Alle Artikel mit dem Schlagwort “Shruggie des Monats

Shruggie des Monats: der Broccoli-Tree

Seit Beginn des Jahres gibt es eine Neuerung in meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann): den Shruggie des Monats. In dieser Rubrik habe ich bereits den Autoren Eli Pariser und das Phänomen des Techlash ausgezeichnet – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. In der März-Folge zeichne ich einen Baum aus, den es schon gar nicht mehr gibt: der Broccoli-Tree.

Er ist schon seit ein paar Monaten tot. Zerstört, gefällt, verschwunden. Und doch erhält der Baum am Südufer des schwedischen Vättern-Sees in diesem Monat besondere Ehre – und das liegt an diesem Video, das die Vlogbrothers gemeinsam mit dem schwedischen Fotografen Patrik Svedberg produziert und Anfang März online gestellt haben.

Patrik hat den Baum, der in seiner Form an einen Brokkoli erinnert unter dem Namen The Broccoli Tree web- und weltberühmt gemacht. Begonnen hat alles mit einer beiläufigen Beobachtung auf dem Arbeitsweg von Patrik. Er entdeckte den Baum, postete ein schlechtes Foto von ihm auf Instagram und erhielt 43 Likes. Mittlerweile folgen dem Baum über 30.000 Menschen auf Instagram (wo ich das Bild gemacht habe), er hat eine eigenen Ortsangabe auf Google Maps.

Denn aus der Freude aus der beiläufigen Beobachtungen wurde ein Gemeinschaftserlebnis. Patrik teilte seine Freude und sie wurde mehr. Denn – das mag pathetisch klingen – digitale Dateien und Freude verhalten sich sehr ähnlich: Sie werden nicht weniger, wenn man sie teilt.

Und genau über dieses Teilen haben die Vlogbrothers einen Clip gemacht, in dem Patrik die Geschichte des Baumes nacherzählt – von dem wachsenden Freundeskreis, der sich für die Motive in immer neuen Kontexten begeistert.

Doch dann im September 2017 war plötzlich etwas anders: Der Baum war beschädigt. Jemand hatte ihn bewusst zerstört – und zwar so massiv, dass der Brokkoli-Baum wenige Tage später offiziell gefällt werden musste. „Etwas zu teilen, trägt das Risiko in sich, es zu verlieren“, sagt Patrik in dem Clip. „Das gilt besonders für eine Welt, in der es das Bedürfnis gibt, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – und sei es nur indem man einen viel geachteten Baum zerstört.“

Trotzdem kommt Patrik – und da ist er dem Shruggie nicht unähnlich – nicht auf die Idee, das Teilen des Baumes in Zweifel zu ziehen. Denn: „In Wahrheit können wir auch die Dinge verlieren, die wir für uns und geheim halten. Nur dann sind wir auch in unserer Trauer allein und können den Verlust mit niemandem teilen.“

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf.

Shruggie des Monats: Der Techlash

Mit dem Jahr 2018 gibt es auch ein paar Änderungen in meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Ich führe zum Beispiel diese Rubrik ein: Den Shruggie des Monats. Ausgezeichnet wird eine Person oder Idee, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheint. Folge 1 im Januar 2018 war Eli Pariser. Folge zwei nun: der Techlash!

Nein, es geht nicht ums Abschalten! Der Begriff Techlash, der seit ein paar Wochen schon eine Entwicklung der Besinnung beschreibt, handelt nicht von der Rückkehr in die analoge Welt. Wenn man Rückbesinnung sprechen will, dann geht es eher um die Grundideen eines dezentalen Web, das ohne zentrale Plattform auskommt, die eigenmächtig die Regeln bestimmt. (Foto: Unsplash/Team UL8)

Der Kollege Johannes Kuhn hat auf SZ.de den Begriff und die Entwicklungen in Amerika vorgestellt. Für mich ist der Techlash bedeutsam, weil er beweist: Die als GAFAM abgekürzten Technik-Giganten Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft sind nicht per se groß und uneinholbar, man kann ihre Macht beschränken, politisch und durch technische Alternativen.

So interpretiert ist der Techslash der perfekte Ausdruck für die Haltung, die der Shruggie in „Das Pragmatismus-Prinzip“ beschreibt: die Offenheit für die ständige Frage „Was wäre, wenn das Gegenteil richtig wäre?“

Ich habe in den vergangenen Wochen zahlreiche Texte gelesen, die diese Entwicklung beschreiben und kreativ vorantreiben. Der mit Abstand beste war dieses fiktive Memo an die Chefs von Amazon, Facebook, Google, Apple, Netflix und Microsoft, das der Econmoist unter dem Titel „Silicon Valley, we have a problem“ veröffentlichte. Allein dieser Text ist ein Beispiel für den Perspektivwechsel, um den es im Pragmatismus-Prinzip geht. Das Memo beschreibt nämlich all die rechtlichen und politischen Entwicklungen, mit denen die Tech-Giganten konfrontiert sind – aber eben aus deren Perspektive, als Bedrohung.

Die weiteren Lese-Empfehlungen zum Thema versuche ich hier fortlaufend zu dokumentieren:
* Rachel Botsman: Dawn of the Techlash (Guardian)
* Adam Tinworth: Facebook Never Loved Journalism. It’s time to break up
* Chris Dixon: Why Decentralization Matters
* John Harris: The punk rock internet – how DIY ​​rebels ​are working to ​replace the tech giants
* Ethan Zuckerman: Facebook Only Cares About Facebook
(…)


Hier geht es zur passenden Newsletter-Folge, in der ich einen öffentlich-rechtlichen RSS-Reader vorschlage

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf.

Shruggie des Monats Januar: Eli Pariser

Mit dem neuen Jahr gibt es auch ein paar Änderungen an meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Ich führe zum Beispiel diese Rubrik ein: Den Shruggie des Monats. Ausgezeichnet wird eine Person, deren Auftreten mir besonders passend zu den Ideen aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheint. Folge 1 im Januar 2018: Eli Pariser (die gesamte Newsletter-Folge erscheint nächste Woche)

Schon in seinem Buch „Die Filter-Blase“ imponierte mir seine pragmatische Haltung. Anders als viele, die ihn und das Wort zitieren, zieht er daraus keineswegs kulturpessimistische Schlüsse. Eli Pariser startete im Wissen um das Prinzip der Filter-Blase eine Website, die Storytelling für genau diese digitale Welt entwickeln wollte: Upworthy.

Für ihn war die Filter-Blase nie eine Ausrede, im Gegenteil er nahm sie als Ansporn, um besser zu werden. In einem Interview mit meinen SZ-Kollegen Mirjam Hauck und Johannes Kuhn sagte er im Mai 2012: „Am Ende geht es darum, ob wir Werkzeuge benutzen oder die Werkzeuge uns. Jemand der sich gut auskennt und das Problem versteht, kann die Filterblase zum Platzen bringen. Aber viele Internetnutzer sind noch nicht so weit, weil es nicht leicht ist, diese neue seltsame Welt ohne technischen Hintergrund zu verstehen.“

In diesem Monat habe ich nun ein Interview mit ihm bei Digiday UK gehört, das seine Haltung zu Facebook auf den Punkt bringt. Eine Haltung, die dem Shruggie (der Hauptperson meines Buches „Das Pragmatismus-Prinzip“) sehr gefallen würde. Eli Pariser sagt darin mit Blick auf Facebook: “Facebook is still very important. It’s just the way the world is. It’s like gravity. It doesn’t help to say that gravity doesn’t exist. It does, and it exerts a strong force. Would we prefer that it didn’t exist? Maybe. But that’s not the world we’re living in. So, you have to be good at Facebook. Then, you build a sustainable business around that. There’s no choice [when it comes to Facebook] if you’re trying to reach a lot of people.”

Das ist interessant, weil Upworthy immer als Paradebeispiel dafür herangezogen wird, sich nicht zu sehr auf Facebook zu verlassen. Denn nach dem rasanten Aufstieg, brachen die Inhalte des Angebots in der Reichweite ebenso stark ein. Pariser bestreitet das nicht, hält aber fest, dass Upworthy dennoch eine funktionierendes Geschäftsmodell habe (das auf Branded Content basiert, was nochmal ein eigenes Thema wäre).

Das finde ich beeindruckend: Der Mann, der die Filterblase auf die öffentliche Agenda brachte, führt eine Firma, die ihr Geld mit und in Facebook verdient.

Darüberhinaus habe ich den Podcast mit großem Interesse gehört, weil Pariser auf beeindruckende Weise auf den Punkt gebracht, was der publizistische Kern der Art ist, wie Upworthy Geschichten erzählt. Dabei geht es darum, wie es diesem Medium gelingt, Menschen zu empowern. Leider fällt mir kein besseres Wort für die Art ein, wie Upworthy die Idee von Social-Media interpretiert (hier meine Perspektive zu dem Thema): „Do I have any role to play here or not?“ ist die Frage, die Upworthy-Geschichten ihren Leser*innen beantworten. Deshalb seien Upworthy-Geschichte stets aus einer Perspektive heraus gemacht, die den Leser*innen eine Anschlussmöglichkeit bietet, ein Option zum Empowerment: „How do you create those kinds of experiences where people walk away not feeling like „I gonna turn it all off“ but actually feeling like „I want to engage, I want to get busy doing somethin good“?

Diese Perspektive beschäftigt mich seit einer Weile und sie wird mich vermutlich weiter beschäftigen. Wer sich dafür interessiert und wer wissen möchte, welchen Shruggie des Monats ich im Februar wähle, der kann hier meinen monatlichen Newsletter bestellen, in dem es künftig eben genau diese Rubrik geben wird. Die Januar-Folge der Digitalen Notizen erscheint nächste Woche.

In Kategorie: DVG