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Shruggie des Monats: Anwesend

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Im Wikipedia-Artikel zum Schlagwort „Präsenz“ steht ein großartiger Satz. Mitten im Corona-Chaos lohnt es, sich diesen vermeintlich widersprüchlichen Satz wirken zu lassen. In ihm steckt eine Menge Weisheit über den Umgang mit dem, was man Remote-Office oder Präsenzkultur nennt. Der Satz lautet:

Präsent ist etwas deshalb, weil keine Zeit vergeht, bis es zur Verfügung steht, und es vergeht dafür deshalb keine Zeit, weil es anwesend ist.

Geschrieben wurde der Satz weit bevor wir anfingen über Anwesenheiten und digitale Verbindungen zu sprechen (Hintergründe dazu im April-Shruggie zum Thema Live-Stream). Der Satz befasst sich mit der etymologischen Herkunft des Wortes Präsenz, das die räumliche Anwesenheit und zeitliche Gegenwart beschreiben soll. Präsent war jahrelang nur das, was auch räumlich vorhanden war. Als Kind des Ruhrgebiets weiß ich, dass die Beschreibung jemand sei „vor Ort“ nichts mit Büro-Anwesenheit zu tun hat, sondern etymologisch mit dem Stollen unter Tage, an dem „vor Ort“ abgebaut wird.

Unter Tage kann man nicht durch digitale Vernetzung anwesend sein. In einer Bürobesprechung ist das aber durchaus möglich. Ist man dann „in Echt“ anwesend oder gilt das nur, wenn man auch körperlich im Raum zugegen ist?

Über diese Frage kann man jetzt stundenlang essay-philosophieren. Das Hadern mit der Transformation kann man in jeder Zeile dieser Betrachtungen über Videokonferenzen und vermeintlich echte Austausch lesen. Man kann die Frage aber auch wie die Werbung beantworten, die ich unlängst „in echt“ und „out of home“ gesehen habe: „Digital? Real? Egal!“ hat Pokemon auf diese Plakate geschrieben, die ich nicht weiter beschreibe, weil es nicht um die Werbebotschaft, sondern um diese Haltung geht.

Digital?
Real?
Egal

finde ich deshalb so schön, weil mein erster Reflex so lautete: „Digital ist doch auch real.“ Doch genau in dem Moment als ich das dachte, las ich „Egal“.

Genau darin liegt der historische Wendungpunkt, an dem ich aufhöre diese Diskussion zu führen: Ich will nicht mehr besprechen, ob du eine virtuelle Besprechung weniger wertvoll findest als eine mit körperlicher Anwesenheit. Mich interessiert nicht, ob dir ein ausgedruckter Text wertvoller erscheint als ein digitaler. Die Zeit, die ich hatte, um mich damit zu befassen, ist spätestens mit dem durch Corona ausgelösten Digitalisierungs-Schub abgelaufen.

Für mich fühlt sich diese Debatte wie die Frage an, ob ein übers Telefon gesagter Satz weniger „real“ ist als einer in körperlicher Anwesenheit.

Das ist doch nun wirklich ¯\_(ツ)_/¯
Willkommen in der Gegenwart, die genau in diesem Egal eine Lösung gefunden hat: Real und Digital ergeben ein neues Bild!

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Mit Musik Geld verdienen: die Streaming-Rechnung

An dem Tag, dem Google Unbegrenzten Musikgenuss für 7,99 Euro im Monat ankündigt, hat sich eine spannende Diskussion anhand dieses Artikels im Wall Street Journal entwickelt: es geht um die Frage, wieviel Künstler durch Spotify verdienen. Wir erinnern uns: Thom Yorke hatte dieses Thema im Sommer aufmerksamkeitsstark verbreitet, als er ankündigte, Spotify zu boykottieren weil Künstler bei diesem Dienst kaum Geld verdienen würden. Die Geschichte von Grizzly Bear und eine Wortmeldung von David Byrne aus dem Winter 2013 gingen in ähnliche Richtung.

Nun legen die Rechnungen auf Basis aktueller Zahlen von Spotify etwas offen, was in den Wortbeiträgen kaum betont wurde: Es gibt noch Mittelsmänner zwischen Spotify und den Künstlern. Mit Blick auf die geringen Einnahmen von Grizzly Bear rechnet das WSJ vor:

Sie hätten für 10.000 Streams ihrer Songs nur 10 Dollar bekommen. Laut den nun veröffentlichten Statistiken von Spotify wären für 10.000 Streams 60 bis 84 Dollar fällig.

Der weitüberwiegende Teil der Gelder, die Spotify auszahlt landen also gar nicht bei den Musikern, sondern bei den Rechteverwertern. Tim Renner weist auf diese Rechnung auf seiner Facebook-Seite hin und kommentiert:

die Labels verdienen heute schon mehr an Spotify oder Downloads als an der CD. Das liegt daran, dass die von den Plattformen gezahlten Preise bereits verhandelt sind (man also nicht wie beim Listenpreis der CD Rabatte, Bonus und Discount abziehen muss), die GEMA, Storage, Shipping, Billing iTunes, Spotify und Co übergeholfen wurden und Herstellung, Retourenabwicklung gänzlich entfällt. Beispiel: 12,90 Liste (CD) – 20% Künstler (dem nochmal mindestens 20% Packaging abgezogen – ergo 16% netto)= -2,06 Euro/ -25% durchschnittlicher Bonus, Rabat, Discount für den Handel = – 3,23 Euro / knapp 1 Euro GEMA, mehr als 1 Euro für Herstellung, Shipping, Billing,Storage, Retourenabwicklung0 -2.- Euro. Ergo 5,61 als Deckungsbeitrag 2 fürs Label. Bei Download/Streaming sieht die Rechnung so aus= 6,80 – 20% Künstler (dem nochmal mindestens 20% Packaging abgezogen werden – ergo 16% netto) = -1,08 Euro. Da alle weiteren, analogen Kostenfaktoren wegfallen, bleiben dem Label 5,72 Euro übrig -> ALSO MEHR ALS BEI DER CD. Gearscht ist nur der Künstler, der statt 2,06 nur noch etwas mehr als die Hälfte erhält…