Alle Artikel mit dem Schlagwort “digitales Denken

Duzen oder Siezen? Warum eigentlich nicht beides?

„Medien und mediale Öffentlichkeit funktionieren traditionell nach diesem Prinzip: Inhalt wird unabhängig von seinem Publikum beim Absender geformt und nicht bei oder gar mit den Empfängern.“

So lässt sich das Modell klassischer Distribution zusammenfassen. Dem steht ein neues Modell gegenüber, das ich mal als „Das Ende des Durchschnitts“ beschrieben habe. Dieses neue, digitale Modell formt Inhalte beim bzw. mit den Emfänger:innen. Hier liegt einer der großen Unterschiede zwischen analogem und digitalem Denken.

Dass dieses neue Denken nicht nur personalisierbare Inhalte betrifft, sondern auch die Ansprache an Leser:innen, habe ich heute durch Zufall auf der Website legacies-now.com entdeckt. Dort gibt es nicht nur die Möglichkeit, die Sprache zwischen Englisch und Deutsch zu wählen, die Nutzer:innen können auch entscheiden, ob sie geduzt oder gesiezt werden wollen.

Die Idee ist vielleicht nicht besonders groß, aber zumindest mir kommt sie sehr neu vor. Ich habe dieses Konzept bisher noch nicht gesehen und finde es sehr spannend – und zukunftsweisend. Denn wer auf legacy.now Artikel verschickt, kann auch dort die Ansprache wählen, die Leser:innen dann sehen.

Mehr zum Thema im gleichnamigen Buch „Das Ende des Durchschnitts“: „Um Medien im digitalen Raum zu verstehen, sollten wir den Blick auf diese beiden Begriffe richten, die neu entstehen: Metadaten und Kontext. Sie sind sozusagen der Schatten des reinen Inhalts, sie geben ihm Wert und Rahmen und fordern uns zu dem heraus, was ich »Das Ende des Durchschnitts« nenne.“

Wie digitales Denken in der Corona-Krise helfen kann: fünf Vorschläge (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.


Wer hat die Digitalisierung in deinem Unternehmen in den vergangenen Jahren entscheidend voran gebracht? Es folgen drei Abkürzungen zum Ankreuzen: Variante a) der CEO (was die Abkürzung für den obersten Chef ist), b) der CTO (steht für Chief Technology Officer) oder c) COVID_19 (was keine Berufsbezeichnung ist, sondern die durch das Coronavirus SARS-CoV-2 verursachte Viruskrankheit, die gerade die Welt wie wir sie kannten sehr grundsätzlich verändert). Jemand im Internet hat sich den Spaß gemacht, COVID_19 anzukreuzen und dieses Bild ins Netz zu stellen. Die Botschaft ist deutlich: die Coronakrise ist der bedeutsamste Digitalisierungs-Treiber der vergangenen Jahren. Plötzlich entdecken Menschen den Zauber der digitalen Vernetzung, die das Internet eigentlich ablehnen. Plötzlich ist möglich, was jahrelang verschleppt wurde – weil es schlicht die einzige Möglichkeit ist, jetzt und sehr vollständig auf das Digitale zu setzen. „Die Corona-Krise ist ein gesellschaftlicher Umkipp-Punkt, an dem auch die skeptischen Teile der Gesellschaft die seit Jahren beschriebenen Möglichkeiten in die Tat umsetzen“, so mein Urteil am Beginn der Krise, als die Gesellschaft feststellte: Immerhin gibt es das Internet.

Mit jedem Tag, den die Krise dauert, wird aber deutlicher, dass sich gerade nicht nur auf der Anwendungsebene Grundsätzliches ändert. Corona treibt die Digitalisierung nicht nur in der selbstverständlichen Nutzung, sondern auch im Denken voran: Ich meine beobachtet zu haben, wie die Corona-Krise der Gesellschaft ein „Digital Mindset“ nahebringt. Das Leben in der Ungewissheit macht die vormals abstrakte Rede von der VUCA-Welt (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguitität) sehr konkret greif- und fühlbar. Deshalb glaube ich, dass man der Corona-Krise mit Denkmustern begegnen kann, die aus dem Digitalen stammen. Es sind Muster, die noch nie auf Gewissheiten bauen konnten, die auf Lernen und Entwicklung setzen und keine Masterpläne mehr suchen. Ich habe diese Muster in meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ beschrieben und fasse hier die fünf wichtigsten zusammen, die beim Denken in der Corona-Krise helfen können

1. Auf Sicht fahren

Der Weg vor uns liegt im Nebel (Symbolbild: unsplash). Die Corona-Krise zeigt deutlich, was im Digitalen so ähnlich schon immer galt: Wir können nur bedingt planen. Wir bewegen uns in kleinen Schritten und bringen jederzeit die Bereitschaft mit, Anpassungen vorzunehmen. Die Idee, in Sprints zu arbeiten, ist eine Reaktion auf genau diese Ungewissheit. Darin steckt die Bereitschaft, nicht immer „das große Ganze“ lösen zu wollen, sondern sich in Iterationen vorwärts zu bewegen und aus Fehlern zu lernen. Auch auf die Corona-Krise mit diesem agilen Denken zu reagieren, scheint mir ein sinnvoller Weg zu sein. Denn wie absonderlich „der langfristige Plan“ in diesen Zeiten wirkt, merken wir wenn wir überlegen, was wir Anfang März über Corona und die nächsten Wochen sagten…

2. Ausprobieren

Nicht nur in der Corona-Krise gilt: Es gibt nicht den einen Masterplan zur Bewältigung dieser Herausforderung. Es ist eine neue Situation, für die es keine Blaupause aus der Vorgänger-Generation gibt, die Älteren sind nicht automatisch die Klügsten im Raum, sondern genauso ratlos wie wir alle. Wir sind wohl oder übel aufs Ausprobieren angewiesen. Das bedeutet aber auch: wir sollten aufhören, nach Masterplänen zu suchen und beginnen, Menschen zu loben, die Fehler korrigieren und neue Entscheidungen treffen. Lernende System zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf neue Gegebenheiten reagieren, sich anpassen. Wenn der Weg beim beim Gehen, braucht man dafür einen grundlegende Offenheit: Build, Meassure, Learn – der Imperativ auf „Lean Startup“ ist digital denkenden Menschen schon länger ein Leitbild. In der Corona-Krise wird er auf Infektionszahlen und Reproduktions-Statistiken ausgedehnt.

3. Kleiner denken

Wenn es keinen Masterplan gibt, kann man auch aufhören, nach einem stimmigen Fünf-Jahres-Konzept zu suchen. Wichtiger als detaillierte Milestones ist ein grundsätzliche Übereinkunft über die gemeinsame Richtung. Kein einzelner Schritt wird das Gesamtproblem lösen, aber ohne die einzelnen Schritte, kommen wir nicht voran. Wer im digitalen Denken sozialisiert ist, hat sich schon vor Jahren von der Perspektive verabschiedet, alle Probleme auf einmal und vor allem perfekt lösen zu wollen. In agilen Zusammehängen sagt man deshalb: „Done is better than perfect“. Mit Corona-Stimme gesprochen heißt das: Es kann schon ein Erfolg sein, wenn man einen Tag schadenfrei überstanden hat und Schlüsse für den nächsten Tag zieht.

4. Ambiguität aushalten

Komplexe Probleme zeichnen sich dadurch aus, dass sie keine einfachen Lösungen beinhalten. Schlimmer noch: Manchmal können widersprüchliche Antworten richtig sein bzw. Berechtigung haben. Damit umzugehen nennt mit Ambiguitätstoleranz. Diese Fähigkeit lernt man an keiner Schule, sie basiert auf dem Mut, eigene Wahrheiten in Frage zu stellen – und mit einem ¯\_(ツ)_/¯ immer die Frage zu stellen: Was wäre, wenn das Gegenteil richtig wäre?

5. Vernünftig bleiben

Das süßeste Gift in komplexen Zeiten ist das beruhigende Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Social Media katalysiert diese Form von Selbstvergewisserung in einer Weise, die bedrohliche Züge annehmen kann. Was die Seife im Kampf gegen das Virus ist, ist die Vernunft im Kampf gegen die einfachen Wahrheiten: Sie hilft, die gefährliche Verbreitung zu unterbinden. Dazu zählt, allen Schuldzuweisungen zu misstrauen, die „die Medien“, „die Eliten“ oder „die Pharma-Industrie“ als Strippenzieher eines geheimen Plans „enttarnen“. Die Unterstellung, alle anderen würden nur Böses im Sinn haben und dieses Böse durch die Reaktionen auf die Corona-Krise umsetzen, ist vielleicht beruhigend, aber leider vor allem eins: unvernünftig (Mehr über das „Motive attribution asymmetry“ genannten Phänomen hier).

Vernunft basiert auf dem Mut, sich nicht den Emotionen hinzugeben. Die Fähigkeit, die man dafür immer wieder aufbringen muss, hat Christoph Kucklick mal als „Überforderungsbewältigungskompetenz“ beschrieben. Also als die Fähigkeit, die eigene Überforderung nicht durch einfach Antworten zu bekämpfen, sondern sich der Ratlosigkeit zu stellen und pragmatisch auf sie zu reagieren. Für mich bringt das Schulterzucken des ¯\_(ツ)_/¯ diese Haltung perfekt auf den Punkt. Im Umgang mit den digitalen Herausforderungen habe ich es als enorm hilfreich kennengelernt. Ich würde mir wünschen, dass wir diese Haltung auch in Bezug auf die Corona-Krise lernen – auch wenn es schwierig ist.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich häufiger mit dem Thema „Digitales Denken“ befasse. Dazu sind zuletzt erschienen: „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020), „Zwölf Dinge, die erfolgreiche Tiktokter tun“ (Dezember 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“, „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Wer mehr über das Thema Digitales Denken wissen möchte: mein Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ handelt genau davon, wie man auf unsichere und komplexe Situationen reagiert.

Kann es sein, dass Angela Merkel mehr vom digitalen Denken verstanden hat als dein Chef?

„… dass wir vom Bürger her denken und nicht unsere Projekte so durchziehen wir wir das gewohnt sind.“

Mit diesem Worten beschreibt Angela Merkel in der Generaldebatte am 21.11. im Deutschen Bundestag (PDF des Protokolls) was für sie der zentrale Unterschied zwischen analogem und digitalem Arbeiten ist. Das ist ein erstaunliches Zitat weil viele bei Angela Merkel und Digitalisierung immer noch an das Neuland-Zitat denken – und sich dann wieder gemütlich zurücklehnen.

In Wahrheit hat die Bundeskanzlerin – dieser kurze Ausschnitt aus der Debatte beweist es – offenbar mehr von digitalem Denken verstanden als viele Projektplaner*innen, die immer noch denken ein gutes Projekt bestehe aus einem stabilen Konzept, aus Meilensteinen, ständiger Kontrolle und KPIs. Häufig sind das auch diejenigen, die den Begriff „agil“ für ein modernes Buzzword halten und es synonym zu „schnell“ oder „beweglich“ verwenden, ohne wirklich zu verstehen, was mit agilem Vorgehen gemeint ist. (via Johannes)

Am Beispiel des Bürgerportals beschreibt Merkel wie sie sich dabei digitales Denken vorstellt (kopiert aus dem Protokoll von bundestag.de) – und warum digitale Projekte nur gelingen, wenn sie an Nutzer-Bedürfnissen ausgerichtet sind:

Wir sind im normalen klassischen Denken gewohnt, ein Projekt zu planen, das gesamte Projekt dann schrittweise umzusetzen, während im digitalen Zeitalter eine völlig andere Art der Herangehensweise da ist und die Anwendungen Schritt für Schritt eingeführt werden müssen . Dieses richtige Denken beim Umsetzen des Bürgerportals wird sehr wichtig sein . Wir werden erste Funktionen, nämlich die des Bundes – das sind über 100 –, sehr schnell einführen . Wir werden dann mit den Ländern die anderen 400 Funktionen durchsetzen, sodass wir Ende 2022 wirklich den vollkommenen und kompletten Zugang – von Fahrzeuganmeldung über Elterngeldbeantragung, Steuererklärung, Gesundheitsakten und vielen, vielen anderen Dingen – digital schaffen. Das ist notwendig . Das ist kein Nerd-Projekt, wie man vielleicht sagen könnte; denn wenn die Bürgerinnen und Bürger diesen Zugang nicht bekommen, werden wir im digitalen Zeitalter nicht bestehen . Deshalb muss der Staat hier Vorbild sein .

Ist der Staat hier tatsächlich ein Vorbild? Man kann das mit Blick auf das methodische Vorgehen sehr leicht überprüfen, indem man sich z.B. fragt:

– Entwickeln wir in unserem Unternehmen Projekte in Bezug auf ein Nutzer-Bedürfnis oder weil es der Chef gut findet?
– Fragt jemand, bevor wir anfangen, welches Problem wir mit diesem Projekt am Ende lösen werden?
– Sind bei uns kurzfristige Reaktionen auf Veränderungen möglich oder befolgen wir vor allem einen mit Meilensteinen gefestigten Plan?
– Gibt es die Möglichkeit, schrittweise Bestandteile des Projekts zu veröffentlichen und zu messen?
– Geht es bei der Entwicklung um kleine Schritte (Iterationen) oder um das große Ganze?
– Arbeiten wir in kleinen selbstorganisierten Teams, die Verantwortung übernehmen oder gibt es eine klassische Hierachie?

¯\_(ツ)_/¯

Wer sich dafür interessiert: im Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ gibt es auch ein Kapitel über New-Work und Formen der Arbeitsorganisation wie Scrum und Ideenentwicklung wie Effectuaiton