzen gibt, nutzen die genannten Ansätze künstliche Verknappungen um ihr Angebot attraktiv zu machen. Sie vermarkten die vermeintliche Schwäche als Alleinstellungsmerkmal. Das ist bemerkenswert, denn im Prinzip funktioniert die Homepage eines Nachrichtenangebots wie sz.de nach dem gleichen Verknappungsmuster wie eine Insta-Story: man kann sie maximal 24 Stunden in dieser Form sehen. Dann ändert sie sich. Die Homepage vom vergangenen Freitag gibt es nicht mehr. Aber kein Nachrichtenangebot, das mir bekannt ist, vermarktet diese vermeintliche Schwäche so wie Instagram oder der Erfinder Snapchat es tun.

Denn oft wird Verknappung fälschlicherweise als unnötige Einschränkung wahrgenommen. Ich kann das Feedback förmlich hören, das man in einem klassischen Medienhaus bekommen hätte, hätte man dort vorgeschlagen, ein Angebot nach 24 Stunden nicht mehr anzuzeigen. „Wieso denn? Damit beschränken wir uns doch unnötig, das machen wir nicht.“ Auch Twitter hätte man in einem solchen Umfeld niemals erfinden können, denn das Alleinstellungsmerkmal Zeichenbegrenzung wäre als unnötig durchgefallen.

Dabei ist der Trick hinter den Verknappungsansätze nicht besonders kompliziert. Es geht eher darum, das Muster zu verstehen. Und das gelingt, wenn man den Fokus weg vom Inhalt hin zur Aufmerksamkeit verschiebt. Sie ist die Voraussetzung für alle folgenden Geschäftsmodelle im digitalen Raum. Deshalb lohnt es sich, das Muster der Verknappung zu verstehen – und achtsam (sic!) zu beobachten, wie und wo Aufmerksamkeit schon heute ein bedeutsamer Faktor ist.

Im Podcast von Digg-Gründer Kevin Rose habe ich dazu ein interessantes Gespräch mit Jake Knapp gehört (in einer ersten Version des Textes habe ich ihn mit Instagram-Gründer Kevin Systrom verwechselt). Das ist der Mann, der die Idee des Design-Sprints erstmals aufgeschrieben hat. Jetzt ist sein neues Buch raus, es heißt „Make Time“ und widmet sich der Aufmerksamkeit von der anderen Seite: Knapp und seinem Co-Autor John Zeratsky geht es Konzentration und Klarheit, es geht um Fokus und Achtsamkeit.

Es ist interessant, welchen Blick Rose und Knapp in dem Gespräch auf die Technik-Anbieter werfen, deren Geschäft stets auf dem Gegenteil beruht. Es öffnet aber einen Blick auf die andere Seite der Aufmerksamkeit, auf die Frage: Worauf richten Sie Ihre Aufmerksamkeit? Kevin Rose hat dafür eine App entwickelt. Sie heißt Oak und soll Menschen helfen, sich zu konzentrieren. Ich finde es ist das sympathischste Angebot im wachsenden Markt der Meditations-Apps (über die es am Wochenende einen sehr guten Text in der SZ gab).

Atmen Sie ein und aus – beobachten Sie, bewerten Sie nicht.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man beobachten kann, worauf ich meine Aufmerksamkeit richten kann.

Shruggie des Monats: Auf die Straße gehen

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

„Wissen Sie,“ sagt Greta Thunberg im Gespräch mit dem Spiegel, „Ich darf nicht wählen, obwohl es hier um meine Zukunft geht. Und zur Schule muss ich gehen. Wenn ich dann schwänze, um gegen die Klimakrise zu protestieren, wird auf meine Stimme viel eher gehört.“ Greta Thunberg ist Vorbild für zahlreiche Schüler*innen und Student*innen, die europaweit freitags streiken. Statt zur Schule oder zur Uni gehen sie auf die Straße. Fridays for Future heißt die Aktion, die sich deutschlandweit vor allem über Dark-Social-Kanäle wie WhatsApp- und Telegram organisiert – wie einer der Mitorganisatoren in diesem Gastbeitrag auf Tagesschau.de erklärt (Details dazu auch in diesem Bento-Bericht)

Am 15. März wollen Klimaschützer*innen weltweit auf die Straße gehen – um für die Einhaltung der Pariser Klimaziele zu demonstrieren. Für acht Tage später ist eine Demonstration gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform geplant (Hintergründe hier). Beide Themen scheinen die Kraft zu haben, viele junge Menschen auf die Straße zu bringen – um dort ihre Meinung kundzutun. (Foto: Twitter/Adora Belle)

Aber bringt das überhaupt was? Wird sich dadurch die Politik ändern? Die Hauptperson aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ antwortet darauf mit einem unterstützenden Schulterzucken. Denn der Shruggie ist kein teilnahmsloser Zyniker, sondern jemand, der den demokratischen Impuls unterstützt, für die eigenen Interessen auf die Straße zu gehen.

„Wir sind keine Bots“, rufen diejenigen, die am Wochenende gegen die Urheberrechtspläne in Köln auf die Straße gegangen sind. Sie wollen damit deutlich machen, dass sie eigene Interessen vertreten und nicht im Auftrag von Plattformen handeln. Ein CDU-Abgeordneter hatte dies mit einem Tweet nahegelegt. Mit ihrem Protest bringen sie aber auch ihre Lebensrealität, ihren Alltag und ihre Sprache auf die Straße – wie dieses tolle Plakat zeigt (weitere Plakate hat Buzzfeed gesammelt) Zu sehen ist das Table-Flip Emoticon, das dem Shruggie allein deshalb gefällt, weil er aus der gleichen Welt kommt. Details findet man auf der Seite jemoticons, die Emoticons aus japanischen Schriftzeichen versammelt.

Der Table-Flip (rechts der Tisch, den die Figur links aus Protest umgeworfen hat) ist ein Zeichen des Protests – auf neue Art. Vermutlich gab es bisher keine Demonstration in diesem Land, auf der ein solches Symbol gezeigt wurde. Und das allein gefällt dem Shruggie an den Demos des Frühjahrs 2019: Sie werden von einer neuen Generation getragen, die ihre eigenen Symbole und Zeichen prägt. Und die vielleicht auch ein neues Denken verlangt.

Rund um die Schulstreiks junger Menschen hat sich eine Debatte über die Frage entzündet, ob es denn erlaubt sei, freitags einfach nicht zur Schule zu gehen. Verweise und mindestens unentschuldige Fehlstunden drohen. Torsten Beeck hat deshalb schon den Verdacht geäußert, dass diese Hinweise in Zeugnissen künftig als Ausdruck einer politischen Haltung gelesen werden können.

Mich erinnert der Schulstreik an die Wehrdienstverweigerer der Vergangenheit. Die junge Generation des Jahres 2019 verweigert nicht die Wehrpflicht, sondern die Schulpflicht – nicht in Gänze, sondern aus symbolischen Gründen jeden Freitag. Als Wehrdienstverweigerer musste man die eigene Entscheidung schriftlich begründen und einen (längeren) Ersatzdienst leisten. Vielleicht wäre dies auch ein Option für die streikenden Schüler*innen der Gegenwart: Sie können offiziell verweigern – und damit ihren Protest gegen die verfehlte Klimapolitik der Regierung Merkel zum Ausdruck bringen.

Bei der Wehrpflicht hatte diese Form der persönlichen Verweigerung langfristig bedeutsame politische Folgen. Und darum geht es doch, wenn man auf die Straße geht…

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Zum Thema Schulstreik empfehle ich den TED-Talk von Greta Thunberg aus dem August 2018 sowie die Übersichtsseite Fridays for Future. Bei Netzpolitik gibt es eine Übersicht der Demonstrationen gegen Artikel 13.

Wer nur am Rand hockt, braucht kein Wasser im Pool – vom Ende des freien Internet

Ist die Aufregung um den Urheberrechtskompromiss, der gestern in Brüssel ausgehandelt wurde, eigentlich berechtigt? Ist das freie Internet wirklich in Gefahr? Darüber wird gerade heftig gestritten und der Grund hat weniger mit dem etwas komplizierten juristischen Fachgebiet zu tun (zu dem ich btw. eine klare Meinung bereits vor Jahren geäußert habe: Wir brauchen Lösungen mit und nicht gegen die Kopie) als vielmehr mit der Frage, was eigentlich gemeint ist, wenn man vom „freien Internet“ spricht.

Es gibt da nämlich einen sehr bedeutsamen Unterschied in der Wahrnehmung, den man am besten mit dem Bild von einem Pool illustrieren kann (Foto: Unsplash): Dort gibt es schwimmende Menschen und solche, die nur am Rand sitzen. Beide mögen den Pool, aber Schwimmer*innen und Randsitzer*innen haben dennoch völlig unterschiedliche Wahrnehmungen dessen, was den Pool ausmacht. Die Frage, ob Wasser im Pool ist, spielt dabei nur für diejenigen eine Rolle, die auch reinspringen. Für sie ist es jedoch die zentrale Frage. Im Urheberrechtsstreit ist das Wasser das freie Internet. Der Pool verliert seinen Reiz, wenn er kein Wasser mehr hat. Wie soll man dann schwimmen? Menschen von der Randsitzer*innen-Fraktion verstehen diese Frage nicht, denn Wasser kennen sie kaum aus eigenem Erleben. Sie schwimmen nicht und sehen höchstens Mal die Wasserspritzer wenn einer der Schwimmer Arschbombe macht. Das ist dann vielleicht lustig, aber eine Ausnahme. Denn die Randsitzer*innen gehen nicht ins Wasser und verstehen deshalb auch nicht, warum die Schwimmer so einen Aufstand um das Wasser machen. Der Pool ist doch auch ohne Wasser schön – denken sie und wischen alle berechtigten Bedenken weg, die mit Uploadfiltern verbunden sind. Denn wer eh nichts hochlädt, kann sich vermutlich auch keine Probleme mit Uploadfiltern vorstellen.

Ich habe schon vor ein paar Jahren in einem SZ-Text über diesen digitalen Graben zwischen den aktiven und den passiven Internet-Nutzern geschrieben (hier kann man ihn nachlesen), doch jetzt droht dieser Unterschied zu einem Problem zu werden. Denn die Randsitzer haben ein Gesetz in Planung, das dazu führen könnte, dass das Wasser aus dem Pool verschwindet.

Simon Hurtz hat dazu gestern einen treffenden Kommentar geschrieben, der die zentralen Sorgen der Schwimmer*innen zusammenfasst, schon im Sommer hat Sascha Lobo auf den Punkt gebracht, dass der Glaube an „Erkennungsoftware“ den Verdacht nähert, dass hier jemand noch nie im Wasser war. Die Schwimmer*innen aller politischen Farben hingegen sind sich einig, dass Uploadfilter das Wasser im Pool bedrohen – und deshalb keine Lösung liefern.

Da sich im so genannten Trilog EU-Staaten, die Kommission und das Parlament gestern auf einen Kompromiss geeinigt haben, ist unwahrscheinlich, dass das Parlament, das darüber noch abstimmen wird, den Entwurf noch ablehnt. Es ist aber nicht unmöglich, darauf weist eine der Schwimmerinnen im EU-Parlament hin: Julia Reda hat heute einen Blogeintrag online gestellt, in dem sie beschreibt, was andere Schwimmer*innen jetzt tun können:

Die endgültige Abstimmung im Parlament findet nur wenige Wochen vor der Europawahl statt. Die meisten Abgeordneten – und jedenfalls sämtliche Parteien – würden gerne wiedergewählt werden. Die Artikel 11 und 13 werden dann fallen, wenn genug Wähler*innen sie zum Wahlkampfthema machen

Vielleicht besteht ein Ansatz für eine Lösung ja darin, die Randsitzer*innen mal zum Aufstehen zu bewegen und sie wie auf dem Bild oben an die Leiter am Pool zu begleiten. Wer dort steht, stellt schnell selber fest, dass es einen Unterschied macht, ob Wasser im Pool ist oder nicht wenn man gleich reinspringt!

Viel Spaß beim Schwimmen – so lange es noch geht