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Gegen die Corona-Panik

Als ich diesen Text Anfang März anlegte, war die Corona-Lage noch vergleichsweise entspannt. Mittlerweile hat sich nicht nur die medizinische Situation verändert. Auch der Umgang mit dem Virus hat eine andere Phase erreicht. Deshalb hier Hinweise auf Projekte, die nach diesem Text entstanden:

– eine Podcast-Folge über Falschmeldungen und Gerüchte
– ein SZ-Text mit 10 Ratschlägen gegen Gerüchte
– ein Live-Format mit der VHS Südost zum Thema Kommunikation in der Krise – hier kann man den Stream im Re-Live anschauen.

Medienkompetenz, darin sind sich alle schnell einig, ist eine wichtige Fähigkeit, die Schülerinnen und Schüler dringend lernen müssen. Dass Medienkompetenz aber auch von den Menschen erlernt werden muss, die gar nicht mehr in eine Schule gehen, zeigen die vergangenen Tage und der mediale Umgang mit dem so genannten Corona-Virus.

Mein Kollege Patrick Illinger hat in der SZ aufgeschrieben, warum der Umgang mit dem Erreger so kompliziert ist und ist dabei zu dem Schluss gekommen: „Panik wäre jetzt jedenfalls die falsche Reaktion, auch wenn die Fallzahlen steigen. Schon frühere Epidemien haben gezeigt, dass übersteigerte Angst fataler sein kann als das Virus.“

Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, ein Update für die Seite #gegendiepanik zu verfassen – und uns daran zu erinnern, dass jede und jeder dazu beitragen kann, ob sich eine virale Form der Hysterie verbreitet. Denn auch dein persönliches Verhalten ist dazu angetan, deine Mitmenschen anzustecken – mit Panik und irrationalen Reaktionen. Das gilt in so genannten Breaking-News-Situationen (wie bei dem Terror-Anschlag am OEZ) genauso wie im aktuellen Umgang mit dem Corona-Virus. Das, was du postest und weiterleitest kann andere in Panik versetzen (Foto: unsplash). Es ist deshalb ratsam, vorher darüber nachzudenken – wie man sich verhält.

Hier sieben ganz unmedizinische Hinweise (wer es medizinischer mag: Hier ein Text gegen die Panik)

1. Ich bin mir bewusst, dass eine von mir verbreitete Information gerade bei Freunden als verlässlich wahrgenommen wird. Dieser Verantwortung meinen Freunden gegenüber versuche ich gerade in unübersichtlichen Situationen wie dem Corona-Fall gerecht zu werden – und poste deshalb nicht unüberlegt und aus reiner Angst heraus.

2. Bevor ich etwas veröffentliche oder an meine Freunde schicke, atme ich dreimal tief durch – und suche mindestens zwei verlässliche Quellen für die Informationen. Es gibt in solchen Situationen immer wieder Betrüger, die bewusste falsche Informationen verbreiten – wie die WhatsApp-Botschaft ab nächster Woche würden Geschäfte nur noch zwei Stunden öffnen. Das stimmt nicht.

3. Ich verbreite keine Gerüchte! Ich halte mich nur an bestätigte Informationen und versuche mich von Spekulationen fernzuhalten. Deshalb halte ich mich an offizielle Stellen, an seriöse Medien und verifizierte Accounts! Twitter weist zum Beispiel unter dem Hashtag #coronovirus ganz oben auf den Account der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hin.

4. Ich bin mir bewusst, dass derartige Nachrichtenlagen Betrüger anziehen, die mit Absicht Fotomontagen und bewusste Lügen verbreiten. Die Falschmeldung, Daniel Radcliffe sei erkrankt, ist ein abschreckendes Beispiel dafür. Ich unterstütze dies nicht durch unvorsichtiges Weiterverbreiten – auch nicht um sie zu widerlegen oder ihnen zu widersprechen. Das ist das Ziel dieser Form der Betrügerei: die aktuelle Aufmerksamkeit für ihre Interessen zu nutzen.

5. Ich hüte mich davor, sofort Problemlösungen zu verbreiten. Ich kenne den Reflex des „kommentierenden Sofortismus“ (Bernhard Poerksen) und folge ihm nicht. Ich verbreite keine einseitigen Schuldzuweisungen und gebe diesen auch durch Retweets und Zitate keine Bühne. Dies gilt besonders für Rassismus, der sich durch das Virus zeigt.

6. Egal wie schlimm die Situation sich anfühlen mag, ich werde nicht in Panik verfallen und selber dazu beitragen, dass noch mehr Menschen in Angst überreagieren. Ich versuche durch mein eigenes Verhalten Social-Media-Gelassenheit zu verbreiten.

7. Dazu zählt auch, dass ich mich zunächst an die Ratschläge der offiziellen Stellen halte und mich dort informiere, welches Verhalten angemessen ist. Panik zählt nicht dazu.

Hintergrund zu dem ursprünglichen Text gibt es hier

Das Thema 🦠Corona-Krise hat sich zu einem kleinen Schwerpunkt im Blog in diesem Monat entwickelt – unter dem 🦠Schlagwort gibt es noch mehr Artikel

Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen (Digitale März-Notizen)

Dieser Text ist Teil der März-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wenn Sie diesen Text lesen, ist es unmöglich, dass Sie sich aufgrund Ihrer Hautfarbe, Religion oder Nationalität für etwas Besseres halten. Dieser Satz ist wahr, obwohl ich nicht kontrollieren kann (und will), was Sie denken – und obwohl wir feststellen müssen, dass es zuviele Menschen gibt, die sich aufgrund ihrer Hautfarbe, Religion oder Nationalität für etwas Besseres halten.

Dass ich dennoch eine solche Behauptung aufstelle, liegt daran, dass ich uns nach den rechtsradikalen Morden der vergangenen Monate daran erinnern möchte, dass allein die Tatsache, dass Sie das Internet benutzen, beweist, dass die Ideen der Ausgrenzung überholt und falsch sind. Das Internet kann nur existieren, weil sich alle (technischen) Teilnehmer auf die Idee von Gleichheit geeinigt haben (Wie die Liebe werden auch digitale Daten nicht weniger, wenn man sie teilt. Foto: Unsplash). Das Netzwerk fragt nicht, welches Betriebssystem Sie nutzen, welche Sprache Sie sprechen oder an welchen Gott sie glauben. Das Netzwerk stellt eine Verbindung her – und diese Verbindung selbst ist der auf die menschlichen Nutzer*innen übertragene Beweis für den Satz aus der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (PDF-Link):

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Wer diesem Grundgedanken widerspricht, sollte auf der Stelle aufhören, ein System zu nutzen, das nur durch diesen Grundgedanken möglich wird. Das ist keine Frage politischer Meinung, sondern schlicht der Logik. Es lohnt sich nach den Morden von Hanau genau daran zu erinnern: Wer das Internet benutzt, kann schon aus Gründen der Logik nicht gleichzeitig Rechtsterrorismus oder Überlegenheitsphantasien unterstützen. Das erscheint merkwürdig, weil die meisten Rechtsterroristen das Web nutzen, um sich zu radikalisieren und ihre menschenverachtenden Thesen zu verbreiten. Deshalb wird das Internet fälschlicherweise zum Auslöser für die gesellschaftliche Verrohrung gemacht. Ich glaube, dass es im Gegenteil zur Lösung des zentralen gesellschaftlichen Problems der rassistischen Spaltung taugt. Wir sollten jedem Rechtsterroristen, der seine Thesen und Manifeste im Web verbreitet, zurufen: „Allein die Tatsache, dass du das online stellst, beweist, dass du falsch liegst!“ Jedem und jeder, die das Internet nutzen, um Ausgrenzung und Nationalismen zu verbreiten, sollten wir immer und immer wieder sagen: „Wenn deine Thesen wahr wären, gäbe es das Internet gar nicht. Hör auf, es für diesen Mist zu missbrauchen.“

Der Historiker Volker Weiß hat in einem Gastbeitrag im Spiegel herausgearbeitet, wie die Rhetorik von AfD und Pegida den geistigen Nährboden für den neuen Rechtsterrorismus legt:

Ihr ethnozentristischer Sozialdarwinismus ermächtigt sie, die „Minderwertigen“ auszumerzen. Offensichtliche Züge von Wahnsinn, wie sie aus ihren Pamphleten sprechen, können nicht alles erklären, denn die Auswahl der Opfer folgt einer eigenen, rassistischen Rationalität. Sie teilen die Welt in „produktive“ und „destruktive“ Teile. Alle, die dem heroischen Imago vom deutschen Herrenmenschen nicht entsprechen, sollen zur Vernichtung freigegeben werden.

Er weist daraufhin, dass dieses „Gedankengut mittlerweile derart verbreitet ist, dass Akteure auch unabhängig voneinander handeln können“. Es ist ein Gedankengut, das sich gegen die Idee einer freien, offenen Gesellschaft richtet. Es findet sich in unterschiedlichen Ländern und man kann es als Gegenaufklärung zusammenfassen:

Alle Fraktionen sind Teil der europäischen Gegenaufklärung und sehen ihren Aktivismus in ein überhistorisches Schicksal eingekleidet: einen Kulturkampf gegen den Individualismus, die liberalen westlichen Werte, gegen den Universalismus.

Das Internet und im speziellen das Web als seine bekannteste Anwendung sind in diesem Sinn konkrete Projekte der Aufklärung. Das Web ist Ausdruck liberaler westlicher Werte. Es basiert auf der Idee, dass ein mehr an Wissen besser sei. Es setzt die Idee in die Tat um, dass Vernetzung über Sprach- und Landesgrenzen hinweg zu einer Verbesserung für alle Menschen führen kann. Es kann nur funktionieren, wenn es eine offene Gesellschaft gibt. Die vergangenen Wochen haben auf erschreckende Art deutlich gemacht, dass die Idee eines offenen, freien Deutschlands angegriffen wird, dass die Gesellschaftsordnung destabilisiert und die Institutionen des Landes verächtlich gemacht werden sollen – wie Kurt Kister in diesem Kommentar schreibt:

Genau dieses Deutschland greifen die Mörder an, wenn sie auf Migranten schießen. Aber nicht nur die Mörder greifen es an, sondern auch jene, die ihnen den Boden bereiten. Jene, die dauernd von „Überfremdung“ reden, die Politiker, den Staat, das Gemeinwesen verächtlich machen, die Lebensstile mit Krankheiten gleichsetzen („links-grün versifft“), die unablässig versuchen, Grenzen zu ziehen zwischen „uns“ und „denen“.

Es gibt ganz viele Gründe, jetzt für ein freies Land aufzustehen, sich einzusetzen für die offene Gesellschaft und der Empörung der Ausgrenzung zu widersprechen. Ich hoffe sehr darauf, dass mehr Menschen gegen Alltagsrassismus aufbegehren, dass mehr Menschen beweisen, dass dieses Land offen und freundlich ist und dass mehr Menschen die Idee einer freien Gesellschaft verteidigen.

Und falls noch irgendwer Zweifel daran haben sollte, warum das wichtig ist, dann lohnt sich der Blick aufs Internet. Wenn man die kruden Gedanken der Rechtsterroristen liest, muss man feststellen: In der Welt, die diese sich erträumen, gibt es keinen Platz mehr fürs Web. Oder plakativ formuliert: Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen!* Es ist Ausdruck all dessen, wogegen sie sind. Verteidigen wir es!

P.S.: Wie die Verteidigung der freien Gesellschaft aussehen könnte, haben Farhad Dilmaghani, Stephan J. Kramer und Matthias Quent in elf Punkten bei Zeit Online aufgeschrieben. Sie kommen zu dem Schluss:

Niemand wird geboren, um andere Menschen wegen ihrer Hautfarbe, Religion, Kultur oder persönlichen Lebensplanung zu hassen. Menschen lernen zu hassen – und wenn sie Hass lernen können, dann kann man ihnen auch Nächstenliebe und Respekt für den oder die andere beibringen.

* Mir ist schon klar, dass diese Verkürzung problematisch ist und dass es ungeheuer viele und ungeheuer wichtigere Gründe gibt, gegen Ausgrenzung und Rassismus zu sein. Ich formuliere das aber bewusst so um all denen, die nicht direkt bedroht sind, zu zeigen, was diese Angriffe bedeuten.


Dieser Text stammt aus meinem monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Meine Haltung zum Internet, das ich als Heimat verstehe, habe ich auch in dieser „Gebrauchsanweisung für das Internet“ skizziert. In der SZ habe ich die Idee ausformuliert, was es heißen könnte, den Begriff Heimat digital zu denken.

Die Idee, einen Heimatverein für das Internet zu gründen, habe ich aus Zeitgründen bisher nicht weiter verfolgt. Sie steht hier genauer beschrieben.

„E-Mail ist die neue Homepage“ – über bessere Newsletter

Kennen Sie Morning Brew? Haben Sie schon mal von TheSkimm gehört oder von Next Draft? Dabei handelt es sich um Angebote, die man als „newsletter first media“ beschreiben kann. Als Medien also, die Newsletter nicht als verlängerte Marketingmaßnahme oder Digitalverstärker für einen davon unabhängigen Inhalt ansehen, sondern im Newsletter selbst das Angebot erkennen, das das Interesse von Nutzer*innen erfüllt.

Im digital interessierten Deutschland ist das irrigerweise Blog genannte Socialmediawatchblog von Martin, Simon und Tilman das bekannteste Beispiel für diese Form von Newsletter-Medien. Für ihren unbedingt empfehlenswerten Newsletter (hier bestellen) haben sie den hierzulande populären Namen Briefing gewählt. Auch das Handelsblatt (Morningbriefing), der Tagesspiegel (Entscheider-Briefing) mein ehemaliger Kollege Nikolaus Röttger (Ki-Briefing), die Mediapioneers (Tech-Briefing etc.) und viele andere nutzen den vom englischen „Einsatzbesprechung“ abgeleiteten Begriff, der kurze, handlungsbezogene Informationen versprechen soll (Foto: unsplash).

„Email hat die klassische Zeitung ersetzt und aus einer digitalen Perspektive ist Email die neue Homepage“, zitiert digiday den Marketingchef von Morning Brew, der in dem Text den staunenden Medienmachern erklärt, dass man allein mit Newslettern Geld verdienen kann. „Newsletter“, so sein Fazit, „sind der Schlüssel um ein Verhältnis zu den Leser*innen aufzubauen.“
Anlass für den Bericht waren aktuelle Zahlen, die die Marketing-Abteilung von Morning Brew veröffentlicht hatte: deren täglicher Wirtschaftsnewsletter, der aus einer Uni-Idee zweier Studenten entstand, kommt aktuell auf 1,8 Millionen Abonennten und will bis zum Ende des ersten Quartals 2020 auf zwei Millionen Abonennten kommen.

Das ist erstaunlich und taugt zu Meldungen über den Erfolg des eigentlich ja alten Mediums „Email“ (mein Liebesbrief an die Technologie steht hier). Richtig spannend sind diese Zahlen aber erst, wenn man der Frage nachgeht: Wo kommen sie her?

Die Antwort auf diese Frage legt das grundlegene Missverständnis des Journalismus offen: Ich bin sozialisiert mit der Haltung „gute Geschichten finden ihre Leser“. Daraus leiten manche Kolleg*innen die Annahme ab, dass guter Journalismus sich einzig auf gute Geschichten konzentrieren müsse und dann schon Erfolg haben wird. Dass die Kunst, Leser*innen zu gewinnen und zu begeistern ebenfalls eine journalistische Aufgabe ist, gerät dabei manchmal etwas aus dem Blick.

„Natürlich ist der Inhalt super wichtig“, erklärt Annemarie Dooling, die bei Vox Media (und jetzt beim Wall Street Journal) für Enagement über Newsletter zuständig war, in diesem Interview. „Aber es gibt diesen riesigen Bereich mit Dinge, an die niemand im Unternehmen dachte, weil sie zu technisch oder marketinglastig sind.“

Wie die Macher*innen von Morning Brew das gemacht haben, kann man in diesem Medium-Post nachlesen. Dort beschreibt Tyler Denk, Produktchef von Morning Brew, wie sie mit Hilfe eines „Leser werben Leser“-Programms neue Abonent*innen gewonnen haben. In der Sprache des Web nennt man dieses Empfehlungs-System „Referral-Marketing“ und beschreibt damit die Möglichkeiten, über Links, die man persönlich zuordnen kann, diejenigen zu identifizieren und zu belohnen, die viele neue Leser*innen angeworben haben. Wer dabei besonders erfolgreich war, hat Produktvorteile zum Beispiel bei Dropbox bekommen, konnte aber vor allem einen zusätzlichen exklusiven Sonntags-Newsletter bestellen. Das Referreal-Programm ist ziemlich ausgefeilt, es zeigt aber vor allem: Newsletter sind nicht nur ein Kommunikationstool um mit Leser*innen in Kontakt zu bleiben, Newsletter können auch Leser*innen zu Werbenden für den Inhalt machen:

It’s helped turn readers into evangelists and evangelists into walking advertisements. It’s the ultimate 1 + 1 = 3 scenario that makes all of our acquisition channels X times more effective.

Ich finde das aus einer journalistischen Perspektive äußerst spannend. Es öffnet den Blick auf die Möglichkeiten, die sich abseits des Inhalts ergeben, wenn man das vernetzte Umfeld des Internet ernst nimmt. Das möchte ich künftig etwas genauer verfolgen, deshalb habe ich die Domain briefingbriefing.de reserviert und sammle dort interessante Links und Interviews zum Thema Newsletter und Emails im journalistischen Kontext. Neuigkeiten auf der Seite verlinke ich hier im Blog – aber natürlich vor allem in meinem eigenen monatlichen Digitale-Notizen-Briefing.

Herzlich Willkommen …

… auf der Website von Dirk von Gehlen.

Ich bin Journalist, Autor und Vortragsredner (Foto oben: Shruggie-Vortrag auf der TEDx-Münster) Ich lebe in München – und im Internet. Bei der Süddeutschen Zeitung leite ich die Abteilung Social Media / Innovation und befasse mich mit der digitalen Transformation von Kultur, Gesellschaft und Unternehmen. Ich schreibe Bücher (gerade ist das Shruggie-Buch ¯\_(ツ)_/¯ „Das Pragmatismus-Prinzip“ erschienen), halte Vorträge und gebe Seminare. Auf dieser Seite können Sie meine Vita und Fotos einsehen.

Aktuell überlege ich, einen Heimat- und Brauchtumsverein für Menschen zu gründen, die im Internet Zuhause sind. Hier kann man sich dafür eintragen

Die Digitalen Notizen sind mein privates Weblog, in dem ich seit 2007 interessante Merkwürdigkeiten aus der Medienwelt notiere. Sie können mir auf Twitter folgen, meinen Newsletter abonnieren oder eine Mail an dirkvongehlen (at) gmail (punkt) com senden.

In Kategorie: DVG

Hey! My love letter to email

This post is written in english because Jason Fried and David Heinemeier Hansson announced the idea of Hey and asked to tell them how we feel about email. This is my answer.

It is easy to hate email.

Because it is so cheap to send emails, everybody is doing it. And because it is so easy to duplicate the content literally everybody is forwarding emails to everyone. If you look at the idea of email with an inbox of 424 unread messages you don’t see the idea email anymore. You see 424 unasked demands and it is nearly impossible to fall in love with email.

But the idea of email is so much more than 424 unread messages. The idea of email is the most concrete implementation of what you can call the internet-spirit. It is the magic of communication and connection with the world. Email reminds us that everything we today call „internet“ in the first place is about connecting computers, ideas und people. Nation, race, religion and all the stuff people tend to hold important for their identity does not matter when it comes to internet connection. The network is not interested in all this. It is interested in communication – no matter what kind of operation system you use, no matter how old or fancy your devices are. The pure fact that the Internet exists is the best proof for the value of human connection.

It is an ironic turn of fate that this network of connection today is used to polarize people. People with good and bad intention invert the idea of worldwide connection to promote their selfish interests. It is part of the ambiguity of the digital world that a great idea can lead to a less great outcome.

This is why people easily say: I hate the internet. Or: I hate email. But what they think to hate is not the idea of internet or email. They do not like the mis-use of the idea. And they are right. They do not like spam and hate speech, they do not like oversharing and phishing mails. But they forget to widen their view. They don’t see the big picture.

Email makes it easy to get back to the big picture.

Because it is so cheap to send emails, everybody is using it. And because it is so easy to use it everybody can understand the basic principle of email: there is no central station distributing your messages. You only need an @-adress and then you can connect. This is the magic and beauty of email: it works without all the Silicon-Valley-Buzz.

If you look at email from this perspective you can see 424 unread reminders of the greatness of the idea of email. 424 reminders that show us that we don’t need fancy group-chat when we can use a mailing list. 424 reminders to bring back the idea of RSS for example and emancipate ourselves from the power of the big platforms.

And this is why I like the idea of Hey.com to modernize the way we email today.

Additionally it reminds us that email is a great gift!

You can ask for an Hey-Invite by sending an email. And if you like to receive an email from me: this is my new international newsletter – is comes four times a year.

Shruggie des Monats: die Ziellosigkeit

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wer kein Ziel hat, darüber kann man schnell Einigkeit herstellen, wird auch nicht vorwärts kommen. Kein gut organisiertes Projekt wird von sich behaupten, ohne Ziele zu starten. Ziele haben allgemein ein so gutes Image, dass die Behauptung, man gehe ziellos durchs Leben sofort als schlecht angesehen wird (Foto: Unsplash).

Aber warum eigentlich? Sind Ziele vielleicht überbewertet? Diese Frage stellte ich mir als ich heute im unbedingt empfehlenswerten Newsletter von James Clear den Satz las:

If you want better results, then forget about setting goals. Focus on your system instead.

Clears These (aus seinem Buch „Atomic Habits“) lautet: Ziele sind wichtig um die Richtung vorzugehen, aber das System, in dem die Ziele gesetzt werden, ist viel bedeutsamer. Er illustriert das am Beispiel einer Sportmannschaft. Rhetorisch fragt er: Würde eine Sportmannschaft schlechtere Ergebnisse erzielen, wenn sie statt über Ziele zu sprechen, sich auf das System konzentriert, täglich zu trainieren und sich zu verbessern?

Mich erinnert diese Haltung an einen Text von Jason Fried, der 2016 mal bloggte: „Ich setze mir keine Ziele“. In dem Text erklärt er, welches Selbstbild ihn antreibt und er stellt dabei fest: Es hat nichts im Zielen im klassischen Sinn zu tun. Wörtlich schreibt er:

A goal is something that goes away when you hit it. Once you’ve reached it, it’s gone. You could always set another one, but I just don’t function in steps like that.

Der Shruggie findet Gefallen an dieser Idee. Denn die von ihm bevorzugte Ratlosigkeit verlangt ein offenes Verhältnis zu Zielen. Wer im Shruggie-Sinn ratlos durch die Welt geht, legt Wert auf das System und versteht das Ziel als Richtung. Im Pragmatismus-Prinzip illustriert er dies am Beispiel der Mittelorientierung aus der Gedankenwelt der Effectuation. Der Begriff geht auf die Professorin Saras Sarasvathy zurück, die ihn 2001 erstmals benutzte, um eine bestimmte, äußerst pragmatische Methode der Entscheidungsfindung zu beschreiben. Zentral steht dabei die Idee, die zur Verfügung stehenden Mittel zum Ausgangspunkt zu nehmen und nicht die weit entfernt liegenden Ziele.

Clear fasst dies so zusammen: „I’ve found that goals are good for planning your progress and systems are good for actually making progress.“ Und in diesem Sinn lobt der Shruggie die absichtliche (und natürlich etwas übertriebene) Ziellosigkeit, weil sie uns hilft, den Blick auf den Fortschritt zu lenken und nicht nur auf den Plan des Fortschritts.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

99 Smartphones: Simon Weckert über seinen #googlemapshacks

Der Berliner Künstler Simon Weckert sorgt gerade mit 99 Smartphones für Aufregung. Diese hat er in einen kleinen Anhänger gelegt und ist damit äußerst langsam durch eine Berliner Nebenstraße marschiert. Fürs menschliche Auge ist das nicht besonders ungewöhnlich, für Google schon: dessen Kartendienst sieht nämlich 99 äußerst langsame Smartphones. In der Welt von Google Maps heißt das: Stau. Simon Weckert nennt das Projekt #googlemapshacks und hat mir dazu per Mail ein paar Fragen geantwortet.

Stehst du oft im Stau und schaust dabei auf Google-Maps nach Alternative-Routen? Oder wie bist Du auf die Idee zu dem #googlemapshack gekommen?
Die Idee kam mir auf einer Demonstration, als ich mal einen Blick auf GoogleMaps geschaut habe. Dabei ist mir aufgefallen, dass z.B. zum 1en Mai in Berlin oder auch bei den Protesten in Hong Kong, die Straßen auf GoogleMaps mit extrem viel Stau angezeigt wurden.

Gerade haben wir jede Menge nostalgische Texte über die Schönheit des Verkehrsfunk gelesen, weil der Deutschlandfunk seine Verkehrsmeldungen im Radio abgeschafft hat. Findest Du Google-Maps ist eine gute Alternative zu klassischen Verkehrsnachrichten?

Ich würde eher eine dezentrale Variante bevorzugen und überlegen, ob sich nicht die Autohersteller zusammen tun können um ihre Daten, die sie während der Fahrt aufzeichnen mit der Community zu teilen, damit daraus neue spannende Projekte entstehen können wie z.B. eine OpenSource Platform für Verkehrsmeldungen.

Neben dem Traffic-Aspekt ist dein Kunstwerk auch deshalb so toll, weil es auf sehr schöne Weise Medienkompetenz vermittelt. Kannst Du mal erklären, wie Google die Daten aus deinen 99 Smartphones ausliest?

So wie bei jedem anderen Android Smartphone auch (für das Projekt wurde nur Google Andriod Smartphones verwendet) uploaden wir unser Daten, meist unbewusst. In meinem Fall ist die Geolocation der Daten von interesse, die über drei Verfahren ermittelt werden könne. Wifi, GPS, und Mobiledata (Triangulations berechnung). Somit ist es möglich den Standtort zu ermitteln.

Und wie schnell werden diese Informationen dann in Google-Maps angezeigt?
Am besten mal selber austeseten und sich den Verkehr anzeigen lassen. Man kann bei GoogleMaps sogar sehen, ob eine Ampel funktioniert oder nicht. In meinem Fall um die Straße wirklich komplett rot zu bekommen, habe ich 1-2 stunden an jeder Stelle verbracht und bin wie ein voll belandener Reisebus hin und her gefahren.

Hat sich schon jemand von Google bei Dir gemeldet? Oder gab es andere Reaktionen?
Nein noch nicht.

Kannst Du schon verraten, was dein nächstes Projekt sein wird?
Kommt im Laufe der Woche ;-)

Die Empörung der Anderen. So startest du deine private Entpörungs-Welle (Digitale Februar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Februar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Ich verstehe, dass du wütend bist. Du ärgerst dich, du bist empört. Empörung ist okay. Dieser Text will dir deine Empörung nicht ausreden. Schon gar nicht in dem konkreten Fall, der dich gerade empört. Es geht um etwas, das dir wichtig ist. Und warum solltest du dich dafür nicht einsetzen? Ich sage nicht, dass du dich abregen sollst. Ich sage nicht, dass es doch gar nicht so schlimm ist und ich sage vor allem auch nicht, dass du Unrecht hast (Foto: Unsplash)

Ich frage dich nur: Wem nützt deine Empörung eigentlich?

Bei mir ist es oft so, dass die Empörung mir selber hilft, wenn ich in eine unübersichtliche Situation komme. Wenn ich etwas nicht genau verstehe oder den Überblick nicht habe, dann ist die Empörung eine schnelle Hilfe: Sie bedient verlässlich das Muster von gut und böse. Die Empörung ist wie eine Kompassnadel, die immer in eine Richtung deutet: auf das Böse, das Falsche, das Ärgerliche. Das ist gut, denn dann bilde ich mir ein, wieder zu wissen, wie alles ist. Dann habe ich wieder Übersicht. Zumindest glaube ich das in diesem Moment der Empörung. Ich kann auf das Falsche zeigen, auf das, was ich anprangere. Das gibt mir nicht nur Orientierung, es bedeutet unausgesprochen natürlich auch immer: Ich stehe auf der richtigen Seite, bei den Guten, bei denen, die die richtigen Intentionen haben, das Richtige wollen.

Das müssen alle wissen. Deshalb spüre ich in der Empörung oft den Wunsch, meine Überzeugung allen mitzuteilen, sie auf Twitter, Facebook, WhatsApp zu posten. Es fühlt sich dann besonders gut an, diejenigen Beiträge zu teilen und zu liken, die meine Meinung bestätigen – und die Gegenseite runtermachen. Diese Deppen!

So funktioniert Empörung im Zeitalter der demokratisierten Publikationsmittel. Wir sind alle irgendwie Sender und wenn wir überfordert sind, ist uns allen die Empörung eine beliebte Kompassnadel. Deshalb posten nicht wenige Menschen ihre Wut ins Web – weshalb manche von Der Empörten Republik oder von einer Lust an der Empörung sprechen. Das ist nicht falsch, handelt aber häufig nur von der Empörung der Anderen. Und eine Empörung über die Empörung fühlt sich zwar richtig an, durchbricht aber nur selten das oben beschriebene Muster. Es bleibt das beruhigende Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.

Das ist – gesellschaftlich gesprochen – ein schönes und äußerst beliebtes Gefühl. Vielleicht ist es sogar noch populärer als die häufig gescholtenen Likes in sozialen Netzwerken, die angeblich Belohnungsstoffe im Gehirn ausschütten. Ärgerlicher Weise muss man aber sagen: Recht zu haben, ist keine Leistung. Denn so empört ich über die andere Seite auch sein mag: vermutlich ist man dort auch der Meinung, im Recht zu sein. Genau wie hier auf der vermeintlich guten Seite. Was im übrigen ein erstaunlicher Trugschluss ist. Denn die andere Seite denkt von sich ebenfalls, die besseren Intentionen zu haben. Man nennt dieses Phänomen „Motive attribution asymmetry“ und bei den Psychologen Adam Waytz, Liane Young und Jeremy Ginges kann man nachlesen, wie diese Verzerrung unser Denken steuert: Wir denken auf beiden Seiten, dass nur wir in guter Absicht handeln.

Wer wirklich einen Unterschied machen will, muss sich also mit dem Gedanken anfreunden, dass es nicht reicht, einfach nur recht zu haben. Ich muss anfangen, den Empörungskreislauf zu durchbrechen. Ich muss bei mir persönlich eine Entpörungs-Welle starten, nicht mit Blick auf andere, die man immer anprangern kann. Sondern bei mir selbst. Denn es stimmt auch hier, was der New York Times Kolumnist Farhad Manjoo in der Januar-Folge dieses Newsletters gesagt hat: „Die Lehre der vergangenen Dekade lautet, dass unsere privaten Entscheidungen über Technologie Geschäftsmodelle und Gesellschaften verändern können. Sie spielen eine Rolle.“

Deshalb hier sieben Fragen, die ich mir selber stelle, wenn die nächste Empörungswelle durchs Web rollt:

1. Warum werde ich aufgestachelt?

Menschen sind soziale Wesen. Erst in der Gruppe fühlen wir uns vollständig. Einsamkeit ist eine schlimme Bedrohung für unser Selbstwertgefühl. Das Internet macht es so leicht wie nie zuvor, die Teilhabe an einer Gruppe auszudrücken. Ich kann posten und like und zeigen, welcher Gruppe ich mich zugehörig fühle. Auf diese Weise kann ich meine Identität ausdrücken. Auf diese Weise kann ich mich abgrenzen. Darüber vergessen manche, dass auf der anderen Seite auch ein Mensch sitzt. Auch jemand, der seine Kinder liebt, ihnen ein gutes Leben wünscht und Sorgen und Ängste hat. Genau daran versuche ich mich zu erinnern, wenn ich mich das nächste Mal empöre: dass diejenigen, die anderer Meinung sind, echt doof sein mögen, aber eben auch Menschen sind. Ich versuche mir die Frage zu stellen, weshalb hier meine Empörung stimuliert wird, wer meine Wut anfacht und weshalb ich hier aufgestachelt und polarisiert werden soll. Ezra Klein hat ein Buch geschrieben, dass genau von dieser Gegnerschaft handelt, es heißt Why We’re Polarized.

2. Stimmt das denn?

Häufig wird die Polarisierung durch eine Zuspitzung von Zitaten erreicht. Ein Satz wird aus seinem Zusammenhang gerissen und wirkt dafür viel konfrontativer und empörender als er vielleicht gemeint war. Deshalb bemühe ich mich, einen Zusammenhang zu dem Zitat zu finden, das mir auf einer Textkarte ganz ohne Kontext gezeigt wird. Diese Karten haben nur ein Ziel: sie wollen verkürzen, zuspitzen. Dieser Kontext spielt aber ganz oft eine entscheidende Rolle. Das mache ich mir bewusst und gehe nicht dem Reflex nach sofort meine Widerspruch zu posten. Stattdessen frage ich erst: Stimmt das denn?

3. Und wenn das Gegenteil richtig wäre?

Natürlich bin ich überzeugt davon, dass ich auf der richtigen Seite stehe. Dennoch lohnt es sich, kurz die Frage zu stellen, ob nicht auch etwas für die andere Meinung spricht. In der Wissenschaft spricht man von Ambigutität, um zu beschreiben, dass es für manche Fragen keine einfachen Lösungen gibt, dass manchmal sogar beide Seiten Recht haben könnten. Ich versuche mir deshalb diese Frage zu stellen – um damit dem Rechnung zu tragen, was Wolf Lotter im österreichischen Standard schrieb: „Demokratie ist das Management von Vielfalt. Und das Gegenteil von total, alternativlos. Das wirkliche Leben ist sowohl als auch, nicht entweder oder.“

4. Geht es um Spektakelpolarisierung?

Weil das sowohl als auch kompliziert ist, versuchen manche Medien Fragen zu vereinfachen und auf ein banales entweder-oder zu reduzieren. Das spitzt zu und sorgt für Aufsehen. Der Kommunikationswissenschaftler Bernhard Poerksen spricht von Spektakelpolarisierung, also von einer Inszenierung von einfacher Gegnerschaft. Weil ich weiß, dass es oft nicht so simpel ist, bemühe ich mich, auf Spektakelpolarisierungen nicht hereinzufallen.

5. Worum geht es überhaupt?

In Internet-Debatten hat sich die Formulierung „off topic“ etabliert um Beiträge zu beschreiben, die sich nicht auf den Kern des Themas beziehen. Bei Spektakelpolarisierungen wird häufig ein „off topic“-Bereich zum Kern der Debatte erhoben, so dass es gar nicht mehr um das Thema (besseres Leben für xyz) geht, sondern darum, der Gegenseite zu beweisen, dass sie falsch liegt. Das ist vielleicht ein schönes rhetorisches Spiel für Debatten-Kurse, für eine Empörungswelle ist es völlig ungeeignet. Deshalb frage ich mich selber: Was ist eigentlich das höhere Ziel der Debatte? Dabei ist es sehr hilfreich, einer Person, die gar nichts mit dem Thema zu tun hat, zu erklären, worum gerade gestritten wird. Was sind die Argumente der Gegenseite? Wie stehe ich dazu? Wenn ich das nur im Kopf durchgehe, hilft dies meine destruktive Empörung etwas zu bremsen.

6. Würde ich das auch laut so sagen?

Egal ob in einer Empörungswelle oder nicht: Vor jedem Posting im Internet empfiehlt es sich, den Beitrag einmal laut sich selbst vorzulesen. Das hilft, peinliche Tippfehler zu finden und beantwortet die Frage: Würde ich das tatsächlich auch so aussprechen wenn mir ein Menschen gegenüber sitzen würde? Dieser kurze Moment des Innehaltens ist wichtig, er hilft daran zu denken, dass die Wut wichtig ist, aber nicht alles. Er ist eine gute Bremse, die schlimme Postings aus dem Affekt verhindert. Manche Webseiten haben deshalb automatische Sperren eingebaut, die ein Posting erst nach ein paar Augenblicken ermöglichen. Ich nutze diesen Augenblick um mich zu fragen, wie ich in einem Jahr auf die aktuelle Aufregung blicken werde. Ist mir die Empörung dann immer noch so wichtig, wie jetzt gerade im Eifer des Gefechts?

7. Bin ich ein Mensch?

Wenn ich nach allem Nachdenken dennoch der Meinung bin, etwas posten zu müssen, achte ich darauf, niemanden persönlich zu beleiden. Ich akzeptiere selbst diejenigen, deren Meinung ist für falsch halte, als Menschen. Mir ist bewusst, dass Gewaltandrohungen und Beleidigungen ganz schlechter Stil sind – und strafrechtliche Konsequenzen haben. Deshalb unterlasse ich sie – selbst wenn ich total davon überzeugt bin, im Recht zu sein. Denn selbst absolute Rechthaber*innen haben nicht das Recht, andere zu bedrohen. Bei so genannten Capcha-Abfragen muss man nachweisen, dass man kein Roboter ist, bei Empörungswellen kann man das auch tun: indem man sich wie ein Mensch verhält.

Mehr zum Thema hier im Blog: Freiheit zum Andersdenken, Fünf Fitness-Übungen für Demokratie sowie Social-Media-Gelassenheit

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Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in diesem sind zuletzt u.a. erschienen: „Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020), „Zwölf Dinge, die erfolgreiche Tiktokter tun“ (Dezember 2019), „Fallen Sie nicht nochmal auf Claas Relotius rein“ (November 2019) „Bewahren vs. Gestalten“ (Mai 2019), 70 Jahre Grundgesetz (April 2019) „Warum die Urheberrechtsdebatte ein Fortschritt ist (März 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“, „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016)

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Lob der Kopie: Kanadische Band erfindet ein neues Album der Band „Greenday“

Die Brüder Braedon und Riley Horbacio und ihr Kumpel Ian Willmer sind Fans der Band Greenday. Die drei stammen aus Winnipeg (Kanada) und hatten eine originelle Idee: Sie kopieren Greenday – aber mit Songs, die es noch gar nicht gibt. Die Seite Ladbible nennt es einen Prank und hat dem Video, das schon seit Dezember im Netz steht, nochmal einen viralen Schub gegeben. Über den Newsletter von Johnny Haeusler ist der Clip dann auch bei mir gelandet und ich schließe mich Johnnnys Urteil an, der schreibt: „Inzwischen nennt die Band das Ganze “A Green Day Fan Fiction”, und ich finde das alles sehr schön.“

Ich würde sogar noch weiter gehen, denn die Aktion ist nicht nur schön, es handelt sich um eine herausragende Kunstaktion, die uns eine Menge über den Zauber der digitalen Kopie und den Wert von Meta-Daten erzählt. Denn Panicland (so heißt die Band der drei Jungs) zeigen mit diesem vermeintlich geleakten Album wie sehr Kunst davon abhängt, wie auf sie reagiert wird. Die besondere Kraft dieser Aktion erwächst nämlich daraus, dass die drei Greenday so gut imitieren, dass die Fans tatsächlich glauben, Magnum Opus of the Inglorious Kind sei ein neues Album der Band Greenday. In meinem Buch „Mashup – Lob der Kopie“ komme ich genau wegen solcher Aktionen zu dem Schluss:

Was wir für ein Original halten, hat mindestens ebenso viel mit dem Prozess der Entstehung und seinem oder seinen Schöpfern zu tun wie mit dem Prozess der Rezeption und Einordnung. Die Konstruktion des Originals gelingt also nur, wenn es auch Rezipienten gibt, die es als ein solches wahrnehmen wollen. Ich pläddiere deshalb dafür, mit der Vorstellung vom objektiv genialen Kunstwerk zu brechen. Originalität, Kreativität und vielleicht sogar Genialität entstehen immer im Auge des Betrachters. Es sind Prozesse der Zuschreibung, über die diese Begrifflichkeiten konstruiert werden. Ich halte diese drei Aspekte für zentral, um den Begriff des Originals neu zu verstehen: Dieses ist kein binär zu unterscheidendes solitäres Werk (1), sondern ein in Bezüge und Referenzen verstrickter Prozess (2), und seine skalierte Originalität beruht immer auf Zuschreibungen und Konstruktionen (3), die man mit ihm verbinden will. Ich halte diese veränderte Herangehensweise nicht nur aus intellektuellen oder künstlerischen Gründen für notwendig, sondern aus politischen. Denn mit Matt Mason verstehe ich das Mashup als politisches Instrument, als Form von „ultimativer Demokratie, offen für unbegrenzte Kritik, Neu-Interpretationen und Weiterentwicklung“.

Oder anders formuliert: Es geht um die Frage, wie ein zeitgemäßges Urheberrecht aussehen kann, das mit der Kopie arbeitet nicht gegen sie.

Wir haben kein sind das Problem

Jürgen von der Lippe hat Max Goldt zitiert. Das ist ein wenig untergegangen. Denn in erster Linie hat der „große Freund der guten Manieren“ (von der Lippe über von der Lippe) festgestellt, was „die Leute“ angeblich so wollen. Und da hat der Hawai-Hemd-Experte rausgefunden, dass „die Leute“ es satt haben erzogen zu werden und dass „die Leute“ Greta satt haben. (Foto: Google-Suche) Daraus hat das Hamburger Abendblatt eine Überschrift gebastelt und darunter von der Lippe sagen lassen: „Der alte weiße Mann ist eine dreifache Diskriminierung – wegen der Hautfarbe, des Alters und wegen des Geschlechts.“ Statt ihn auf strukturelle Vorteile und Privilegien anzusprechen, lässt das Abendblatt ihn dann zum Abschluss Max Goldt zitieren. Mit einem Satz, den ich erstaunlich finde. Im Interview heißt es:

Max Goldt hat mal gesagt: Wenn die Kritik an Zuständen mehr nervt als die Zustände selber, dann muss man aufpassen, und so weit sind wir gerade.

Erstaunlich finde ich den Satz aus zwei Gründen:

1. Bin ich sehr unsicher, ob das Zitat so tatsächlich von Max Goldt stammen kann. Es erscheint mir nicht nur sprachlich nicht dem Goldt-Werk zu entsprechen*. Denn

2. Ist genau diese Haltung, die in dem Zitat formuliert ist, Ausdruck einer äußerst privilegierten Sicht auf die Welt. Wen nervt die Kritik an den Zuständen mehr als die Zustände selber? Genau: diejenigen, die mit den Zuständen eher einverstanden sind. Deshalb müsste das Zitat eigentlich heißt

Wenn die Kritik an den Zuständen mehr nervt als die Zustände selber, dann geht es dir vermutlich ziemlich gut. Es wäre ein schöner Zeitpunkt, mal deine Privilegien zu überprüfen.

Wäre schön gewesen, wenn Jürgen von der Lippe das gemeint hätte mit „dann muss man aufpassen“ – das würde sogar sprachlich passen…

*P.S.: Falls das Zitat tatsächlich von Max Goldt stammt, freue ich mich über Hinweise auf die Fundstelle und den Kontext. Falls nicht, könnte vielleicht jemand Max Goldt informieren…