Publikation – das habe ich hier im Blog schon häufiger geschrieben – wird im Netz zu Kommunikation. Das verändert den Beruf des Journalisten, das fordert die Rolle von Verlagen und Redaktionen heraus: Wie geht man mit dieser Veränderung um? (dazu hier eine Geschichte aus der letzten Ausgabe des Magazins journalist)
In Berlin wird in dieser Woche der Online-Kommunikationspreis verliehen. Die Süddeutsche Zeitung (für die ich im Bereich Social Media arbeite) ist dafür in zwei Kategorien für ihre digitalen Dialog-Aktivitäten nominiert. Das SZ-Magazin wurde (für seine Facebook-Seite) in der Kategorie “Social Media-Team des Jahres in Unternehmen” ausgewählt und Süddeutsche.de in der Kategorie “Online-Krisenkommunikation” (für ihre Kommunikation auf Twitter&Facebook während der Ddos-Attacke auf die Website). Verliehen wird der Preis auf Basis einer Präsentation vor einer Jury in Berlin. In dieser Präsentation werden Wolfgang Luef und Marc Baumann, die die Facebook-Seite des SZ-Magazins betreuen, einen Einblick in ihre Arbeit gegeben. Diese Form der Social-Media-Arbeit ist so spannend und lehrreich, dass ich Teile davon hier dokumentieren will.
Genau wie das Posting vom 13. März als weißer Rauch über dem Vatikan zu sehen war. Damals posteten Baumann und Luef ein Bild vom Schornstein mit den Worten “Es ist ein Junge”.
Wie entstehen solche Posting, die das soziale Gesprächsprinzip auf Facebook (einfach, konkret, emotional) treffen? Wolfgang Luef zeigt es – auf dem Handy. Die Screenshots dokumentieren wie die beiden im Dialog herausfinden, welcher Beitrag zu welchem Zeitpunkt am besten zu sein scheint. Sie zeigen aber auch: Mit dem Posting ist die Arbeit nicht erledigt, sie beginnt im Gegenteil erst dann. Die Postings ziehen nicht nur Shares und Likes (die Währung auf Facebook) nach sich, sondern auch zahlreiche nicht nur angnehme Kommentare.
Die SMS-Kommunikation zwischen den beiden zeigt aber vor allem: es geht um Wortwitz, ein Gespür für Situationen und das richtige Timing. Das kann man üben, aber nicht im klassischen Sinne vorbereiten. Es setzt ein Gefühl dafür vorraus, welche Erwartungen und Interessen sich vor der Facebook-Bühne versammeln – und natürlich den Mut, damit zu spielen, sie herauszufordern und zu überraschen. Das gilt fürs SZ-Magazin, aber auch für anderen Dialog-Aktivitäten im Netz (und nicht nur auf Facebook). Und zeigt, was der Wandeln von der Publikation hin zur Kommunikation bedeutet: Zu verstehen, dass unser Beruf nicht mit dem Senden aufhört.
Sascha Lobo hat gerade eben auf der re-publica einen Überraschungsvortrag gehalten. Vor lauter technischer und Stream-Probleme habe ich nicht mitbekommen, ob am Ende tatsächlich aufgelöst wurde, welchen Titel er sich dafür vorgestellt hatte. Ich nehme aber an, dass Reclaim Social Media nicht ganz am Thema vorbei geht.
Auf saschalobo.com/reclaim kann man sich anschauen, wie das aussehen könnte. Nach allem, was ich davon verstehe, ist das eine recht gute und recht einfache Idee. 2012 hatte Sascha geschrieben:
Der Weg vom Netzkonsumenten zum mündigen Digitalbürger führt nur über eine selbstkontrollierte Web-Seite, alles andere ist unterhaltsames, nützliches, schmückendes Beiwerk.
Reclaim.fm könnte ein Schritt auf diesem Weg sein.
Oh, da dachte man die Debatte um Christopher Lauers Abschied von Twitter sei beendet, da biegt die FAZ um die Ecke und fährt Sascha Lobo auf, der einen Brief an Christopher Lauer schreiben darf (nicht online). Darin enthalten: eine treffene Beschreibung von dessen Möglichkeiten und ein paar Anmerkungen über die Macht der Dialog-Medien. Das Fazit:
Die konkreten Argumente aber, die Christopher Lauer zur Begründung seines Abschieds vorgebracht hat, müssen jedem seltsam bekannt vorkommen, der die Internetdebatten der vergangenen Jahre verfolgt hat. Die angebliche Irrelevanz Twitters, die scheinbar vertane Zeit, die Irritation darüber, dass dort jeder ohne redaktionelle oder andere Filter publizieren kann – Lauer verwendet bis in die einzelnen Formulierungen hinein exakt die klassischen Standardargumente der Internetskeptiker. Und diese Erkenntnis birgt Sprengkraft. Denn das bedeutet, dass die emotionale Ablehnung sozialer Medien keine Frage mangelnden Wissens sein muss, sondern eine Frage des Gefühls, mit dem man der digitalen Welt und den Menschen darin gegenübertritt.
Das ist jetzt in der Tat nicht so neu, dass es aber ausgerechnet in der FAZ steht, ist dann doch wieder eine schöne Wendung dieser Diskussion.
Ich hatte vergangenen Woche hier über einen Text aus dem Spiegel geschrieben, dessen Haltung zu Blogs und zur Digitalisierung mir fragwürdig erschien. Gerade lese ich, dass der Text offenbar ganz andere Probleme hat. Alexander Svensson hat sich auf die Suche nach dem Ursprung einer Geschichte gemacht, die Ralf Hoppe in dem zitierte Text erzählt. Es geht dabei um das Aufkommen von Gerüchten in Blogs, um unfundierte Berichterstattung und unkalkulierbare Folgen. Konkret schreibt Hoppe über die Blog-Berichterstattung von Volksreportern, die zu folgendem Szenario geführt habe:
Aber die Isländer machten sich in der Nacht auf, blockierten ebenso tapfer wie sinnlos anderthalb Tage die Startbahn, bis alle steifgefroren waren. Der Erfinder dieses Gerüchts, der Blogger, wer immer es war, hat eine Menge kalter Füße und Blasenentzündungen zu verantworten
Ich hatte mich in meinem letzten Eintrag nicht weiter um diese Geschichte gekümmert, angenommen, sie habe sich so zugetragen. Alexander Svensson tut das nicht, er fragt nach:
Fragen wir Isländer. Und mit »wir« ist auch Bastian Brinkmann gemeint, Wirtschaftsredakteur bei Süddeutsche.de. Da ihn ebenfalls das Rollbahngoldfieber gepackt hat, fragt er Baldur Hedinsson, einen Mathematiker, der bei der renommierten NPR-Sendung »Planet Money« ein Praktikum gemacht hat. Hedinsson, der Island-Erklärer für NPR, sagt, dass er von der Geschichte noch nie etwas gehört hat: »I’d be amazed if it ever happened.« Er hat auch noch mal herumgefragt, ebenso erfolglos.
Guðjón Már Guðjónsson hat 2010 das Isländische Nationalforum nach der großen Krise mitorganisiert. Die Flughafenbesetzung? »I have never heard this story before«. Er fragt bei seinen Facebook-Freunden nach und erntet dafür 28 Likes und neun Smileys. (Einer schlägt vor, mir gephotoshoppte Bilder von eingefrorenen Demonstranten zu schicken. Das stößt auf Zuspruch.)
Wir können auch Isavia fragen, das ist die Gesellschaft, die Islands Flughäfen betreibt. Dort ziert man sich nicht, auf die merkwürdige Anfrage zu reagieren: Das sei eine großartige Geschichte, schreibt mir der Isavia-Sprecher sofort zurück, bedauerlicherweise ohne ein Fünkchen Wahrheit, aber dennoch großartig.
Was ist da los? Kann das sein, dass ausgerechnet die Beleg-Episode für die mangelnde Qualität von Blogs nicht zu belegen ist? Hat Alexander Svensson falsch gefragt? Handelt es sich um eine andere Rollbahn als um die, die von Isavia betreut werden?
In seinem Beipackzettel zum Spiegelblog schrieb Stefan Niggemeier im vergangenen September:
Der »Spiegel« leistet sich zum Beispiel eine Redaktion von über 80 Dokumentaren, die alle Texte prüfen. Dieser Aufwand bleibt dem oberflächlichen Betrachter verborgen. Teil der öffentlichen Diskussion zu werden, bedeutet daher nicht nur, sich (berechtigter oder unberechtigter) Kritik zu stellen, sondern auch, die eigenen Stärken erkennbar zu machen. Der »Spiegel« kann von einer Debatte, in der dieser Aufwand sichtbar wird, nur profitieren. Selbst dann, wenn das nicht immer dazu führt, jeden Leser zufrieden zu stellen.
In den vergangenen Tagen ist viel über Journalisten und ihre Rolle gesprochen worden. Diese Woche nun erschien im Spiegel ein Text, den man früher (als das ahnungslose Abwerten von Blogs noch üblicher war) vielleicht als Blog bezeichnet hätte. Im Spiegel läuft er unter der Kategorie “Homestory” und der Spiegel-Autor Ralf Hoppe erzählt darin von daheim. Er steigert sozusagen den Ansatz von Laura Himmelreich: hier ist nicht mehr der Journalist allein wichtigster Beleg seiner Thesen, hier dient die Familie als Bezugsrahmen, konkret der Sohn von Ralf Hoppe. Dieser ist offenbar der einzige oder zumindest der mit dem geringsten Aufwand zu recherchierende Vertreter einer fremden Generation, über die Hoppe schreiben möchte. Im Untertitel des “Volksreporter” überschriebenen Textes wird diese Generation unter Verwendung eines merkwürdigen “uns” und mit grammatikalisch falscher Tempus-Setzung so beschrieben: “Wie sich das Leben verändern wird, wenn unsere Kinder keine Zeitung mehr lesen.”
Was dann folgt ist ein Text, der sehr gegenwärtig beschreibt, dass der Sohn des Autors bereits heute keine Zeitung (auf Papier) liest.
Dabei verfällt der Text dem klassischen Fehler, Zeitung nicht über den Wert des darin produzierten Journalismus, sondern einzig mit dem Verbreitungsweg Papier zu definieren (ich hatte dazu hier bereits ausführlich geschrieben). Wenn dieses Papier verschwindet, so die These des Blog-Textes im Spiegel, wird es nur noch Blogs geben. Darin zeigt sich eine verquere Logik, denn diese Blogs, so der Blog-Text, seien per se schlechter. Was man ja an Island sehen kann. Wer jetzt erwartet, dass Ralf Hoppes Sohn wenigstens einen Bezug zu Island habe … aber egal. (Alexander Svensson hat sich die Mühe gemacht, den Text in dieser Sache detaillierter zu analysieren)
Ich will viel lieber über einen anderen Aspekt in dem online nicht verfügbaren Text sprechen: über die Rolle des Journalisten. Darum scheint es dem Autor nämlich auch zu gehen. Er benennt die Demokratisierung des Berufs sehr konkret mit einem plötzlichen Perspektiv-Wechsel auf ein vorher nicht erwähntes Wir, das den folgenden Satz einleitet:
Wir sind alle unsere eigenen Volksreporter : Das ist das Konzept, das hinter dieser Nachrichtenverbreitung steckt. Der Beruf, den ich mal vor langer Zeit ergriffen habe, nicht zuletzt, weil ich ihn für interessant (aber auch für krisensicher) hielt, sah einen Journalisten vor, der eine Ausbildung besitzt, eine Aufgabe hat, eine Mission, wie immer die auch aussieht. Dieser Journalist kommt in der neuen Art der Informationsübermittlung nicht vor.
Das muss er so schreiben, weil er vorher behauptet hatte, die Informationen im digitalen Nachrichtenstrom, an dem sein Sohn teilhat, seien sozusagen ohne Quelle, ohne medialen Bezug:
Nachrichten im sozialen Netz haben keinen Anfang, keinen Ursprung. Sie sind einfach plötzlich da. Erklärungslos, dafür meinungslastig, emotional.
Diese Behauptung ist einfach da, erklärungslos, meinungslastig, emotional. Sie deckt sich kaum mit dem, was Studien über die Verlinkung klassicher Medien im digitalen Raum zu Tage födern und noch viel weniger mit dem, was ich im sozialen Netz erlebe. Ich sehe dort Journalisten im angelsächsichen Raum, die sehr gebildet (und ausgebildet) ihre Quellen offenlegen, Bezüge herstellen, sachlich und zurückhaltend erklären.
Ich kann verstehen, dass es Journalisten gibt, die dieses Form der Autoritätsbegründung und Berufsausübung nicht mögen. Aber deshalb muss man sie ja nicht negieren. Wer den Datenstrom der sozialen Netze mit einer italienischen Piazza vergleicht, sollte schon anerkennen, dass dort sehr wohl auch professionelle Journalisten herumspazieren und den Dialog mit ihren Nutzern suchen. Von einem Artikel, der weniger “erklärungslos, meinungslastig und emotional” ein Thema bearbeitet, würde ich mir sogar erwarten, dass er diese Fakten in eine Analyse einfließen lässt. Denn hier liegt meiner Einschätzung nach der Hebel für eine digitale Ausgestaltung des Journalistenberufs einerseits und für Antworten auf die Frage, wie qualitativ hochwertiger Journalismus auch im digitalen Zeitalter funktionieren kann: in dem man seinen Wert benennt und nicht seinen Vertriebsweg. In dem man analysiert, wo er Menschen erreichen kann. In dem man nachschaut, wo er heute bereits praktiziert wird und nachfragt, warum das so ist.
Wer stattdessen lediglich seine Distanz und Verwunderung über die Digitalisierung festhält, beschreibt damit mehr die Entfernung von einer Lösung als die Suche danach. Ein Text, der sich aus dieser Ich-Perspektive der eigenen Familie bemächtigt, um daraus Schlüsse zu ziehen, ist viel weniger Zeitung als dem Autor vermutlich lieb ist. Ein solcher Text ist ein schlechtes Blog auf Papier, ohne dessen digitale Möglichkeiten auch nur zu erfragen.
Wenn man Medienmenschen richtig nervös machen will, muss man ihnen von 13- bis 25-jährigen Amerikanern erzählen und von Gewohnheiten und Besonderheiten aus dieser Gruppe. Man muss dabei irgendetwas einbauen, was neu klingt und wichtig werden soll. Schon sind die Medienmenschen nervös und hören sehr genau zu.
Der 31-jährige Investor Garry Tan macht genau das gerade mit großem Erfolg – also Medienmenschen nervös. Denn Tan will herausgefunden haben, dass Facebook gar nicht mehr so spannend ist für den 13- bis 25-jährigen Amerikaner. Viel aufregender (und häufiger genutzt) sei Tumblr. Das Netzwerk gilt schon länger als das nächste große Ding und eignet sich deshalb hervorragend für Umfrage-Meldungen wie die aktuelle von Garry Tan.
Mich persönlich verwundert die Entwicklung ja keineswegs. Sie ist die konsequente Folge aus der Tatsache, dass ich seit Ende vergangenen Jahres hier über Internet-Phänomeme blogge – auf Tumblr. Kein Wunder, dass das 13- bis 25-jährigen Amerikanern gefällt …
Wir müssen mehr experimentieren. Mit dieser Losung für 2013 endete das für Journalisten im Winter sehr aufregende Jahr 2012 (mehr zur Zeitungskrise auch hier im Blog). Philipp Steuer aus Köln hat diese Devise sehr ernstgenommen und das erste meiner Einschätzung nach äußerst spannende Projekt auf Startnext vorgelegt: Plus eins – das Google+-Buch für jedermann ist ein sympathisches Beispiel für die Möglichkeiten der Kulturfinanzierung zwischen Kreativem und seinem Publikum – und gerade dabei die 5000 Euro Marke zu knacken!
Trotz einiger Skepsis gegenüber Google+ bzw. gerade deswegen habe ich das Projekt auf Startnext unterstützt – und Philipp anschließend ein paar Fragen zum Thema Crowdfunding in der Buchproduktion gestellt.
Ganz im Ernst: ich bin mir schon nicht sicher, wofür ich Google+ brauchen soll. Weshalb sollte ich ein Buch über das Thema lesen?
Weil Google+ die Zukunft gehört. Die Pläne, die Google mit seinem Netzwerk vorhat, sind komplex und es wird in immer mehr Dienste integriert. Ich selbst nutze aktiv Google Mail, Docs, Drive oder Youtube. Google+ ist dort bereits vorhanden und wird in Zukunft noch stärker in den Fokus gerückt werden. Warum du ein Buch über das Thema lesen solltest? Weil Google+ schon jetzt zahlreiche Vorteile für Journalisten und Blogger wie dich bietet, um z.B. die Sichtbarkeit der eigenen Beiträge in der Google Suche zu erhöhen. Google+ ist kein zweites Facebook. Es ist vielseitiger und grenzt sich nicht nur durch seine Funktionen wie Kreise und Hangouts, sondern auch von der extrem sozialen Nutzerschaft von der vermeintlichen Konkurrenz ab.
Du bist offensichtlich ein Fan von Google+, warum ist das so? Ich lebe Google+, so abgedroschen das auch klingen mag. Um das besser verstehen zu können, muss ich ein kleines Stück ausholen. Ich bin mit dem Internet aufgewachsen und habe so früh gesehen, welche Möglichkeiten es uns Menschen offenbart. Google wurde sehr schnell ein treuer Begleiter und für mich die Anlaufstelle, wenn ich Informationen finden wollte. Google Mail und andere Google Dienste folgten.
Meine Faszination für soziale Netzwerke und Social Media stieg während meines Online-Redakteur Studiums stetig an und ich probierte jedes vermeintlich „nächste große Ding“ aus. Zum Ende meines Studiums stellte Google im Juni 2011 Google+ vor und ich freute mich, als ich eine Einladung zur geschlossenen Beta-Phase erhielt. Gut, bis auf ein paar Mitstudenten war zu diesem frühen Zeitpunkt wirklich wenig los und so gab ich dem Netzwerk Zeit, sich zu entwickeln. Bereits im November wurde ich dann hellhörig, als Google die soziale Suche („Search, plus your world“) vorstellte und ich fing an, mich intensiver mit Google+ auseinanderzusetzen, sowohl journalistisch als auch privat.
Bei Facebook bin ich wegen meinen Freunden und bei Twitter wegen den kurzen Nachrichten. Was ich an Google+ wirklich toll finde ist, dass hier die Interessen im Vordergrund stehen. Vor allem zu den Themen Technik, Netzwelt, Fotografie und Sport kann man hier schnell neue Menschen kennenlernen, mit denen man gemeinsam die unterschiedlichsten Inhalte diskutieren kann. Die Diskussionen haben ein hohes Level und bis auf die üblichen Trolle ist der Umgang ein Stück sozialer als z.B. bei Facebook.
Es gibt das Google+-Buch schon digital. Wieso bist Du auf die Idee gekommen, es jetzt auf Papier zu drucken?
Weil ich Bücher lieber. Es gibt für mich nichts besseres, als jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit ein paar Seiten zu lesen. Es ist mein Ausgleich zur täglichen Arbeit als Social Media Manager, die ich zu 99% vor dem Computer verbringe.
Auch eReader a la Kindle konnte mich als Technikfan nicht davon abbringen, weiter echte Bücher zu lesen. Zudem machen diese sich auch viel besser im Bücherregal als eine unscheinbare PDF-Datei auf meinem virtuellen Schreibtisch. Aus diesem Grund war es immer ein Wunsch von mir, ein echtes Buch zu veröffentlichen. Die Nachfragen von treuen Lesern bestärkten dieses Vorhaben, so dass ich Ende des letzten Jahres entschloss, es zu versuchen.
Und wieso über Crowdfunding?
Ich mag es, neue Dinge auszuprobieren. Meine Bachelorarbeit habe ich bei CrowdsourcingBlog.de geschrieben, wodurch ich viel mit „crowdlastigen“ Projekten zu tun hatte. Als ich Ende letzten Jahres mit der Neuversion meines Google+ Buches begann, habe ich lange überlegt, welchen Weg ich mit dem Werk gehen möchte. Klar, es wäre einfacher gewesen, das Buch über einen Verlag zu veröffentlichen, aber ich wollte komplett frei arbeiten, um mich nicht möglichen Branchenrestriktionen beugen zu müssen. Also musste ein anderer Finanzierungsweg her, da Druckkosten und Lektorat eine 4-stellige Summe ausmachen.
Schon bei der ersten Version von “Plus Eins: Das Google+ Buch für Jedermann”, die im Mai 2012 erschien und bis heute über 40.000 Mal heruntergeladen wurde, gab es zahlreiche Leser, die sich aktiv für das Buch engagierten. Dieser Support bestärkte mich in meinem Entschluss, es mit Crowdfunding zu versuchen. Zu dieser Zeit habe ich auch dein Projekt verfolgt und war begeistert über den großen Zuspruch. Als du dann beim Digitalen Quartett über deine Erfahrungen berichtet und Tipps an kommende Starter gegeben hast, verschwanden bei mir die letzten Zweifel und ich setzte eine eigene startnext-Projektseite auf.
Das freut mich. Wenn das Projekt finanziert wird – und danach sieht es ja sehr aus – versprichst du, dir ein +1 auf den Arm zu tätowieren? Wie bist du auf die Idee gekommen?
Wenn das Funding-Ziel erreicht werden sollte, werde ich mir in der Tat den +1-Button auf die Innenseite meines linken Handgelenks tätowieren lassen. Es gibt keine Ausstiegsklausel oder eine andere Möglichkeit für mich, aus der Sache rauszukommen, denn versprochen ist versprochen. Sofern möglich, möchte ich es in einem einem Hangout machen. So oder so wird es definitiv auf Video festgehalten und interessierte Leser aus dem Kölner Raum können es gerne bei einem Treffen auf seine Echtheit überprüfen.
Und wie bist du auf die Idee gekommen?
Ich habe im Vorfeld des Projektes überlegt, wie ich mich einbringen könnte. Natürlich sind die Dankeschöns, die Supporter für Ihre Unterstützung erhalten, eine tolle Gegenleistung. Das allein hat mir aber nicht gereicht und ich möchte mit dieser Aktion zeigen, dass ich es mit meinem Buch und Google+ verdammt ernst meine.
Das Projekt läuft noch rund 50 Tage, kannst du trotzdem schon sagen, was dich am meisten überrascht hat – positiv wie negativ?
Die größte Überraschung für mich ist die Hilfsbereitschaft der Menschen. Ich hätte nie gedacht, dass in so kurzer Zeit so viel Geld zusammenkommen würde, da die eigentliche Werbung für das Projekt nur über Google+ sowie Facebook und Twitter lief und es sich dennoch auch zu Personen rumgesprochen hat, mit denen ich in erster Linie nicht vernetzt bin. Das hat mir persönlich nochmal gezeigt, wie toll Mund-zu-Mund-Propaganda im Netz funktionieren kann. Weiterhin finde ich das Gemeinschaftsgefühl zwischen mir und den Supportern wirklich toll und es ehrt mich, dass andere Personen mit mir zusammen der erfolgreichen Finanzierung entgegenfiebern.
Negatives habe ich bisher nicht festgestellt. Ich muss aber sagen, dass Crowdfunding nichts ist, was man mal eben von der Couch aus machen kann. Die Vorarbeit ist extrem wichtig. Man muss sich im Klaren darüber sein, was man den Unterstützern genau anbieten möchte und vor allem wie. Es muss ein professionelles Video gedreht werden, das auch wieder einige Arbeitsstunden kostet. Und wenn das Projekt gestartet ist, darf man sich um die Kommunikation kümmern, damit es nicht in Vergessenheit gerät.
Hat sich eigentlich schon jemand von Google gemeldet? Die müssten dir ja eigentlich recht dankbar sein, oder?
In der Tat weiß Google von dem Buch. Ich habe Google+ Chef Vic Gundotra im Rahmen des Projektes interviewed und ihm auch von der Tattoo-Idee erzählt. Er findet es großartig und würde das Hangout gerne sehen wollen. In Deutschland selbst stehe ich mit Google Deutschland im Kontakt und Pressesprecher Stefan Keuchel hilft mir mit seinen Möglichkeiten sehr weiter.
Ich bin unsicher, ob die größte Leistung darin steckt, dass Martin Oetting anfangs eine großartige schauspielerische Leistung hinlegt oder ob es nicht doch die Art ist, wie der lustige Fuchs, in diesem Vortrag auf der Le Web 2012 den Blick öffnet (bzw. Don Drapper ausspricht):
Der Ratschlag: You have to understand whom to put on stage! The brand is not on the stage! (ich habe es mit weniger französischem Akzent hier aufgeschrieben)
via Lisa Rank
Es gehört – meiner Meinung nach – zu den Besonderheiten dieser neuen noch unerforschten Welt des Digitalen, dass wir nicht alle Regeln der analogen Welt dorthin übertragen können. Dazu zählt die Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie einerseits, es zählt dazu aber vor allem die klassische Vorstellung eines medialen Kanals andererseits. Die Idee, das Internet als gleichberechtigten Verbreitungsweg neben Print, Fernsehen oder Radio zu denken, krankt meiner Einschätzung nach daran, dass dabei die soziale Dimension des vernetzten “Mediums” Internet verloren geht. Mit der traditionellen Perspektive auf Medien wird man das Phänomen Social Media (oder ganz konkret z.B. Facebook) nicht überblicken. Facebook ist ein Ort. Wer ihn wie ein Medium zu betrachten versucht, wird ihm damit nicht gerecht und ihn auch nicht verstehen.
Seit einer Weile schon stelle ich deshalb die Behauptung auf: Das Internet ist ein Ort. Ich versuche damit zu beschreiben, wie die Idee eines Mediums sich von einem reinen Transportweg hin zu einem sozialen Raum verändert. Damit verbunden sind zahlreiche Implikationen – von der Interaktion bis zur Demokratisierung.
Besonders ist zudem, dass Räume Farben haben, eine besondere Atomsphäre. Diese bestimmt mit, warum wir uns in ihnen aufhalten. Genau das versucht sich die Soundrop-App auf Spotify seit kurzem zu nutze zu machen. Das Problem, vor dem der Streaming-Dienst steht: Es gibt zuviel Inhalt! Die unbegrenzte Auswahlmöglichkeit führt zu Überforderung, die Spotify nun mit einer Räume-App lösen will.
Durch Zufall habe ich letztens bemerkt: mein Buch Mashup ist “auf Facebook” wie man zu sagen pflegt. Ich weiß nicht wie es dahin gekommen ist, es stört mich dort aber auch nicht. Obwohl sich mir grundsätzlich das Einrichten einer Fanseite für ein Buch nicht ganz erschließt. Für den vermutlich von den Autoren/Verlagsmenschen gewünschten Effekt der Verbreitung im digitalen Freundeskreis würde doch auch eine Facebook-Veranstaltung ausreichen. Diese hätte wiederum den Vorteil, dass man von ihr keine weitere Aktivität verlangt, wenn sie vorbei ist. Von einer Buchseite jedoch würde ich mir genau das wünschen – meist bleibt dieser Wunsch unerfüllt.
Die Facebuch-Seiten stehen so unmotiviert und teilnahmslos rum, dass man sich fragt: Braucht ein Buch überhaupt eine Facebook-Fanseite? Passen diese Denkmodelle zueinander: Hier ein Buch, dort eine Fanseite?
Ich stelle mir diese Frage immer dann, wenn eine entsprechende Fanseiten-Einladung in meiner Timeline auftaucht. Jetzt traue ich mich, diese Frage mal öffentlich zu formulieren. Denn in der Vorbereitung meines kleinen Buchprobjekts mit dem Titel “Eine neue Version ist verfügbar” (hier gerne vorab eintragen) denke ich natürlich auch über eine Facebuch-Seite nach: Ist das sinnvoll? Würdest du so etwas wollen?