Alle Artikel mit dem Schlagwort “mashup

Die Piraten kommen (aus dem Archiv)

10jahrepiraten

Heute ist es zehn Jahre her, dass in der gedruckten Ausgabe der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel „Die Piraten kommen“ ein Übersichtstext über die damals noch junge Piratenbewegung erschien (illustriert von Dirk Schmidt). Wenige Monate zuvor hatte Rick Falkvinge in Schweden die erste Piratenpartei der Welt ins Leben gerufen – und in Deutschland formte sich eine Bewegung, die damals noch unter dem Label PPD (Piratenpartei Deutschlands) lief und später durch zahlreiche als -gates bezeichnete Skandale für Aufmerksamkeit sorgte. Hannah Beitzer hat das Ende 2013 sehr lesenswert zusammengefasst.

Als (bisheriger?) inhaltlicher Höhepunkt der Piratenbewegung dürfte neben dem Einzug in einige Landesparlamente die Tatsache gewertet werden, dass es ihr durch zahlreiche Demostrationen im Februar 2012 gelang, das Thema Urheberrecht nicht nur zur ersten Meldung der Tagesschau zu machen – sondern auch in die Mitte der politischen Auseinandersetzung zu rücken. Im Frühjahr 2012 debattierte das Land – emotional wie nie zuvor – über das Urheberrecht. Diese Debatte scheint heute eine Ewigkeit entfernt zu sein. „Wir sind Urheber“-Aktionen finden heute selbst dann nicht mehr statt, wenn Juristen das Urheberrecht für ihre Zwecke Umsätze verdrehen.

Dabei ist das Hauptthema der Piraten allerdings weiterhin relevant. Daran erinnert beständig eine Frau, von deren Position diejenigen, die vor zehn Jahren Auslöser für den zitierten Zeitungsartikel waren, nur träumen konnten: Julia Reda, die 29-Jährige sitzt für die Piratenpartei im Europaparlament.

PS: Ebenfalls zehn Jahre her: Mein Twitter-Selbstversuch

Die Sache mit der Kopie: 10 Dinge, die wir von Melania Trump und Michelle Obama lernen können

Für einen Fan der völlig unterschätzten Kulturtechnik des Kopierens war heute ein interessanter Tag: Melania Trump hat in ihrer Rede beim Parteitag der Republikaner in Cleveland Passagen einer Rede wiederholt, die die aktuelle Präsidentengattin Michelle Obama 2008 in einer Rede genutzt hat (und ja, sie hat auch Rick Astley kopiert). Dieser Umstand hat nicht nur für einige Social-Media-Aufregung gesorgt, sondern legt auch die Notwendigkeit einer Klarstellung dar. Deshalb hier – anknüpfend an ein kurzes Gespräch in Deutschlandradio Kultur – zehn Dinge, die man von dem Fall „Melania Trump kopiert Michelle Obama“ lernen kann:

1. Ja, es ist eine Kopie. Die Behauptung, dass Politiker-Reden doch eh voll von Floskeln sind, ist erstens nicht richtig und im konkreten Fall zweitens nicht hilfreich.

2. Nein, es war keine gute Kopie. Trump hätte dafür mindestens ihre Quellen offenlegen müssen. Denn das machen gute Remixer und Mashup-Künstler: Sie benennen ihre Referenzen.

3. Für mich zeichnet sich eine lobenswerte Kopie übrigens durch zwei weitere Kriterien aus: Neben der Benennung der Quellen darf sie nicht eine bloße Wiederholung sein, sie muss eine neue Form finden und eine gewisse Schöpfungshöhe überschreiten.

4. Denn natürlich schaffen wir alle etwas indem wir Bezüge herstellen. Wir stehen – wenn man ein berühmtes Zitat benutzen will – auf den Schultern von Riesen. Aber gerade deshalb ist es wichtig, gutes Kopieren einzuüben.

5. Dafür ist es meiner Meinung nach wichtig, die binäre Unterscheidung zwischen Kopie (böse) und Original (gut) durch eine skalierte Differenzierung zu ersetzen. Es gibt originellere und weniger originelle Werke. Schließlich ist auch Originalität keine entweder-oder-Fähigkeit. Warum beurteilen wir eigentlich die Werke, die aus Originalität entstehen, so eindimensional?

6. Wie originelle Referenzen entstehen können, kann man übrigens unter dem Hashtag #FamousMelaniaTrumpQuotes nachlesen:


7.
Im Rahmen der Web-Witze zum Thema tauchte übrigens auch eine Kopie eines Bildes von Michelle Obama auf, das die First Lady in Rahmen ihres Engagements in der BringBackOurGirls-Aktion gemacht hatte – und darauf ein weißes Blatt Papier hochhält. Dieses wurde – Kopiermaschine Internet – nun für neue Zwecke genutzt: Um der Forderung „Bring Back My Speech“ Ausdruck zu verleihen.

8. Aber natürlich ist Michelle Obama weit davon entfernt, die Kopisten jetzt auch noch mit einer Reaktion zu adeln. Stattdessen kursiert heute ein Video, das Obama beim Kopieren zeigt: Im Laufe der Woche wird ein Clip veröffentlicht, der sie beim Carpool-Karaoke zeigen wird.

9. Zusätzlich zu der Frage, wie man die Kopie zu bewerten haben, muss man einen Aspekt der Aufmerksamkeits-Ökonomie bedenken: Ergebnis dieser (unguten) Kopie ist für Melania Trump, dass plötzlich allüberall Bilder zu sehen sind, die die Frau, die gerne First Lady werden will im Gegenschnitt mit Bildern der Frau zeigt, die aktuell First Lady ist.

10. Anders formuliert: Es genügt nicht, sich mit dem Bedingungen des Kopierens zu befassen. Wir müssen auch in den Blick nehmen, wie Werbung Politik heute funktioniert. Dafür ist diese Kopie ein Lehrbeispiel, das allerdings selber wieder zehn Punkte rechtfertigen würde.

mashup

Zum Weiterlesen:
Vor fünf Jahren erschien bei Suhrkamp mein Buch „Mashup – Lob der Kopie“, über das ich am 23. September im NRW-Forum in Düsseldorf sprechen werde.

loading: #incommunicado – das Hörbuch

Fabian Neidhardt beschreibt sich selber als Straßenpoet, Sprecher und Botschafter des Lächelns. Auf Startnext ist er aktuell als Podcaster aktiv. Für das Projekt #incommunicado bittet er um Unterstützung – deshalb hat er den loading-Fragebogen ausgefüllt.

Was machst du?
Ich will den Roman #incommunicado von Michel Reimon als professionelles Hörbuch produzieren. Michel Reimon hat 2012 seinen Roman, der neben einer spannenden Geschichte quasi nebenher die Entstehung und Entwicklung des Copyrights bis hin zu seinem Problemen mit unserer aktuellen digitalen Welt beschreibt, unter Creative Commons online gestellt. Ich bin Sprecher und möchte dazu beitragen, das Thema noch bekannter zu machen. Also sammele ich Geld, damit ich das Studio für die Aufnahme, den Schnitt und das Mastern bezahlen kann. Danach wird das Hörbuch als kostenloses Creative Commons Hörbuch (CC­BY-SA­NC 3.0) in Podcastform veröffentlicht.

Warum machst du es (so)?
Ich habe genau diesen Podcast schon vor vier Jahren gestartet, aber mir fehlt einerseits die Zeit, andererseits das Equipment, dieses Hörbuch in der Qualität zu produzieren, die ich gern hätte. Deshalb die Crowdfundingaktion.

Wer soll sich dafür interessieren?
Grundsätzlich sollte sich dafür jeder interessieren. Es geht ja darum, wie wir heutzutage mit Kunst und Kreativität umgehen und wie das Copyright damit nicht mehr zusammenpasst. Deshalb brauchen wir ein paar Leute, damit sich noch mehr Leute mit diesem Thema auseinandersetzen können.

Wie geht es weiter?
Aufmerksamkeit generieren. Für die Kampagne und damit auch für das Thema Copyright. Damit solche Fälle wie Kraftwerk vs. Moses Pelham nicht mehr 17 Jahre vor Gericht stehen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Heutzutage wird das Copyright kaum mehr benutzt, um Künstler und ihre Arbeiten zu schützen. Im Gegenteil schränkt es Kunst ein und lässt ganze Kanzleitrauben mit kuriosen Copyrightverletzungen Geld verdienen. Der ganz aktuelle Fall Kraftwerk vs. Moses Pelham zeigt ganz gut, wo das Problem liegt: Das Copyright, wie es offiziell existiert, kann nicht mit der Art, wie wir Kunst konsumieren und produzieren. Daran sollten wir etwas ändern.

>>> Das Projekt #incommunicado auf Startnext unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


loading: Der illegale Film

Ein unabhängiger Film über das Urheberrecht und eine Antwort auf die Frage: „Wem gehören die Bilder der Welt?“ – das ist das Ziel von Filmemacher Martin Baer. Noch bis 13. März läuft seine Crowdfunding-Kampagne auf Startnext. Hier beantwortet er den loading-Fragebogen.

Was macht ihr?
„Der illegale Film“ soll der Frage nachgehen: „Wem gehören die Bilder der Welt?“.
Das geht von „Wer darf wen oder was fotografieren?“ über „Wer kontrolliert oder verwertet die schon vorhandenen Bilder?“ bis hin zu „Was geschieht in Zukunft mit Deinen Urlaubs- oder Profilfotos?“
In diesem Film berühren wir einige schwierige und hochumstrittene Gebiete wie etwa Urheberrecht, Persönlichkeitsrecht, Copyright, Panoramafreiheit, Datenschutz. All das hat mit unserer Kernfrage zu tun: Wird so langsam jedes beliebige Bild und irgendwann der Anblick der ganzen Welt zur handelbaren Ware? Wer verfügt schon heute über die Bilder, deren schiere Zahl exponentiell zunimmt? Wer profitiert davon?

Warum macht ihr es (so)?
Wir wollen diesen Film möglichst unabhängig von den üblichen „Content“-Verwertern machen. Bei diesem Thema bewegen wir uns immer in den Grenzbereichen der komplizierten rechtlichen Lage. Deswegen scheuen zum Beispiel Fernsehsender vor dem Thema zurück. Und deswegen heisst unser Projekt „Der illegale Film“.

Wer soll das anschauen?
Alle, die Fotos (oder andere Bilder) machen, teilen, kopieren, ansehen, hochladen, ‚runterladen.
Und alle, die wissen wollen, was in Zukunft mit den Bildern passiert, auf denen sie selbst sind – sei es wissentlich (selfie), zufällig (selfies der anderen) oder insgeheim („Sie werden gefilmt“ – und zwar demnächst fast überall und pausenlos).

Wie geht es weiter?
Das ist ein ambitioniertes Ziel, wenn 1000 Unterstützer_innen je 30 Euro geben sollen. Vor allem, wenn man sich nicht schon vorher auf eine Seite stellen und laut FÜR! oder GEGEN! rufen möchte. Eine Woche haben wir noch, unser Sammelziel zu erreichen. Wenn es gelingt, fangen wir im Frühjahr an, den Film zu drehen.
Sollten wir das Spendenziel am Ende nicht schaffen, bekommen alle Unterstützer_innen ihren Einsatz zurück. Aber je länger unsere Kampagne läuft und je mehr Reaktionen kommen, desto überzeugter sind wir: Es ist wichtig, diesen „illegalen Film“ zu machen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Wir haben bei unserer Crowdfunding-Kampagne für „Der illegale Film“ betont, dass uns ausser der Unterstützung durch Geld auch die Beiträge und Vorschläge der Unterstützer_innen wichtig sind.
Das hat zweierlei bewirkt: Heftige Kritik von denen, die uns verdächtigen, für oder gegen das Urheberrecht zu kämpfen. Wie wir aber im Teaser gleich zu Anfang sagen, stehen wir als Filmemacher zwischen den Stühlen. Es geht uns um weit mehr als nur ums Urheberrecht, und wir sind weit davon entfernt, dafür oder dagegen zu sein oder es abschaffen zu wollen.
Zum anderen schicken uns Unterstützer_innen interessante Hinweise, wo etwa Fotos gestohlen, missbraucht, verfälscht werden. Das sind viele weitere Argumente dafür, den „illegalen Film“ zu drehen.

Hier Der Illegale Film auf Startnext unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


#fbm15: Sechs Dinge, die ich auf der Buchmesse gelernt habe

In Frankfurt endet an diesem Wochenende die Buchmesse. Eine Veranstaltung, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass unfassbar viele Papierbücher in unterschiedlicher Größe und Güte in Messehallen rein- und anschließend wieder rausgeschleppt werden. Allerdings frage ich mich jedes Jahr wieder: Warum eigentlich tut man das? Kaufen kann man die Bücher an den allermeisten Ständen jedenfalls nicht. Und so habe ich eine gewisse Sympathie für die Sage, es gehe eigentlich darum, sich Bücher klauen zu lassen – als Indikator fürs Publikumsinteresse. Ich kann das nicht beurteilen, bilde mir aber ein bei meinem (Kurz-)Besuch in diesem Jahr etwas gelernt zu haben. Deshalb hier sechs Dinge, die ich auf der #fbm15 gelernt habe:

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1. Wir könn(t)en Bücher anders denken
Es ist mir in diesem Jahr so sehr wie selten zuvor aufgefallen: Buch heißt für diese Messe fast überall Papierbuch-Messe. Das sagt niemand, aber man gewinnt auf Schritt und Tritt den Eindruck. Dabei erscheint es mir durchaus geboten, die Idee Buch vielleicht auch mal anders zu denken. Der Lichtblick des Jahres war für mich in diesem Bereich Logos – das Projekt von Volker Oppmann, das genau dies wagt: Bücher anders zu denken.

2. Google Books ist Fair Use
Das ist zwar keine Erkenntnis, die in den Messehallen ausgestellt wurde, sie erreichte mich aber während der Messe. Bei Netzpolitik schreibt Leonhard Dobusch: „Im Rechtsstreit zwischen Google und der US-Autorenvereinigung Author’s Guild hat auch das Berufungsgericht entschieden, dass der Dienst Google Books von der Fair-Use-Klausel des US-Copyrights gedeckt ist.“

3. Sascha Lobo ist eine Erfindung
Die hochanerkannte und unter Digital-Experten seit langem geschätzte Autorin Carol Felt („Cybris“) hat sich den Buchkritiker Sascha Lobo ausgedacht – und der Spiegel ist darauf reingefallen.

4. Wir können in Netzwerken denken
Christiane Frohmann und Leander Wattig haben es in diesem Jahr gezeigt: Ihr Orbanism Space war eine tolle kleine Messe in der Messe. Vor der Bühne, die die beiden aufgebaut hatten und auf der kein einziges Papierbuch rumstand, trafen sich meinem Eindruck nach irgendwann im Laufe der Messe all die Leute, die Bücher anders denken wollen.

5. Wir können Bücher anders (ver)kaufen
buchhandel Ich habe mich schon vor der Buchmesse gefragt, warum Verlage nicht eigentlich selber tun, was Amazon angeblich so gut macht: Bücher verkaufen. Dann stieß ich auf das Buch Philosophie des Laufens und stellte fest: es gibt Verlage, die das sogar besser machen. Beim Mairisch-Verlag konnte ich das Buch jedenfalls versandkostenfrei bestellen und sehr einfach per Paypal bezahlen. Das klingt sehr einfach, scheint für Verlage aber sehr schwierig zu sein: vielleicht sollten Buchhändler und Verleger sich mal austauschen.

Das haben sie offenbar für die App Buchhandel.de getan, die ebenfalls auf der Messe vorgestellt wurde – und den Buchkauf leichter machen soll. Mehr zum Thema Kaufen und Versenden auch in diesem Artikel aus der SZ.

6. Es gibt einen ungenutzten Bereich (Marktlücke?) zwischen langen Texten und kurzen Büchern
Ich selber war vor allem auf der Messe um unser kleines Projekt Langstrecke vorzustellen: „Journalismus, der fast schon Literatur ist“ gehört natürlich auf die Buchmesse. Und dabei ist mir etwas aufgefallen: das Versprechen, das mit den digitalen Verbreitungswegen auch Platz für neue Formen sei, ist bisher nur halb eingelöst. Denn verlegerisch wird die Möglichkeit bisher kaum genutzt, Bücher zu machen, die kürzer sind als Papierbücher und länger als journalistische Texte. Veröffentlichungen also, die ein mittleres Format haben. Dafür sehe ich einen Bedarf – auch wenn man sie nicht im nächsten Jahr in die Frankfurter Messehalle reinschleppen kann.

Interview: „Ethik des Kopierens“ in Bielefeld

In der kommenden Woche findet in Bielefeld eine spannende Konferenz zum Kopieren statt. Die Forschungsgruppe „Ethik des Kopierens“ am Bielefelder Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) hat zu einer Fachtagung „Towards an Ethics of Copying“ (6.-9.10.2015) eingeladen. Vorab habe ich einem der Organisatoren – Dr. Eberhard Ortland – ein paar Fragen zum Thema gemailt.

Ihre Forschungsgruppe am Zentrum für interdisziplinäre Forschung in Bielefeld will eine Ethik des Kopierens erforschen. Wenn man sich die Debatten der vergangenen Jahre um vermeintliche Raubkopien und auch die Diskussionen um plagiierte Doktorarbeiten durchliest, könnte man sagen. Es gibt doch bereits eine ganz einfache Ethik des Kopierens: Man darf nicht kopieren! Warum reicht das nicht?
Niemand sagt: „Man darf nicht kopieren“. So eine plumpe Regel wäre unmöglich durchzuhalten. Dafür sind Kopien und Kopierhandlungen in allen möglichen Bereichen unseres Lebens einfach zu unverzichtbar. Selbst wenn es Leute gäbe, die sowas für richtig hielten, müßten die doch mindestens diesen Satz („Man darf nicht kopieren!“) immer wieder kopieren und ihren Mitmenschen vorhalten – und sie würden zu Recht dafür ausgelacht werden.
Versuche, das Kopierverhalten zu regulieren, begründen stets eine Unterscheidung zwischen legitimen, teilweise sogar gebotenen, und illegitimen Kopien: Jede Banknote zum Beispiel ist eine Kopie. Sie muß in ganz bestimmter Weise technisch ausgeführt sein, um eine akzeptable Kopie, eine echte Banknote zu sein. Kopien von Banknoten, die von ihrer Vorlage ununterscheidbar sein mögen, aber von den falschen Leuten hergestellt und in Verkehr gebracht wurden – von Leuten, die nicht dazu autorisiert sind –, sind illegitim, Falschgeld. Das Problem der sogenannten „Raubkopien“ ist nicht, daß sie Kopien sind; das sind die „Original“-Produkte ja ebenso. Das Problem ist, daß „Raubkopien“ denjenigen, die ein Monopol auf den Absatz von Kopien eines bestimmten Typs besitzen oder zu besitzen meinen, einen Teil ihres Absatzmarktes streitig machen und die Profite aus dem Verkauf dieser Kopien in andere Kassen fließen lassen als in die derjenigen, die darauf pochen, daß das Geschäft mit Kopien des betreffenden Typs nach geltendem Recht ihnen allein zustände. Das Problem der Plagiate in der Wissenschaft ist nicht, daß abgeschrieben wird, sondern daß der Abschreiber so tut, als hätte er nicht abgeschrieben. Wissenschaft könnte sich überhaupt nicht entwickeln ohne Kopien und Kopieren. Experimente müssen repliziert werden können, um die Geltung der aus den experimentellen Befunden abgeleiteten Naturgesetze zu verifizieren. Argumente müssen nachvollzogen werden können, um Einfluß auf unsere Sicht der Dinge gewinnen zu können. Die kritische Auseinandersetzung mit den Meinungen der anderen steht und fällt mit dem Zitieren der Sätze, in denen die anderen ihre Meinung artikuliert haben. Das wissenschaftliche Ethos des Kopierens verlangt, daß man ordentlich kopiert – Zitate nicht sinnwidrig manipuliert – und daß man eindeutig angibt, wo man was kopiert und wo man mit eigener Stimme zu sprechen beansprucht.
Moralische Forderungen – und teilweise auch Rechtstitel –, die sich darauf beziehen, wer was wie kopieren darf oder kopieren soll oder unter welchen Umständen Kopien illegitim seien und unterdrückt werden sollten, gab und gibt es in allen Gesellschaften, von denen wir wissen. Die Frage nach einer Ethik des Kopierens – als expliziter Reflexionsdisziplin zur Untersuchung des Rechts und der Reichweite solcher Forderungen – wird jedoch zunehmend relevant, wenn wir darauf aufmerksam werden, daß die anderen, die sich dem, was wir für richtig halten mögen, nicht unterwerfen und nicht anschließen mögen, nicht einfach nur böse, egoistisch, geizig, gemein und rücksichtslos sind, sondern ihrerseits von einer bestimmten Vorstellung von der Legitimität oder Illegitimität bestimmter Kopierhandlungen und bestimmter Forderungen nach Unterlassen bestimmter Kopierhandlungen ausgehen. Dann bemerken wir unter Umständen, daß man in diesen Fragen unterschiedlicher Auffassung sein kann. Wenn diese Auffassungen praktisch nicht zusammen bestehen können, müssen wir darüber streiten, welche Auffassung als die richtige gelten soll. Man kann natürlich versuchen, solche Auseinandersetzungen autoritär zu entscheiden, indem man zum Beispiel auf die WIPO-Verträge als international geltendes Recht pocht. Aber dann stellt sich irgendwann die Frage, warum eigentlich das geltende Recht diese offenbar strittigen Fragen so regelt, wie es sie regelt, in wessen Interesse das eigentlich ist, ob es überhaupt vernünftig und für alle Betroffenen akzeptabel ist.

Im Rahmen meiner Recherchen zum Lob der Kopie habe ich kaum Beispiele für allgemein positiv konnotierte Kopieren gefunden. Das Nachahmen hat einen denkbar schlechten Ruf. Können Sie erklären, woran das liegt?
Durch die Entwicklung der Kopiertechniken seit dem 15. Jahrhundert und vor allem in den letzten 200 Jahren – von der Druckerpresse, dem Kupferstich, der Radierung, über die Lithographie, Photographie, die modernen industriellen Fertigungstechniken bis zur digitalen Revolution – ist es immer leichter geworden, Kopien herzustellen und sich zu verschaffen. Der Wert der Kopien sinkt mit dem Aufwand, der erforderlich ist, um sie bereitzustellen. Zugleich steigt der Wert des Neuen, Differenten, nicht bloß nur das sattsam Bekannte Wiederholenden, und zwar nicht nur, weil es sich abhebt aus der Masse der Kopien, sondern vor allem auch, weil es seinerseits als Vorlage für viele, viele Kopien fungieren kann und dadurch als „Original“ interessant wird.

Und wieso wollen Sie jetzt ausgerechnet einen Bereich erforschen, der so einen schlechten Ruf hat?
Das Kopieren hat gar nicht so einen schlechten Ruf wie die ‚billigen‘ Kopien. Die Fähigkeit, Kopien herzustellen, von denen man erwarten darf, daß sie zuverlässig bestimmte Eigenschaften aufweisen, die an dem betreffenden Typ von Kopien jeweils geschätzt werden, liegt dem Erfolg der modernen industriellen Produktion zugrunde und wird weithin respektiert – selbst von denen, die manche Industrieprodukte verächtlich finden.
Aber für unser Interesse an der Erforschung der Ethik des Kopierens ist das Prestige der Kopien und des Kopierens gar nicht so entscheidend. Die Frage nach einer Ethik des Kopierens stellt sich in dem Maß, wie wir uns in Konflikte um die Legitimität oder Illegitimität von Kopierhandlungen wie von Forderungen nach der Einschränkung bestimmter Kopierhandlungen verwickelt sehen – sei es, weil wir selbst am Kopierverhalten der anderen Anstoß nehmen und bemerken, daß es uns vielleicht doch nicht ganz egal sein kann, was die mit unseren Sachen, unseren Daten, unserem Abbild anfangen, sei es, weil wir uns mit Forderungen konfrontiert sehen, deren Legitimität wir nicht ohne weiteres einzusehen bereit sind.

Welche Rolle wird in Ihrer Forschung die digitale Kopie spielen, die meiner Meinung nach eine historische Ungeheuerlichkeit ist, weil sie erstmals das identische Duplikat ermöglicht?
In der Tat stellen sich durch die Entwicklung und Verbreitung der digitalen Kopiertechniken heute Fragen, die die Ethik des Kopierens betreffen, in einem Ausmaß und in einer Dringlichkeit, die historisch beispiellos ist. Das ist der Grund, warum wir diesem Thema jetzt solche Aufmerksamkeit widmen müssen.
Dabei ist die digitale Kopie nicht ganz so beispiellos, wie die Frage suggeriert. Mehr oder weniger „identisch“ erscheinende Duplikate waren seit der Erfindung des Siegelabdrucks und des Bronzegusses bekannt, das läßt sich teilweise bis in vorgeschichtliche Zeiten zurückverfolgen. Die Erfindung der Schrift markiert eine wichtige Schwelle, indem die Festlegung eines limitierten Repertoires von Schriftzeichen-Typen es erlaubte, über individuelle Variationen in der Ausführung der Inskription hinwegzusehen und Abschriften als wortidentisch oder buchstabengetreu zu akzeptieren, selbst wenn es sich nicht um Abdrücke derselben Druckplatte handelte.
Aber mit der elektronischen Datenverarbeitung und den daran hängenden Entwicklungen der digitalen Aufzeichnungs- und Wiedergabetechniken für Zahlen, Texte, Bilder, Audio-, Video- und Multimediaformate sowie zunehmend auch für dreidimensionale Gegenstände in unterschiedlichen Materialien ändert sich Entscheidendes – nicht nur quantitativ, was die Verfügbarkeit der Kopien angeht, sondern auch qualitativ, in unserem Verständnis dessen, was die Gegenstände überhaupt sind, die da kopiert werden, und was die Kopien sind im Verhältnis zu den Gegenständen, deren Kopien sie sind. Die gesellschaftlichen Reglements des mehr oder weniger exklusiven Zugriffs auf bestimmte Dinge und Informationen werden auf breiter Front in Frage gestellt und müssen neu verhandelt werden.

Eine sehr alltagsethische Frage könnte dabei sein: Darf ich meinen Freunden das Album einer Band kopieren? Oder ein eBook weiterschicken? Ist das ethisch vertretbar?
Das kommt ein bißchen darauf an, wie viele „Freunde“ Sie haben und auf welchem Kanal Sie denen die betreffenden Dateien zugänglich machen wollen. Es ist offenbar nicht dasselbe, ob es sich um einzelne Privatkopien handelt oder um größere Stückzahlen bzw. Abrufe, die unter Umständen in die Vervielfältigungs- und Verbreitungsrechte der Urheber oder ihrer Rechtsnachfolger eingreifen. Unter Umständen könnte es für die alltagsethische Bewertung auch etwas ausmachen, ob Sie davon ausgehen müssen, daß für die Urheber jeder einzelne Verkauf ihres bisher wenig verbreiteten Werkes wichtig wäre als Beitrag zur Sicherung ihres Lebensunterhaltes und ihrer Fähigkeit, weiter künstlerisch tätig zu sein, oder ob sich um Kopien von bereits millionenfach verkauften Hits handelt.
Eine andere Frage ist, ob Sie es überhaupt schaffen. Denn häufig stehen dem ja technische Kopierschutzvorrichtungen entgegen, deren Umgehung nach dem WIPO-Copyright-Vertrag von 1996 und den seither erlassenen entsprechenden nationalen Gesetzen (in Deutschland durch den 2003 in das Urheberrechtsgesetz eingefügten § 95 a) verpönt ist, und zwar selbst dann, wenn das Kopieren im betreffenden Fall durch eine der gesetzlichen Schranken des Urheberrechts durchaus erlaubt wäre.

Eher im Bereich des künstlerischen Schaffens gelegen – aber nicht weniger leicht zu beantworten – ist die Frage: Wie weit darf ich mich bei den Werken anderer bedienen, um selber etwas zu schaffen?
So weit, wie Sie können. Das ist kein Problem, solange Sie sich privat daran erfreuen. Wenn Sie allerdings das, was Sie auf diese Weise zustande gebracht haben, veröffentlichen wollen – in Form einer Ausstellung, einer Aufführung, einer Buchpublikation oder auch in Form einer digitalen Abbildung, die online zugänglich gemacht wird –, kann, je nach dem, was Sie gemacht haben, die Frage aufkommen, ob Sie Kopien eines Werkes verbreiten wollen, das im wesentlichen nicht von Ihnen selbst, sondern von jemand anderem geschaffen worden ist, der nun ein exklusives Recht zur Verbreitung von Kopien des betreffenden Werkes besitzt und geltend macht, oder ob Sie eine Bearbeitung eines fremden Werkes verbreiten wollen, die ebenfalls dem Urheberrecht des Urhebers der verwendeten Vorlage oder gegebenenfalls seiner Rechtsnachfolger unterliegt, so daß die Veröffentlichung gegebenenfalls deren Einwilligung erfordert. Wenn es Ihnen gelungen ist, unter Verwendung der Vorlage etwas Eigenständiges, Neues zu schaffen, das sich zwar auf die Vorlage offenkundig bezieht, aber sich nicht darauf beschränkt, wiederzugeben, was in der Vorlage selbst schon enthalten war, sondern zu ihr Stellung nimmt, sie kommentiert, parodiert, rekontextualisiert, so daß die Vorlage „verblaßt“ gegenüber dem Interesse an dem, was Sie nun damit oder daraus gemacht haben, sollten Sie zumindest nach dem geltenden deutschen Urheberrecht auf der sicheren Seite sein – was natürlich nicht ausschließt, daß die von den Rechteinhabern der verwendeten Vorlage beauftragten Anwälte das im Zweifelsfall ganz anders sehen. Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand.

Durch das Internet ist das eine Frage geworden, die fast jeden betrifft. Gerade erst haben wir gesehen, dass man vor enormen Problemen stehen kann, wenn man sich zum Beispiel an Memen beteiligt, weil man dann urheberrechtlichen Klagen ausgesetzt sein kann. Wollen Sie im Rahmen Ihrer Forschung womöglich auch Lösungsansätze für diese Dilemmata entwickeln?
Ja. Das ist schon der Anspruch der Forschungsgruppe, daß wir da Lösungen brauchen, die die gesellschaftlichen Kommunikationsprozesse nicht strangulieren.

Mich persönlich treibt zur Zeit die Frage um, ob man nicht ganz anders auf Kopien schauen müsste. Durch das identische Duplikat gibt es eigentlich keine Unterscheidung mehr zwischen Vorlage und Vervielfältigung – jedenfalls wenn man den Inhalt betrachtet. Ich glaube, man müsste deshalb aufhören, auf den Inhalt zu schauen und das in den Blick nehmen, was sich bei der digitalen Kopie tatsächlich ändert: die Metadaten. Vorlage und Vervielfältigung haben unterschiedliche Zeitstempel. Was halten Sie von diesem Ansatz?
Wir werden natürlich nicht aufhören, auf den Inhalt zu schauen, denn es ist ja in erster Linie das Interesse an den Inhalten, das die Kopien für ihre Nutzer interessant macht. Der Hinweis auf die Metadaten ist freilich wichtig. In der Tat unterscheiden sich „identische“ Kopien und ihre Vorlagen durch ihre jeweilige Position in irreversiblen Zeitverhältnissen. Es kann unter Umständen für unser Interesse an einer bestimmten Kopie und für unser Verständnis der betreffenden Kopie – und nicht zuletzt auch für den rechtlichen Status und die Verkehrsfähigkeit einer Kopie – etwas ausmachen, in welchem zeitlichen Verhältnis sie zu anderen Vorkommnissen desselben Gegenstands steht.
Das gilt natürlich nicht nur für digitale Kopien. In der philologischen Textkritik wie in der altertumswissenschaftlichen Kopienkritik sind seit dem 18. Jahrhundert Methoden entwickelt worden, wie analog überlieferte Artefakte gewissermaßen nachträglich mit Metadaten auszustatten sind, um den Gang der Überlieferung und die Position des jeweiligen Zeugen in dieser Überlieferung rekonstruieren zu können.
Es verändert meinen Blick auf die Skulptur des „Sterbenden Galliers“ im kapitolinischen Museum in Rom, von der heute in aller Welt Abgüsse bzw. Nachgüsse in Gips, Bronze, Kunststein, sowie Repliken in Marmor und anderen Materialien zu sehen sind, wenn ich erfahre, daß es sich bei dieser Figur um eine römische Marmorkopie nach einer im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung verlorengegangenen hellenistischen Bronzeskulptur handelt, und daß diese römische Kopie ziemlich genau um das Jahr 50 vor unserer Zeitrechnung in Rom gefertigt worden sein muß zur Feier der Siege des römischen Feldherren und späteren Imperators Gaius Iulius Caesar über die Gallier. Die griechische Vorlage war um 225 v.u.Z. in Pergamon in Kleinasien von einem Bildhauer namens Epigonos, über den sonst nicht viel bekannt ist, geschaffen worden für den damaligen König von Pergamon zur Feier von dessen Sieg über die Galater, die in der römischen Rezeption dann eben zu „Galliern“ umgedeutet wurden. Die Kopie bekommt damit einen für uns präzise faßbaren historischen Ort und trägt ihrerseits bei zu unserem Verständnis der damaligen Situation in Rom, im Übergang von der Republik zur Diktatur. Bestimmte Eigenschaften der Kopie können sich gerade im Bezug zu diesem Entstehungszusammenhang als relevant erweisen, wie andererseits die späteren Kopien, in denen die moderne Rezeptionsgeschichte der im frühen 17. Jahrhundert in Rom ausgegrabenen antiken Plastik sich entfaltet, ebenfalls auf ihren historischen Ort und Verwendungszusammenhang zu befragen sind.

Für die Tagung, die ab 6. Oktober in Bielefeld stattfindet, haben Sie nicht zur renommierte Wissenschaftler aus dem Bereich der Kopie-Forschung eingeladen, Sie zeigen auch Kopier-Kunstwerke wie den Film „Double Happiness“, der die Geschichte der chinesischen Kopie des oberösterreichischen Hallstatt erzählt. Haben Sie selber sowas wie eine Lieblingskopie?
Die Chinesen sind schon unglaublich in ihren Kopierpraktiken, in der Aufnahme und Anverwandlung des Fremden, im Verwischen der Unterschiede zwischen echt und falsch, sein und schein. Im Frühjahr war in Dresden eine Ausstellung von Repliken aller möglichen und unmöglichen Konsumgüter, Gebrauchsgegenstände und Statussymbole aus Papier zu sehen, die in China als Brandopfer im Totenkult verwendet werden: Irre!
Faszinierend finde ich Kopien, die auf ihr Kopie-Sein reflektieren. Seit Jahren begleitet mich Roy Lichtensteins Superheldenbild „Image Duplicator“ (1963). Auch Gerhard Richters abgründige Kopie eines Fotos, das seinen „Onkel Rudi“ in der Uniform eines Wehrmachtsoffiziers zeigt (1965), gehört dazu oder auch die Stammheim-Serie „18. Oktober 1977“ (1988), in der Richter Fotos, Zeitungs- und Fernsehbilder im Medium der stark vergrößernden manuellen Kopie Bildpunkt für Bildpunkt darauf befragt, ob wir eigentlich eine Ahnung davon haben, was wir da sehen. Oder die Fotos der Puppenstuben, in denen Thomas Demand Fotos nachstellt, um sie wiederum abzufotografieren: Was passiert in diesem doppelten Kopierprozeß?
Ich schätze auch die Arbeiten von Elaine Sturtevant, etwa ihren „Fettstuhl“ nach Joseph Beuys: „Beuys Fat Chair“ (1964/92). Er ist seiner Vorlage so ähnlich – und doch in seinem Gehalt etwas ganz anderes, weil er über den Fettstuhl von Beuys ist, und über die Tragik der Epigonen, die sich damit auseinandersetzen müssen, daß auf jedem Stuhl schon ein berühmter Vorgänger sein Fett hinterlasssen hat. Auch ihr Remake des Beuys-Posters „La rivoluzione siamo noi“ (1971) ist umwerfend: wie sie einerseits den Auftritt von Beuys covert, aber sich dabei keineswegs einfach einreiht in das von Beuys proklamierte „Wir“, sondern in Konkurrenz zu ihm tritt und ihm ein anderes Wir mit revolutionären Ambitionen entgegensetzt, ein weiblich identifiziertes.
Das Internet produziert anonyme Kopien, die keinem Urheber mehr zugerechnet werden können. Zugleich ist es der Raum, in dem die Reflexion auf diese Phänomene in einer Weise vorangetrieben werden kann, die ohne diese Aggregation von Kopien keinem der Akteure, die sich daran beteiligen, möglich wäre. Neulich entdeckte ich die Examensarbeit eines amerikanischen Designstudenten, Benjamin Shaykin, über „Google Hands“ – ein blitzgescheites Arrangement von Kopien der Hände der namenlosen Arbeiter, die für Google Books unzählige Bücher eingescannt haben und über die man gelegentlich im Scrollen durch die digitale Bibliothek stolpert.

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Mehr über die Ethik des Kopierens auf irights – und auf der Website des Zentrums für Interdisziplinäre Forschung. Wer sich für das Thema interessiert, kann zudem gerne mein Buch Mashup – Lob der Kopie lesen. Und hier im Blog zum Beispiel das Interview mit den Machern des Supercopy-Festivals.

#OJZKM15 – fünf Langstrecke-Lehren

Auf Einladung des ZKM in Karlsruhe habe ich heute an dem Symposium „Online-Journalismus und die 4. Macht“ teilgenommen – und dabei über das Projekt „Süddeutsche Zeitung Langstrecke“ berichtet (hier geht es zum Live-Stream).

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Basierend auf dem Blog-Eintrag, den ich im Früjahr zum Thema schrieb, habe ich fünf Lehren herausgearbeitet, die man aus dem Projekt ziehen kann (und die vielleicht auch übergeordnet für die Entwicklung des Onlinejournalismus stehen). Außerdem habe ich die Gelegenheit genutzt, an die Frisbee-Werfer aus dem Sommer zu erinnern

1. Langstrecke ist ein Experiment: Das heißt vor allem, es ist die Option, sich öffentlich zu blamieren. Es heißt: Wir wissen es nicht, wir wollen es ausprobieren. Das setzt eine veränderte Haltung voraus (siehe Punkt 5).
2. Der Bildschirm ist ein Lesefenster: Es ist noch gar nicht so lange her, da galt es als unbequem lange Texte auf Bildschirmen zu lesen. In Zeiten von Lesegeräten und Apps wie Longform fragt man sich stattdessen wie das Zeitalter des iPhone-Readings beschaffen sein wird.
3. Kontext wird ebenso wichtig wie Content: Der Rahmen, in dem ein Inhalt wahrgenommen wird, wird immer wichtiger. Im Fall von Langstrecke sieht man das an der sehr hochwertigen Aufbereitet. Dahinter steckt aber viel mehr.
4. Crowdfunding wird das neue Social Media: Vor wenigen Jahren dachte man es sei sonderbar, wenn große Firmen auf Facebook sind. Heute ist das selbstverständlich, heute denken viele noch es sei ebenso sonderbar, dass große Firmen Crowdfunding nutzen.
5. ¯\_(ツ)_/¯ Ich mag den Shruggie – weil er so wunderbar auf den Punkt bringt, wo wir derzeit stehen: Wir wissen es nicht. Und das ist die vielleicht wichtigste Erkenntnis, dass man lernen muss mit dem Übergang umzugehen.


TV-Tipps: YouTube und Remix-Museum

Zwei Fernsehtipps für die nächsten Tage: Heute abend wird das Remix-Museum auf Arte vorgestellt. Für ihre Wissenschaftsformat X:enius haben Caro Matzko und Gunnar Mergner mich ins Lenbachhaus nach München eingeladen. Dort haben wir über das Vergessen im Internet und vor allem über den Zauber der Meme gesprochen.

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Dabei durfte ich das Remix-Museum vorstellen, das Leonhard Dobusch, Thea Dymke, Georg Fischer, Anett Holzheid, Lorenz Gilli, Susanne Regener, Katharina Mosene, Katharina Meyer, Till Kreutzer und Moritz Jacobs ins Leben gerufen haben, um für ein neues Urheberrecht und für ein Recht auf Remix zu werben.

Deshalb schauen wir uns im Münchner Museum den Meme-Teil des (virtuellen) Remix-Museum an – und lassen Ziegen Bon Jovi singen. Auch den Harlem Shake gucken wir an.

Den wiederum hat Tim Klimes bereits für das Format 15 Minutes of Fame ins Fernsehen gebracht. Seine zweiteilige Dokumentation Die YouTube-Story läuft dieser Tage ebenfalls im Fernsehen: Am morgigen Mittwoch (5. August) um 20 Uhr auf ZDFinfo und am 12. August 2015 um 00:00 im ZDF. Die X:enius-Folge übers Remix-Museum läuft heute abend um 17.55 Uhr auf Arte (und hier im Netz)

Digitale Medien sind Kontext-Medien

In der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung singt der „Papier-Manic“ und Verleger Gerhard Steidl ein Loblied auf Print. Das Interview – neben einem Teller mit Apfelschnitzen geführt – ist schön zu lesen und gibt einen guten Einblick in den Medienwandel von Print zu Pixeln und in die Hoffnungen und Ängste, die damit verbunden sind.

An einer Stelle des Gesprächs beschreibt Steidl einen vermeintlichen Vorteil von Print. Er sagt …

Das Betrachten eines Bildes auf Papier ist etwas völlig anderes als das Betrachten am Bildschirm. Egal ob ich das iPad eines Freundes in Tokio benutze oder in Washington oder zu Hause mein eigenes, es ist immer die gleiche Wahrnehmung. Ob ich mir aber in Madrid eine Zeitung kaufe oder in London, das macht einen Unterschied.

… und legt damit – meiner Meinung nach – den Grundstein für etwas, was ich als Lob des Kontext beschreiben würde (allerdings aus einer genau gegenteiligen Interpretation des Wandels).

Ob er seine Zeitung in Madrid oder London kaufe, mache einen Unterschied, sagt Steidl und hält doch in England wie Italien eine identische Vervielfältigung in der Hand. Beide Zeitungen zeigen den gleichen Inhalt. Ein digitales Produkt – egal ob mehr geliebt oder gehasst – könnte in beiden Städten Kontexten tatsächlich unterschiedliche Produkte zeigen. Das muss man nicht mögen, man sollte es aber zur Kenntnis nehmen: Digitale Medien sind Kontext-Medien. Ein digitales Produkt kann einen Unterschied auf Konsumenten-Ebene machen – jeder Leserin in ihrem eigenen Nutzungskontext ein angepasstes Angebot liefern. Diese Betrachtung von Medien und Kultur geht über den Inhalt und dessen Duplikat hinaus und nimmt auch das Umfeld in den Blick, in dem dieser konsumiert wird. Unabhängig davon, ob man das mag oder nicht: Hier liegt das nachhaltige und grundlegende Veränderungspotenzial der Digitalisierung. Romane, die je nach Tageszeit und Leseort ihren Handlungsverlauf anpassen, sind nur die folgerichtige technische Entwicklung dessen, was Spotify mit seiner gerade angekündigten Jogging-Erweiterung ermöglicht. Dabei wird die Schrittfrequenz des joggenden Spotify-Nutzers mit Hilfe von Handy-Sensoren analysiert und mit einer Playlist kombiniert, deren Lieder einen Beat haben, der zur Lauf-Frequenz und zur Geschwindigkeit passt.

„In einer Welt der grenzenlosen Vielfalt ist der Kontext – nicht der Inhalt – König“, hat Rod Reid, der Gründer von Rhapsody, mal gesagt. Daran musste ich denken, als ich die Stelle mit den Zeitungen in Madrid und London las.