Das Ende der Schlusskonferenz (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Seit ich mich für Fußball interessiere, höre ich die Bundesliga-Schlusskonferenz im Radio. Die Art, wie live, aber einzig akustisch aus Stadien berichtet wird, fasziniert mich – auch und gerade in Zeiten von Live-Tickern und TV-Streams. Alle Vorteile des Mediums Radio sind in der Live-Übertragung vom Fußball gebündelt. Aber eben weil ich davon begeistert bin, habe ich mich in dieser Saison von der Bundesliga-Schlusskonferenz im öffentlich-rechtlichen Radio verabschiedet. Das ist traurig (weil ich Radio-, Fußball- und Öffentlich-Rechtlicher-Rundfunk-Fan bin), aber auch bemerkenswert, so sehr, dass ich die abgelaufene Spielzeit festhalten muss – als die Saison, in der die Schlusskonferenz für mich zuende ging (dass dieses Ende mit dem Abstieg eines anderen Dinos einher geht, ist vermutlich eher Zufall).

Aus Gründen, die ich nicht einordnen kann, berichten die ARD-Radiosender, die die Schlusskonferenz übertragen, lediglich die letzten zwanzig Minuten kontinuierlich aus den Stadien. Den weit überwiegenden Teil des Spiels übertragen sie nicht. Sie schalten dann und wann mal zu einem Verein, aber eine durchgängige Berichterstattung bieten sie bei Bundesliga-Spielen nicht. Das ist schade, aber es gibt bestimmt Menschen, die darin eine Tradition sehen. Denn so war es ja schon immer – auch in dieser Saison.

Dass ich mich in dieser Spielzeit dennoch von der ARD-Schlusskonferenz verabschiedete, liegt höchstens indirekt am öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dessen Schlusskonferenz ist weiterhin toll, aber in dieser Saison habe ich etwas entdeckt, was (für mich) noch toller ist: das ganze Spiel! Das klingt nicht sonderlich innovativ, aber aus Perspektive der Schlusskonferenz ist es ein Innovations-Durchbruch: Man kann nicht nur die letzten 20 Minuten in Konferenz übertragen, sondern das ganze Spiel! Internet-Radios machen das schon seit einer Weile, und wenn man den Satz von Radiomachern hört, schwingt darin immer einer gewisse Geringschätzung mit: Ganz so als seien „Internet-Radios“ (siehe dazu die Digitalen April-Notizen) keine echten, vollwertigen Radios.

Vielleicht war das früher mal so, in dieser Saison jedenfalls habe ich davon nichts gemerkt. Im Gegenteil: Als ich irgendwann zu Beginn der Saison (die Älteren erinnern sich: Dortmung legte fulminant los, die Bayern dümpelten vor sich hin) in diesem Internet-Radio erkannte, welcher Zauber in 90 Minuten Konferenz liegt, starb die Schlusskonferenz für mich. Denn obwohl ich mir aus öffentlich-rechtlicher Verbundenheit (allein zu den gewohnten Stimmen) stets vornahm, zur Schlussphase auf einen der ARD-Sender zu wechseln: ich vergass es jedes Mal und blieb im Internet-Radio.

Es machte Spaß. Ich hörte 90 Minuten am Stück Konferenz-Fußball, beim Joggen (manchmal), beim Aufräumen (selten) oder einfach nur so (meistens). Das Problem mit der Bandbreite, das ich vor ein paar Jahren außerhalb des Wlans noch hatte, gab es nicht mehr und aus der Schlusskonferenz wurde die Spielkonferenz. Denn im Stream gab es neben dem immer gleichen Hinweis auf den Anbieter keine Werbeunterbrechung, keine Gewinnspiele oder gesponsorte Tipp-Aktionen: es gab einfach nur Fußball im Stream. (zum Thema „Sorgen machen“ könnte man übrigens mal „Heute im Stadion“ im BR mit den Ohren eines Kindes hören. Dort wird jedes, jedes, jedes Mal für Schnaps geworben – „dank Ihrer Gebühren“)

Natürlich hat der Anbieter nicht nur die Konferenz im Programm. Vor allem bietet er: Einzelspiele im Audio-Stream. So hatte er mich gekriegt – mit dem Angebot, die Spiele des VfL Bochum (und, ja, auch die anderen unwichtigeren Begegnungen) in voller Länge anhören zu können. Das ist ein sehr einfaches, aber sehr tolles Angebot.

Legt man dieses Angebot neben das gelernte Modell der ARD-Schlusskonferenz ist man mittendrin in dem Wandel, den ich als „Ende des Durchschnitts“ beschrieben habe. Und dieser Wandel ist auch der Grund, der mich dazu bringt, so ausführlich über meinen Fußball-Konsum nachzudenken (nebenbei: das Verhältnis zwischen Sport-Machen und Sport-Konsumieren scheint ein Hebel zur Zufriedenheit zu sein). Denn natürlich könnte dieser Wandel auch vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgehen. Die ARD-Sender bestimmen seit Jahren den Markt der Fußball-Übertragungen, sie sind Profis, besitzen starke Marken und tollen Inhalt – und doch haben sie zumindest mich in dieser Spielzeit verloren.

Das ist schade, denn ich mag den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ich würde gerne Sport-Übertragungen meines Vereins in voller Länge bei einem der ARD-Sender anhören. Auch ein Verlinken des Streams in der Sportschau-App würde mir gefallen. Ich hätte gerne eine Spielkonferenz der öffentlich-rechtlichen Sendern, die 90 Minuten lang dauert. Ich würde mir wünschen, dass sie diese Entwicklungen selber vorantreiben und es nicht fremden Marken überlassen, hier besser Angebote zu entwickeln. Denn der Grund für meinen Abschied von der Schlusskonferenz hat einen Namen: Amazon. Die Firma, die mal als Buchversand begann, gestaltet gerade die Welt nach dem Ende des Durchschnitts – und lässt die traditionsreiche Schlusskonferenz dabei irgendwie alt aussehen. Das ist einerseits sehr schade, aber eben auch sehr schön.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Altland“ (April 2018) „#smarterphone“ (März 2018) „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Shruggie des Monats: Die Plattform Startnext

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree sowie den Traditionshasen beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. ¯\_(ツ)_/¯

Diesen Monat – aus aktuellem Anlass – die Plattform Startnext.


Ich bin ein Fan. Wer hier einen objektiven Text über die Crowdfunding-Plattform „Startnext“ erwartet, sollte deshalb am besten gar nicht weiterlesen. Denn ich mag die Idee und die Art wie die Macherinnen und Macher von Startnext seit Jahren Crowdfunding in Deutschland machen. Dass sie dabei kontinuierlich erfolgreich sind und den deutschsprachigen Markt bestimmen (obwohl viele dachten, Kickstarter werde alles übernehmen), ist ein weiterer Grund für mein Fantum, das aber auch einen sehr persönlichen Auslöser hat.

Als ich im Herbst 2012 mit meinem Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“ auf Startnext experimentierte, bescherte mir die Plattform einen der schönsten Arbeitstage meines Berufslebens. Ich hatte gefragt: Kann man ein Buch verkaufen, von dem noch nicht eine Zeile geschrieben ist? Und im Laufe des Tages gaben mir immer mehr Leserinnen und Leser eine Antwort. Sie kauften dieses Buch, das nach klassischen Kriterien noch gar nicht existierte und schenkten mir damit eine Form der Motivation, die so nur durch das Internet und Startnext möglich ist: „Wir wollten das lesen“, sagten sie und hinterlegten diese Aufforderung sogar mit Geld.

Wer diese grundlegende Transformation der Content-Produktion nur aus finanzieller Sicht betrachtet, übersieht dabei den entscheidenden kulturellen Faktor, den ich inhaltlich wie formal in dem Buch beschrieben habe, das am Ende des Prozesses stand.

Dass ich Startnext heute aber als Shruggie des Monats erwähne und damit als Angebot, in dem viele Ideen aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erkennbar werden, liegt nicht an dem Erfolg. Es liegt an der Unsicherheit, die ich spüre, seit Yannic und ich vor ein paar Tagen eine neue Frage auf Startnext gestellt haben. Sie lautet: Kann man in diesen flüchtigen Zeiten Menschen für ein Zehn-Jahres-Abo begeistern? So lange wollen wir Hörerinnen und Hörern den Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ liefern, in einem Angebot, das wir etwas großspurig als das vermutlich längste Podcast-Abo der Welt genannt haben.

Ich weiß nicht, ob das viele Menschen interessiert. Ich weiß nicht, ob wir damit so viel Geld zusammenkriegen, um zumindest Yannics Arbeitszeit zu bezahlen. Ich weiß aber, dass genau der Reiz der Plattform Startnext ist. Sie ist das Website gewordene Gefühl von Unsicherheit. Das Projekt kann scheitern, öffentlich und sichtbar. Das wäre einerseits nicht schön, das ist aber andererseits warum ich mich für Crowdfunding begeistern kann. Weil Menschen sich diesem Gefühl des Scheiterns aussetzen. In dem kleinen Crowdfunding-Ratgeber, den ich mal schrieb, fasste ich diese Bereitschaft zum Nicht-Gelingen in dem halben Punkt zusammen, der in den 22,5 Schritten zum erfolgreichen Crowdfunding steckt.

„Wir alle strahlen gern Selbstsicherheit aus“, hat der niederländische Autor Erik Kessels mal geschrieben. „Wir glauben, dass wir Selbstsicherheit ausstrahlen müssen. Wir halten sie für eine Voraussetzung für Erfolg. Aber wenn es um Kreativität geht, ist in Wahrheit die Unsicherheit entscheidend.“ Ich glaube, dass er damit richtigliegt. Deshalb habe ich das Lob der Ratlosigkeit geschrieben und den Shruggie zum Titelheld des Buches und der zugrundeliegenden Haltung erhoben. Und deshalb bin ich Fan von Startnext.

Denn der direkte Kontakt zu den Leserinnen und Kunden macht nicht nur den Reiz aus, er ist auch die Grundlage für den kreativen Prozess, in dem wir stecken, wenn wir einen Text schreiben, einen Podcast aufnehmen oder ein kulturelles Werk erstellen wollen. Wenn wir Startnext genau in diesem Sinne einsetzen, können wir damit scheitern und Ideen sterben sehen – wir können dabei auch eine ganze Menge lernen: zunächst mal über uns selber, über unsere Erwartungen und unsere Selbstwahrnehmung. Aber natürlich lernen wir auch in Bezug auf die Idee hinzu. Haben wir sie gut genug erklärt? Ist sie tatsächlich schon so gut wie wir vorher glaubten? Wo können wir sie verbessern?

Genau deshalb ist Startnext für mich mehr als eine Plattform für Vorabbestellungen. Genau deshalb bin ich Fan – unabhängig davon, ob das Shruggie-Crowdfunding am Ende gelingt oder nicht.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf, der dieser Tage passender Weise auf Startnext in das längste Podcast-Abo der Welt gestartet ist: Hier kann man es unterstützen

Der längste Podcast der Welt (Was würde der Shruggie tun? 008 mit Crowdfunding)

Was würde der Shruggie tun? – Antworten vom sprechenden Emoticon aus „Das Pragmatismus-Prinzip“ ist ein Podcast mit Yannic Hannebohn und Dirk von Gehlen, der gerade auf Startnext ein Zehn-Jahres-Projekt begonnen hat

Lange nichts gehört. Doch da sind wir endlich wieder! Yannic war im Urlaub und gemeinsam hatten wir eine Idee: Wir beginnen auf Startnext das längste Podcast-Abo der Welt. Zehn Jahre lang machen wir jedes Jahre ein Folge „Was würde der Shruggie tun?“ – wenn Ihr das wollt.

Denn das ist ja die Idee von Crowdfunding: Menschen können mithelfen, Projekte möglich zu machen (wer Hintergründe zu meiner Crowdfunding-Erfahrung sucht: 2012 habe ich mal ein Buch mit Startnext geschrieben) – und ihr könnt jetzt mithelfen, den Shruggie zehn Jahre lang zu hören!

Alle Details dazu erzählen wir in dieser Podcast-Folge, die keine Hörerfragen beantwortet, sondern nur die Frage „Was würde Yannic tun?“ – in der Antwort erfahren wir viel über Trampen und über alte deutsche Nationalspieler. Hier kann man die Folge anhören

… und hier gibt es alle bisherigen Folgen zum Nachhören:

… die Teaserfolge „Bei Anruf ratlos“,
… die erste reguläre Folge „Heimspiel am Tisch Pragma“
… die zweite reguläre Folge „Getting Ambiguitätstoleranz With It“
… die dritte reguläre Folge „Rückruf vom Smiley
… die vierte reguläre Folge „Jetzt rufen wir mal an!
… die fünfte reguläre Folge „Bringt bitte Gold mit!
… die Live-Folge aus dem Lovelace in München „Live und Love“
… die Startnext-Ankündigungs-Folge

Shownotes:
> Die Live-Folge aus dem Lovelace in München steht hier – und hier gibt es ein paar Eindrücke
> Eindrücke von Yannics Urlaub gibt es auf seiner Instagram-Seite
> Das Emoji zum Trampen
> Ein Bild von der republica
> Am 21. Juni ist Sommeranfang – und das Finale des Crowdfundings auf Startnext
> Bonus-Info zu Julius (der schon in Folge 05 aufgetreten ist): am 20. Juni nehmen wir eine Live-Folge im ZweiDreiRaum in Kreuzberg (Berlin) auf!

loading: Grämsens „Requiem“ auf Vinyl

Grämsn kommt aus dem niederbayerischen Hengersberg – und das hört man auch. Er bezeichnet sich selber als Mundartrapper. Gerade ist sein Album „Requiem“ erschienen – dazu hat er jetzt auf Startnext ein Crowdfunding gestartet, um das Album auch auf Vinyl pressen zu lassen.

Grämsn (mit dem ich persönlich bekannt bin) hat dazu den loading-Fragebogen beantwortet.

Was machst du?
Ich betreibe ein kleines Independent-Label mit Veröffentlichungen aus dem Rap/HipHop-Bereich und Artverwandtes. Neben befreundeten Künstlern release ich dort auch meine eigene Musik und würde mein aktuelles Album neben der digitalen Veröffentlichung bei Spotify & Co. zusätzlich gerne auf Vinyl pressen lassen.

Warum machst du es (so)?
Weil sich mein Umfeld und ich jetzt so oft und ausgiebig über Crowdfunding und die Vor-, und Nachteile unterhalten haben, dass ich einfach neugierig bin, ob und wie das für mich als Künstler funktionieren kann. Nüchtern betrachtet könnte man natürlich sagen, dass es nichts anderes als eine Pre-Order ist – aber ich seh das etwas romantischer: Ich steh gerne mit meinen Fans und Freunden in Kontakt, bin in den sozialen Medien recht aktiv und jetzt haben wir für die nächsten 3 Monate eine gemeinsame Story. Ich denke, das wird spannend.

Wer soll sich dafür interessieren?
Das wird von Schritt zu Schritt spezieller: Musikfans im Allgemeinen, Fans von Rap-Musik im Besonderen, Interessierte an Dialekt-Rap im Speziellen und meine bisherigen Fans sowieso. Mit meinem Album „Requiem“ bin ich einen für mich ganz neuen Weg gegangen, hab viele neue Sachen probiert und wusste nicht, ob das alles überhaupt Sinn macht. Aber das bisherige Feedback von Freunden, alten Bekannten und neuen Fans ist sehr positiv und motivierend also kann’s so falsch nicht gewesen sein.

Wie geht es weiter?
Die Finanzierungsphase läuft bis Ende Juni und sollten die 3.000 Euro zusammen kommen, dann geht es danach direkt an’s Pressen der Vinyl. Wir haben uns drei verschiedene Pakete überlegt, das Deluxe-Bundle umfasst die Scheibe, Postkarten, Sticker und ein Shirt. Das alles muss natürlich mit vorbereitet werden, darauf und auf den Moment, wenn die Scheiben alle eintrudeln (würden) freue ich mich schon besonders.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Dass es Rap in so vielen verschiedenen Facetten gibt und die harte Variante, die jetzt überall in der Presse ist, nicht im geringsten die enorme Vielfalt wiedergibt, die unsere Szene und die HipHop-Kultur eigentlich ausmacht. Andere Genres teilen dieses Schicksal zwar hin und wieder, trotzdem würde ich mir für Rap im deutschsprachigen Raum oft etwas mehr Offenheit und Selbstverständlichkeit wünschen, ähnlich wie wir es in Frankreich und England sehen. Dann wäre man vielleicht auch als Dialektrapper irgendwann kein Exot mehr ;-)


>> Hier kann man Requiem auf Vinyl bestellen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:

Altland – eigentlich sollten wir online sein (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

„Nur noch“ – zwei Worte stechen heraus aus dem angekündigten Abschied des Heftes Neon, der in diesem Monat beschlossen wurde. Am 18. Juni erscheint die letzte Ausgabe des Magazins, das vor 15 Jahren von Menschen gegründet wurde, mit denen ich persönlich gut bekannt bin. Erfahren habe ich das aus einem Text, der die beide Worte in der Überschrift trägt: „NEON erscheint ab Sommer nur noch digital“ steht über dem offenen Brief der Chefredakteurin, der auf der Website stern.de veröffentlicht wurde – im April 2018.

Ich habe dieses „nur noch“ selber schon einmal in einem sehr vergleichbaren Zusammenhang gehört. Die damals verantwortlichen Geschäftsführer der SZ sagten „nur noch“ als sie das gedruckte jetzt-Magazin einstellten und uns online weitermachen ließen. Ich vedanke dem „nur noch online“ meinen Job – und in der Folge meine Haltung zur digitalen Welt. Es war eine Zeit weit vor Facebook und Twitter, in der online vielen Menschen tatsächlich als wertlose, kleine Schwester galt. Ich habe das damals schon nicht richtig verstanden, aber es ist 16 Jahre her – und wir fingen anschließend erst an zu verstehen, was online möglich ist.

Sechszehn Jahre!

Dass 16 Jahre später ausgerechnet im Umfeld von Neon die beiden Worte wieder auftauchen, schockiert mich fast mehr als der Inhalt der Meldung und das damit verbundene Schicksal der zum Teil sehr guten Kolleg*innen, die dort gearbeitet haben (und denen ich alles Gute wünsche). Ich habe mich vor 16 Jahre in diese vermeintlich wertlose, kleine Schwester verliebt – ich bin also keinesfalls objektiv, wenn ich die Meldung so lese: Die Chefredakteurin begründet das Aus für das Heft mit dem Worten „Die heute 20-Jährigen haben neue Lebensbegleiter gefunden“ und überschreibt diese Erklärung mit „nur noch digital“.
Auf Twitter würde man vermutlich den Hashtag #merksteselbst ergänzen… (Foto: Austin Chan/Unsplash)

Ich will mir kein Urteil über die Lebenswelt der heute 20-Jährigen erlauben, ich ahne aber, dass man lange suchen muss, um jemanden in diesem Alter zu finden, der oder die denkt: „Spotify ist schon okay, aber die Musik dort ist leider nur noch digital.“ Auch diesen Satz hört man vermutlich kaum: „Instagram ist ja ganz schön, aber leider nur digital.“ Anders formuliert: Ich kann mir vieles vorstellen aber sicher nicht, dass die heute 20-Jährigen online als kleine, wertlose Schwester von einem undefinierten besseren Früher wahrnehmen.

Eben weil das Digitale derart selbstverständlicher Bestandteil der Welt geworden ist, sind die beiden Worte so verräterrisch – und zwar im doppelten Sinne. Sie beweisen einerseits, dass man online noch immer für klein und wertlos hält – und somit keinen Draht zu denen hat, die sich dort Zuhause fühlen. Und sie zeigen zum zweiten, dass man nicht daran glaubt, dass in dieser wertlosen, kleinen Welt irgendwas Gutes entstehen kann (was bei dem, was dort derzeit gemacht wird, auch verwundern würde). Das ist nicht nur mit Blick auf die ursprüngliche Idee von Neon schade, es ist vielleicht auch ein Hinweis darauf, warum hierzulande noch immer vom Neuland gesprochen wird – ganz so als sei Altland irgendwie interessanter.

Aber vielleicht muss man es genauso wenden. Denn wer sagt, dass etwas „nur noch digital“ stattfindet, legt damit ja ein erstaunliches Lebensgefühl offen, das vielleicht sogar als Blaupause für eine Art von Lebenswelt-Journalismus taugt, von dem man dachte, dass seine Zeit vorbei ist: Man könnte daraus ein Heft entwickeln für Menschen, die zwar ahnen, dass das mit dem Internet unausweichlich ist, aber trotzdem keine Lust drauf haben. Ich habe auch schon eine Idee für Titel und Slogan: „Altland – eigentlich sollten wir online sein.“


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „#smarterphone“ (März 2018) „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Fürsprache fürs Internet: Isidor von Sevilla als Patron des Internets

Als ich im Frühjahr für die „Gebrauchsanweisung für das Internet“ recherchierte (erscheint im Herbst bei Piper), stieß ich auch auf die Frage: Gibt es einen Schutzpatron für das Internet? Weil ich selber nicht katholisch bin, halfen mir dabei die Erklärungen von Felix Neumann sehr weiter, der Redakteur bei katholisch.de ist. Anfang des Monats hat Felix mit einigen Mitstreitern eine Aktion gestartet, um Isidor von Sevilla zum Schutzpatron für das Internet zu machen. Ich habe ihm dazu ein paar Fragen gestellt – natürlich via Internet, im Chat.

Für alle, die nicht vertraut sind mit dem Konzept von Heiligen: Worum gehts dabei? Wofür braucht man die?
Heilige sind nach katholischem Verständnis Menschen, die nach ihrem Tod jetzt schon in der Gegenwart Gottes sind. In der katholischen Kirche werden sie nicht „angebetet“ (das wird nur Gott), sondern „um Fürsprache gebeten“: Weil Heilige schon bei Gott sind, können sie sich für die Menschen einsetzen. Daher kommt auch die Tradition von Schutzpatronen: Heilige, denen eine bestimmte Nähe zu einem Thema, einem Schicksal, einer Berufsgruppe nachgesagt wird, und die man deshalb im Gebet um Hilfe bittet.

Wer bestimmt diese Heiligen?
Heute gibt es einen recht festgefügten Prozess, es gibt kirchliche Verfahrensregeln dazu und eine eigene Behörde: Die „Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse“ im Vatikan. Am Ende entscheidet der Papst, wer in der Kirche als heilig gilt. Für die Vergabe der Patronate gibt es keinen so festgefügten Prozess. Viele Heilige werden seit alters her traditionell in bestimmten Fällen angerufen, in der neueren Kirchengeschichte bestimmt der Papst gelegentlich explizit, welcher Heilige welches Patronat hat. So hat Papst Pius XI. beispielsweise den heiligen Franz von Sales zum Patron der Journalisten ernannt. Viele Heilige werden aber auch von den Gläubigen quasi adoptiert: So einer ist Isidor von Sevilla als Patron des Internets. Da fehlt nämlich noch eine offizielle Ernennung aus Rom, aber seit gut 20 Jahren wird Isidor von vielen gläubigen Internet-Nutzern als Patron genommen.

Warum Isidor? Was hat er mit dem Internet zu tun?
Isidor lebte von 560–636, also an der Schwelle zwischen Antike und Mittelalter. Für die Kirche gilt er als letzter der Kirchenväter des Westens, also der großen Theologen der frühen Kirche. Er war nicht nur Bischof von Sevilla, sondern auch ein großer Gelehrter: In seiner zwanzigbändigen Enzyklopädie, den „Etymologiae“, hatte er das Wissen seiner Zeit gesammelt und bewahrt. Seine Werke dienten noch Jahrhunderte als Grundlage für die Theologenausbildung. So wie Isidor sammelt heute das Internet das Wissen der Welt. (Isidor lag auch ziemlich oft daneben – er war zwar eine Art Ein-Mann-Wikipedia, aber ohne Community bleiben viele Fehler unentdeckt. Übrigens ist bei Wikimedia in Berlin auch ein Konferenzraum nach ihm benannt.) Die Idee, ihn zum Patron des Internets zu machen, konnte ich bis nach Spanien ins Jahr 1999 zurückverfolgen: Damals hat ein katholischer Thinktank, der sich mit Netzthemen beschäftigte, ihn ins Spiel gebracht. Den Thinktank gibt es heute nicht mehr, die Idee wurde aber begeistert aufgenommen.

Allerdings noch nicht vom Papst. Das Patronat ist noch nicht offiziell…
Genau. Es soll wohl fast schon einmal so weit gekommen sein: 2002 hat der Päpstliche Rat für die sozialen Kommunikationsmittel zwei Dokumente veröffentlicht, Kirche und Internet und Ethik im Internet). Damals wurde wohl schon im Vatikan darüber geredet, es offiziell zu machen – aber das wurde nicht gemacht, kein Papst hat sich je dazu geäußert. (ich habe auch schon mal drüber gebloggt)

Jetzt habt Ihr einen neuen Anlauf unternommen. Mit einem Bild von Isidor und einem Internet-Gebet. Wie ist das entstanden?
Letztes Jahr gab es bei der re:publica erstmals Veranstaltungen, die sich mit christlichen Themen befasst haben: Einmal eine Session zum Thema Netzpolitik und katholische Soziallehre, und dann das „Netzgemeindefest“, ein Meetup für Christinnen und Christen. Das hat einige dort doch etwas gewundert, und anscheinend ist „Wer ist eigentlich Patron des Internets?“ eine naheliegende Frage: Das haben mich nämlich einige gefragt. Ich hatte damals schon einen Artikel auf katholisch.de dazu veröffentlicht, und irgendwann hatten wir dann die Idee, dass es doch super wäre, wenn wir Heiligenbilder von Isidor als Patron des Internets hätten. Heiligenbilder sind eine sehr klassische, fast schon altmodische katholische Tradition – den Gegensatz fanden wir interessant, daher haben wir es dann verwirklicht. Dazu kommt noch eine eigene Landingpage, quasi als Online-Isidor-Kapelle, mit Gebeten fürs Internet und der Isidor-Biographie. Unsere Hoffnung ist jetzt, dass der Papst die Sache neu angeht und Isidor auch offiziell „beauftragt“. Daher haben wir auch ein Heiligenbild in den Vatikan geschickt – bisher leider noch ohne Antwort.

Woher stammt das Motiv?
Von @tonyrezk, ein koptischer Christ aus den USA. Er ist Grafikdesigner und zeichnet Ikonen im klassischen koptischen Stil, allerdings digital. Wir sind auf ihn aus einem traurigen Anlass aufmerksam geworden: 2015 hat der „IS“ in Libyen 21 koptische Christen enthauptet und den Mord als Propagandavideo veröffentlicht. Rezk hat daraufhin eine Ikone von diesen 21 gezeichnet, die von der koptischen Kirche als Märtyrer verehrt werden. (Die Ikone ist an seinem Profil angepinnt.) Diese Ikone ist sehr schnell viral gegangen; schließlich hat Rezk sie auch dem Papst überreicht. Daher kannten wir auch Rezk, und als die Idee mit unserem Heiligenbild entstand, war klar, dass wir Rezk anfragen. Sein Stil passt zu uns, wir haben mit ihm einen Künstler, der selbstverständlich im Netz lebt, der auch digital arbeitet – und wir wussten dank seiner Ikone von den 21 koptischen Märtyrern, dass er freien Lizenzen gegenüber aufgeschlossen ist.

Und wer hat das Gebet verfasst?
Das war ich. Mir war wichtig, dass das Heiligenbild witzig, aber nicht lustig ist: Es kommt mit einem Augenzwinkern, aber wir nehmen unsere Tradition und unseren Glauben ernst. Das Gebet ist daher nicht so wie andere Isidor-Gebete, die man auch online findet: Weder ein ängstliches „Erhöre unser Flehen, dass wir unsere Hände und Augen nur auf Dinge richten mögen, die Dich erfreuen“ noch etwas Humoriges wie „rette uns vor den Skriptkiddies“ (beides hier zu finden). Stattdessen ist es ein Gebet, das digitale Lebenswelten ernstnimmt und aufgreift, und den Blick darauf zu richten, wie man selbst ein Segen fürs Netz werden kann. Mein Verständnis von Fürbittgebet zu den Heiligen ist nicht, um Wunder zu flehen, sondern sich mit dem Gebet mit den Vorbildern im Glauben darauf zu besinnen, was man selbst tun kann.

Was kann man in diesem Sinne tun? Sich gegen Hatespeech engagieren, für Netzneutralität kämpfen? Wäre das im Sinne von Isidor?
Heilige sind immer Kinder ihrer Zeit, direkt politisches Handeln daraus abzuleiten, ist schwer – und auch der historische Isidor von Sevilla ist nicht in allem uneingeschränkt Vorbild: In Zeiten heftiger Kämpfe um die richtige Lehre hat er beispielsweise Dinge geschrieben, die leider auch über Jahrhunderte als Grundlage für antijudaistisches Unrecht dienten. Was auf jeden Fall ein Vorbild ist: Wissen sammeln, Wissenschaft hochschätzen, und dieses Wissen dann nicht für sich zu behalten, sondern zu teilen. Natürlich kann man auch zu netzpolitischen Themen aus der Perspektive christlicher Sozialethik etwas sagen, das machen kirchliche Akteure auch immer wieder: Das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken hat sich etwa 2013 für Teilhabegerechtigkeit im Netz ausgesprochen, dazu gehört auch Netzneutralität. Ähnlich die deutschen Bischöfe, die 2016 in einer Arbeitshilfe ein zeitgemäßes Urheberrecht forderten mit dem Gedanken der Sozialpflichtigkeit auch des geistigen Eigentums. Dieses Jahr hat sich Papst Franziskus in seiner Botschaft zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel mit Fake News auseinandergesetzt und dabei auf Medienbildung und die Tugend der kritischen Unterscheidung hingewiesen. Das meisten davon konnte Isidor von Sevilla im sechsten Jahrhundert noch gar nicht kennen. Ihm fehlen auch Jahrhunderte an Fortschritt und Zivilisationsbrüchen, um zu denselben Einschätzungen wie wir heute zu kommen. Aber für Katholiken geht es nicht darum, von den Heiligen eine 1:1 umsetzbare Handlungsanweisung zu bekommen, es geht um Vorbilder im Glauben – und da steht Isidor für einen Glauben, der Wissen und Wissenschaft ernstnimmt und nicht als Gegensatz versteht.

Neben den Aspekten des Glaubens hätte ein offizieller Internet-Patron auch eine gesellschaftliche Bedeutung. Spielt das für dich auch eine Rolle?
Zunächst wäre die offizielle Benennung ja eine rein katholische Sache; für alle anderen wäre das dann ein weiterer fun fact über das Internet. Ich finde es wichtig, dass die Kirche sich mit aktuellen Entwicklungen beschäftigt und dazu Stellung bezieht. Beim Internet heißt das: Wahrnehmen, dass das nichts „Virtuelles“, „Unechtes“ ist, sondern ein Teil der Realität, ein Teil der Lebenswelt von so gut wie allen Menschen, den es mit zu gestalten gilt, so wie Christ*innen sich auch in der Politik einbringen sollen. Ein Patronat wäre ein Zeichen dafür, dass das Internet auch bei der Kirche angekommen ist und umgekehrt – so wie es Patrone für das Fernsehen (die heilige Klara von Assisi) oder das Radio (der Erzengel Gabriel) gibt. Das ist es zwar: Selbstverständlich sind Christ*innen online, gibt es kirchliches Medienengagement, es gibt gute theologische Grundsatzdokumente dazu. Aber ein Patronat bettet das alles nicht nur auf einer theoretischen, praktischen und intellektuellen Ebene ins Gesamt der Kirche ein, sondern auch in die spezifisch katholische Frömmigkeitstradition, zu der auch Heilige gehören.

Inwiefern gehören zu dieser Tradition auch Ideen wie Pluralismus und Toleranz, die ja auch in der Grundstruktur des Internet angelegt sind?
Historisch hat die Kirche nicht immer eine gute Rolle, was das angeht. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat die Kirche aber diese problematische Tradition aufgearbeitet und setzt sich weltweit für Religionsfreiheit ein, auch für Nicht-Christen. Die Konzilserklärung Nostra Aetate über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen betont zum Beispiel die Bedeutung des interreligiösen Dialogs für den Frieden in der Welt. Zum Katholischen gehört auch die Idee der Inkulturation: Also anderen nicht den eigenen Glauben überstülpen, sondern die andere Kultur ernstnehmen und versuchen, in der Sprache der anderen Kultur sprachfähig zu werden. Früher hat die Kirche nur ihr eigenes Recht auf Meinungsfreiheit verteidigt, heute gehört der Einsatz für diese Grundrechte für alle zu den Grundsätzen kirchlicher Menschenrechtspolitik. Ein Beispiel ist die Erklärung der US-amerikanischen Bischöfe zur Netzneutralität: Da geht es natürlich auch um Lobbyarbeit in eigener Sache, aber man verlangt keine Privilegien, sondern setzt sich für eine gute Regelung für alle ein. Auch in den Dokumenten, die ich erwähnt habe, wird immer wieder die freie Struktur des Netzes erwähnt, die es zu erhalten gilt. Was die Heiligenverehrung speziell angeht: Das ist natürlich sehr katholisch; nicht alle christlichen Konfessionen können damit etwas anfangen, für Protestanten ist das völlig fremd: Da vertrauen wir dann auf die Toleranz und ein pluralistisches Verständnis davon, was es alles im Christentum gibt.

Ihr wollt mit der Patronats-Idee also nicht überall im Internet Kreuze aufhängen?
Nein. Aber so wie in einer lebendigen Stadt Kirchen, Moscheen, Synagogen selbstverständlich zum Stadtbild gehören, gehört die Kirche auch ins Netz. Aber das ist die Aufgabe von Christinnen und Christen, irgendwelche äußerlichen, vielleicht sogar staatlichen Zwänge sind da weder dienlich noch erwünscht: Kreuzzwänge verdunkeln eher die Botschaft, als dass sie dem Christentum nützen. Im Isidor-Gebet haben wir die Bitte um „Mut, die Wahrheit zu verkünden“ und die Bitte um Unterstützung, „dies im Geist der Liebe zu tun“. Wichtiger als plakative Kreuze ist es, dass Christ*innen eine christliche Haltung an den Tag legen. Das wollen wir als Selbstverpflichtung der Christ*innen zur Netzgemeinschaft beitragen.

Wer ein Heiligenbild in Händen halten möchte: Es gibt es beim Netzgemeindefest im Rahmen der republica am 2. Mai

#journalistenschule gegen Fake-News

Nach der zweiten großen Pause wird aus der kleinen Idee eine unbestreitbar große Sache; zumindest für mich. Ich stehe vor einer neunten Klasse meiner ehemaligen Schule im Ruhrgebiet und beginne gerade die dritte Runde einer Medienkompetenz-Schulung im Rahmen des Projekts #journalistenschule der DJS als einer der Schüler mich erwischt: „Ich glaube“, sagt er kurz nach der Begrüßung, „Sie waren mit meinem Vater in einer Klasse.“ Den Vormittag über habe ich mit drei weiteren neunten Klassen über verlässliche Quellen, den Pressekodex, Qualitätsjournalismus und das Projekt #gegendiepanik gesprochen. Dabei habe ich mich – trotz zahlreicher anderslautender Zeichen – beständig dagegen gewehrt, wehmütig zu werden.

Doch dann stehen plötzlich seine Worte im Raum und ich versuche in seinem Gesicht eine Ähnlichkeit zu finden, zu den Gesichtern, die ich sah als ich zum letzten Mal in dieser Schule war. Das ist fast 25 Jahre her – allein diese Zahl würde ausreichen, um mir mein Alter und die Vergänglichkeit der Welt sichtbar zu machen. Doch jetzt sitzt da ein freundlicher Neuntklässler und bündelt all das in seinem fröhlichen Grinsen. Eine neue Generation, Schülerinnen und Schüler, für die das Internet nicht neu, sondern selbstverständlich ist. Junge Menschen, die (womöglich) lösen werden, was vielen Älteren heute unlösbar erscheint. Wir vergessen das manchmal, weil wir einzig unsere Sozialisation zum Maßstab erheben (und dann wehmütig werden) statt hoffnungsvoll auf die Zukunft zu schauen – in dem Sinn, in dem Rebecca Solnit von der Zukunft spricht.

Ich höre, wie ich ein paar fröhliche Bemerkungen mache, in der Hoffnung, Zeit zu gewinnen – um vielleicht doch herauszufinden, welchem jungen Mann aus den 1990er Jahren dieser junge Mann aus der neunten Klasse 2018 ähnlich sieht. In meinem Kopf tauchen Bilder von Abifeiern und Klassenfahrten auf. Es wird gesungen und getrunken und ich sehe Mitschüler, in denen ich damals so wenig Familienväter erkannte wie die heutigen Neuntklässler in mir einen erkennen, der doch gerade noch selber auf diesen Stühlen hockte und sich fragte, wann er hier rauskommt.

Als er das Verwandtschaftsverhältnis auflöst, denke ich das erste Mal seit Jahren wieder an den Mitschüler. So wie ich in diesen sechs Stunden auf den Fluren, im Lehrerzimmer und auf dem Schulhof, das erste Mal seit Jahren wieder an meine Schulzeit denke. Dass ich das tue, liegt an Henriette Löwisch, der Schulleitern der Deutschen Journalistenschule (DJS). Als sie unlängst das Amt der Schulleiterin übernahm, brachte sie die Idee zum Projekt #journalistenschule auf. Absolvent*innen der DJS besuchen ihre alten Schulen und sprechen dort über ihren Beruf. Die meisten Kolleg*innen werden das am 3. Mai tun – dem Tag der Pressefreiheit. Sie werden dort tun, was ich (u.a. wegen #rp18-Terminproblemen) schon heute tat: Davon berichten, wie wichtig die freie Presse ist, Grundlagen des Berufs vorstellen und die Stimme erheben gegen Menschen, die Lügenpresse rufen und Fake-News verbreiten.

Wir haben dazu am Gymnasium Broich in Mülheim an der Ruhr ein WhatsApp-Spiel gespielt. Die Schüler*innen sollten mich ihrer Klassen-WhatsApp-Gruppe vorstellen – über biografische Details, die sie beurteilen mussten: Stimmt das oder stimmt es nicht? Und wie findet man heraus, ob Gerüchte wahr sind oder gefälscht? Wie findet man verlässliche Quellen?

Darauf aufbauend haben wir darüber gesprochen, dass im Netz auch die Frage immer wichtiger wird, welche Rolle wir als Nutzer einnehmen. Deshalb haben wir anschließend ausführlich über das Projekt #gegendiepanik gesprochen – in dem wir nach der Paniknacht vom OEZ in München Regeln formulierten, wie man sich gegen Social-Media-Panik wappnen kann. Zwischendurch haben wir ein Rap-Video angeschaut und über die verwirrenden Möglichkeiten der Bildbearbeitung gesprochen.

Das hat Spaß gemacht und hat nicht nur mein Bild auf „früher“ herausgefordert. Es hat mir vor allem gezeigt: Im Umgang mit dem, was wir manchmal „neue Medien“ nennen sind sich Schüler*innen und Schüler und die Generation ihrer Eltern ähnlicher als sie denken. Sie lernen gerade gemeinsam den richtigen Umgang (#smarterphone), das ist nicht immer einfach – aber alles andere als das Ende.

Shruggie des Monats: der Traditionshase

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash und den Broccoli-Tree beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. Nun mit etwas Sicherheitsabstand zu den Ostertagen: der Traditionshase

Der Kollege Oliver das Gupta hat bei SZ.de die Sache mit dem Hasen sehr gut zusammengefasst: „Pünktlich zum nachrichtenarmen Feiertagswochenende“, schreibt er, „initiiert die politische Rechte einen Tanz ums goldene Langohr. Es geht um Osterhasen, genauer: um Schokoladenhasen, die zur Osterzeit gekauft, verschenkt und manchmal zu spät vertilgt werden. Im Handel firmiert eine Schweizer Sorte unter der Bezeichnung „Traditionshase“, worüber sich AfD-Leute und deren Anhang empören.“ Ihr Verdacht, den sie mit ihrer Followerschaft teilen, die ihn daraufhin ebenfalls verbreitet: „Die „Osterhasen“ müssten nun „Traditionshasen“ heißen, weil man sich nach der nicht-christlichen und nicht bio-deutschen Kundschaft richtet. Es sei eine „Unterwerfung“ (O-Ton AfD-Chef Jörg Meuthen) unter die politische Korrektheit.“

Im Folgenden widmet sich Oliver das Gupta dann sehr lesenswert der Geschichte des Osterhasen und geht der Frage nach, „ob der Osterhase wirklich zum christlich-abendländischen Kulturgut taugt, das verteidigt werden muss.“ Das ist sehr lesenswert, mich interessiert an der Aufregung um den Hasen, der übrigens schon seit 1992 als Traditionshase geführt wird, ein anderer Aspekt, der auch den Shruggie im genannten Buch umtreibt: Was wäre eigentlich, wenn das Gegenteil richtig wäre?

Ich habe mich in der Debatte kurz gefragt, was eigentlich wäre, wenn die Sorge der Menschen stimmt, die eine Unterwerfung derjenigen Traditionen zu erkennen meinen, die ihnen offenbar wichtig sind. Was wäre eigentlich, wenn ich ein Schulterzucken lang versuche herauszufinden, woher ihre Sorge rührt? Anders formuliert: Warum teilen Menschen diesen Unsinn?

Sie haben offenbar tatsächlich die Sorge, Dinge, die für sie wichtig sind, könnten an Bedeutung verlieren. In ihnen wächst scheinbar ernsthaft der Verdacht, sie selber könnten marginalisiert werden. Der Osterhase scheint ihnen wirklich zum Symbol ihrer eigenen Wichtigkeit zu werden. Sie haben das Gefühl, keine Rolle mehr zu spielen. Sie glauben, dass ihre Ansichten und Meinungen unterrepräsentiert sind, sie fühlen sich zurückgedrängt (wie absurd das z.B. im Fall von Jens Jessen sein kann, hat Margarete Stokowski sehr anschaulich beschrieben)

Viel wichtiger als die Frage, ob das alles auf Basis einer wirklichen Grundlage stattfindet oder nicht, ist die Beobachtung, dass und wie Populisten genau dieses Gefühl bedienen und in ihren Narrativen („darf man hierzulande ja nicht mehr sagen“) noch bestärken. Denn nur wenn man im Sinne des Shruggie aus dieser Perspektive auf das Thema blickt, wird man erkennen, dass man die Debatte mit Lustigmachen oder Gegenkampagnen in social-media nicht einfangen wird. Sie bestärken im Gegenteil sogar noch den Eindruck der gefühlt marginalisierten Masse.

Der Traditionshase ist deshalb ein gutes Symbol für den ständigen Appell an einen offenen, pluralistischen Diskurs, weil er so inhaltsleer ist. Genau deshalb beweist er aber, dass die demokratische Antwort auf diese inszenierten Aufregungs-Debatten nicht allein darin liegen kann, die Behauptung als inhaltlich falsch offenzulegen. Am Gefühl der Marginalisierung ändert das nichts – oder um es im Bild der beiden Menschen zu sagen, die von rechts und links auf eine am Boden liegende Ziffer blicken: Sie halten die 9 noch immer für eine 6.

Damit will ich keineswegs davon abraten, weiterhin zu sagen was ist. Es geht weiterhin darum, die Perspektiven von 6 und 9 zu benennen. Um aber die Grundlagen der pluralen, demokratischen Gesellschaft nicht in einem Facebook-Kampf von Rechthabern in Frage zu stellen, muss man mindestens ebenso sehr darauf hinweisen, dass es unterschiedliche Perspektiven gibt. Und für alle, die – wie ich – diese angestachelte Sorge um den Untergang des Abendslandes für falsch halten, heißt das zunächst: zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die sich ernsthaft von dem Begriff Traditionshase oder Wintermarkt marginalisiert fühlen. Es gibt diese Perspektive!

Das heißt nicht im Seehofer-Sinn: die Sorgen der Menschen ernst nehmen. Es heißt nicht, das Gefühl der Marginalisierung noch zu verstärken, indem man ständig von der Gefahr durch das Fremde spricht. Es heißt: Ihre Perspektive verstehen, nachvollziehen, warum sie auf die Tricks der Populisten reinfallen. Es heißt, das Narrativ der offenen, demokratischen Gesellschaft dem entgegenstellen, was die Populisten als Antwort anbieten. Es heißt den Perspektivwechsel vorzuleben.

Das beginnt damit, dass man dem Gefühl der vermeintlich Marginalisierten nachgeht – und ihm ebenfalls einen Perspektiv-Wechsel entgegenstellt. Das wird nicht bei den Antreibern dieser Debatten gelingen. Aber bei denen, die ihnen folgen, weil sie ernsthaft denken, durch den Verlust des Begriffs „Osterhase“ einen Wert zu verlieren. Kann es gelingen, ihnen die Perspektive derjenigen dazustellen, die wirklich etwas verlieren, weil sie ihr Land verlassen müssen? Weil ihre Unterkunft abgebrannt ist?

John Perry Barlow hat mal den Ratschlag für erwachsenes Handeln formuliert, den man vor dem Hintergrund des Traditionshasen neu lesen könnte: „Du solltest nicht davon ausgehen,“ schrieb er, „dass die Motive anderer ihnen weniger edel erscheinen als deine Motive dir selber.“

Wenn also diejenigen, die diese Traditionshasen-Aufregung weitergetragen haben, aus für sie ebenso edlen Motiven gehandelt haben, wie diejenigen, die versuchen die Luft aus dem Unsinn zu lassen, dann sollte es doch beiden Seiten möglich sein, einen Perspektivwechsel zu vollziehen. „Bildung ist die Fähigkeit, eine Sache aus der Perspektive eines anderen zu betrachten“, hat Gadamer mal gesagt. In diesem Sinne würde der Shruggie in Sachen Traditionshasen mehr Bildung wünschen – für alle Seiten.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf.

#smarterphone: Besser statt nur weniger Handy (Digitale März-Notizen)

Dieser Text ist Teil der März-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Jetzt kommt der Frühling! Denn noch länger kann der Winter ja nicht dauern. Deshalb widmet sich diese Folge des „Digitale-Notizen“-Newsletters dem Aufbruch. So wie ich den Winter nicht mehr sehen kann, so kann ich auch das Jammern über Smartphones nicht mehr hören.

Deshalb habe ich (um zumindest in Sachen Smartphones eine Veränderung anzustoßen) in diesem Monat begonnen, Menschen zu fragen, wie sie ihre Handys nutzen und welche Schlüsse sie daraus ziehen. Ich habe einerseits eine kleine Blogumfrage gestartet und andererseits Freunde und Bekannte gefragt. Das Ergebnis können Sie hier lesen – und selber gestalten.

Denn #smarterphone ist nicht abgeschlossen und fertig, sondern eine kontinuierliche Aufforderung unter dem Motto „besser statt nur weniger Handy“ Ich frage deshalb auch Sie: Wie nutzen Sie Ihr Smartphone? Erzählen Sie davon, in Ihrem Blog oder schreiben Sie mir Ihre Antworten – aber nutzen Sie dafür gerne diese Fragen.

Vielleicht können wir auf diese Weise versuchen, die dauernde Handy-Debatte etwas positiver zu wenden. Es wäre dies nicht nur mit Blick auf die Jahreszeit überfällig.

Name: Hakan Tanriverdi
verbringt seinen Tag als… Reporter mit Schwerpunkt Cybersicherheit, schreibt meistens für die SZ
nutzt: zwei iPhones
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Name: Henriette Löwisch
verbringt ihren Tag als… Leiterin der Deutschen Journalistenschule
nutzt ein: iPhone SE

Wie würdest Du Dein Verhältnis zu Deinem Smartphone beschreiben?
Ein Pakt mit einem Teufelchen

Welche App/Funktion nutzt du am häufigsten? (gerne in den Statistiken nachschauen oder aus dem Bauch schätzen)
Email, Kalender, Twitter, Facebook, Instagram. Und dann noch die Apps von BVG, MVV und DB. Und BR Radio, RBB Inforadio, diverse Podcasts. Die Kamera. Bring!

Welche App/Funktion magst/nutzt du gar nicht?
WhatsApp und den Facebook Messenger. Eins schlimmer als das andere.

Arbeit und Handy – wie regelst du das?
Das Handy ist meine Arbeit. Das hört nie auf. Nur Freitagabend schalte ich es ab. Bis Samstagmittag.

Welche Notification hast du eingeschaltet?
Keine außer Telefonie und SMS.

Warum?
Ich guck doch eh immer. Und wenn ich nicht gucke, will ich auch nix hören.

Hältst Du Dich an soziale Regeln bei der Smartphone-Nutzung? Wenn ja: Welche?
Im Gespräch, beim Essen, im Meeting: Wegpacken. Ausnahmen gelten nur für Notärztinnen und Notärzte, die dürfen das Handy umgedreht auf den Tisch legen.

Gibt es Regeln, die du wieder verworfen hast?
Leider gucke ich jetzt Handy auch in der Straßenbahn, dabei wollte ich lieber Menschen beobachten, denn das sollten Journalisten tun. Aber anders kann ich nicht mit den Leseempfehlungen mithalten, die die Schülerinnen und Schüler der DJS immer morgens auf Twitter unter dem Hashtag #djsdaily abgeben. Naja, die machen sehr viel Spaß, das ist also OK.

Zum Abschluss: Was sollten mehr Menschen im Umgang mit Smartphones wissen?
Handys sind genau wie Autos. Denkt mal drüber nach.

Name: Sebastian Meineck
verbringt seinen Tag als… Redakteur bei Vice Motherboard
nutzt ein: Samsung Galaxy S5
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Name: Heiko Bielinski
verbringt seinen Tag als … Web-Entwickler, Kundenbetreuer, CMS-Erklärer und Blogger
nutzt ein: iPhone 7
>>>> hier weiterlesen >>>

Name: Meike Winnemuth
verbringt ihren Tag als… Autorin
nutzt ein: iPhone 6

Wie würdest Du Dein Verhältnis zu Deinem Smartphone beschreiben?
Hassliebe. Ich liebe es als Werkzeug, als Schweizer Offiziersmesser des 21. Jahrhunderts. Was es alles kann! Was ich alles mit ihm kann! Welche Freiheiten es ermöglicht, welches Wissen, welche Zugänge! Andererseits ist es aber auch eine Daddelmaschine, ein Ablenkungsmanöver, ein unverschämter Zeitfresser – oder besser: Ich erlaube ihm, all das zu sein. Selbst schuld, wie ja eh fast immer.

Welche App/Funktion nutzt du am häufigsten? (gerne in den Statistiken nachschauen oder aus dem Bauch schätzen)
Laut Batterienutzung von heute: Mail, Safari, Messenger, Google, Podcasts. Gefühlt: die Wetter- und Regenradar-Apps, weil ich sowohl einen Hund habe als auch einen Garten. Die Wetter-Apps gucke ich an, bevor ich aufstehe. Um zu entscheiden, ob ich aufstehe.

Welche App/Funktion magst/nutzt du gar nicht?
Ich telefoniere nur selten, ich störe so ungern. Es gibt elegantere und rücksichtsvollere Arten der Kommunikation. Ich bin zwar angemeldet bei Twitter und Instagram, habe beides aber noch nie genutzt. Das Leben ist zu kurz.

Arbeit und Handy – wie regelst du das?
Ich bin Freiberuflerin, die klare Trennung zwischen Arbeit und Privatzeit gibt es ohnehin nicht. Eine Menge Arbeit findet über das Handy statt.

Welche Notification hast du eingeschaltet?
Sind inzwischen alle ausgeschaltet. Aus Gründen. Bis auf Spiegel Online-Eilmeldungen. Gottlob missbrauchen die das inzwischen nicht mehr so sehr (mit Ausnahme der verdammten olympischen Winterspiele).

Warum?
Warum ich die ausgeschaltet habe? Weil ich immens leicht ablenkbar bin.

Hältst Du Dich an soziale Regeln bei der Smartphone-Nutzung? Wenn ja: Welche?
Kein Handy auf dem Esstisch. Und nicht in dunklen Räumen, Kino oder so. Auch sonst versuche ich, in Gegenwart von anderen Menschen die Finger davon zu lassen. Ich empfinde es fast immer als Missachtung, wenn Leute während eines Treffens ihr Handy checken. Was kann so wichtig sein?

Gibt es Regeln, die du wieder verworfen hast?
Nein. Es werden eher noch mehr.

Zum Abschluss: Was sollten mehr Menschen im Umgang mit Smartphones wissen?
Dass es ein Leben vor dem Smartphone gegeben hat und dass es noch nicht so lange her ist.

Name: Johannes Kuhn
verbringt seinen Tag als… Journalist und US-Korrespondent @SZ
nutzt ein: iPhone SE
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SmarterPhone-Beiträge gibt es z.B. von:
* Benjamin Birkenhake
* Birte von Gedeih und Verderb
* Nico Brünjes
* Thomas Puppe
* Marcus von Jordan
* Caspar C. Mierau
* Dirk Hansen
* Fabian Neidhart


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Shruggie des Monats: der Broccoli-Tree

Seit Beginn des Jahres gibt es eine Neuerung in meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann): den Shruggie des Monats. In dieser Rubrik habe ich bereits den Autoren Eli Pariser und das Phänomen des Techlash ausgezeichnet – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. In der März-Folge zeichne ich einen Baum aus, den es schon gar nicht mehr gibt: der Broccoli-Tree.

Er ist schon seit ein paar Monaten tot. Zerstört, gefällt, verschwunden. Und doch erhält der Baum am Südufer des schwedischen Vättern-Sees in diesem Monat besondere Ehre – und das liegt an diesem Video, das die Vlogbrothers gemeinsam mit dem schwedischen Fotografen Patrik Svedberg produziert und Anfang März online gestellt haben.

Patrik hat den Baum, der in seiner Form an einen Brokkoli erinnert unter dem Namen The Broccoli Tree web- und weltberühmt gemacht. Begonnen hat alles mit einer beiläufigen Beobachtung auf dem Arbeitsweg von Patrik. Er entdeckte den Baum, postete ein schlechtes Foto von ihm auf Instagram und erhielt 43 Likes. Mittlerweile folgen dem Baum über 30.000 Menschen auf Instagram (wo ich das Bild gemacht habe), er hat eine eigenen Ortsangabe auf Google Maps.

Denn aus der Freude aus der beiläufigen Beobachtungen wurde ein Gemeinschaftserlebnis. Patrik teilte seine Freude und sie wurde mehr. Denn – das mag pathetisch klingen – digitale Dateien und Freude verhalten sich sehr ähnlich: Sie werden nicht weniger, wenn man sie teilt.

Und genau über dieses Teilen haben die Vlogbrothers einen Clip gemacht, in dem Patrik die Geschichte des Baumes nacherzählt – von dem wachsenden Freundeskreis, der sich für die Motive in immer neuen Kontexten begeistert.

Doch dann im September 2017 war plötzlich etwas anders: Der Baum war beschädigt. Jemand hatte ihn bewusst zerstört – und zwar so massiv, dass der Brokkoli-Baum wenige Tage später offiziell gefällt werden musste. „Etwas zu teilen, trägt das Risiko in sich, es zu verlieren“, sagt Patrik in dem Clip. „Das gilt besonders für eine Welt, in der es das Bedürfnis gibt, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – und sei es nur indem man einen viel geachteten Baum zerstört.“

Trotzdem kommt Patrik – und da ist er dem Shruggie nicht unähnlich – nicht auf die Idee, das Teilen des Baumes in Zweifel zu ziehen. Denn: „In Wahrheit können wir auch die Dinge verlieren, die wir für uns und geheim halten. Nur dann sind wir auch in unserer Trauer allein und können den Verlust mit niemandem teilen.“

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf.