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„Grautöne sichtbar machen“ – Martha Eierdanz über konsens

Welche Wege gibt es, um in Gruppen gute Entscheidungen zu treffen? Martha Eierdanz und Maximilian Hoffmann aus Berlin haben dafür eine tolle Website ins Netz gestellt, die auf Basis der Methode des systemischen Konsensierens möglichst vielen Menschen Entscheidungsfindung zugänglich machen will: konsens.it ist eine Art Doodle für die Entscheidungsfindung. Ich habe Martha einige Fragen zu dem Projekt gestellt.

Ihr habt eine Seite ins Netz gestellt, die helfen will, Lösungen in einer Gruppe zu finden. Wie seid Ihr auf die Idee gekommen?
Max beobachtete bei seiner früheren Arbeit, dass es für die fünf gleichberechtigten Partner schwierig war Entscheidungen zu treffen, weil sie häufig unterschiedliche Ansichten hatten. Dadurch wurden Entscheidungen verzögert oder es wurden Lösungen erneut diskutiert, die eigentlich schon verworfen waren.

Er begann deshalb zu recherchieren, wie man Entscheidungsprozesse in Gruppen effizienter machen kann. Dabei ist er auf die Methode des Systemischen Konsensierens gestoßen, bei der Vorschläge mit Widerstandspunkten bewertet werden. Wir waren beide zu der Zeit in der Klimabewegung aktiv und haben festgestellt, dass auch dort die Methode regelmäßig genutzt wird, z.B. von Fridays for Future. In der analogen Durchführung ist sie jedoch relativ komplex, erfordert Moderation, Materialien und die manuelle Berechnung der Ergebnisse. Zudem müssen sich alle Teilnehmenden zu einem Zeitpunk zusammenfinden.

So kam die Idee, den Prozess zu vereinfachen und digital abzubilden. Dadurch haben Teilnehmende die Möglichkeit auch außerhalb von Meetings und zu unterschiedlichen Zeiten Vorschläge einzureichen und abzustimmen. Spätestens seit der Pandemie mit Home-Office und überwiegend digitaler Kommunikation wurde diese Möglichkeit noch wichtiger.

Die Seite erinnert ein wenig an eine Art Doodle zur Konsens-Findung. Hast Du eine Idee, weshalb es so etwas zwar zur Terminkoordination gibt, bei inhaltlichen Fragen, die ja häufig viel bedeutsamer sind, aber eher unbekannt ist?
Ich denke das hängt mit dem geringen Demokratisierungsgrad unserer Wirtschaft und Arbeitswelt zusammen. Aktuell arbeiten die meisten von uns in Hierarchien mit wenig Entscheidungsmacht und Selbstbestimmung. Wichtige Entscheidungen werden von Vorgesetzten getroffen.

Hierarchische Strukturen eignen sich jedoch nicht, um flexibel auf komplexe Probleme zu reagieren. Eine einzelne Person hat nie alle Informationen, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können. Deshalb beziehen immer mehr Organisationen ihre Mitarbeitenden in Entscheidungen ein. Hierarchien werden flacher und Teams arbeiten zunehmend selbstorganisiert. Dadurch entsteht auch der Bedarf nach neuen Prozessen und Werkzeugen, mit denen Menschen gemeinsam effektiv Entscheidungen treffen können. Wir sehen konsens daher als einen Beitrag zur Demokratisierung der Arbeitswelt.

Tatsächlich haben wir uns an der Einfachheit von Doodle orientiert. Wir wollten ein ebenso barrierefreies Nutzungserlebnis schaffen: ohne Anmeldung und mit einem Link, den man teilen kann. Während Doodle mittlerweile von allen Teilnehmenden die E-Mail-Adresse abfragt, haben wir das bewusst vermieden. Datensparsamkeit und ein deutscher Server-Standort waren uns sehr wichtig, weil wir aus der Klimabewegung und unserer Arbeit wissen, dass das eine Voraussetzung für den Einsatz in gemeinnützigen und politischen Organisationen ist.

Die Besonderheit an der Seite ist, dass Ihr keine Präferenzen abfragt und dann quasi nach demokratischen Kriterien einen Sieger kürt. Ihr dreht es genau um und fragt nach Widerstandspunkten. Warum?
Eine wichtige Erkenntnis aus unserer Recherche war, dass Widerstandspunkte gegenüber Mehrheitsentscheiden deutliche Vorteile haben. Erstens macht es einen großen Unterschied, ob wir uns fragen „wie sehr mag ich etwas?” oder „wie sehr kann ich mit etwas leben?“. Letzteres zwingt uns darüber nachzudenken was uns stört und was geschehen müsste, damit dieser Störfaktor nicht mehr existiert. Zum einen hilft das kritische Punkte aufzudecken, die sonst nicht an die Oberfläche gekommen wären. Zum anderen ist es ein erster Schritt zu einem besseren, angepassten Vorschlag, der die Störfaktoren nicht mehr enthält.

Zweitens ist es fast unmöglich zu einer Lösung zu kommen, die alle gut finden. Bei konsens geht es stattdessen darum eine Lösung zu finden, die alle mittragen.

Drittens bringt die Abstufung zwischen 0 und 10 mehr Nuancen mit als die Wahl zwischen Ja, Nein und Enthaltung. Diese Nuancen geben ein viel besseres Stimmungsbild ab.

Zusammengefasst bringen Widerstandspunkte die Teilnehmenden dazu, kritischer mit der eigenen Meinung umzugehen, nach Lösungen zu suchen und seltener Entscheidungen aufgrund reiner Vorlieben zu blockieren.

Habt Ihr einen idealen Nutzer:innen-Typ vor Augen, der Eure Seite nutzen soll?
Grundsätzlich kann konsens in allen möglichen Kontexten genutzt werden, egal ob in Unternehmen, in politischen Organisationen oder im Privaten mit Freunden und Familie. Wir sind aktuell in Kontakt mit unterschiedlichen Gruppen aus dem sozialen und politischen Bereich, weil dort demokratische Entscheidungen bereits die Regel sind.

Wir hoffen jedoch, dass konsens auch in anderen Bereichen zu mehr partizipativen Entscheidungen führt, weil sie mit konsens einfacher und schneller durchzuführen sind. Wenn dadurch mehr Entscheidungen auf kollaborative und demokratische Weise getroffen werden, wäre das für uns ein großer Erfolg.

Könnte man das Instrument auch nutzen, um zum Beispiel politische Entscheidungen zu treffen?
Auf jeden Fall. Es haben schon Organisationen aus dem politischen Bereich Interesse bekundet, konsens für die Beteiligung von Bürger:innen zu nutzen. Ein weiteres Beispiel sind Bürger:innenräte, die zunehmend zum Einsatz kommen. Dabei werden Bürger:innen zufällig ausgelost, um zu einem bestimmten Thema einen Vorschlag auszuarbeiten, der anschließend der Regierung vorgelegt wird.

Die Entscheidung trifft aber natürlich nicht konsens selbst, sondern immer die Menschen die konsens nutzen. konsens zeigt vielmehr ein Stimmungsbild auf und identifiziert die Lösung, die von den meisten Teilnehmenden mitgetragen wird. Was die Beteiligten daraus machen, ist ihnen überlassen.


Am Ende ist die Seite ein Lob der Fähigkeit zum Kompromiss. Täuscht mein Eindruck, dass diese Fähigkeit ein wenig verloren gegangen ist?

Ich verstehe den Eindruck sehr gut. Meiner Meinung nach hängt das damit zusammen, wie Macht in Organisationen verteilt ist und wie infolgedessen Entscheidungen getroffen werden. In vielen Organisationen herrschen hierarchische Strukturen. Dort werden erst gar keine Kompromisse gesucht, weil Vorgesetzte Entscheidungen ohne Abstimmungen treffen können. Dadurch kann die Fähigkeit zum Kompromiss auch nicht geübt und gestärkt werden. In demokratischen Strukturen hingegen sind Kompromisse unvermeidbar, da Macht verteilt ist und viele Menschen mitentscheiden.

Zudem erzeugen andere Entscheidungsmethoden Konkurrenz zwischen Gewinner:innen und Verlierer:innen. Nehmen wir z.B. den Mehrheitsentscheid, also die Wahl zwischen Ja, Nein und Enthaltung. Wenn man selbst mit Nein stimmt, aber die meisten Menschen mit Ja, fühlt man sich direkt als Verlierer:in. Es fällt schwer in dieser Situation etwas Positives für sich herauszuziehen. Die Welt ist aber nicht Schwarz und Weiß wie beim Mehrheitsentscheid. Deshalb geben Widerstandspunkte ein besseres Bild ab. Sie machen die Grautöne sichtbar, so wie sie im echten Leben existieren.

Unter konsens.it kann man das Instrument auf deutsch und englisch ausprobieren

Die Glut-Theorie im Deutschlandfunk (Digitale Juni-Notizen)

Ein Teil meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann, erscheint in diesem Monat beim Deutschlandfunk.

Im März war ich beim Kölner Kongress des Deutschlandfunk unter dem Titel „Erzähl mir was Neues“ eingeladen. Auf Basis meines Vortrags dort ist ein Essay entstanden, das vergangene Woche im Programm des Deutschlandfunk lief. Ich verweise auf den Beitrag, weil die Glut-Theorie der politischen Debatte (Symbolbild: Unsplash) auch Bezug nimmt auf einige Texte, die hier im Newsletter erschienen bzw. die hier verlinkt sind.

Grundlage für den Text war die Beobachtung, Impfverweigerung als Meme zu denken. Diese Analyse ist ebenso in Vortrag und Essay eingeflossen wie Teile der Mai-Folge der Digitalen Notizen sowie „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) und „Ich mag Twitter“ (November 2021).

Den neuen Blick auf Meme und memetische Muster verdanke ich aber vor allem der Arbeit an dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“, das bei Wagenbach erschienen ist.

Hier den Beitrag im Deutschlandfunk anhören

Ich mag Twitter (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wann waren Sie zuletzt auf einem Fußballplatz? Ich meine nicht jene, auf denen Millionäre Werbung auf dem Shirt herumtragen, sondern die Plätze, auf denen junge Menschen mit- bzw. gegeneinander spielen. Ich frage das, weil der Besuch an einem solchen Ort jede Menge Erkenntnisse zu Tage fördert. Eine will ich heute teilen, sie hat einen Bezug zur Netzkultur:

Wer jemals Eltern auf einem Fußballplatz gesehen hat, wird sich nie mehr über die Diskussionskultur auf Twitter beschweren!

Fußball ist ein wunderbares Spiel, ein tolles Hobby und ein nahezu unerschöpfliches Reservoir für Metaphern aufs Leben (Symbolbild: unsplash). Man lernt beim Fußball Resilienz und es macht meistens Freude, sogar dann wenn man mit Anstand verliert.

Dass man das lernen muss, kann man Woche für Woche auf deutschen Fußballplätzen beobachten. Als ich unlängst Zeuge folgender Szene wurde, dachte ich mir: Der Diskurs über die Diskussionskultur im Netz hat mindestens einen blinden Fleck. Vielleicht ist es nämlich gar nicht so sehr „das Internet“, das uns vor Probleme stellt, sondern Defizite in der Streitkultur in Gänze.

Auf zwei nebeneinander liegenden Spielfeldern einer Bezirkssportanlage wurden Spiele ausgetragen. Die jüngeren Spieler auf der einen Seite gingen respektvoll miteinander um, sie spielten durchaus körperlich, sie kämpften um jeden Ball – aber sie akzeptierten die Entscheidungen des Schiedsrichters, hielten sich an die Regeln. Stress wurde einzig von außen aufs Spielfeld getragen. Eltern, die auf Höhe des einen Strafraums eine Abseitsstellung am anderen Strafraum nicht nur erkannten, sondern auch lauthals einforderten. Sowohl die spielenden Kinder als auch der junge Schiedsrichter ließen sich davon nicht beeindrucken. Was die Eltern nicht davon abhielt, mehr Härte („hau ihn um“) und grundsätzlich mehr Einsatz zu fordern.

Wozu dieses Reinrufen der Vorbild-Generation führen kann, konnte ich auf dem nebenliegenden Spielfeld beobachten. Die Spieler, die hier wetteiferten waren rund zehn Jahre älter und hatten deutlich hörbar Probleme damit, die Autorität des Schiedsrichters zu akzeptieren. Jede seiner Entscheidungen wurde kommentiert und kritisiert – mit lautem Echo von außen. Denn auch hier standen Eltern und Betreuer am Spielfeldrand.

Als einer von ihnen eine Beleidigung aufs Spielfeld rief, sah ich einen der Spieler quer über den Platz laufen. Als er die Seitenlinie erreichte, hinter der er den Reinrufer angehen wollte, zog er sich hektisch das Trikot über den Kopf, warf es auf den Boden und sprang vor den rufenden Mann. Nur mit Mühe konnte er zurück gehalten werden. Die Wut stand ihm im roten Gesicht. Er wollte seinen Bruder verteidigen, den er durch den Ruf beleidigt sah. Er fühlte sich ungerecht behandelt – und zwar in einem Bereich, der nicht Meinung oder Ansicht oder Einschätzung war, sondern seine tiefste Identität. Seine Familie war beleidigt worden, das traf ihn sichtbar in der vollen Person und mit der ganzen Person ging er in diese Auseinandersetzung. Als er mit Mühe beruhigt wurde, ginge er schimpfend zurück auf den Platz, zog das Trikot wieder über den Kopf und erhielt dann vom Schiedsrichter eine rote Karte unter das immer noch ähnlich farbige Gesicht gehalten. Wieder packte ihn die Wut. Erst neben und jetzt auf dem Platz sah er sich ungerecht behandelt. Er musste geblockt werden, um all seine Wut jetzt nicht am Schiedsrichter auszulassen. Mitspieler begleiteten ihn vom Platz und schimpfend verließ er das Gelände in Richtung Kabine. Dort ging der Streit nach Spielende weiter.

Es gibt Auseinandersetzung auf Twitter, die kaum sachlicher ablaufen. Auch in Netzdebatten treffen unterschiedliche Meinungen (kann man ändern) auf persönliche Identität (steht nicht zur Debatte) und führen zu heftigen Streitereien. Mir sind nur wenige Vorbilder bekannt, denen es gelingt, solche Diskussionen mit Anstand zu führen. Hier gibt es eine breites gesellschaftliches Defizit, das man vermutlich am besten so zusammenfasst: Wir können nicht streiten. Es gibt dieses Problem aber nicht wegen des Internets, das Internet macht es nur besser sichtbar.

Wenn es im Rahmen von Veranstaltungen, die der weltgrößte nationalen Sportverband außerhalb des Web organisiert, zu solchen Ausfällen kommt, liegen diese vielleicht nicht ausschließlich an der „Debattenkultur auf Twitter“. Vielleicht macht Twitter nur sichtbar, was gesellschaftlich ungeklärt ist – und wo sich Training der Medienkompetenz lohnen würde: in Fragen des demokratischen Streits.

Mit jedem erneuten kulturpessimistischen Naserümpfen über den Diskurspöbel auf Twitter bewegt man sich einen Schritt weg von einer Lösung. Diese beständig vorgetragene Klage verfestigt nämlich die Annahme, dass sich auf der Ebene des Symtpoms eine Lösung finde. Dabei liegt die Ursache vermutlich gar nicht im Digitalen, das zu sagen, klingt aber nicht so eingängig wie die Twitter-Beschimpfung.

Deshalb hier und heute mein Lob auf Twitter – nicht um das Digitale gegen diese Klage zu verteidigen. Sondern als Erinnerung daran, dass man im Diskursraum Twitter trotz aller Probleme wunderbar recherchieren und Verbindungen knüpfen kann. Genau wie Fußball nicht nur aus den Schimpfern am Rand besteht, ist auch Twitter viel mehr als das Bild, das leichtfertig erzeugt wird.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Die Meinungsmodenschau (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

„Ist unsere Debattenkultur in Gefahr?“ fragte Bayern 2 im Rahmen des Zündfunk-Netzkongress und ich durfte mich an der Debatte über die Debatte beteiligen. Das kann man hier nachhören und demnächst wohl auch in ARD Alpha anschauen. Ich habe die Einstiegsfrage auf der Bühne des Münchner Volkstheater sehr deutlich mit „Nein“ beantwortet und möchte im Nachgang zu dem Gespräch drei Unterschiede deutlich machen, die vielleicht helfen könnten, künftige Debatten über Debatten leichter zu führen. Diese drei Unterschiede lauten:

1. Menschen sind mehr als ihre Meinungen
2. Hate Speech gehört nicht zur Diskussionskultur
3. „Nicht mehr“ erweckt einen falschen Eindruck von früher

Um zu verstehen, was ich damit meine, lohnt sich ein Blick darauf, was ich für eine gute Diskussion halte. Denn die Debatten, die wir in Talkshows sehen, sind für mich keine guten Vorbilder für eine echte Diskussion, die als Wettstreit der Ideen tatsächlich im Kompromiss eine Antwort auf eine konkrete Frage sucht. Die TV-Formate hingegen wollen weder eine Frage beantworten noch einen Kompromiss finden. Sie gleichen eher einer Meinungsmodenschau, auf der Menschen ihre Ansichten wie Kleidung auf einem Laufsteg vorführen und dafür Applaus oder Widerspruch bekommen (Foto: unsplash). Dieses Zurschaustellen von Meinungen findet aber nicht mit dem Ziel statt, daraus einen Kompromiss zu formen oder gar seine Kleidung Meinung zu ändern. Die Meinungsmodenschau im TV-Talkshowformat dient einzig dem Zweck, Menschen in ihren Meinungen zu bestätigen. Dass darin in unsicheren Zeiten eine wichtige aber auch gefährliche Funktion stecken kann, habe ich unter dem Begriff Entpörung zu beschreiben versucht.

Die Meinungsmodenschau unterscheidet sich also von einer echten Diskussion. Auf diese Differenz hat Julia Reda in dem Film „Die empörte Republik“ hingewiesen und ich finde es wichtig, deutlich zu machen, was eine echte Diskussion ausmacht – und im Blick zu behalten: Bin ich auf einer Meinungsmodenschau oder in einer echten Debatte?

1. Menschen sind mehr als ihre Meinungen

Wer in einen Wettstreit der Ideen tritt, akzeptiert, dass es einen Unterschied zwischen Menschen und ihren Meinungen gibt. Jemand kann eine dumme oder falsche Meinung vertreten, aber dennoch ein toller, sympathischer Mensch sein. Denn es gibt einen Unterschied zwischen Handeln und Sein. Es ist wichtig daran zu denken, wenn man in eine Diskussion einsteigt und es ist wichtig auch entsprechend zu diskutieren: Du verhältst Dich arschig ist immer besser als Du bist ein Arsch.

Um zivilisiert streiten zu können, ist es hilfreich Meinungen nicht als unveränderliche Kennzeichen zu betrachten. Ich glaube sogar im Gegenteil, dass der Wert der Meinungsfreiheit nicht im Äußern, sondern im Ändern einer Meinung besteht. Freie Gesellschaften zeichnen sich nämlich genau dadurch aus: Dass Du Deine Meinung ändern darfst. Darin liegt ein großes Privileg und wir sollten uns viel häufiger fragen, wann wir von diesem Privileg Gebrauch machen?

Dass man dabei die Sprechposition derjenigen Menschen nicht außer Acht lassen darf, die Meinungen äußern, bleibt bei der Trennung von Menschen und Meinungen weiterhin richtig. In diesem Punkt liegt meiner Einschätzung nach ein zentraler Streitanlass für zahlreiche Auseinandersetzungen – wie mein Kollege Jens-Christian Raabe in seinem Essay über Schneeflöckchen und den Schnee von gestern beschrieben hat.

2. Hate Speech gehört nicht zur Diskussionskultur

Persönliche Beleidigungen, Drohungen und Diffamierungen sind ein großes Problem und man sollte viel mehr dagegen tun. Wer zu diesen Mitteln greift, verlässt den Raum einer Diskussion. Deshalb weigere ich mich, das Problem „Hate Speech“ im Zusammenhang mit der Frage nach guter Diskussionkultur zu behandeln. Denn die Hater sind an einer Diskussion ja gar nicht interessiert. Sie lehnen den Wettstreit der Ideen und die damit verbundende Trennung von Mensch und Meinung ab. Sie bewegen sich nicht mal auf dem Laufsteg der Meinungsmodenschau. Sie greifen zu Hass und Hetze. Dagegen muss man etwas tun, aber man sollte Menschen, die so agieren nicht dadurch adeln, dass man sie zum Teil der Diskussionskultur zählt. Durch die Wahl ihrer Mittel schließen sie selbst von der Debatte über Debatten aus.

3. „Nicht mehr“ erweckt einen falschen Eindruck von früher

Die dritte Unterscheidung, die ich festhalten möchte, ist eine zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Wer behauptet man könne gewisse Dinge „nicht mehr“ sagen und deshalb die Meinungsgefahr in Gefahr sieht (unlängst zum Beispiel eine Focus-Titelgeschichte), hat ein falsches Bild von der Vergangenheit. Denn auch in der alten Bundesrepublik konnte man keineswegs alles sagen. Es gab früher jede Menge Stimmen, die überhaupt nichts sagen durften: Und zwar jene, die nicht zu weißen Männern gehörten.

Wer also behauptet, heute könne man viel weniger sagen als früher, zeigt damit vor allem, dass er einzig seinen beschränkten Blick zur Verfügung hat – und seine Privilegien nicht kennt. Denn selbstverständlich gibt es heute nicht weniger sondern mehr Meinungen als früher. Das Spektrum des Sag- und Meinbaren ist in jedem Fall größer geworden. Was sich verändert hat: Diejenigen, die bisher einzig Applaus bekommen haben, wenn sie ihre Meinung auf den Laufsteg getragen haben, erfahren nun öffentlichen Widerspruch. Das fühlt sich sicher unangenehm an, ist aber kein Zeichen für das Verschwinden der Meinungsfreiheit, sondern im Gegenteil Beweis für deren Existenz. Denn Widerspruch ist ja das Ziel einer Auseinandersetzung. Und davon gibt es heute mehr als in dem ominösen „früher“, das Menschen nun bemühen, wenn sie Angriffe auf ihre Meinung sofort als Angriff auf die Meinungsfreiheit interpretieren. Vielleicht sollte man also künftig die Klage, „das darf man gar nicht mehr sagen“ übersetzen in „das bekommt ja gar keinen Applaus mehr“.

Dass ich auf der Zündfunk-Bühne so deutlich „Nein“ auf die Frage geantwortet habe, ob die Debattenkultur in Gefahr sei, liegt aber vor allem daran, dass ich diese leicht kulturpessimistische Grundhaltung der Frage nicht mag: Die Diskussions- und Debattenkultur in diesem Land ist ja nicht wie das Wetter ein unbeeinflußbarer, externer Faktor. Diese Kultur entsteht durch unser Zutun. Demokratie ist ein Muskel und wir sollten ihn trainieren: „Wer die plurale Demokratie verteidigen will, muss beginnen, sie zu praktizieren. Wer die Grundideen der offenen Gesellschaft wertvoll findet, darf sie nicht bei der kleinsten Bewährungsprobe in Frage stellen.“

Hier geht es zum Test: Befinde ich mich auf einer Meinungsmodenschau oder in einem Wettstreit der Ideen?


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.