Flieg nicht zu hoch, du alter Freund

altervogel Ich muss mich von einem alten Bekannten verabschieden: von dem alten Twitter-Vogel. Seit Jahren benutze ich auf dem iPhone die alte Twitter-App. In einer völlig überholten, aber wunderbar tauglichen Version. Ich habe mich bisher jedem Update verweigert und erfreute mich an der alten App wie Oldtimer-Fahrer sich an ihren Autos erfreuen. Denn die alte Twitter-App konnte etwas, was kein anderes Programm mir bieten konnte: Sie konnte Links ohne diese aufrufen zu müssen in Instapaper speichern.

Seit ein paar Tagen ist die App altersschwach. Sie zeigt keine Suchergebnisse mehr an und verweigert die Anzeige von Hashtags. Das ist nicht schön und ich komme wohl nicht umhin, diese alte Version zu erneuern. Das will ich aber nicht ohne kleinen Hilferuf tun: Gibt es da draußen jemanden, der mir eine App empfehlen kann, die Links ohne Aufruf in Instapaper speichern kann?

Ich freue mich auf Hinweise in den Kommentaren – oder @dvg tweetbot

Update: Vielen Dank für die vielen @-Replys und Kommentare. Habe mir die Tipps allesamt angeschaut und seit kurzem Tweetbot im Einsatz. Sieht zwar katastrophal aus, fährt sich aber wie ein modernes Auto nachdem man jahrelang im Oldtimer gereist ist. Vielen Dank!!

Online-Kommunikation

Publikation – das habe ich hier im Blog schon häufiger geschrieben – wird im Netz zu Kommunikation. Das verändert den Beruf des Journalisten, das fordert die Rolle von Verlagen und Redaktionen heraus: Wie geht man mit dieser Veränderung um? (dazu hier eine Geschichte aus der letzten Ausgabe des Magazins journalist)

In Berlin wird in dieser Woche der Online-Kommunikationspreis verliehen. Die Süddeutsche Zeitung (für die ich im Bereich Social Media arbeite) ist dafür in zwei Kategorien für ihre digitalen Dialog-Aktivitäten nominiert. Das SZ-Magazin wurde (für seine Facebook-Seite) in der Kategorie “Social Media-Team des Jahres in Unternehmen” ausgewählt und Süddeutsche.de in der Kategorie “Online-Krisenkommunikation” (für ihre Kommunikation auf Twitter&Facebook während der Ddos-Attacke auf die Website). Verliehen wird der Preis auf Basis einer Präsentation vor einer Jury in Berlin. In dieser Präsentation werden Wolfgang Luef und Marc Baumann, die die Facebook-Seite des SZ-Magazins betreuen, einen Einblick in ihre Arbeit gegeben. Diese Form der Social-Media-Arbeit ist so spannend und lehrreich, dass ich Teile davon hier dokumentieren will.

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Die Beiträge auf der SZ-Magazin Facebookseite zeichnen sich durch ihren besonderen, dem Heft eigenen Humor aus. Nach dem Hinspielsieg des FC Bayern gegen Barcelona und den zuvor bekannt gewordenene Steuerproblemen von Bayern-Präsident Hoeneß schrieben die Kollegen auf Facebook: “Da haben sich die fünf Millionen Euro Eintritt für Uli Hoeneß gelohnt.” Dieser kurze Eintrag wurde sofort in großem Maß geliked und geteilt. Er verbreitet sich viral.

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Genau wie das Posting vom 13. März als weißer Rauch über dem Vatikan zu sehen war. Damals posteten Baumann und Luef ein Bild vom Schornstein mit den Worten “Es ist ein Junge”.

weisserrauch

Wie entstehen solche Posting, die das soziale Gesprächsprinzip auf Facebook (einfach, konkret, emotional) treffen? Wolfgang Luef zeigt es – auf dem Handy. Die Screenshots dokumentieren wie die beiden im Dialog herausfinden, welcher Beitrag zu welchem Zeitpunkt am besten zu sein scheint. Sie zeigen aber auch: Mit dem Posting ist die Arbeit nicht erledigt, sie beginnt im Gegenteil erst dann. Die Postings ziehen nicht nur Shares und Likes (die Währung auf Facebook) nach sich, sondern auch zahlreiche nicht nur angnehme Kommentare.

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Die SMS-Kommunikation zwischen den beiden zeigt aber vor allem: es geht um Wortwitz, ein Gespür für Situationen und das richtige Timing. Das kann man üben, aber nicht im klassischen Sinne vorbereiten. Es setzt ein Gefühl dafür vorraus, welche Erwartungen und Interessen sich vor der Facebook-Bühne versammeln – und natürlich den Mut, damit zu spielen, sie herauszufordern und zu überraschen. Das gilt fürs SZ-Magazin, aber auch für anderen Dialog-Aktivitäten im Netz (und nicht nur auf Facebook). Und zeigt, was der Wandeln von der Publikation hin zur Kommunikation bedeutet: Zu verstehen, dass unser Beruf nicht mit dem Senden aufhört.

Warum ich über Phänomeme blogge

Es verändert sich gerade etwas im Internet. Das ist ein absonderlicher Satz, weil sich ja ständig was ändert. Die Entwicklung, die ich zu beobachten glaube, ist aber etwas tiefgreifender als der stete Wandel im Web. Es ist vielleicht nur ein Trend, aber es ist erkennbar: Die Prinzipien der Phänomeme ziehen Kreise.

buzzfeed

Was ich damit meine: Die Netzkultur und deren Verbreitungsmechanismen setzen sich auch in vermeintlich seriösen Bereichen durch. Das beste Beispiel dafür liefert aktuell Buzzfeed, die BNW-Nachrichtensite, die Nachrichten “sozial” machen will:

Buzzfeed steht für ein Segment im Nachrichtengeschäft, das Peretti als BWN beschreibt: “Bored at Work Network” steht für die Haltung seiner Leser, die gelangweilt in der Arbeit vor einem Bildschirm hocken und nach Ablenkung suchen. Dieses Grundgefühl ist einer der Hauptantriebe für den Erfolg von Internet-Phänomemen und es beschreibt die Haltung, aus der heraus Peretti das Nachrichtengeschäft betreib

Ich notierte dies in dem kleinen Internet-Memeblog, das ich seit einer Weile für die SZ führe. Es trägt den programmatischen Titel “Phänomeme” und befasst sich mit Ausnahmeerscheinungen der Netzkultur. Bekannte Beispiele wie das Gangnam-Style Mem oder der Harlem Shake sind dabei nur die Oberfläche einer tiefgreifenden Veränderung der Netzkultur:

Zappeln als Distinktion steht nicht nur als globale Gruppendynamik für eine neue kulturelle Ordnung. Der Harlem Shake verschiebt auch die gelernten Muster von Popularität und Wertschöpfung.
(…)
Beim Aufkommen der Popmusik gab es im Klischee überzeichnete Plattenbosse, die an den Erfolgen und der Hysterie um ihre plötzlich populären Stars verdient haben. Es ist nicht so, dass heute nichts verdient würde, die Muster und die Nutznießer sind allerdings mittlerweile andere. Der Harlem Shake zeigt auch das.

Das Verständnis sozialer Nachrichten, das man bei Buzzfeed pflegt, die Entwicklung der Seite Upworthy und die genannten Meme stehen für diesen Wandel. Da ich diesen schon seit einer kleinen Weile auf Phänomeme begleite (am Wochenende die 30.000-Tumblr-Follower-Grenze überschritten), erschien es mir an der Zeit, auch hier mal auf das Blog und den zugehörigen Twitter-Account zu verweisen.

Kein Zugriff aufs WordPress-Dashboard

Wenn man Lösungen auf diesem Weg findet, sollte man sich auch daran beteiligen, sie anderen zugänglich zu machen. Wer also – wie ich gerade eben – Schwierigkeiten hat, auf das Dashboard im eigenen WordPress-Blog zuzugreifen (zeigt nur eine weiße Seite), kann vielleicht etwas damit anfangen, wie sich bei mir das Problem gelöst hat: Mit Hilfe dieser Links hier z.B.:

>> Kein Zugriff aufs Dashboard aus dem WordPress-Forum

>> WordPress funktioniert nicht mehr nach Plugin-Installation

Denn der verweigerte Zugriff lag auch bei mir an einem Plugin, das so voll war, dass die Ladezeit offenbar zu lange dauerte. Also habe ich das Plugin wie im zweiten Link beschreiben manuell “off” geschaltet. Ich habe es geleert und anschließend eine neue Version des Plugins installiert. Anschließend ging alles wieder.

Die Frage des Tages bei BILD

Was ist denn da passiert? Ein Foto von Til Schweiger auf der Seite eins der Bildzeitung, dazu eine Schlagzeile, die suggeriert, man könne mit dem Boulevardblatt aus dem Hause Springer sprechen, ihm zumindest antworten: “Hat Ihnen der tatort gefallen?” fragt das Blatt neben dem grimmig guckenden Schweiger, der eine Pistole in blutverschmierter Hand auf den Leser richtet.

Seit einer gefühlten Ewigkeit gibt es bei jetzt.de den so genannten Tagesticker. Ein Dialogformat, bei dem nicht der Autor eine Meinung verbreitet, sondern die Leser nach ihrer Einschätzung befragt. Unter anderem wegen solcher Formate gilt die Einschätzung: Digital ist Dialog, Analog ist Dokument.

Jetzt wählt die analoge Papier-Bild den Weg, eine offen Diskussionsfrage zur Cover-Zeile zu erheben; wohl gemerkt, an einem Tag, an dem Ex-Kanzler Schröder Bild-Exklusives sagt und eine – ebenfalls auf der Seite eins – Schneewalze über Deutschland rollt. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen: Man will sich bei der Bild nicht festlegen oder das Bedürfnis nach Dialog (=Digitalem) ist so groß, dass es tatsächlich funktioniert, in der Form Fragen auf den Titel zu packen.

Scheitern als Grundprinzip der neuen Bezahlkultur

Wird 2013 das Jahr des Crowdfunding? Es ist noch nicht mal März, doch der Eindruck, dass wir das Aufkeimen einer neuen Bezahlkultur erleben, verfestigt sich – nicht nur, weil es ein mittlerweile sehr beliebtes Medienthema ist.

Gründe dafür lassen sich zahlreich finden und ich will die Begeisterung gar nicht bremsen. Mir scheint es jedoch wichtig, auf ein dieser neuen Finanzierungsmethode anhaftendes Prinzip hinzuweisen: das Scheitern.
Erklären kann man dies am Beispiel von Armanda Palmer, die dieser Tage über ihren Kickstarter-Erfolg einen Ted-Talk gehalten hat. Daran ist nicht nur die digitale Verwertungskette interessant (machen, erreichen, drüber sprechen), nach allem, was man darüber hört (er ist noch nicht steht jetzt online), hat sie darin aber auch ein paar grundlegende Prinzipien dessen beschrieben, was die neue Bezahlkultur definiert.
Vielleicht müssen wir nämlich eine etwas andere Frage stellen, wenn wir uns mit dem Thema Paid Content im Netz befasst. Vielleicht lautet die Frage nicht mehr nur “How do we make people pay for music?” sondern viel mehr “How do we let people pay for music?” Holprig übersetzt: Wir müssen bezahlen lassen statt zum Bezahlen zwingen.

Der Unterschied scheint auf den ersten Blick unwesentlich, wenn man aber genauer hinschaut, zeigt sich hier, was die Idee von Crowdfunding ist: Ein Projektstarter erbittet Unterstützung, gemeinsam mit dem Publikum entsteht ein Experiment, dessen wichtigste Eigenschaft im Kontrollverlust steckt: Es kann scheitern und jeder kann es sehen! Darin liegt einer wenn nicht sogar der Hauptwert der neuen Finanzierungsmethode: Sie kann öffentlich misslingen. So merkwürdig das zunächst klingen mag, ich denke, dass dieses Riskio den Reiz ausmacht, sich an einem Projekt zu beteiligen.

Deshalb übrigens sehe ich das Scheitern eines Einzelprojekts auch nicht als Gegenargument gegen die Grundidee dieser Art der Finanzierung. Im Gegenteil – und das bekannteste Scheitern eines Crowdfunding-Projekts kann man genau so lesen: Im Fall von Björk, deren Biophilia-App-Kampagne auf Kickstarter missglückte, liegt nämlich vielleicht genau hier ein Ansatzpunkt. Einige Kickstarter-Nutzer hielten ihr vor, sie sei ja eh reich und müsse deshalb nicht auf Crowdfunding zurückgreifen. Dabei geht es aber gar nicht um die Frage, ob jemand reich ist, es geht um die Frage, ob der Reiz des Scheiterns greifbar gemacht werden kann. Eine gemeinsame Finanzierung mit dem Publikum (der schönere Terminus für Crowdfunding) gelingt nur dann, wenn die Notwendigkeit entsteht, mit der eigenen Unterstützung zum Projekterfolg beitragen zu können. Neben vielen anderen Gründen, liegt hier eine der Ursachen für das Scheitern des Biophilia-Projekts. Mike Masnik ergänzt auf Techdirt einen weiteren:

Bjork really hasn’t embraced connecting and communicating with her fans. That’s her choice, of course. No one says she needs to. But, it’s much harder to raise a ton of crowdfunded money that way.

Was er meint: Wer Menschen um Unterstützung bittet, sollte diese Menschen kennen. Wenn man nun in der gerade veröffentlichten Studie Erfolgsfaktoren im Crowdfunding das hier liest…

Es bedarf vielmehr einer eingehenden Planung und attraktiven Darstellung des Projektes, um potenzielle Unterstützer zu gewinnen. Neben der professionellen Projektdarstellung in Form der Gestaltung einer Projektseite und der Vorstellung des Projekts durch ein Video waren weitere wesentliche Punkte für eine Projektförderung die Projektbeschreibung, das Zielbudget und Informationen zum Projektfortschritt. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass kurze Projektlaufzeiten, die Anzahl der bisherigen Unterstützer sowie die Höhe des bisher erreichten Budgets für die Entscheidung zur Förderung eines Projektes wesentlich sind. Dies ist darauf zurückzuführen, dass ein Finanzierungserfolg absehbar ist und der Unterstützer damit das Gefühl bekommt, dass sein gefördertes Projekt auch tatsächlich umgesetzt wird.

… dann muss darin der Aspekt des Community-Managements besonders betont werden. Gemeinsame Projektfinanzierung heißt nämlich nicht nur gemeinsames Scheitern, es heißt auch – die Idee der stretch goals zeigt dies – gemeinsamer Fortschritt. Wenn wir mehr werden, haben wir alle was davon. Dies ist die zweite Seite der gemeinsamen Finanzierung: Wir scheitern alle und wir gewinnen alle.

Beides geschieht bei klassischen Finanzierungsformen nicht.

Mehr zum Thema Crowdfunding in den Digitalen Notizen:
>>> mein Crowdfunding-Fazit zu Neue Version in sechs Punkten
>>> der Text Reden wir über Geld: Über Wertschätzung und Wertschöpfung
>>> das Interview mit Krautreporter-Gründer Sebastian Esser
>>> die Hinweise im loading-Newsletter

Die journalistische Familie

In den vergangenen Tagen ist viel über Journalisten und ihre Rolle gesprochen worden. Diese Woche nun erschien im Spiegel ein Text, den man früher (als das ahnungslose Abwerten von Blogs noch üblicher war) vielleicht als Blog bezeichnet hätte. Im Spiegel läuft er unter der Kategorie “Homestory” und der Spiegel-Autor Ralf Hoppe erzählt darin von daheim. Er steigert sozusagen den Ansatz von Laura Himmelreich: hier ist nicht mehr der Journalist allein wichtigster Beleg seiner Thesen, hier dient die Familie als Bezugsrahmen, konkret der Sohn von Ralf Hoppe. Dieser ist offenbar der einzige oder zumindest der mit dem geringsten Aufwand zu recherchierende Vertreter einer fremden Generation, über die Hoppe schreiben möchte. Im Untertitel des “Volksreporter” überschriebenen Textes wird diese Generation unter Verwendung eines merkwürdigen “uns” und mit grammatikalisch falscher Tempus-Setzung so beschrieben: “Wie sich das Leben verändern wird, wenn unsere Kinder keine Zeitung mehr lesen.”

Was dann folgt ist ein Text, der sehr gegenwärtig beschreibt, dass der Sohn des Autors bereits heute keine Zeitung (auf Papier) liest.

Dabei verfällt der Text dem klassischen Fehler, Zeitung nicht über den Wert des darin produzierten Journalismus, sondern einzig mit dem Verbreitungsweg Papier zu definieren (ich hatte dazu hier bereits ausführlich geschrieben). Wenn dieses Papier verschwindet, so die These des Blog-Textes im Spiegel, wird es nur noch Blogs geben. Darin zeigt sich eine verquere Logik, denn diese Blogs, so der Blog-Text, seien per se schlechter. Was man ja an Island sehen kann. Wer jetzt erwartet, dass Ralf Hoppes Sohn wenigstens einen Bezug zu Island habe … aber egal. (Alexander Svensson hat sich die Mühe gemacht, den Text in dieser Sache detaillierter zu analysieren)

Ich will viel lieber über einen anderen Aspekt in dem online nicht verfügbaren Text sprechen: über die Rolle des Journalisten. Darum scheint es dem Autor nämlich auch zu gehen. Er benennt die Demokratisierung des Berufs sehr konkret mit einem plötzlichen Perspektiv-Wechsel auf ein vorher nicht erwähntes Wir, das den folgenden Satz einleitet:

Wir sind alle unsere eigenen Volksreporter : Das ist das Konzept, das hinter dieser Nachrichtenverbreitung steckt. Der Beruf, den ich mal vor langer Zeit ergriffen habe, nicht zuletzt, weil ich ihn für interessant (aber auch für krisensicher) hielt, sah einen Journalisten vor, der eine Ausbildung besitzt, eine Aufgabe hat, eine Mission, wie immer die auch aussieht. Dieser Journalist kommt in der neuen Art der Informationsübermittlung nicht vor.

Das muss er so schreiben, weil er vorher behauptet hatte, die Informationen im digitalen Nachrichtenstrom, an dem sein Sohn teilhat, seien sozusagen ohne Quelle, ohne medialen Bezug:

Nachrichten im sozialen Netz haben keinen Anfang, keinen Ursprung. Sie sind einfach plötzlich da. Erklärungslos, dafür meinungslastig, emotional.

Diese Behauptung ist einfach da, erklärungslos, meinungslastig, emotional. Sie deckt sich kaum mit dem, was Studien über die Verlinkung klassicher Medien im digitalen Raum zu Tage födern und noch viel weniger mit dem, was ich im sozialen Netz erlebe. Ich sehe dort Journalisten im angelsächsichen Raum, die sehr gebildet (und ausgebildet) ihre Quellen offenlegen, Bezüge herstellen, sachlich und zurückhaltend erklären.

Ich kann verstehen, dass es Journalisten gibt, die dieses Form der Autoritätsbegründung und Berufsausübung nicht mögen. Aber deshalb muss man sie ja nicht negieren. Wer den Datenstrom der sozialen Netze mit einer italienischen Piazza vergleicht, sollte schon anerkennen, dass dort sehr wohl auch professionelle Journalisten herumspazieren und den Dialog mit ihren Nutzern suchen. Von einem Artikel, der weniger “erklärungslos, meinungslastig und emotional” ein Thema bearbeitet, würde ich mir sogar erwarten, dass er diese Fakten in eine Analyse einfließen lässt. Denn hier liegt meiner Einschätzung nach der Hebel für eine digitale Ausgestaltung des Journalistenberufs einerseits und für Antworten auf die Frage, wie qualitativ hochwertiger Journalismus auch im digitalen Zeitalter funktionieren kann: in dem man seinen Wert benennt und nicht seinen Vertriebsweg. In dem man analysiert, wo er Menschen erreichen kann. In dem man nachschaut, wo er heute bereits praktiziert wird und nachfragt, warum das so ist.

Wer stattdessen lediglich seine Distanz und Verwunderung über die Digitalisierung festhält, beschreibt damit mehr die Entfernung von einer Lösung als die Suche danach. Ein Text, der sich aus dieser Ich-Perspektive der eigenen Familie bemächtigt, um daraus Schlüsse zu ziehen, ist viel weniger Zeitung als dem Autor vermutlich lieb ist. Ein solcher Text ist ein schlechtes Blog auf Papier, ohne dessen digitale Möglichkeiten auch nur zu erfragen.