Alle Artikel in der Kategorie “DVG

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The Age of Trotzdem – Wir sind unbeugsam

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Sascha Lobo hält gerade seine Rede an die Nation re:publica. Sie trägt den Titel „The Age of Trotzdem“ und er hat gerade tatsächlich die Anwesenden mehrfach Trotzdem rufen lassen.

Als Fan von Sascha Lobo und als Fan des VfL Bochum MUSS ich in diesem Moment darauf hinweisen, dass der Verein für Leibesübungen aus Bochum schon vor ein paar Jahren in seinem Leitbild (das erste im Profifussball) unter dem Punkt Unbeugsam Folgendes notierte:

Die Geschichte unseres VfL Bochum 1848 ist ein Spiegel
der Geschichte des Ruhrpotts: oft unterschätzt, von Großen
bedrängt und geprägt durch Widrigkeiten, Rückschläge und
Niederlagen – aber immer noch da!

Gestern, heute und morgen: Wir trotzen selbstbewusst den
Widrigkeiten, kämpfen gemeinsam gegen Rückschläge und
bleiben auch bei Niederlagen fair!
„Nicht unter kriegen lassen“ ist unser Antrieb,
„immer wieder aufstehen“ unser Prinzip,
„trotzdem“ unser Motto!

Ich glaube, es gibt nur eine Schlussfolgerung aus dieser Dopplung: die Nation re:publica sollte Mitglied des VfL Bochum werden!

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Trotzdem!
¯\_(ツ)_/¯

Weiterlesen auf Digitale Notizen:
VfL-Trainer Verbeek und die Angst
Das Shruggie-Prinzip
Der Abschluss mit Obamas Gif

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Alles, was ich über Social Media weiß (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann! Dieses Jahr sind bereits erschienen „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

reichweite Eine Million Menschen. Mit dieser unfassbar großen Anzahl an Zuschauern weckt Facebook mein Interesse. Fast eine Million Menschen haben in den vergangenen Tagen diesen Beitrag auf der Phänomeme-Facebookseite gesehen, die ich für die Süddeutsche Zeitung beitreibe, um über Internetquatsch zu schreiben. Es ist ein kleines Blog, das ich u.a. aus Begeisterung z.B. für Gifs betreibe und in dem ich lerne, wie sich Aufmerksamkeit z.B. auf Facebook verbreitet.

Im aktuellen Fall handelt es sich um ein kleines Gif, das einen Jungen im gestreiften Schlafanzug zeigt, der kleine Luftballons auf den Haaren eines Säuglings elektrostatisch auflädt, um sie an die Wand zu kleben. Die Phänomeme-Facebookseite hat rund 18.000 Fans, der Ballonjunge hat ihre Reichweite in den vergangenen Tagen verfünfzigfacht. Wie ist das möglich?

Um diesen Erfolg zu ergründen, muss man zwischen den technischen und den inhaltlichen Implikationen unterscheiden: Technisch sprechen wir von einem Gif, einem kleinen Bewegtbild, das sich in der Welt der Phänomeme großer Beliebtheit erfreut, historisch aber erst seit kurzer Zeit von Facebook direkt in der Timeline angezeigt wird. Im Mai 2015 führte Facebook diese Funktion ein und es lohnt sich, dieses kleine Jubiläum angemessen zu begehen. Denn es ist keinesfalls klar, dass die genannte Funktion auf ewig in Facebook so bleiben wird. Derzeit ist es aber möglich, Gifs in der Timeline wie so genannte Autoplay-Clips abzuspielen: Die Bildsequenz spielt ohne Aufforderung und stumm los.

Inhaltlich gründet sich der Reichweiten-Erfolg des Ballon-Beispiels auf das, was hier unter dem Stichwort „Du bist, was du twitterst“ schon mal Thema war. Denn die Nutzung von Social Media ist ein Spiel der Identitäten, es geht dabei um den gleichen Antrieb, der Menschen eine bestimmte Frisur, Kleidung oder Tasche tragen lässt. Man muss das nicht gut finden, es lohnt sich aber die Mühe aufzuwenden, es zu verstehen bevor man der Welt seine Meinung über dieses Prinzip kundtut. Wenn man auf diese Mühe verzichtet, kommt dabei etwas heraus wie jener Twitter-Text (Blendle-Link) unlängst in der FAS.

Ich glaube – und der Ballon ist mir dafür Beleg – dass Postings in sozialen Netzwerken immer mehr zu einem digitalen Modestatement werden. Die Tatsache, dass Facebook einen Mangel an wirklich privaten Posts beklagt (und in Folge dessen vielleicht auch nicht mehr als klassisches Soziales Netz zu verstehen ist), bestätigt diese These. Man schmückt sich mit bestimmten Marken, mit bestimmten Thesen und darauf aufbauend mit bestimmten Identitäten. Und eine sehr einfache, sehr naheliegende Identität entsteht aus Verwandtschaftsverhältnissen. Deshalb markieren Nutzer unter dem Ballon-Bild ihre Geschwister. Weil das Ballon-Bild einen Aspekt ihrer Identität bedient.

Magazin- und Boulevard-Journalismus haben dieses Spiel der Identitäten schon immer gespielt. Es ging dabei schon immer darum, mit Inhalten Haltungen, Stimmungen, Identitäten Raum zu geben. Soziale Netzwerke haben dieses Prinzip kleinteiliger gemacht. Ein Beitrag über die Stadt Siegen kann zu einem Buzzfeed-Erfolg werden, obwohl der Durchschnitt der im klassischen Magazin- und Boulevard-Journalismus immer mit adressiert werden musste, sich überhaupt nicht für die Stadt Siegen interessiert. Diejenigen, die aber einen Bezug zu Siegen haben, finden sich in diesem Siegen-Beitrag wieder und interagieren damit – weil er ihr eigenes Modestatement ist. (Ich nenne dies „Das Ende des Durchschnitts“)

Dieses Identitätsprinzip ist ein Muster, das in zahlreichen Diensten erkennbar ist – am anschaulichsten natürlich in Facebook. Von hier aus lässt sich eine spannende Debatte darüber beginnen, wie diese Identitätsprinzipien die Reichweitenmechanismen klassischer Werbevermarktung prägen (vielleicht schreibe ich in einer der nächsten Folgen dazu), noch spannender scheinen mir aber gerade die Folgen für den klassischen Journalismus zu sein.

Technisch und inhaltlich schlagen sich die genannten Entwicklungen in dem nieder, was in Medienhäusern produziert wird. Dabei geht es einerseits darum, dass sich diese Inhalte technisch in den Timeline-Fluss einfügen, dass sie mit den Mustern des Bewegtbilds spielen und dass sie schließlich inhaltlich zur Identitätsprägung beitragen. Was das bedeutet lässt sich wunderbar an den Rappenings von Dendemann im Neo Magazin ablesen, wenn man diese nicht als musikalische Einlagen, sondern als digitale Fassung eines Leitartikels versteht.

Ein weiteres Beispiel lieferte dieser Tage der Guardian, der einen Leitartikel unter Mithilfe zahlreicher Schauspieler (u.a. Patrick Stewart) und mit Referenz auf Monty Python inszenieren lies (Hintergrund dazu): Der kurze Clip zur Brexit-Debatte ist nicht nur eine wunderbare Kopie der Vorlage aus dem Film „Das Leben des Brian“, es handelt sich dabei auch um die Umsetzung all dessen in einem Leitartikel, was ich über im April 2016 über Social Media gelernt habe.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Digitale Notizen Newsletter.

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Das Shruggie-Prinzip

Der Shruggie ist ein japanisches Emoji, das aus Zeichen aus dem Katakana-Alphabet zusammengesetzt wurde. Wenn Sie einen Shruggie nutzen wollen, kopieren Sie ihn hier ¯\_(ツ)_/¯

Auf dieser Seite sammle ich Links und Hinweise zum Shruggie, den ich sehr mag, weil er für eine besondere, digitale Lebenshaltung steht. Hier kann man der Idee auf Facebook folgen.

Am 22. April 2016 habe ich den Shruggie auf der Direttissima-Konferenz in München im Rahmen einer Präsentation vorgestellt:

Darin sind diese Texte und Bücher erwähnt:

The Life and Times of ¯\_(ツ)_/¯

Der Kanye-Shrug

Confused Travolta

– Die Herkunft von Emojis

– Eric Ries: The Lean Startup

Denke kleiner

– Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein

– Sarah Knight: The Life Changing Magic of Not Giving a Fuck

Social Media Gelassenheit

PS: Hier ist das Shruggie-Prinzip auf Facebook

PPS: Ich spreche nicht nur gerne über den Shruggie – und hier können Sie kostenslos den Digitale-Notizen-Newsletter abonnieren.

Die Zeitung nach dem Papier (Digitale März Notizen)

Dieser Text ist Teil der März-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann! Dieses Jahr sind bereits erschienen „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

„Die Druckmaschinen stehen still, die Tinte ist getrocknet, das Papier wird nicht mehr zerknittern.“ Mit diesen Worten endet das Editorial der letzten Papierausgabe der britischen Tageszeitung The Independent. Am 26. März 2016 wurde diese verkauft, 29,5 Jahre nach der ersten Ausgabe der Zeitung, die im Englischen Newspaper heißt, jetzt aber ohne Papier auskommen muss.

Nicht nur weil ich bei einer Tageszeitung arbeite – und schon 2012 schrieb, dass ich keinen besseren Ort für den Medienwandel kenne – halte ich dieses Datum für bedeutsam. Es fügt sich ein in das Bild, das wir noch nicht vollständig sehen, seine Grundzüge aber schon erkennen: Eine Tageszeitung ist mehr als das Papier, auf dem sie erscheint. Das weiß man beim Independent, beim Guardian (wo der damalige Chefredakteur Alan Rusbridger schon 2006 sagte, man werde keine neuen Druckmaschinen mehr brauchen) und z.B. auch bei der spanischen ElPais (wo sich in diesem Monat der Chefredakteur sehr ähnlich äußerte). Und damit wirft dieses Datum automatisch auch die Frage auf: Wie sieht denn eine Tageszeitung nach dem Papier aus?

Eine Antwort findet man dort, wo auch noch Papier bedruckt wird: „Wir wollen ein digitales Unternehmen sein, das auch eine Zeitung herausgibt“, sagte ebenfalls in diesem Monat Michael Golden. „Nicht eine Zeitung, die auch eine Website betreibt und eine mobile App.“ Golden ist Vice Chairman in einem Haus, das sowas wie Mutter und Vorbild von Tageszeitungen überall auf der Welt ist. Michael Golden arbeitet bei der New York Times und hat diese Neuausrichtung seines Papers im Rahmen einer Veranstaltung der World Association of Newspapers and News Publishers erläutert. Dabei hat er acht sehr spannende Prinzipien benannt, die den Wandel bei der New York Times begleiten:

Was diese Prinzipien in der täglichen Arbeit bei der New York Times bedeuten, kann man in der neunten Etage des ZeitungsMedienhauses beobachten. Dort arbeiten rund 50 Mitarbeiter im so genannten Beta-Team und dorthin führt dieser äußerst lesenswerte Poynter-Text, der den stellvertretenden Beta-Chef Ben French mit den Worten zitiert: „Nachrichten sind und bleiben der Kern unseres Angebots. Aber als Organisation, die jeden Tag 350 Geschichten veröffentlicht – soviel wie ein Harry Potter Band täglich – machen wir viel mehr als lediglich zu sagen, was gerade wichtig ist. Wir sagen unseren Lesern wie sie ihr Leben besser machen können.“

Mit diesem Ansatz eines veränderten „readers-service“ arbeitet das Beta-Team nicht nur daran, die Idee einer Tageszeitung auf digitale Wege übertragen und eine direktere Verbindung zur Leserschaft herzustellen. Das Beta-Team verändert vor allem auch die Arbeitsweise klassischer Tageszeitungs-Redaktionen. „Die Beta-Mitarbeiter arbeiten in interdisziplinären Teams, in denen Redakteure gemeinsam mit Produktmanangern, Gestaltern, Entwicklern und Datenanalysten versuchen, den Times Journalismus an die Bedürfnisse der Leser anzupassen“, erläutert der Text und schlussfolgert: „Dieser Prozess ist ungewohnt für zahlreiche alteingesessene Reporter und Redakteure der Times, aber er wird zum Standard in Unternehmen, in denen Produktentwicklung und journalistische Produktion eng verschlungen sind – wie zum Beispiel auch bei Vox Media.“ (wer sich für diese Arbeitsweise interessiert, kann hier bei Konrad Weber weiterlesen)

Wie sehr diese Entwicklungen auch die Arbeit in der Redaktion beeinflußt, zeigte Anfang Februar ein Memo des New York Times-Chefredakteurs Dean Baquet, in dem er sehr offen zahlreiche redaktionelle Gewohnheiten in Frage stellte und eine gemeinsame Vision dessen einforderte, wie der Newsroom der Zeitung in den nächsten Jahren auszusehen haben.

Wie er in den vergangenen Jahren aussah, hat Gabriel Dance unlängst in einer Rede im Rahmen des Marshall-Projects beschrieben. Der Multimedia-Journalist benannte vier Typen, die ihm im Rahmen seiner Arbeit bei der New York Times begegneten: Zunächst Journalisten, die für ihn eine Art digitale Urbevölkerung darstellen (Natives) und die Implikationen des technischen Wandels bereits verinnerlicht hatten. Die zweite Gruppe bestand aus jenen, die das Potenzial der Veränderungen sahen – obwohl ihnen der Wandel selber nicht sofort klar war (Naturals). Die dritte Gruppe bezeichnet Dance als Kollaborateure und betont, dass er mit ihnen am liebsten zusammen gearbeitet habe: Experten auf ihrem Gebiet, die keine Angst entwickelten, wenn jemand auf sie zukam, um mit ihnen gemeinsam digitale Projekte umzusetzen. Die vierte und schwierigste Gruppe im Newsroom sind für Garbriel Dance die Angstgetriebenen (Fearful). „Es ist gefährlich in dieser Gruppe zu sein“, sagt er. Sie wissen nicht, was passiert, sie wissen nicht, wie sie ihren Job behalten sollen und sie verstehen nicht, was die neue Technologie bringt.

Gabriel Dance geht in seiner lesenswerten Rede nicht weiter auf diese vier Typen ein. Es scheint aber klar, dass der Wandel zur Zeitung nach dem Papier auch vor der großen Herausforderung steht, die Angst im Newsroom zu reduzieren – und womöglich in Begeisterung zu verwandeln. Deshalb sehe ich im Medienwandel im März nicht nur die Meldung von der letzten Papierausgabe in London, sondern auch den ansteckenden Virus der Arbeit des Beta-Teams in New York.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Digitale Notizen Newsletter.

In eigener Sache: Geschenke, Termine und Jobs im Newsletter

Kurzer Hinweis in eigener Sache: in der nächsten Woche erscheint die März-Folge des Digitale Notizen-Newsletter. Ich weise deshalb besonders darauf hin, weil ich in der neuen Folge etwas ausprobieren werde: eine Rubrik mit Geschenken (Überraschung!), Terminhinweisen und interessanten Stellenausschreibungen. Keine Sorge, im Mittelpunkt steht weiterhin der „distanzierte Blick, der die Frage stellt: Was bleibt von all den Neugikeiten und Veränderungen? Welche Schlüsse kann man daraus ziehen? Welche Muster kann man erkennen?“ – darüberhinaus will der Newsletter sich aber auch weiterentwickeln und vielleicht einen weiteren Mehrwert bieten. Wer Interesse daran hat, kann sich hier kostenlos eintragen!

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Ebenfalls ein wenig in eigener Sache ist der Hinweis auf zwei spannende Konferenzen, die man im April und Mai besuchen sollte (nicht nur, weil ich daran teilnehme) Es geht um die Direttissima-Konferenz am 22. April in München und um die TinCon vom 27. bis 29. Mai in Berlin.

Ich bin Feminist! Male Feminists Europe

On MFE, we show why it is important that men are aware of feminist concepts. We provide relevant content to a European audience. Our goal is gender equality.

Mit diesen Worten beschreiben Henrik Marstall und Robert Franken das Ziel ihres Projekts „Male Feminists Europe – European male feminists united for gender equality“. Eine Website, die sich an Männer richtet, die sich als Feministen verstehen, gegen die strukturelle Benachteiligung von Frauen eintreten und sich für Geschlechter-Gleichheit engagieren.

Ein gutes Projekt!



10 Jahre Twitter: Mein Selbstversuch (aus dem Archiv)

Twitter wird heute 10 Jahre alt. #LoveTwitter heißt das als Hashtag. Und zum Jubiläum empfehle ich die Doku „Twitter – Revolution in 140 Zeichen?“ von Tim Klimes, die heute um 10 Uhr und heute nacht um 1.15 Uhr auf ZDFinfo läuft.

Außerdem habe ich zum Jubiläum einen Text aus dem Archiv geholt, den ich im Frühjahr 2009 über Twitter schrieb – in der Süddeutschen Zeitung. Damals wusste man noch nicht, dass BonitoTV ein Fake ist und man sah sich ständig mit der Frage konfrontiert, wofür der Quatsch eigentlich gut sei.

Meine Antwort – sieben Jahre alt und doch irgendwie noch passend:

Jetzt werde ich verfolgt. Und ich habe es sogar drauf angelegt, denn: Ich nutze Twitter. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Microblogging-Plattform. Auf 140 Zeichen kann man hier Texte, Statements, Beobachtungen notieren. Diese sogenannten Tweets werden für jedermann sichtbar im Internet veröffentlicht. Und wenn das einen anderen Twitter-Nutzer interessiert, kann dieser seine Lektüre öffentlich machen und wird zu einem Follower, verfolgt also das Verfasste. So simpel funktioniert Twitter. Das lohnt sich zu Beginn festzuhalten, denn in den vergangenen Wochen ist so viel und so wild über Twitter geschrieben worden, dass die Grundidee manchmal auf der Strecke blieb.

Dass diese Grundidee einfach, aber auch genial ist, davon bin ich nach ein paar Wochen Twitter-Selbstversuch überzeugt. Und ich will erklären, wie es dazu kam. Dabei bin ich mir bewusst, dass das nicht ganz leicht wird. Denn Twitter hat auf der einen Seite begeisterte Fans, denen jeder massenmediale Text über ihr Kommunikationsforum einem Angriff gleichkommt. Auf der anderen Seite sehen Kulturpessimisten in der Verknappung, die auf der Plattform gepflegt wird – die Welt passt in 140 Zeichen –, den nahenden Niedergang der Zivilisation. Beide Seiten werden enttäuscht sein von meinem Twitter-Lob. Beide Seiten werden in diesem Text vergeblich nach den gängigen Stichworten suchen: Ich verzichte auf Hudson River (als ein Flugzeug dort notwassern musste, fanden sich Meldungen dazu zunächst bei Twitter, dann erst in den Nachrichten-Agenturen), Dummheit (Spiegel-Online begann sein Interview mit Twitter-Gründer Evan Williams tatsächlich mit der sehr dummen Frage, ob Twittern dumm mache) und auch auf Winnenden (Reporter nutzten am Tag des Amoklaufs Twitter für zum Teil fragwürdige Kurzmeldungen).

Denn würde man diesen Text einem bei Twitter mittels # eingeleiteten Stichwort zuordnen wollen, wäre dies gewiss der Begriff „Small Talk“. Twitter ist nämlich in erster Linie ein hervorragendes technisches Werkzeug, um Small Talk im Internet zu führen. Wobei ich bewusst all die damit verbundenen vermeintlich negativen Eigenschaften wie Beiläufigkeit, Lockerheit und mangelnde Tiefe einschließe. Ja, Twitter ist der Ort für Befindlichkeiten und Plaudereien. Und ja: Wer das richtig zu nutzen weiß, wird Gefallen daran finden. Um das zu verstehen, muss man den Reiz des Verfolgens ergründen. Man kann bei Twitter neudeutsch followen, also die Mitteilungen eines anderen Nutzers mitlesen, und gefollowt werden, also öffentlich bekannt gelesen werden. Letzteres gilt als Ausdruck von Popularität und Bedeutsamkeit. Jedenfalls brachte der bekennende und auch deshalb bekannte Twitter-Nutzer Sascha Lobo (im Twitter-Jargon wäre der Name mit einem @ einzuleiten) seine Klage wortreich vor, als er unlängst von den automatisierten Nachrichten des News-Portals Spiegel-Online in Sachen Follower überholt und als beliebtester deutschsprachiger Twitterer abgelöst wurde.

Doch der tiefere Sinn des Verfolgens erschließt sich erst, wenn man selber followt. Dann erst wird aus der vielstimmigen Twitter-Masse ein tatsächlich melodisches Zwitschern, dessen Klang man selber bestimmen, weil auswählen kann: Auf der eigenen Startseite oder in Programmen wie Tweetdeck oder PeopleBrowsr liest man dann Meldungen und Kurzmitteilungen von wirklichen Freunden, von entfernten Bekannten oder von Menschen, für die man sich irgendwie interessiert. So ergibt sich ein Stimmungsbild, das einem Gespräch auf einer Party gleichkommt, auf der nur Menschen eingeladen sind, deren Meinung einen interessiert. Es mischen sich in meiner Twitter-Lektüre lustige Beobachtungen aus dem Backstage-Bereich von Harald Schmidt (@bonitoTV) mit den Notizen des britisch-kanadischen Autors Cory Doctorow (@doctorow) und den Statusmeldungen von wirklichen Freunden und guten Bekannten.

Gemeinsam ist all diesen Meldungen: Sie transportieren so wenig Inhalt, dass sie es nie zu einer Mail, einem Anruf oder gar einem persönlichen Gespräch geschafft hätten. Außerdem würden Schmidt und Doctorow mich vermutlich nicht anrufen, um mir zu sagen, dass ihr Lektor einen wirklich guten Job macht oder die Praktikantin gerade heißen Tee bringt.

Die Information auf Twitter heißt Andeutung. Ein Bekannter notiert eine Beobachtung am Flughafen, eine Nebensache wird so zur Meldung und seine Follower wissen: Er ist auf Reisen. Bei aller Inszenierung, die in diesen Tweets steckt: Schmidts Praktikantin oder der Flug eines Bekannten sind der Stoff, aus dem guter Small Talk entsteht. Scheinbar belanglos, beiläufig und unwichtig, aber dennoch informativ und – wenn gut gemacht – auch sehr unterhaltsam. So entstehen lesenswerte Dialoge aus Beobachtungen, die ohne Twitter unnotiert geblieben wären: Ein anderer Nutzer reagiert mittels eines Re-Tweets auf die Flughafen-Beobachtung und ergänzt – eingeleitet durch ein @, dem der Namen des Reisenden folgt – eine eigene Erfahrung.

Spätestens als ich diese Gespräche und Re-Tweets miterlebt hatte, war mir klar: Twitter macht Small Talk tatsächlich interessant. Denn das Tolle an diesem umfangreichen Angebot von Kurzmitteilungen ist, dass es einem hilft, den schlechten vom guten und gepflegten Small Talk zu unterscheiden. Und wo man nur Belanglosigkeiten hört, die einen interessieren, gewinnen auch diese plötzlich an Bedeutung.

Um das zu verstehen, muss man sich aber bei Twitter registrieren und anderen Nutzern folgen. Twitter funktioniert wie ein Telefon. Wer sich dem lediglich über die Startseite (also die Gesamtheit aller Gespräche) nähert, wird die unverständlichen Gesprächsfetzen zahlreicher Telefonate bemerken – und diese natürlich für belanglos halten. Wer aber versteht, dass Twitter ein Kommunikationsinstrument ist, dessen Wert durch den Austausch und nicht durch die Publikation entsteht, der ist schon sehr nah dran am Zauber der Plattform: Menschen führen Gespräche auf Twitter, wenn sie mittels Anwendungen wie Twitpic oder MobyPicture kinderleicht Fotos in ihre Tweets einbauen oder vom Blackberry oder vom iPhone aus ihre Beobachtungen und mehr notieren. Und das Gespräch zwischen Menschen war schon immer ein Antrieb für Neues. Schön, dass diese Gespräche hier als Antwort auf die Frage „Was machst du gerade?“ entstehen.
Eigentlich eine sehr einfache Frage, auf die es aber zum Glück unzählige Antworten gibt.

(aus der Süddeutschen Zeitung, 14.4.2009)

Zum Jubiläum kommuniziert Twitter erstmals Nutzerzahlen für Deutschland: 12 Millionen Menschen greifen nach Angaben von Deutschland-Chef Thomas de Buhr monatlich auf den Dienst zu, in dem ich persönlich diese fünf Lieblingsaccounts habe:

@dvg
@neueversion
@phaenomeme
@SZ_langstrecke
@SZ

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Herzlich Willkommen …

… auf der Website von Dirk von Gehlen.

Ich bin Autor und Journalist und lebe in München. Bei der Süddeutschen Zeitung leite ich die Abteilung Social Media / Innovation. Ich schreibe Bücher und halte Vorträge. Auf dieser Seite können Sie meine Vita und Fotos einsehen.

Die Digitalen Notizen sind mein privates Weblog, in dem ich seit 2007 interessante Merkwürdigkeiten aus der Medienwelt notiere. Sie können mir auf Twitter folgen, meinen Newsletter abonnieren oder eine Mail an dirkvongehlen (at) gmail (punkt) com senden.

Denke kleiner (Digitale Februar Notizen)

Dieser Text ist Teil der Februar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann! Die aktuelle Folge ist ein Lob der Kurzkultur.

Es sind neue Gefühle verfügbar! Facebook hat nach einem Test in Spanien und Irland nun der ganzen Facebook-Welt die Gefühls-Ausdrücke Haha, Yay, Wow, Sad und Angry spendiert. Diese Erweiterung des emotionalen Spektrums hat für zahlreiche Kommentare und Witze gesorgt, der einzige, der davon jedoch erwähnenswert wäre, ist dieses animierte Gif, das den Zustand Confused in Form des weiterhin lobenswerten, gleichnamigen Travolta. Es zeigt wie vielschichtig und reich an Bedeutungen Emojis und Gifs sein können. Sie verknappen unsere Sprache, erweitern sie aber gleichzeitig. Sie sind eine Kommunikationsform, die sich im "Sprechen in geschriebenen Buchstaben" ausdrückt, welches der digitale Austausch in weiten Teilen ist bzw. geworden ist.

Der Dualismus der gleichzeitigen Verknappung und Bedeutungstiefe fasziniert mich ungemein – er zeigt, dass das Kurze einen besonderen Zauber erzeugen kann. Einen Zauber, der dem schlechten Image widerspricht, das die Infohappen und Textbrocken mancherorts haben. Ich glaube im Gegenteil, dass in der Verknappung eine besondere Leistung steckt. Inhalte snackable zu machen, also auf den Punkt zu kommen und sie so komprimiert wie nur möglich auszudrücken, ist die hohe Kunst der (digitalen) Kommunikation.

Aber es ist noch viel mehr.

Das Kurze kann uns zum Beispiel dort helfen, wo wir den großen Wurf nicht finden: Statt auf den vorrausschauenden Lenker zu warten, der alle Entwicklungen überblicken und einordnen kann und dann (alters-)weise eine Route vorgibt, müssen wir in digitalen Entwicklungen viel kürzer denken und handeln. Wir müssen in kleinen Projekten und Produkten schnell lernen. Auch hier besteht die besondere Kunst darin, klein denken zu lernen. 

Es ist kein Zufall, dass in der Lean Startup-Kultur das kleinste machbare Produkt (MVP) als Entwicklungeinheit gepriesen wird. Es ist Ausdruck der Fähigkeit klein zu denken – und schnell zu lernen. Widerspruch erzeugt diese Form der Produktentwicklung vor allem dort, wo man auf den Masterplan, auf den großen Wurf wartet. Ich glaube, dass es falsch ist darauf zu warten. Die Welt verändert sich so schnell, dass ich mir niemanden vorstellen kann, der allein in der Lage sein wird, diesen Wurf zu formulieren (geschweige denn auzuführen).

Ich finde wir sollten uns stattdessen lieber von der Begeisterung anstecken lassen, die Moiz Syed in diesem Video in nicht mal fünf Minuten zum Ausdruck bringt. Der Design Manager bei Wikimedia spricht in dem kurzen Clip von der Freude, die in kleinen Projekten entstehen kann. Ich habe aus dem Kurzvortrag zehn Thesen destilliert und übersetzt:

1. Kleine Projekte versetzen dich in die Lage, Fehler zu machen
2. Die Freiheit, Fehler zu machen, fördert Kreativität und macht dich stärker
3. Kleine Projekte schützen dich vor übertriebenem Perfektionismus
4. Kleine Projekte sind eben nicht der Masterplan, sondern Versuche. Sie befreien dich von den Vorgaben großer Projekte.
5. Kleine Projekte versetzen dich in die Lage, mit neuen Leuten zusammenzuarbeiten ohne dich ewig zu binden
6. Kleine Projekte kann man leichter teilen und weiternutzen
7. Kleine Projekte geben dir die Möglichkeit, Dinge zu tun, die du sonst nicht tust
8. Mit kleinen Projekten kannst du deine Ideen testen. Probiere sie aus, messe den Erfolg und lerne daraus
9. Deine kleinen Projekte sind mehr als die Summe der einzelnen Teile, sie fügen sich zu einem Portfolio und erinnern dich daran:
10. Du bist mehr als das, was du gerade arbeitest. Dein aktuelles Projekt ist nicht dein Leben, es ist nur ein Bestandteil

Deshalb schließt Moiz Syed mit der Forderung: Geh raus und suche dir ein kleines Projekt! Kümmere dich nicht um Erfolgsaussichten und Finanzierung! Suche Dir etwas, was du spannend findest und probiere es auf kleinster realisierbarer Ebene aus, teste und lerne draus!
 

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Digitale Notizen Newsletter.

Social Media Gelassenheit (Digitale Januar Notizen)

Der folgende Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“. In der vollständigen Version ist auch die Herkunft des unten stehenden Bildes erläutert. Hier kostenlos abonnieren!

Dieser Januar 2016 reichte von der Terrorwarnung in der Silvesternacht in München über das, was zu gleicher Zeit am Kölner Hauptbahnhof geschah bis vor das Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin. Bei allen drei Folge-Debatten spürte ich die Sehnsucht nach dem Shruggie
¯\_(ツ)_/¯

Regelmäßige Leser der Digitalen Notizen kennen meine Sympathie für das Schulterzucken. In diesem Monat aber wünschte ich mir den Shruggie wegen seiner Distanziertheit. Wegen einer Haltung, die ich als (Social-Media-)Gelassenheit beschreiben würde – und die wir allesamt erst lernen müssen.

Es ist viel geschrieben worden in den vergangenen Wochen darüber, wie man mit dem heißlaufenden Meinungsmotor auf Facebook, Twitter und in klassischen Medien umgehen könne – gelegentlich auch Gutes. Stets rieten die Autor*innen dann auf die eine oder andere Weise zu Mäßigung, zu Distanz und zu Gelassenheit.

Das klingt sehr banal, wenn es liest, ohne dass der Meinungsmotor läuft. Wenn er aber anspringt, wird es enorm schwierig, sich daran zu halten. Deshalb lohnt es sich, sich in ruhigen Zeiten einen Kühlungsmechanismus vorzubereiten. In den Social-Media-Seminaren, die ich gelegentlich gebe, rate ich Community-Managern gerne, ihre Antwortposts auf ärgerliche Foreneinträge oder Leserbriefe vor dem Abschicken laut dem Zimmernachbarn vorzulesen: laut, langsam und deutlich.

Denn das laute Lesen hilft nicht nur, Rechtschreibfehler zu entdecken, es ist auch eine wunderbare Distanzierungs- und Mäßigungsmaschine. Auch Aufstehen, Toilettenbesuche oder Seilspringen sind taugliche Mittel, um sich dem Sog der Debatte zu entziehen und den eigenen Ton zu mäßigen. In einem Jahr (vermutlich sogar schon in einer Woche) wird sich keiner mehr richtig dafür interessieren, was sich in dieser Sekunde anfühlt wie das wichtigste, ärgerlichste oder erfreulichste Thema der (Web-)Welt.

Der Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen nennt den Reflex, der in derartigen Situationen einsetzt "kommentierenden Sofortismus" und erklärt "Damit meine ich – im Angesicht oft unsicherer, aber sofort verfügbarer Informationen – die Ad-hoc-Interpretation mit maximalem Wahrheitsfuror." Gegen diesen Reflex hilft – und der Shruggie illustriert dies auf wunderbarste Weise – einzig der Zweifel, sich selbst zu hinterfragen: Vielleicht ist ja auch das Gegenteil dessen richtig, was man gerade im Moment für eine unumstößliche und dringend zu postende Wahrheit hält.

Der Shruggie (in mir) rät deshalb:
Es ist nie falsch, erstmal digital gelassen zu bleiben, wenn….

… man emotional berührt ist und dringend etwas veröffentlichen will.
… man was Doofes im Internet liest.
… jemand Links aufs etwas unfassbar Doofes postet.
… ein Nazi Nazisachen postet.
… jemand, den man vorher nicht als Nazi kannte, Nazisachen postet.
… ein Tier in einem blöden Witzfilmchen nicht 100 Prozent artgerecht behandelt wird.
… man etwas liest, was super richtig ist und endlich mal gesagt werden musste.
… Till Schweiger oder ein anderer Facebook-Prominenter sich zu Wort meldet (ja, das gilt auch für Jan Böhmermann)
.
… die Freundin eines Bekannten einem entfernten Facebook-Freund eine Schauergeschichte erzählt hat, die dieser wiederum als Wahrheit postet.
… es jetzt aber echt mal sein muss.

Das heißt alles nicht, dass man diejenigen Punkte, die man in dieser Liste für Fehlverhalten hält, unkommentiert hinnehmen muss. Man kann sich an die Seitenbetreiber wenden, Beiträge melden, Nutzer sperren lassen und sogar bei der Polizei Anzeige erstattet, wenn dies angebracht ist. Und selbstverständlich kann man und soll man auch online diskutieren, Links posten und teilen. Nach diesem Monat bin ich jedoch davon überzeugt: Die Diskussion wäre in keiner einzigen Kommentarspalte und in keinem einzigen Facebookthread schlechter gewesen, wenn sie gelassener geführt worden wäre!
 

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletter Digitale Notizen