Alle Artikel in der Kategorie “DVG

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“Das kann man nur im Kino erleben”

In der Filmkritik des Films “Wild Tales – jeder dreht mal durch”, der diese Woche ins Kino kommt, lässt die BR-Kritikerin Kirsten Martins den Regisseur zu Wort kommen. Damián Szifron beschreibt darin die soziale Dimension von Kultur am Beispiel des Mediums Film:

Wir haben im Kino einen Augenblick der Gemeinschaft erlebt. Wir haben dasselbe gefühlt, haben gelacht. Das ist die Magie des Kinos. Das kann man nur dort erleben. Nicht bei Netflix.

Ich teile diese Einschätzung, ich glaube, dass diese Magie, die Szifron beschreibt, ein bedeutsamer Bestandteil dessen ist, was die Faszination für Kultur in Gänze (nicht nur Kino) ausmacht: dass wir sie gemeinsam mit anderen erleben.

Ich frage mich jedoch: Gilt das tatsächlich nur für den physischen Ort, den man gemeinsam besucht? Muss es in der Tat ein Kinosaal mit Leinwand sein, der diese Magie entstehen lässt? Kann sie vielleicht auch entstehen, wenn Menschen gemeinsam einen virtuellen Ort besuchen – wenn sie in Echtzeit an besonderen Momenten teilnehmen?

Wenn man diese Fragen stellt, ist man mittendrin in der Debatte um tragfähige Modelle für Kultur im digitalen Raum. Sie muss sich der Magie erinnern, von der Szifron spricht. Und sie muss herausfinden, wie und wo diese Magie entsteht. Und ausgerechnet Netflix kann dabei eine Antwort sein.

Ausgerechnet der Ort, den Sizfron für so ungeeignet hält für das Entstehen von Magie, hat diese Woche gezeigt, dass Magie auch abseits des Massenpublikums entstehen kann. In dieser Analyse auf vox.com kommt Tod vander Werff jedenfalls zu dem Ergebnis:

The world of TV is just a stark reminder of the pop cultural world of 2015. There is no mass audience anymore, just a series of niches, some larger than others.

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Gutes neues Jahr!

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Ein Brausehersteller wünscht an Bushaltestellen meiner Stadt derzeit ein gutes neues Jahr. Ein schöner Wunsch mit freudigem Wortspiel, dem ich mich gerne anschließe – und den Leserinnen und Lesern dieses Blogs ebenfalls ein tolles 2015 wünsche!

Es wird ein Jahr, in dem die Rolle des Kontext weiter in den Mittelpunkt rücken wird. Zum Beispiel der räumliche Kontext einer Plakatkampagne, die in ganz Deutschland hängt, sich aber in jeder Stadt in einem Wort unterscheidet. In der Werbeabteilung des Brauseherstellers und beim Stadtmöbel-Hersteller ist man vermutlich ein wenig Stolz darauf, dass es gelingt, in Bielefeld einen anderen Stadtnamen anzuzeigen als in Würzburg. Wenn es denn gelingt, ich kann es nicht nachprüfen.

Aber allein dadurch, dass man drüber nachdenkt, ist die Kampagne erfolgreich. Sie erzeugt Aufmerksamkeit. Auch wenn man sich fragt, wem die Brauser in München denn wohl sonst ein gutes neues Jahr wünschen wollen – außer Münchnern?

Insofern muss man diese räumliche Kontextualisierung der Werbung als Übergangsphänomen verstehen. Das passt nicht nur zeitlich heute ganz gut, es deutet vor allem an, was möglich ist, wenn Botschaften nicht mehr nach dem Prinzip “ein Sender, viele Empfänger” verbreitet werden – sondern abhängig vom Kontext ihrer Rezeption. Den Stadtkontext des Brausewunsches ist dabei eine Art Anfang.

Diese #lookup genannte Kampagne von British Airways hat am Beispiel vorbeifliegender Flugzeuge im vergangenen Jahr gezeigt, was darüberhinaus möglich ist:

Das Besondere dabei: Die Idee das Kontext löst sich von der Vorstellung bisheriger massenmedialer Kommunikation, allen und immer das Gleiche anzuzeigen. Dank digitaler Distribution gibt es weitere Varianten und Versionenund ich glaube, diese werden sehr spannend!

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Bücher des Jahres 2014

Ich habe ein eBook erstellt. Ich habe Text geschrieben (hier im Blog), habe den Text bearbeitet, mit Hilfe des Programms Booktype in Form gebracht und anschließend ein Kindle-taugliches .mobi- und ein iBooks-taugliches .epub-Format daraus erstellt. Das Buch heißt “Das Jahr 2014″ und versammelt die zehn populärsten Texte aus diesem Blog hier.

Man kann das Buch nicht kaufen. Wer sich auf den neuen “Digitale Notizen”-Newsletter einträgt, erhält einen Download-Link zu den beiden Dokumenten, die man dann auf handelsüblichen Lesegeräten digital aufblättern kann.
Ich wollte ausprobieren, wie man das macht: ein eBook abspeichern. Mit den Erfahrungen mit Booktype bin ich zufrieden, freue mich aber über Hinweise und Anmerkungen zum Thema elektronisches Publizieren.

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In der allgemeinen Rückblicksstimmung der letzen Tage des Jahres schien es mir angemessen, die zehn populärsten Texte aus diesem Blog für das eBook zu verwenden (Spoiler: der populärste Text war übrigens diese Werbekritik aus dem Sommer).

Und wo ich so beim Rückblicken war, fielen mir die Bücher ein, die mich in diesem Jahr beschäftigten – digital wie analog. Und so nahm ich mir den Kollegen Bernhard Blöchl zum Vorbild und schrieb auch ein paar Bücher des Jahres auf – allerdings ohne Wertung, einfach so.

Diese Veröffentlichungen haben mich 2014 besonders beschäftigt:

Die globale Überwachung von Glenn Greenwald – weil die Herausforderung der staatlichen Überwachung eine der wichtigsten Aufgaben ist, die man besser lösen kann, wenn man ihre Grundlagen versteht

“Data Love” von Roberto Simanowski – weil die Sache mit den Daten eine sachliche Analyse verlangt.

Drohnenland von Tom Hillenbrand – weil das Buch vor Snowden geschrieben wurde und doch in Form eines Krimis all die Fragen stellt, auf die wir jetzt Antworten brauchen

Das Internet der Tiere von Alexander Pschera – weil man besser versteht, was das Internet der Dinge mit der Gesellschaft der Menschen machen wird, wenn man sieht wie das Internet der Tiere deren Gesellschaft verändert hat; übrigens nicht nur zum Schlechten

Meme von Limor Shifman – weil die gegenwärtigste Form der Popkultur gerade im Netz stattfindet.

Die granulare Gesellschaft von Christoph Kucklick – weil es das beste Buch mit dem schlechtesten Titel des Jahres ist. Er erklärt weniger kompliziert als der Titel vermuten lässt, wie die Digitalisierung die Welt verändert.

Wenn wir vom Fußball träumen von Christoph Biermann – weil es eine Heimreise ist wie der Untertitel verrät. Das beste Buch zum (Ruhrgebiets-)Fußball seit langem

Die Kurve von Nicholas Lovell – weil ich so viel über die Besonderheiten des Digitalen gelernt habe wie seit “Total Digital” von Nicolas Negroponte nicht mehr.

Viele andere Bücher haben mich in diesem Jahr beschäftigt, sie passten aber nicht mehr auf das Bild und in diesen Eintrag. Deshalb schließe ich mit dem Hinweis auf ein Buch, das mich allein deshalb beschäftigt hat, weil ich es geschrieben habe: Im Sommer erschien der Crowdfunding-Ratgeber 22 1/2 Schritte zu erfolgreichem Crowdfunding – passenderweise übrigens als eBook.

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Newsletter “Digitale Notizen”

2015 wagen die Digitalen Notizen ein Email-Experiment: Im neuen Jahr gibt es einen exklusiven monatlichen Newsletter aus diesem Blog – mit Lesetipps, Links und Beobachtungen zur Digitalisierung von Dirk von Gehlen; eben “Digitale Notizen”, aber in einer neuen Form.

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Monatlich gibt es einen Einblick in die aktuelle Debatte um Digitalisierung und Medienwandel – nicht so hektisch wie die täglichen Neuigkeiten von Wired oder Turi2 und sogar langsamer als die Leseempfehlungen von Benedict Evans, David Bauer, Konrad Weber, Dave Pell und Austin Kleon – die ich allesamt gerne lese und empfehle. Abseits des Tagesgeschäfts fehlt mir aber immer häufiger der distanzierte Blick, der die Frage stellt: Was bleibt von all den Neugikeiten und Veränderungen? Welche Schlüsse kann man daraus ziehen? Welche Muster kann man erkennen?

Genau diese Fragen wird der “Digitale Notizen”-Newsletter stellen und beantworten – und so einen wirklichen Wert ergänzend zu bestehenden Angeboten liefern. Das Besondere dabei: Man bekommt ihn nur auf Einladung!

Leserinnen und Leser dieses Blogs können sich hier mit den unten stehenden Codes* eintragen – und erhalten dann zwei Einladungen zum Weitergeben. Wen wollen Sie ebenfalls zu diesem besonderen Angebot einladen? Nutzen Sie die unten stehenden Ziffern um sich selbst in den exklusiven Newsletter einzutragen und laden Sie jemanden ein, der 2015 ein Dutzend lesenswerte Mails zur Digitalisierung bekommen soll. Nicht mehr und nicht weniger – und garantiert keinen Spam.

Wer sich für den Newsletter einträgt, erhält sozusagen als erste Folge ein exklusives EBook, das die populärsten Texte der Digitalen Notizen des Jahres 2014 versammelt. Den Download-Link für .mobi und .epub-Version erhalten Sie mit der Bestätigungsmail bei der Eintragung!

Hier können Sie sich für den exklusiven Newsletter eintragen!

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* Ich werde immer wieder ab sofort keine neue Codes veröffentlichen

UPDATE (als Antwort auf Nachfragen): Der Newsletter ist selbstverständlich kostenfrei und wird immer gegen Ende eines jeden Monats verschickt!

loading: Correctiv-Crowdfunding

Es gibt eine neue Crowdfunding-Plattform in Deutschland: Unter crowdfunding.correctiv.org bieten das Investigativ-Büro CORRECT!V und die Crowdfunding-Plattform Startnext freien Journalisten künftig die Möglichkeit, investigative Recherchen direkt von Lesern finanzieren zu lassen.

correctiv-crowdfunding

CORRECT!V-Reporter Jonathan Sachse hat den loading-Fragebogen beantwortet.

Was machen Sie?
Ich arbeite als Reporter für das gemeinnützige Recherchebüro CORRECT!V. Wir haben diese Woche eine Crowdfunding-Plattform gestartet, mit der wir die Finanzierung von journalistischen Projekten vereinfachen wollen. Die Plattform ist erreichbar unter: crowdfunding.correctiv.org Dabei versprechen wir den Spendern und Projektiniatoren drei wesentliche Dinge: Jedes Projekte wird von uns geprüft und die Reporter werden bei ihrer Recherche von erfahrenen CORRECT!V-Reportern beraten. Jedes Projekt wird abgeschlossen werden. Sollte aus welchen Gründen auch immer mal ein Reporter seine Geschichte nicht zu Ende bringen, springt CORRECT!V ein. Und: Jeder Unterstützer kann Steuern sparen. Das funktioniert, weil CORRECT!V gemeinnützig ist.

Warum machen Sie es (so)?
Wir sind davon überzeugt, dass es jede Menge Geschichten gibt, die es sich lohnt anzugehen. Es gibt auch zahlreiche interessierte Bürger, Reporter und Journalisten, die Lust haben solche Recherchen anzugehen. Mit der Plattform wollen wir diesen Leuten helfen. Über das Crowdfunding können sie unabhängig arbeiten und wer möchte, wird von uns parallel mit den journalistischen Werkzeugen ausgebildet. Wenn zum Beispiel eine Person noch nie Anfragen an eine Behörden gestellt hat, erklären wir ihm, welche Auskunftrechte genutzt werden können.

Wer soll sich dafür interessieren?
Besonders freie Journalisten – alleine oder in Teams – haben über crowdfunding.correctiv.org die Gelegenheit, ihre Ideen in die Tat umzusetzen. Ich habe die letzten Jahre als freier Journalist gearbeitet. Damals habe ich mir öfters gewünscht, von erfahrenen Kollegen bei meinen Recherchen unterstützt zu werden. Die Crowdfunding-Plattform bietet jetzt die Gelegenheit. Aber wie bereits erwähnt: Auch interessierte Bürger oder Anfänger im Journalismus können Projekte anbieten.

Wie geht es weiter?
Wir werden erstmal beobachten, wie der Start mit den ersten sechs Projekten läuft, die noch bis Ende Januar unterstützt werden können. Parallel kümmern wir uns, um die ersten Bewerbungen für neue Geschichten. An der Plattform wird auch weiter gebastelt. Das machen wir mit unserem technischen Partner Startnext zusammen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Über Misstände in der Gesellschaft lohnt es sich immer aufzuklären. Wenn sich Leute damit beschäftigen, sollte das die Öffentlichkeit wissen. Der Reporter Jonas Müller-Töwe schaut sich zum Beispiel ganz genau verschiedene Justizvollzugsanstalten, die mit privaten Unternehmen kooperien. Ihm geht es um mehre Fragen: Entfernt sich der Strafvollzug von der eigentlichen Aufgabe, Täter zu resozialisieren? Wie sehr bestimmt die Ökonomie die Qualität in den Gefängnissen? Genau solche Recherchen finde ich unterstützenswert.

>>> Alle Projekte kann man unter crowdfunding.correctiv.org und in der Kategorie Journalismus bei Startnext unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:

Marken werden Medien

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Vier Stunden vor dem gestrigen Spiel gegen die TSG Hoffenheim postete der Account des FC Bayern Profis Mario Götze das obige Motiv auf Instagram. Innerhalb von sechzig Sekunden, reagierten 1990 Instagram-Nutzer mit einem “gefällt mir” auf das Motiv, das darauf hinwies, dass der gestrige Samstag ein Matchday genannter Spieltag sei.

Das Tempo der Begeisterung lies innerhalb der ersten Viertelstunde etwas nach. Statt 33 Likes in der Sekunde, klickten bis zur 14ten Minute durchschnittlich zwanzig Nutzer innerhalb einer Sekunde auf “gefällt mir”. Bis zum Anpfiff hatte sich die Anzahl der Likes für das Instagram-Motiv auf fast 92.000 summiert. Das ist drei Mal soviel wie Götzes Bild bis jetzt (fast 24 Stunden später) auf Facebook erzielt hat. Als Götze das 1:0 im Stadion in Fröttmaning erzielte, war die Zahl der Likes bei rund 100.000. (Zur Detailansicht auf das Bild klicken)

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Der Mann, dessen Name sich nur in einem Buchstaben von Goethe unterscheidet, hat 2,2 Millionen Instagram-Accounts hinter sich versammelt. Das ist viel, aber auch nicht ungewöhnlich für einen Spieler dieser Bekanntheit. Immerhin ist er Schütze des Siegtors im WM-Finale – und wie das aktuelle 11Freunde-Cover erinnert “der bessere Messi”.

Das Spiel gegen Hoffenheim war als Spitzenspiel in der derzeit mittelspannenden Bundesliga angekündigt, endete aber eindeutig mit 4:0 für den FC Bayern. Es darf also in Sachen Instagram-Analyse als gewöhnlich gewertet werden.

Und deshalb schreibe ich das überhaupt auf: In einem durchschnittlichen Bundesligaspiel erreicht ein Profi des Rekordmeisters mit einem durchschnittlichen Instagram-Motiv im November 2014 über 100.000 Likes – wobei ich die Zahl der Likes als Annäherung für ein bewusstes Erreichen von Zuschauern werte. Gesehen haben das Motiv vermutlich sogar noch entschieden mehr Menschen.

Mario Götze ist nicht mehr nur Spieler einer Fußball-Mannschaft oder Werbeikone für Unternehmen – er ist selber ein Medium. Im Frühjahr 2009 schrieb ich für die SZ über die Twitterwette zwischen Ashton Kutcher und CNN und die Frage, warum prominente Menschen Social-Media-Dienste nutzen (ja darüber wunderte man sich damals)

Damit ist die behauptete Demokratisierung der Publikationsmittel durch das Internet nun bei denen angekommen, die schon immer in der Öffentlichkeit standen: Ashton Kutcher und alle anderen VIPs, die twittern, nutzen die Kurzmitteilungsplattform, um die Macht darüber zurückzugewinnen, was und wie über sie berichtet wird. Wenn Kutcher Bilder vom angeblichen Hinterteil seiner Ehefrau ins Netz stellt, verlieren alle Paparazzi-Schnappschüsse mit ähnlichen Motiven ihren Wert. Kutchers Botschaft lautet: Näher und authentischer kann niemand über mein Leben berichten als ich selbst.

Fünfeinhalb Jahre muss man festhalten, dass der Prozess auf einer neuen Stufe angekommen ist: Marken werden Medien. Das Beispiel der Marke “Mario Götze”, die übrigens auch eine Website betreibt, die so aussieht wie ein Fußballmagazin, zeigt dies nicht nur auf dem Kanal Instagram gerade sehr deutlich. Das Medienkonzept hinter dem Fußballer wird unter dem Hashtag #partofgoetze in allen digitalen Kanälen (Web, App, Social-Media) gebündelt – und wirft die Frage auf: Wie reagieren Medien auf diese Entwicklung?


Update:
David Bauer weist mich auf ThePlayersTribune hin.

Lesesalon in der Kritik

Seit ich über die Idee spreche, Kultur als Software zu betrachten, höre ich eine Form der Kritik immer wieder: Es ist der Zweifel am Mehrwert, der durch die Teilnahme am Entstehungsprozess erlebbar wird. “Lohnt sich das denn?” fragen die Kritiker immer wieder und weisen daraufhin, dass es ja gar nicht so spannend sei, mitzuverfolgen wie ein Buch oder wie gerade eben eine Buchkritik entstehe.

Die Antwort auf diese kritische Nachfrage bleibt Ansichtssache. Meine Annahme: Für manche mag es sich lohnen, die größere Nähe zu einem Produkt durch Teilnahme am Prozess zu erleben. Es gibt sicher auch Menschen, die diesen Aufwand nicht als lohnend anssehen, aber darum geht es nicht. Es geht um die Frage, ob es Leser gibt, die es wertschätzen, an einem Prozess teilnehmen zu können. Um die Frage also, ob in dem geschlossenen Raum der Teilhabe etwas entsteht, was interessant, wertvoll, spannend sein kann. Ich glaube daran und habe heute in einer Kritik des gerade abgeschlossenen Projekts Süddeutsche Zeitung Lesesalon einen Beleg dafür gefunden.

In der NZZ wird das Experiment beschrieben und bewertet und der von “ras.” verfasste Text kommt zu diesem Schluss:

Die 100 Rezensenten hätten, so schreibt die «SZ», auf hohem Niveau und in stets sachlichem Ton debattiert. Von der Diskussionskultur und deren Dynamik bekommt der aussenstehende Leser jedoch wenig mit. Vom allfälligen Gefühl der Befriedigung durch das Mitmachen bleibt das grosse Publikum ausgeschlossen. Die Redaktion listet – in der Art von Klappentexten – ein paar Zitate aus Leserreaktionen auf. Kaum etwas erfährt man aber darüber, an welchen Passagen sich die Leser rieben, wo die Meinungen besonders auseinanderdrifteten. (…) Im Online- Salon der «SZ» zu diesem Buch fehlen wiederum die Lebendigkeit und die Unterhaltsamkeit einer Debatte am Radio oder im Fernsehen. Wie so oft bei Experimenten im Internet bleibt die Kluft zwischen technischen Möglichkeiten und effektivem Nutzen gross.

Auch wenn ich den letzten Satz nicht verstehe, freue ich mich über dieses Urteil: es belegt meine These, dass etwas fehlt wenn man NICHT dabei ist. Dem Experiment nun vorzuwerfen es habe keinen Nutzen wenn man nicht mitmacht, erscheint mir unlogisch. Das ist so als würde man nach einem Spiel vor einem Fußballstadion stehen und beklagen, dass die Stimmung sich dort (vor den Toren und nach Abpfiff) nur schwer vermittelt. Das Schöne an dieser Haltung: sie erkennt an, dass es IN dem Stadion etwas gab, was spannend, interessant und wertvoll war – und dabei liefert sie ein Argument gegen die eingangs zitierte Kritik an der Idee, nicht nur auf die Produkte kulturellen Schaffens zu blicken, sondern auch auf deren Entstehung.

Mehr über mein Buch “Eine neue Version ist verfügbar” und über den Süddeutsche Zeitung Lesesalon, der die Idee, Kultur als Software zu verstehen in einem Experiment in die Tat umsetzte.

loading: Kickended

Das Projekt Kickended von Silvio Lorusso ist derzeit in aller Munde: Guardian, Wired, t3n berichten über das Projekt des Designers aus Mailand, der auf Basis von Kickspy-Daten diejenigen Crowdfunding-Projekte auf einer Seite versammelt, die eben nicht klappen: Im Zufallsmodus wird eines der 9000 Projekte auf Kickstarter angezeigt, die noch keinen einzigen Dollar eingeworben haben.

“Their failure is only a result of their context. If you took some of those videos out of the Kickstarter box and put them on, say, YouTube, you would think they were really interesting art projects.”

erklärt Lorusso im Gespräch mit dem Guardian.

Das Besondere dabei: Lorusso zeigt einfach nur die Rückseite von klassischen Crowdfunding-Hitparaden wie Backernews, CrowdLoot oder eben Kickspy.

Denn Crowdfunding hat seinen Reiz eben nicht nur im Erfolg, sondern gerade in der Option des Scheiterns.

In eigener Sache: Icebucketchallenge im Lesesalon

Der Zufall ist manchmal der beste Planer. Jedenfalls ist es (erneut) dem Zufall zu verdanken, dass nach meinen Blogeintrag “In eigener Sache: Harlem Shake im Lesesalon” von Anfang Oktober, nun erneut die beiden Themen zusammenfallen. Der Süddeutsche Zeitung Lesesalon, den ich Anfang Oktober mit dem Buch “Makers” von Chris Anderson gestartet habe, hat mit der morgigen Ausgabe der SZ sein erstes Ziel erreicht: Gemeinsam mit 100 Leserinnen und Lesern habe ich das Buch gelesen – und besprochen. Dabei hat uns die Software DBOOK große Dienste erwiesen – und sich als guter erster Ansatz zur Frage nach einer tauglichen Schreib-, Versions- und Annotationssoftware erwiesen.

Die #lesesalon Autorenzeile morgen in der SZ

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Am Tag, an dem die Besprechung nun erscheint, sendet ZDFinfo die zweite Folge des Internet-Meme-Formats “15 Minutes of Fame”, das Tim Klimes erfunden hat – und mich (wie beim Piloten zum Harlem Shake) erneut als Berater und Teilnehmer engagiert hat. Diesmal zum Phänomem “Icebucketchallenge”.

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Wer nicht bis 0:20 Uhr wach bleiben möchte, kann die Folge hier in der ZDF-Mediathek anschauen
und hier kann man die Besprechung von “Makers” nachlesen.

Update: hier ein paar Links zum Lesesalon der SZ
>>> Altpapier: Mach mit, mach’s nach, mach’s besser
>>> dpa: SZ veröffentlicht Buchbesprechung mit 100 Lesern
>>> WDR3: Die Zukunft des Lesens und Schreibens?

Die Zukunft ist schon da …

Die Tatsache, dass Veränderungen allmächlich und dann plötzlich geschehen, bedeutet auch, dass die Zukunft bereits heute sichtbar ist – oder um es mit Williams Gibbson zu sagen: Die Zukunft ist schon da, sie ist nur ungleich verteilt.

Wir sehen heute schon Vorboten dessen, was uns übermorgen normal erscheinen wird – zum Beispiel wenn wir auf die Website der Band They Might Be Giants klicken – unter tmbgifc.com findet man den Instant-Fanclub der Band, der sowas wie ein Abo für Musik ist und vielleicht ein Vorbote auf die Zukunft von Musikdistribution im Web.

Auf der Seite kann man für 98 Dollar Mitglied eines Fanclubs der Band werden – dafür bekommt man wöchentlich einen Anrufbeantworter-Song der Band. Eine Aktion, die TMBG schon vor Jahren erfunden haben und nun neu interpretieren. Sowie zwei Tickets zu einem Konzert und mehrere Alben.

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Doch damit nicht genug: die Band, deren Wikipedia-Eintrag einen eigenen Hinweis enthält, dass sie als erste Major-Band auf MP3 setzte, nutzt die Möglichkeiten des Digitalen und bietet zusätzlich eine Premium-Fanclub-Mitgliedschaft für 250 Dollar an: für den Betrag wird man Super President im Fanclub und erhält zusätzlich zwei Vinyl-Platten und eine limitierte Version des Albums Flood. Das Besondere: die Aktion ist auf 2500 Mitglieder begrenzt und endet spätestens am 5. Januar 2015.

Für mich ist die Aktion aus drei Gründen ein Vorbote auf die Zukunft von Inhalten im Web:

1. Es geht um Teilhabe, nicht (nur) um Content. Hier wird der Zugang zu einem Netzwerk und nicht lediglich der Besitz an einem Werk verkauft. In “Eine neue Version ist verfügbar” hat Wolfgang Ulrich dies als Bewegung vom “Werkstolz hin zum Netzwerkstolz” beschrieben. Die Mitgliedschaft in einem Club als Fortentwicklung des Verkaufs von Platten illustriert sehr anschaulich, was dies konkret bedeutet. Egal ob man es Membership-Journalismus oder Leserclub nennt. Ein Aspekt der Zukunft wird im Vernetzen liegen.

2. Wertschätzung kommt vor Wertschöpfung: Die Idee des Super President steht für eine Entwicklung, die ich als das Ende des Durchschnitts bezeichnen würde. Es gibt nicht nur ein Angebot für alle, sondern mehrere, die sich an der Wertschätzung der Teilnehmer orientieren. Wer ein besonders fanatischer Fan ist, kann mehr bekommen als der Durchschnittfan: er kann Super President werden. Solche Angebote richten sich nicht an die breite Massen – und eben deshalb sind sie wertvoll.

3. Was verknappt wird, wird wertvoller: Dass nur 2500 Mitglieder Fan im Fanclub werden können, ist eine besondere Stärke dieser Gemeinschaft. Es belohnt diejenigen, die sich früh entscheiden und betont den Unterschied zwischen drinnen und draußen. Nur wenn es diese Differenz gibt, kann eine Mitgliedschaft in einem Club wertvoll erscheinen.

Mehr dazu unter vomkontext.de