Alle Artikel mit dem Schlagwort “Ambiguitätstoleranz

Shruggie des Monats: Pure Vernunft

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Hätte diese Rubrik einen Soundtrack, es wäre vermutlich der Song „Neues vom Trickser“ der Band Tocotronic. 5:01 Minuten musikalischer Ausdruck eines Gefühls, das die Wissenschaft „Ambiguität“ nennt: die Mehr- oder Doppeldeutigkeit ist ein verbindendes Element aller Einträge.

„Eines ist doch sicher“, singt Dirk von Lowtzow in dem Song: „Eins zu eins ist jetzt vorbei.“ Und man fragt sich augenblicklich, ob sich dieses Ende nicht auch auf die besungene Sicherheit beziehen müsste. ¯\_(ツ)_/¯

Der Song würde in diesem Jahr volljährig. Das Spiel von parolenhaft-sicher besungener Unsicherheit ist dadurch aber nur besser geworden. Es zeigt (und das ist die Idee dieser Rubrik und die Haltung des damit verbundenen Buchs), dass die Wahrnehmung eines Inhalts von Mehrdeutigkeit geprägt sein kann – oder anders formuliert: dass die eigene Perspektive und der Kontext ebenso wichtig sind wie der Inhalt selbst.

In diesen wirren Corona-Tagen kann man das kaum besser illustrieren als an einem anderen Song, den die Band Tocotronic 2005 veöffentlichte. Er trägt den Titel „Pure Vernunft darf niemals siegen“ und klingt so. In der zweiten Strophe heißt es:

Pure Vernunft darf niemals siegen
Wir brauchen dringend neue Lügen
Die uns den Schatz des Wahnsinns zeigen
Und sich danach vor uns verbeugen
Und die zu Königen uns krönen
Nur um uns heimlich zu verhöhnen
Und die uns in die Ohren zischen
Und über unsere Augen wischen
Die die, die uns helfen wollen bekriegen
Pure Vernunft darf niemals siegen

Wenn ich den Song in diesen Tagen wieder-höre, klingt daraus 4:21 Minuten musikalischer Ausdruck dessen, was Menschen gerade zu Wissenschafts-Zweifelnden werden lässt. Es sind dies Menschen, die mit der puren Vernunft der Wissenschaft hadern und die „dringend neue Lügen“ suchen, denen sie folgen und denen sie so glauben können, dass sie „zu Königen uns krönen“. Denn plötzlich verstehen sie die Welt wieder, durchblicken eine Verschwörung und erkennen gut und böse. Dabei trauen sie den Lügen so sehr, dass sie sogar „die, die uns helfen wollen bekriegen“.

Genau diese Haltung habe ich in den vergangenen Tagen in zahlreichen Mails gelesen, die ich als Antwort auf die beiden Texte erhielt, die ich in den vergangenen Wochen zum Thema Hygienedemo schrieb. Die fünf abschließenden Sätze wurden von Pocket auf die Startseite des deutschsprachigen Firefox-Internets gespült (Hintergründe zu der Dynamik hier*) und neben zahlreichen bestätigenden Mails erhielt ich auch eine Menge Widerspruch, ein wenig Hass und etwas Dummheit per Mail.

Diejenigen, die sich von den Texten angesprochen fühlten, verband etwas, was man beim Wiederhören von Pure Vernunft darf niemals siegen verstehen kann. Sie suchen Meinungen, „die uns in schönsten Schlummer singen“ und „die uns vor stumpfer Wahrheit warnen“. Ich will mich über diesen Wunsch nach Ansichten nicht erheben, „die uns durchs Universum leiten und uns das Fest der Welt bereiten“. Ich habe den eher verständnisvollen ersten Brief geschrieben, weil ich glaube, dass wir alle Gefahr laufen, dem süßen Zauber derjenigen Perspektiven zu erliegen, die uns bestätigen und uns die Angst nehmen – „nur um uns heimlich zu verhöhnen und die uns in die Ohren zischen und über unsere Augen wischen.“

Ein 15 Jahre alter Song liefert mir dafür jetzt eine Art Soundtrack: die konkrete Aufforderung, sich nicht über die Lügen der Hygienedemonstrierenden zu erheben, sich nicht für etwas Besseres zu halten und sich vor allem nicht auf das Spiel der Spaltung einzulassen. In der dritten Pure-Vernunft-Strophe heißt es nämlich:

Wir brauchen dringend neue Lügen
Die unsere Schönheit uns erhalten
Uns aber tief im Inneren spalten
Viel mehr noch, die uns fragmentieren
Und danach zärtlich uns berühren
Und uns hinein ins Dunkel führen

Mit dem Wissen von heute kann man das durchaus als Warnung lesen. Es bleibt in jedem Fall ein sehr guter Song. Denn wie gesagt: „Eines ist doch sicher. Eins zu eins ist jetzt vorbei.“

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

*Zur Dynamik der Pocket-Empfehlungen nochmal diesen Text lesen:

Shruggie des Monats: der „für später“-Button von Pocket

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Wie digitales Denken in der Corona-Krise helfen kann: fünf Vorschläge (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wer hat die Digitalisierung in deinem Unternehmen in den vergangenen Jahren entscheidend voran gebracht? Es folgen drei Abkürzungen zum Ankreuzen: Variante a) der CEO (was die Abkürzung für den obersten Chef ist), b) der CTO (steht für Chief Technology Officer) oder c) COVID_19 (was keine Berufsbezeichnung ist, sondern die durch das Coronavirus SARS-CoV-2 verursachte Viruskrankheit, die gerade die Welt wie wir sie kannten sehr grundsätzlich verändert). Jemand im Internet hat sich den Spaß gemacht, COVID_19 anzukreuzen und dieses Bild ins Netz zu stellen. Die Botschaft ist deutlich: die Coronakrise ist der bedeutsamste Digitalisierungs-Treiber der vergangenen Jahren. Plötzlich entdecken Menschen den Zauber der digitalen Vernetzung, die das Internet eigentlich ablehnen. Plötzlich ist möglich, was jahrelang verschleppt wurde – weil es schlicht die einzige Möglichkeit ist, jetzt und sehr vollständig auf das Digitale zu setzen. „Die Corona-Krise ist ein gesellschaftlicher Umkipp-Punkt, an dem auch die skeptischen Teile der Gesellschaft die seit Jahren beschriebenen Möglichkeiten in die Tat umsetzen“, so mein Urteil am Beginn der Krise, als die Gesellschaft feststellte: Immerhin gibt es das Internet.

Mit jedem Tag, den die Krise dauert, wird aber deutlicher, dass sich gerade nicht nur auf der Anwendungsebene Grundsätzliches ändert. Corona treibt die Digitalisierung nicht nur in der selbstverständlichen Nutzung, sondern auch im Denken voran: Ich meine beobachtet zu haben, wie die Corona-Krise der Gesellschaft ein „Digital Mindset“ nahebringt. Das Leben in der Ungewissheit macht die vormals abstrakte Rede von der VUCA-Welt (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguitität) sehr konkret greif- und fühlbar. Deshalb glaube ich, dass man der Corona-Krise mit Denkmustern begegnen kann, die aus dem Digitalen stammen. Es sind Muster, die noch nie auf Gewissheiten bauen konnten, die auf Lernen und Entwicklung setzen und keine Masterpläne mehr suchen. Ich habe diese Muster in meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ beschrieben und fasse hier die fünf wichtigsten zusammen, die beim Denken in der Corona-Krise helfen können

1. Auf Sicht fahren

Der Weg vor uns liegt im Nebel (Symbolbild: unsplash). Die Corona-Krise zeigt deutlich, was im Digitalen so ähnlich schon immer galt: Wir können nur bedingt planen. Wir bewegen uns in kleinen Schritten und bringen jederzeit die Bereitschaft mit, Anpassungen vorzunehmen. Die Idee, in Sprints zu arbeiten, ist eine Reaktion auf genau diese Ungewissheit. Darin steckt die Bereitschaft, nicht immer „das große Ganze“ lösen zu wollen, sondern sich in Iterationen vorwärts zu bewegen und aus Fehlern zu lernen. Auch auf die Corona-Krise mit diesem agilen Denken zu reagieren, scheint mir ein sinnvoller Weg zu sein. Denn wie absonderlich „der langfristige Plan“ in diesen Zeiten wirkt, merken wir wenn wir überlegen, was wir Anfang März über Corona und die nächsten Wochen sagten…

2. Ausprobieren

Nicht nur in der Corona-Krise gilt: Es gibt nicht den einen Masterplan zur Bewältigung dieser Herausforderung. Es ist eine neue Situation, für die es keine Blaupause aus der Vorgänger-Generation gibt, die Älteren sind nicht automatisch die Klügsten im Raum, sondern genauso ratlos wie wir alle. Wir sind wohl oder übel aufs Ausprobieren angewiesen. Das bedeutet aber auch: wir sollten aufhören, nach Masterplänen zu suchen und beginnen, Menschen zu loben, die Fehler korrigieren und neue Entscheidungen treffen. Lernende System zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf neue Gegebenheiten reagieren, sich anpassen. Wenn der Weg beim beim Gehen, braucht man dafür einen grundlegende Offenheit: Build, Meassure, Learn – der Imperativ auf „Lean Startup“ ist digital denkenden Menschen schon länger ein Leitbild. In der Corona-Krise wird er auf Infektionszahlen und Reproduktions-Statistiken ausgedehnt.

3. Kleiner denken

Wenn es keinen Masterplan gibt, kann man auch aufhören, nach einem stimmigen Fünf-Jahres-Konzept zu suchen. Wichtiger als detaillierte Milestones ist ein grundsätzliche Übereinkunft über die gemeinsame Richtung. Kein einzelner Schritt wird das Gesamtproblem lösen, aber ohne die einzelnen Schritte, kommen wir nicht voran. Wer im digitalen Denken sozialisiert ist, hat sich schon vor Jahren von der Perspektive verabschiedet, alle Probleme auf einmal und vor allem perfekt lösen zu wollen. In agilen Zusammehängen sagt man deshalb: „Done is better than perfect“. Mit Corona-Stimme gesprochen heißt das: Es kann schon ein Erfolg sein, wenn man einen Tag schadenfrei überstanden hat und Schlüsse für den nächsten Tag zieht.

4. Ambiguität aushalten

Komplexe Probleme zeichnen sich dadurch aus, dass sie keine einfachen Lösungen beinhalten. Schlimmer noch: Manchmal können widersprüchliche Antworten richtig sein bzw. Berechtigung haben. Damit umzugehen nennt mit Ambiguitätstoleranz. Diese Fähigkeit lernt man an keiner Schule, sie basiert auf dem Mut, eigene Wahrheiten in Frage zu stellen – und mit einem ¯\_(ツ)_/¯ immer die Frage zu stellen: Was wäre, wenn das Gegenteil richtig wäre?

5. Vernünftig bleiben

Das süßeste Gift in komplexen Zeiten ist das beruhigende Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Social Media katalysiert diese Form von Selbstvergewisserung in einer Weise, die bedrohliche Züge annehmen kann. Was die Seife im Kampf gegen das Virus ist, ist die Vernunft im Kampf gegen die einfachen Wahrheiten: Sie hilft, die gefährliche Verbreitung zu unterbinden. Dazu zählt, allen Schuldzuweisungen zu misstrauen, die „die Medien“, „die Eliten“ oder „die Pharma-Industrie“ als Strippenzieher eines geheimen Plans „enttarnen“. Die Unterstellung, alle anderen würden nur Böses im Sinn haben und dieses Böse durch die Reaktionen auf die Corona-Krise umsetzen, ist vielleicht beruhigend, aber leider vor allem eins: unvernünftig (Mehr über das „Motive attribution asymmetry“ genannten Phänomen hier).

Vernunft basiert auf dem Mut, sich nicht den Emotionen hinzugeben. Die Fähigkeit, die man dafür immer wieder aufbringen muss, hat Christoph Kucklick mal als „Überforderungsbewältigungskompetenz“ beschrieben. Also als die Fähigkeit, die eigene Überforderung nicht durch einfach Antworten zu bekämpfen, sondern sich der Ratlosigkeit zu stellen und pragmatisch auf sie zu reagieren. Für mich bringt das Schulterzucken des ¯\_(ツ)_/¯ diese Haltung perfekt auf den Punkt. Im Umgang mit den digitalen Herausforderungen habe ich es als enorm hilfreich kennengelernt. Ich würde mir wünschen, dass wir diese Haltung auch in Bezug auf die Corona-Krise lernen – auch wenn es schwierig ist.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich häufiger mit dem Thema „Digitales Denken“ befasse. Dazu sind zuletzt erschienen: „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020), „Zwölf Dinge, die erfolgreiche Tiktokter tun“ (Dezember 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“, „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Wer mehr über das Thema Digitales Denken wissen möchte: mein Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ handelt genau davon, wie man auf unsichere und komplexe Situationen reagiert.

Shruggie des Monats: Der Advent

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Achtung, es könnte kurz kitschig werden. Denn die Adventsfolge der Rubrik „Shruggie des Monats“ möchte ich mit einem adventlichen Gedicht beginnen. Es stammt von Joseph von Eichendorff, heißt „Weihnachten“ und endet mit diesen Reimen:

„Sterne hoch die Kreise schlingen
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen:
O du gnadenreiche Zeit!“

Mir fielen die Zeilen (die ich tatsächlich mal in der Schule auswendig lernen musste) wieder ein als ich vor ein paar Tagen des Buch „Die Vereindeutigung der Welt“ von Thomas Bauer las. Bauer, Arabist und Islamwissenschaftler, beschreibt darin den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt (so der Untertitel) in der Gesellschaft. Das Buch ist ein Appell für Ambiguitätstoleranz und einen offenen Umgang mit Mehrdeutigkeiten. Bauer analysiert eine gesellschaftliche Entwicklung, die der Shruggie als das Aufkommen der einfachen Antworten beschreibt: „In vielen Lebensbereichen erscheinen deshalb Angebote als attraktiv, die Erlösung von der unhintergehbaren Ambiguität der Welt versprechen. Diese gelten ihren Anhängern und Jüngern als besonders zeitgemäß und fortschrittlich und haben vielfach die Diskurshoheit in ihrem jeweiligen Feld erobert. Demgegenüber wird Vielfalt, Komplexität und Pluralität nicht mehr als Bereicherung empfunden.

Das Aushalten von Vieldeutigkeit ist dem Shruggie ein Zeichen von Gelassenheit. Bauers Buch dreht diese Perspektive einen Schritt weiter bzw. um: Das Verweigerung von Vieldeutigkeit wächst sich zu einem gesellschaftlichen Problem aus.

Das ist lesenswert beschrieben und würde alleine für einen Buchtipp reichen.
Dann entdeckte ich aber einen Aspekt in dem Buch, der das Einstiegsgedicht auslöste. Bauer leitet nämlich her, dass Religion und Glauben per se ein Ausdruck von hoher Ambiguitätstoleranz ist. Denn wer an einen Gott glaubt, begibt sich damit automatisch in ein Feld der Mehrdeutigkeit (es sei denn er betreibt den Glauben fundamentalistisch). Bauer formuliert das schöner und auf den Punkt so:

Religion beruht auf dem Glauben an etwas, das größer und anders ist als wir. Und weil das so ist, ist es auch nicht restlos ausdeutbar. Wie sehr sich auch die klügsten Theologen und Religionsgelehrten bemühen, das Transzendente in Begriffe zu fassen, bleibt doch immer ein Rest an Vagheit, Unbestimmtheit und Mehrdeutigkeit, also an Ambiguität.

Diesen Rest an Ambigutität, den Religion offenlegt, möchte ich im November als Shruggie des Monats loben – und mit Blick auf all die kommerzialistierte Adventskultur, die in diesen Tagen aufgeladen mit Glühweinduft durch die Innenstädte wabert, will ich sogar einen Schritt weitergehen und den Advent als Ausdruck von Ambiguität loben. (Foto: Unsplash) In christlicher Tradition wird die Zeit, in der der „Ankunft des Herren“ gedacht wird, als Beginn des Kirchenjahres verstanden. Es ist die Zeit vor der Geburt Jesus Christus, also vor der Menschwerdung Gottes. Mit Blick auf die Ambigutität formuliert: Der Advent ist eine zentrale Zeit in der Vagheit der christlichen Religion. Es ist eine Vorbereitungsphase auf das Weihnachtsfest, das selber voller Mehrdeutigkeiten steckt.

Denn der Shruggie stimmt in keiner Weise in den Chor derjenigen ein, die ein Klagelied darüber singen, dass es Menschen gibt, die nur an Weihnachten in die Kirche gehen. Diese Vagheit, das Jahr über Kirchen zu meiden und an Weihnachten doch „O du Fröhliche“ dort singen zu wollen, ist ihm nicht verwerflich, sondern Ausdruck einer Form der Ambiguitätstoleranz, die man nicht mit Gleichgültigkeit verwechseln sollte. Dass ein Glauben – und sei es nur in kleinen Dosen – vorhanden ist, zeigt, dass die Bereitschaft zur Vagheit nicht ganz verloren gegangen ist. Denn vage oder unbestimmt zu sein, ist kein Zufallsprodukt, sondern eine Fähigkeit. Der Rest an Mehrdeutigkeit, der in dem Unausdeutbaren des Glaubens bleibt, ist eine Herausforderung, die man bewältigen muss – und übrigens nicht nur im Advent.

Religion im Allgemeinen und die feierlich beleuchtete Vorweihnachtszeit im Besonderen sind Symbol einer Uneindeutigkeit, die man aushalten ja sogar lernen muss.
Denn sie ist die Voraussetzung für Vielfalt und Mehrdeutigkeit – wie man bei Bauer nachlesen kann. Für den Shruggie ist diese Ambiguitätstoleranz die Basis für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen – der Advent kann uns auf erstaunliche Weise daran erinnern.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

In Kategorie: DVG

Weniger Recht haben müssen

Es war schon spät in der Nacht als der Fotograf David Wilkinson, der für den schottischen Club Milk in Edinburgh arbeitet, die beiden Gäste Lucia und Patrick fotografierte. Das Bild, das die beiden 18-Jährigen dabei zeigt, wie Patrick der desinteressiert schauenden Lucia etwas ins Ohr brüllt, wurde kurz darauf auf die Facebookseite des Clubs geladen – und von dort zur Grundlage für eines weltweiten Memes: Patrick Richie und Lucia Gorman wurden zum Symbol für ein etwas ungutes Geschlechterverhältnis: links ein etwas unsympathischer Mann, der brüllt. Rechts eine schweigende Frau, die wenig mit der Information anfangen kann.

Gäbe es ein Buch zu diesem Bild, es wäre vermutlich „Wenn Männer mir die Welt erklären“ von Rebecca Solnit.

„Ich weiß, ich komm nicht besonders gut rüber auf dem Bild“, sagte Patrick der BBC als das Bild anfing weltweite Verbreitung zu erfahren – in immer neuen Abwandlungen des immer gleichen Musters. Seit ein paar Tagen gibt es das Motiv auch mit deutschen Bildbeschreibungen. Und zwar so ausführlich, dass Der Gazetteur das Bild aus Edinburgh als Ablenkung für den Distracted Boyfriend montiert hat – kombiniert mit einem anderen Twitter-Thema, das in den vergangenen Tagen Fahrt aufgenommen hat und bei dem auch viel gebrüllt wurde.

Es geht um das Motiv: #Fahrradstraße, das ein Zusammentreffen in einer Fahrradstraße in Hannover beschreibt. Dabei blieben eine Radfahrerin und ein Lkw-Fahrer so lange im Recht bis die Polizei gerufen wurde. Der zentrale Satz dabei: Er will nicht warten oder ausweichen. Jetzt stehen wir Nase an Nase. Seit 10 Min.

Beide Bilder – und vor allem die anschließende Weiternutzung – sind nicht nur schöne Illustrationen für den großen Spaß, den man an Internetquatsch haben kann. Sie beschreiben auch wunderbar, dass es vielleicht gar nicht so sehr ums Internet geht, wenn wir auf Internetkommentare schimpfen. Vielleicht ist das Netz eher ein Spiegel der Gesellschaft, in der Menschen beiderlei Geschlechts einfach sehr gerne Recht haben – und andere daran teilhaben lassen. Recht haben scheint zum zentralen Ziel viele Diskutanten on- wie offline geworden zu sein. Es ist Menschen oftmals so wichtig, dass sie es höher werten als Menschlichkeit, Verständnis oder gar Toleranz. Das Schlimmste aber: Vor lauter Recht haben müssen, vergessen wir dass womöglich auch mehrere Ansichten richtig sein können – vielleicht sogar gleichzeitig mit unserer eigenen Meinung. Das Stichwort dazu heißt Ambiguität und im Fall der Özil-Debatte genannten Auseinandersetzung um Rassismus in der Gesellschaft konnte man das Problem sehr genau beobachten.

Ich habe diesen Verdacht am Wochenende getwittert – und erhielt daraufhin einen guten Hinweis auf den ersten Satz in der Straßenverkehrsordnung. Dort ist in einer Vorbemerkung geregelt, worauf man achten soll, wenn man am Straßenverkehr teilnimmt:

Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.

Vielleicht ist das eine schöner Vorsatz für die nächste Debatte – egal ob im Internet oder außerhalb: Einfach mal jemanden vorfahren lassen – gerade dann wenn man das Recht hätte selber zuerst zu fahren. Gäbe es einen seriösen Vorsatz, den man in den beiden lustigen Memes des Winters erkennen kann, es wäre vermutlich: Weniger Recht haben müssen!

Zum Weiterlesen:
> Das Gespräch mit Armin Nassehi
> BBC: How To Disagree: A Beginner’s Guide to Having Better Arguments
> Das Experiment „Das ist Deine Meinung“ mit der Erkenntnis: Freiheit ist immer die Freiheit zum Andersdenken
> Der Podcast How To Disagree Better von Arthur Brooks
> Das Buch Streit! von Meredith Haaf, die hier einige Fragen zum Streiten beantwortet hat

UPDATE: Zum Ende des Jahres fand das Motiv erneut Verwendung als Nico Lange (Berater der neuen CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer) #nurmalso auf Twitter bekannt gab, dass er Fleisch esse, Auto fahre und zu Silvester Böller zünde. Sascha Lobo hat dann lesenswert beschrieben, warum Twitter sich für politische Debatte nur schlecht eignet – und der Twitter-User freshofall hat dann eine Meme-Replik an Nico Lange gesendet.

Shruggie des Monats: Die Özil-Debatte

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree, den Traditionshasen, die Plattform Startnext sowie das Stories-Format beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. ¯\_(ツ)_/¯

Ich bin Mesut Özil dankbar. Denn es gibt einen Aspekt an der gerade in aller Heftigkeit laufenden Debatte, den ich uneingeschränkt und ohne jegliche Abwägung und Einordnung dank Mesut Özil betonen kann: So einfach ist es nicht. Mit diesem Satz liegt man in nahezu jeglicher Debatte über den Nationalspieler nicht falsch. Und das ist schon ziemlich viel Wert: nicht völlig falsch zu liegen.

Denn die Özil-Debatte präsentiert in aller Anschaulichkeit eine der definierenden Grundeigenschaften zahlreicher gegenwärtiger Herausforderungen, die man ebenfalls mit dem Satz „So einfach ist das nicht“ zusammenfassen kann. Bei immer mehr Problemen sind die Abhängigkeiten und Verknüpfungen so unübersichtlich und komplex geworden, dass wir mit einfachen Antworten nicht mehr weiter kommen – auch und gerade nicht in der Özil-Debatte. Sie ist, wie der Kollege Friedemann Karig es sehr treffend auf den Punkt gebracht hat, eine (wie ich finde:) großangelegte Übung in „Ambiguitätstoleranz“

Wir müssen lernen, mit Widersprüchen und Mehrdeutigkeiten umzugehen. Das drückt der Begriff Ambiguitätstoleranz aus – und die Özil-Debatte zwingt uns genau dazu. Denn sie ist voll von „Aber andererseits“-Argumenten, die es zu bedenken gilt, wenn man sich von den Verfechtern der einfachen Schuldzuweisungen distanzieren will. Das menschenfreundliche Schulterzucken des Shruggie ist für mich das perfekte Symbol für Ambiguitätstoleranz – und die aktuelle laufende Debatte um Mesut Özil eignet sich deshalb so gut für eine Übung genau darin, weil sie voll ist von Meinungen und Gewissheiten. Nahezu jeder Wortbeitrag zum Thema ist voll von festen Standpunkten und Ansichten. Aber fast kein Wortbeitrag bringt die Offenheit und die Toleranz auf, nachzufragen was ständiger Antrieb des Shruggie ist: Was, wenn das Gegenteil richtig wäre?

Dieser Pluralismus ist Grundlage für ein weltoffenes, tolerantes Land und die Debatte um Mesut Özil erinnert uns alle daran, dass es etwas gibt, was wichtiger ist als einfach nur recht zu haben: der Wettstreit der Ideen. Dafür einzutreten heißt eben auch, den Verdacht zuzulassen, dass die Gegenseite Recht haben könnte – oder schlimmer noch, dass mehrere Aspekte richtig sein könnte. (Foto: Unsplash/Ozan Safak)

Genau davon handelt die Haltung des Shruggie – und er hat sie diese Woche in einem Mehr Ratlosigkeit wagen überschriebenen Essay im Deutschlandfunk ausführlich dargelegt. Der Beitrag wurde an dem Tag veröffentlicht, an dem nachmittags viele tausend Menschen gegen Hetze und für eine menschenfreundliche Politik in München auf die Straße gegangen sind und an dem abends Mesut Özil seine III/III Stellungnahmen veröffentlichte.

Die CSU empfindet das Eintreten für eine menschliche Politik als Angriff auf ihre Vertreter*innen. Das klingt nicht nur entlarvend, es legt auch ein demokratisches Defizit offen: Die CSU hat sich ausführlich mit der #ausgehetzt-Demo befasst, sie hat dafür Plakate gedruckt und im Anschluss auch eine absonderliche #WirsindCSU-Kampagne gestartet, in der sie sich als Opfer von linker Hetze sieht. Ich frage mich, wieviel sinnvoller diese Energie investiert gewesen wäre, hätte ein CSU-Landtagsabgeordneter das getan, was die Vertreter*innen anderer Parteien bei der Demo am Sonntag auf dem Königsplatz getan haben: Fünf Minuten vor den Demonstranten zu sprechen. Für das demokratische Klima in diesem Land (und vermutlich sogar für die Wahlergebnisse der CSU) wäre ein solcher Auftritt sicher hilfreicher gewesen als die etwas merkwürdige Kampagne, die man jetzt zu starten versucht.

Denn Ambiguitätstoleranz zu praktizieren, heißt ja nicht nur festzustellen, dass es keine einfachen Lösungen mehr gibt. Es heißt auch, auszuhalten, dass es Widerspruch gibt – von der Bühne und vor der Bühne. Meiner Meinung nach müssen wir hier allesamt noch etwas üben. Mesut Özil hat das sehr eindrücklich offen gelegt.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“