🏃 Fünf Entwicklungen, die man beim Laufen für (digitale) Medien lernen kann (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Es gibt einen schönen Nebeneffekt am sportlichen Laufen, selbst wenn es man es nur joggend betreibt: Während man rennt, hat man Zeit zum Denken. Es gibt recht lesenswerte Ausführungen darüber, wie das Zusammenspiel von Nicht-Denken und Nach-Denken beim Laufen den Zwischenspeicher im Gehirn befreit (iPhone-Besitzer kennen einen vergleichbaren Prozess vom „Aufräumen“ auf hohe MB-Zahlen angewachsener Apps auf dem Smartphone). Und aus eigener Erfahrung kann ich ergänzen: Dieses Zusammenspiel bildet manchmal sogar die Grundlage für neue Ideen.

Jedenfalls entstand die Idee zu dieser Folge der „Digitale Notizen“ beim Laufen. Was auch damit zu tun hat, dass ich in diesem Monat an einem besonderen Lauf teilnahm – aber eben auch damit, dass ich glaube, dass der Kultur- und Medienbranche sich mit dem Laufen befassen sollten: mit dem Laufen als Markt. (Foto: Unsplash)

Denn im Geschäftsfeld „Breitensport“ lassen sich auch für mich als mittelsportlichen Laien ein paar Entwicklungen ablesen, die vielleicht Inspiration für die Medienbranche sein könnten. Ich sehe diese fünf (zu denen ich auch einen Experten befragt habe)

🏃 1. Vom Produkt zum Prozess – wie der Markt sich verändert 🏃
Ein Sportartikelhersteller lebt davon, Sportartikel zu verkaufen. Das klingt logisch und ist sicher auch richtig – aber eben nicht nur. Aus der Perspektive der ersten Entwicklung lässt sich ergänzen: Ein Sportartikelhersteller der digitale Gegenwart verkauft nicht mehr nur Sportartikel, er ist Partner für den gesamten Prozess „Sport machen“ geworden – oder versucht dazu zu werden. Neben bedeutsamen Veränderungen in der Ausrichtung der Kundenbeziehung (s.u.) heißt dies vor allem: Es geht nicht mehr nur darum, Sportartikel herzustellen und diese zu vertreiben. Es geht darum, den gesamten Prozess in den Blick zu nehmen.
Und was heißt das für Medien? Wenn der Vergleich stimmt, reicht es nicht aus, sich einzig auf gute Produkte – also Artikel, Beiträge oder Texte zu konzentrieren. Es könnte sinnvoll sein, den gesamten Prozess der Orientierung in den Blick zu nehmen

🏃🏃 2. Vom Verkäufer zum Gastgeber – wie die Unternehmen sich neu positionieren 🏃🏃
Selbstwahrnehmung und Positionierung des Unternehmens ändert sich durch die Erweiterung der Perspektive grundlegend. Es geht nicht mehr nur darum, gute Produkte zu verkaufen. Es geht um eine Infrastruktur, um eine dauerhafte Kundenbeziehung, für die das Unternehmen die Rolle eines Gastgebers einnimmt. Dabei folgt die Positionierung sehr vereinfacht gesprochen der Logik: Wenn wir wollen, dass die Menschen laufen (wofür sie dann unsere Sportartikel brauchen), dann müssen wir ihnen den Rahmen schaffen, in dem sie laufen können.
Und was heißt das jetzt für Medien? Wenn Sportartikelhersteller kostenlose Lauftreffs veranstalten, braucht es keine besonders große Kreativität um auf Lesegruppen zu kommen. Social Reading als Idee ist bereits da, bisher fehlt aber ein von Sportartikelherstellern Verlagen geschaffener Rahmen.

🏃🏃🏃3. Vom Kunden zum Testimonial – wie Verbraucher eine andere Rolle annehmen 🏃🏃🏃
Allein die Tatsache, dass Käufer*innen mit dem Erwerb von Sportartikeln auch Werbefläche anbieten, würde eine genauere Beobachtung verdienen: Wer ein T-Shirt von einem Sportartikelhersteller kauft, wirbt nicht selten durch die prominente Platzierung von Logo und Markennamen für den Hersteller. Allein die Frage zu stellen, wie man als Leser*innen diesen Distinktionsgewinn bei der Lektüre eines Mediums bekommen kann, wäre spannend. Aber darüberhinaus transportieren die laufenden Konsument*innen noch eine weitere Botschaft: Sie bringen andere Menschen in den Gastraum des Sportartikelherstellers. Sie werden zu Testimoninals, die die Sportartikelhersteller sogar bewusst fördern und vorstellen.
Was soll das jetzt für Medien bedeuten? Dass Leser*innen ein wichtiger Bestandteil der Gemeinschaft Zeitung sind (siehe dazu meine Notizen aus dem Jahr 2009). Man entscheidet sich für das eine oder andere Medium eben auch weil man sich für die eine oder andere Gruppe derjenigen entscheidet, die es auch lesen/hören/gucken. Dieser Aspekt der Distinktion und Sichtbarmachung derjenigen, die ein Medium nutzen kommt bisher fast gar nicht zum Tragen. Die Laufbranche macht auf erstaunliche Weise vor wie es gehen könnte.

🏃🏃🏃🏃4. Von der Marke zum Medium – welche Rolle Inhalte spielen 🏃🏃🏃🏃
Diese Behauptung klang schon an anderer Stelle im Newsletter an: Marken erstellen selber Inhalte, mit denen sie Zielgruppen erreichen. Sie werden also selber zu Medien. Im Zuge der Veränderungen der eigenen Rolle produziert der Sportartikelhersteller eben nicht mehr nur Sport-BHs, sondern auch Sport-Berichte. Als Partner im Gesamtprozess „Laufen“ übernimmt der T-Shirtproduzent nun auch Ratgeberfunktionen, die früher Sportmedien übernommen haben.
Warum ist das für Medien wichtig? Weil Marken hier in den Kernbereich dessen vordringen, was bisher exklusives Geschäfts von Medien war: Mit Hilfe von Inhalten Ziegruppen zu erreichen. Selbst wenn die anderen Punkte den Medien in ihrer Selbst- und Fremdwahrnehmung egal sind: Hier sind sie gefordert, sich neu und klarer zu positionieren.

🏃🏃🏃🏃🏃5. Von der (Produkt-)Eigenschaft zum Erlebnis – wie Werbung sich verändert 🏃🏃🏃🏃🏃
Wie inspiriert man Menschen dazu eine bestimmte Tätigkeit z.B. Laufen auszuüben? Indem man ihnen Menschen zeigt, die Freude an dieser Tätigkeit – also dem Laufen – haben. Bei der Beobachtung der zu Testimonials entwickelten Läufer*innen in sozialen Netzwerken habe ich verstanden, wie Content Marketing funktioniert (und was es von klassischer Produktwerbung unterscheidet): Es macht Lust darauf, eine Tätigkeit auszuüben, eine Produkt zu nutzen – indem es die Freude zeigt, die Menschen dabei haben. So stellen die Frontrunner und anders genannten Testimonials allein dadurch, dass sie ihr Laufen zeigen sicher, dass auch Menschen im erweiterten Umfeld inspirierte werden, zu laufen. Auch dafür brauchte man früher Sport-Medien und klassische Werbung.
Und welche Schlussfolgerung soll man nun daraus ziehen? Bei Content Marketing geht es nicht um Schleichwerbung oder Vertuschung einer Werbebotschaft. Es geht darum, die Nutzung eines Produktes von einer glaubwürdigen Person vorführen zu lassen. Völlig egal, wie man inhaltlich dazu steht: die Laufbranche zeigt, wie das funktionieren kann – und hat damit natürlich auch Einfluss auf klassische Medien.

Und wem das alles zu sportlich war: Man kann sich diese Entwicklungen auch von Apple zeigen lassen. In diesem Monat hat die Firma, die für viele ja ein Sportartikel-Smartphone-Hersteller ist, gezeigt, dass sie in Zukunft nicht nur das sein will, sondern zunehmend auch Infrastruktur-Anbieter werden will: Unter apple.com/today kann man sich anschauen, wie Apple die oben beschriebenen Entwicklungen auf die Anwendung seiner Geräte überträgt…

Zur Einordung meiner Beobachtungen übers Laufen habe ich jemanden gefragt, der sich damit auskennt: Aktiv wie als Berichterstatter. Gunnar Jans hat hier meine Fragen zum Laufen beantwortet.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Laufen macht glücklich! (Interview zu den Digitalen Mai-Notizen)

Dieses Interview erweitert die Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, der sich in der aktuellen Folge mit dem Thema Laufen befasst – und den man hier kostenlos abonnieren kann!

Gunnar Jans ist Chefredakteur bei der Münchner Content-Marketing-Agentur The Digitale, einer Telekom-Tochter mit Sitz am Milchhäusl vis-a-vis zum Englischen Garten. Im Auftrag des Kunden Messe München verantwortet er den redaktionellen Auftritt von ispo.com, dem Leitmedium des Sport-Business – und berichtet dort auch übers Laufen. Er war 14 Jahre Sportchef der Münchner Abendzeitung und davor und danach ein Kollege bei der Süddeutschen Zeitung. Gunnar läuft fast täglich an der Isar, mittwochs bei den Urban Runners Munich – und einmal im Jahr auch Marathon.

Früher fanden Läufe und Lauftrainings in Sportvereinen statt. Heute sind es auch Sportartikelhersteller, die urbane Laufveranstaltungen starten, an denen Läufer*innen kostenlos teilnehmen können. Kannst du mal erklären, warum die das machen?
Der klassische Sportverein ist ein Medium von gestern: Er liefert verlässlich, aber wenig innovativ, zu vorher festgelegten Uhrzeiten, für eine feste Jahres-Abo-Gebühr, mit den immer gleichen Strukturen und den immer gleichen Gesichtern. Genau so wie User heute digitale Inhalte flexibel nutzen, organisieren sie auch ihre Freizeit: abwechslungsreich, ohne Verpflichtungen, permanent nach neuen Reizen suchend, meistens über soziale Netze, vor allem Facebook. Das haben, wenn wir zum Laufen kommen, die Sportartikelhersteller erkannt: Ihre Lauftreffs finden zwar auch regelmäßig statt, aber ohne Zwang, man kann vom einem zum anderen Anbieter springen, meist bieten sie jede Woche ein neues Special. So entsteht ein permanenter Wettbewerb um den Kunden, hier den Läufer, mit der Chance für die Unternehmer, auf Aktionen und Produkte aufmerksam zu machen. Oftmals geht es aber gar nicht um Werbung für ein bestimmtes Produkt – sondern nur ums Brand Building, also darum, etwas fürs Image zu tun, die Menschen an sich zu binden – und sogar Feedback zu bekommen, das auch die Hersteller besser macht in ihrer Performance. Weil sie mit den Kunden ins Gespräch kommen ohne geschäftlichen Zwang. Im Marketing geht es ja oft um die Frage: Setzen wir B2B, Business to Business, oder B2C, Business to Costumer? Die beste Antwort darauf ist: H2H, Human to Human.

Diese Veranstaltungen werden nicht selten in sozialen Netzwerken dokumentiert, die Laufgruppen der Marken tragen eigene Namen und veranstalten eigene Wettkämpfe. Was soll das?
Gerade Laufgruppen leben davon, dass ihre Teilnehmer Spaß haben am gemeinsamen Erlebnis. In den sozialen Netzen heißt das dann Community Building – was ja im besten Sinn die digitale Verlängerung eines analogen Erlebnisses ist. Wir laufen zusammen, wir markieren unsere gemeinsamen Wege – und taggen den Veranstalter, mit dem wir gelaufen sind. Je mehr es den Marken gelingt, dass ich mich aus freien Stücken an sie binde, dass ich mich mit ihrem Angebot identifiziere, um so eher werde ich zum Teil dieser Marke – und teile plötzlich meine Erlebnisse im Namen der Marke. Wenn es den Marken gelingt, ihre Angebote so spannend und vor allem abwechslungsreich zu gestalten, dass ich gern mit ihnen gemeinsame Sache mache, haben sie mich gewonnen. Als Teil der Marke. Wichtig ist allerdings, dass diese Angebote smart sein und für sich stehen müssen und vor allem: keine Verkaufsveranstaltung sein dürfen, keine Produktshow und niemals penetrante Werbe-Belästigung. Um mal einen Vergleich mit der SZ zu ziehen: Die „lange Nacht der Autoren“ ist bestes Content Marketing, die Fußgängerzonenstände mit sofortiger Probeabo-Bedrängung plumpe Werbe-Penetrierung. Konkret aufs Laufen bezogen: In München kann ich montags beim „Montag Fight Run“ laufen, dienstags bei „Never Stop Munich“, mittwochs bei Urban Runners Munich, donnerstags beim Lauftreff München – jeweils bei verschiedenen Marken, die eher smart branden. Die Ausnahme sind da die Adidas Runners Munich – die jeden Tag Programm bieten, was ein einzigartiges Konzept ist, fast eine Komplett-Betreuung, aber auch mit einem gewissen Guppenzwang versehen.

Eine weitere Beobachtung im Laufbusiness: Adidas kauft runtastic, Asics kauft Runkeeper – kann man eigentlich noch von Sportartikel-Herstellern sprechen oder entwickeln sich diese nicht vielmehr zu Infrastruktur-Anbietern?
Mit Blick auf die digitale Transformation ist es mehr als clever, die komplette Infrastruktur unter einem Dach anzubieten. Nur wenn ich alles biete, vom Produkt über die smarte Tracking-App bis zur Community mit Wettbewerbscharakter und dies auch idealerweise vom Digitalen ins Analoge und umgekehrt zurückspielen kann (eben durch Laufgruppen, die sich über Social Media vernetzen), biete ich dem Kunden die Möglichkeit, in meiner Welt zu bleiben und nicht die Plattform zu wechseln. Idealerweise gelingt es mir, ihn über einen Kanal auf meine Plattform zu holen und dann alle meine Services für ihn nutzbar zu machen. Und was das Zusammenspiel von Sportartikel-Herstellern und Tracking-Plattformen wie Runtastic oder Runkeeper angeht: Auf diesen Plattformen geben die Nutzer freiwillig (!) so viele Daten preis, an die der Hersteller sonst nie käme und die er für die Entwicklung seiner Produkte nutzen kann, dass es für die Sportartikel-Hersteller geradezu ein Muss ist, dort auch Anbieter zu sein.

Braucht man dann eigentlich noch Laufmedien wie Zeitschriften oder Websiten, die das Thema „Laufen“ begleiten? Das übernehmen doch dann auch die Anbieter selber, oder?
Ich bin fest davon überzeugt, dass Marken zu Medien werden und neben Produkten künftig auch Inhalte liefern werden, die wiederum mehr als die Welt ihrer Produkte abbilden. Wenn es sich durchsetzt, dass dies immer vom Nutzer her gedacht wird, so wie übrigens gutes Content Marketing funktioniert, kann dies zur Folge haben, dass diese Unternehmens-Seiten eine hohe Reichweite bekommen – und das Unternehmen in seine eigenen Inhalte investieren wird mit der Folge, weniger Werbemittel für Zeitschriften oder andere Portale zur Verfügung zu stellen. Deren Situation wird dadurch nicht leichter werden. Trotzdem glaube ich, dass Special Interest Zeitschriften oder Websites weiter eine gute Chance haben – wenn ihr Markenkern etwas unverwechselbares hat. Ich jedenfalls lese gern Lauftipps auf Sportartikelherstellerseiten – aber genauso die Runner’s World als das beste Fachmagazin oder Hajo Schumachers herrliche verrückte und vor allem umfassende Seite achim-achilles.de

Ich behaupte, dass auch der Journalismus und die Medienbranche etwas von dieser Entwicklung lernen kann, dass es nämlich nicht nur um den Inhalte oder die Produkte geht, sondern immer mehr auch um das Umfeld, um den Kontext. Siehst du das auch so bzw. siehst du Entwicklungen, die man aus dem Laufbusiness auf die Medienbranche übertragen kann?
Der wichtigste Hebel ist: sich um den Nutzer, den User, den Leser, den Kunden zum kümmern. Ihm nicht ein schlimmstenfalls auch noch abgeschlossenes Produkt hinzuwerfen, sondern ihn das Medium zum Teil seiner Welt zu machen. Ihn überall zu begleiten, ihm Hilfestellung zu leisten. Mit ihm in Kontakt zu treten. Analog und digital und wieder analog. Das Lauf-Business macht vor, wie es funktionieren kann: Erlebnisse zu schaffen, die man teilen möchte mit anderen, mit Gleichgesinnten. Beim Laufen werden die Kunden dank der digitalen Möglichkeiten zum Botschafter des Unternehmens, zum Influencer. Wenn dies schon Marken gelingt, die bis gestern noch gar keine Medien waren, sollten die Verlage dazu doch erst recht in der Lage sein – und die Bedürfnisse ihrer Kunden ernst nehmen, sich mit ihm austauschen auf allen digitalen Plattformen und sich auch von den Lesern inspirieren lassen. Dass jemand aus dem 22. Stock Kommentare schreibt, die mir die komplexe Welt ein Stück weit leichter verständlich machen, ist wichtig – wirklich überzeugt werde ich aber erst, wenn sich derselbe Kommentator auch auf meine Welt einlässt, er also Kenntnis hat von dem, was ich bewegt. Und zum Influencer für diesen Kommentator, also quasi zu seinem Marken-Botschafter, werde ich erst dann, wenn auch sich auf den Dialog mit mir einlässt. Warum laufe ich mit einem Urban Runners Munich -Shirt durch die Stadt, warum gehe ich bei Wettbewerben für die Urban Runners an den Start? Weil ich Teil der Gruppe sein mag, mich dazugehörig fühle. Wer aber fühlt sich als Leser, egal ob flüchtig oder jahrzehntelanger Abonnent, wirklich einer bestimmten Zeitungsmarke zugehörig?

Du läufst – das kann man auf deinen Instagram– und Twitter-Profilen verfolgen – auch selber. Was reizt dich selber an dem Sport und vor allem: Warum teilst du deine Freude daran in den sozialen Medien?
Weil ich, wenn ich alleine laufe, dabei am besten nachdenken kann. Und wenn ich in der Gruppe laufe, die gemeinsamen Erlebnisse und die Endorphine genieße. Weil es ein wunderbares Wechselspiel ist zwischen Abschalten und Aufdrehen, zwischen Quasi-Meditation und Wettkampfmodus. Das alles spielt sich für mich auch in den sozialen Medien ab: Fotos, die die Faszination des Laufens zeigen. Gedanken oder Kommentare, die nur beim Laufen entstehen. Und Gefühle vor, während und nach dem Lauf, die du sonst nirgends erlebst. Dies in den sozialen Medien zu teilen, bedeutet ja auch, die Motivation zu teilen, weiterzugeben. Es gibt ja diesen in der Running-Szene beliebten Hashtag #laufenmachtglücklich. Ich glaub’ tatsächlich daran. Allerdings musst du dir auch darüber klar sein: Wer nicht Teil dieser Lauf-Communitys ist und doch in seiner Timeline häufig von Lauf-Post belästigt wird, hält Läufer für außerordentlich mitteilsame Spinner – bestenfalls.


Dieses Interview gehört in den monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann. In der aktuellen Folge denke ich übers Laufen nach.

Hope Cause I’ve Learned to Cope

Im Rahmen der Metaconference am NRW-Forum in Düsseldorf durfte ich heute mein passend betiteltes Buch Meta – das Ende des Durchschnitts vorstellen und ein wenig darüber sprechen, warum ich den Shruggie für ein gutes Symbol für eine neue Haltung zur Zukunft halte.

Dabei habe ich die wunderbare Rebecca Solnit zitiert, die mit ihrem Blick auf Hoffnung genau diese Haltung des Kulturpragmatismus auf den Punkt gebracht hat. Sie schreibt:

„Hoffnung ist die Umarmung des Unbekannten und dessen, was man nicht wissen kann. Hoffnung ist eine Alternative zu der Gewissheit, die Optimisten und Pessimisten gleichermaßen ausdrücken. Optimisten denken alles werde sich zum Guten wenden ganz ohne unser Zutun; Pessimisten nehmen die gegenteilige Haltung ein – beide finden darin eine Entschuldigung dafür, nicht selber aktiv zu werden.“

Nach dem Vortrag kam ein Zuhörer mit einer interessanten Referenz zu mir. Er hatte die Ideen der Shruggie-Haltung nämlich in einem Song wiedergefunden, den man sozusagen als Soundtrack zu dieser hoffungsvollen Perspektive auf die Zukunft hören kann. Er heißt: Hope (Cause I’ve Learned to Cope) und ist auch inhaltlich ein schöner Ratschlag!

Vielen Dank für den Hinweis!

loading: Shelfd

„Die Mediatheken sind voll“ steht über dem Eintrageformular für den Newsletter, den Shelfd wöchentlich verschickt. Er bringt Übersicht in das Angebot der Mediatheken. Für dieses Angebot haben die Filmfreunde von Shelfd gerade ein Crowdfunding auf steady gestartet – und schon die Hälfte des Ziels erreicht.

David Streit hat den loading-Newsletter beantwortet

Was macht ihr?
Wir empfehlen Videos aus den Mediatheken, die man nicht verpassen darf. Seit Ende 2015 ist unser wöchentlicher Newsletter mit den besten kostenlosen Spielfilmen, Dokumentationen und Serien auf über 5.000 Abonnenten angewachsen. Das freut uns riesig! Vor zwei Wochen haben wir mit Shelfd.com nun erstmals ein eigenes Zuhause für unsere Streaming-Tipps gelauncht. Im Feed findest du immer die neuesten Videos.

Warum macht ihr es (so)?
Als Film-Nerds lieben wir gute Unterhaltung! Aber weil einem immer mehr Inhalte zur Verfügung stehen, haben wir erkannt wie wichtig ehrliche Empfehlungen sind. Darum behalten wir für unsere Lesern und Besuchern die deutschen Mediatheken im Blick und helfen bei der Vorauswahl. Das wöchentliche Newsletter-Format ist deshalb besonders spannend, weil die meisten Filme ja bereits nach ein paar Tagen wieder aus der Mediathek verschwinden.

Wer soll sich dafür interessieren?
In einer Umfrage unter unseren Lesern haben wir erfahren, dass viele den Überblick auf Shelfd schätzen. Wir decken eben nicht nur einen Film-Geschmack oder einen Sender ab, sondern haben von allem etwas. Die Tipps sind tagesaktuell und wir erübrigen das lange Durchstöbern der vollen Mediatheken.

Wie geht es weiter?
Unser nächster Schritt ist die Individualisierung: unterschiedliche Tipps für jeden Nutzer. Unter Shelfd.com/Beta-Liste kann man sich schon für den ersten Testlauf ab Mitte Juni bewerben. Danach sollen Nutzer auch eigene Regale mit Video-Empfehlungen pflegen können. Shelfd soll den Zugriff auf Medien vereinheitlichen und beim Entdecken von neuen Inhalten helfen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Dass die Sender ihren schlechten Ruf nicht verdienen. Die ARD-Mediathek bietet zum Beispiel viel mehr als den letzten Tatort an. Die echten Highlights verstecken sich aber oft in Kategorien wie „Film-Mittwoch im Ersten“. Wir wollen ein Umdenken in den Köpfen der Menschen anstoßen: Auf Shelfd zeigen wir, was sie eigentlich alles für ihren Rundfunkbeitrag bekommen.

>>> Hier das Projekt Shelfd auf Steady unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Helfen nach dem Durchschnitt: der #global6k von Worldvision

Ich habe an diesem Wochenende an einem Lauf teilgenommen, für den sich außer mir genau 1350 Läuferinnen und Läufer angemeldet haben. Die Distanz des Laufs, der keinen offiziellen Startpunkt und keine Ziellinie hatte, betrug sechs Kilometer. Ich habe keinen der anderen Starter persönlich gesehen, ich habe keinem Teilnehmer die Hand geschüttelt und mit dem Veranstalter nicht persönlich gesprochen – und doch: der Global6k fand an diesem Wochenende statt. Nicht nur in Aurich, Ulm und Düsseldorf sind Menschen mitgelaufen, international haben sich über zehntausend Läufer*innen an diesem Projekt beteiligt.

Ich erzähle das hier so ausführlich, weil der Global6k von Worldvision die Idee eines Laufs nach dem Durchschnitt in die Tat umsetzt, die ich in meinem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ im Schlusskapitel beschreibe. Es ist ein Lauf, der die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzt – und in diesem Fall sogar für einen übergeordenten guten Zwecke: Die Teilnehmer*innen des Global6k laufen, um auf das Recht auf Trinkwasser hinzuweisen:

Sechs Kilometer ist die durchschnittliche Distanz, die Menschen in Afrika laufen müssen, um an eine Wasserstelle zu gelangen. In vielen Fällen ist dieses Wasser verunreinigt und vor allem für kleine Kinder lebensgefährlich.

Die Teilnahmegebühr für diesen Lauf wird eingesetzt, um Menschen in Ngoyila, im Osten von Sierra Leone Zugang zu sauberem Trinkwasser zu ermöglichen.

Ich finde das eine tolle Aktion, die die Möglichkeiten der Digitalisierung perfekt nutzt – für eine wie ich finde gute Sache. Wer das auch so sieht, kann auch ganz ohne Lauf hier für die Worldvision-Aktion spenden! Wer mehr über „Das Ende des Durchschnitts“ erfahren will, kann dies hier nachlesen.

Der Monat, in dem das Fernsehen starb (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Er ist Geheimagent im Auftrag seiner Majestät. Er ist körperlich durchtrainiert und technisch perfekt ausgestattet. Kein noch so aussichtsloser Auftrag ist zu kompliziert für ihn: Daniel Craig ist der aktuelle James Bond-Darsteller. Daniel Craig ist ein Mann für unlösbare Aufgabe und deshalb schafft Daniel Craig beim Fernsehen sogar das hier: Eine Szene wiederholen.

Eine deutschlandweite Plakatkampagne wirbt derzeit dafür. Testimonial Daniel Craig sitzt dabei in grüner Strickjacke auf dem Sofa und zielt mit einer Fernbedienung in Richtung des Zuschauers. Denn für James Bond, sagt dieses Plakat, ist „nichts leichter“ als eine Szene zu wiederholen.

Ich musste den Blick aufs Plakat mehrfach wiederholen. Zu unglaubwürdig erscheint mir die Kampagne. Die Fallhöhe zwischen testosteron-getränkter Männlichkeit einerseits und Banalität der Aufgabe andererseits wirkt auf mich als würde James Bond sagen: „Eine Banane ohne Schale essen? Nichts leichter als das“.

Diese Kampagne rückt nicht die Superkräfte des Geheimagenten ins Blickfeld, sondern seine fehlende Gegenwart. Nicht nur Netflix oder Amazon Prime scheinen ihm unbekannt, auch die Mediatheken nutzt er offenbar nicht. Dieser Geheimagent lebt so selbstverständlich in einer einzig linearen, klassischen Fernsehwelt, dass er sie sogar zum Maßstab für sein Handeln erhebt.

Dies trifft aber natürlich nicht nur auf das Werbetestimonial Daniel Craig zu. Es trifft vor allem auf diejenigen zu, für die diese Werbung gemacht ist. Es scheint in diesem Land noch eine Menge Menschen zu geben, die staunen, wenn jemand behauptet, er könne eine Szene im Fernsehen wiederholen. Im Bild mit der Banane heißt das: Mit dem Entfernen der Schale kann man offenbar tatsächlich Leute beeindrucken.

Ich finde das interessant, weil diese merkwürdige Kampagne in den gleichen Monat fällt, der für mich als derjenigen in Erinnerung bleiben wird, in dem klassisches Fernsehen für mich starb. Die Abschaltung des DVB-T-Signals markiert für mich den Zeitpunkt, an dem ich aufgehört habe, die Art von Fernsehen anzuschauen, bei der man keine Szene wiederholen kann.

Es ist erwähnenswert, sich diesen Monat zu merken. Denn in nicht allzu ferner Zukunft wird sicher jemand fragen: Wann haben wir eigentlich aufgehört auf die Weise Fernsehen zu schauen wie unsere Eltern es getan haben? Ich weiß, was ich dann antworten werde: Im April 2017 – als das DVB-T-Signal abgeschaltet wurde.

Dass ich in diesem Monat auch von den Plänen von Mark Zuckerberg las, brachte mich dazu, diesem Text einen über mein eigenes Fernsehverhalten hinaus deutenden Titel zu geben. Die New York Times zitiert den Facebook-Chef mit den Worten: „Denken Sie an all die Dinge, die uns umgeben, die nicht zwingend physische Objekte sein müssen. Statt ein TV-Gerät für 500-Dollar zu kaufen, kann man sich Fernsehen auch in einer App für einen Dollar vorstellen.“

Zuckerberg bezieht sich damit auf eine Form der erweiterten Realität, die er in Facebook mit Hilfe einer Kamera erschaffen will. Pokemon-Go-Spieler kennen das Prinzip der so genannten augmented reality aus eigener Anschauung. Facebook will diese Technologie in einer Art nutzen, die ich im Metabuch als Ende des Durchschnitts beschreibe. So skizziert Zuckerberg die Idee einer freien Wand, die erst durch den Blick durch die Facebook-Kamera einen Inhalt freilegt – womöglich abhängig von denjenigem, der durch die Kamera blickt. Auf das eingangs zitierte Plakat übertragen, kann das heißen: Auf der Werbefläche könnten unterschiedliche Motive angezeigt werden – abhängig davon, wer vor das Plakat tritt.

All das befindet sich noch im Planungsstatus und es gibt nicht wenige, die behaupten, Zuckerberg werde sich damit nicht durchsetzen. Für meinen Blick auf „Fernsehen“ im April 2017 ist dieser Teil aber fast unbedeutend. Denn wann es kommt und von wem es zuerst eingeführt wird, ist nachrangig im Vergleich zu dem Ausblick auf das, was Fernsehen einmal sein kann – nach seinem Tod im April 2017.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Make Journalismus Great Again

Der Journalismus ist kaputt. Dieser Eindruck entsteht jedenfalls, wenn man die Kampagnen von Wikitribune und Republik anschaut, die beide dieser Tage gestartet sind.

Zwei respektable und empfehlenswerte Initiativen – keine Frage. Der Shruggie in mir schulterzuckt jedoch bei der Behauptung, die beide Kampagnen nutzen, um Aufmerksamkeit (und damit Geld) für ihre Projekte zu sammeln. Der Journalismus ist kaputt – ist eine zumindest diskutable Übertreibung. Ich glaube, es ist nicht falsch schulterzuckend zu bemerken: Wer eine Sache schlechter darstellt als sie womöglich ist, um damit seine eigene Lösung zu präsentieren, verfährt nach einem durchaus bekannten Muster: Make Journalismus Great Again.

In Deutschland wurde dieses Muster bereits beim Start der ebenfalls hoch empfehlenswerten Krautreporter diskutiert. Der Onlinejournalismus sei, hieß es damals, kaputt. Es folgte das Versprechen, die Krautreporter würden ihn reparieren. Bei allem Respekt vor dem Werk der Krautreporter: Republik und Wikitribune sind offenbar nicht einverstanden mit dem Reparaturversuch.

Man kann übrigens auch für die Unterstützung herausragenden Journalismus‘ werben, ohne das Kaputt-Narrativ zu bedienen. Der Guardian macht es hier vor

Jung sein und jung bleiben

Wenn es eine Sache gibt, die ich am 20. Mai mit Sicherheit nicht tun werde, dann dies: Ich werde auf keinen Fall auf die Junge Digitalisten genannte Veranstaltung von snäckable gehen! Dabei wird sie von – ich habe das im persönlichen Gespräch überprüft – tollen Menschen organisiert, die spannende Sachen machen. Aber mich wird man im MediaLab der BLM an dem Abend sicher nicht sehen.

Denn ich darf nicht kommen. Ich bin zu alt (auch wenn ich mich kaum so fühle)! Anders als bei der Tincon, auf die ich mich im vergangenen Jahr durch Fälschen meines Schülerausweises einen Vortrag schummeln konnte, werde ich in München keine Chance haben. Und das ist auch gut so.

Gleichwohl gab es an der ursprünglichen Ausschreibung einen Aspekt, der mich interessiert hätte. Statt einer knallharten Altergrenze stand dort anfangs nämlich, die Veranstaltung richte sich an Menschen, die sich am Anfang ihres Berufsweges befinden. Und als ich das las, dachte ich: Stehen wir nicht alle am Anfang eines neuen Berufsweges? Sollten nicht auch bzw. gerade diejenigen, die schon eine Weile im Job sind, die Haltung des Einstiegs einüben? Die Bereitschaft, sich für Neues zu interessieren, die Freude daran, etwas Unbekanntes zu erlernen – all das macht ja den Berufseinstieg aus und scheint mir im Laufe eines Arbeitslebens nicht selten verloren zu gehen. Das ist schade – zumal in einer sich wandelnden Branche.

Auch deshalb habe ich in der letzten Ausgabe meines Newsletters die Leser*innen gebeten, Erfahrungen im Umgang mit digitalen Technologien zu teilen. Es gibt schon sehr tolle Antworten auf die kleine Umfrage, deren Ergebnisse mit der nächsten Folge des Newsletters Ende des Monats verschickt werden.

Wer die Ergebnisse lesen will, sollte sich hier auf den Newsletter eintragen.

Und wer Erfahrungen teilen möchte, kann hier eine (oder auch gerne mehrere) Typeform-Fragen beantworten:

1. Wie benutze ich Instagram?
Hier Instagram-Erfahrungen teilen
2. Wie erstelle ich ein eBook?
Hier eBook-Erfahrungen teilen
3. Wie verschicke ich einen Newsletter?
Hier Newsletter-Erfahrungen teilen
4. Wie erstelle ich einen Podcast?
Hier Podcast-Erfahrungen teilen
5. Wie führe ich meine ToDo-Liste?
Hier ToDo-Listen-Erfahrungen teilen
6. Wie kann ich Twitter optimal nutzen?
Hier Twitter-Erfahrungen teilen
7. Wie kann ich Videos selber erstellen?
Hier Video-Erfahrungen teilen
8. Wie kann ich selber Chatbots erstellen?
Hier Chatbot-Erfahrungen teilen
9. Wie führe ich ein Blog?
Hier Blog-Erfahrungen teilen

Und sollte hier jemand mitlesen, der zwischen 20 und 30 Jahren alt ist: am 20. Mai ist glaube ich eine ganz gute Veranstaltung in München

Die Privatsphärer derer, die uns die Privatsphäre rauben

Als der US-Kongress in dieser Woche gegen den Datenschutz stimmte, hatte Adam McElhaney eine Idee. Der Aktivist aus Chattanooga (Tennessee) „will den Abgeordneten nun zeigen, wie die Suppe schmeckt, die sie den Netizens eingebrockt haben“, umschreibt heise sein Vorhaben, gegen die Lockerungen im Datenschutz vorzugehen. Sein Ziel: „Ich will den Browserverlauf aller Abgeordneter, Kongressmitglieder, Manager und ihrer Familien kaufen und online auf searchinternethistory.com durchsuchbar machen. Alles, von ihren medizinischen Daten, über Pornografie hin zu ihren Finanzen und Untreue.

Dafür hat Adam ein Crowdfunding gestartet, an dem sich Stand Donnerstag abend deutscher Zeit nahezu 11.000 Menschen beteiligt haben. Auf diese Weise will er ausreichend Geld einsammeln, um die Datensätze derjenigen US-Politiker zu kaufen, die für die Lockerungen im Datenschutz stimmten.

Ein schöne Form der digitalen Demonstration, die natürlich die Frage aufwirft, ob man sich als Datenschutz-Aktivist derart gegen seine eigenen Ziele stellen und persönliche Daten veröffentlichen darf.
Adam bezieht hier klar Position und verteidigt seinen Plan als politische Selbsthilfe. Darüber kann man streiten, vorher entzündet sich im US-Techumfeld aber eine andere Debatte: Man kann gar keine persönlichen Daten kaufen, argumentieren The Verge und TechCrunch und verweisen darauf, dass auch nach den neuen Bestimmung nur anonymisierte Daten gehandelt werden können.

To be clear, you can’t do this. Just because carriers are allowed to market against data doesn’t mean they’re allowed to sell individual web histories. The campaigns seem well-intentioned, but that’s just not how it works.

Und spätestens hier wird die Aktion von Adam McElhaney zu einer bedeutsamen politischen Demonstration, denn sie richtet den Blick darauf, wie Datenhandel aktuell bereits funktioniert. In einem Update auf der GoFund-Seite stellt Adam nämlich klar, dass er sehr wohl glaubt, an persönliche Daten gelangen zu können:

If the data must be bought in bulk, ok that’s fine. Give us the external IP address of we are requesting the data for so we can filter.

Ohne die Details des amerikanischen Gesetzes zu kenne, würde ich nach meinen Erfahrungen des vergangenen Jahres sagen: Die Frage ist nicht, ob Adam die Browserhistory von z.B. Ryan Paul kaufen kann. Die Frage ist nur, ob er dafür genügend Geld und Zeit aufbringt. Denn vermutlich finden sich auch Ryan Pauls Daten in den Paketen, die bereits heute gehandelt werden – allerdings nicht über die Internet Service Provider, sondern z.B. über Browsererweiterungen, die mitlesen (Details dazu hier)

Im vergangenen Winter habe ich für die SZ aufgeschrieben, wie ich selber erleben musste wie meine Daten gehandelt wurden:

Formaljuristisch gesehen sind diese Daten pseudoanonym. Man kann also in den verkauften Daten zunächst nicht nach einem Klarnamen suchen, sondern nur nach einer Nummer, hinter der sich das Profil eines bestimmten Browsers verbirgt. Wenn man nun zum Beispiel die Seite analytics.twitter.com/user/dvg/home in den Daten findet, kann man sicher sein, dass es sich um jemanden handelt, der Zugang zu meinem Account @dvg hatte, denn man kann die Seite nur mit Passwort aufrufen.
In anderen Netzwerken sind diese Seiten ein wenig besser geschützt als bei Twitter, aber auch hier gilt: Wenn man eine solche Seite in den Daten gefunden hat, hat man ziemlich sicher auch den Besitzer des Accounts, der vermutlich auch seinen Klarnamen auf der Seite eingetragen hat. Von diesem Moment an sind die Daten mit einer konkreten Person verbunden – und alles andere als anonym.

Es gibt also durchaus eine Chance, dass Adam mit ausreichend Zeit, Geld und (krimineller) Energie an die Daten kommt, die er veröffentlichen will. Die Frage ist deshalb umso mehr, ob es richtig sein kann, einen derartigen Bruch des Datenschutzes zu betreiben – um sich für Datenschutz einzusetzen. Vielleicht wäre die Energie besser eingesetzt, um konstruktiv an einer anderen Datenschutzpolitik zu arbeiten!

loading: FEMALE FUTURE FORCE

Nora-Vanessa Wohlert und Susann Hoffmann haben ihrem Crowdfunding auf Startnext die Stichworte „Coaching, Weiterbildung, Empowerment, Feminismus und Journalismus“ gegeben: Die beiden Gründerinnen von EditionF bieten mit ihrer FEMALE FUTURE FORCE Academy „52 Wochen digitales Coaching. 52 Top-Experten. 12 Themenschwerpunkte. Um dich persönlich und beruflich stärker zu machen und wachsen zu lassen.“

Nora (links) und Susann haben den loading-Fragebogen ausgefüllt

Was macht ihr?
Nora: Gemeinsam mit Susann habe ich vor drei Jahren EDITION F gegründet. Wir sagen immer, wir sind ein digitales Zuhause für starke Frauen. Wir wollen Frauen vernetzen, sie stärker machen, sie inspirieren, weiterbringen und ihnen eine Bühne geben. EDITION F ist ein Begleiter, wir wollen die Anlaufstelle für Karriere- und Lebensfragen, aber auch Themen wie Feminismus, Politik, Mutterschaft und Liebe sein. Wir haben ein Onlinemagazin und die Community darf mitschreiben, in unserer Jobbörse kann man hinter die Kulissen von Unternehmen schauen, außerdem vernetzen wir nicht nur online, sondern machen auch Offline Events um Menschen miteinander zusammen zu führen.
Susann: Unser neuestes Herzensprojekt ist die FEMALE FUTURE FORCE Academy, ein digitales Coaching-Programm mit dem wir Frauen mit Wissen empowern, das sonst nur Top-Managern vorbehalten ist. Wir machen aus dem Lippenbekenntnis gleiche Chancen ein echtes Angebot und unterstützen Frauen, über sich hinauszuwachsen und ihre beruflichen und persönlichen Ziele zu erreichen. 52 Top-Experten und Coaches wie beispielsweise der Verhandlungs-Experte Matthias Schranner, die ehemalige ProSiebenSat.1 Personalvorständin Heidi Stopper, Premium-Gründerin Anita Tillmann, WiWo-Chefredakteurin Miriam Meckel, Bloggerin Jessie Weiss von Journelles und der frühere Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger coachen Frauen über 52 Wochen in insgesamt zwölf Themenschwerpunkten. Für 99 Euro können Frauen – und auch Männer – an der Academy teilnehmen. 10 Prozent der Erlöse fließen dabei in ein Stipendium, das die Academy auch für benachteiligte Frauen möglich macht.

Warum macht ihr es (so)?
Nora: „Wir haben uns immer gefragt, wieso es so ein Angebot nicht gibt. Gestartet haben wir EDITION F tatsächlich, weil uns selbst so etwas immer gefehlt hat. In der Medienwelt war zwischen den klassischen Frauentiteln mit Beauty, Gossip und Diättipps und der männlich fokussierten Wirtschaftswelt noch ziemlich viel Luft. So wurde aus einem persönlichen Wunsch ein Unternehmen mit fast 20 Mitarbeitern. Alles was wir neu und anders machen, ist sehr stark von unseren Nutzerbedürfnissen getrieben. Wir hören einfach in die Community rein und sind ständig im Dialog und so entstehen neue Ideen wie die FEMALE FUTURE FORCE.

Wer soll sich dafür interessieren?
Susann: Eigentlich jeder. Wir sind immer wieder hoch erfreut, dass auch 15 Prozent unser Nutzer männlich sind. Im Kern sprechen wir aber oft Frauen zwischen 20 und 45 an, die in großen Städten wohnen. Da aber Schülerinnen und Frauen um die 60 auch super sind, limitieren wir uns nicht.

Wie geht es weiter?
Susann: Als Startup müssen wir auch immer darüber nachdenken, wie sich neue Projekte tragen. Wir machen deshalb für die FEMALE FUTURE FORCE Academy bei Startnext ein Crowdfunding. Unser ganz großes Ziel ist es, 10.000 Frauen und sehr gerne auch Männer zu überzeugen, Teil der FEMALE FUTURE FORCE zu werden. Es gibt so viel zu lernen und niemand muss alles von selbst können. Von Gehaltsverhandlungen, über Rhetorik bis hin zu Führungsskills. Wir wollen möglichst viele Frauen empowern und die Arbeitswelt damit nachhaltig beim Wandel unterstützen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Nora: Es ist komplett verrückt, dass in keinem DAX-30-Unternehmen eine Frau auf dem Chefposten sitzt. Auch wenn wir selbst alle schon oft das Gefühl haben, dass wir Chancengleichheit erreicht haben. Es ist nicht die Wahrheit. Das Schöne ist allerdings, wir können alle helfen, etwas zu bewegen. Mein liebster Tipp für Männer: Wenn ihr für ein Panel angefragt seid, fragt immer nach wie viele Frauen auf dem Panel Gast sind. Und beschwert euch, wenn es keine ist*.

Hier die Female Future Force auf Startnext unterstützen!

* Siehe dazu auch die Aktion #men4equality

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren: