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Duzen oder Siezen? Warum eigentlich nicht beides?

„Medien und mediale Öffentlichkeit funktionieren traditionell nach diesem Prinzip: Inhalt wird unabhängig von seinem Publikum beim Absender geformt und nicht bei oder gar mit den Empfängern.“

So lässt sich das Modell klassischer Distribution zusammenfassen. Dem steht ein neues Modell gegenüber, das ich mal als „Das Ende des Durchschnitts“ beschrieben habe. Dieses neue, digitale Modell formt Inhalte beim bzw. mit den Emfänger:innen. Hier liegt einer der großen Unterschiede zwischen analogem und digitalem Denken.

Dass dieses neue Denken nicht nur personalisierbare Inhalte betrifft, sondern auch die Ansprache an Leser:innen, habe ich heute durch Zufall auf der Website legacies-now.com entdeckt. Dort gibt es nicht nur die Möglichkeit, die Sprache zwischen Englisch und Deutsch zu wählen, die Nutzer:innen können auch entscheiden, ob sie geduzt oder gesiezt werden wollen.

Die Idee ist vielleicht nicht besonders groß, aber zumindest mir kommt sie sehr neu vor. Ich habe dieses Konzept bisher noch nicht gesehen und finde es sehr spannend – und zukunftsweisend. Denn wer auf legacy.now Artikel verschickt, kann auch dort die Ansprache wählen, die Leser:innen dann sehen.

Mehr zum Thema im gleichnamigen Buch „Das Ende des Durchschnitts“: „Um Medien im digitalen Raum zu verstehen, sollten wir den Blick auf diese beiden Begriffe richten, die neu entstehen: Metadaten und Kontext. Sie sind sozusagen der Schatten des reinen Inhalts, sie geben ihm Wert und Rahmen und fordern uns zu dem heraus, was ich »Das Ende des Durchschnitts« nenne.“

Das Magazin der Magazine

Der egoistische Antrieb ist es, ein Magazin zu machen, wie wir es lesen wollen. FuÃàr mich ist es auch ein Anliegen, tolle Texte nicht verschwinden zu lassen. Sie sollen nochmals honoriert und in anderer, eigenstaÃàndiger Form aufbewahrt werden.

Im Interview mit V.i.S.d.P. erläutert Jan Peter die Idee von mgzn, einem Auswahl-Magazin, das wie die Antwort auf meine Anmerkungen zu personalisierte Nachrichten klingt.

http://mgzn.de/homepage

mgzn via kwout

Die Idee von Mgzn: ein Best-of aus Zeitungen und Zeitschriften. Laut Selbstbeschreibung klingt das so:

Ein Heft, in dem sich die besten Texte versammeln, sich gegenseitig ergänzen und Ihnen damit kostbare Zeit sparen. Damit Sie das zu lesen bekommen, was sich zu lesen lohnt. Und was am meisten Spaß macht. Das Magazin der Magazine.

Das klingt ziemlich gut. Und dennoch bin ich skeptisch:

1. Warum sollten Verlage da mitmachen und ihre Texte zur Verfügung stellen? Auf der Webseite wird zu Kooperationen keine Angabe gemacht.

2. Das schlägt sich auch auf die unklare Grundgesamtheit nieder: Die Rede ist von 120 Zeitungen und Magazinen, aus denen ausgewählt werden soll. Diese bleiben aber namenlos. Meines Erachtens wäre hier weniger mehr.

3. Der Preis ist zu hoch. Mgzn soll vierteljährlich erscheinen und die erste Nummer kostet 19,80 Euro.

4. Wer wählt aus? Die Lieblingstexte von Jan Peter interessieren mich schon allein deshalb nicht, weil ich Jan Peter nicht kenne. Die Kriterien für die Auswahl müssen offen liegen, wie bei anderen Magazinen auch muss gerade das „Magazin der Magazine“ eine inhaltliche Leitlinie haben.

5. Magazine leben von der Optik. Hier nur auf Texte zu setzen, finde ich falsch. Wenn man die Bilder und Illustrationen nicht zahlen kann, sollte man dennoch eine Aussage zur Gestaltung des „Magazins der Magazine“ machen.

Dennoch: eine spannende Idee. Warten wir ab, ob sich ausreichend Käufer finden, damit die Startausgabe gedruckt werden kann.

Fünf Anmerkungen zu personalisierten Nachrichten

„Sie müssen also nicht jeden Tag die gleiche Zeitung erhalten, sondern ich entscheide mich vielleicht heute Abend für eine ganz andere Zeitung für morgen früh.“

Der bei der Schweizer Post für Printmedien zuständige Mitarbeiter erklärt im Deutschlandradio Kultur ein „weltweit einzigartiges Projekt“, das nur wegen seiner sprachlichen Schlappheit so klingt wie der Besuch an einem Zeitungskiosk. Es geht tatsächlich um eine spannende neue Idee: die Personal News aus der Schweiz.

Die Idee dabei: Leser wählen aus 20 Zeitungen am Vorabend Artikel aus, die ihnen dann am nächsten Tag individuell zugestellt werden. Eine ähnliche Idee verfolgen auch die Macher von niiu in Berlin. Auf deren Website kann man lesen:

Warum nicht eine Tageszeitung lesen, die ihre Inhalte, nach Deinen persönlichen Interessen, jeden Morgen frisch aus den großen Tageszeitungen des Landes und dem Internet zusammenstellt? Deine Zeitung!

Das klingt zunächst sehr gut und auch modern. Es gibt aber dennoch ein paar Zweifel an diesen Modellen, die ich wie folgt zusammenfassen würde:

1. Zeitungen kauft man nicht wegen einzelner Artikel
Matthias hat es hier bereits erwähnt. Der Anspruch an eine Zeitung beschränkt sich nicht auf die einzelnen Artikel. Er schreibt: „Von einer Zeitung erwarte ich gerade, dass ich einen Überblick über alle Nachrichten bekomme.“ Genau darum geht es bei dem Modell einer Tageszeitung: den Überblick behalten, nichts verpassen. Dieses Versprechen wird eine personalisierte Zeitung nicht einlösen können.

2. Auswählen ist Arbeit
Das Gute kann man nur dann vom Schlechten unterscheiden, wenn man den Überblick hat. Wenn man den aber bereits hat, braucht man keine personalisierte Zeitung mehr. Genau im Vorgang des Auswählens liegt die Dienstleistung der Journalisten an ihren Lesern. Wie der Bäcker seinen Kunden die Arbeit abnimmt, ein Brot zu backen, liefert der Journalist seinem Leser die Übersicht über die wichtigsten Themen. Den könnte er sich auch selber verschaffen – das wäre aber viel zu anstrengend.

3. Drucken kann ich auch alleine
Bisher habe ich noch nichts über die Bezahlmodelle dieser Dienste gelesen, ich frage mich aber: Wofür soll man dabei eigentlich Geld ausgeben? Bestimmt nicht für den Inhalt, den haben weder die Schweizer Post noch Niiu erstellt, auch für die Auswahl zeichnen sie nicht verantwortlich. Die Bezahlung kann sich also nur auf den Druck beziehen. Den kann man aber auch daheim am Drucker ausführen, wenn man sich die Mühe macht, sie alle interessanten Artikel von den Websiten der Zeitungen zusammenzukopieren.

4. Dieser Form des Auswählens fehlt die Überraschung
Wer Blogs liest oder sich in Bookmarkdiensten über interessante Links informiert, tut dies vor allem, um Dinge zu entdecken, die er selber nicht gefunden hätte. Dieser Aspekt fehlt bei den bisherigen Modellen der personalisierten Zeitung aber ganz. Sie liefert lediglich das, was man bestellt hat. Überaschung ein nicht gerade schwaches Argument für die Lektüre einer Zeitung fehlt ganz.

5. Das Modell gibt es schon: es heißt RSS
Natürlich ist die Idee nicht falsch. Wer sich zu einem bestimmten Thema über mehrere Medien hinweg informieren will, wird sicher Gefallen an der personalisierten Zeitung finden. Er benutzt sie nämlich schon: ganz personalisiert und ganz privat in seinem RSS-Reader.

Mehr zu dem Thema gibt es aktuell bei Meedia und heise online.