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In der kommenden Woche startet das Bayerische Fernsehen ein Experiment: die Rundshow. Die Macher beschreiben das Format als Plattform nicht als Sendung – auch wenn sie vier Wochen lang abends live im Fernsehen ausgestrahlt wird. Die Rundshow soll nicht nur sprachlich an die Haupt-Nachrichtensendung des BR erinnern, sie leiht sich von deren Nachtausgabe auch den Moderator aus. Richard Gutjahr präsentiert vier Wochen lang diese besondere Form der Spätnachrichten im Bayerischen Fernsehen – mit prominenter und eben bewusst nicht prominenter Unterstützung: Sascha Lobo macht mit, aber vor allem die Zuschauer.

Weil Richard Gutjahr (mit dem ich persönlich bekannt bin) die Kommunikation mit dem aktiven Rezipienten zum zentralen Punkt im Konzept der Sendung erhoben hat (und genau dies eines der zentralen Themen dieses Blogs ist), habe ich ihm ein paar Fragen zum Thema Community-Management und Dialog im Fernsehen gestellt.

Seit Jahren wird von Interaktivität in der Medienproduktion gesprochen. Für die Rundshow setzt Ihr das jetzt tatsächlich live um. Wie ist die technische Situation, die man vorfindet, wenn man Zuschauer in Echtzeit in eine Sendung einbinden will?
Man fängt quasi bei Null an. Wir beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind hervorragend aufgestellt, wenn es um das Produzieren von Inhalten und das Senden dieser Inhalte geht. Unsere Rückkanäle hingegen liegen noch weitestgehend brach. Außer dem Zuschauertelefon und der Möglichkeit, uns einen Brief oder eine Mail zu schicken, gibt es da nicht viel. Wir müssen da noch gewaltig nachlegen, denn unser Publikum heute ist ein anderes, als das Publikum vor noch zehn Jahren.

Warum gibt es da bisher kaum Systeme, die der viel beschworenen Interaktivität helfen?
Massenmedien waren bis Ende des 20. Jahrhunderts nur auf eine one-to-many-Kommunikation hin ausgerichtet. Das heißt, diejenigen, die die Druckerpressen, die Vertriebstrukturen und die Sendemasten respektive Sendefrequenzen kontrolliert haben, haben die Konversation bestimmt. Das Internet ändert die Spielregeln. Als wir die Idee zur rundshow hatten, haben wir festgestellt, dass das meiste, was für uns in Blogs und in Sozialen Netzwerken völlig normal ist, im Fernsehen noch nicht geht: spontanes “Liken”, Kommentieren, Teilen, Einbinden etc. Wir wollten einen Teil dieser Kulturtechniken aus dem Web ins Fernsehen bringen. Umgekehrt wollen wir unsere journalistische Kompetenz und Glaubwürdigkeit, die wir als Öffentlich-Rechtliche besitzen, zurück ins Web spiegeln.

Für die Rundshow habt Ihr eine App programmiert, um mit dem Zuschauer in Kontakt treten zu können. Welche Möglichkeiten nutzt Ihr darüberhinaus?
Der Plan ist, soviel Technik auszuprobieren, wie es innerhalb von vier Programmwochen Sinn macht. Sehr gespannt bin ich beispielsweise auch auf unser Second-Screen-Angebot, das man parallel zur Fernsehsendung nutzen kann. Dort lassen sich alle Unterhaltungen über die Show, sei es auf Twitter, Facebook oder eben alle Interaktionen über unsere App einsehen. Sprich: man hat nicht nur einen direkten Draht zu uns ins Studio sondern auch zu anderen Zuschauern. Ich bin gespannt, ob wir dadurch die eine oder andere zusätzliche Diskussion anstoßen können.


Moderator Richard Gutjahr gemeinsam mit dem comoderierenden Netzreporter Daniel Fiene.

Welche technische Hürden muss man überwinden, um Facebook- und Twitter-Kommentare tatsächlich in Echtzeit in eine Sendung im TV einzubinden?
Man muss viele, viele Hürden überwinden. Nimm zum Beispiel die Applaus-Funktion unserer App. Die Zeitverzögerung vom Drücken der Like-Taste bis zum Signal ins Studio hatte bis vor wenigen Wochen noch fünf Sekunden betragen. Fünf Sekunden! Das ist zu lange, um diese Funktion sinnvoll in der Liveshow zu nutzen. Stell Dir vor, Du machst einen Witz und erst 5 Sekunden später setzt der Applaus bei uns im Studio ein. Unbrauchbar. Unseren Programmierern ist es dann aber gelungen, die Reaktionszeit vom Tastendruck auf der App bis zum Signal im Studio auf durchschnittlich 1,5 Sekunden zu verkürzen. Damit lässt sich arbeiten.

Neben der technischen Herausforderung steckt ja auch eine kulturelle Frage in der Zuschauerbeteiligung. DIe Debatte um Trolle und schlechte Beiträge ist allgegenwärtig. Wie löst ihr dieses Thema?
Wir haben für jeden einzelnen Kanal, also Twitter, Facebook, App, Mail, Skype, Google Hangout und Telefon je einen Redakteur, der die eingehenden Kommentare, Bilder und Videos beobachtet. Es gibt auch ein paar technische Vorkehrungen, zum Beispiel bei der App, dass uns niemand mit Mehrfachabstimmungen die Umfrageergebnisse verfälscht oder gar mit Dauerapplaus unsere Server außer Gefecht setzt.

Das klingt – technisch – ein wenig nach Call-in-Sendung im Radio. Habt Ihr Euch dort Erfahrungen abschauen können?
Ich bin ein großer Fan von Call-in-Sendungen im Radio. Fernsehen ist das kontrollierteste Medium von allen. Überschminkte Moderatoren lesen Texte, die sie oft noch nicht mal selbst geschrieben haben, vom Prompter ab. Wenn es uns gelingen sollte, ein wenig mehr Authentizität und Spontanität vom Radio zurück ins Fernsehen zu bringen, denke ich, ist allein das schon den Versuch wert.



Blick hinter die Kulisse: das rundshow-Studio in Freimann während einer Probe

Braucht man für eine derartige Form der Zuschauerbeteiligung neue oder andere Journalisten? Worauf achtet Ihr bei der Mitarbeiterauswahl?
Da legst Du den Finger auf einen wunden Punkt. Wir hatten anfangs tatsächlich Probleme, unsere Social-Network-Positionen alle zu besetzen. Es gibt nicht viele Leute, die wissen, worauf es bei Twitter ankommt oder wie man einen Google Hangout moderiert. Das sind Fähigkeiten, die noch nicht besonders ausgeprägt sind in unseren Redaktionen.

Fakten zur Rundshow:

Am Montag 14. Mai läuft die erste Folge der Sendung. Vier Wochen lang von Montag bis Donnerstag um 23.15 Uhr wird Richard Gutjahr gemeinsam mit einem Co-Moderator (Sascha Lobo, Daniel Fiene, Sandra Rieß u.a.) und mit seinen Zuschauern das Tagesgeschehen aufarbeiten.
(Fotos: Mathias Vietmeier, weitere Bilder auf Facebook)

Peter Horrocks von der BBC hat vor einer Weile gesagt, Journalisten kämen nicht umhin, die Folgen Ihres Publizierens nachzuhalten und darauf zu reagieren. Gilt das in Zukunft auch für Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland? Also: Müssen wir jetzt alle twittern?
Ja, ich denke das müssen wir in der Tat. Wir Journalisten betonen ja gerne, dass es ohne uns nicht ginge, dass nur wir durch unsere Recherche Informationen zutage fördern, selektieren und einordnen können. Wie aber wollen wir das tun, wenn wir uns weiterhin so beharrlich weigern, die wechselseitigen Mechanismen des (Social) Webs zu lernen? Twitter ist für mich ein wichtiges Recherchetool, ein Kulturtechnik, ein Informationsnetzwerk, wertvoller als jede Nachrichtenagentur. Wer sich mit damit nicht ernsthaft befasst, wird das freilich nie begreifen.

Das nächste große Ding in Sachen Fernsehen scheint jetzt “Social TV” zu sein. Wie stehst du zu diesem Schlagwort?
Gespalten. Ich habe den Verdacht, Buzz-Words wie Crossmedia, Social Media oder jetzt eben Social TV werden allein dazu erfunden, um wieder ein Thema für die nächste Medienkonferenz zu haben. Ich gehöre zu den Leuten, die Dinge lieber ausprobieren, als nur darüber zu reden. Ob unser Projekt die Antwort darauf ist, was das Fernsehen der Zukunft ausmacht, kann ich nicht sagen. Was ich sagen kann, ist, dass wir zumindest schon mal die richtigen Fragen kennen, um das Medium Fernsehen weiterzudenken. Welche digitale Sau dann nächstes Jahr durch das mediale Dorf getrieben wird, kann ich beim besten Willen nicht sagen.

Die so genannte Frühkritik der FAZ im Netz mit dem Titel Ein Stück in vier Akten wurde heute selber zu einer Art Schauspiel zum Thema Kommunikation in Zeiten digitaler Transparenz – und das kam so:



Johannes Ponader, seit einer Woche politischer Geschäftsführer der Piraten, der es am Sonntag als barfüßiger Gast in der Rolle des bunten Vogels in der Jauch-Runde zu einiger Berühmtheit brachte, hat mit seinem Auftritt offenbar auch FAZ-Autor Frank Lübberding verwirrt. Jedenfalls hielt dieser es für angemessen, den “Gesellschaftskünstler” Ponader mit einem anderen “Gesellschaftskünstler” zu vergleichen, der aus einem Wiener Männer-Asyl den Weg in die Politik suchte.

Da der Vergleich im FAZ-Text nicht mehr enthalten ist, hier ein Tweet, der die Parallele dokumentiert:

Ponader war damit aus nachvollziehbaren Gründen nicht einverstanden. Er wandte sich fragend an FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher , der seit ein paar Wochen auf Twitter aktiv ist …

… und dann bewies, wozu die von den Piraten gepriesene Transparenz gut ist: zum Beispiel um Fehler einzugestehen. Er schrieb:

Der so angesprochene Ponader akzeptierte die Entschuldigung für die „unangemessene historische Anspielung“ wie die Online-Redaktion der FAZ den nach dem Schirrmacher-Tweet gelöschten Hitler-Vergleich nannte. Er ging sogar noch weiter und lobte Schirrmachers schnelle Reaktion als Beispiel für andere Politiker, die lernen wollen wie man mit Hilfe von Twitter kommuniziert.

Der Autor selber ging etwas anders mit der kurzen Debatte um. Er schrieb:

Auch die Leser der Frühkritik auf faz.net lies man vergleichweise ratlos zurück. Sie erfuhren lediglich von einer„unangemessenen historischen Anspielung“, die aber nicht näher ausgeführt wurde. Um sie im Original zu lesen, müssen sie auf Pastebin.com gehen, wo jemand den Text in seiner ursprünglichen Versionen veröffentlcht hat.

Aktualisierung In den Kommentaren wird darauf hingewiesen, dass der Autor der Frühkritik sehr wohl zum Thema diskutiert – allerdings nicht bei der FAZ, sondern auf wiesaussieht.de; und auch hier in den Kommentaren.

Über den Wert von Twitter für die Zukunft der Nachrichten wurde hier schon an mancher Stelle gesprochen. Dieser via Twitter verbreitete Clip bringt in Form eines Jahresrückblicks sehr anschaulich auf den Punkt, wie Nachrichten sich in sozialen Räumen verbreiten:

We believe it is critical in keeping us as a part of the open web and of the global conversation, particularly after the launch of our digital subscription model. In fact, we value it so greatly that all social media links to nytimes.com are free… from everywhere in the world on all social networks. And, as I noted earlier, we’re using social media to engage our audience and we’re using it in our reporting. Twitter and Facebook are vast, so we have approached them by applying Times journalism as a layer on top of them. We come up with clever hashtags, ask provocative questions, find ways to curate only the best material for our site, provide Times quality live reporting on Twitter and our staff, aggressively and skeptically reports on developments in the social media world.

Arthur Sulzberger, Verleger der New York Times, erläutert an der LSE The continuing digital transformation of the New York Times

via

Hat Google eine Startseite? Google hat einen Suchschlitz. Google nutzt manchmal sein Logo, um damit an bestimmte Daten zu erinnern. Und heute macht Google das hier mit der ersten Seite seines Angebots:


Unter dem Suchfeld steht

Steve Jobs, 1955 – 2011

verlinkt mit der Startseite der Firma Apple, deren Chef Jobs bis vor kurzem war. Dort steht die Traueranzeige zum Tod von Steve Jobs.

Wie gesagt: “Wenn eine Nachricht wichtig ist, wird sie mich schon erreichen.”

Brian Brett hat für die New York Times eine Untersuchung zu Share-Kultur im Netz gemacht. Seine Präsentation mit dem Titel The Psychology of Sharing kann man runterladen und auf Slideshare anschauen:

Es geht um die Frage: Warum teilen Menschen im Netz Inhalte? Die spannende Antwort: Menschen haben schon immer Inhalte geteilt. Das Netz verstärkt dies nur. Vermutlich deshalb sind auch die Gründe fürs Teilen nicht sonderlich netzspezifisch. Sie gelten (im Prinzip) auch fürs Weitererzählen beim Mittagessen, denn es geht in erster Linie um Beziehungen. Unter dem Titel “Sharing is all about relationships” benennt die Studie zunächst fünf Gründe fürs Teilen, leitet aus diesen sechs Typen des Teilens ab …

Altruists
Careerists
Hipsters
Boomerangs
Connectors
Selectives

… und liefert damit einen guten Rahmen zur Beantwortung der Frage: Warum machst du diesen Quatsch im Netz überhaupt?

Ein Aspekt kann zum Beispiel in dem liegen, was die Studie als Leitmotiv für Medienhäuser ausgibt:

From Broadcasters to Sharecasters

Medien werden zu Stichwortgebern für eine Share-Kultur. Was das bedeutet, kann man sich am 21. September übrigens auch in einem Webinar erklären lassen.

Wenn stimmt, dass die Weisheit im Netz bei den Vielen liegt, dann stelle ich diese Frage nicht Dr. Dr. Erlinger, sondern Dir und Dir und vor allem hier. Es geht um die Mail eines Bekannten, der für einen von ihm betreuten Kunden eine Ausstellung (mit) vorbereiten muss. Dabei soll oder will dieser Kunde ein Produkt oder ein Programm präsentieren, das mit einem Facebook-Account verbunden ist. Selbiger Account existiert noch nicht und hat entsprechend noch nicht sonderlich viele Freunde. Ohne solche ist Facebook aber der langweiligste Ort der Welt.

Deshalb kam der Bekannte auf die Idee zu fragen, ob man sich nicht für die Dauer der Ausstellung mit dem Account anfreunden möge. So würde die Timeline des Präsentations-Accounts gefüllt. Die Frage erreichte auch mich – und weil ich keine Antwort weiß, gebe ich sie hier mal weiter:

Was macht man da?

Nimmt man den Begriff Freund ernst, ist natürlich klar, dass man eine solche Freundschaft nicht annehmen kann. Versteht man Facebook wie einen Raum, könnte umgekehrt man sagen: Hier fragt einfach jemand, ob man während einer Messe an seinem Stand vorbeischaut, damit es dort nicht so leer ist. Das kann man durchaus tun, selbst wenn man seinen Kunden nicht kennt.

Anders als bei einem Messestand ist die digitale Präsenz allerdings von längerer Dauer als ein kurzer Besuch. Wer weiß, wer mich dort auf dem Schirm als Account-Freund sieht? Umgekehrt könnte man neue Beiträge für den vermeintlich neuen Freund ausblenden, so dass man formal befreundet ist, in der Timeline aber nicht auftaucht.

Es handelt sich – wie so oft in diesen modernen Dialog-Medien – um eine Grenzgeschichte zwischen Privatheit und Öffentlichkeit – um das Tal der Vertrauten Fremden.

Das interessiert mich. Deshalb kam mir die Idee, diese kleine private Frage mal öffentlich zu machen:

Soll ich diese Freundschaft eingehen oder nicht?

Ich kenne Eli Pariser nicht persönlich. Mir liegt auch nichts daran, ihn zu verteidigen. Ich glaube aber, dass ihm gerade an einigen Stellen unrecht getan wird – und dass das etwas über die Art sagt, wie Netzdebatten geführt werden.

Vor ein paar Wochen habe ich sein Buch The Filter Bubble in der SZ vorgestellt. Dabei habe ich versucht, seine Kernthese darzustellen, aber auch die Schlussfolgerungen, die er zieht. Ich fand gerade die hinteren Kapitel seines Buchs spannend. Weil ich sie als Grundlage für eine aktive Netzpolitik gelesen habe.

Zahlreiche Texte, die sich mit Parisers Buch befassen, beschränken sich aber darauf, seine Kernthese zu widerlegen, statt auch der Frage nachzugehen, aus welchem Grund er diese These so ausführlich darlegt – also die Frage zu beantworten: Worauf will Pariser eigentlich hinaus?

Ich habe sein Buch mitnichten als Beispiel für “eine geradezu klassisch kulturpessimistische Sicht” gelesen. Diese unterstellt Peter Glaser in einem Von wegen Filterblase betitelten Beitrag auf Hyperland. Ihn störe am meisten, schreibt Glaser,

dass es ein längst abgelegtes Menschenbild, nämlich das des wehrlosen, manipulierbaren Medienopfers, aus der Mottenkiste holt.

Das würde ich auch als störend empfinden. Aber genau dieses Bild bedient Pariser meiner Meinung nach nicht. Im Gegenteil: Er versteht den aktiven Rezipienten als Gestalter seiner (Medien-)Realität. Er liefert sogar Anleitungen, diese Realität sehr bewusst und gegen die Filter-Blase zu formen. Gleichzeitig sagt er aber: So lange Page- und Edge-Rank nicht offen liegen, sind diese Gestaltungsversuche nicht so effektiv wie sie sein könnten, wenn man Google und Facebook als Öffentlichkeits-Akteure in die Pflicht nimmt. Ich halte diesen Ansatz für zumindest diskutabel. Doch statt dieser Frage nachzugehen, räumt Glaser mit einer Art All-inclusive-Argument das gesamte Buch beiseite:

Man könnte auch sagen, dass Eli Pariser Schwierigkeiten mit der Tatsache hat, dass die Welt und damit auch die Demokratie immer komplexer wird. Das Zeitalter der Massenmedien geht zu Ende, nun beginnt die Zeit der Medienmassen. Ja, zunehmend viele unterschiedliche Zugänge und Auffassungen sind mühsam. Aber stattdessen alles wieder auf eine Mainstream-Einheitlichkeit zu reduzieren, ist auch keine Lösung.

Ich glaube nicht, dass es Pariser darum geht. Im Gegenteil: Er beklagt, dass Komplexität verloren geht. Ich habe das Buch eher als Hinweis auf die Frage verstanden: Taugen unsere überkommenen Vorstellungen von Relevanz eigentlich noch, wenn im Netz sich neue Interpretationen dessen entwickeln? Denn wenn sich die Zuckerbergsche Variante durchsetzt, heißt das, dass relevant nur noch das ist, worauf ich reagiere. Das bedeutet aber eben, dass womöglich gerade keine unterschiedlichen Zugänge und Auffassungen angezeigt werden. Und das verändert die Wahrnehmung. Selbst wenn man die anderen Zugänge und Auffassungen finden könnte, sie sind nicht mehr präsent.

Die Frage nach den Folgen einer solchen Entwicklung zu stellen, halte ich für sehr wegweisend. Denn sie ist nicht von Kulturpessimismus getrieben, sondern von der Sorge, die Gestaltung von gesellschaftlicher Relevanz und Öffentlichkeit nicht allein den Geschäftsinteressen von Google und Facebook zu überlassen.

Wenn es selbst ein junger Netzaktivist wie Eli Pariser nicht schafft, diese Frage auf die Agenda zu bringen, ohne gleich in die Ecke der Kulturpessimisten gestellt zu werden, scheint die Debatte über das Netz und seine gesellschaftlichen Folgen doch stärker von Reflexen und Automatismen durchzogen als es gut ist. Das finde ich schade. Denn ich glaube, wir brauchen über kurz oder lang eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Frage, wie die wachsende Personalisierung von Nachrichten mit unserer Lagerfeuer-artigen Vorstellung von allgemeiner Öffentlichkeit zusammengeht.

Sascha Lobo ist immer ein toller Gesprächsanlass. In diesem Fall vor allem weil er diese Woche erklärt hat, wem Google wirklich Konkurrenz macht und dabei auf einen herausragenden Text von Kathrin Passig über Gemeinschaften im Netz verwiesen hat. Weil der aufgrund der mir unklaren Netz-Strategie des Merkur vermutlich bald wieder verschwindet, muss man eher eilig auf ihn verweisen. Er handelt von der Frage, woher sehr kluge Autoren nur sehr kluge Leser kriegen. Anders formuliert:

Wenn Autoren die Qualität der Kommentare unter ihren Texten beklagen, ist das in der Sache nicht falsch, die Vermutungen über Ursachen und Abhilfe sind aber oft unterkomplex. Im Zusammenhang mit den Kommentarforen von Printveröffentlichungen, aber auch vieler Onlinemedien herrscht die hinderliche Vorstellung, es gebe hier den feinsinnigen, gebildeten Autor und dort das Kommentarproletariat, dem man notgedrungen ein Ventil für seine Meinung geben müsse, es sei jetzt halt so die Mode. In diesem Glaubenssystem sind langweilige, dumme und bösartige Kommentare unvermeidlich. Dass Ausnahmen von der Misere existieren, deutet aber darauf hin, dass niedrige Beitragsqualität ein selbstgemachtes Problem ist. Konstruktive Beiträge entstehen nicht von allein, und auch nicht nur, weil ein Anbieter sie sich wünscht.

Der Text ist so klug und detailliert, dass ich mir bei der Lektüre mehrfach die Frage stellen musste, ob der gemeine Merkur-Leser überhaupt versteht, worauf Kathrin Passig hinaus will. Sie liefert nämlich nicht nur einen guten Überblick über die Geschichte der Community, sondern kommt auch zu einem eher ernüchternden Schluss:

Wahrscheinlich gibt es kein Patentrezept, um Nutzern brauchbare Beiträge zu entlocken. Vielleicht verhält es sich wie mit dem Händewaschgebot in Kliniken, und es geht nicht ohne ständige Ermahnung, ständigen sozialen Druck, ständiges Einbeziehen aller Beteiligten. Jede Gemeinschaft wird ihren eigenen Satz an Werkzeugen finden müssen, wenn nicht technische Gegebenheiten oder der Betreiberwille von vornherein eine Behebung des Problems verhindern.

Vielleicht muss ich mein Bild vom gemeinen Merkur-Leser revidieren und vielleicht habe ich selber nur die Hälfte des Texte verstanden, aber einen Punkt würde ich viel stärker betonen: den der Gemeinschaft. Der Gruppe also, die sich zusammenfinden, um sich auszutauschen. Ich würde die Filter Bubble von Eli Pariser quasi umdrehen und die Frage nach den Debatten im Netz mit der Frage verbinden, die Sascha Lobo (siehe oben) für diejenige hält, die Google+ künftig beantworten wird: Was interessiert dich?

Und ich glaube, das sind Debatten aus meiner Community (was auch immer das ist, wird gerade von Google und Facebook auf unterschiedliche Art zu beantworten versucht), also aus meinem Freundeskreis oder Circle – aber eben auch aus Gemeinschaften, die einen Kreis mit einem etwas größeren Radius betreffen. Vielleicht ist es – wieder mit Pariser gesprochen – eine publizistische Aufgabe, diese Kreise zu formen.


Es ist mir zuviel. Und: Es ist mir zu leer.

Das geht zusammen. Und zwar, wenn man über Google Plus in seinem jetztigen Stadium spricht. Seit heute gibt es Einladungen für das neue Projekt des Unternehmens, das früher mal eine Suchmaschine war. Heute will Google viel mehr sein – unter anderem auch ein soziales Netzwerk. Deshalb gibt es jetzt Google Plus; als Dach für jede Menge Dinge, die einzeln wirklich toll sind, mich in der Sammlung aber überfordern.

Am besten gefällt mir dabei Sparks, eine Interessen-Sammlung, die eine Art elaborierter Google-Alert mit sozialem Anschluss sein könnte. Ohne es ausführlicher getestet zu haben, finde ich aber die Idee bisher besser als die Umsetzung. Und das liegt an dem zweiten Punkt: Google Plus ist mir bisher zu leer.

Denn wie an anderer Stelle bereits erwähnt, um das Netz als Dialogmedium zu verstehen, müssen wir es als Raum denken – nicht als Kanal. Die New York Times-Redakteurin Jenna Wortham hat das in einem Tweet auf den Punkt gebracht:

Using Google+ right now is kinda like when you’re the first one at a party and the DJ hasn’t even finished setting up. Where are my frenz?!

Jetzt ist es nicht so, dass dieser neue Google-Raum der einzige in der digitalen Welt wäre. Im Gegenteil: Es gibt hier schon mehrere – und dort läuft bereits Musik und dort sind bereits “frenz”, also Menschen, denen ich folge oder mit denen ich befreundet bin. Bei Google heißt diese Verbindung Circle beruht aber auf dem gleichen Prinzip.

Vielleicht liege ich mit der Prognose grandios daneben: Aber nach heutigem Stand glaube ich nicht an den Erfolg von Google Plus. Nicht weil es nicht gut erdacht wäre oder weil es schlechte Angebote machen würde (es sind eher zu viele), sondern weil der Preis zu hoch ist. Es ist zu anstrengend, Freunde davon zu überzeugen, auch vor das DJ-Pult im noch leeren Raum zu treten. Viel leichter ist es, einfach in den anderen Club zu gehen, wo die, denen man zuhören will, eh schon sind.

Der Grund, warum überhaupt so viel Aufhebens um diesen fast noch leeren Raum gemacht wird: Er ist zugangsbeschränkt. Google, das Unternehmen, das mit der vermeintlichen Kostenlos-Kultur Milliarden macht, begrenzt den Zugang, um so Interesse zu steigern. Was durchaus gelingt. Einladungen wurden heute heiß gehandelt. (Wie sie verbreitet wurden, kann auf Spreeblick nachlesen).

Meine Einladung habe ich Hakan zu verdanken, der viel positiver über das Plus-Projekt denkt als ich. Nachmittags schrieb er gar:

facebook ist das neue StudiVZ ;)

Das klingt schön, aber spätestens bei dem Gedanken war mir klar: Das stimmt nicht. Schon Facebook nervt doch viele wegen seiner Unübersichtlichkeit. Wie sollen die sich denn in Google Plus wohlfühlen? Gerade gestern geriet ich (im Rahmen des DLD-Women) zum Beispiel mal wieder in eine Debatte, in der vorsichtig Social-Media-Interessierte ihre Skepsis gegenüber Facebook und Twitter benannten. Ihre Frage: “Warum soll ich denn da hin?” wird zumindest in Bezug auf den Facebook-Raum dann oft mit einem “Weil alle da sind” beantwortet. Das ist von möglichen schlechten Gründen vermutlich der schlechteste. Bei Google Plus ist er (bisher) nicht mal ein Grund.

Mehr über Google Plus bei

netzwertig.com

YuccaTree

Spreeblick

Ich schwörs dir

Zeit Online

NZZ Online

Bei Twitter hingegen kann man die Frage sehr viel einfacher beantworten. Und das ist auch der Grund, warum ich am liebsten nur über Twitter reden möchte, wenn man mich nach Social Media fragt (Dialog-Medien ist eh der viel schönere Begriff): Twitter liefert einen direkten Nutzen, es ist ein selbsterstellter Nachrichtenfilter (auf den auch keiner Einfluß nimmt), der auch passiv hervorragend funktioniert.

Und wer Twitter aktiv nutzt, hat – anders als bei Facebook – ein tatsächliches soziales Instrument an der Hand. Denn Facebook macht doch in Wahrheit das Teilen und Verbreiten komplizierter als nötig. Der berüchtigte Daumen, den man zum Ausdruck des Gefallens drücken kann, bietet kaum Möglichkeit zum Anschluss. Ich kann nirgends auslesen, was ein Nutzer gefavt hat (um es in Twitter-Sprache zu sagen, wo das selbstverständlich geht) und Verbindungen kann ich so auch nicht erstellen. Beim +1 dem Google-Äquivalent scheint letzteres theoretisch möglich, aber eben nur für den Fall, dass auch Menschen zum Verbinden da sind.

Mir hat das ratlose Rumstochern in Google Plus einmal mehr gezeigt, warum Twitter eine so wunderbare Erfindung ist: Twitter basiert auf einer einfachen Idee und hat mit seinen Erweiterungen (wie Listen, Hashtags und den Ortsangaben) schrittweise das hinzugefügt, was Google Plus jetzt auf einen Schlag erfinden will. Ich glaube nicht, dass das gelingt. Ich befürchte es wird bald in einem Atemzug genannt mit dem (passender Weise heute verkauften) MySpace oder Apples Idee eines Social Network für Musik.