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Shruggie des Monats: Immer wieder aufstehen

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

In diesen Tagen ist das Magazin Spiegel Wissen mit dem Titelthema „Stark durch die Krise“ erschienen. Es geht um Corona und den Umgang mit den Folgen. Die Redaktion wählt das Bild eines Gummis um einen elastischen Weg der Krisenbewältigung zu beschreiben: „Gummi hat die Eigenschaft, einem Druck nachzugeben, aber ebenso in seine ursprüngliche Form zurückzufinden, sobald dieser Druck nachlässt. Solche Elastizität kann auch unsere Seele haben, nur heißt sie dann Resilienz.

Wenn ich das Wort Resilienz lese, muss ich immer an Patrick Fabian denken. Der Verteidiger des VfL Bochum beendet an diesem Sonntag seine aktive Fußballer-Karriere, die aus unterschiedlichen Gründen außergewöhnlich ist. Nicht weil Fabian wahnsinnig viele Titel errungen oder besonders viele Tore erzielt hätte. Patrick Fabian spielt beim VfL Bochum, da gibt es eh fast nie Titel. Außergewöhnlich ist seine Karriere, weil er seit dem Jahr 2000 an der Castroper Straße tätig ist: 20 Jahre – 1 Klub hat die Sportschau geschrieben und damit betont: Diese Treue ist im Fußball selten.

Fabian passt zum VfL Bochum weil er wie vermutlich kaum ein anderer Sportler für die Philosophie des Vereins steht: Unbeugsam zu sein, sich von Widerständen nicht unterkriegen zu lassen, steht im Leitbild des Vereins für Leistungssport, den manche Fans (inklusive mir) nicht selten eher für einen Verein fürs Leidenssport halten. Patrick Fabians Leiden ist genauso ungewöhnlich wie seine Treue: Er hatte vier Kreuzband-Risse und sechs Knie-Operationen im Laufe seiner Karriere – und ist dennoch am vergangenen Sonntag im Ruhrstadion eingewechselt worden.

Der SZ-Kollege Ulrich Hartmann beschrieb Fabians Leidensgeschichte nach dem vierten Kreuzband-Riss (dem ersten im linken Knie) so:

Im rechten Knie war ihm das vordere Kreuzband zuvor nämlich bereits drei Mal gerissen – wobei das medizinisch so nicht ganz korrekt ist. Denn nachdem ihm im März 2011 das Kreuzband im rechten Knie gerissen war, haben ihm die Ärzte dort seine Semitendinosus-Sehne eingesetzt, und nachdem auch diese Ersatzsehne im Januar 2012 gerissen war, haben sie ihm dort seine Quadrizeps-Sehne eingesetzt, und seit auch diese zweite Ersatzsehne im Juli 2012 gerissen war, trägt Fabian im rechten Kniegelenk nun seine Patella-Sehne.
Der Innenverteidiger des VfL Bochum weiß nicht, welche Sehne man noch als Kreuzband hätte benutzen können oder ob sich das rechte Knie überhaupt noch einmal erholt hätte – aber im linken Knie, da war die Sache relativ einfach. Man setzte ihm diesmal gleich die Patella-Sehne als neues Kreuzband ein. Danach absolvierte Fabian halbwegs routiniert zum vierten Mal in seinem Sportleben die mehrmonatige Rehabilitation.

Dazu muss man wissen, dass ein Kreuzband-Riss vermutlich zu den schwerwiegendsten Sportverletzungen zählt, die man sich vorstellen kann. „Horrorblessur“ steht in dem SZ-Text und dass es nicht viele Sportler:innen gibt, die nach vier Rissen noch aktiv sind. Patrick Fabian zählt dazu. Und das muss – so merkwürdig das klingt – mit der Gummi-Metapher zu tun haben: mit Resilienz, mit der Widerstandsfähigkeit und der Kraft, immer wieder aufzustehen.

Auf seinen Social-Media-Kanälen hat Patrick Fabian nach der Verabschiedung am vergangenen Sonntag nach dem letzten Bochumer Heimspiel der Saison ein Video veröffentlicht, in dem er sagt:

Es lohnt sich im Leben, Widerstände auszuhalten, an sich zu glauben, weiter zu machen, immer wieder aufzustehen. Weil man am Ende dafür belohnt werden kann. Es gibt keine Garantie, aber es gibt immer die Option – und die sollte man nie unberücksichtigt lassen, sondern es immer wieder versuchen. Und sich nicht von Widerständen aus dem Weg räumen lassen, sondern sie einfach akzeptieren und nur das tun, was in der eigenen Macht steht und sich dafür entscheiden, den Weg gegen solche Widerstände zu gehen.

Wer hier regelmäßig mitliest, weiß, dass ich den Fußball als Metapher häufiger nutze. Deshalb fällt es mir leicht, in Fabians Worten eine Nähe zur Grundhaltung des Shruggie zu finden: Widerstände zu akzeptieren und trotzdem nicht aufzugeben. Das steckt in dem Song „Immer wieder aufstehen“, den die Krautrockband Herne 3 in den 1980er Jahren veröffentlicht hat – und den ich irgendwie symapthischer finde als die Rede von der Fehlerkultur und dem Feiern des Scheiterns (Foto: unsplash).

Im Kern geht es aber um das gleiche: Es geht darum, immer wieder aufzustehen.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer sich für meine Vorliebe für Sport-Metaphern interessiert: ich habe hier über das Prinzip Unbeugsam zu sein beim VfL Bochum geschrieben (was übrigens durchaus einen Zusammenhang zu Sascha Lobo hat), hier ein Zitat des ehemaligen Bochumer Trainers Verbeek über Angst notiert und hier Lauflehren für die Medienbranche gezogen.

Die große Chance auf eine Renaissance der Radioreportage

Wenn ich die maximal komplizierte so genannte Medienrechte-Vergabe der Deutschen Fußball-Liga (DFL) richtig verstanden habe, hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk heute sein Kernprodukt wieder entdeckt: das Radio. In der Sprache der Medienrechte-Jurist*innen heißt das „Audio-Rechte“, gemeint ist aber das gleiche: die ARD-Anstalten haben eine richtig große Chance auf eine Renaissance der (Sport-)Radioreportage! (Foto: unsplash)

Ebenfalls vergeben wurden die Audio-Rechte – dabei setzte sich die ARD in beiden Bereichen (UKW und Web/Mobile) durch.

Als die Rechte zu Amazon wechselten, schrieb ich hier einen Abschied von der Schlusskonferenz. Denn im Angebot von Amazon kann ich das ganze Spiel in einer Live-Reportage anhören – und das ist leider viel besser als die unbestritten gute Schlusskonferenz der ARD, wie wir sie bisher kannten.

Mit den neuen Audio-Rechten hat die ARD mit ihren Anstalten nun die Chance zu beweisen, was sie aus einem ganzen Spiel machen kann – und nicht nur aus den letzten 20 Minuten. Ich hoffe darauf, dass die ARD diese Chance nutzt und den Standard ausbauen wird, den Amazon gesetzt hat. Als Fußball- und Audio-Fan (hier mein Geisterspiel-Lob) wünsche ich mir…

… saubere Live-Berichte aus den Stadien aller Erst- und Zweitligisten in voller Länge. Dabei bitte vor allen Dingen zunächst beschreiben, wer auf dem Rasen gerade aktiv ist, dann erst Bewertungen oder persönliche Einschätzungen ergänzen. Eine Live-Reportage im Radio (damit meine ich Web wie UKW) ist eine Dienstleistung am/an der Hörer*in: „Ich sehe die Welt mit den Augen der Reporter*in“
… dazu eine Option auf eine vollständige Bundesliga-Konferenz über 90 Minuten (nicht nur 20 Minuten)
… keine regional gefärbte Pseudo-Fan-Perspektive nach Bundesland aus Perspektive der Kommentator*in („Kein Sieg für 60, aber aus bayerischer Perspektive immerhin ein Unentschieden für den FC Bayern“), sondern höchstens von Expert*innen, die später dazu geschaltet werden und Fans sein dürfen
… die Option, Live-Berichte aus Fan-Perspektive zu wählen. Wenn es zu einem Derby im Sendegebiet kommt, kann ein zusätzlicher Reiz darin liegen, einen Live-Kommentar aus z.B. Dortmunder oder Schalker Perspektive anzubieten
… alles in allem die Bereitschaft (und vielleicht sogar Begeisterung), diese „Audio-Rechte“ so zu behandeln als sei es ein neues, cooles Format, das gerade aus Amerika kommt (Live-Podcast!) Dazu zählt zum Beispiel, die Domain bundesligakonferenz.de richtig zu nutzen. Stand heute (22.6.2020, 22 Uhr) führt sie auf eine abgeschaltete Unterseite vom WDR http://www1.wdr/radio/wdr2/programm/ligalive-uebersicht-100.html Das geht besser! ARD, ich zähl auf Dich!

Geisterspiele und der beiläufige Zauber von Live-Events

Back in Black. Unter dieses Motto hat der VfL Bochum den Neustart in die Schlussphase der Corona-Rückrunde in der Zweiten Fußballbundesliga genannt. Es gab ein Sondertrikot, Heimtickets (mit denen man den Verein finanziell von daheim unterstützen kann) und jede Menge Diskussionen über die so genannten Geisterspiele. Ich lese jeden der Texte, die über das Verhältnis von fehlendem Publikum und dem Sport geschrieben werden, der ja im Mittelpunkt stehen sollte, aber doch ohne Fans an Bedeutung verliert. Der Zauber gehe verloren, wenn die Fans nicht da sind, habe ich gelesen und dass der Fußball ohenhin total drüber sei und eine Pause gut getan hätte. Womöglich ist beides richtig. Weil ich mich aber in den vergangenen Wochen hier viel mit dem Charakter von digitalisierten Live-Events befasst habe und den Fußball mag, hier drei Beobachtungen von diesem ersten Spieltag nach Corona. (Foto: Unsplash)

Ich bette diese ein in ein Format, das ich die Mutter aller Live-Events nennen würde: die Radioreportage beim Fußball. Ich liebe Fußball im Radio. Alles, was man über den Zauber von „Live“ und „Streaming“ wissen muss, kann man an der Radioreportage ablesen mithören. Fußball im Radio ist völlig anders als der Besuch im Stadion oder die Übertragung von TV-Bildern. Fußball im Radio schafft ein eigenes Ereignis, das ohne das Geschehen auf dem Rasen nicht möglich wäre, sich von dem aber maximal weit entfernt. Bei mir war das heute die Distanz vom Ruhrstadion in Bochum bis zum Olympiastadion in München. Während an der Ruhr Grönemeyers Loblied auf die Stadt ins leere Stadion gespielt wurde, lief ich durch den Olympiapark und hörte mir die Radioreportage im Live-Stream bei Amazon an. Ich hörte spürte diese lautlose Leere, die von den Geisterspielen ausgeht, die aber auch ein lauter Sehnsuchtsruf ist: der kindliche, naive Wunsch, dass all dieser Scheiß vorüber gehen soll. Wenn jetzt! sofort! bitte! schon nicht möglich ist, dann soll wenigstens die Erinnerung daran helfen, wie es vor ein paar Tagen war, die doch so unglaublich weit weg sind: als das ganze Stadion mitsang.

Ich habe diese Form des Sport-Machens und der gleichzeitigen Sport-Teilnahme in den vergangenen Jahren als perfekte Symbiose meiner Radio- und Laufbegeisterung lieben gelernt. Denn wenn Guido Hüsgen über das Geschehen in Bochum spricht, fühle ich mich auf eine erstaunliche Weise sportlich verbunden (und sogar angetrieben), vergesse dabei aber, dass ich in München laufe (was mir eines der nobleren Ziele des langen Laufens zu sein scheint, wie ich in der ersten Staffel vom Minutenmarathon beschreiben werde). Wenn dann der tollere Verein noch drei Treffer erzielt, wird der Lauf zu einer großen Freude. Denn in Wahrheit ist das Spiel eben trotzdem nur eine Nebensache (wenn auch die schönste der Welt). Im Sport ist diese Beobachtung zu einer bedeutsamen Fußballreporter-Floskel geworden, ich glaube sie gilt aber auch darüber hinaus für Live-Events:

1. Das Live-Event ist stets mehr Beiwerk als uns bewusst ist
Es ist dies vermutlich der blindeste Fleck von Menschen, die Inhalte erstellen: Der Inhalt ist wichtig, aber eben nur ein Bestandteil einer größeren Komposition. Wir gehen auf ein Konzert oder zu einer Lesung natürlich wegen des Inhalts, den die Künstler*innen auf der Bühne zeigen, aber eben nicht nur. Wir gehen auch wegen der Freundinnen und Freunde, um andere Menschen zu sehen, ein Bier zu trinken, uns auszutauschen. Der Inhalt fügt sich im besten Fall möglichst beiläufig in das soziale Event ein. Der gestreamten Lesung oder dem virtuellen Konzert fehlt diese Beiläufigkeit oft noch. Das Live-Event im Web will immer die ganze Aufmerksamkeit. Für Moderationen und Workshops ist das ein großer Vorteil, bei jeglicher Form der Kunst steht sich die Kunst damit so sehr im Weg, dass sich kein Zauber verbreiten kann. Deshalb nutzen manche Künster*innen zum Beispiel auf Twitch die Let’s play-Dynamik, die man vom Live-Event „ich schau anderen beim Computerspielen zu“ kennt.

2. Social ist viel wichtiger als gedacht Dass Fußball irgendwie geisterhaft wirkt, wenn kein Publikum zuschaut, bestätigt nicht nur die These von der Beiläufigkeit, sondern beweist: ohne den sozialen Austausch verliert das Hauptevent die Attraktivität. Erst der soziale Kontext macht den Content wertvoll. Wir haben in den vergangenen Jahren unter dem Schlagwort Social Media gelernt, wie Medien „social“ wurden, gerade lernen wir durch den Verzicht auf Fans, wie social die Inszenierung Fußball ist. Live-Events sind wie oben beschrieben schon immer Ort des sozialen Austauschs. Leider ist der digitalen Entsprechung bisher nur selten eine entsprechende soziale Komponente geglückt.

3. Die Prägung ist häufig bedeutsamer als die Möglichkeit Helge Schneider hat unlängst in einem Facebook-Video angekündigt, nicht im Live-Stream oder vor Autos auftreten zu wollen. So lange die physische Distanz Auftritte klassischer Prägung nicht zulasse, wolle er lieber gar nicht auftreten, weil ihm bei allen neue Varianten der soziale Austausch fehle. Das ist erstaunlich, weil nahezu alle, die ich für den Online-Only-Fragebogen sprach, lobten, dass der digitale Chat eine neue ganze andere Form des Austauschs ermögliche. Wir haben diese noch nicht richtig verstanden und ihre Möglichkeiten noch nicht richtig nutzen gelernt, aber der Austausch ist schon da. Wir erkennen ihn auch deshalb nicht, weil wir immer mehr auf das schauen, was wir gewöhnt sind als auf das, was die nächste Generation für normal hält.

Für das Dilemma, in dem der Fußball gerade steckt, ist das keine Lösung, deshalb tröste ich mich mit dem schönen Lauf (samt gutem Ergebnis), den ich heute hatte. Alles andere bleibt im Ungewissen: wir fahren auf Sicht.

Dieser Beitrag ist Teil einer kleinen Serie hier im Blog, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Dazu sind erschienen:
> Interview mit Jasmin Schreiber von Streamkultur
> Shruggie des Monats: Der Live-Stream
> Zehn Lehren aus der Coronakrise für Videokonferenzen und Live-Streams
> Performance-Künstler Marcus John Henry Brown über die Herausforderung, Menschen im Stream zu halten
> Social-Media-Experte Michael Praetorius über Workshops im Stream
> Pfarrerin Miriam Hechler über Gottesdienst im Stream
> Museums-Experte Maximilian Westphal über Führungen im geschlossenen Museum
> DJ Ivo Schweikhardt übers Auflegen im Stream
> Autor Pierre Jarawan über Workshops zum Kreativen Schreiben im Stream
> Musikerin Maria über Musikunterricht im Stream
> Denny Leo Kinder über Friseure im Stream
> Wolfgang Tischer über Lesungen im Stream
> Die Therapeuten Imke Herrmann und Lars Auszra über Therapie im Stream
> Lehrer Philippe Wampfler über Unterricht im Stream
> Autor Tom Hillenbrand über Krimis auf Twitch
> VHS-Chef Christof Schulz über Volkshochschule im Stream
> Zukunftsforscher Gerd Leonhard über die Zukunft von Live-Events und Live-Streams

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Konstruktives Feedback für Ideen-Ausdauer

Arbeiten Sie in einem kreativen Unternehmen? Unterstützt Ihr berufliches Umfeld neue Ideen? Bei der Antwort auf diese Fragen spielen viele Faktoren eine Rolle: Wertschätzung für ungewöhnliche Wege, eine reflektierte Führungs-Ebene und eine grundsätzlich offene Atmosphäre im Unternehmen. In den vergangenen Wochen ist mir persönlich aber noch eine häufig unterschätzte wichtige Komponente für kreative Unternehmen aufgefallen, über die ich hier ein paar Sätze schreiben will: die (konstruktive) Feedback-Kultur (Foto: Unsplash)

Wer häufiger in diesem Blog mitliest, weiß, dass ich Sport-Metaphern schätze. Besonders gerne wähle ich Bilder aus dem Fußball oder nehme das Laufen als Symbol für eine außersportliche Entwicklung. Wenn ich im Folgenden erläutern möchte, wie konstruktives Feedback zu einer kreativen Unternehmenskultur beitragen kann, nehme ich natürlich wieder den Sport als Bild, denn es geht auch um eine läuferische Idee, die gerade bei der Süddeutschen Zeitung realisiert wurde: der Minutenmarathon.

Bis ich im vergangenen Herbst den Halbmarathon beim München-Marathon gelaufen bin, habe ich nicht verstanden, welche Kraft von den Trommel-Gruppen und Zuschauenden ausgehen kann, die einen Lauf begleiten. Für Außenstehende ist kaum nachvollziehbar was für Läufer*innen eine echte Superkraft werden kann: Menschen, die an der Laufstrecke stehen, trommeln, lachen und anfeuern. Die Strecke wird dadurch nicht kürzer, man braucht nicht weniger Kraft und doch wird alles viel leichter, wenn man Menschen an der Laufstrecke sieht, die gute Laune verbreiten. Vermutlich braucht man kein abgeschlossenes Psychologie-Studium um die Zusammenhänge zu verstehen, die von der besonderen Atmosphäre ausgehen, die durch Zuschauer-Support entstehen kann. Plötzlich läuft man leichter, die Beine sind auf einmal nicht mehr so schwer und das Ziel wirkt irgendwie näher oder zumindest erreichbar.

Ich glaube, dass der Weg von einer Idee zu einem neuen Produkt mit einer langen Laufstrecke vergleichbar ist. Irgendwer hat den Spruch geprägt Ideen seien wertlos, die Umsetzung sei entscheidend. Ich glaube, dass das klug klingt, aber nicht stimmt. Es gilt umgekehrt: Ohne Ideen ist alles nichts. Jede gute Idee beginnt mit einem mutigen Gedanken. Und kreative Unternehmen erkennt man daran, dass Menschen sich dort trauen, mutige Gedanken zu formulieren. Denn manchmal meistens sind diese mutigen Gedanken vor allem dies: unpassend, ein bisschen albern, dumm und undenkbar. Irrigerweise denken deshalb manche, alles was unpassend, ein bisschen albern oder dumm ist, sei deshalb sofort mutig. Das stimmt nun auch wieder nicht. Richtig ist aber, dass kreative Unternehmen Menschen brauchen, die mutig genug sind, das Unpassende auszusprechen – und auch umzusetzen.

Ein Minutenmarathon überträgt die zentrale Zahl eines klassischen Marathons von der Distanz auf die Dauer des Laufs: ein Minutenmarathon dauert 42,195 Minuten – und ist damit der beste Marathon für Laufanfänger*innen. Mehr zum Thema unter minutenmarathon.de

Um diesen Weg zu bewältigen, gibt es unterschiedliche Strategien. Eine meiner Einschätzung nach häufig übersehende Methode ist die des konstruktiven Feedback. Dieses fühlt sich an wie der Support bei einem langen Lauf an der Wegstrecke. Nein, damit meine ich nicht ein kritikloses Zujubeln. Ich meine dieses Gefühl, das sich beim Lauf einstellt, wenn man am Wegesrand einen ausgestreckten Daumen sieht: da sind Leute, die dir zutrauen, dass du ins Ziel kommst.

Für mich persönlich fühlt sich konstruktives Feedback in einem Team genau so an: da sind Leute, die einer Idee zutrauen, dass sie ins Ziel kommt. Meist sind dies nur kleine Zeichen, die aber sehr große Wirkung entfalten. Ich hatte hier eine ganze Liste unterstützender Hilfe beim konkreten Minutenmarathon-Projekt notiert, habe die aber gerade alle gelöscht, weil die Kolleg*innen schon wissen, dass ich sie meine, wenn ich schreibe: Es ist die Bereitschaft im Team und über Team-Grenzen hinweg, auch etwas zu tun, was man nicht zwingend tun muss. Es ist die Offenheit, eine Kritik nicht mit einem abwehrenden aber, sondern mit einem gestaltenden und zu formulieren. Es ist die Geduld, eine Idee bis zum Ende anzuhören, auch wenn es nicht das persönliche Lieblingsthema ist. Es ist die Offenheit, daran zu glauben, dass die Idee ins Ziel kommen kann.

Klar, diese Idee muss auch mit entsprechendem Engagement vorgetragen werden. Wer konstruktives Feedback wünscht, muss auch offen dafür sein und Kritik aushalten. Aber die entscheidende Superkraft, die kreative Unternehmen von den weniger kreativen Umfeldern unterscheidet, sind nicht Post-its oder Boards oder Chefs, die Agilität kennen. Die Superkraft für kreative Umfelder entsteht aus den vielen kleinen Rückmeldungen, die gestaltend sind und nicht destruktiv. Das sind Bemerkungen, die von Freundlichkeit getrieben sind, nicht von Missgunst. Das sind Hinweise und Tipps auf weiterführende Ideen und auch Warnungen vor Umwegen. Aber nie sind sie aus einer Ablehnung oder Arroganz heraus formuliert, sondern stets aus dem Glauben an ein gemeinsames, erreichbares Ziel (wie man gutes Feedback lernt? Bei Neue Narrative gibt es ein paar Vorschläge.)

Bei dem aktuellen Projekt ist mir wegen der Corona-Krise besonders aufgefallen, welche Energie in diesen vermeintlich kleinen Gesten des konstruktiven Feedbacks steckt. Die vergangenen Wochen waren nicht einfach und ein neues Projekt nicht gerade passend. Es ist trotzdem ins Ziel gekommen – und heute wird der erste Laufnewsletter verschickt.

Deshalb habe ich mir selber vorgenommen, in Zukunft viel besser zu überlegen, wie ich Feedback gebe. Denn auf diese Weise kann jede und jeder eine Menge dafür tun, ein offenes Umfeld zu schaffen. Anders formliert: ob ich in einem kreativen Unternehmen arbeite, hängt auch davon ab, wie ich Feedback gebe und auf neue Ideen reagiere…

Fünf Dinge, die ich bei The Athletic über Journalismus gelernt habe

Im Sommer 2019 hatte mein SZ-Kollege Jürgen Schmieder einen interessanten Artikel über das US-Sportangebot The Athletic geschrieben: „Das Sportportal startete im Oktober 2016 in Chicago, expandierte ein paar Tage später ins kanadische Montréal und danach recht schnell in amerikanische Städte wie Cleveland, Detroit und San Francisco, schrieb er. „Das Alleinstellungsmerkmal ist nicht der Versuch, die komplette Welt des Sports abzubilden, sondern in ausgewählten Bereichen mehr zu wissen oder besser zu erklären als die Konkurrenz – dafür braucht es Reporter, die bestens über einen Verein informiert sind.“ Einer dieser Reporter ist Raphael Honigstein (der vor einer kleinen Ewigkeit auch mal hier im Blog zu Besuch war), als er kurz danach ankündigte, zum britischen Ableger der US-Seite zu wechseln, wurde ich das zweite Mal auf The Athletic aufmerksam.

In den vergangenen Tagen habe ich mir das Angebot, das über ein bezahltes Abo-Modell zugänglich ist, in einem freien Test mal genauer angeschaut. Mein Fazit: Ich finde den Ansatz äußerst spannend, da der Schwerpunkt aber bisher auf US-Sport und britischem Fußball liegt, bin ich unsicher, ob ich ein bezahltes Abo abschließen will (siehe Punkt 5 unten). Ich würde für diesen Journalismus aber unbedingt bezahlen, wenn er sich noch ausführlicher der Bundesliga (und bis #meinvfl aufsteigt, auch der zweiten Liga?) widmet. Denn an der Art und Weise, wie The Atheltic den Sport-Journalismus verändert, kann man etwas über die Branche in Bewegung lernen:

1. Gute Begründungen für guten Journalismus

Ich bin sozialisiert mit der Haltung, guter Journalismus spreche für sich selbst. Von den Lehrerinnen und Lehrern, die ich an der Journalistenschule hatte, hätte keine und keiner eine solchen Text schreiben können, wie Raphael Honigstein ihn im Sommer schrieb, als er erklärte, warum er zum The Athletic wechselt: „The best places of work make you feel like you belong.“ Kann man da lesen. „It has been like that from the outset. We’re not just colleagues here but a band of brothers and sisters, a gang of writers, grateful to have been given this opportunity, determined to show that we can pull this off. Whether we’ll turn out more like the Wild Bunch, the Incredibles or the Expendables, only time will tell. What I can promise you is that I will, along with everyone else, do my utmost to bring you the best features and analysis we’re able to produce. Writing for The Athletic, the way I understand it, is an attempt to do no-bullshit sports journalism, the telling of stories not as a means to sell advertising – but as an end in itself.“ Es ist eine Kunst, ohne Pathos starke Gefühle für die eigene Arbeit zu wecken – und Leserinnen und Lesern damit einen Grund zu geben, warum sie diese Arbeit unterstützen sollen. Nicht nur Raphael, alle Autorinnen und Autoren, die ich mir bei The Athletic angeschaut habe, beherrschen diese Kunst. Die Art und Weise wie sie sich auf der Seite vorstellen, sollte Bestandteil jeder Medienkompetenzschulung sein. Denn sie zeigen, warum sie sich für eine Thema interessieren und warum das Publikum das auch tun sollte – und dabei geht es um so etwas Nebensächliches wie Fußball. Was wäre da erst möglich, wenn Politik-Journalist*innen sich so öffnen würden.

2. Das Ende der Nachrichten-Homepage

Zwar sagt der Chefredakteur Paul Fichtenbaum das Ziel sei die Sport-Seite der Welt zu werden (“Our vision is to be the sports page for the world”), doch damit ist etwas anderes gemeint als die Startseiten klassischer Nachrichtenportale. Bei The Athletic gibt es keine für alle gleiche Durchschnitts-Seite, wer The Athletic liest, folgt einem Club, einer Sportart, einer Liga. Und sie oder er folgt diesen Themen mit einem klaren Ziel: Um tiefgehenden Journalismus zu bekommen. Fichtenbaum nennt den Kern der Marke „a storytelling brand“, es geht The Athletic also um Hintergründe, nicht um Nachrichten: “Our mandate is to tell people why things happened, and how they happened, not what happened. We do very little transactional news. We need to give the audience something more, something deeper. It’s that explanatory journalism, the bigger picture that brings people back to us.

3. Neue Wertschätzung für die eigenen Inhalte

So über Inhalte zu sprechen, ist das eine. Sie auch so zu präsentieren, ist etwas anderes. The Athletic behandelt seine Texte wie Netflix seine Serien: Wenn ich einen Text gelesen habe, wird mir dies angezeigt. Der Teaser taucht in der Übersicht nur eingegraut auf. Wie bei einem Podcast-Player, der mir zeigt: diese Folge hast du schon gespielt. Das ist nur ein Detail, aber eines, das mir als Leser deutlich macht: Hier geht es um tiefgehende Inhalte, die die Seite selber wertschätzt – tue das auch. Denn der Hauptkanal für The Athletic ist die werbefreie Pay-App, über die die Inhalte gelesen und kommentiert werden. Ein winziges Feature, das aber starke Symbolkraft hat, ist das Angebot, jeden Text mit drei Gefühlsregungen zu bewerten. Das wirkt aus klassischer journalistischer Perspektive vielleicht albern, ich finde es großartig und es erhöht meine Bindung an die Seite und an die Autor*innen.

4. Journalismus weiter denken: in den Dialog

Dialog ist ein zentrales Angebot von The Athletic. Unter allen Texten, die ich in meiner Testphase gelesen habe, waren die Autoren selbst aktiv. Unter keinem Text habe ich einen Marken-Account gesehen, der moderierend eingreifen musste. Das kann Zufall sein, es zeigt aber: Bei The Athletic endet der Journalismus nicht bei der Publikation, er beginnt dann erst. Denn viele Texte werden auch fortgeschrieben. Auch hier zeigt sich: Die Inhalte werden wie Serien behandelt, sie bauen aufeinander auf. Und womöglich entsteht durch einen Leser*innen-Kommentar eine neue Geschichte. Denn um diese besonderen Zugänge geht es. Fichtenbaum sagt seinen Reporter*innen, sie sollten nicht auf Pressekonferenzen gehen, sondern die Geschichten hinter den Meldungen finden: „I tell our folks ‘watch the game, don’t type’. After the game, don’t go to the press conference because that’s where everybody gets the same quote. Go find somebody who’s not there. Go talk to some other personnel from a team, develop sources. If we get the same information as everybody else, then why would people give us their credit cards. It’s really about differentiation and uniqueness.“ Es ist erstaunlich, aber diese Unterscheidung kann im Jahr 2020 noch über Offenheit, Zuhören und Dialog gelingen.

5. Text ist nur der Anfang

Ich interessiere mich nicht wirklich für den klassischen US-Sport, aber was ich in der App an Videos zu dem Thema finden könnte, ist schon beeindruckend. Wirklich bewerten kann ich die Breite im Angebot nur bei den Podcasts für den britischen Fußball. Dabei handelt es sich um eine konsequente Fortführung der oben beschriebenen Strategie für Text. Hier findet man tiefgehende Analyse und Hintergründe zum Hören. Da mein Interessenschwerpunkt aber eher in der Bundesliga liegt, bin ich unsicher, ob ich dafür zahlen möchte. Auf meine Unsicherheit hat die The Athletic übrigens sehr nett reagiert. Statt mich nach sieben Tagen in ein Bezahl-Abo zu überführen oder rauszuwerfen, wurde der Testzeitraum nochmal verlängert. Ob ich ihn verlängern soll?

Wer sich für „fünf Dinge“ interessiert:
Fünf Dinge über Tiktok
Fünf Dinge übers Streiten

Crowdlauf: Mit Virtual Runs laufend Gutes tun

„Es gibt keine Start- und keine Ziellinie, keine Streckenposten, keine Verpflegungsstationen, keinen gemeinsamen Ort – und doch gibt es einen gemeinsamen Lauf, der unter neuen Bedingungen stattfindet. Ein Lauf in die Zeit, die nicht mehr einzig vom Durchschnittsprinzip bestimmt wird.“ Mit diesen Worten habe ich in „Meta – Das Ende des Durchschnitts“ das Prinzip so genannter Virtual Runs beschrieben. Es handelt sich um Laufveranstaltungen, bei denen Teilnehmer*innen sich nicht an einem Ort, sondern in der digitalen Vernetzung treffen, um gemeinsam zu laufen.

Ich finde diese Form der Vernetzung (nicht nur beim Laufen) äußerst spannend – und habe hier im Blog schon wiederholt darüber geschrieben. Durch Zufall bin ich auf Crowdlauf gestoßen, ein Projekt, das Virtual Run für einen guten Zweck anbietet. Das hat mich so fasziniert, dass ich zum einen am Wochenende beim #everybodyisperfect-Lauf von theatritralisch.com mitgelaufen bin (Hintergründe hier, Beweis hier), sondern im Anschluss auch Daniel von Crowdlauf ein paar Fragen zu seinem Projekt gestellt habe.

Bist Du selber Läufer?
Ja, aber eher Trail-Läufer. Ich laufe also am liebsten Berge hoch und runter.
2012 habe ich begonnen, regelmäßig zu laufen. Ich war damals auf einer vierwöchigen USA-Reise und sah in Kalifornien so immens viele Jogger. Das hat mich inspiriert. Seitdem laufe ich zwei- bis dreimal pro Woche.
Meine Leidenschaft für das Trail-Laufen kam 2018, als ich zum ersten Mal an einem 25 km Trail in Innsbruck teilnahm. Mittlerweile laufe ich auch Ultra-Distanzen über 60 oder 70 km. In 2020 steht mein erster 108 km Trail mit 5.000 Höhenmetern an. Das wird krass!

Wie bist Du auf das Konzept Virtual Run gekommen?
Ich kannte das Konzept bereits aus dem englischsprachigen Raum. Dort ist der Begriff Virtual Run seit mehreren Jahren gut etabliert.
Virtual Runs sind eine besondere Art von Lauf-Event, bei denen man von jedem beliebigen Ort der Welt aus teilnehmen kann. Du meldest dich online an, läufst deine übliche Trainingsrunde im Park, trackst deine Kilometer und trägst danach deine Distanz und Zeit auf einer Website ein. Oft erhältst du als Belohnung eine Medaille, die dir per Post geschickt wird.
Für Läufer*innen aus Deutschland war es aber immer etwas doof, dort mitzumachen, weil der Versand der Medaillen oft sehr lange dauerte und auch kostspielig war. Das machte die Teilnahme an diesen Virtual Runs eher unattraktiv. Also haben Robert und ich im Jahr 2017 Crowdlauf gestartet und damit Virtual Runs nach Deutschland geholt.

Ein Aspekt, den ich an virtuellen Läufen immer etwas merkwürdig finde, ist die Startnummer. Wenn du als einziger im Park eine trägst, schauen alle immer etwas verwirrt. Ihr habt trotzdem Startnummer im Angebot. Warum?
Um ehrlich zu sein: Ich würde während eines Virtual Runs in der Öffentlichkeit auch keine Startnummer tragen!
Bei uns haben die Startnummern vor allem den Zweck, dass sie dich – wenn du nach deinem Lauf Fotos machst, um deine Kilometer bei uns einzureichen – eindeutig als Virtual-Run-Teilnehmer*in ausweisen. Dafür reicht es aber völlig, die Startnummer erst hinterher herauszuholen.
Manche tragen sie aber trotzdem während ihres Laufs, weil sie das an einen Wettkampf erinnert – und das motiviert sie dann zusätzlich. Manche haben sogar ihre Medaillen beim Laufen mit dabei, was schon krass ist, weil die meisten unserer Medaillen sehr groß und schwer sind. Man muss hier auch wissen: Bei uns erhalten alle Teilnehmer*innen ihre Medaillen schon vor dem Lauf, damit sie glücklich und gut gelaunt losstarten.

Ich laufe gerne und finde das Konzept von Virtual Runs großartig. Ich glaube sogar, dass man es noch weiter steigern könnte: Es wäre ja möglich, dass viele Teilnehmer*innen tatsächlich zur gleichen Uhrzeit an einem bestimmten Tag starten – aber eben an unterschiedlichen Orten. Habt Ihr sowas mal geplant?
Das wäre tatsächlich mal einen Versuch wert. Wenn alle zur selben Zeit am selben Tag starten und im Anschluss die ganze Crowd ihre Fotos vom Lauf im Netz teilt, hätte das mächtig Wumms in Sachen Aufmerksamkeit. Ein zentraler Aspekt von Crowdlauf ist nämlich auch, über wichtige soziale und ökologische Themen aufzuklären. Das könnte durch solch eine Aktion gut funktionieren.
Bis jetzt haben wir die Teilnahmezeiträume bei jedem Virtual Run immer auf mehrere Tage bis hin zu mehreren Wochen ausgedehnt. Einfach deshalb, weil die Crowdlauf-Community noch nicht so groß ist. An einem Wochenende finden alle irgendwann mal Zeit, einen Lauf zu machen. An einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit ist das für viele nicht mehr so leicht zu schaffen. Wir müssen ja immer auch versuchen, bei einem Virtual Run eine kritische Masse zu mobilisieren, damit wir etwas bewirken können.


Ihr betreibt Crowdlauf zum zweit. Dein Geschäftspartner sitzt in Hamburg, Du in Straubing. Schon mal gemeinsam einen Virtual run unternommen?

Ha! Nein, es ist uns tatsächlich noch nicht gelungen, gemeinsam – also physisch nebeneinander – zu laufen. Wenn wir einen Virtual Run veranstalten, läuft Robert in Hamburg mit und ich in Straubing, so wie die meisten Crowdläufer*innen das an ihren Wohnorten auch machen.

Aber Eure Zusammenarbeit basiert ja auf dem gleichen Prinzip der „virtuellen“ Zusammenarbeit. Wie macht Ihr das?
Wir haben Crowdlauf von Anfang an so konzipiert, dass wir alles möglichst schlank halten können. Das heißt bei uns: Wir arbeiten komplett von unseren Home Offices aus. Ein zusätzliches Büro brauchen wir nicht, das würde uns nur teure Miete kosten. Auch die Medaillen, die wir über unseren Online-Shop verkaufen, lagern im und um das Home Office herum. Sie werden auch von hier aus verpackt und verschickt – bei einem täglichen Spaziergang zum Briefkasten.
Auf Geschäftsreisen verzichten wir fast vollständig. Wir treffen uns lediglich einmal im Jahr zu einem Strategie-Wochenende, um über die Zukunft von Crowdlauf zu sprechen. Ansonsten haben wir immer mittwochs einen festen Skype-Termin, zusätzlich zu unserer täglichen Kommunikation über Slack und E-Mail. Alles, was wir entscheiden, wird in einem Wiki protokolliert. So behalten wir den Überblick, was wir wann machen wollen.
Dieses Prinzip, alles schön schlank zu halten, wenden wir übrigens auch auf die Weiterentwicklung von Crowdlauf an: Wir haben viele Ideen, wohin die Reise für uns gehen könnte. Aber wir überlegen uns sehr genau, und wählen auch sehr genau aus, welchen Schritt wir wann tun wollen.
Wir sind z.B. 2017 mit einer einzigen Medaille gestartet, um erstmal das Konzept „Medaille kaufen und für einen guten Zweck laufen“ vorsichtig zu testen. Als wir gemerkt haben, dass das gut ankommt, haben wir weitere Medaillen angeboten. Später kamen dann die Virtual Runs dazu, die auf den Medaillen aufbauen: Nur wer die Medaille hat, kann auch an dem dazugehörigen Virtual Run teilnehmen. So kommt eines zum anderen. Wie eine Treppe, die man hoch geht: Die zweite Stufe kann es nicht ohne die erste geben. Alles baut aufeinander auf.

Haben sich schon Anbieter von Laufsoftware wie Runkeeper oder Adidas Run bei Euch gemeldet, um mit Euch zusammenzuarbeiten?
Es gab schon mal Kooperationsanfragen von diversen Firmen. Aber die passten mit dem, was sie anbieten, nicht zu Crowdlauf. Lauf-Apps waren allerdings noch nicht darunter.
Klar, könnten wir uns da Kooperationen vorstellen! Wie cool wäre es, wenn z.B. jemand über die App eine Laufeinheit von sich zum Crowdlauf deklarieren könnte – und andere Leute die Medaille direkt über die App bestellen könnten. Da wir 75 % unseres Jahresgewinns an gemeinnützige Organisationen spenden, würden gleich mehrere Seiten davon profitieren.

Spekulier mal ein wenig: Wohin wird sich Crowdlauf in den nächsten Jahren entwickeln?
Wir sind als Social Business gestartet. Wir wollen auch in Zukunft 75 % unseres Jahresgewinns spenden und über wichtige soziale und ökologische Themen aufklären. Das ist das Herz und die Seele von Crowdlauf. Ich glaube nicht, dass sich daran jemals etwas ändern wird.
Was sich aber ändern kann, ist der Weg, den wir gehen werden, um diese Ziele weiter zu verfolgen. Wir finden es z.B. sehr spannend, zusätzlich zu unseren derzeitigen Aktivitäten spezielle Angebote für Firmen zu schaffen. Angebote, mit denen kleine und große Unternehmen Crowdlauf als Plattform nutzen können, um gemeinsam mit uns positive Effekte für die Umwelt und unsere Gesellschaft zu erzielen. Das wäre eine richtig interessante Sache.

Daniel war unlängst im runskills-Podcast zu Besuch und hat über die Idee von Crowdlauf gesprochen. Mehr übers Laufen (und was man vom Laufen für Medien lernen kann), hier im Blog: Ich habe über zwei Läufe geschrieben, an denen ich teilgenommen habe: einmal an dem Lauf nach dem Durchschnitt, den Global5K von Runkeeper und später am Global6k von World Vision. Beide Läufe waren Virtual Runs, das Konzept habe ich in meinem Buch „Meta – das Ende des Durschnitts“ beschrieben. Außerdem habe ich mit Gunnar Jans übers Laufen gesprochen und dazu passend Fünf Entwicklungen notiert, die man beim Laufen für (digitale) Medien lernen kann

Hier kann man sich für den aktuellen Crowdlauf anmelden

Global Running Day: laufend über die Digitalisierung lernen

Heute ist der Globalrunningday – ein Aktionstag, bei dem Menschen weltweit an einem Rennen teilnehmen, das an keinem einzelnen Ort stattfindet, sondern an ganz vielen. Es geht um einen guten Zweck und es geht darum, die Freude am Laufen zu teilen. Dahinter steckt ein Anbieter für Tracking-Software, der das ganze „powered“. Denn solche Aktionstage zeigen auf interessante Weise, wie das Laufbusiness sich durch die Digitalisierung verändert. (Foto: Unsplash)

Ich finde das so eindrücklich, dass ich sogar mal behauptet habe, dass man daraus Lehren auch für die Medienbranche ziehen kann. Dabei hat die wichtigste Erkenntnis erstmal gar nichts mit der Medienbranche im Speziellen zu tun. Sie zeigt im Allgemeinen, was Digitalisierung bedeutet: sie löst den Durchschnitt auf. Ich habe beim Laufen verstanden, was Segmentierung bedeutet und diesen Lauf zur Grundlage für „Das Ende des Durchschnitts“ genommen.

Darüberhinaus stecken im Laufen aber viele sehr konkrete Hinweise darauf, wie sich die Medienbranche verändert. Teile davon kann man in diesem Interview mit Runtastic-Gründer Florian Gschwandtner oder in diesem Gespräch mit Laufexperte Gunnar Jans lernen.

Außer den fünf Erkenntnissen, die ich im Mai 2017 notiert habe

1. Vom Produkt zum Prozess – wie der Markt sich verändert
2. Vom Verkäufer zum Gastgeber – wie die Unternehmen sich neu positionieren
3. Vom Kunden zum Testimonial – wie Verbraucher eine andere Rolle annehmen
4. Von der Marke zum Medium – welche Rolle Inhalte spielen
5. Von der (Produkt-)Eigenschaft zum Erlebnis – wie Werbung sich verändert

… ist mir diese Woche ein Aspekt aufgefallen, der für Sportartikelhersteller noch viel bedeutsamer sein wird: Ich habe mir nämlich neue Laufschuhe gekauft, weil die App, die ich nutze, verfolgt wieviele Kilometer ich bereits gelaufen bin. Es lohnt sich also allein aus Gründen der Kundenbindung, dass der große japanische Sportartikelhersteller meine App gekauft hat. Denn so habe ich mir jetzt zwei Paar neue Schuhe gekauft. Nicht über die App, sondern über das Sporthaus meines Vertrauens in der Innenstadt. Es ist aber absehbar, dass diese Kundenbeziehung für den Schuhhersteller wertvoller ist als die Schuhe selber.

Genau darum geht es, wenn man über die Zukunft von Abo- oder Subscription nachdenkt – jedenfalls in dem Sinne, in dem Tien Tzuo in Subscribed darüber schreibt. Es geht nicht einfach nur darum, ein Abo zu nutzen, sondern ein Nutzerbedürfnis in der Weise zu befriedigen, dass die Nutzer*innen gerne und kontinuierlich dabei bleiben. Das Wortspiel sei gestattet: ein laufender Prozess!

Weiterlesen:
> Lauflehren
> Interview mit Gunnar
> Lauf im Buch

Deutschland und das Internet

Es wird in diesem Land ja an unterschiedlichen Stellen darüber diskutiert, wie es passieren konnte, dass die Parteien offenbar den Draht (sic!) zu jungen Wählerinnen und Wähler verlieren konnten. Karin Janker und Sascha Lobo haben dazu in der SZ und bei SPON sehr lesenswerte Analyse vorgelegt, die beste Zusammenfassung für das Thema liefert der Präsident des FC Bayern. Ulrich Hoeneß hatte sich unlängst auf unglaubliche Weise über Jerome Boateng geäußert und wurde dann dafür auch im Internet kritisiert. Jetzt ist er gefragt worden, wie er das Echo einschätzt.

Seine Antwort ist erstaunlich, sie legt nämlich offen, welches Verhältnis wichtige Menschen Menschen, die sich für wichtig halten zum Internet haben. Hoeneß sagt:

Ich kenne überhaupt kein Echo, weil ich nie ins Internet gehe. Und es interessiert mich auch nicht, was da geschrieben wird. Die Leute sollen mir einen Brief schreiben, dann antworte ich schon drauf.

Mehr zum Thema im Newsletter-Text „Bewahren vs. Gestalten“

Shruggie des Monats: der Fußball-Botschafter 2019

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Ich habe eine Schwäche für Fußball-Metaphern. Ich mag es, den Sport als Bild für gesellschaftliche Entwicklungen zu nehmen und daraus ungefragt Schlüsse zu ziehen. Im Digitale-Notizen-Newsletter habe ich das hier schon mal anhand des Begriffs Unbeugsam und der allgegenwärtigen Fehlerkultur getan. Und genau in diesem Sinne möchte ich ein Zitat nutzen, das ich unlängst vom Deutschen Fußballbotschafter 2019 gelesen habe. Jürgen Klopp, Trainer des FC Liverpool, ist vor ein paar Tagen auf diese Weise ausgezeichnet worden – und Ende April sprach er im Interview mit der Deutschen Welle dieses Worte als er auf das Klischee des ewigen Finalverlierers angesprochen wurde:

Ich stand bereits sechsmal mit einem Team in einem Endspiel und habe sechsmal verloren. Aber das macht mich nicht zu einer gebrochenen Person oder so. Für mich bedeutet das Leben, es immer wieder zu versuchen. Wenn nur Gewinner überleben dürfen, können wir alle einpacken (…) Wenn der liebe Gott mich dafür braucht, um zu zeigen, dass jemand sechs Endspiele in Folge verliert und er es tatsächlich auch noch ein siebtes Mal versucht, dann bin ich die perfekte Person dafür. Keine Ahnung, wer das entschieden hat, aber offensichtlich ist das ein lustiger Kerl.

Diese Worte wurden gesprochen bevor Klopps Mannschaft erst ein sensationelles Spiel mit epischer Niederlage in Camp Nou und anschließend ein Rückspielwunder gegen Barcelona ablieferte. Als Klopp diese Perspektive eröffnete, war überhaupt nicht klar, ob Liverpool überhaupt ein weiteres Mal ein Finale erreichen könnte. Jetzt stehen sie im Endspiel von Madrid – und können die Champions League gewinnen. Manche sagen, Klopp müsse jetzt auch mal ein Finale gewinnen, sonst bleibe er der ewige Zweite.

Ich habe mit großem Interesse die Klopp-Biografie von Raphael Honigstein gelesen (der vor einer Ewigkeit auch schon mal hier im Blog zu Gast war) und das DW-Interview und ich finde, dass Klopp auf wunderbare Weise den Eindruck vermittelt, dass ihm egal ist, was andere über ihn denken könnten. Über die Finalniederlagen sagt er: „Ich kann ich damit leben. Es waren nicht gerade die besten Tage meines Lebens, sie schaffen es auch nicht in meine Top-Five. Aber trotzdem sind es sehr wichtige Erfahrungen für mich, und ich will sie für die Zukunft nutzen.“ ¯\_(ツ)_/¯

Das allein wäre angetan, um als Shruggie des Monats in den Tagen vor dem entscheidenden Spiel gegen Tottenham ausgewählt zu werden. Aber Klopp schließt noch eine Botschaft an diesen shruggiehaften Umgang mit Sieg und Niederlage an. Und wenn Fußball eine Botschaft hat (und einen Botschafter, der sich übermittelt), dann sind Klopps Ratschläge, die er für junge Spieler hat, vielleicht nicht die schlechtesten Ideen um etwas im Sinne des Shruggie „für die Zukunft“ zu nutzen. Er rät:

Sei offen und lerne die Sprache so schnell du kannst! Das Wichtigste ist: Sei offen und lerne, lerne, lerne! Das hören junge Menschen vermutlich nicht gerne. Aber Lernen heißt tatsächlich vom Leben lernen.

Ich würde mir wünschen, dass Klopp das Finale gewinnt. Aber irgendwie geht es darum in Wahrheit gar nicht.

¯\_(ツ)_/¯

Hier das ganze DW-Gespräch auf englisch anschauen:

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Fünf Fitness-Übungen für Demokratie ? (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wissen Sie was mit einem Muskel passiert, wenn er unter Belastung gerät?
Er wächst. ?
Wissen Sie was mit der Demokratie passiert, wenn sie unter Belastung gerät?
Das hängt von Ihrer Reaktion ab.

Ich glaube, dass Demokratie wie ein Muskel funktionieren kann. Ich glaube, dass sie unter Belastung stärker werden kann. Wenn rechtspopulistische Parteien in Parlamente einziehen oder Extremisten unterschiedlicher Prägung den Pluralismus und die Freiheit in Frage stellen, dann ist das eine Belastung für die Demokratie – wie ein langer Lauf eine Belastung für die Muskulatur ist. Es ist anstrengend, aber nicht das Ende. Die Muskulatur wird gefordert, wenn man sich die Kräfte aber gut einteilt, wird sie dadurch stärker.

Ich will mich nicht denjenigen anschließen, die aus den rechtspopulistischen Entwicklungen weltweit den Schluss ziehen, die Demokratie sei in Gefahr. Ich will nicht denen folgen, die – wie exemplarisch Gert Heidenreich in der Außenansicht in der SZ – zu Intoleranz auffordern, um die Demokratie zu schützen. Ich halte diese Aufrufe – auch wenn sie aus bester Absicht geschehen – für grundfalsch: Wer die plurale Demokratie verteidigen will, muss beginnen, sie zu praktizieren. Wer die Grundideen der offenen Gesellschaft wertvoll findet, darf sie nicht bei der kleinsten Bewährungsprobe in Frage stellen.

Was wir gerade erleben, ist eine Herausforderung für die Demokratie: kein Anzeichen für den Untergang, sondern die Möglichkeit zu wachsen. Wer unter sportlicher Belastung zu schwitzen beginnt, ist dadurch ja auch nicht automatisch in Gefahr – womöglich ist es vor allem das: Training. (dass die trainierenden Menschen auf diesem Unsplash-Bild von Quino Al in einem Boot sitzen, ist übrigens ein Wink mit dem Zaunpfahl – siehe dazu „Aber“ von Eko Fresh)

Ich würde mir wünschen, dass wir mit einem Training für unsere demokratischen Fähigkeiten beginnen: Mit einem Prozess, der uns in die Lage versetzt, demokratisch fitter zu werden. So wie ein regelmäßiges Lauftraining die Ausdauer steigert, brauchen wir Übungen in Demokratie, die uns offener, toleranter und pluraler machen. Das ist anstrengend und fordernd, aber es ist nicht: der Untergang! Denn das beste Mittel um die Demokratie zu stäkren, ist demokratisches Verhalten: eine Kultur des aufgeklärten Zweifels und der Ironie und das Bekenntnis zu mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit!

Natürlich: Man muss das Training gut dosieren. Und so wie übermäßiges Lauftraining auch schädlich sein kann, muss man auch beim Demokratie-Training das Toleranz-Paradoxon von Karl Popper im Hinterkopf haben. Es sollte aber niemanden daran hindern, überhaupt mit dem Training zu beginnen.

Deshalb habe ich fünf Übungen gesammelt, die mindestens ein guter Anfang sind. Denn: Damit kann jede und jeder bei sich beginnen:

? 1. Es gibt mehr Meinungen als meine. Selbst wenn ich sie falsch finde: Es ist okay, dass es andere Meinungen gibt. Es ist nicht okay, wegen Meinungsdifferenzen persönlich angreifend zu werden. Streitkultur ist ein wichtiger Bestandteil demokratsicher Öffentlichkeiten. Wir müssen sie praktizieren und vielleicht sogar wie Aladin El-Mafaalani in diesem Interview als Teil der Leitkultur verstehen.

? 2. Ich akzeptiere das Fremde und Andere, denn Demokratie lebt von Pluralität. Wir achten einander – und das Recht auf eine andere (auch falsche) Meinung. Egal wie dringlich das Thema ist, es gilt die Maxime: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ – auch in Bezug auf die eigene Meinung: Es ist stets auch die Freiheit ZUM Andersdenken

? 3. Ich vermeide Verachtung. Egal wie doof die andere Meinung ist, ich erlaube mir nicht, deshalb die Anderen zu verachten. Man kann unterschiedlicher Meinung sein und trotzdem die Gegenseite als Mensch akzeptieren – Arthur Brooks nennt dazu mehrere Ansätze („How To Disagree Better“), im Kern geht es ihm aber immer darum, Verachtung zu vermeiden.

? 4. Ich versuche nicht zuerst die Andersdenken zu überzeugen, sondern sie zu verstehen. Selbst wenn ich ihre Argumente für falsch halte: Ich verlange von mir selber, dass ich diese Argumente kenne. Nur wenn ich die Meinungen der Gegenseite kenne, kann ich mich auch mit ihnen auseinander setzen. Gerade bei hoher Komplexität ist ein breites Meinungsspektrum wichtig, denn Diversität ist kein moralischer Maßstab, sondern die beste Methode komplexe Probleme zu lösen.

? 5. Ich versuche, Menschen und Meinungen zu trennen – und suche einen sachlichen Austausch. Dabei leiten mich diese zehn Gebote der Logik. Denn der Versuch, alle Entwicklungen in einen Dualismus von Pro&Contra zu zwängen, führt manchmal zu eine so genannten „falsebalance“, was gerade bei wissenschaftlichen Fakten ein großes Problem sein kann.

Diese fünf Vorschläge sind ein Anfang. Ich freue mich auf Ergänzungen, die Übungen für die demokratische Fitness in diesem Land und in Europa sind. Denn ich glaube, dass das Fazit stimmt, das Naika Foroutan in diesem Interview mit dem Tagesspiegel zieht:

Die Menschen sind diesen Kulturpessimismus leid, sie sind es satt, agitiert zu werden. Die Hasswelle, die seit ein paar Jahren über uns hinwegrollt, durchschauen viele inzwischen. (…) Wir müssen Widerstand zeigen und ein klares Bekenntnis: Ja, wir wollen in einer pluralen Demokratie zusammenleben, die vom Gedanken der Einigkeit, des Rechts und der Gleichheit angetrieben wird. Ich denke, es gibt da gerade ein großes Momentum, man hört schon die ersten rufen: Auf, auf! Setzt euch in Bewegung! Es ist unser Land. Verteidigen wir es gemeinsam!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Kann es (noch) besser werden?“ (Juni 2018) „Altland“ (April 2018) „#smarterphone“ (März 2018) „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).