Herzlich Willkommen …

… auf der Website von Dirk von Gehlen.

Ich bin Autor und Journalist und lebe in München. Bei der Süddeutschen Zeitung leite ich die Abteilung Social Media / Innovation und befasse mich mit der digitalen Transformation von Kultur, Gesellschaft und Unternehmen. Ich schreibe Bücher, halte Vorträge und gebe Seminare. Auf dieser Seite können Sie meine Vita und Fotos einsehen.

Aktuell überlege ich, einen Heimat- und Brauchtumsverein für Menschen zu gründen, die im Internet Zuhause sind. Hier kann man sich dafür eintragen

Die Digitalen Notizen sind mein privates Weblog, in dem ich seit 2007 interessante Merkwürdigkeiten aus der Medienwelt notiere. Sie können mir auf Twitter folgen, meinen Newsletter abonnieren oder eine Mail an dirkvongehlen (at) gmail (punkt) com senden.

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loading: ReportagenFM

„Lasst uns Freunde werden“ haben die Macher von ReportagenFM über ihr Crowdfunding auf der Seite Steady.com geschrieben. Ihr Versprechen: „Die besten Reportagen der Woche, handverlesen“


Martin Fischer hat den loading-Fragebogen ausgefüllt.

Was macht ihr?
Jede Woche verlinken wir die drei besten und wichtigsten Reportagen im Netz. Mittlerweile seit vier Jahren, neben unserer Arbeit als Journalisten. Jetzt haben wir eine Crowdfunding-Abo über die neue Plattform Steady lanciert!

Warum macht ihr es (so)?
Steady wurde vor allem für Online-Medien gemacht, die nicht einen einmaligen, großen Betrag brauchen, sondern eine Finanzierung in kleinen, aber kontinuierlichen Dosen. Für uns zum Beispiel reichen ein paar hundert Euro im Monat – allerdings Monat für Monat.

Wer soll sich dafür interessieren?
Alle, die gerne gute, lange, fundierte Reportagen lesen und nicht selbst ständig das Netz danach durchforsten wollen.

Wie geht es weiter?
Wenn die Finanzierung klappt, so wie bisher!

Was sollten mehr Menschen wissen?
Ganz ehrlich: Wir haben unseren Abonnenten im letzten Jahr einiges abverlangt. Wir haben unsere Leser gebeten, sich auf Blendle zu registrieren. Wir haben einen Premium-Newsletter via Paypal eingeführt – den wir jetzt durch Steady ersetzen. Wir kämpfen wie so viele Online-Medien mit der Finanzierung. Das heisst: experimentieren, ausprobieren und Dinge wieder verwerfen. Wir sind allen unseren Lesern dankbar, dass sie diesen Weg mit uns gehen. Mit Steady glauben wir jetzt – endlich – eine solide Lösung gefunden zu haben.

Hier ReportagenFM auf Steady unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


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Gegen die Panik

Als ich nach dem Angriff auf den Berliner Weihnachtsmarkt über Panik in Social-Media schrieb, kam Heiko Bielinski auf die Idee, den guten Vorsatz, mehr Social-Media-Gelassenheit zu üben, auf einer leicht verlinkbaren Seite zu bündeln. Und ehe ich mich versah, hatte Manuel Kostrzynski ein Design gefertigt für die Seite, die wir nach Sinn und Ziel

gegen-die-panik.de

nannten. Und jetzt stehen sie online: sieben Regeln für mehr Social-Media-Gelassenheit, die man sich vornehmen kann für den Fall, dass mal wieder Angst und Unsicherheit „viral gehen“. Man kann sich gegen-die-panik.de merken und sich und seine Freunde dran erinnern, wenn man vor lauter Aufregung gewillt ist, Gerüchte zu verbreiten. Lasst es sein. Denn:

Egal wie schlimm die Situation sein mag, ich werde nicht in Panik verfallen und selber dazu beitragen, dass Angst sich verbreitet. Das ist das zentrale Ziel von Terror: Angst und Hass zu verbreiten. Dem widersetze ich mich!

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loading: Calliope mini

Um „digitale Souveränität und Spaß beim Coden“ geht es bei dem Projekt Calliope, das noch bis 15. Januar auf Startnext unterstützt werden kann. Geesche Jost, Maxim Loick, Jørn Alraun, Franka Futterlieb, Stephan Noller und Klaus J. Buß wollen mit dem Projekt Eltern und Kindern spielerisch die Angst vor der Digitalisierung nehmen.

Klaus J. Buß hat den loading-Fragebogen beantwortet.

Was macht Ihr?
Wir konzipieren, bauen und verteilen einen einfachen Mini Computer für Kinder für den Einsatz an Schulen ab der dritten Klasse. Er heißt Calliope mini.

Warum macht Ihr es (so)?
Unser Ziel ist, flächendeckend alle Schülerinnen und Schüler der dritten Klasse jedes Jahr mit einem mini auszustatten. Mit Ihrer Hilfe bekommt jedes Kind ein Board, unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. Nur so können wir eine digitale Spaltung der Gesellschaft verhindern.
Wir kooperieren als gemeinnützige GmbH mit den Ausbildungseinrichtungen und Bildungsministerien in den Ländern, mit Stiftungen und Unterstützern, um dieses Ziel nachhaltig zu erreichen. Die Anschubfinanzierung ist durch Spenden von Unternehmen und Stiftungen bereits erfolgreich bewältigt.

Wer soll sich dafür interessieren?
Mittelfristig soll das Board fest in den Schulalltag integriert werden – in einem zweiten Schritt dann auch in der weiterführenden Schule. Damit sind neben den Kindern deren Lehrer und Eltern unsere ersten Ansprechpartner.

Wie geht es weiter?
Mit den bereits erhaltenen Fördergeldern des BMWi und unserer Industriesponsoren werden wir eine große Anzahl von Calliope minis im ersten Halbjahr kostenlos an interessierte Länder / Schulen verteilen. Unser Crowdfunding Angebot richtet sich an interessierte Eltern und Lehrer als Multiplikatoren und an private Sponsoren, die es uns ermöglichen wollen, noch mehr minis in die Schulen zu bringen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Wir brauchen digitale Bildung an den Schulen – und das dringend: Aktuell sieht es mit der digitalen Bildung in Deutschland düster aus. 30 Prozent der zwölf- und dreizehnjährigen Schüler in Deutschland haben keine bis wenige digitale Kompetenzen. Laut der aktuellen Pisa-Studie sind Mädchen nach wie vor nur schwierig für Technik zu begeistern. Deutsche Schulen sind häufig der letzte Hort der analogen Welt. Digitale Fähigkeiten erwerben häufig nur Kinder aus höheren Bildungsschichten. Digitalkompetenz darf aber kein Elitenphänomen werden. Um gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, müssen wir quer durch alle Schichten Zugänge zur digitalen Bildung schaffen, damit alle Schülerinnen und Schüler auf die Jobs von morgen vorbereitet werden.

Mehr über den Calliope bei heise und Die Zeit

Hier das Projekt Calliope auf Startnext unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


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Vor/für 2017: Lesetipps für den Jahreswechsel

Es gibt Texte, die das Jahr überdauern werden. Um die Lektüretipps, die man vor 2017 oder zumindest für 2017 noch anschauen sollte, geht es in dieser (Doppel-)Liste. Dazu gibt es weiter unten die zehn beliebsten Blogeinträge aus den Digitalen Notizen:

Zehn Texte vor/für 2017:

1. Bis zum letzten Augenblick: Roland Schulz übers Sterben – SZ Magazin

2. Der Hass ist nicht neu. Für uns nicht. Mely Kiyak bei der Verleihung des Otto-Brenner-Preises – Übermedien

3. Anfangen. Carolin Emcke bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels – Friedenspreis

4. ‘Hope is a​n embrace of the unknown​’: Rebecca Solnit on living in dark times – Guardian

5. Boris wollte mich verbrennen. Florian Klenk fährt zu einem Facebook-Hater – falter

6. Obama Reckons with a Trump Presidency: David Remnick über die letzten Tage der Obama-Amtszeit – New Yorker

7. Noah lebt nicht mehr – Hakan Tanriverdi über Verschwörungstheorien – Süddeutsche Zeitung

8. How Technology Disrupted Truth: Katharine Viner über Journalismus zwischen Fakenews und Digitalisierung – Guardian

9. Der Untergang des Fußballs: Christoph Biermann über die Kommerzialisierung des Sports 11 Freunde

10. Münchens heroische Gelassenheit: Anette Ramelsberger über den Amoklauf vom Olympia-Einkaufszentrum Süddeutsche Zeitung

Die zehn beliebsten Blog-Einträge aus den Digitalen Notizen 2016:

10. Was früher auch nicht besser war: Der Pessimismus

9. Meta – Das Ende des Durchschnitts

8. Obama liefert dem Gif-Zeitalter das Cover-Motiv

7. Bon Valeur, Elektrischer Reporter und 140 Sekunden – meine Würdigung

6. Kulturpragmatismus

5. #digitalcharta: Nutzen wir die Chance

4. Weil wir dich lieben: Wie die BVG cool wurde

3. #nacktimnetz: fünf Fragen zu meinen Daten

2. Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein

1. Fünf Fragen zur angemessenen Smartphone-Nutzung

(Für Bloghistoriker: 2009 und 2010 habe ich so eine Liste schon mal erstellt)

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Früher weiss alles besser (Digitale-Dezember-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Dezember-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Wenn das Jahr zu Ende geht, neigen Menschen dazu nach hinten zu schauen. In diesem Jahr verbinde ich diesen Vergangenheitsblick mit dem Vorsatz, ab dem neuen Jahr damit aufzuhören – nicht nur zwischen den Jahren!

Denn leider fällt uns die Rückschau als Prinzip nur zum Ende des Jahres als dauerpräsent auf. Sie ist aber auch weit darüberhinaus beliebter und (wie ich finde) oftmals lähmender Maßstab für die Kraft und Energie, die wir in die Gestaltung der Zukunft stecken. Viele Menschen messen den eigenen Erfahrungen und Erlebnissen so viel Wert bei, dass sie ihnen zur Landkarte für den Weg in die Zukunft werden – zur wenig tauglichen Landkarte, denn die Lösungen für die Probleme von morgen findet man nur selten im Gestern (Foto: Unsplash)

Um mehr Aufmerksamkeit darauf zu richten, wie Menschen die eigene Vergangenheit so überbetonen, dass sie Gewohnheiten und Routinen leichtfertig in den Rang von Werten erheben, starte ich mit dieser Ausgabe der Digitalen Notizen eine neue Rubrik, die den Titel „Früher weiss alles besser“ trägt.

#frueherweissallesbesser ist die ironische Distanzierung von einer Haltung, die die eigene Bewertung vor das Verständnis der Welt setzt. #frueherweissallesbesser ist der Versuch, diese Vor-Beurteilungen und Vorurteile sichtbar zu machen und damit ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir manche Dinge einzig deshalb für richtig halten, weil wir sie auf eine mögliche Weise kennengelernt haben. #frueherweissallesbesser öffnet damit an guten Tagen einen Blick auf die Veränderungen der Gegenwart, der über die eigenen Erfahrungen hinaus geht. Denn ich bin davon überzeugt, dass wir zur Gestaltung der Zukunft eine Haltung entwickeln müssen, die ich im Laufe des Jahres mal als Kulturpragmatismus bezeichnet habe. Um diesen zu erreichen, macht #frueherweissallesbesser Vergangenheitsverklärungen aus allen Bereichen kenntlich.

Denn seit ich diesen Begriff im Kopf habe, fällt mir regelmäßig auf, wie überfällig ein solcher Blick auf Veränderungen die Welt ist: Und dabei geht es bei weitem nicht nur um den Wunsch, Grenzen zu schließen oder vergangene Währungen wieder einzuführen. Die blockierende Kraft der Vergangenheitsverklärung kann man auch erkennen, wenn der Präsident des Lehrerverbandes sich vehement dagegen ausspricht, dass in deutschen Klassenzimmern Internet vorhanden ist – weil er als Maßstab für Unterweisung von Kindern nur seine eigene Vergangenheit kennt (sowie das daraus resultierende Bild von Schule) und nicht die Zukunft derjenigen, die in wenigen Jahren die Lehranstalten verlassen. Auch wenn ein großes deutsches Nachrichtenmagazin (Happy Birthday, btw.) auf der Suche nach dem angemessenen Umgang mit einer neuen Technologie einzig auf die Idee „Mal weglegen“ kommt, ist #frueherweissallesbesser am Werk. Überhaupt ist das Smartphone ein äußerst beliebter Auslöser für die Zukunftsunsicherheit, auf die das #frueherweissallesbesser ja in Wahrheit nur reagiert. Weil man nicht kennt, was sich da ankündigt, flüchtet man sich in die Vergangenheit – und erhebt diese zum Maßstab. Ob dieser Reflex die Ursachen der Unsicherheit angeht oder gar Gestaltungsspielräume eröffnet, wage ich zu bezweifeln. Im besten Fall schafft dieser Rückzug aufs vermeintlich Echte, Wahre und Schöne eine Verschnaufpause, eine kurze Auszeit von dem, was den Rückblicker überfordert – und lenkt dabei von der Idee ab, dass in einer konsequenten Anwendung des Neuen womöglich ein Ende der Überforderung liegen kann. „Das Chaos in der Gegenwart darf uns nicht dazu bringen“, fordert die Guardian-Chefin Katharine Viner, „die Vergangenheit einzig durch eine rosa Brille zu betrachten.“ Das Zitat stammt aus der vor der Trump- und Fakenews-Debatte geschriebenen #langstrecke „How Technology Disrupted the Truth“, die Viner für den Longreads-Podcast des Guardian übrigens selber eingelesen hat.

Wie sehr wir zum verklärten Blick zurück neigen, wurde mir besonders deutlich als ich zum Ende dieses Jahres die sehr schön gemachte Ausgabe des „ehrlichen“ Männermagazins „Wolf“ in die Hände bekam. Laut Verlags-PR eine Form des „Slow Journalismus“, über den Michalis in seiner immer wieder zu empfehlenden Magazin-Schau bei Übermedien schreibt: „„Wolf“ will ein Magazin sein für Männer, die in einer sich immer schneller drehenden Welt den Weg suchen, zwischen all den Anforderungen sie selbst zu sein.

Klar, würde auch ich mich (als mittelgeforderter Mann) für diesen Weg interessieren – zumal ich große Sympathie für einige der Macher und für die Heftidee habe. Aber gerade deshalb war ich etwas enttäuscht als ich beim Lesen feststellte, dass all die Achtsamheit und alles Wesentliche, das Wolf betonen möchte, sich einzig im Gestern findet: Gestern als man noch echte Freunde hatte (und nicht bloß digitale Bekannte). Gestern als Steve McQueen noch lebte und vor allem Gestern als es noch kein Internet gab. Das Abschalten und auf Früher besinnen ist in dem Heft das schwer dominante Rezept, um Achtsamkeit zu erreichen und das Wesentliche zu erkennen. Das ist alles schön wehmütig inszeniert, in Wahrheit aber so zielführend als würde der 1992 verstorbene Altkanzler Willy Brandt (der als Zitat- und Ratgeber auftaucht) zu der Frage Stellung nehmen, wie man am besten mit dem Druck des ständigen Mailens umgehen soll. Auf die Idee, dass eine App oder ein technischer Ansatz hier erfolgreicher ist um sich aufs Wesentliche zu konzentrieren, kommt das Heft leider nicht. Dabei sind die Menschen, die Lösungen für die Überforderung finden werden, heute schon auf der Welt. Vor lauter #frueherweissallesbesser versperren wir ihnen aber in den Schulen noch den Zugang zum Internet…

Das #frueherweissallesbesser derart breitflächig auf dem hochwertigen Papier zu finden, hat mich verwundert. Denn die Wolf-Leser zählen ganz sicher nicht zu den Abgehängten oder Besorgten, die man gemeinhin mit Vergangenheitsverklärung in Verbindung bringt. In Wahrheit findet sich diese Haltung zu den „Good old days“ aber auf allen Seiten des politischen Spektrum – wie die gleichnamige Folge des Pessimists Archive Podcast gerade bewiesen hat. Der Podcast widmet sich dabei der Frage, wann eigentlich dieses „Great“ war, das Trump in seinem „Make America Great Again“ zitiert. Das Ergebnis ist eine historische Fleißarbeit, die beweist: Great ist einzig die Verklärung.

Diese #frueherweissallesbesser-Verklärung ist übrigens so stark, dass sie auch das gemeinhin – und besonders im „me at the end of 2016“-Meme – als schlecht befundenene Jahr 2016 im Rückblick irgendwie great machen wird. Denn es gilt weiterhin was die Orsons schon 2012 (da war die Welt noch in Ordnung) gesungen haben: „Sollten unsre Kinder irgendwann mal meckern ,Früher war alles viel besser!‘ Dann mein‘ sie damit jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt

Wir sollten endlich anfangen, auf dieses jetzt zu schauen, wenn wir Probleme lösen wollen!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

In diesem Jahr sind erschienen: „Lass dir keine Angst machen“ (November), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September) „Soll mein Buch auf Facebook?“ (August), „Der Grüffelo in Social Media“ (Juli) „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

Gegen den Hass, gegen die Panik!

Die Kolleg*innen der Sendung hr2 Der Tag haben mich eingeladen, über Social Media in Zeiten des Terrors zu sprechen, nachzuhören hier ab ca 30 Min (MP3-Download). Um meine Gedanken zu sortieren, habe ich es hier aufgeschrieben.

Es zählt zu den angenehmen Eigenschaften der social-media-vernetzten Welt, dass man auch in unangenehmen Momenten und emotionalen Ausnahme-Situationen nicht alleine sein muss. Man kann sein Unwohlsein teilen, was den Schmerz in den meisten Momenten etwas lindert. Deshalb neigen Menschen dazu, in Eilmeldungs-Situationen den Austausch zu suchen. Früher geschah dies im direkten persönlichen Umfeld oder maximal telefonisch, heute geschieht dies zumeist auf den Geräten, die früher mal einzig Telefone waren – und heute als Schnittstelle zur ganzen Welt dienen.

Wer sich an die Anschläge vom 11. September in New York erinnern kann, weiß vermutlich auch noch, wen er oder sie kurz danach kontaktierte. Dieser zutiefst menschliche Reflex greift auch heute, er benutzt dabei aber ein ungleich größeres Publikationsspektrum. Egal, ob man geschlossene Messenger-Gruppen, den Facebook-Freundeskreis oder gar die Hashtag-Öffentlichkeit bei Twitter in Echtzeit adressiert: die eigene Kommunikation ist sehr viel folgenreicher als damals beim Eins-zu-eins-Telefonat.

Die Ereignisse vom Berliner Breitscheid-Platz erinnern uns daran, dass wir uns diese Folgen bewusst machen müssen, wenn wir in emotionale Ausnahmesituationen geraten. Und wenn es eine Sache gibt, die man schon wenige Stunden nach dem Abend des 19. Dezember sagen kann, dann dies: Wir müssen lernen mit den neuen Publikationsmethoden umzugehen. Wir müssen uns bewusst machen, wie die Mechanismen der Angst wirken und dabei das reflektierte Nachdenken bremsen. Kurzum: Wir müssen Social-Media-Gelassenheit in emotional-medialen Ausnahmesituationen trainieren!

Schon im September 2013 hat das amerikanische Medienmagazin „On The Media“ ein Handbuch für Terror-Fälle veröffentlicht. Darin sind zehn Regeln aufgelistet, an die man sich halten sollte, wenn Gerüchte, Falschmeldungen und Spekulationen die gesicherten Nachrichten überlagern. Die wichtigste Regel steht ganz am Ende, sie lautet: Be Patient! Bleib gelassen! und kann als Grundlage für alle anderen Aktivitäten in den Ausnahmesitationen gelesen werden:

Wie gesagt: Es hilft nicht, Menschen in angstvollen Situationen „Hab keine Angst“ zuzurufen. Aber ich bin überzeugt davon, dass es helfen kann, sich auf diese Situationen vorzubereiten. Die Rekonstruktion der Angst-Nacht von München im Juli dieses Jahres zeigt, wie Gerüchte und ungeübte Social-Media-Nutzung Panik anfachten und die Probleme noch größer machten. Wenn das passiert, schlägt der soziale Austauschreflex ins Gegenteil um: Er lindert dann keine Schmerzen, sondern vergrößert sie. Genau das ist das Ziel von Terror: Angst und Schrecken zu verbreiten.

Deshalb sollte man sich gegen die mediale Verstärkung des Terrors wappnen und ein Regelwerk im Kopf haben, an das man sich in aller Panik erinnern kann. In Anlehnung an die On the Media-Regeln könnte sich Social-Media-Gelassenheit in diesen Handlungweisen ausdrücken:

1. Bevor ich etwas veröffentliche oder an meine Freunde schicke, atme ich dreimal tief durch – und suche mindestens zwei verlässliche Quellen für die Informationen.

2. Ich verbreite keine Gerüchte! Ich halte mich nur an bestätigte Informationen und versuche mich von Spekulationen fernzuhalten. Besonders bei Accounts, die unverifiziert sind, keine Profilbilder haben und vorher noch nie etwas gepostet haben, frage ich mich: Und wenn das Gegenteil richtig ist?

3. Ich poste, retweete und verbreite keine Bilder und Filme, deren Herkunft ich nicht kenne. Ich bin mir bewusst, dass derartige Nachrichtenlagen Betrüger anziehen, die mit Absicht Fotomontagen und bewusste Lügen verbreiten. Ich unterstütze dies nicht durch unvorsichtiges Weiterverbreiten.

4. Informationen und Bilder, die im Zusammenhang mit der Tat stehen, übermittle ich der Polizei und mache sie nicht öffentlich. Besonders dann nicht, wenn sie die Menschenwürde der Opfer verletzen und den Tätern nützen.

5. Ich hüte mich davor, sofort Problemlösungen zu verbreiten. Ich kenne den Reflex des „kommentierenden Sofortimus“ (Bernhard Poerksen) und folge ihm nicht.

6. Das gilt auch für Meinungen über die mediale Berichterstattung bzw. für die Kommentare von Politikern, die bereits fertige Lösungen präsentieren. Ich verbreite keine einseitigen Schuldzuweisungen und gebe diesen auch durch Retweets und Zitate keine Bühne.

7. Ich bin mir bewusst, dass eine von mir verbreitete Information gerade bei Freunden als verlässlich wahrgenommen wird. Dieser Verantwortung meinen Freunden gegenüber versuche ich stets gerecht zu werden – und poste deshalb nicht unüberlegt.

8. Egal wie schlimm die Situation sein mag, ich werde nicht in Panik verfallen und selber dazu beitragen, dass Angst sich verbreitet. Das ist das zentrale Ziel von Terror: Angst und Hass zu verbreiten. Dem widersetze ich mich! Durch mein eigenes Verhalten trage ich vielmehr dazu bei, Social-Media-Gelassenheit zu verbreiten.

Mehr zum Thema:
>>> Der Kommentar Gegen den Hass von Heribert Prantl in der SZ
>>> Der erste Eintrag zum Thema Social-Media-Gelassenheit aus dem Januar diesen Jahres
>>> Warum wir uns den Mechanismen der Angst widersetzen sollten.

loading: 8 Häftlinge

Wie sieht Haft in Deutschland aus? Dieser Frage nähert sich Alexander Krützfeld in seinem Crowdfunding-Projekt „8 Häftlinge“ – und er fragt weiter: Gibt es dazu eine Alternative?

Der Gerichtsreporter hat den loading-Fragebogen beantwortet.

Was machst du?
Ich arbeite seit zehn Jahren als Gerichtsreporter. Oft höre ich, vermehrt auch in den letzten Jahren wieder, diese Parolen, die immer auch im Wahlkampf benutzt werden: Es braucht doch härtere Strafen, die Justiz lässt die ja alle laufen, Knast ist Hotel und so. Wegen der Fernseher vermutlich.
Darum möchte ich jetzt eine große Recherche machen, die den Alltag und die Praxis im Gefängnis durchleuchtet. Interviews führen. Vor-Ort-Besuche. Nicht das Außergewöhnliche suchen, sondern das Typische – und auch typische Probleme benennen, nicht extreme.
Ich glaube, wenn das Verständnis von der Justiz und dem Strafsystem insgesamt größer wären, gäbe es vielleicht viele Vorurteile und Parolen nicht. Könnte auch sein, und das ist ja auch ein Ergebnis, wenn es andersherum ist.

Warum machst du es (so)?
Die Berichterstattung zu diesem Thema folgt in der Regel zwei Mustern: Skandal- und Betroffenheitsgeschichte. Erstere entspinnt sich, wenn etwas im Gefängnis passiert, das dort nicht passieren sollte/darf. Danach geht sie oft aber nicht (viel) weiter.
Die Betroffenheitsgeschichte zeigt mehr die Lebenswege. Ich finde, man kann beides verbinden. Das braucht aber Platz – und Budget. Dafür sammle ich jetzt, weil ich es für wichtig halte.

Wer soll sich dafür interessieren?
Leute, die wissen wollen, ob das stimmt, dass da „überall Ausländer sitzen“, die „Justiz nicht durchgreift“ und „Sexualstraftäter milde bestraft werden“. Wir landen zwar nicht alle im Gefängnis, aber Strafen gehen uns etwas an. Es sind die Normen, nach denen wir leben.
Falsche Informationen in diesem Sektor können – auch mit Hinblick auf die kommenden Wahlen – sehr gefährlich sein. Die Populisten haben die Kriminalitätsthemen längst für sich entdeckt und besetzen sie. Es ist unser Job, dem nachzugehen. Daher jetzt. Daher unbedingt jetzt.

Wie geht es weiter?
Wenn wir die nächsten vier Wochen überstehen, und das hoffe ich mal, das Funding geht ja bis Mitte Januar, dann schieben wir die Recherche an. Das bezieht sich auf die Vor-Ort-Besuche und Interviews, denn viel Vorrecherche ist auch jetzt schon nötig. Wenn alles klappt, wird es ein großer, hoffentlich schöner Achtteiler: 8 Häftlinge.

Was sollen mehr Menschen wissen?
Dass Menschen immer Menschen sind, auch wenn man Angst vor ihnen hat (was man oft nicht haben muss). Dass die Rückfallquote im Bereich Mord und Sexualdelikt eigentlich sehr niedrig ist, auch wenn „Die Welt“ vor drei Monaten schrieb: Fast jeder zweite Straftäter wird rückfällig. Das stimmt nicht, weil es stark deliktabhängig ist und sich Tatsituationen so oft gar nicht wieder ergeben.

>>> Hier 8 Häftlinge auf Startnext unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Tag der Menschenrechte: Digitales Exil

Heute ist Tag der Menschenrechte: Reporter ohne Grenzen haben sich dafür die Aktion Digitales Exil ausgedacht, die ich sehr gerne unterstütze. Dabei gebe ich Ray Mwareya auf meinen Social-Media-Accounts digitales Exil – d.h. ich poste für im Namen des Kollegen aus Simbabwe, der frei für das Global South Development Magazine und andere internationale Medien arbeitet. Da er in Simbabwe bedroht wird, lebt er in Südafrika. Um seinen Artikel Aufmerksamkeit zu bringen, aber vor allem auch um auf den Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit hinzuweisen, gebe ich Ray heute für ein paar Stunden Digitales Exil und dokumentiere dies hier.

#DigitalesExil für Ray Mwareya. Bitte lies jetzt seinen Artikel über die vergessenen mosambikanischen Gastarbeiter in der DDR bit.ly/2gUsOrh

#DigitalesExil für Ray Mwareya. Bitte lies jetzt seinen Artikel zu den verstoßenen Witwen in Mosambik bit.ly/2gbRjSz

Authentizität wird zu Autorität – zum Erfolg der Digitalcharta

Vom Werk zum Netzwerk, Symbolfoto: Unsplash

Nachdem ich Anfang der Woche kurz zur Idee einer Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union gebloggt hatte und anschließend ein wenig zum Thema auf Twitter diskutieren durfte, komme ich zu dem Ergebnis: Die Digitalcharta ist ein voller Erfolg!

Vermutlich nicht in dem Sinne, in dem die Initiatoren sich das ursprünglich gedacht haben, aber ganz sicher in dem Sinne, der in den FAQ beschrieben wird und vor allem weil der Entwurf und seine fortlaufende Behandlung uns zeigen, wie die Digitalisierung unsere Gesellschaft verändert. Dieses Bild ist so gestochen scharf, dass die Frage, ob am Ende der Debatte ein wirklicher Vorschlag für eine Digitalcharta steht, für mich persönlich fast in den Hintergrund getreten ist.

Das Ziel der Charta, so heißt es in den FAQ, sei es „eine Debatte über die Zukunft der digitalen Gesellschaft und wie man sie politisch gestalten kann“ zu beginnen. Dieses Ziel ist in jedem Fall erreicht. „Die vorgestellte Digitalcharta versteht sich als Entwurf, der in der Öffentlichkeit reifen soll, dazu gehört essentiell die Diskussion um jedes einzelne Wort. Am Ende könnte so ein digitalgesellschaftliches Fundament der EU entstehen.

Der Prozess der Reifung lehrt eine Menge über den digitalen Wandel. Ich will dies an drei Schlagworten illustrieren, die ich in hier und da verwende um zu beschreiben, was für mich Digitalisierung bedeutet.

1. Vom Produkt zum Prozess
Die Idee, dass sich viele schlaue Menschen hinsetzen, ein Papier entwickeln und damit an die Öffentlichkeit gehen, ist nicht nur wegen des Begriffs „Papier“ eine durch und durch analoge Idee. Digitale Öffentlichkeit zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass Inhalte sich verflüssigen, dass Dokumente zu Dialog werden. Die vergangenen Tage zeigen dies sehr deutlich: Der Entwurf und die Debatte gehören zusammen. Das Produkt „Entwurf“ ist ohne den Prozess „Debatte“ nicht zu denken. Das ist neu: Früher sprach das Papier für sich, das eine Gruppe engagierter Bürger öffentlich machte. Es konnte kaum überhaupt und nie in diesem Tempo prozessiert werden.
Dieser Wandel führt aber auch zu einer grundlegenden Veränderung für diejenigen, die einen solchen Entwurf öffentlich machen:

2. Von der Rampe zum Raum
Das Veröffentlichen wird zu einem Prozess, damit wird das Medium (das früher Rampe war) zu einem Raum, in dem Interaktion zu einem bedeutsamen Bestandteil wird. Die Frage, wie jemand auf Vorschläge, Kritik und auch Beleidigungen reagiert, ist in diesem Raum plötzlich Bestandteil seiner Wahrnehmung. Und ja, das gilt auch für Schweigen. Man kann sehen, wer sich der Debatte stellt und wer nicht. Ich finde das in Teilen bewundernswert wie engagiert einige der Initiatoren die Debatte führen. Umgekehrt ist es aber auch bezeichnend, dass es eben nur einige sind. Beim Fußball würde man von Einzelaktionen sprechen, ein System ist nicht erkennbar. Ich finde daran zeigt sich am deutlichsten, dass die Charta zwar digital heißt, aber in ihrer Form kaum digital gedacht wurde.

Einen Ausweg sehe ich dafür übrigens am ehesten in der Raum-Metapher: Ich glaube die Initiatoren sollten sich mehr als Gastgeber verstehen und tatsächlich einen Raum öffnen – in echt, im analogen Leben. In diesen Raum laden sie Kritiker und Unterstützer ein und führen nach dem Prinzip eines Kirchen- oder Parteitags eine geordnete Debatte. In einem solchen Ansatz läge meiner Einschätzung nach auch die Chance, am Ende ein inhaltliches Ergebnis zu produzieren, das auf breite Zustimmung stößt. Das wird aber anstrengend und setzt einen dritten Wandel voraus:

3. Von der Autorität zur Authentizität
Wo Wert nicht mehr nur im Produkt, sondern auch im Prozess entsteht, verschieben sich auch die Muster der Autorität. Diese muss sich neu begründen – und am besten gelingt dies (die unter Neuigkeit geführten Blogeinträge beweisen es) immer dann, wenn die Antwort auf die Kritik authentisch ist. Diese Authentizität erhöht die Glaubwürdigkeit und am Ende auch die Autorität der Diskutanten. Das ist im Kern nicht neu, Martin Schulz kennt dies aus Wahlkämpfen, es gilt aber verstärkt auch im Netz. Konkret heißt dies: Er könnte hier z.B. in einem Live-Stream Fragen beantworten und damit Autorität in der Sache gewinnen.

Ich bin optimistisch, dass es dem Charta-Team gelingt, die Idee des Digitalen nicht nur auf den Inhalt ihrer Charta zu beziehen, sondern auch für dessen Rahmen. Wenn es ihnen gelingt, die Initiative zu digitalisieren, kann dabei auch ein gutes Ergebnis geschaffen werden. Wie gesagt: Ich sehe dies als Chance!