Alle Artikel in der Kategorie “DVG

Kommentare 0

Die Piraten kommen (aus dem Archiv)

10jahrepiraten

Heute ist es zehn Jahre her, dass in der gedruckten Ausgabe der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel „Die Piraten kommen“ ein Übersichtstext über die damals noch junge Piratenbewegung erschien (illustriert von Dirk Schmidt). Wenige Monate zuvor hatte Rick Falkvinge in Schweden die erste Piratenpartei der Welt ins Leben gerufen – und in Deutschland formte sich eine Bewegung, die damals noch unter dem Label PPD (Piratenpartei Deutschlands) lief und später durch zahlreiche als -gates bezeichnete Skandale für Aufmerksamkeit sorgte. Hannah Beitzer hat das Ende 2013 sehr lesenswert zusammengefasst.

Als (bisheriger?) inhaltlicher Höhepunkt der Piratenbewegung dürfte neben dem Einzug in einige Landesparlamente die Tatsache gewertet werden, dass es ihr durch zahlreiche Demostrationen im Februar 2012 gelang, das Thema Urheberrecht nicht nur zur ersten Meldung der Tagesschau zu machen – sondern auch in die Mitte der politischen Auseinandersetzung zu rücken. Im Frühjahr 2012 debattierte das Land – emotional wie nie zuvor – über das Urheberrecht. Diese Debatte scheint heute eine Ewigkeit entfernt zu sein. „Wir sind Urheber“-Aktionen finden heute selbst dann nicht mehr statt, wenn Juristen das Urheberrecht für ihre Zwecke Umsätze verdrehen.

Dabei ist das Hauptthema der Piraten allerdings weiterhin relevant. Daran erinnert beständig eine Frau, von deren Position diejenigen, die vor zehn Jahren Auslöser für den zitierten Zeitungsartikel waren, nur träumen konnten: Julia Reda, die 29-Jährige sitzt für die Piratenpartei im Europaparlament.

PS: Ebenfalls zehn Jahre her: Mein Twitter-Selbstversuch

Kommentare 2

Die Sache mit der Kopie: 10 Dinge, die wir von Melania Trump und Michelle Obama lernen können

Für einen Fan der völlig unterschätzten Kulturtechnik des Kopierens war heute ein interessanter Tag: Melania Trump hat in ihrer Rede beim Parteitag der Republikaner in Cleveland Passagen einer Rede wiederholt, die die aktuelle Präsidentengattin Michelle Obama 2008 in einer Rede genutzt hat (und ja, sie hat auch Rick Astley kopiert). Dieser Umstand hat nicht nur für einige Social-Media-Aufregung gesorgt, sondern legt auch die Notwendigkeit einer Klarstellung dar. Deshalb hier – anknüpfend an ein kurzes Gespräch in Deutschlandradio Kultur – zehn Dinge, die man von dem Fall „Melania Trump kopiert Michelle Obama“ lernen kann:

1. Ja, es ist eine Kopie. Die Behauptung, dass Politiker-Reden doch eh voll von Floskeln sind, ist erstens nicht richtig und im konkreten Fall zweitens nicht hilfreich.

2. Nein, es war keine gute Kopie. Trump hätte dafür mindestens ihre Quellen offenlegen müssen. Denn das machen gute Remixer und Mashup-Künstler: Sie benennen ihre Referenzen.

3. Für mich zeichnet sich eine lobenswerte Kopie übrigens durch zwei weitere Kriterien aus: Neben der Benennung der Quellen darf sie nicht eine bloße Wiederholung sein, sie muss eine neue Form finden und eine gewisse Schöpfungshöhe überschreiten.

4. Denn natürlich schaffen wir alle etwas indem wir Bezüge herstellen. Wir stehen – wenn man ein berühmtes Zitat benutzen will – auf den Schultern von Riesen. Aber gerade deshalb ist es wichtig, gutes Kopieren einzuüben.

5. Dafür ist es meiner Meinung nach wichtig, die binäre Unterscheidung zwischen Kopie (böse) und Original (gut) durch eine skalierte Differenzierung zu ersetzen. Es gibt originellere und weniger originelle Werke. Schließlich ist auch Originalität keine entweder-oder-Fähigkeit. Warum beurteilen wir eigentlich die Werke, die aus Originalität entstehen, so eindimensional?

6. Wie originelle Referenzen entstehen können, kann man übrigens unter dem Hashtag #FamousMelaniaTrumpQuotes nachlesen:


7.
Im Rahmen der Web-Witze zum Thema tauchte übrigens auch eine Kopie eines Bildes von Michelle Obama auf, das die First Lady in Rahmen ihres Engagements in der BringBackOurGirls-Aktion gemacht hatte – und darauf ein weißes Blatt Papier hochhält. Dieses wurde – Kopiermaschine Internet – nun für neue Zwecke genutzt: Um der Forderung „Bring Back My Speech“ Ausdruck zu verleihen.

8. Aber natürlich ist Michelle Obama weit davon entfernt, die Kopisten jetzt auch noch mit einer Reaktion zu adeln. Stattdessen kursiert heute ein Video, das Obama beim Kopieren zeigt: Im Laufe der Woche wird ein Clip veröffentlicht, der sie beim Carpool-Karaoke zeigen wird.

9. Zusätzlich zu der Frage, wie man die Kopie zu bewerten haben, muss man einen Aspekt der Aufmerksamkeits-Ökonomie bedenken: Ergebnis dieser (unguten) Kopie ist für Melania Trump, dass plötzlich allüberall Bilder zu sehen sind, die die Frau, die gerne First Lady werden will im Gegenschnitt mit Bildern der Frau zeigt, die aktuell First Lady ist.

10. Anders formuliert: Es genügt nicht, sich mit dem Bedingungen des Kopierens zu befassen. Wir müssen auch in den Blick nehmen, wie Werbung Politik heute funktioniert. Dafür ist diese Kopie ein Lehrbeispiel, das allerdings selber wieder zehn Punkte rechtfertigen würde.

mashup

Zum Weiterlesen:
Vor fünf Jahren erschien bei Suhrkamp mein Buch „Mashup – Lob der Kopie“, über das ich am 23. September im NRW-Forum in Düsseldorf sprechen werde.

beitragsbild

Herzlich Willkommen …

… auf der Website von Dirk von Gehlen.

Ich bin Autor und Journalist und lebe in München. Bei der Süddeutschen Zeitung leite ich die Abteilung Social Media / Innovation. Ich schreibe Bücher und halte Vorträge und gebe Seminare. Auf dieser Seite können Sie meine Vita und Fotos einsehen.

Die Digitalen Notizen sind mein privates Weblog, in dem ich seit 2007 interessante Merkwürdigkeiten aus der Medienwelt notiere. Sie können mir auf Twitter folgen, meinen Newsletter abonnieren oder eine Mail an dirkvongehlen (at) gmail (punkt) com senden.

Kommentare 3

Kulturpragmatismus

Dieser Text ist Teil die Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

„Die Welt“, sagt der amerikanische Fotograf Nicholas Nixon, „ist unendlich viel interessanter als irgendeine meiner Ansichten darüber.“ Nixon beschreibt damit die Haltung, aus der heraus er seine fotografischen Arbeiten angeht, die Art und Weise wie er die Wirklichkeit bannen und abbilden will. In diesem Satz steckt aber etwas, was ich weit über das künstlerische Schaffen des Fotografen hinaus bedeutsam halte. In diesem Zitat manifestiert sich eine Haltung zur Welt, die ich Kulturpragmatismus nennen möchte. In Abgrenzung zu begeisterter Zukunftsgläubigkeit und resignierter Vergangenheitsverklärung zeichnet sich der Kulturpragmatismus durch die Fähigkeit aus, die eigene Bewertung der Welt und ihrer Entwicklung nicht so wichtig zu nehmen. Kulturpragmatiker sind neugierig, wo Pessimisten und Optimisten (so oder so) meinungsstark sind. Sie stellen die Frage nach einem grundlegenden Verstehen von Entwicklungen vor die eigene Einschätzung über deren Folgen. Denn sie glauben, dass die Welt (und das Verstehen ihrer Entwicklung) interessanter ist als die eigenen Meinungen und Bewertungen.

Ich halte eine Entwicklung hin zum Kulturpragmatismus für überfällig. Ich glaube, dass man aus politischen, technologischen und gesellschaftlichen Gründen den Raum zwischen den Stühlen der Optimisten und Pessimisten erweitern muss. Man muss Platz schaffen für kulturpragmatische Perspektiven, die uns in die Lage versetzen, angstfrei und souverän in die Zukunft zu gehen und diese zu gestalten. Ich glaube das, weil ich im Bereich der Digitalisierung (und in meiner Arbeit dazu) festgestellt habe, dass ein kulturpragmatischer Blick auf „das nächste große Ding“ oder „den Niedergang der Kultur“ stets die besten Ergebnisse zu Tage fördert – losgelöst von Euphorie und Angst entsteht ein Blick auf die Zukunft, der diese für gestaltbar hält. Wo Pessimisten einen zwangsläufigen Abstieg zu erkennen meinen und Optimisten einen automatische Verbesserung, geht der Kulturpragmatiker davon aus, dass Zukunft veränderbar ist – auch durch eigenes aktives Handeln.

Diese Haltung wird nicht nur wegen der vermeintlichen oder tatsächlichen Beschleunigung technischer Entwicklungen und Veränderungen immer bedeutsamer. Auch der größere politische Rahmen – die Brexit-Entscheidung des vergangenen Monats hat dies deutlich gemacht – verlangt nach einem kulturpragmatischen Blick auf die Welt, der erkennt: Das Bewahrende, Rückwärtsgewandte liegt im Trend. Denn die Menschen der westlichen Welt werden immer älter – und niemand hat uns beigebracht, wie man bei diesem Älterwerden Anschluss hält an das, was sich unter den eigenen Füßen verändert. Und da dieses Wissen fehlt, ist es nur verständlich, dass Orientierung einzig im Blick zurück (Take back control) erkennbar zu sein scheint.

Der FAZ-Journalist Volker Zastrow hat das im Herbst 2015 (zu einer Zeit, die fälschlicherweise oft als Flüchtlingskrise bezeichnet wurde) in einem langen und sehr guten Text so beschrieben:

„Wer vor fünfundzwanzig Jahren Kind war, hat schon Mühe, zu erklären, wie anders das Leben damals gewesen ist. Wer vor fünfzig Jahren Kind war, lebte tatsächlich in einem anderen Land, in einer anderen Welt. Es ist mehr fort als blieb. So groß sind die Unterschiede, dass es kaum möglich ist, sie den Jungen zu erklären, ohne komisch zu wirken. Unsere Kinder können unsere Kindheit nicht mehr verstehen. Aber wir können auch die Kindheit unserer Kinder nicht wirklich verstehen. Die Welt schafft sich ab.
(…)
Viel von dem Unbehagen in der Kultur, von den Ängsten und mitunter dem Zorn, rührt aus diesen Verlusten. Altern in einer solchen Gesellschaft bedeutet: lange gesund bleiben, lange leben, neue Gelenke für die Hüften bekommen und neue Hornhäute für die Augen – ja. Aber es bedeutet auch, einer Welt, der man traute, beim Untergehen zuzusehen.“

Ich finde den Text, der übrigens als Newsletter verschickt wurde, deshalb so stark weil dieser Beschreibung eben keine direkte Beurteilung folgt. Der Text selber ist aus einer kulturpragmatischen Haltung heraus geschrieben. Er analysiert eine Entwicklung, die man verstehen muss um zum Beispiel zu erkennen, woher das Hadern an der Gegenwart kommt – und damit auch, wie man z.B. den digitalen Graben in dieser Gesellschaft schließen kann. Zastrow folgert:

„Älter werden bedeutet in einer solchen Gesellschaft: Man wird zum Fremden in der eigenen Heimat, und nicht etwa nur, weil Fremde zuwandern, sondern weil das ganze Land von einem weg wandert. Deutschland schafft sich ab. Das ist kein moralischer oder unmoralischer Prozess. Es ist naiv, manchmal geradezu boshaft dumm, so zu tun, als gehe dabei nur Schlechtes verloren – wie es Progressisten tun. Und es ist genauso dämlich oder finster zu glauben, man könne diesen Vorgang rückgängig machen – wie es Reaktionäre anstreben.“

Es ist an der Zeit, einen Raum zwischen den Progressisten und den Reaktionären zu öffnen. Einen Raum, der frei ist von Angst und geprägt von einer Haltung zur Zukunft wie sie ein Historiker einnehmen würde. Bruce Sterling hat das in einer sehr frühen Folge des Elektrischen Reporters mal nahegelegt. Darin rät er, weder optimistisch noch pessimistisch über die Zukunft zu sprechen. Schließlich wähle man diese Begriffe auch nicht, wenn man übers 19. Jahrhundert spricht. Stattdessen rät Sterling zum Engagement, zur Teilhabe, zum Einlassen (im Film etwa ab Minute 8)

Meiner Meinung nach ist das beste Symbol für eine solch kulturpragmatische Haltung zur Welt übrigens der Shruggie ¯\_(ツ)_/¯


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

Roland Schulz: Bis zum letzten Augenblick

Bert Brecht beginnt seine Kinderhymne, an die man sich aus zahlreichen Gründen derzeit mal wieder erinnern könnte, mit einer vierfachen Aufforderung: „Anmut sparet nicht noch Mühe, Leidenschaft nicht noch Verstand“ rät er den Kindern und es ist ganz sicher nicht nur in Bezug aufs Vaterland eine gute Idee, Anmut, Mühe, Leidenschaft und Verstand walten zu lassen.

Ich musste an diesen Ratschlag denken als ich die Titelgeschichte aus dem aktuellen SZ-Magazin (heute digital, Freitag auf Papier in der Süddeutschen Zeitung) las. Ein Text, der für sich genommen so stark und so groß ist, dass die Empfehlung ihn zu lesen eine Hymne verdient. Denn Roland Schulz gelingt mit „Bis zum letzten Augenblick“ (€-Link) ein Longread, der fast schon Literatur ist. Ein Text, der über den Tag (in dem Fall sogar über das Leben) hinaus reicht. Ein Text, den man sich aufbewahren will.

„Ganz am Ende“ ist einer der Texte, für die wir Anfang 2015 die Idee Süddeutsche Zeitung Langstrecke* ins Leben riefen.

„Was passiert in uns wenn wir sterben?“ hat der Autor sich gefragt und auf sechs Seiten eine Antwort gegeben, die so sprachmächtig geschrieben (Anmut) und detailliert recherchiert ist (Mühe), dass man allein an diesem Text illustrieren kann, was herausragenden Journalismus von gutem unterscheidet. Hier hatte jemand die Neugier, einer Frage ausdauernd nachzugehen, die so einfach und in Wahrheit doch so unglaublich kompliziert und schmerzhaft ist. Und trotz dieser Leidenschaft verliert der Text nie den Verstand, wird nicht pathetisch oder gefühlsduselig.

Ich bin mit dem Autor befreundet, arbeite im gleichen Haus wie die Redaktion, die den Mut hatte das Thema aufs Cover zu heben. Trotzdem bzw. gerade des wegen eine dringende #langstrecke-Leseempfehlung für diesen Text!

*Süddeutsche Zeitung Langstrecke ist das Longreads-Magazin der SZ, das vier mal im Jahr die besten langen Lesestücke aus der SZ versammelt. Für empfehlenswerte Texte auch außerhalb des SZ-Kosmos gibt es übrigens den Hashtag #langstrecke.

loading: Velocate

Das Crowdfunding von Velocate ist bereits erfolgreich abgeschlossen. Das Produkt jedoch bleibt weiterhin spannend. Deshalb hat Michael Pauli auch nach erfolgreicher Startnext-Kampagne den loading-Fragebogen beantwortet.

Was macht ihr?
Wir haben GPS Ortungssystem entwickelt, das dabei hilft, gestohlene Zweiräder wiederzufinden. (E-Bikes, Fahrräder, Motorräder, Roller etc). Das schöne dabei ist, dass das velocate Rücklicht vc|one an (nahezu) jedes Fahrrad – und E-Bike mit Gepäckträger nachgerüstet werden kann. Durch die Nutzung des Originalgehäuses des Markenherstellers Büchel ist das System von aussen nicht zu entdecken – im Gegenteil – es erfüllt alle Funktionen eines StVZO-zugelassenen Rücklichts. Der integrierte Akku, der den Tracker im Alarmfall speist, wird durch den Dynamo oder den Pedelec-Akku aufgeladen, wenn der Fahrer das Licht einschaltet. Der (stille) Alarm und die GPS-genaue Position wird komfortabel in Echtzeit auf eine Smartphone-App übertragen.

Warum macht ihr es (so)?
Weil wir selber bereits bestohlen wurden und wir den Ärger über den Verlust in positive Energie für die Entwicklung genutzt haben. Wir haben bereits erste Erfolge erzielt und unsere Kunden konnten bereits Fahrräder zurückgewinnen und in manchen Fällen bereits konnte auch der Dieb festgestellt werden. Solche Nachrichten motivieren uns natürlich zusätzlich. Auch Ermittlungsbehörden nutzen unser System bereits. Darüber müssen wir allerdings leider Stillschweigen bewahren. Es gibt aber auf unserer Website bereits einige Presseberichte – weitere Aktionen laufen zur Zeit.

Wer soll sich dafür interessieren?
Jeder, der sein Fahrrad /Zweirad liebt wie wir auch und der unter Umständen selber schon einmal Opfer eines Diebstahls wurde

Wie geht es weiter?
Nach der erfolgreichen Crowdfundingaktion unseres ersten Produktes vc|one sind wir gerade dabei, ein weiteres Modell zu entwickeln und die Integration für Fahrradhersteller voranzutreiben. Erste Gespräche finden bereits statt. Der Vorteil für die Hersteller ist, daß sie bereits ein erprobtes, ausentwickeltes System mit sehr geringem Aufwand schon bei der Produktion vorsehen können.
Weiterhin findet im Moment die Belieferung des Fahrradfachhandels statt.

Mehr über Velocate auf ihrer Website.

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Shruggie wird Emoji: 10 Dinge über Unicode 9.0

1. Das Unicode-Consortium hat entschieden, dass mit Unicode 9.0 am 21. Juni 72 neue Emojis veröffentlicht werden. Mit dabei endlich auch: der Shruggie.

2. Seine offizielle Kennung lautet dann: U+1F937.

3. Das heißt allerdings nicht, dass man den Shruggie dann ab 21. Juni auch auf der Tastatur findet. Das Unicode-Consoritum stellt ihn (mit 71 weiteren) ab dem Datum mit Unicode 9.0 zur Verfügung. Betriebssystemanbieter wie Apple, Google oder Microsoft können dann darauf zugreifen – und sie mit dem nächsten Update ausspielen.

4. Wie der Prozess genau abläuft beschreibt Max Zierer bei BR Puls.

5. Denn Puls&Max haben entscheidenden Anteil daran, dass „Stuffed Flatbread“ – also der Döner – ab Unicode 9.0 auch ein Emoji wird.

6.
Die ganze Döner-Geschichte steht hier.

7. Auch Steven Colbert wird gewürdigt: mit dem FACE WITH ONE EYEBROW RAISED-Emoji.

8. Emojipedia hat einen kurzen Clip zusammengestellt, in dem Entwürfe der kleinen Bildchen zu sehen sind, die das Consortium für gut befunden hat.

9. Wer mehr über die Hintergründe der Emojis und des Unicode-Consortiums wissen will: Time hat mit Consortiums-Präsident Mark Davis (62) gesprochen, Buzzfeed berichtet über den Emojigeddon, der sich rund um die kleinen Bildchen entwickelt hat.


10.
Mehr über den Shruggie auf der Facebookseite vom Shruggie-Prinzip und demnächst in einem gleichnamigen Seminar in Berlin.

loading: Around the world in 100 bookshops

Torsten Woywod mag Buchhandlungen. So sehr, dass er eine „Entdeckungsreise zu den schönsten und außergewöhnlichsten Literaturorten dieser Welt“ plant. So beschreibt er sein Startnext-Projekt Around the world in 100 bookshops, das am Wochenende online ging und seine Fundingsumme bereits mehr als verdoppelt hat. Trotzdem hat er Zeit gefunden, den loading-Fragebogen zu beantworten.

Was machst du?
Drei Tage vor meinem 35. Geburtstag habe ich – per Ende Juni – meinen Job und meine Wohnung gekündigt und werde anschließend „in Buchhandlungen“ um die Welt reisen. Meine Erlebnisse und Eindrücke werde ich fortlaufend via Facebook teilen; außerdem entstehen im Anschluss ein Buch sowie eine Mini-Doku. Da die Reise möglichst umfangreich dokumentiert und nacherlebbar gemacht werden soll, lasse ich einen Teil der notwendigen Technik via Startnext-Crowdfunding finanzieren (z.B. Drohne, 360°-Kamera).

Warum machst du es (so)?
Der Prolog zu dieser Reise fand bereits im vergangenen Sommer statt: Während meines Jahresurlaubs bin ich quer durch Europa gereist und habe 63 Buchhandlungen in zwölf Ländern besucht. Das Ganze ist hat sich damals quasi verselbstständigt und wurde schnell zu einem echten Communityprojekt, so dass das Crowdfunding nun naheliegend war.

Wer soll sich dafür interessieren?
Das Projekt richtet sich an alle, die Bücher sowie Buchhandlungen lieben bzw. zu schätzen wissen. – Und natürlich an alle, die einem chronischen Fernweh erlegen sind. ;-)

Wie geht es weiter?
Nach Abschluss des Crowdfundings werde ich mich ab circa Mitte Juli auf Weltreise begeben und Buchhandlungen in Asien, Nordamerika und Südamerika besuchen.
Anschließend gehe ich mit dem Buch zur ersten Reise, das im Oktober bei Eden Books erscheint, sowie den frischen Eindrücken der zweiten Reise auf eine Veranstaltungsreihe quer durch Deutschland.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Dass Buchhandlungen viel mehr als nur „Geschäfte“ sind. Buchhandlungen sind Wohlfühlorte und Lieblingsplätze, in denen man stundenlang verweilen kann.
Und: Dass es nicht zwangsläufig Digital ODER Print heißen muss. Beides lässt sich wunderbar miteinander verbinden (wie auch dieses Projekt zeigt).

>>> Hier das Projekt 100 Bookshop auf Startnext unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Die Zukunft der Medien: meine Handy-Nummer (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Dieses Jahr sind bereits erschienen „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

„Danke!“ Wenn es ein Wort gibt, das die Idee zusammenfasst, wie Ryan Leslie Musik macht und vertreibt, dann ist es vermutlich „Danke“. Der Wunsch, sich direkt bei seinen Fans zu bedanken sei es gewesen, die den Rapper dazu gebracht hat, eine Technologie zu entwickeln, die ich für so stimmig halte, dass ich ihr die obige Überschrift zugedacht habe. Denn bei der Superphone genannten Anwendung geht es zunächst gar nicht um die technischen Aspekte, es geht vor allem um die Haltung, die Leslie damit transportiert. Diese ist vergleichbar mit dem, was Amanda Palmer (auf die sich der Rapper konkret bezieht) in ihrem Buchtitel „The Art of Asking“ auf den Punkt gebracht hat. Leslie, der bereits mit 19 Jahren Harvard absolvierte und schon für einen Grammy nominiert war, wählt einen technischeren Weg: To Go Direct hat er den in einem Interview mal genannt und für mich steckt darin tatsächlich ein sehr zukunftsweisender Weg für Musik und Medien.

leslie_twitter

Ryan Leslie kommuniziert mit seinen Fans, die für ihn im Wortsinn Supporter (Unterstützer) sind, direkt und ohne Umwege – übers Telefon. Leslie nimmt das Versprechen der Verbindung aus der Frühphase des Netzes ernst und macht die Zwischenhändler arbeitslos (Kill the middlemen). In diesem Fall sind damit aber nicht Verlage oder Labels gemeint, in diesem Fall geht es um Twitter, Instagram oder Facebook. Zwar betreibt er dort Accounts (anders als bei iTunes, wo man seine Musik nicht mehr kaufen kann), sein wichtigster Weg der Kommunikation mit seinen Fans läuft aber auf den Wegen, die er selber ausmessen und auswerten kann. Dafür hat er eine Technologie entwickelt, die Superphone heißt und ihn in die Lage versetzt, die 38.000 Menschen, die ihn derzeit unterstützen, direkt zu erreichen.

„Turn Social Media Followers in Real People“ steht auf der Produktseite von Superphone, das sich derzeit im Beta-Modus* befindet. Und darum gehts: Aus der großen Summe der Social-Media-Accounts diejenigen herauszufinden, hinter denen sich echte Menschen mit einem echten Interesse befinden. Forbes nennt den Ansatz, den Wandel vom „Customer Relationship Management (CRM) model zum Personal Relationship Management (PRM) model“. Es ist dies ein Wandel weg vom süßen Gift der Reichweite, das Facebook versprüht (siehe dazu die April-Folge), hin zu einem engen Austausch mit denen, die etwas verbindet – in dem Fall, die Begeisterung für Ryan Leslies Musik.

Diese Verbindung wird in Leslies Fall mit Hilfe der Handynummer und dem Austausch über SMS gehalten. Superphone wertete diesen Austausch aus und gewichtet die Kontakte – auch die privaten Kontakte. Im Dezember hat Leslie in Helsinki erzählt, dass dies gar das Verhältnis zu seiner Mutter verbessert habe (im Clip ab ca 6:31 min). Technisch ist all das vermutlich sogar vergleichbar mit dem Angebot von Facebook, der große Unterschied: Der Künstler Ryan Leslie kann sein Publikum direkt erreichen – und das Publikum kommt direkt zu ihm durch.

Die Telefon-Nummer (er betont immer wieder, tatsächlich kein anderers Telefon zu benutzen) ist dabei das Symbol für den unverfälschten, direkten Austausch. Dieses Versprechen stand auch mal hinter Twitter und Facebook, bevor Social-Media-Verantwortliche dort das Marketing für diejenigen übernahmen, die man dort angeblich direkt erreichen sollte. Vielleicht ist Superphone nun einfach nur die nächste Stufe dieser Entwicklung. Ganz sicher aber steht Superphone für ein anderes Verhältnis zum Publikum. Leslie will seine Fans direkt erreichen können – auch weil er von diesem direkten Kontakt lebt.

Im Producthunt-Podcast erzählt er, dass er es nicht fassen konnte als seine Plattenfirma ihm nach seinem ersten Album eröffnete, sie könne für die Bewerbung des zweiten Albums nicht einfach eine Mail an die Käufer des ersten schicken – weil sie diese schlicht nicht kenne. Stattdessen wurde eine Marketing-Maschine angeworfen, mit deren Hilfe möglichst viele potenzielle Käufer erreicht werden sollten. Mit schlechterem Erfolg als beim ersten Album. Leslie löste sich von seiner Plattenfirma, setzte alles daran für ein folgendes Album die Daten der Käufer seiner Musik zu erhalten und verschickte zur Veröffentlichung der Platte eine Mail – dabei lernte er dann ernüchternde Details über Öffnungsquoten von Newslettern und versuchte den nächsten Schritt.

Ab sofort macht er keine Alben mehr, stattdessen veröffentlicht er monatlich einen neuen Song, den er – schlimmes, uncooles Wort – im Abo vertreibt. Seine Supporter bezahlen ihn dafür, dass er bis zum Ende seiner Musikerkarriere nun jeden Monat einen Song veröffentlicht. Sie abonnieren ihn – direkt. Und sie reagieren direkt, wenn er Hilfe benötigt. Die Protz-Autos aus einem seiner aktuellen Clips organisierte ihm beispielsweise ein Fan aus Belgien – erzählt er in diesem Video.

Die Lehre, die ich aus der Idee Superphone ziehe, lautet: Es gibt mehr als reine Reichweite. Vielleicht ist die direkte Verbindung zu Supportern viel nachhaltiger. Vielleicht entstehen auf dieser Basis langfristigere Geschäftsmodelle, die irgendwann vielleicht nicht mehr Crowdfunding heißen, aber weiterhin auf die Idee der direkten Verbindung von Produzent und Konsument setzen. Die zentrale Fähigkeit scheint mir dabei in dem Wort zu liegen, das Ryan Leslie antreibt. Man muss als Produzent lernen, sich direkt bedanken zu können. Nicht nur technisch!

Mehr zum Thema Crowdfunding und direkte Geschäftsmodelle in den Digitalen Notizen:
>>> das Crowdfunding-Fazit zu Neue Version in sechs Punkten
>>> der Text Reden wir über Geld: Über Wertschätzung und Wertschöpfung
>>> der Text Wie verdient man in digitalen Zeiten mit Kultur Geld?
>>> die Hintergründe zum Projekt Langstrecke
>>> die Hinweise im loading-Newsletter

*Dieser Text stammt aus dem monatlichen Digitale Notizen Newsletter – und wenn ich zum Superphone-Test zugelassen bin, werde ich dort womöglich auch meine Handy-Nummer veröffentlichen.

Meme in den Unterricht! Das Tincon-Zeugnis

Ich durfte heute in meiner Funktion als Phänomeme-Blogger auf der Tincon sprechen. Es ging um Internet-Quatsch, Meme und den aktivsten Teil der Popkultur: die Netzkultur. Es war ein Spaß und alles prüfungsrelevant. Teilnehmer*innen können sich unten ihr Zeugnis herunterladen!

tincon_screen

Verbunden mit dem Zeugnis ist eine Forderung, die ich den jugendlichen Besucher*innen der Tincon mit auf den Weg gegeben habe: Ich finde, Meme gehören in den Unterricht, Internet-Quatsch gehört auf den Lehrplan!

„Wir leben in einer hyper-memetischen Kultur“, schreibt Limor Shifman in ihrem Buch „Meme – Kunst, Kultur und Politik im digitalen Zeitalter“ und Felix Stalder spricht in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Kultur der Digitalität“ gar von einer „digitalen Volkskultur des Remix und Mashups“(…), die „von unzähligen Personen mit sehr unterschiedlicher Intensität und unterschiedlichem Anspruch betrieben“ wird. „Die Gemeinsamkeit mit der traditionellen Volkskultur, im Gesangsverein oder anderswo, liegt darin, dass Produktion und Rezeption, aber auch Reproduktion und Kreation weitgehend zusammenfallen.“

Weil ich das genau so sehe, halte ich es für überfällig, diese digitale Volkskultur auch auf den Lehrplan zu heben. Egal ob in Heimat- und Sachkunde (Mein Zuhause ist das Internet), in Geschichte oder womöglich gar in einem eigenen Fach – es ist dringend nötig, die Kultur des Netzes auch im Unterricht zu behandeln. Mit der gleichen Berechtigung, mit der Schüler*innen Musikinstrumente im Schulunterricht einsetzen, sollen sie auch digitale Kreativitätsinstrument (Mashup, Remix, Referenz) in der Schule kennenlernen.

Vielleicht wird das unten stehende Zeugnis, das Tincon-Teilnehmer*innen ausdrucken und ausfüllen können, ein erster Schritt zur inhaltlichen Digitalisierung des Lehrplans. Vielleicht gehen sie mit dem Zeugnis zu ihren Lehrer*innen und fordern eine inhaltliche Digitalisierung des Unterrichts ein.

Bildschirmfoto 2016-05-27 um 15.31.22
PDF-Download

Mehr zum Thema Internet-Quatsch auch auf Phänomeme.de – wo auch der Begriff Phänomeme erklärt ist