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Lesen Sie diesen Text – bevor es zu spät ist (Digitale Februar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Februar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Das größte Dilemma des Digitalen hat mit einer Ressource zu tun, die nur wenige als solche erkennen. Sie ist für alle gleich, kann nicht vererbt, aufgespart oder vermehrt werden. Sie ist die Vorausssetzung für alle Arten von Bezahl- und Geschäftsmodell im Web und wird doch nur selten beachtet. Ich spreche von Ihrer Aufmerksamkeit!

Zum Dilemma wird die Zeit durch das ständig steigende Angebot an Zeitvertreib. Denn auf dem Verhältnis von Inhalt und Aufmerksamkeit basiert unsere Wertschätzung. Wir kommen aus einer Welt, in der sehr wenig Inhalt eher viel Aufmerksamkeit traf: Es gab maximal drei Fernsehprogramme, Zeitungen, Magazine und vor allem keine einzige E-Mail. Niemand schrieb Chat-Nachrichten und Urlaubsfotos von Freunden sah man höchstens auf Dia-Abenden. Durch die Demokratisierung der Publikationsmittel hat sich das Verhältnis umgedreht: Auf unsere gleiche Aufmerksamkeitsspanne trifft heute ungleich viel mehr Inhalt. Denn zu den Fernsehprogrammen, Zeitungen und Magazinen von damals sind ja noch all die Websites, Info-Radios und Spezialangebote hinzugetreten, die alleine in keinen Tag passen würden. Doch darüberhinaus verlangen auch all die Tweets, Posts und Mails nach Aufmerksamkeit.

Diesem neuen Verhältnis von Zeit und Zeitvertreib ist es zu verdanken, dass die Dienstleistung, die Welt zu ordnen und Informationen zu sortieren, heute nicht mehr einzig von Inhalte-Anbietern vorgenommen wird, sondern vor allem von Plattformen und deren Filtern. Das kann man mögen oder nicht, dieses neue Verhältnis verschiebt aber die Wertschätzung. Es wird der Anbieter erfolgreich sein, dem es gelingt, Angebote zielgenau und zeitsparend zuzuschneiden. Das Ende des Durchschnitts bedeutet dabei auch: Dienstleistung für Leser*innen zu schaffen, das jeweils beste Angebot zu liefern und nicht nur möglichst viel zu produzieren oder möglichst breit zu informieren.

Diese Verschiebung bedeutet aber vor allem, dass der beliebte Satz „Eine gute Geschichte findet ihre Leser“ vielleicht gar nicht (mehr) stimmt. Denn es kommt auf mehr an als auf den guten Inhalt. Eine gute Geschichte bleibt am Ende trotzdem Wasser, das in den (Info-)Ozean geschüttet wird. Das allein bringt nichts, selbst wenn es Qualitätswasser ist.

Beobachten Sie! Bewerten Sie nicht!

Eine gute Geschichte findet ihre Leser nur dann, wenn sie auch danach sucht. Dazu gibt es zahlreiche Ansätze, eine besondere weil unterschätzte Möglichkeit heißt: Verknappung (deshalb der Titel!). Zahlreiche erfolgreiche Digital-Angebote nutzen das Prinzip der zeitlichen und räumlichen Verknappung, um Aufmerksamkeit zu generieren. Beim Crowdfunding – wie beim besten Sportmagazin der Welt – werden besondere Angebote für einen kurzen Zeitraum offeriert, die es nachher nicht mehr gibt. Bei Insta-Stories werden Bilder nur für 24 Stunden sichtbar angezeigt, TikTok-Filme dürfen nicht länger als 15 Sekunden sein und auf Twitter sind Beiträge auf 280 Zeichen begrenzt.

Ist das nicht ein totaler Fehler? Dachte man nicht immer, im Internet gebe es keine Begrenzung?

Eben! Gerade weil es kaum natürliche Grenzen gibt, nutzen die genannten Ansätze künstliche Verknappungen um ihr Angebot attraktiv zu machen. Sie vermarkten die vermeintliche Schwäche als Alleinstellungsmerkmal. Das ist bemerkenswert, denn im Prinzip funktioniert die Homepage eines Nachrichtenangebots wie sz.de nach dem gleichen Verknappungsmuster wie eine Insta-Story: man kann sie maximal 24 Stunden in dieser Form sehen. Dann ändert sie sich. Die Homepage vom vergangenen Freitag gibt es nicht mehr. Aber kein Nachrichtenangebot, das mir bekannt ist, vermarktet diese vermeintliche Schwäche so wie Instagram oder der Erfinder Snapchat es tun.

Denn oft wird Verknappung fälschlicherweise als unnötige Einschränkung wahrgenommen. Ich kann das Feedback förmlich hören, das man in einem klassischen Medienhaus bekommen hätte, hätte man dort vorgeschlagen, ein Angebot nach 24 Stunden nicht mehr anzuzeigen. „Wieso denn? Damit beschränken wir uns doch unnötig, das machen wir nicht.“ Auch Twitter hätte man in einem solchen Umfeld niemals erfinden können, denn das Alleinstellungsmerkmal Zeichenbegrenzung wäre als unnötig durchgefallen.

Dabei ist der Trick hinter den Verknappungsansätze nicht besonders kompliziert. Es geht eher darum, das Muster zu verstehen. Und das gelingt, wenn man den Fokus weg vom Inhalt hin zur Aufmerksamkeit verschiebt. Sie ist die Voraussetzung für alle folgenden Geschäftsmodelle im digitalen Raum. Deshalb lohnt es sich, das Muster der Verknappung zu verstehen – und achtsam (sic!) zu beobachten, wie und wo Aufmerksamkeit schon heute ein bedeutsamer Faktor ist.

Im Podcast von Digg-Gründer Kevin Rose habe ich dazu ein interessantes Gespräch mit Jake Knapp gehört (in einer ersten Version des Textes habe ich ihn mit Instagram-Gründer Kevin Systrom verwechselt). Das ist der Mann, der die Idee des Design-Sprints erstmals aufgeschrieben hat. Jetzt ist sein neues Buch raus, es heißt „Make Time“ und widmet sich der Aufmerksamkeit von der anderen Seite: Knapp und seinem Co-Autor John Zeratsky geht es Konzentration und Klarheit, es geht um Fokus und Achtsamkeit.

Es ist interessant, welchen Blick Rose und Knapp in dem Gespräch auf die Technik-Anbieter werfen, deren Geschäft stets auf dem Gegenteil beruht. Es öffnet aber einen Blick auf die andere Seite der Aufmerksamkeit, auf die Frage: Worauf richten Sie Ihre Aufmerksamkeit? Kevin Rose hat dafür eine App entwickelt. Sie heißt Oak und soll Menschen helfen, sich zu konzentrieren. Ich finde es ist das sympathischste Angebot im wachsenden Markt der Meditations-Apps (über die es am Wochenende einen sehr guten Text in der SZ gab).

Atmen Sie ein und aus – beobachten Sie, bewerten Sie nicht.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man beobachten kann, worauf ich meine Aufmerksamkeit richten kann.

Shruggie des Monats: das Stories-Format

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree sowie den Traditionshasen und die Plattform Startnext beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. ¯\_(ツ)_/¯

Ich verstehs nicht. Das Format widerspricht allem, was ich meinte über Social Media verstanden zu haben: Man kann es nur für kurze Zeit (24 Stunden) ansehen, es gibt keine Möglichkeit zu öffentlichen Likes oder Kommentaren, keinen sichtbaren Austausch und maximal 15 Sekunden Zeit. Die im Hochformat gefilmten Sequenzen, die Snapchat unter dem Namen Stories erfand, sind mir ein Rätsel – aber ein faszinierendes. Seit Instagram das Format kopiert hat, versuche ich zu verstehen, was den Reiz der Stories ausmacht – mit mäßigem Erfolg. Bis ich mich meiner Ratlosigkeit stellte, einfach selber konsequent Stories zu nutzen begann und einen tollen Text dazu las.

Dabei soll ich hier gar nicht so sehr darum gehen, dass Ian Bogost in diesem the Atlantic-Text Stories als erstes Smartphone-Medienformat beschreibt. Als Shruggie des Monats wähle ich das Story-Format, weil ich eine Menge Leute kennen, die meine Ratlosigkeit ihnen gegenüber teilen. Sie verstehen einfach nicht so genau, was dieses Format will oder soll. Und genau diese Verstörung ist Ausgangspunkt für Neues – behauptet jedenfalls der Shruggie. Er fordert gar dazu auf, sich dieser Irritation bewusst auszusetzen. Eben um auf neue Ideen zu kommen.

Ich bin weit davon entfernt, auf Story-Ideen zu kommen. Seit ich aber aus der Ratlosigkeit heraus begonnen habe, selber kleine Sequenzen zu filmen und zu veröffentlichen, habe ich eine erstaunliche Shruggie-Beobachtung gemacht: Die Verwirrung verschwindet.

Durch die Benutzung habe ich selber verstanden, was ich vorher nur von außen geahnt habe: Die zeitliche Verknappung der Stories sind die grundlegende Basis ihres Erfolgs. Um auf dem Laufenden zu bleiben, was meine Freunde beschäftigt, muss ich sehr regelmäßig ihre Stories anschauen. Denn wenn es blöd läuft, verpasse ich sonst eine zentrale Information – die eben nach 24 Stunden verschwunden ist. So wie Twitter auf die unbegrenzte Möglichkeit der Veröffentlichung mit einer Begrenzung der Zeichenzahl reagiert, so setzt das Stories-Format in Zeiten der ständigen Verfügbarkeit von Online-Inhalten auf deren zeitliche Begrenzung. „Gibts halt nur 24 Stunden, musst du jetzt gucken“ ist die Online-Entsprechung zur Schlange am angesagten Club – eine Verknappung, die das Interesse steigert.

Richtig begriffen habe ich das erst, als ich über meine eigenen Ratlosigkeit hinweg begonnen habe, selber Stories zu veröffentlichen. Denn natürlich bleiben diese nicht ohne Reaktion – die Reaktionen geschehen aber nicht mehr öffentlich. Es gibt einen privateren Austausch als jener auf der Social-Media-Bühne. Auch das ist ein interessanter Aspekt, den ich als außenstehender Beobachter vermutlich nicht erkannt hätte.

Und abseits der formalen Aspekte, eröffnet das Format tatsächlich ein neues Erzählmuster und veränderte filmische Narrative. Ob es – wie Ian Bogost schreibt – wirklich das erste Smartphone-Medienformat ist, kann ich nicht beurteilen. Aber ich glaube er liegt nicht falsch, wenn er analysiert:

“Photography is not about the thing photographed,” Winogrand once said. “It is about how that thing looks photographed.” And likewise, a Story is not about the things sequenced in the story. It is about how those things look through the sensors and software of a smartphone. It’s a dubious sensation, to stare down the barrel of that future.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf, der dieser Tage passender Weise auf Startnext in das längste Podcast-Abo der Welt gestartet ist: Hier kann man es unterstützen

Das Ende des Durchschnitts – der Lauf zum Buch

Wenn ich erklären soll, was den Zauber von Social Media ausmacht, verwende ich gerne die kleine Tipprunde als Beispiel, in der ich seit Jahren mit tollen Kollegen Bundesliga-Endstände vorherzusagen versuchen (mit pesönlich mäßigem Erfolg). Wir tippen Fußballspiele und machen so aus dem allgemeinen Ergebnis eines Spiels ein soziales Erlebnis. Der Endstand einer Partie bekommt durch den sozialen Kontext der Tipprunde plötzlich eine besondere Bedeutung. Denn es wäre mir eigentlich egal, wenn Hoffenheim in der letzten Minute den Ausgleich in Ingolstadt erzielt – wenn ich nicht dadurch drei wichtige Punkte im Tippspiel eingebüßt hätte, weil der Treffer meinen Tipp zerstört…

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Diese besondere, persönliche Bindung an das Spiel ist durch die Vernetzung des Digitalen möglich. Sie steht für mich für das, was man Social Media nennt – Facebook, Twitter oder Instagram, die man gemeinhin mit dem Schlagwort Social Media gleich setzt, nutzen diese Vernetzungs-Möglichkeiten. Das Prinzip „Social Media“ geht aber über die Dienste hinaus, es ist das Prinzip des Netzwerkens, das Prinzip der Kontexte.

Aus dieser Perspektive drängt sich zum Beispiel die Frage auf, warum der Anbieter, auf dessen Plattform wir Woche für Woche Ergebnisse tippen, keine soziale Öffnung anbietet. Man kann lediglich in Tipprunden gegeneinander antreten, es ist allerdings nicht möglich das eigene Ergebnis in andere Kontexte zu übertragen – und z.B. auch mit Bekannten zu vergleichen, die in anderen Tipprunden tippen (oder ich habe das übersehen).

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Seit diesem Wochenende habe ich ein neues Bild, um den Zauber von Social Media zu beschreiben. Und wieder hat es mit Sport zu tun: Es ist ein Stadtlauf, der in allen Städten der Welt zur gleichen Zeit stattfindet. Die Macher nennen ihn den #Global5K, einen Lauf über fünf Kilometer, an dem angeblich über 230.000 Menschen weltweit teilnehmen – ohne dass sie sich sehen können, sich kennen oder an einem gemeinsamen greifbaren Ort sind (bei Twitter und Instagram dokumentiert) Die Distanz wird von einer App gemessen, deren Macher den Lauf veranstalten. Ein Lauf, der wie das Tippspiel über das objektive Ergebnis hinaus geht. Ein Lauf, der auf den Prinzipien von Social Media basiert und ein tolles Symbol ist für das, was ich Das Ende des Durchschnitts nenne. Denn es gibt nicht mehr die eine Start- und Ziellinie, die für alle gleich gilt. Es gibt unzählige Starts und Zieleinfläufe weltweit – verbunden sind alle Läufer durch die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung. Sie sind dadurch mess- und überwachbar, aber sie sind dadurch auch auf eine neue Weise verbunden.

Wenn man die Ambivalenz der neuen Möglichkeiten verstehen will, muss man verstehen, wie der Global5K sich von gewöhnlichen Läufen unterscheidet. Er schafft Das Ende des Durchschnitts, das die Massengesellschaft des 20. Jahrhunderts bestimmte – unter diesem Arbeitstitel recherchiere ich derzeit an einem Buch, das sich mit genau damit befasst: wie die Möglichkeiten der Personalisierung unsere Gesellschaft verändert.

Auch deshalb bin ich heute mitgelaufen.

Dazu muss man Folgendes wissen: Ich bin das, was Läufer einen Jogger nennen. Ein sporadischer Sportler, der keine neonfarbende Laufkleidung besitzt, sich aber gerne im Park bewegt. Als solcher nutze ich seit einer Weile die App, die u.a. mit Hilfe des genannten Events Menschen auf der ganzen Welt verbinden – und zu zahlenden Käufern ihres Premium-Angebots machen will. Das ist mir klar, wenn ich die Dienste der App nutze (u.a. Laufzeit, Tempo und Strecke aufzeichnen lassen). Und dennoch nutze ich sie mit großer Freude und war heute vormittag auch entsprechend enttäuscht, weil sich mein Start bei meinem ersten größeren Laufevent verzögerte: Mein Smartphone hatte GPS-Probleme, die App konnte nicht ermitteln wo ich bin – und folglich auch nicht messen wie schnell ich wo lang laufe.

Also lief ich ein wenig im Park, ohne dabei vermessen zu werden. Dann irgendwann (in der Nähe einer Straße) fand die App ein Signal und ich startete. Als ich einige Minuten später meine Geschwindigkeit kontrollieren wollte, traute ich meinen Augen nicht: ich war mit einem unfassbaren Tempo unterwegs. 17:55 Minuten hat mir die App für die fünf Kilometer bestätigt. Das macht eine Kilometer-Zeit von 3:34 Minuten. Das ist selbst für einen Jogger wie mich ziemlich gut.

Es ist aber vor allem: gelogen. Denn während ich lief, hatte die App erneut GPS-Probleme und kritzelte statt meiner tatsächlichen Laufstrecke eine merkwürdig gerade Linie ins Profil. Mir ist das klar, der App nicht. Sie hat die genannten Kilometerzeit gespeichert. Das ist schön, aber ziemlich weit von meinem tatsächlichen Tempo entfernt.

Da es mir aber nicht um die Geschwindigkeit, sondern um die Metaphorik des Laufs ging, war ich darüber nur mäßig enttäuscht. Denn die 3:34 Minuten beweisen vor allem, dass man blanken Zahlen nicht trauen darf. Ihr Kontext ist bedeutsam – der Kontext der Entstehung wie auch jener der Weiternutzung. Abstrahiert man dies von meinem kleinen Laufe heute vormittag, wird der Kontext zur zentralen Größe in unserem Umgang mit Daten und der Digitalisierung. Davon handelt das Buch, in dem ich darzulegen versuche, worin die Chancen aber auch die Trugschlüsse am digitalen Wandel liegen. Dabei wird auch der heutige Laufe eine Rolle spielen – denn zu allem Überfluss wird er nicht mal zählen. Denn als ich ihn speichern wollte, stellte ich fest, dass die Ankündigung der Macher („Laufen Sie am 6.12. fünf Kilometer“) erst ab 12 Uhr mittags galt.

Zu der Zeit war ich aber schon lange im Ziel …
(Hier gehts zum Buch)

Update: die App hat Ergebnisse veröffentlicht!

Bin ich jetzt im Fernsehen?

Pädagogen überall auf der Welt versuchen es ihren Schülerinnen und Schülern beizubringen: das Internet ist ein öffentlicher Ort. „Was du hier postest, kann weite Kreise ziehen.“ Das weiß man natürlich und doch ist man einigermaßen überrascht, wenn das eigene Sonntagnachmittag-Foto plötzlich im TV zu sehen ist.

Es geht um dieses Bild, das ich am Sonntag auf Instagram mit dem Hashtag #herbst postete. So kam das Bild auf 24 „Gefällt mir“-Herzen, aber auch ins Sichtfeld des Morgenmagazins. Dort konnte man es am Montag um kurz vor neun Uhr bundesweit in ARD und ZDF sehen – als Bebilderung für einen kleinen Schwatz zum Ende der Sendung:

Im Bild sieht man ein Instagram-Logo und durch das, was die Moderatorin sagt, entsteht der Eindruck, ich habe das Bild eingeschickt. Das ist nicht der Fall. Ich habe es öffentlich ins Netz gepostet und dabei den Nutzungsbedingungen von Instagram zugestimmt, damit „gewährst du Instagram hiermit eine nicht-exklusive, vollständig bezahlte und gebührenfreie, übertragbare, unterlizenzierbare, weltweite Lizenz für die Nutzung der Inhalte, die du auf dem oder durch den Dienst postest.“

Deshalb habe ich auch kein Problem damit, dass das Foto plötzlich im Fernsehen auftaucht. Ein Problem habe ich damit, dass sie den kleinen See im Nymphenburger Schlosspark als Teich bezeichnen – und dass ich eher durch Zufall von meinem Fotografen-Ruhm erfahren habe. Sie hätten ja mal vorher Bescheid sagen können…

Instagram

Publizistische Marken werden Medien

Gestern abend hat Jürgen Todenhöfer dieses Foto auf Facebook gepostet – mit diesem Text:

Liebe Freunde, heute Nachmittag bin ich aus dem „Islamischen Staat“ zurückgekehrt. Die erforderlichen Sicherheitsgarantien hatte ich in monatelangen Skype-Gesprächen mit der Führung des ‚Kalifats‘ ausgehandelt. Angeblich war ich der erste westliche Publizist der Welt, der den „Islamischen Staat“ besuchen konnte.

Nach zwanzig Stunden wurde das Bild bereits fast 30.000 Mal mit „gefällt mir“ versehen, fast viertausend Facebook-Nutzer haben den Beitrag mit ihren Freunden geteilt. Und das obwohl man noch gar keine Inhalte von dem Besuch lesen kann. Der Beitrag endet mit den Worten:

In den nächsten Tagen werde ich Euch nähere Einzelheiten meiner zehntägigen Recherchen im „Islamischen Staat“ mitteilen. Jetzt aber bin ich erst einmal hundemüde.

Ende November schrieb die Welt auf ihrer Website, der ehemalige Bundestagsabgeordnete (CDU) und Medienmanager (Burda) plane, den IS zu besuchen. Das hat der Buchautor (Du sollst nicht töten. Mein Traum vom Frieden) nun offenbar getan: „Meine 10 Tage im Islamischen Staat“ ist das Foto überschrieben, das einzig auf Facebook erscheint. Eine klassische publizistische Begleitung über Webseiten oder Magazine ist mir bisher nicht aufgefallen.

Ich schreibe das auf, weil ich bei dem Facebook-Post an das Medienengagement von Mario Götze denken musste: Der Fußballprofi verfolgt erkennbar und wie viele andere die Strategie, vom Inhalt der Berichterstattung selber zu einem Berichterstatter zu werden. Der Fall von Jürgen Todenhöfer scheint vergleichbar gelagert zu sein: Der „angeblich erste westliche Publizist der Welt“, der den Islamischen Staat besucht, berichtet darüber – auf Facebook.

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen: Marken werden zu Medien

Update:
Ein Interview mit den Tagesthemen – verbreitet über Facebook

Marken werden Medien

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Vier Stunden vor dem gestrigen Spiel gegen die TSG Hoffenheim postete der Account des FC Bayern Profis Mario Götze das obige Motiv auf Instagram. Innerhalb von sechzig Sekunden, reagierten 1990 Instagram-Nutzer mit einem „gefällt mir“ auf das Motiv, das darauf hinwies, dass der gestrige Samstag ein Matchday genannter Spieltag sei.

Das Tempo der Begeisterung lies innerhalb der ersten Viertelstunde etwas nach. Statt 33 Likes in der Sekunde, klickten bis zur 14ten Minute durchschnittlich zwanzig Nutzer innerhalb einer Sekunde auf „gefällt mir“. Bis zum Anpfiff hatte sich die Anzahl der Likes für das Instagram-Motiv auf fast 92.000 summiert. Das ist drei Mal soviel wie Götzes Bild bis jetzt (fast 24 Stunden später) auf Facebook erzielt hat. Als Götze das 1:0 im Stadion in Fröttmaning erzielte, war die Zahl der Likes bei rund 100.000. (Zur Detailansicht auf das Bild klicken)

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Der Mann, dessen Name sich nur in einem Buchstaben von Goethe unterscheidet, hat 2,2 Millionen Instagram-Accounts hinter sich versammelt. Das ist viel, aber auch nicht ungewöhnlich für einen Spieler dieser Bekanntheit. Immerhin ist er Schütze des Siegtors im WM-Finale – und wie das aktuelle 11Freunde-Cover erinnert „der bessere Messi“.

Das Spiel gegen Hoffenheim war als Spitzenspiel in der derzeit mittelspannenden Bundesliga angekündigt, endete aber eindeutig mit 4:0 für den FC Bayern. Es darf also in Sachen Instagram-Analyse als gewöhnlich gewertet werden.

Und deshalb schreibe ich das überhaupt auf: In einem durchschnittlichen Bundesligaspiel erreicht ein Profi des Rekordmeisters mit einem durchschnittlichen Instagram-Motiv im November 2014 über 100.000 Likes – wobei ich die Zahl der Likes als Annäherung für ein bewusstes Erreichen von Zuschauern werte. Gesehen haben das Motiv vermutlich sogar noch entschieden mehr Menschen.

Mario Götze ist nicht mehr nur Spieler einer Fußball-Mannschaft oder Werbeikone für Unternehmen – er ist selber ein Medium. Im Frühjahr 2009 schrieb ich für die SZ über die Twitterwette zwischen Ashton Kutcher und CNN und die Frage, warum prominente Menschen Social-Media-Dienste nutzen (ja darüber wunderte man sich damals)

Damit ist die behauptete Demokratisierung der Publikationsmittel durch das Internet nun bei denen angekommen, die schon immer in der Öffentlichkeit standen: Ashton Kutcher und alle anderen VIPs, die twittern, nutzen die Kurzmitteilungsplattform, um die Macht darüber zurückzugewinnen, was und wie über sie berichtet wird. Wenn Kutcher Bilder vom angeblichen Hinterteil seiner Ehefrau ins Netz stellt, verlieren alle Paparazzi-Schnappschüsse mit ähnlichen Motiven ihren Wert. Kutchers Botschaft lautet: Näher und authentischer kann niemand über mein Leben berichten als ich selbst.

Fünfeinhalb Jahre muss man festhalten, dass der Prozess auf einer neuen Stufe angekommen ist: Marken werden Medien. Das Beispiel der Marke „Mario Götze“, die übrigens auch eine Website betreibt, die so aussieht wie ein Fußballmagazin, zeigt dies nicht nur auf dem Kanal Instagram gerade sehr deutlich. Das Medienkonzept hinter dem Fußballer wird unter dem Hashtag #partofgoetze in allen digitalen Kanälen (Web, App, Social-Media) gebündelt – und wirft die Frage auf: Wie reagieren Medien auf diese Entwicklung?


Update:
David Bauer weist mich auf ThePlayersTribune hin.