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Die Loyalität des Bastian Schweinsteiger

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Bastian Schweinsteiger verlässt den FC Bayern. Der Fußballer, der 17 Jahre für den Verein in München gespielt hat, wird in der nächsten Saison bei Manchester United unter Vertrag stehen. Das ist – nicht nur in München – eine Meldung, die viel Interesse auf sich zieht. Medien berichten über den Wechsel und auch die Medienmacher der Marke Bastian Schweinsteiger wissen das für ihre Zwecke zu nutzen. Sie haben einen Beitrag Werbespot produziert, der die aktuelle Meldung aufgreift und sie geschickt monetarisiert.

Darin haben auch die beiden Sport-Reporter Schauspieler Sebastian Hellmann und Wolff-Christoph Fuss einen Auftritt: Man hört wie sie ein Fachinterview spielen, in dem der eine dem anderen erklärt, warum Schweinsteiger ein super Typ ist – außerdem prophezeit er selbst erfüllend, dass die Fans sicher kein Problem haben werden mit Schweinsteigers Wechsel nach Manchester.

Schweinsteiger selber packt in dem Clip seine Sachen, schaut (ganz uneitel) im Fernsehen Szenen an, in denen er selber zu sehen ist, kritzelt Notizen auf einen Zettel und setzt sich zum Abschluss einen Kopfhörer auf die Ohren. Das alles ist vorproduziert, er spricht kein Wort, man hört nur die Stimmen der Journalisten Werbedarsteller aus dem Off.

Schweinsteiger selber meldet sich unter dessen auf Facebook zu Wort

Liebe Fans, ich möchte mich bei euch für die unglaublichen gemeinsamen Jahre beim FC Bayern München bedanken!Dear Fans, after 17 incredible years at FC Bayern, 15 national titles, winning the historical triple and uncountable other highlights that I was fortunate enough to experience with my incredible team, all you exceptional fans and the co-workers at Säbener Straße and Allianz Arena, I have decided to take a new career step. This decision was very hard to make because you and FCB have, are and will always be an extremely important part of my life. Nevertheless, I would like to again gain experience at a new club. My destination is Manchester United. I hope you understand my decision. No one can take away the incredible journey we had together. #MiaSanMia

Posted by Bastian Schweinsteiger on Sonntag, 12. Juli 2015

… und bedankt sich bei seinen Fans. Auf Facbook und auf seinen anderen sozialen Kanälen finden sich übrigens auch Fotos, die ihn mit den im Clip beworbenen Kopfhörern zeigen. Dass es ein anderes Modell ist, ist vermutlich dem Stress der vergangenen Tage geschuldet. Deshalb blieb wohl auch keine Zeit irgendetwas an der Homepage des Fußballers zu ändern: Dort stehen noch immer Trainingstermine des FC Bayern verlinkt. Aber die Homepage hat offenbar keine Priorität im Medienspiel des Bastian Schweinsteiger.

Ich habe das unlängst mal am Beispiel von Mario Götze notiert: Fußballer werden selber zu Medien. Im Falle von Schweinsteiger sieht man nun, wozu das führt:


… Sie nutzen aktuelle Aufmerksamkeits-Peaks um Werbung zu platzieren, die ganz anders daherkommt als klassische Spots alter Prägung
… Sport-Reporter spielen in diesem Spot mit – um sie authentisch wirken zu lassen und das Image des Fußballers zu heben: „Wenn man was nicht in Frage stellen kann, dann ist das die Loyalität von Bastian Schweinsteiger“, sagt der objektive Journalist Wolf-Christoph Fuss in dem Clip. Lässt allerdings offen, wem gegenüber Schweinsteiger loyal ist – und was er selber unter Loyalität versteht.
… Sie nutzen ihre eigene Reichweite um ihr Image zu bauen. Schweinsteiger spricht seine Fans direkt – ohne Umweg über klassische Medien – via Facebook an. Die Homepage hat dabei keinerlei Priorität.
… Die Verbindung zum Gegenstand der Werbung (Kopfhörer – „An deiner Seite“) ist in Schweinsteigers sozialen Kanälen klar erkennbar, er postet die Werbung aber nicht selber. Wegen des guten Timings übernehmen das schon andere (so wie ich hier) für ihn.


Update:
Christopher weist auf den Zusammenhang zu LeBron James hin.

Update 2: Bei Sport1 gibt es einige Hintergründe zum Ablauf der Werbung, die offenbar in einem Hotel in Köln (sic!) gedreht wurde (Hinweis von Thorsten Poppe)

Update 3: In der SZ gibt es in Interview mit dem Regisseur des Spots, der sagt: „Ich merke gerade bei Sportlern immer wieder: Wenn die verstehen, worum es geht, dann engagieren sie sich richtig für einen Spot.“

Speaker-Liste auf Twitter

speaker Ich glaube, Profilagentin Kixka ist schuld. Sie twitterte vergangene Woche eine Twitter-Liste, die ich schon im vergangene Jahr anlegte: Unter twitter.com/dvg/lists/speaker/members versammle ich Twitter-Accounts von Digitalexpertinnen. Gedacht ist diese Liste als Inspirationsquelle für Veranstalterinnen und Veranstalter, die für ihre Podien keine weiblichen Gäste finde. Wenn ich für Veranstaltungen angefragt werde, gebe ich die Liste gerne weiter. Dass sie öffentlich wurde, ist mir natürlich nicht unrecht – es war aber nicht so geplant.

Wer Vorschläge und Empfehlungen für weibliche Podiengäste hat, die auf diese Liste gehören: einfach @dvg antwittern!

„Die Art wie wir Journalismus machen hat sich verändert“

Im Rahmen des DLD sprachen am Sonntag in München der französische TV-Journalist Bruno Patino, Jeff Jarvis und Focus-Chef Ulrich Reitz (moderiert von Jochen Wegner) unter dem Titel „Post Paris Journalism“ über die Folgen des Terroranschlags auf die Redaktion von Charlie Hebdo. Die Frage, welche Schlüsse man aus den Ereignissen vom 7. Januar 2015 in Sachen Pressefreiheit oder Umgang mit Sicherheitsgesetzen ziehen muss, wird uns noch lange beschäftigen: Darüberhinaus hat das nachrichtliche Ausnahme-Situation #CharlieHebdo aber auch Erkenntnisse über die sich wandelnde Medienbranche zu Tage gefördert.

Der französischen TV-Journalist Bruno Patino hat dazu (ab ca 4.30 Min im Video) eine sehr bemerkenswerte Analyse in drei Unterpunkten geliefert, die ich hier (zusammenfassend, nicht Wort für Wort) übersetzt festhalten möchte:

1. Die Dinge, die wir mussten, deren Ausmaß wir aber noch nicht wirklich übersehen: Wir stellen fest, dass es schwierig ist mit Druckwerken wirklich viele Menschen zu erreichen. Die Probleme beim Vertrieb der ersten „Charlie Hebdo“-Printausgabe nach den Anschlägen zeigen, dass es schwierig ist, mit Print 100 Prozent der Bevölkerung zu erreichen. (…) Zum zweiten ist uns die enorme Bedeutung der sozialen Netzwerke bei der Verbreitung von Nachrichten vor Augen geführt worden. Ich habe bereits erzählt, dass François Hollande von den Anschlägen via SMS erfahren hat. Vielleicht wissen Sie, dass einige der Terroristen GoPro-Kameras bei sich hatten und ihr Attentat filmten. Das Video von den Schüssen wurde über Facebook in die ganze Welt verbreitet, bevor es bei den traditionellen Medien ankam. Uns war das alles vorher klar, aber es kam in diesem Fall mit so einer Wucht, dass uns dabei das Ausmaß der Veränderung bewusst wurde.

2. Die Dinge, die die wir bisher noch nicht wahrgenommen haben: Die Kraft der Sozialen Netzwerke als Mehrheits-Echokammer war uns vorher nicht klar. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich war in einer digitalen Redaktion als der 11. September 2001 passierte. Der Tag änderte digitalen Journalismus für immer. Ich war in einer Redaktion als die Anschläge in London und Madrid passierten und auch das veränderte den digitalen Journalismus, weil wir dabei die Beiträge, Bilder und Reaktionen der Bevölkerung beobachten und einbauen mussten. Aber in diesem Fall wurde auch die Arbeit ganz klassischer Redaktionen verändert. Es war das erste Mal, dass wir vierzig, fünfzig, sechzig Stunden Live-Berichte von den Geschehnissen im französischen Fernsehen zeigten. Und es war das erste Mal, dass ich beobachtete, wie ganz klassische Redaktionen nicht nur aufnahmen was über Twitter und Facebook kam, sondern tatsächlich auch auf das Publikum reagiert haben – im Live-Programm, nicht auf der Website oder in Apps, sondern im Live-Programm. Meiner Meinung nach war das das erste Mal, dass das Publikum so eine Rolle gespielt hat. Irgendwer hat das „augmented real time coverage“ genannt, aber es stimmt. Hier hat sich was verändert.

3. Die Fragen, die sich jetzt stellen: Eine solche Veränderung wirft Fragen der Verantwortung auf. Wir wissen, dass wir als Journalisten nicht immer alles zeigen. und dabei geht es nicht um die Zeichnungen, sondern um die Videos der Angriffe. Wir haben entschieden, dass wir die nicht zeigen wollen, aber sie sind auf Facebook. Wie zeigt man redaktionelle Verantwortung wenn man seinem Publikum Bilder nicht zeigt, die das Publikum aber schon kennt? Hier verändert sich ein journalistisches Paradigma – nicht in Bezug auf die Entscheidung, was man thematisiert, sondern auch in Bezug auf das, was man nicht thematisiert. Und die letzte Frage ergibt sich aus der Erkenntnis, dass wir nicht mehr über den Kontext bestimmen, in dem unser Inhalt (Content) wahrgenommen wird. Wir gehen in das Zeitalter des „out of Kontext“-Journalismus. Um es zusammenzufassen: ich bin mir nicht sicher, ob sich Frankreich nach den Anschlägen verändert hat. Ich bin mir aber sicher, dass sich die Art wie wir Journalismus machen verändert hat.

Hier die Diskussion in Gänze anschauen:

Mehr zum #DLD15: Im Blog von Julius Endert, bei Daniel Fiene, Gründerszene und Heise.

Marken werden Medien

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Vier Stunden vor dem gestrigen Spiel gegen die TSG Hoffenheim postete der Account des FC Bayern Profis Mario Götze das obige Motiv auf Instagram. Innerhalb von sechzig Sekunden, reagierten 1990 Instagram-Nutzer mit einem „gefällt mir“ auf das Motiv, das darauf hinwies, dass der gestrige Samstag ein Matchday genannter Spieltag sei.

Das Tempo der Begeisterung lies innerhalb der ersten Viertelstunde etwas nach. Statt 33 Likes in der Sekunde, klickten bis zur 14ten Minute durchschnittlich zwanzig Nutzer innerhalb einer Sekunde auf „gefällt mir“. Bis zum Anpfiff hatte sich die Anzahl der Likes für das Instagram-Motiv auf fast 92.000 summiert. Das ist drei Mal soviel wie Götzes Bild bis jetzt (fast 24 Stunden später) auf Facebook erzielt hat. Als Götze das 1:0 im Stadion in Fröttmaning erzielte, war die Zahl der Likes bei rund 100.000. (Zur Detailansicht auf das Bild klicken)

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Der Mann, dessen Name sich nur in einem Buchstaben von Goethe unterscheidet, hat 2,2 Millionen Instagram-Accounts hinter sich versammelt. Das ist viel, aber auch nicht ungewöhnlich für einen Spieler dieser Bekanntheit. Immerhin ist er Schütze des Siegtors im WM-Finale – und wie das aktuelle 11Freunde-Cover erinnert „der bessere Messi“.

Das Spiel gegen Hoffenheim war als Spitzenspiel in der derzeit mittelspannenden Bundesliga angekündigt, endete aber eindeutig mit 4:0 für den FC Bayern. Es darf also in Sachen Instagram-Analyse als gewöhnlich gewertet werden.

Und deshalb schreibe ich das überhaupt auf: In einem durchschnittlichen Bundesligaspiel erreicht ein Profi des Rekordmeisters mit einem durchschnittlichen Instagram-Motiv im November 2014 über 100.000 Likes – wobei ich die Zahl der Likes als Annäherung für ein bewusstes Erreichen von Zuschauern werte. Gesehen haben das Motiv vermutlich sogar noch entschieden mehr Menschen.

Mario Götze ist nicht mehr nur Spieler einer Fußball-Mannschaft oder Werbeikone für Unternehmen – er ist selber ein Medium. Im Frühjahr 2009 schrieb ich für die SZ über die Twitterwette zwischen Ashton Kutcher und CNN und die Frage, warum prominente Menschen Social-Media-Dienste nutzen (ja darüber wunderte man sich damals)

Damit ist die behauptete Demokratisierung der Publikationsmittel durch das Internet nun bei denen angekommen, die schon immer in der Öffentlichkeit standen: Ashton Kutcher und alle anderen VIPs, die twittern, nutzen die Kurzmitteilungsplattform, um die Macht darüber zurückzugewinnen, was und wie über sie berichtet wird. Wenn Kutcher Bilder vom angeblichen Hinterteil seiner Ehefrau ins Netz stellt, verlieren alle Paparazzi-Schnappschüsse mit ähnlichen Motiven ihren Wert. Kutchers Botschaft lautet: Näher und authentischer kann niemand über mein Leben berichten als ich selbst.

Fünfeinhalb Jahre muss man festhalten, dass der Prozess auf einer neuen Stufe angekommen ist: Marken werden Medien. Das Beispiel der Marke „Mario Götze“, die übrigens auch eine Website betreibt, die so aussieht wie ein Fußballmagazin, zeigt dies nicht nur auf dem Kanal Instagram gerade sehr deutlich. Das Medienkonzept hinter dem Fußballer wird unter dem Hashtag #partofgoetze in allen digitalen Kanälen (Web, App, Social-Media) gebündelt – und wirft die Frage auf: Wie reagieren Medien auf diese Entwicklung?


Update:
David Bauer weist mich auf ThePlayersTribune hin.

Buzzfeed Deutschland

Buzzfeed Deutschland ist heute gestartet.

Also nicht in dem Sinne, in dem klassischer Weise neue Medien starten: Es gibt keine Pressemitteilung, keine Berichterstattung in Mediendiensten, nicht mal eine Website oder Startseite gibt es zu dem Produkt. Aber es ist da – in den Kanälen, die für Buzzfeed wichtig sind:

Der offizielle Buzzfeed-Facebookaccount (3,6 Millionen Fans) hat heute Nachmittag einen deutschsprachigen Beitrag geteilt, meinem Gefühl nach erstmals in seiner Geschichte:


Sebastian Fiebrig
, den Twitter-Deutschland als @saumselig kennt, hat eine Liste mit russisch anmutenden Gifs gepostet. 14 Schritte wie du dich auf die russische Invasion vorbereitest steht in der Überschrift. Das kommt im Vergleich zu den anderen Zahlen des Buzzfeed-Accounts bisher so mittel an, aber Buzzfeed-Chef Jonah Peretti hat das auf Twitter geteilt – ebenfalls auf deutsch.

Auch ein französischer Beitrag wurde heute geteilt, im Nachbarland ist Buzzfeed aber schon einen Schritt weiter. Fast 15.000 Menschen sind dort Fan der französischen Buzzfeed-Seite. Ein „Buzzfeed Germany“ gibt es auf Facebook allerdings noch nicht. Das gibt es vermutlich erst, wenn Buzzfeed dann auch wirklich startet – so mit Mediendienst und Pressemitteilung.

Ein wenig Hintergrund zu Buzzfeed gibt es auf Phänomeme.de, bei der SZ und hier im Blog.

Medium

Wenn man in naher oder ferner Zukunft auf die Form zurückblicken wird, wie man zum Jahreswechsel 2013/14 mit Texten im Netz umgegangen ist, wird man sich an Medium erinnern. Seit ein paar Tagen ist diese neue Veröffentlichungsplattform (Slogan „Everyone’s stories and ideas“) in einer Version online, die Gründer Evan Williams als Medium 1.0 bezeichnet. Und neben zahlreichen anderen Dingen muss man dazu sagen: Medium sieht großartig aus!

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Das muss man deshalb betonen, weil die Seite etwas anbietet, was an sich nicht neu ist: Medium ist ein gegenwärtiger Bloganbieter. Man kann dort veröffentlichen – in erster Linie Texte. Das ist nichts, was Medium besonders machen würde. WordPress und Tumblr bieten dies schon seit Jahren. Was Medium besonders macht, ist ein intuitiver Zugang zum Veröffentlichen.

Jeder, der verstehen will, welchen Wert Usability im Netz hat, sollte mal einen Text in einem klassischen Publikationssystem und einen in Medium veröffentlichen. Es fühlt sich an, als parke man ein Auto, das neuerdings Servolenkung besitzt. Alles geht schlichter, selbstverständlicher und fühlt sich richtiger an. Das muss es deshalb noch lange nicht sein, ich hätte aber nicht gedacht, dass ich diesen Punkt beim „Texte ins Internet schreiben“ nochmal erreichen würde.

Das liegt auch daran, dass nicht nur die gelernte Unterscheidung zwischen Vorder- und Rückseite beim Publizieren verwischt und man Entwürfe kollaborativ bearbeiten kann, es liegt auch daran, dass das Lesen in Medium ein großer Genuss ist. Die Gestaltung ist sehr zurückgenommen, gibt Bild und Text enorm viel Raum und dem Auge Platz zum Lesen.

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Dass man darüberhinaus das Prinzip Kommentar in ein tolles Annotationssystem überführt hat, bringt auch die Interaktion auf eine neue Ebene. Kleine Ziffern am Textrand weisen auf Kommentare auf Satzebene hin. Das ist nicht nur eine optische Verbesserung, sondern eine inhaltliche Weiterentwicklung. Gleiches gilt für das Prinzip der Collections, die man anlegen kann um darin Texte zu sammeln. Das orientiert sich an den Listen bei Twitter – was deshalb nicht verwunderlich ist, weil Ev Williams einer der Twitter-Gründer ist, der vorher sehr viel Geld mit Blogger gemacht hatte.

Es wäre etwas zu naheliegend, Medium als ein Mashup aus Twitter und Blogger zu beschreiben. Falsch wäre es aber auch nicht. Das ist deshalb spannend, weil man sich so auch dem Plan von Medium nähern kann: das Timeline-Prinzip auf lange Texte zu übertragen. In seinem Mission Statement zu Medium endet Williams mit den Worten:

It’s clear we’ve only scratched the surface of how we can use the tools available to us to connect hearts and minds. It’s also clear that the way media is changing isn’t entirely positive when it comes to creating a more informed citizenry. Now that we’ve made sharing information virtually effortless, how do we increase depth of understanding, while also creating a level playing field that encourages ideas that come from anywhere?

Ein Ansatz dafür liegt darin jedem Nutzer eine eigene Homepage von Medium anzuzeigen. „Creating a Personalized Reading Experience“ nennen die Macher das, und man sollte dem Projekt allein deshalb folgen, um zu beobachten, wie sie das machen. Wer mag: wir können das (wie gesagt) auch gemeinsam tun – medium.com/@dvg

„In einer früheren Version“ vs. „Das versendet sich“

Von Clay Shirky stammt der Satz Publizieren sei kein Job mehr, sondern ein Knopf. Diese Satz ist die Grundlage der Demokratisierung der Publikationsmittel: Jeder kann veröffentlichen. Das fordert Journalisten überall auf der Welt heraus, verlangt eine Neudefinition von Autorität und bildet die Grundbedingungen für digitales Publizieren.

Was aber heißt das eigentlich „Publizieren“? Diese Frage hat heute der Kollege Hakan Tanriverdi in einem Blogpost bei Kleiner3 aufgeworfen. Der Text trägt den Titel „*In einer früheren Version dieses Artikels“ und gefällt mir nicht nur wegen des Versions-Gedankens. Beachtlich finde ich ihn vor allem, weil er sozusagen der Gegenentwurf zu einem anderen journalistischen Satz ist: „Das versendet sich“.

Beide Sätze stehen für die Endpunkte des Spektrums auf dem sich journalistisches Publizieren bewegt – von analog nach digital. Digitales Publizieren ist ein dialogisches Publizieren, es ist geprägt von einem Grundgefühl der Rückmeldung. Hakan beschreibt dies so:

die ersten fünf Stunden sind immer schwierig. Nachdem der Artikel online ist, also für alle zu lesen, beobachte ich Reaktionen. Unter dem Artikel, Feedback per E-Mail, auf Twitter, wenn der Artikel auf der Facebook-Seite gepostet wird, dann auch dort.

Peter Horrocks hat genau dies zum Grundbestandteil journalistischen Arbeitens erklärt: zu verfolgen was mit den Inhalten passiert, die wir veröffentlichen. In Zeiten von Twitter und Facebook ist für jeden erkennbar was dies bedeutet: die Folgen des eigenen Publizierens sind öffentlich. Das war nicht immer so.

Es lohnt sich, daran zu erinnern: „Das versendet sich“ gibt es nicht mehr.

Buzzfeed-Kopie: wie Social Publishing den Journalismus verändert

Dafür, dass derzeit so viel drüber geredet und geschrieben wird, ist es erstaunlich, dass die denic unter der Suche „buzzfeed-kopie.de“ noch keinen Eintrag findet. Denn in zahlreichen Diskussionen wird die amerikansche Plattform zur Vorlage für Neugründungen oder neue Ansätze im Bereich der Online-Publizistik herangezogen. Vor ein paar Tagen ist Upcoming mit einem deutschsprachigen Angebot gestartet und aus der Schweiz erfährt man, dass gleich mehrere Verlage Buzzfeed-Kopien in Planung haben.

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Meinem Eindruck nach, ist Buzzfeed dabei zu einer Art Oberbegriff für etwas Neues geworden, von dem für die meisten gilt, was Karsten Lohmeyer in LousyPennies so beschrieb:

BuzzFeed ist eine Seite, die für einen klassischen (Print-)Journalisten wie mich sehr schwer zu ergründen ist. Sie ist eine riesige Aggregationsmaschine, die auf den ersten Blick nur aus Listen, Gaga-Videos und weiterem größtenteils unjournalistischem Kram zu bestehen scheint, aber mit aggregierten und selbst produziertem Content im August diesen Jahres bereits 85 Millionen Menschen erreichte

Ende September entwickelte sich in Deutschland eine kleine Debatte über Buzzfeed, in der Christoph Keese sieben Gründe für den Erfolg von Buzzfeed notierte. Neue Elite, 120 Sekunden und Netzpiloten griffen das Thema auf. Marcel Winatschek startete einen Versuch „Eine Woche Buzzfeed“ und gab sich dafür bei „nur eine Regel: Hauptsache interessant, diskussionswürdig, Aufmerksamkeit erregend!“

Mit diesen drei Punkten könnte man auch klassischen Boulevard-Journalismus beschreiben, dafür braucht man keinen Buzzfeed-Bezug. Dieser liegt glaube ich eher in dem, was der Guardian „social publishing“ nennt – und was ich nach der Veröffentlichung eines Memos von Buzzfeed-Gründer Peretti in einem Text in der SZ so zusammenzufassen versuchte:

… für Peretti bedeutet digitaler Journalismus mehr, als eine Facebookfanseite einzurichten. Er erwartet eine andere Art des Denkens: Bisher haben Journalisten ihre Zeit in die Herstellung von Inhalten investiert, im Zeitalter von Social Media sei das nur die eine Hälfte journalistischen Arbeitens. „Mindestens fünfzig Prozent der Arbeitszeit muss man heute darauf verwenden, diesen Inhalt auch über den richtigen Kanal an die Leser zu bringen.“

Seiten, die sich dieser Form des Publizierens verschrieben haben, wertet der Guardian in dieser Grafik aus …

… und zeigt damit, dass Buzzfeed für eine weit größere Entwicklung steht. Wer verstehen will, wie dieses „Social Publishing“ bei Buzzfeed funktioniert, muss man sich anhören was Peretti erzählt oder nachlesen, was der Internet-Virologe Ze Frank, der bei Buzzfeed für Videos zuständig ist, hier erklärt: Es geht nicht ums Konsumieren von Inhalten, es geht um (soziale) Kommunikation.

The content piece, however, is only one element of the larger ecosystem in which we share media. Creators of shareable video must also consider the network, be it YouTube, BuzzFeed.com, Facebook, Twitter, Tumblr, or beyond. Frank said these are more complicated than we think. Only 10 percent of BuzzFeed’s video views come from YouTube subscribers, and only 6 percent come from BuzzFeed itself. Figuring out the nuances of where the rest of the audience is coming from — for example, that Facebook is a better sharing tool for emotional content while Twitter is better for informational content — is essential.

Meiner Meinung nach wirft diese Art des konsequenten digitalen Publizierens Fragen auf, die sich jeder Journalist stellen sollte, der im Netz veröffentlicht. Zum Beispiel diese fünf:

> Wie erreicht mein Inhalt seine Leser?
> Nehme ich darauf Einfluß?
> Was machen meine Leser mit diesem Inhalt?
> Wie verfasse ich Teaser für (welche?) sozialen Netzwerke?
> Wie unterscheiden sich „social teaser“ von klassischen Anreißern?

Aus der Aufforderung von Peter Horrocks aus dem Jahr 2010, zu beobachten welche Reaktionen die eigenen Inhalte nach sich ziehen, wird in Zeiten von Buzzfeed der Ansatz, die Verbreitung von Inhalten zum Bestandteil journalistischer Arbeit zu machen. Dass das überhaupt nichts mit Katzenbildern zu tun hat, sondern durchaus auch für klassischen journalistischen Inhalt gilt, zeigt das meiner Einschätzung nach viel spannendere Buzzfeed: Upworthy – das Projekt, hinter dem u.a. Filter-Bubble-Autor Eli Pariser steckt und das sich gerade über vier Millionen Facebookfreunde freut:

Mehr zum Thema Social Publishing u.a. im Blog Phänomeme, das ich für die SZ betreibe und in diesem Buzzfeed-Porträt.

Call to action: über eine neue Form des Journalismus

tl;dr: Renommierte Journalisten verlassen klassische Verlage. Ihre neuen Arbeitgeber pflegen eine Kultur der Kundenzentrierung. Dadurch entsteht eine neue Form des Journalismus.

Die Medienbranche ist in der Krise. Das hören wir ständig. Meist geht es dabei um die zerstörerischen Folgen der Digitalisierung für Vertriebsmodelle. Wenn Glenn Greenwald von Krise redet, meint er nicht das Internet, sondern den Kern der Medien: den Journalismus. Dieser ist korrupt, erklärte der Anwalt und Investigativ-Reporter Gleen Greenwald den Zuhörern auf der Global Investigative Journalism Conference in Rio. Greenwald spricht von einer „fundamentalen Beschädigung“, die die westlichen Medien in den vergangenen Jahren erlitten haben. Die Tatsache, dass die New York Times die NSA-Enthüllungen, die im Sommer durch Greenwalds Veröffentlichtungen bekannt wurden, schon 2004 in Teilen kannte, nimmt der investigative Reporter zum Anlass für eine grunsätzliche Kritik am Zustand des Journalismus in der westlichen Welt. Dieser erfülle seine Aufgaben nicht richtig und folgerichtig stecke die Branche in der Krise:

Es ist ziemlich aufregend und auch ermutigend, dass nun immer mehr Medien scheitern und sterben. Das sollten wir feiern. Denn diese Institutionen müssen endlich darüber nachdenken, was sie besser machen können. Es gibt nun viele neue Medienunternehmen, die jungen Journalisten eine Chance geben. Dass Unternehmen scheitern ist also kein Beleg dafür, dass der Journalismus stirbt; ganz im Gegenteil er blüht auf und geht einfach woanders hin.

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Der Journalismus des Glenn Greenwald, das wurde kurz nach seiner Rede in Rio bekannt, wechselt vom britischen Guardian zu ebay-Milliardär Pierre Omidiyar. Der Mann, der sehr viel Geld mit der Auktionsplattform verdiente, stellt sich als Philantroph dar, der sich finanziell fürs öffentliche Interesse engagieren will: von 250 Millionen Dollar ist die Rede. Greenwald kommentierte seinen Wechsel – der ironischerweise geleaked wurdemit den Worten: „Ich habe eine einmalige Möglichkeit bekommen, die kein Journalist ablehnen würde.“

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Bisher ist wenig darüber bekannt, wie diese Möglichkeiten genau aussehen, die Omidyar Greenwald und seinen Kollegen Laura Poitras und Jeremy Scahill (und Dan Froomkin sowie Liliana Segura) bieten wird. Sowohl der genaue Name als auch die genau Ausgestaltung des neuen journalistischen Angebots sind unbekannt. (Bisher wird mit dem Hashtag #NewCoNews gearbeitet) Es soll rein digital sein, soviel ist klar, und investigativen Journalismus fördern. Allerdings sieht der Unternehmer Omidyar einzig darin noch kein Geschäftsmodell. Im Interview mit der New York Times erklärte er, dass er nicht daran glaube, dass sich ein solcher Journalismus allein finanzieren könnte.

Werbekunden wollen nicht im Umfeld von investigativen Geschichten stehen. Es ist extrem schwierig das hinzukriegen. Und nur wenige Menschen lesen solche seriösen Geschichten zur Zeit im Netz. Das Publikum für die wichtigsten Berichte kann ernüchternd klein sein. Es wird immer einen Kern an Lesern geben, die bereit sind, diese Arbeit zu unterstützen, aber das ist nur ein winzig winzig kleiner Teil der breiteren Öffentlichkeit. Deshalb wollen wir eine Website mit Themen von allgemeinerem Interesse schaffen und dann daran arbeiten, diese allgemeinere Öffentlichkeit zu engagierten Bürgern zu machen.

Ein Medium, das seine Leser zu engagierten Bürgern machen will: Diese Haltung taucht in zahlreichen Äußerungen Omidyars auf. In seiner Stellungnahme nach Bekanntwerden seiner Pläne schreibt er: „Ich suche nach Wegen, Mainstream-Leser zu engagierten Bürgern zu machen.“ Es geht also nicht nur darum, Informationen zu verbreiten, sondern darum, „User Engagement“ zu fördern. Ein Haltung, die auch seine Arbeit bei Ebay prägte und die er für den zentralen Antrieb im Silicion Valley hält: Menschen nicht nur dazu zu bringen, einen Text zu lesen, sondern danach mindestes noch einen. „Call to action“ heißt das in der Sprache des Marketings, das Menschen zum Beispiel animiert, bei Ebay Produkte zu kaufen oder weitere Bücher bei Amazon zu bestellen. Diese „Action“ kann sich auf Mausklicks beziehen, auf Einkäufe oder eben auf gesellschaftliches Engagement. Um letztes geht es Omidyar nach eigenen Angaben – und deshalb auch um einen anderen Journalismus. Dafür wollte er eigentlich die Washington Post kaufen, dabei hatte er allerdings das Nachsehen: Amazon-Chef Jeff Bezos setzte sich durch. Ein anderer Experte für „User Engagement“. Bezos beschrieb die drei Kernideen von Amazon einmal als den Willen etwas Neues einzuführen, den Blick fürs Langfristige und die Fixierung auf den Kunden. Was genau Bezos bei der Washington Post machen wird, ist noch unklar. Dass er sich von diesen Prinzipien verabschiedet, ist aber nicht anzunehmen.

Bezos und Omidyar sind die bekanntesten Köpfe einer neuen Entwicklung in der amerikanischen Nachrichtenbranche: Digitale Investoren entdecken gerade die Medien. 120 Sekunden und auch die New York Times widmeten diesem Trend unlängst eine längere Geschichte, in der unter anderem beschrieben wird, wie Laurene Powell Jobs (die Witwe von Apple-Chef Steve Jobs) in das Nachrichten-Start-Up Ozy Media investiert und der Facebook-Mitgründer Chris Hughes The New Republic kauft und das Social-Media-Unternehmen Upworthy mitfinanziert. Man kann diese Entwicklung als Trend hin zu wertvollen Inhalten lesen, man kann darin aber auch den Anfang eines veränderten Journalismus erkennen, der nicht mehr nur von klassischen Medien geprägt wird, sondern von Digitalunternehmen: Dieser Tage wurde bekannt, dass der renommierte amerikanische Investigativreporter Mark Schoofs von ProPublica zu Buzzfeed wechseln wird und dass der bekannte Technikjournalist David Pogue künftig nicht mehr für die New York Times arbeiten will: er ist jetzt Journalist bei Yahoo.

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Als Omidyar gefragt wurde, warum er statt in die Washington Post nun in die Reporter Greenwald, Poitras und Scahill investiere, lobte er besonders deren transparenten Zugang zu ihrer Arbeit. „Sie sind bereit, sich da raus zu stellen und offen über ihre Arbeit zu reden. Sie blasen nicht bloß Meinungen raus ohne dass klar ist, wie sie selber dazu stehen. Sie sagen: „Schaut her, das ist was ich über das Thema weiß und ich erkläre euch, was ich darüber denken.““ Diese Haltung steht in einem gewissen Gegensatz zu der distanzierten journalistischen Perspektive, die sich in dem berühmten Zitat von Hanns-Joachim Friedrichs ausdrückt, der guten Journalismus daran erkennt, „dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Auf dieses Zitat angesprochen, antwortet der ausgebildete Anwalt Greenwald unlängst: „Menschen sind nicht distanziert. Alle Journalisten sind Aktivisten. Sie vertreten doch alle Interessen und Einschätzungen.“ Durch das gemeinsame Projekt mit Omidyar könnte Greenwald zum Vorbild für einen anderen, kundenzentrierten Journalismus werden. In Rio riet er den etablierten Medien jedenfalls, sich von einigen ihrer überlieferten Regeln zu verabschieden.

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Glenn Greenwald ist ein engagierter Bürger, der für engagierte Bürger schreibt. Durch die Zusammenarbeit mit Pierre Omidyar arbeitet er jetzt selber an einer Antwort auf die Frage, die seit den Enthüllungen von Edward Snowden im Raum steht: Welche Schlüsse zieht die Gesellschaft aus den Überwachungen durch staatliche Stellen? Es könnte eine andere Form von Journalismus sein, der aus den Entwicklungen der vergangenen Monaten entsteht. Einer, der mehr ist als der klassische Nachrichtentransport auf die Vernetzung des Web setzt, auf die Fixierung auf den Kunden und auf „User Engagement“. Dass dieser ausgerechnet mit Geld finanziert wird, das durch die Digitalisierung verdient wurde, ist eine besondere Ironie an der Entwicklung – wirft aber auch das zentrale Problem an dem Experiment auf: Wie ist es um das öffentliche Interesse bestellt, wenn die finanziellen Interessen der Geldgeber betroffen sind?

@MagicRecs die Zukunft der Eilmeldung

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Kerstin Andreae will Fraktionsvorsitzende der grünen Bundestagsfraktion werden. Das hat sie heute mittag angekündigt. Auf Süddeutsche.de kann man die Meldung dazu lesen.

Zu dem Zeitpunkt als ich darauf hingewiesen wurde, kam der Tweet, in dem die Wirtschaftsexpertin das ankündigte, auf 35 Retweets


Dass Kerstin Andreae offenbar gerade das öffentliche Interesse auf sich zieht, habe ich aber nicht über den Tweet oder die Meldung erfahren, sondern über eine DirectMessage auf Twitter. Diese Botschaft kam von dem Account MagicRecs mit dem Twitter seit einer Weile schon neue personalisierte Hinweise testet: „Stay in the know“ ist der Blogeintrag überschrieben, in dem Twitter ankündigt, die Lehren aus dem MagicRecs-Test für einen neuen Ankündigungsdienst für Hinweise auf Tweets und Accounts zu nutzen.

Mehr zum Thema bei TechCrunch und The Verge – und bei Jörgen Camrath