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Weniger schafft mehr – das Prinzip „Steigerung durch Begrenzung“ (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was kann ich tun, um Sie davon zu überzeugen, dass Sie die nun folgenden Zeilen über den Wert von Verknappung lesen? Sie haben viel zu tun, da kommt gerade eine Mail rein. Sie könnten den Text in Pocket speichern. Aber jetzt lesen? Das wird schwierig, aber es gibt eine vermeintlich paradoxe Möglichkeit, Ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen: Ich kann diesen Text verknappen. Ich lösche ihn nach 24 Stunden oder sperre ihn nach 1000 Aufrufen. Danach ist er verschwunden und Sie können nicht mehr nachlesen, wie im digitalen Ökosystem das Prinzip „Steigerung durch Begrenzung“ unsere Aufmerksamkeit lenkt.

Da Sie aber diesen Einstieg schon gelesen haben, haben Sie die Grundzüge der Kernthese schon verstanden. Das ist ein bisschen Meta, aber auch eine schöne Illustration für eine Methode, die das Internet als vermeintlich unbegrenzter Raum in den vergangenen Jahren perfektioniert hat. Im Schatten des Versprechens der schier grenzenlosen Reichweite hat sich eine Form der Aufmerksamkeitssteuerung entwickelt, die auf Exklusivität in den Dimensionen Raum (280 Zeichen), Zeit (24 Stunden) oder Zugang (Invite-Codes) setzt. Wo theoretisch alles kopierbar ist, wird Begrenzung zum Ausweis der Distinktion. Dass sich daraus Formen der Wertschätzung und dann auch Wertschöpfung ableiten lassen, ist nicht verwunderlich, denn Angebot und Nachfrage bestimmten schon vor der Digitalsierung den wahrgenommenen und den wirklichen Preis von Angeboten. (Symbolbild: Unsplash)

Der Weg aus der Welt der begrenzten, analogen Waren (Tonträger, Papierbücher etc.) durch den Überfluss der digitalen Vervielfältigung zurück zur künstlichen Verknappung war lang. Große Teile der Medienbranche folgen auch weiterhin der Logik der grenzenlosen Reichweiten, die durch die kostenfreie Vervielfältigung noch stimuliert wird. Nahezu alle Plattformen des Social-Web bedienen diese Logik, in dem sie im Kern wertlose Zahlen wie Fans oder Likes zu einer Währung erheben. Der Wettkampf um die Steigerung dieser Kennzahlen bildet die Grundlage ihres Geschäftsmodells, führt die Wettkämpfenden aber nicht zwingend zum Erfolg. In erster Linie vernebelt diese Messung den Blick für das, was man eigentlich erreichen will: Sind viele Likes tatsächlich das Ziel?

Die Tatsache, dass sich viele Medienhäuser darauf konzentrieren zahlende Leserinnen und Leser zu binden, ist ein erster Schritt raus aus der Reichweitenfalle. Ihm geht der Schritt voraus, Klarheit darüber zu erlangen, welche Ziele tatsächlich von Bedeutung sind: Zahlende Kund:innen sind dabei ebenfalls als Beispiel für eine Methode der Verknappung zu lesen – und zwar in der Dimension Preis: „Du kommst hier nur rein, wenn du bezahlst“, sagen die Türsteher:innen vor den Bezahlangeboten. Vor anderen Angeboten haben sich Gatekeeper aufgebaut, die wie bei Storys auf Instagram oder in Shopping-Clubs nach 24 Stunden das Angebot verschwinden lassen. Bei Twitter wiederum achten die Wächter:innen darauf, dass kein Angebot über die Grenze von 280 Zeichen hinausgeht. All das ergibt aus der reinen Machbarkeits-Logik des Web keinen Sinn. Es gibt keinen äußeren Grund für diese Begrenzungen – außer der Tatsache, dass die Begrenzung einen Wert schafft. Wer in einem ausverkauften Stadion einen Sitzplatz bekommt, fühlt sich besser als alle, die nicht mehr reingekommen sind.

Dieses Wissen scheint vor lauter Reichweiten-Zauber verloren gegangen zu sein. In der Frühphase wurden immer neue Zusatzstühle in den Räume gestellt. Vor lauter „mehr mehr“ verstummte aber die Frage nach dem Grund für den Besuch im Stadion. In der Sprache der Werbetreibenden lässt sich dieses Bild auflösen in dem Widerspruch zwischen Reach und Impact. Denn in Wahrheit ist die Reichweite stets nur Mittel zu einem anderen Zweck, den man mit Auswirkung, Wert oder Bedeutung übersetzen kann.

Um diesen Impact geht es in dem Newsletter, aus dem dieser Text hier stammt. Seit 66 Folgen schreibe ich die monatlichen Digitalen Notizen. Im Dezember 2014 führte ich den Newsletter mit einer Einladungs-Logik ein. Anfangs konnte man sich nur mit Invite-Codes in die Liste eintragen. Nun ist es an der Zeit, diese Logik auf eine nächste Ebene zu heben. Denn das Ziel dieses Newsletters ist nicht reine Reichweite, der Impact der Mails liegt darin, thematische Vernetzung zu schaffen. Dafür werde ich ab sofort den Versand des Newsletters reglementieren – und diejenigen von der Liste löschen, die seit fünf Folgen keine Mails mehr geöffnet haben.

Auslöser für diese Idee ist die Begrenzung des Newsletter-Dienstleisters Mailchimp. Dort gibt es eine Grenze bis zu der man kostenfrei Mails verschicken kann. Die anfallenden Kosten könnte ich weitergeben, aber ich möchte den Newsletter kostenfrei halten. Deshalb werde ich die Liste der Empfänger:innen der Digitalen Notizen begrenzen. Für die bisherigen Leser:innen ändert sich dadurch nichts – sofern sie den Newsletter auch tatsächlich öffnen. Etwas weniger als 50 Prozent derjenigen, die aktuell auf der Liste stehen, lesen den Newsletter gar nicht*. Die Auswertung in Mailchimp zeigt mir diese so genannte Öffnungsquote an. Der Branchenblick sagt, dass diese Quote für eine aktive Leserinnenschaft spricht. Das heißt aber auch: Durchschnittlich 50 Prozent auf der Liste öffnen den Newsletter nicht. Das ist ihr gutes Recht. Gleichzeitig möchte ich aber für diese Nicht-Leser:innen nicht bezahlen müssen. Deshalb beschränkte ich mein Newsletter-Angebot ab sofort auf diejenigen, die den Newsletter auch wirklich öffnen. Wer dies fünf Folgen lang nicht gemacht hat, wird von der Liste gestrichen.

Mir ist klar, dass ich damit meine potenzielle Reichweite beschränke. Denn in der Logik der Massenreichweite sind Mailadressen das höchste Gut, Kontakte sind das Ziel aller Aktivität. Sie zu löschen, gilt als falsch. Ich sehe das anders: Mir geht es nicht um Adressen und Reichweite. Mir geht es um den inhaltlichen Austausch – in einem interessierten Kreis. (…) im Mail-Newsletter folgen hier ein paar Zeilen über die Art der Exklusivität, die ich hier ausspare. Sie können sich aber jetzt noch hier eintragen, dann können Sie künftig auch Einblick in diesen Kreis erhalten (…) Um dies in einem Bild zu fassen, bietet sich das einer Abendveranstaltung an. Wenn ich Lesungen oder Vorträge halte, spreche ich mit Veranstalter:innen manchmal über die Anzahl der zu erwartenden Besucher:innen. Im Laufe der Zeit habe ich festgestellt, dass sich darin nur selten auch eine Kennzahl über den Wert des Abends ablesen lässt. Ich habe schon sehr inspirierende Abende mit nur drei Gästen erlebt, die für mich keineswegs schlechter waren als Vorträge vor 1000 Menschen.


* Danke für die Hinweise auf die Messungenauigkeit bei der Öffnungsquote. Das ist mir durchaus bewusst, aber eben ein Problem dieser Kennzahlen. Ich werde mich auf die Suche nach einer Alternative machen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem unlängst u.a. erschienen sind: „Wie digitales Denken in der Corona-Krise helfen kann: fünf Vorschläge“ (Mai 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Zehn Dinge, die ich in den Zehner Jahren gelernt habe“ (Januar 2020), „Zwölf Dinge, die erfolgreiche Tiktokter tun“ (Dezember 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

Lesen Sie diesen Text – bevor es zu spät ist (Digitale Februar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Februar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Das größte Dilemma des Digitalen hat mit einer Ressource zu tun, die nur wenige als solche erkennen. Sie ist für alle gleich, kann nicht vererbt, aufgespart oder vermehrt werden. Sie ist die Vorausssetzung für alle Arten von Bezahl- und Geschäftsmodell im Web und wird doch nur selten beachtet. Ich spreche von Ihrer Aufmerksamkeit!

Zum Dilemma wird die Zeit durch das ständig steigende Angebot an Zeitvertreib. Denn auf dem Verhältnis von Inhalt und Aufmerksamkeit basiert unsere Wertschätzung. Wir kommen aus einer Welt, in der sehr wenig Inhalt eher viel Aufmerksamkeit traf: Es gab maximal drei Fernsehprogramme, Zeitungen, Magazine und vor allem keine einzige E-Mail. Niemand schrieb Chat-Nachrichten und Urlaubsfotos von Freunden sah man höchstens auf Dia-Abenden. Durch die Demokratisierung der Publikationsmittel hat sich das Verhältnis umgedreht: Auf unsere gleiche Aufmerksamkeitsspanne trifft heute ungleich viel mehr Inhalt. Denn zu den Fernsehprogrammen, Zeitungen und Magazinen von damals sind ja noch all die Websites, Info-Radios und Spezialangebote hinzugetreten, die alleine in keinen Tag passen würden. Doch darüberhinaus verlangen auch all die Tweets, Posts und Mails nach Aufmerksamkeit.

Diesem neuen Verhältnis von Zeit und Zeitvertreib ist es zu verdanken, dass die Dienstleistung, die Welt zu ordnen und Informationen zu sortieren, heute nicht mehr einzig von Inhalte-Anbietern vorgenommen wird, sondern vor allem von Plattformen und deren Filtern. Das kann man mögen oder nicht, dieses neue Verhältnis verschiebt aber die Wertschätzung. Es wird der Anbieter erfolgreich sein, dem es gelingt, Angebote zielgenau und zeitsparend zuzuschneiden. Das Ende des Durchschnitts bedeutet dabei auch: Dienstleistung für Leser*innen zu schaffen, das jeweils beste Angebot zu liefern und nicht nur möglichst viel zu produzieren oder möglichst breit zu informieren.

Diese Verschiebung bedeutet aber vor allem, dass der beliebte Satz „Eine gute Geschichte findet ihre Leser“ vielleicht gar nicht (mehr) stimmt. Denn es kommt auf mehr an als auf den guten Inhalt. Eine gute Geschichte bleibt am Ende trotzdem Wasser, das in den (Info-)Ozean geschüttet wird. Das allein bringt nichts, selbst wenn es Qualitätswasser ist.

Beobachten Sie! Bewerten Sie nicht!

Eine gute Geschichte findet ihre Leser nur dann, wenn sie auch danach sucht. Dazu gibt es zahlreiche Ansätze, eine besondere weil unterschätzte Möglichkeit heißt: Verknappung (deshalb der Titel!). Zahlreiche erfolgreiche Digital-Angebote nutzen das Prinzip der zeitlichen und räumlichen Verknappung, um Aufmerksamkeit zu generieren. Beim Crowdfunding – wie beim besten Sportmagazin der Welt – werden besondere Angebote für einen kurzen Zeitraum offeriert, die es nachher nicht mehr gibt. Bei Insta-Stories werden Bilder nur für 24 Stunden sichtbar angezeigt, TikTok-Filme dürfen nicht länger als 15 Sekunden sein und auf Twitter sind Beiträge auf 280 Zeichen begrenzt.

Ist das nicht ein totaler Fehler? Dachte man nicht immer, im Internet gebe es keine Begrenzung?

Eben! Gerade weil es kaum natürliche Grenzen gibt, nutzen die genannten Ansätze künstliche Verknappungen um ihr Angebot attraktiv zu machen. Sie vermarkten die vermeintliche Schwäche als Alleinstellungsmerkmal. Das ist bemerkenswert, denn im Prinzip funktioniert die Homepage eines Nachrichtenangebots wie sz.de nach dem gleichen Verknappungsmuster wie eine Insta-Story: man kann sie maximal 24 Stunden in dieser Form sehen. Dann ändert sie sich. Die Homepage vom vergangenen Freitag gibt es nicht mehr. Aber kein Nachrichtenangebot, das mir bekannt ist, vermarktet diese vermeintliche Schwäche so wie Instagram oder der Erfinder Snapchat es tun.

Denn oft wird Verknappung fälschlicherweise als unnötige Einschränkung wahrgenommen. Ich kann das Feedback förmlich hören, das man in einem klassischen Medienhaus bekommen hätte, hätte man dort vorgeschlagen, ein Angebot nach 24 Stunden nicht mehr anzuzeigen. „Wieso denn? Damit beschränken wir uns doch unnötig, das machen wir nicht.“ Auch Twitter hätte man in einem solchen Umfeld niemals erfinden können, denn das Alleinstellungsmerkmal Zeichenbegrenzung wäre als unnötig durchgefallen.

Dabei ist der Trick hinter den Verknappungsansätze nicht besonders kompliziert. Es geht eher darum, das Muster zu verstehen. Und das gelingt, wenn man den Fokus weg vom Inhalt hin zur Aufmerksamkeit verschiebt. Sie ist die Voraussetzung für alle folgenden Geschäftsmodelle im digitalen Raum. Deshalb lohnt es sich, das Muster der Verknappung zu verstehen – und achtsam (sic!) zu beobachten, wie und wo Aufmerksamkeit schon heute ein bedeutsamer Faktor ist.

Im Podcast von Digg-Gründer Kevin Rose habe ich dazu ein interessantes Gespräch mit Jake Knapp gehört (in einer ersten Version des Textes habe ich ihn mit Instagram-Gründer Kevin Systrom verwechselt). Das ist der Mann, der die Idee des Design-Sprints erstmals aufgeschrieben hat. Jetzt ist sein neues Buch raus, es heißt „Make Time“ und widmet sich der Aufmerksamkeit von der anderen Seite: Knapp und seinem Co-Autor John Zeratsky geht es Konzentration und Klarheit, es geht um Fokus und Achtsamkeit.

Es ist interessant, welchen Blick Rose und Knapp in dem Gespräch auf die Technik-Anbieter werfen, deren Geschäft stets auf dem Gegenteil beruht. Es öffnet aber einen Blick auf die andere Seite der Aufmerksamkeit, auf die Frage: Worauf richten Sie Ihre Aufmerksamkeit? Kevin Rose hat dafür eine App entwickelt. Sie heißt Oak und soll Menschen helfen, sich zu konzentrieren. Ich finde es ist das sympathischste Angebot im wachsenden Markt der Meditations-Apps (über die es am Wochenende einen sehr guten Text in der SZ gab).

Atmen Sie ein und aus – beobachten Sie, bewerten Sie nicht.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man beobachten kann, worauf ich meine Aufmerksamkeit richten kann.