Herzlich Willkommen …

… auf der Website von Dirk von Gehlen.

Ich bin Journalist, Autor und Vortragsredner (Foto oben: Shruggie-Vortrag auf der TEDx-Münster) Ich lebe in München – und im Internet. Bei der Süddeutschen Zeitung leite ich die Abteilung Social Media / Innovation und befasse mich mit der digitalen Transformation von Kultur, Gesellschaft und Unternehmen. Ich schreibe Bücher (gerade ist das Shruggie-Buch ¯\_(ツ)_/¯ „Das Pragmatismus-Prinzip“ erschienen), halte Vorträge und gebe Seminare. Auf dieser Seite können Sie meine Vita und Fotos einsehen.

Aktuell überlege ich, einen Heimat- und Brauchtumsverein für Menschen zu gründen, die im Internet Zuhause sind. Hier kann man sich dafür eintragen

Die Digitalen Notizen sind mein privates Weblog, in dem ich seit 2007 interessante Merkwürdigkeiten aus der Medienwelt notiere. Sie können mir auf Twitter folgen, meinen Newsletter abonnieren oder eine Mail an dirkvongehlen (at) gmail (punkt) com senden.

In Kategorie: DVG
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Telebier – ein Interview mit Worterfinder Timo Hetzel

Treffen sich Freund*innen auf ein Bier obwohl sie nicht an einem Ort sind – was sich bis vor kurzem wie ein schlechter Witz anhörte, ist in Zeiten des Kontaktverbots wegen Corona-Gefahr zu einem neuen sozialen Erlebnis geworden. Die New York Times berichtet von Zoom-Partys und das Wall Street Journal vermeldet, dass die Happy Hour jetzt online stattfindet. (Unsplash-Symbolbild: Zwei Biere gemeinsam am Strand)

Timo Hetzel (den ich persönlich schon seit einer Weile kenne) hat für die digitale Verabredung auf einen Drink den Begriff „Telebier“ erfunden. In seinem Podcast Bitsundso (ab etwa Minute 18) hat er den Begriff vorgeschlagen, um Situationen zu beschreiben, in denen Menschen das tun, was offenbar gerade in neuer Trend wird: Sich in einem Videochat verabredet und gemeinsam etwas trinken – halt räumlich getrennt, aber sozial verbunden. Ich habe Timo ein paar Fragen zum Thema Telebier gemailt – er hat mir mit einem Teleprost seine Antworten geschickt.

Neue Situationen erfordern neue Begriffe. Erzähl mal, wie du auf den Begriff „Telebier“ gekommen bist?
Bei der aktuellen Diskussion um Home Office, Work from Home etc. hatte ich noch im Hinterkopf, dass diese Überlegungen schon recht alt sind, und tatsächlich bis in die 1980er Jahre zurückreichen. In den USA lag der Fokus auf der Vermeidung der langen Arbeitswege, daher war das Stichwort damals dort „telecommuting“, also Telependeln. Inzwischen habe ich das auch noch nachgelesen: In Deutschland war schon zu Telex-Zeiten die Rede von der Telearbeit, z.B. für Datenerfassung über ein Terminal. Tatsächlich ist daraus damals wenig geworden, aber der Begriff stand zumindest. Die heutigen Bezeichnungen für Videotelefonie, -Meetings oder -Chat treffen den Punkt für den Privatgebrauch nicht ganz. FaceTime von Apple betont zumindest im Namen den Kern: Sich auch über die Entfernung Gesicht zu Gesicht nahe zu sein.

Kennst du andere internationele Begriffe für „Gemeinsam im Video auf ein Getränk“-Treffen? bzw. welche Optionen hätte es noch gegeben?
Nicht speziell dafür, aber es gibt natürlich eine Unmenge an Tools, um Menschen auch mit Distanz gemeinsam Freizeitaktivitäten wahrnehmen zu lassen. Ein Beispiel: Netflix Party, um einen gemeinsamen Videoabend zu koordinieren.
Es gibt ja größere Videokonferenzsysteme, bei denen mehrere Bildschirme die vierte Wand eines Konferenzraums bilden und damit die Distanz überbrücken. Zu Hause lässt sich das mit einem Laptop, dem Fernseher und ein paar Funkkopfhörern auch leicht nachbilden. Binge-Skypen rollt auch nicht so schön von der Zunge wie ein Telebier.

Bist du selber regelmäßiger Telebier-Trinker?
Nur ab und an im Podcast, nachdem ich zur Zeit nicht einmal die Podcastkollegen aus der Region München persönlich im Studio treffen kann. Abgesehen davon leben ja zwei Kollegen sowieso in Wiesbaden und Helsinki, vielleicht sollten wir das auch außerhalb der Sendung mal machen.

Du nimmst regelmäßig einen sehr erfolgreichen Podcast auf – häufiger auch mit Telebier, oder? Habt Ihr den Begriff vorher schon mal genutzt?
Bei der Sprechkabine testen wir öfters ein ausgefallenes Bier oder zünden uns einen Friesengeist an, jetzt eben in getrennten Sprechkabinen.
Bei Bits und so (bitsundso.de) eher weniger, dort haben wir uns bisher aber immer wieder „Care“-Pakete mit mehr oder weniger leckeren Speisen und Getränken zukommen lassen, weil wir uns alle ansonsten nur ein- oder zweimal im Jahr sehen. Manchmal schicken uns auch unsere Hörer regionale Spezialitäten zu.

Der Begriff ist eine schöne Veränderung durch die Krise. Siehst du noch andere?
Wenn ich eine Chance in der Krise sehen soll, dann ist es die, dass in mehr Bereichen die Vorzüge der Digitalisierung in Betracht gezogen werden. Home Office oder Telearbeit würde vielen Arbeitnehmern größere Flexibilität verleihen, wir könnten den Verkehr reduzieren, Firmen könnten Kosten für Immobilien sparen, Menschen könnten auf dem Land leben und in der Stadt telearbeiten. Die Grundvoraussetzung dafür natürlich sind leistungsfähige Datennetze, und da steht Deutschland leider nach Jahrzehnten von Korruption und Misregulation ganz schlecht da. Es braucht ein Recht auf Internetzugang, bis zum letzten Kaff, und zwar ungedrosselt, symmetrisch und netzneutral. Vielleicht kommt das mit der Krise auch bei mehr Entscheidern an, dass das Internet nicht
nur ein Einwegrohr von Netflix bis zur Glotze ist, sondern in beiden Richtungen funktioniert.

Wird Telebier auch nach der Krise bleiben?
Edward Snowden rollt ab und an mit einem Telepresence-Roboter über irgendwelche Veranstaltungen, weil er das mit dem Social Distancing schon eine Weile praktizieren muss. Das ist sicherlich nicht das Ziel, aber wenn es die Umstände eben anders nicht erlauben, kann man sich auch auf die Entfernung mit Freunden treffen. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt: Telepizza, Telegrillen, Teleburger.

Abschlussfrage: Glaubst Du, dass Brauereien oder Kneipen von der Idee Telebier profitieren könnten?
Die wirtschaftlichen Auswirkungen werden wohl die wildesten Vorstellungen sprengen, und ich hoffe, dass sich gerade auch die lokalen Geschäfte, Kneipen und kleinen Brauereien durch die Krise retten können. Vor Kurzem habe ich die Landbierzentrale in Germering entdeckt, die schon lange ausdrücklich kleine Brauereien im Vertrieb unterstützt.
Ich habe auch gesehen, dass einige kleinere und größere Brauereien spontan Lieferdienste eingerichtet oder ausgebaut haben, z.B. das noch sehr junge Brauhaus Germering (brauhaus-germering.eu) oder Schremser in Wien.

Das Thema Home-Office und 🦠Corona-Krise hat sich zu einem kleinen Schwerpunkt im Blog in diesem Monat entwickelt – unter dem a href=“http://www.dirkvongehlen.de/Tag/corona/“>🦠Schlagwort gibt es noch mehr Artikel

Corona-Krise

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Volkshochschule im Internet: Interview mit Christof Schulz über Livestreaming

Als ich im vergangenen Dezember auf Einladung der Volkshochschule Ottobrunn zu einem Vortrag im dortigen Rathaus auftrat, war ich einigermaßen erstaunt, wie selbstverständlich und souverän dort der Vortrag ins Netz gestreamt wurde. Geschäftsführer Christof Schulz und sein Team setzten dort schon vor der Corona-Krise in die Tat um, was jetzt ein großes Thema ist: die digitale Übertragung von Veranstaltungen (Foto: unsplash).

Am heutigen Montag abend darf ich auf Einladung der VHS wieder im Livestream sprechen. Es geht um Kommunikation in Krisen-Zeiten. Mit meinem Kollegen Klaus Ott habe ich dazu zehn Ratschläge in die SZ geschrieben – und hier im Blog auch schon zur Panikvermeidung in Corona-Zeiten geschrieben.

Hier kann man sich den Stream anschauen!
Vorab habe ich dem Geschäftsführer der VHS Südost, Christof Schulz, ein paar Fragen zum Thema Stream und Internet gemailt.

Live-Streams von Veranstaltungen sind gerade ein großes Thema. Sie machen das an der VHS Ottobrun schon seit einer Weile. Wie kam es dazu, dass Sie schon früh mit dem Thema begonnen haben?
Volkshochschulen sind Einrichtungen mit einem recht begrenzten regionalen Markt. Kooperation gibt es natürlich, aber die Idee jenseits aller regionalen Grenzen zusammenarbeiten zu können und damit Angebote und Inhalte für alle deutschsprachigen Bildungseinrichtungen letzlich in der ganzen Welt anbieten zu können, das hat uns gereizt. Dazu kommt, dass uns die digitale Teilhabe für alle an der vhs SüdOst sehr wichtig ist. Da schien es uns naheliegend unser Programm durch die neuen Möglichkeiten zu erweitern, unseren TeilnehmerInnen diese Möglichkeiten zu vermitteln und auch barrierefreier zu werden. Vorträge und Diskussionen können jetzt vom Sofa aus besucht werden, kein Stress mehr, um pünktlich ab 19.30 Uhr nach Arbeitstag oder Familienversorgung noch in die vhs zu hetzten.

Wie lösen Sie das Streaming technisch?
Eigentlich ganz einfach, wir nutzen die Software zoom und je nach Anlass 1-2 Kameras und etwas Tontechnik. Mittlerweile haben wir das gut im Griff und schaffen Auf- und Abbau in nicht einmal 40 Minuten.

Welche Erfahrungen haben Sie kulturell bisher gemacht, also: Wie reagieren Ihre Gäste auf das Streaming-Angebot?
Die Reaktionen sind überwiegend sehr sehr positiv. Seit der Corona-Pandemie geradezu begeistert.
Ich glaube für einige vhs-TeilnehmerInnen war es bis vor kurzem schon ein kleines Abenteuer die technischen Hürden zu überwinden und es hat sich ein enstprechender Stolz geszeigt, wenn sie dann nicht nur zusehen, sondern sich auch noch über den Chat beteiligen konnten. Insbesondere das Zusammenwirken von Präsenz- und Online-Publikum zu einer gemeinsamen Diskussion kommt auch gut an. Da war ich mir anfangs nicht so sicher, denn für die TeilnehmerInnen vor Ort ist der „weg“ zum Referenten natürlich viel kürzer als für die Teilnehmer, die sich nur über einen Chat beteiligen können und dann die Frage noch von einem Moderator stellvertretend gestellt werden muss. Klappt aber bis jetzt sehr gut.
Ein Erfolgsrezept ist es auch, dass wir alle unsere Livestreams auch anderen zur Verfügung stellen, so können Fachleute und Referenten über die örtlichen Einrichtungen gebucht werden, auf die so mache Einrichtung ansonsten keinen „Zugriff“ hätte. Das wissen viele TeilnehmerInnen zu schätzen.

Was war die bisher beste und was die negativste Erfahrung?
Die beste Erfahrung war bisher zu sehen, dass eigentlich von Semester zu Semester die Zuschauerzahlen gestiegen sind und wir letzte Woche – natürlich bedingt duch die Corona-Pandemie – mindestens 350 ZuscherInnen hatten. Das war bewegend zu sehen, wie schnell die Beitritte in den Online-Raum nach oben geschnellt sind. Auch das überwältigend positive Feedback und die Dankbarkeit der ZuschauerInnen war toll.

Und negative Erfahrungen?
Richtig negativ war bis jetzt nichts, evtl. die Tatsache, dass die Abhängigkeit von der Technik nochmal eine Stufe deutlicher ausfällt und wir die Netzqualität nicht kontrollieren können. In physischen Räumen sind die meisten Probleme schnell zu lösen, wenn jemand einfach nicht reinkommt oder die Netzqualität nicht reicht, dann können wir nichts machen.

Welche Lehren würden Sie Menschen weitergeben, die jetzt mit Streams beginnen wollen?
Technik und insbesondere Zutritt für die TeilnehmerInnen so einfach wie möglich halten.
Immer die technische Seite mitdenken und auf entsprechende Fragen und Hilfestellungen vorbereitet sein.
ReferentInnen immer vorab informieren und vorbereiten, Kameras sind manchmal gewöhnungsbedürftig und es ist extrem wichtig das Publikum außerhalb des Raums mitzudenken.
Ein Livestream sind im Prinzip zwei Veranstaltungen auf einmal, da braucht man auch zwei Personen zur Betreuung, alleine ist man schnell überfordert.

Nutzen Sie selbst als Zuschauer Streams? Haben Sie da einen Tipp?
Dafür habe ich leider nur wenig Zeit, im Moment vergeht kaum ein Abend, an dem ich nicht die Livekonzerte von Igor Levit verfolge. Ich bin zwar nicht der Klassikfan aber die Streams sind sehr emotional und lebendig, wirklich wunderschön. Und es ist so einfach dabei zu sein, dass es fast wie eine persönliche Einladung ins Wohnzimmer wirkt.

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Glück auf! Wir sind nicht allein (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist der etwas ungewöhnliche Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Er steht in diesem Monat unter dem Eindruck der 🦠Corona-Ausnahmesituation.

Ich komme gebürtig aus dem Ruhrgebiet. Das finde ich ziemlich gut. Auch wenn Menschen von woanders nicht sofort auf „ziemlich gut“ kommen, wenn sie aufs Ruhrgebiet angesprochen werden. Das ist aber das Problem von woanders.

Trotzdem gibt es nur wenig, was mir unangenehmer ist, als Ruhrpottkitsch, also die Romantisierung von Dingen, die man für irgendwie „typisch“ hält – für die aber meist gilt, was Frank Goosen völlig zurecht auf den Punkt gebracht hat als: „Woanders ist auch scheiße“.

Besonders anfällig für Ruhrpottkitsch sind alle Dinge, die mit dem Bergbau zusammenhängen (Foto: feinster 🦠Ruhrpottkitsch aus der Schalke-Arena, wo 60.000 Menschen das Steigerlied singen, das mit „Glück auf, der Steiger kommt“ beginnt). Ehrlich gesagt hätte ich bis vor wenigen Tagen sogar zugestimmt, wenn jemand gesagt hätte, dass jede Anspielung auf den Bergbau voller Ruhrpottkitsch steckt. Dass ich mittlerweile eine Ausnahme für den Gruß Glück auf! machen würde, hängt mit der Ausnahmesituation zusammen, in der die Gesellschaft durch das Coronavirus und seine Folgen steckt.

Mit Glück auf! grüßten sich Bergleute unter Tage, also in den Kohlestollen tief unter der Erde. Glück auf! war Selbstbeschwörung und Wunsch für die anderen gleichmaßen. Glück auf! war Ausdruck der gemeinsamen Hoffnung, bald wieder „nach oben“ zu kommen: also sicher und gesund die beklemmende Enge in den Stollen zu verlassen, in der man nicht mal die Arme ausstrecken geschweige denn aufrecht stehen konnte. Kauern Sie sich bis zum Ende dieser Lektüre einfach mal auf den Boden, dann können Sie verstehen, was für eine Befreiung in diesem Gruss steckt: Glück auf! war das gegenseitige Versprechen von Sonne und Licht in der tiefen Dunkelheit.

Sie können wieder aufstehen. Denn Glück auf! ist vor allem noch heute der freundlichste Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung, die leider viel zu oft in der Augenhöhe-Floskel verhunzt wird. Mit jedem Glück auf! wird greifbar, dass hier zwei ein Schicksal teilen. Es sagt: „Wir stecken hier fest – aber zusammen.“ In jedem Glück auf! klingt deshalb immer sehr deutlich das Versprechen: Wir sind nicht allein!

„We are in it together“ ist das dominierende Gefühl, das ich mit der aktuellen Ausnahmesituation verbinde. Wir stecken alle zusammen hier fest. Und mit wir meine ich die tatsächlich nichts weniger als „die Menschheit“. All die Grenzen, die man uns hinsozialisiert hat, sind plötzlich wertlos: Dem Virus ist egal, woran der Kopf auf dem Körper glaubt, den es infiziert. Auch die Hautfarbe, das Geschlecht, das Gewicht, die Größe und all die anderen Dinge, von denen wir glauben, dass sie uns irgendwie bestimmen, spielen für das Virus keine Rolle. Sprache? Nationalität? Politische oder sexuelle Präferenzen? Für das Virus: alle gleich!

Noch vorsichtiger als mit Ruhrpottkitsch sollte man mit Botschaften sein, die man irgendwo rauslesen will. Aber hier muss man nicht mal genau hingucken um zu erkennen: All die Spaltungen der vergangenen Jahre sind mit einem unachtsamen Husten neben die Ellenbeuge hinfällig. All die Nationalisten und religiösen Fanatiker, die daran glaubten, etwas Besseres zu sein, verlieren ihre Grundlage. Im Angesicht des Virus spielt es keine Rolle, was du zu Thema x meinst oder ob du womöglich (Skandal!11!!!) anderer Meinung bist als ich.

Ich markiere mir genau diese Erinnerung in Pocket (oder einem anderen Readit-Later-Dienst) um wieder dran zu denken, wenn demnächst irgendeine Umweltsau durchs Dorf gejagt wird. Denn ich glaube fest daran, dass wir diese beklemmende Enge der Corona-Ausnahmesituation irgendwann wieder verlassen können. Und wenn wir dann wieder über Tage sind, will ich mich genau daran erinnern können – und ein wenig wie das Virus auf all die Konflikte und Spaltungen gucken: Sind halt alles Menschen!

Als kleine Erinnerung daran verwende ich deshalb den Gruß Glück auf! wenn ich Menschen in räumlicher (nicht sozialer) Distanz signalisieren will: „Wir stecken hier fest – aber zusammen.“
Das ist so ähnlich wie das freundliche Bleiben Sie gesund!, das ich in diesen unruhigen Tagen immer wieder höre – und das mich jedes Mal kurz zucken lässt. Diese drei Worte wecken bei mir stets den Eindruck, Gesundheit sei etwas, das man sich vornehmen kann, das davon abhängt, dass man es aktiv tut. Klar, es gibt einige Regeln für die aktuelle Corona-Lage, die im Sinne der Gesundheit verbreitet werden. Aber grundsätzlich zeigt die aktuelle Situation doch vor allem das: Gesundheit ist nichts, was man sich vornehmen kann.

Der Wunsch besagt natürlich viel mehr. Er sagt: Kommen Sie gut durch diese Zeit. Er ist ein Ausdruck von Empathie und Freundlichkeit. Und er ist auch deshalb so erstaunlich, weil man ihn in Zusammenhängen hört, wo bisher weniger Platz war für Empathie und Freundlichkeit. Deshalb denke ich mir bei jedem Bleiben Sie gesund! immer ein kleines Bleiben Sie menschlich! hinten dran. Weil das für mich einschließt, dass man daheim bleibt, auch wenn man selber nicht zur Risikogruppe zählt. Weil es daran erinnert, dass man anderen hilft, dass man nur soviel kauft wie man selber braucht und keine unsinnige Gerüchte verbreitet.

Bleiben Sie menschlich, bleiben Sie gesund – das beides und noch einiges mehr steckt in dem Gruß, den ich mit diesem Newsletter verschicken will: Glück auf! ist in diesen dunklen, engen Tagen ein Versprechen von Licht, Weite und Menschlichkeit!

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Shruggie des Monats: der Shruggie selbst

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Eines ist sicher: Wir erleben gerade unsichere Zeiten. Die Ausnahmesituation im Umgang mit dem Corona-Virus ist neu, verwirrend und manchmal auch beängstigend. Sie verändert den Alltag nicht nur in diesem Land und dominiert unsere (nicht nur mediale) Wahrnehmung.

Als ich den Shruggie für das Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ adoptierte, hatte ich keine Ahnung von Corona. Aber ich wollte darüber schreiben, wie wir mit dem Neuen umgehen lernen – und dabei gelassen bleiben. Die Überforderung, so sage ich es seit dem Buch immer wieder, ist der Default-Modus unserer Zeit. Wir müssen lernen damit umzugehen.

Das fröhliches Schulterzucken kann dabei eine Hilfe sein: ¯\_(ツ)_/¯ Mehr noch: Vielleicht ist der Shruggie der beste Ausdruck für das, was #wirbleibenzuhause uns gerade abverlangt: auch in einer aussergewöhnlichen Situation gelassen zu bleiben.

Ich freue mich, dass mir Menschen schreiben, dass sie in der Corona-Aufregung Orientierung durch den Shruggie gefunden haben. Deshalb in diesem aufregenden Monat: Der Shruggie selbst ist der Shruggie des Monats!

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.
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loading spezial: Die Startnext Corona Hilfsaktion

„Spenden und Crowdfunding für alle vom Shutdown Betroffenen“ steht auf der Support-Seite, die die Crowdfunding-Plattform Startnext gerade freigeschaltet hat. Die deutschen Crowdfunding-Expert*innen reagieren damit auf die bedrohlichen Folgen der Corona-Lage für freischaffende Künstler*innen (die auch hier schon Thema war).

Denis Bartelt, Co-Founder und CEO von Startnext, hat dazu den loading-Fragebogen ausgefüllt – und erklärt, wie die Kreativwirtschaft hier unkompliziert und schnell Hilfe kriegen kann

Was macht Ihr?
Startnext ist eine Crowdfunding-Plattform, auf der Kreative und Gründer*innen Projekte für eine bessere Zukunft durch viele Unterstützer*innen finanzieren können. Ein normales Crowdfunding funktioniert jedoch nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip und ist deshalb nur erfolgreich, wenn der Zielbetrag innerhalb der Kampagne eingesammelt wurde. Mit der Corona Krise und vor allem den derzeitigen „Shutdowns“ (Schließung von Kultureinrichtungen, Lokalen, Clubs, Museen usw.) hat sich die Lage jedoch verändert, denn jetzt ist Soforthilfe für die vom Shutdown betroffenen Kreativen und Gründer*innen erforderlich. Wie bieten deshalb mit unserer „Startnext Corona Hilfsaktion“ Unterstützung an, die es ermöglichen soll innerhalb von wenigen Stunden mit einer Kampagne online zu gehen. So können wir vom Startnext-Team und unsere Crowd helfen. Das ist ein Hack, der auch ein Teil unserer eigenen Regeln aushebelt.

Ganz konkret bieten wir an:

> Die Transaktionskosten von 4% komplett selbst zu übernehmen (unser Startnext Hilfsfonds)

Hürden abzubauen:

> Das Alles-oder-Nichts-Prinzip gilt für diese Projekte nicht (jeder Euro wird ausgezahlt!)
> Es ist kein Pitchvideo verpflichtend
> Es sind keine Gegenleistungen verpflichtend

Die Starter*innen bewerben sich mit dem Projekt auf unserer Page und werden dadurch sofort bei unserer Projektbetreuung sichtbar und können bearbeitet werden. So können wir innerhalb weniger Stunden gut vorbereitete Kampagnen freischalten. Üblich sind sonst etwa 3 Tage. Wir haben das Betreuungsteam fast rund um die Uhr im Einsatz. Auch die beiden Gründer helfen hier mit.

Warum macht Ihr es (so)?
Wir glauben an die Power der Crowd und sehen hier großes Potenzial darin, dass Fans Künstler, dass Nachbarn Lokale und Kultureinrichtungen in ihrem Kiez, ihrer Stadt schützen wollen. Mit vielen kleinen Beträgen können hier schon erste Sorgen genommen werden. Wir wissen, dass vor allem in der Kreativwirtschaft viele Jobs unsicher oder prekär sind, Gründer*innen hohe Risiken eingehen, die oft zuerst an der eigenen Existenz kratzen. Mit den Hilfsprojekten glauben wir, ist es möglich die ersten negativen Auswirkungen etwas abzuschwächen und Ängste zu nehmen.

Wie haben unsere eigenen Regeln, die sonst für die Qualität einer Kampagne sorgen sollen, außer Kraft gesetzt, weil jetzt vor allem Zeit ein wichtiger Faktor ist. Die Geldempfänger werden von uns dennoch geprüft und vollständig legitimiert, damit klar ist, an wen das Geld wirklich geht.

Die Transaktionsgebühren übernehmen wir, als kleine Soforthilfe von Startnext, solange uns dies selbst nicht ruiniert.

Wer soll sich dafür interessieren?
Uns geht es zunächst um die Kreativwirtschaft, Künstler, Clubs, Kneipen, Theater, Freelancer, Coaches, Veranstalter usw. die jetzt direkt durch die verordneten Shutdowns Ausfälle zu verzeichnen haben. Auch Fans und Nachbarn können Projekte anlegen, um zu Helfen. Unser Wirkungskreis ist die DACH-Region, Liechtenstein, Belgien und Südtirol. Projekte aus diesen Regionen können sich bewerben und starten.

Wie geht es weiter?
Wir sprechen gerade mit vielen Kooperationspartnern, um unseren Fonds zu vergrößern oder ggf. weitere Fonds aufzusetzen, mit denen die Unterstützung der Crowd gematched werden kann. Wir wollen finanzielle Mittel unserer Partner und der Crowd so gut es geht in diese Kampagnen lenken, transparent machen und auch Mut machen dafür, dass wir das als Gemeinschaft hinbekommen. Startnext ist mit 1,34 Millionen Nutzer*innen eine riesige Community mit großem Potenzial zu helfen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Uns ist wichtig, dass sich alle Menschen vor Augen halten, wie wichtig kulturelles Leben und soziales Miteinander für uns Menschen sind. Spätestens wenn wir alle für einige Wochen in unseren Wohnungen bleiben, wird dies vielen Menschen sehr viel klarer und bewusster. „Stell dir vor, wie treten in fünf Wochen vor die Tür, es ist Frühling, die Corona Welle ist unter Kontrolle aber Kultureinrichtungen und Kneipen die du liebst, haben es nicht geschafft.“ Es trifft jetzt vor allem diese teils fragilen Strukturen, abseits von Tarifverträgen, sozialer Absicherung und stabilen Einnahmen. Der Staat hilft zuerst den großen Strukturen, weil dies sehr unkompliziert möglich ist. Wir helfen mit unserer Crowd denen, die mutig sind, neues wagen und das Leben lebenswerter machen. Jetzt geht es darum Existenzen zu sichern, Kultur zu erhalten und auch neues zu probieren. Wir finanzieren uns dabei nach dem gleichen Prinzip durch ein freiwilliges Bezahlmodell, jeden Monat neu, durch Crowdfunding. Wir sehen, dass unsere Gesellschaft hinter allem „zeigenössischen Konsumverhalten“ doch voller Menschlichkeit steckt. Wenn wir dieses Potenzial durch die Corona Krise sichtbarmachen und verstärken können, dann ist das auch eine echte Chance. Dafür arbeitet das Startnext Team auch jetzt aus dem Homeoffice mit voller Motivation.

>>> Hier geht es direkt zur Startnext-Corona-Hilfsaktion

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YouTube verstehen – am Beispiel von Flo Varion

Ich bin großer Fan von Internet-Quatsch. Deshalb habe ich Ende vergangenen Jahres auch mit Freude angefangen, die Videos von Varion anzuschauen. Seit Anfang des Jahres wächst sein Kanal in einem unglaublichen Tempo. Trotzdem ist er auf dem Schirm der klassischen Medien bisher kaum aufgetaucht. Lediglich im Nordkurier gibt es einen kleinen Text über den 27-jährigen Metallbauer aus Mecklenburg-Vorpommern, der Sketche mit sich selbst auf YouTube dreht, d.h. in seinen kurzen Clips spielt er alle Rollen selbst.

Ende Februar war Flo Varion im Mahlzeit-Podcast von Alman Phil Laude und Pesh zu Gast. Das Gespräch, das die drei führen, liefert einen spannenden Einblick in die YouTube-Welt. Die drei reflektieren ihre Arbeit und ordnen ein, wie Öffentlichkeit sich gerade verändert.

Das Gespräch kann man auf YouTube anschauen – oder im Podcast auf Spotify und Apple auch klassisch anhören. Und wer noch mehr von Varion über Varion hören will: Kurz vor Weihnachten 2019 war er im World Wide Wohnzimmer zu Besuch.

Aber vor allem geht es um die Videos von Varion selbst. Ein guter Einstieg ist der Gabelstapler-Sketch:

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loading: das Veto-Magazin auf Startnext

„Veto ist das neue und einzige Print-Magazin, das die Engagierten im Land in den Fokus der Berichterstattung rückt“ steht auf der Startnext-Seite, die Tom Waurig und sein Team ins Netz gestellt haben. Sie wollen ein Magazin für Engagement drucken. Dazu haben sie das Crowdfunding gestartet – und Tom hat den loading-Fragebogen beantwortet.

Was macht Ihr?
Mit unserem Magazin Veto machen wir Engagement im Land sichtbar und zeigen all denen, die finden, dass es höchste Zeit ist, sich einzumischen, wie es gehen kann. Veto ist zuallererst ein Magazin, aber auch eine Plattform für jene, die sich auf den Weg gemacht haben, die Demokratie wiederzubeleben und unsere offene Gesellschaft zu verteidigen. Mit der journalistischen Arbeit haben wir Anfang 2019 online begonnen. Ab diesem Jahr soll es Veto auch am Kiosk geben, um den Engagierten dort eine mediale Bühne zu geben – viermal im Jahr und mit 96 Seiten pro Heft. Dazu haben wir Crowdfunding gestartet

Warum macht Ihr es (so)?
Weil es offensichtlich langweilig geworden ist, über das Gute zu berichten. Das muss sich endlich ändern – und Engagement raus aus der Nische! Magazine und Zeitschriften gibt es viele, auch viele gute. Doch Engagierte und ihre mutigen Ideen finden dort leider oft nur am Rand statt, zu besonderen Anlässen oder es werden Menschen gezeigt, die viele sowieso schon kennen. Mit Veto füllen wir diese Lücke, teilen die Erfahrungen und Ideen der Engagierten im Land mit anderen. Und weil Engagement ein so weites Feld ist, sind auch die Themen extrem vielfältig – Diversität, Klimagerechtigkeit, Demokratie, Tierschutz, Gleichberechtigung. Diese Liste ließe sich endlos erweitern. Denn überall gibt es Menschen, die sich für unterschiedliche gesellschaftliche Fragen einsetzen. Wir müssen sie nur kennenlernen.

Wer soll sich dafür interessieren?
Im ganzen Land wollen wir vor allem Engagierte erreichen – Menschen also, die haupt- oder ehrenamtlich in Initiativen, Vereinen, Verbänden oder Stiftungen arbeiten und dort organisiert sind. Auch sind die Inhalte für Menschen in Politik und Verwaltung gedacht, die sich mit Demokratie, Rechtsextremismus oder Engagement beschäftigen. Veto soll es aber auch am Bahnhofskiosk geben. Denn durch die Aufnahme von Geflüchteten, das Aufkommen der AfD oder Pegida und die daraus folgenden Diskussionen sind Themen wie politische Bildung, Ausgrenzung, Radikalisierung oder Demokratieförderung längst keine mehr, die nur jene Menschen bewegen, die betroffen oder in Initiativen organisiert sind. Heute sind es Fragen, die eine breite Masse bewegen, weil viele nach Beispielen suchen, die Mut machen, und Ideen liefern, wie sie sich selbst einbringen können.

Wie geht es weiter?
Die erste Ausgabe ist im Layout – und wir warten darauf, wie unser Crowdfunding ausgeht. Mit erfolgreicher Finanzierung machen die Menschen aus einer Vision Realität und schicken das Magazin in den Druck! Denn ohne Geld funktioniert leider auch die beste Idee nicht. Deshalb sind wir auf der Suche nach Menschen und Organisationen, die uns bei der Verwirklichung helfen, unsere Leidenschaft für Engagement teilen und an die Botschaft des Magazins glauben. Journalismus kostet nämlich auch Geld, vor allem bei Druck und Layout, aber genauso um all jene, die für uns schreiben oder diese so besonderen Fotos machen, angemessen zu bezahlen. Und online machen wir parallel zu Print weiter.

Was sollen mehr Menschen wissen?
Wer ist das eigentlich, diese Zivilgesellschaft? Diese Frage wollen wir mit unserem Magazin Veto beantworten – und anderen Menschen näherbringen. Denn während die Politik weiter nach Antworten auf gesellschaftliche Frage sucht, haben sich Engagierte längst auf den Weg gemacht, die Welt ein bisschen besser zu machen. Und sie helfen überall dort, wo Menschen in Not sind, sie greifen ein, wenn andere ausgegrenzt werden und suchen nach innovativen Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen. Doch erfolgreiche Strategien und Projekte werden nur sehr selten kommuniziert oder untereinander geteilt. Die Aktiven brauchen daher vor allem eine starke Stimme. Und: Sie brauchen Wertschätzung für ihre Arbeit.

>>> Hier das Projekt auf Startnext unterstützen

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Online only! Zehn Erkenntnisse & zehn Fragen zu Telearbeit, virtuellen Konferenzen und digitaler Kultur

Der Internet-Knotenpunkt De-Cix in Frankfurt meldet einen Weltrekord: 9.1 Terabits in der Sekunde wurden am Dienstag abend über den Frankfurter Knotenpunkt ausgetauscht. In der Pressemitteilung schreibt De-Cix: „Internet usage is playing an ever-greater role“. März 2020 und wir stellen fest: Das Internet spielt eine immer größere Rolle. Das ist einerseits erstaunlich und hat andererseits mit dem zu tun, was der Zukunftsforscher Gerd Leonhard unlängst mit Bezug auf das Corona-Virus sagte: „Wir müssen uns viel mehr virtuell treffen“.

Der Internet-Weltrekord kommt zu einem ungewöhnlichen Zeitpunkt und hängt nicht mit Streaming von neuen Spielen oder digitalen Produkten zusammen, sondern vermutlich mit dem gestiegenen Informationsbedürfnis rund um Corona und die in Folge davon vermehrte Nutzung dessen, was man in Deutschland „Telearbeit“ nennt. Allein, dass es für diese Form des im Angelsächsischen „Home Office“ genannten Arbeitens keinen gegenwärtigen deutschsprachigen Begriff gibt, zeigt, dass wir hier noch eine Menge Nachholbedarf haben. „Home Office“ oder „Mobile Office“ sind begriffliche Krücken um zu beschreiben, dass Menschen zusammenarbeiten können – ohne am selben Ort zu sein.

Also sie sind natürlich an einem Ort, aber eben an einem virtuellen: dem Internet.

Ich glaube, dass die aktuelle Corona-Lage uns helfen kann, einen neuen Blick auf diesen allgegenwärtigen Ort „Internet“ zu werfen, der für viele aber immer noch aus der Perspektive „Telearbeit“ betrachtet wird. Durch die zahlreichen Absagen, die auch noch kommen werden, sind wir gezwungen, eine neue Perspektive einzunehmen (Symbolbild „Stream“ von Unsplash): Wir fangen endlich an, das Internet tatsächlich als Internet zu denken und nicht nur als Verlängerung oder Begleitung von etwas anderem, was wir für wichtiger oder relevanter halten, weil wir es länger kennen. Ich nenne dieses erzwungende neue Denken „Online only“ und werde bei der spontan ebenfalls ins Web verlegten XPLR: Media Online Con am Freitag um 16 Uhr ein paar Sätze dazu sagen. Als Vorbereitung für diesen virtuellen Online-Konferenz-Auftritt hier eine Art Zwischenstand der aktuellen Lage – verbunden mit zehn Fragen, die sich stellen:

Zehn (Zwischen-)Erkenntnisse zu „Online Only“

1. Ausgefallene Veranstaltungen sind eine existenzielle Bedrohung für alle, die davon leben – als Organsitoren, Werbetreibende, Gig-Worker und vor allem als Menschen auf Bühnen. Online Only bedeutet hier vor allem: Wenn sogar Millionen-Unternehmen wie Fußball-Clubs um Ausgleichszahlungen bitten, dann brauchen wir Fonds, Kredite oder andere Lösung für die genannten Akteur*innen.

2. Die Veränderungen durch Corona betreffen natürlich andere Bereiche als die reine Digitalisierung noch viel mehr. Das ist bedeutsam, aber nicht Teil dieser Liste. Ein Lektüre-Tipp für alle, die dazu mehr wissen wollen: Jeremy Cliffe erläutert im New Statesmen wie Corona die Idee von Globalisierung verändert.

3. Online Only ist kein vollwertiger Ersatz für Arbeiten am physisch gleichen Ort oder für Museums-, Veranstaltungs- oder Spiel-Besuche. Es ist etwas anderes, das wir als etwas anderes wertschätzen sollten – und nicht einzig über die (häufig negative) Differenz zu dem bereits Bekannten bewerten sollten. Der SZ-Kollege Andrian Kreye schreibt dazu: „Kann die Zwangsdigitalisierung der Kultur in diesen Tagen also auch ein Neuanfang der Digitalisierung an sich sein? Weil man Wege finden muss, Gemeinschaftsgefühle und Erlebnisse anders zu organisieren? Fragen, auf die es derzeit, wie auf so viele andere, noch keine Antworten gibt.“

4. Es wäre gut, den Fokus auf die Möglichkeiten zu legen und auf Basis der eigenen Wertvorstellungen Gestaltungsvorschläge zu entwickeln und nicht dem Reflex zu erliegen, den Vice hier vormacht. Dieser Text trägt eine clickbait-trächtige Negativ-Überschrift „Why Conference Call Technology Never Works“ – endet aber mit der meiner Einschätzung nach richtigen Perspektive auf das Thema Video-Konferenz und Telearbeit: „So you may have to repeat yourself every so often. Perhaps, instead, we should be impressed that your coworkers can hear you most of the time.“

5. Es gibt auch gute Nachrichten, die uns helfen, eine kulturpragmatische Haltung zu dem zu entwickeln, was Andrian „Zwangsdigitalisierung“ nennt: Der RBB hat zum Beispiel angekündigt, Kultur-Events live und kostenlos zu streamen und Simon Rattle dirigiert Berio und Bartók kostenfrei in der Digital Concert Hall. Vielleicht finden dadurch Menschen, die aktuell daheimbleiben müssen auf neuen Wegen Zugang zur Kultur (hier eine Übersicht über digitale Angebote), die sich dann vielleicht auch verändert – wie Sascha Lobo mit socialbuchmesse.de zeigt

6. Für einen kulturpragmatischen Blick auf die aktuellen Entwicklungen ist es ohnehin ratsam, nicht nur das zu sehen, was unbequem ist (was es unbestreitbar ist). Dass wir überhaupt remote arbeiten können, dass so viele Informationen verfügbar sind, ist unbestreitbar ein Fortschritt. Dazu diese Stratechery Langstrecke lesen. Wem das zu lang ist: die im Wortsinn greifbare Kraft von memetischer Verbreitung illustriert der 17-jährigen William Gibson mit seinem Washyourlyrics-Meme

7. Gleichwohl bleibt wichtig: Wir brauchen Medienkompetenz gegen die Panik

8. Ein Vorteil des Online-Only-Blicks auf die Welt zeigt sich zum Beispiel auch in dem, was man Newsletter-First-Media nennt. Jene Angebote also, die Newsletter als ihren Kern betrachten und nicht bloß als Zulieferer für etwas anderes.

9. Home Office braucht Regeln (hier ein paar Vorschläge), technische Ausstattung und neue sozialen Konventionen. Home Office funktioniert nicht von alleine, nur weil jemand einen Computer daheim hat – aber es gibt Menschen, die sich damit bereits befasst haben. Von ihnen kann man lernen. Die Basecamp-Macher verschenken gerade ihr Buch „Remote – Office not required„. In der aktuellen Situation gilt also: Wir sollten offen sein für die Erkenntnisse derjenigen, die schon seit einer Weile Online Only denken. Matt Mullenweg, der Chef von WordPress, wo schon seit Jahren Online Only gearbeitet wird, hat dazu diesen Blogpost verfasst

10. Das gilt auch für Lehrveranstaltungen. Es gibt Anleitungen, wie man digital unterrichtet. Das kann man lernen, hier brauchen wir Weiterbildungen, die auch nach Corona nach hilfreich sind. Deshalb stelle ich mir:

Zehn Fragen, die sich durch „Online Only“ ergeben:

1. Wie würde sich dein Produkt, Angebot, Job verändern, wenn er nur noch „online only“ wäre? Sie ist die aktuelle Fassung der alten Vorhersage „Everything that can be software will be“. Die Antwort auf diese Frage ist der Beginn eines kulturpragmatischen Umgangs mit dem Wandel. Sie ist wichtiger als deine persönliche Meinung…

2. Was ist die virtuelle Entsprechung zum gemeinsamen Kaffee-Trinken auf Konferenzen? Also: wie kann es gelingen, soziale Interaktion und Verbindung aus dem undigitalen Leben ins Digitale zu übertragen (das wohlgemerkt der Ort für Netzwerken ist, immerhin ist es ein Netzwerk).

3. Wenn Video-Calls zum Standard werden, werden personalisierbare Hintergründe zum Ausdruck der Persönlichkeit. Wie wird dein Video-Call-Hintergrund aussehen? (Details zu dem Phänomen, das einige Anbieter bereits das Blurren des Hintergrunds im Angebot haben, hier und hier. Sowie der Traum alle Home-Office-Hintergründe: Robert Kellys Kinder!

4. Gibt es nicht-kommerzielle Softwareangebote, die virtuelle Räume zum gemeinsamen Arbeiten, Schreiben und Austauschen ermöglichen? (Looking at you Bibliotheken, öffentlich-rechtlicher Rundfunk etc.)

5. Welche sozialen Regeln wenden wir an, um höflich mit den Latenz-Zeiten umzugehen, die sich bei Übertagungen ergeben und dazu führen können, dass Leute sich in einer Mischung aus Höflichkeit und Verwirrung immer gegenseitig ins Wort fallen und dann wieder abbrechen? Gibt es dafür vielleicht sogar schon einen Fachbegriff?

6. Gibt es in Zukunft eine Entsprechung zum Flugmodus im Betriebssystem, den man „Call-Modus“ nennen könnte: das Feature enthält automatisches Stummschalten von Termin-Erinnerungen, die sonst für alle Teilnehmer*innen hörbar aufploppen, es unterdrückt automatisch das Tippgeräusch, das man störend hört, wenn eine Teilnehmer*innen während des Calls Notizen macht (oder andere Botschaften schreibt)?

7. Was sind gegenwärtige Begrifflichkeiten für digitale Konferenzen oder Telearbeit? Denn so lange uns gute Begriffe fehlen, fehlen auch die Instrumente diese Veränderungen zu gestalten.

8. Gibt es schon einen Namen für diese Form von Cancel-Memes, die die Absage von Veranstaltungen zum Thema haben?

9. Wie geht man rechtlich und steuerlich mit dem „Home“ als Arbeitsort um? Welche Folgen hat Home-Office für Kinderbetreuung, aber auch für die Veränderung von Privat und Arbeits-Bereich?

10. Und: welche Fragen hast du? Schreibe Sie in den Kommentare oder schicke Sie mir an @dvg auf Twitter oder per Mail!


Hier zur XPLR: Media Online Con anmelden, auf der ich Online Only über Online Only sprechen werde
– und wer jetzt die Lust verspürt, sich intensiver mit dem Internet zu befassen: gute Idee!

In Kategorie: DVG
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Aussteigen aus der Weltentdeckungsmühle: Ein Lesetipp für alle Daheimbleibenden

Harriet Köhler hat das Buch zur (abgesagten) Leipziger Buchmesse 2020 geschrieben: die Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben eigenet sich aber auch für alle anderen, die unter den Absagen dieser Tage leiden (hier das Interview mit Gerd Leonhard zum Thema Online-Konferenzen lesen), denn es liefert einen Perspektivwechsel auf das Thema Reisen und Unterwegssein. Ich habe Harriet (die ich persönlich kenne) ein paar Fragen zum Thema Absagen und Nicht-Reisen gestellt.

Bist du persönlich traurig, dass die Buchmesse ausfällt?
Für die Cosplayer-Szene ist der Ausfall ihrer Jahreshauptversammlung natürlich ein Drama. Auch gecancelte Lesungen und Interviews sind für die Beteiligten doof. Und all die schönen Dinners und Partys: Ein Jammer. Doch davon abgesehen birgt die Absage auch eine Chance: nämlich die, mal zu hinterfragen, wie sinnvoll es im 21. Jahrhundert überhaupt noch ist, wenn zehntausende Menschen sich in Flugzeuge, Busse und Bahnen setzen, um durch eine überfüllte Halle außerhalb der Stadt zu stolpern und sich dieselben Bücher anzugucken, die es auch bei Hugendubel gibt.

Als Expertin fürs Daheimbleiben hast du vielleicht einen Tipp für alle, die jetzt nicht nach Leipzig fahren?
Eigentlich ist der Ausfall doch wie ein Lottogewinn: Aus heiterem Himmel hat der Literaturbetrieb vier Tage geschenkt bekommen! Ich finde: Man sollte diese Zeit, wenn irgendwie möglich, nicht zum Arbeiten nutzen, sondern dazu, endlich mal all die Dinge zu tun, für die man sonst immer seltener den Nerv hat: Sich mit alten Freunden treffen. In aller Ruhe kochen. Einen dicken Klassiker lesen. Nichtstun, ohne dabei ständig auf den Email-Eingang zu schielen. Ohne den Ernst der Lage kleinreden zu wollen: Aber insgeheim freue ich mich fast auf all die unfreiwilligen Corona-Auszeiten, die da auf uns warten. Klingt doof, aber aus China vernimmt man, dass viele Menschen in den Quarantäne-Gebieten nach anfänglicher Wut inzwischen durchaus die positiven Aspekte am Daheimblieben sehen. Sie haben endlich mal wieder Zeit für ihre Familie. Nachbarn unterstützen sich. Die Menschen rücken zusammen, und draußen vor der Tür bleibt die Zeit ja sowieso stehen. Ich stelle mir das ein bisschen so wie Weihnachtsferien vor, bloß ohne die daran geknüpften Erwartungen, ohne Geschenkestress und lästige Verwandschaftsbesuche.

Überall im Land fangen Menschen jetzt an, sich intensiver mit Home-Office und dem Daheimsein zu befassen. Trotz des gefährlichen Anlass‘ ist das doch in Deinem Sinn, oder?

Mein Buch übers Daheimbleiben handelt nicht von der Arbeit, sondern vom Urlaub zuhause – über Home-Office kann ich also nicht mehr sagen, als dass ich persönlich ganz schlecht darin bin (zum Schreiben gehe ich am liebsten in die Denkfabrik, also in die Stabi). Aber klar, wie für Messen und andere Großveranstaltungen gilt auch fürs Home-Office: Am Ende dieses Jahres werden wir definitiv mehr darüber wissen, wie gut das Konzept funktioniert, welche Anwesenheiten und Sitzungen wirklich wichtig sind, und was man, vielleicht sogar effizienter, auch auf anderen Kanälen besprechen könnte

Was ist gut am Daheimsein?
Die Möglichkeit, einmal die Perspektive zu wechseln. Wer statt zu verreisen daheim bleibt, gibt ja nicht nur weniger Geld aus und hat weniger Stress, sondern hat endlich auch die Gelegenheit, herauszufinden, was das Leben außerhalb des Alltags noch so für einen bereithält. Man kann das Fremde im scheinbar Vertrauten entdecken, den Wohnort mit den Augen eines Reisenden sehen, und die Abenteuer erleben, die direkt vor der eigenen Haustür liegen. Dinge tun, die er sonst nur im Urlaub machen würde – und dabei merken, dass man sein Leben vielleicht ja auch ganz anders führen könnte.

Wie bist du auf das Thema des Buches gekommen?
Eigentlich war’s eine Schnapsidee: Ein Buch über das Daheimblieben in einer Reisebuch-Reihe zu veröffentlichen. Entsprechend habe ich das Projekt dann auch jahrelang vor mir her geschoben. Aber im Laufe der Zeit wurde mir immer klarer, was für ein ökologischer Irrsinn die Reiserei tatsächlich ist: Acht Prozent des jährlichen Treibhausausstoßes gehen auf den Tourismus, auf unsere Flüge, Mietwagen, beheizten Pools und Kreuzfahrtschiffe. Und das alles nur, weil wir glauben, im Urlaub nicht daheim bleiben zu können! Ich bin also zur Aussteigerin geworden, also: zur Aussteigerin aus der Weltentdeckungsmühle – und habe endlich dieses Buch geschrieben.


Auf der Piper-Seite kann man Harriets Buch bestellen – und hier gibt es ein Interview mit dem Zukunfts-Forscher Gerd Leonhard, der sagt, dass wir dank der Corona-Absagen lernen werden, was eh kommt: „Wir werden uns in Zukunft viel mehr virtuell treffen“

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„Wir müssen uns in der Zukunft viel mehr virtuell treffen!“

Immer mehr Veranstaltung werden aufgrund der Corona-Bedrohung abgesagt oder verschoben (Symbolbild: unsplash). Dabei wäre doch jetzt ein ganz guter Zeitpunkt, um die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung nicht nur zu besprechen, sondern auch konkret einzusetzen. Der Futurist und Keynote-Speaker Gerd Leonhard (mit dem ich persönlich bekannt bin) spricht nicht nur drüber, er lädt am 12. März zu einer neuartigen Online-Konferenz. In der Ankündigung in seinem Blog schreibt er, dass er davon ausgeht, dass die aktuelle Situation eine sehr grundsätzliche Veränderung nach sich ziehen wird. Ich habe ihm dazu ein paar Fragen gestellt.

Du startest in der kommenden Woche ein neues Veranstaltungsformat – eine Online-Konferenz. Wie bist Du auf die Idee gekommen?
Ich bin schon seit Jahren mit dem Online Event Konzept unterwegs und habe bereits ca. 30 Sessions hinter mir, aber bisher war einfach kein grosser Markt dafür – die meisten Klienten und auch Speaker-Büros geben lieber viel mehr Geld für Reisekosten und alles weitere aus, als Video-Präsentationen zu machen. Das führte dann bei mir zu ca. 300 Flügen pro Jahren. Jetzt mit Covid19 und natürlich der ganzen Klima- und Carbon-Tax-Debatte ist es schlagartig klar: wir müssen uns in der Zukunft viel mehr virtuell treffen! Und die Technologie ist da (ich nutze Zoom Webinar). Online Konferenzen werden das neue Normal, und face to face wird der neue Luxus.

Welche Vorteile kann eine reine Online-Konferenz haben?
Keine Reisen, keine CO2 Erzeugung, keine Epidemie-Risiken, mehr oder weniger unbegrenzte Teilnehmerzahlen, weniger ‚digital divide‘, mehr globaler Zugang.

Meine Erfahrungen, die ich mit vergleichbaren Formaten als Zuhörer gemacht habe, waren durchweg positiv. Es fühlte sich immer so an, als spreche jemand nur zu mir. Warum haben Online-Konferenzen dennoch einen eher schlechten Ruf?
Es braucht Disziplin und mehr Tech Knowhow also zB Kopfhörer und gute USB Mics; und man muss einfach besser mit der Technik sein. Und natürlich fehlt der ganze emotionale Teil also das Ambiente etc — das macht es einfach viel weniger ‚real‘. Da müssen wir uns erst anpassen – aber jetzt haben wir ja triftige Gründe!! Endlich.

Wir sind beide Speaker, aus dieser Position heraus verstehe ich den schlechten Ruf der Online-Konferenzen: Ich finde es nämlich viel schwieriger ohne direktes Publikum vor Ort einen Vortrag zu halten. Es fehlt einfach das direkte Feedback. Kennst Du das Problem?
Absolut – es ist so ‚unbezogen‘ aber auch dafür gibt es Lösungen – wenn es vor Ort einen Event mit Leuten gibt (also nur ich online bin) benutze ich immer einen 2. Monitor mit live-feed also Blick aufs Publikum. Bei 100% virtual events macht Zoom es möglich auch die anderen Teilnehmer zu sehen (wenn sie das wollen) – es braucht also ein bisschen Technik Know How!

Welche technischen Ressourcen nutzt du für deine Online-Konferenz?
Apple iMac pro, 2 externe HD Monitore, Apple iPad pro, 2 Studio Scheinwerfer, 2 Soundwalls, Zoom.us software, USB Rode Podcaster Mic, Bose headset oder Apple earpods. 1GB Internet Connection

Wie ist der aktuelle Anmelde-Stand? Und wirst du das Format wiederholen?
Etwa 350 sign ups in 24 Stunden, 500 ist Limit. Wir wiederholen ganz bestimmt aber die nächste Show ist nicht mehr gratis – das diskutieren wir auch online (ich denke mal es wird €20-30 kosten pro User, dann). Wir livestreamen auf meinem Youtube Kanal also gerdtube.com

Du bist Zukunfts-Forscher, deshalb bitte eine Prognose zum Abschluss: Werden wir auch nach der Corona-Panik mehr Online-Konferenzen erleben?
Nach… wann ist das? Corona ist ein Trigger Point — da wird sich einiges permanent ändern. Denn bald gibt es auch die Carbon Tax für Flüge – und zwar nicht mehr optional. Online-Konferenzen sind eindeutig das neue Format.

Die erste Online-Konferenz findet am 12. März statt – hier kann man sich anmelden