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loading: Universalcode 2

Vor drei Jahren begann Christian Jakubetz damit ein Journalismus-Lehrbuch für das digitale Zeitalter zu erstellen: Universalcode (an dem ich auch mitschrieb) erschien und erlangte gleich große Aufmerksamkeit. Jetzt plant Christian (mit dem ich persönlich bekannt bin) eine Fortsetzung: Universalcode 2 soll mittels Crowdfunding finanziert werden.

Als ich Christian den loading-Fragebogen schickte, bekam ich nicht nur seine Antworten zurück, sondern auch die Frage, ob ich bei Universalcode 2 als Autor dabei sein wolle. Ich sagte zu – genau wie der SZ-Kollege Stefan Plöchinger, Krautreporter-Gründer Sebastian Esser (hier ein Interview mit ihm lesen) und Marco Maas.

Was machst Du?
Die Fortsetzung des Buchprojekts “Universalcode”. Im ersten Teil haben wir mit insgesamt 18 Autoren ein Handbuch gemacht, wie man digitalen Journalismus aus handwerklicher Sicht macht. Das neue Projekt heißt “Universalcode2 – wie wir wurden, was wir sind”. Dort soll es um die Entwicklung der Medien aus grauen Analogzeiten bis heute gehen. Und
natürlich um die Zukunft: Wie geht es weiter und welche Chancen haben Medien und Kommunikation? Grundtenor: Wir möchten gerne Lösungen anbieten, lamentieren gilt nicht.
Zwischendrin möchte ich die Entstehung des Buchs immer wieder in meinem Blog, aber diesmal auch mit sehr vielen Videos dokumentieren. Mal schauen, vielleicht kann man die am Ende auch zu einem längeren Stück zusammenschneiden.
Zur Start-Finanzierung des Buchs gibt es jetzt ein Crowdfunding-Projekt bei “Krautreporter”.

Warum machst du es (so)?
Es gab schon beim ersten “Universalcode” ein Prinzip, das sich sehr bewährt hat: Ein Buch aus der Community für die Community. Nicht nur wegen der Finanzierung. Sondern auch inhaltlich: Ich glaube, dass der erste “Universalcode” völlig anders ausgesehen hätte, wenn wir nicht so viel Input von außen gehabt hätten. Das hat das Buch sicher besser gemacht. Ich glaube fest daran, dass das diesmal auch wieder so sein kann.
Bei der Finanzierung geht es mir vor allem darum, dass wir weitgehend autark und unabhängig von den Vorgaben eines Verlags arbeiten können. Und wer weiß, wie viel Zeit und Arbeit hinter einem solchen Projekt stecken und wie viel Geld man schon vorher investiert, der hat sicher auch eine Ahnung, dass unser Zielbetrag von 5000 Euro wirklich nicht
mehr ist als eine erste Projektbasis.
Trotz alledem: Ich kann mir keinen besseren Weg – und auch keinen anderen mehr – als diesen vorstellen, wenn es um das Verfassen solcher Bücher geht.

Wer soll das lesen?
Am besten alle, die mit Journalismus, Medien und Kommunikation zu tun haben. Ich glaube, dass es ein Buch mit dieser Ausrichtung über Medien nicht gab und vermutlich so schnell auch nicht geben wird. So. Das war jetzt das komplette Maß an Größenwahn, zu dem ich fähig bin.

Wie geht es weiter?
Erstmal den 18.4. abwarten. Dann endet das Crowdfunding-Projekt. Wenn “Universalcode2″ dort krachend scheitern sollte, dann kann man wohl davon ausgehen, dass das Interesse an diesem Buch doch nicht so groß
ist wie ich dachte. Was ja auch eine Erkenntnis ist. Falls das Crowdfunding klappt, dann geht es umgehend ans Schreiben. Ich hoffe, dass das Buch dann bis Ende 2014 fertig ist. Wer jemals ein Buch gemacht hat, weiß allerdings, dass bei solchen Terminen immer der Wunsch der Vater des Gedankens ist.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Dass Journalismus alles mögliche ist. Nur nicht tot.

>>>> Hier Universalcode 2 bei Krautreporter unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:



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Der Greif – eine Ausstellung als Prozess

Simon Karlstetter, Leon Kirchlechner, Matthias Lohscheidt und Claudio Ricci haben “Augsburg zu einem Weltzentrum zeitgenössischer Fotografie gemacht”. So beschreibt der Bayerische Rundfunk ihr international angesehenes Fotomagazin: Der Greif erscheint auf Papier und trägt das Haptische, das Anfass- und eben Greifbare im Titel. In der vergangenen Woche haben sie ihre erste Ausstellung eröffnet, die Bilder von 279 Fotografen aus 33 Ländern zeigt. Das Besondere an der Ein Prozess betitelten Ausstellung: Sie will ihre Entstehung dokumentieren. “Sie stellen aus wie ihre Ausstellung entsteht”, fasst der Bayerische Rundfunk das Konzept zusammen, das mich allein deshalb fasziniert weil ich genau darüber in “Eine neue Version ist verfügbar” geschrieben habe. Die Greif-Macher haben mich eingeladen, über ihre Ausstellung zu schreiben.

Das Faszinierende an einer Ausstellung ist ihre Präsenz: Wer Bilder hängt, erzeugt damit Dominanz. Von der Kombination an der Wand geht eine Kraft des Faktischen aus, die der Besucher akzeptiert – und dann erst bewertet. Was ausgestellt wird, ist da – ist abgeschlossen und fertig. Nur: Wie lange? Und: für wen?

Ein Prozess stellt genau diese Fragen – allerdings in dem Präsenz-System einer Ausstellung. Das ist wichtig, denn was ausgestellt wird, ist da – und wird erst danach bewertet. Erst wenn man verstanden hat, was Ein Prozess macht, sollte man fragen, was das eigentlich soll. Denn nur dann wird man verstehen, dass Ein Prozess den Versuch unternimmt, eine der Grundbedingungen der Digitalisierung künstlerisch greif- und verstehbar zu machen.

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Was in Augsburg gerade ausgestellt wird, ist eine Wikipedia für Fotografie. Und wer dabei an eine Enzyklopädie oder an eine lexikalische Sammlung denkt, liegt falsch. Bei der Wikipedia geht es wie bei Ein Prozess um den unterschätzten Aspekt der Digitalisierung: Es geht um die Version. Durch die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie ist die Menschheit in der Lage, Versionen von digitalisieren Kunstwerken zu erstellen: Nach der Veröffentlichung als Mashup oder Remix und vor der Veröffentlichung als dokumentierter Entstehungsprozess. Im GuttenPlagWiki brachte Letzteres den damaligen Verteidigungsminister zu Fall: Man konnte nachvollziehen wie er gearbeitet hatte.

Das Prinzip der Online-Idee eines Lexikons dreht die Maßstäbe der Printwelt um: Es macht die Versionsgeschichte eines jeden Beitrags sichtbar ist. Man kann zu unterschiedlichen Fassungen eines Artikels springen und somit seine Entstehung nachvollziehen. Auf Papier wäre das nicht nur nicht möglich, es würde auch als Schwäche ausgelegt. Warum sollte man mehr zeigen als das eine endgültige Kunstwerk, das man veröffentlichen will?

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Weil es eh anfällt, hat der Schriftsteller Cory Doctorow darauf mal geantwortet. Denn durch die Ungeheuerlichkeit der Kopie sind plötzlich Entstehungsversionen speicher- und auch verfügbar. Und wenn man mit diesen öffentlich umgeht – wie es die Wikipedia tut – stellt man fest: Sie tragen zur Qualität des digitalen Produkts bei. Was in Print als Schwäche gelten würde, ist im Digitalen Ausweis von Qualität: Der Leser kann sich selber ein Bild machen.

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Dass darin im Wortsinn eine künstlerische Dimension liegt, kann man in der Neuen Galerie in Augsburg und auf der Webseite von Ein Prozess derzeit beobachten: Die Ausstellungsmacher legen die Versionen ihrer Ausstellung offen. So wie man in der Wikipedia in Artikelversionen springen kann, kann man in der Ausstellungs-Timeline in Kombinationen der ausgestellten Fotos springen. Auf dem zentralen Tisch im Ausstellungsraum werden unter Beobachtung einer Webcam ständig neue Kombinationen der ausgestellen Bilder gelegt – so erscheinen die Aufnahmen in neuen Kontexten, die Versionierung der Kombination erlaubt ständige neue Zugänge.

Wer das verfolgt, bemerkt schnell die künstlerische Ebene dieser Versionierung: Denn der Besucher wird so zum Teilnehmer der Ausstellung, er vergleicht Fassungen, bewertet Versionen, stellt Zusammenhänge her. Und dies ist das zweite Grundprinzip des Digitalen: Es ist ein Dialog, der Konsument bekommt eine Stimme, nimmt teil, spielt eine Rolle. Jede und jeder kann in der Wikipedia editieren. Weil es technisch möglich ist.

Ein Prozess wird nicht von jedem Besucher editiert, aber jeder Besucher (der Website und der Ausstellung) erstellt seinen eigenen Rezeptionskontext – und spielt somit erkennbar eine Rolle. Und aus der heraus kann er dann auch die Frage nach dem Warum beantworten. Meine Version ist klar: Weil es die zeitgemäßeste Form der Kunst-Präsentation ist.

Die “Der Greif”-Ausstellung “Ein Prozess” ist bis zum 18. Mai in der Neuen Galerie im Höhmannhaus in Augsburg zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10-17 Uhr. Mehr zu Eine neue Version ist verfügbar auf der Verlagswebsite.
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Fünf Buchvorsätze – Blogstöckchen

Fabian Kern hat mir ein Blogstöckchen zugeworfen. Es geht um Bücher, die ich gerne lesen will:

Zähle 5 Bücher auf, die ganz oben auf deiner Wunschliste stehen, die aber KEINE Fortsetzungen von Büchern sind, die du schon gelesen hast – sie sollen also völlig neu für dich sein. Danach tagge 8 weitere Blogger und informiere diese darüber.


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Deshalb hier also mein fünf Buchvorsätze:

Chris Anderson “Makers: Das Internet der Dinge – die nächste industrielle Revolution”
3D-Drucker und das “Internet der Dinge” dürfen auf keiner Buzzword-Liste fehlen – sind aber dennoch Entwicklungen, mit denen wir uns befassen sollten. Der ehemalige Wired-Chef schreibt drüber.

Kathrin Passig, Johannes Jander: “Weniger schlecht programmieren”
Douglas Rushkoff hat die Aufforderung, Programmieren zu lernen mal mit der Lage eines Fahrgastes im Taxi verglichen, der zwar nicht als Mechaniker das Taxi reparieren soll, aber zumindest verstehen sollte, wie der Fahrer den Wagen steuert. Bei Rushkoff heißt das “Program or be programmed”, bei Passig/Jander: Weniger schlecht programmieren.

Ingrid Brodnik: “Der unsichtbare Mensch. Wie die Anonymität im Internet unsere Gesellschaft verändert”
Das Buch liegt seit ein paar Tagen auf meinem Schreibtisch, leider fehlte mir bisher die Zeit, es in die Hand zu nehmen und zu lesen.

danah boyd: “It’s complicated”
Bereits runtergeladen, aber noch ungelesen liegt danah boyds Buch auf meinem Lesegerät. Kollege Hakan Tanriverdi hat es bereits gelesen und hier für die SZ besprochen.

Limor Shifmann: “Memes in Digital Culture”
Nicht erst seit ich über Phänomeme blogge, interessiere ich mich für die Popkultur der digitalen Gegenwart: Die Netzkultur und ihre virale Verbreitung werden in diesem Buch wissenschaftlich untersucht. Soviel weiß ich schon, mehr habe ich aber noch nicht gelesen.

Teil dieses Blogstöchchens ist es, nun acht weitere Blogger um ihre Buchvorsätze zu bitten. Da ich schon lange nicht mehr an sowas teilgenommen habe, frage ich mich nun also öffentlicht und lautstark, welche Buchvorsätze Sara Weber, Angela Gruber, Christoph Koch, Leander Wattig, Eva Schulz, Michalis Pantelouris, Thomas Ernst und Johannes Kuhn haben.

Digitale Notizen: Annotationen im Test

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Medium macht es, Quartz macht es und RapGenius hat es sogar zum Prinzip erhoben: Anmerkungen auf Wort- bzw. Satzbasis sind das Ding der Stunde. Der Kommentar wird durch die Anmerkungen am Text ersetzt: Annotation heißt das – und ab sofort sind auch die Digitalen Notizen annotierbar.

Mit Hilfe der Diskussion-Software Disqus und dem WordPress-Plugin InlineComments möchte ich auch hier die Möglichkeit zum Wort- bzw. Satzbasierten Kommentar bieten*. Und das geht so: Fährt man mit der Maus über einen Absatz, ein Zitat oder ein Bild, zeigt ein kleines Ziffernfeld an, ob bereits annotiert wurde (1 und <1) oder noch nicht (0) - wie im Bild rechts grün bzw. rot dargestellt.

Auf diese Weise kann man sich nun in eine Diskussion einschalten oder eine beginnen. Und zwar auf Basis einzelner Bestandteile eines ganzen Textes. Die Kommentare unter dem Text bleiben erhalten, sind aber testweise ebenfalls auf Disqus umgestellt.


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Ein annotierter Abschnitt wird markiert und in der im obigen Bild angezeigten Form mit der Disqus-Diskussion verbunden.

Die Tests, die ich auf diese Weise gemacht habe, verliefen positiv. Trotzdem ist die Integration von Kommentaren auf diese Weise ein Experiment. Ob es glückt, kann ich erst herausfinden, wenn es jemand ausprobiert – was als Einladung gemeint ist …


*Eine alternative Option ist das Angebot InlineDiscussion oder CommentPress, die ich aber ebenso nicht ausprobiert habe wie das Angebot ReadrBoard.

Spritz: ein Bookmarklet zum Schnell-Lesen

Die Digitalisierung verändert unseren Umgang mit Kunst und Kultur. Nicht nur, weil wir andere Werkzeuge benutzen, um Filme, Musik oder Texte zu konsumieren, sondern vor allem weil diese Inhalte einen Klimawandel unterzogen werden, den ich mit dem Satz “Kultur wird zu Software” beschreibe. Das gilt für die Produktion von Filmen, Texten oder Musik, es gilt aber auch für deren Rezeption: Die Lese-Software Spritz ist dafür ein besonders anschauliches Beispiel: sie digitalisiert das Lesen, macht Text für den Leser zu Software. Ich habe die Technik vor zwei Wochen in der Süddeutschen Zeitung vorgestellt:

… anders als statische Darstellungsformen wie Papier bieten digitale Displays die Möglichkeit, Text dynamisch anzuzeigen. Sätze können in ihre Bestandteile zerlegt und Wort für Wort präsentiert werden – und zwar in dem Tempo, das der Lesende bestimmt. Das Auge muss sich so nicht mehr von zum Beispiel links nach rechts bewegen um Worte aufzunehmen, sondern bleibt auf einem Punkt und lässt die Worte auf sich zufliegen – spritzen …

Auf Süddeutsche.de kann man den Text spritzen. Und seit kurzem haben Entwickler (die nicht mit Spritz verbunden sind), Bookmarklets entwickelt, die jede Seite im Web spritzbar machen. OpenSpritz gibt es in unterschiedlichen Varianten …

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diese hier stellt den Text, der gespritzt wird oberhalb der Seite im redicle dar.

Ich glaube, dass diese Technologie die Art wie wir lesen nachhaltig verändern wird. Deshalb empfehle ich, Spritz im Auge zu behalten – auf ihrem Blog und auf Twitter – wo auch einer der Mitgründer Maik Maurer ist.

loading: I Am A Forest

In den vergangenen Wochen habe ich in Bezug auf mein Buch “Eine neue Version ist verfügbar” ein sehr schönes Erlebnis gehabt, das ich hier teilen und mit einer Bitte versehen will. Ich bin auf Menschen gestoßen, die das Buch nicht nur gelesen haben, sondern die Ideen darin in die Tat umsetzen: die Leipziger/Hamburger Band A Forest hat das Projekt I Am A Forest gestartet, über das sie auf der Website schreiben: “Die Bedingungen der Produktion und Distribution von Musik haben sich in den vergangenen 20 Jahren grundlegend verändert. Die größte Herausforderung dabei steckt nicht in der Technik, in MP3s oder Filesharing, sondern in unseren Köpfen. Wir, als Künstler, Produzenten und Vermarkter, müssen neue, passendere Wege finden, Musik unter digitalen Bedingungen zu veröffentlichen. I AM A FOREST ist ein Beitrag zu dieser neuen Kultur. Wir folgen sich neue Wege bahnenden Flüssen, lassen uns mitnehmen, lassen teilhaben.


Ich finde das Projekt ganz großartig und möchte es jedem sehr ans Herz legen. Nicht nur, weil ich Ideen aus Eine neue Version ist verfügbar in dem Projekt wieder erkenne, sondern weil A Forest neben kreativen neuen Ansätzen auch ganz einfach sehr schöne Musik machen. Deshalb habe ich Fabian Schütze den loading-Fragebogen geschickt, den er hier beantwortet.

Was macht ihr?
Mit dem Projekt I AM A FOREST versuchen wir ein neuen Weg zu gehen, wie man Musik machen, veröffentlichen und konsumieren kann. Ein Weg, der den Gegebenheiten des digitalen Zeitalters gerecht wird, den Hörer Ernst nimmt, neue Ideen mit einbezieht und uns als Musiker das machen lässt, was wir wollen, lieben und können: Musik.

Warum macht ihr es (so)?
Wir sind unabhängige Musiker, gefangen in einem sehr starren System, das von wenigen großen Firmen kontrolliert wird. Die “alte” Idee physische Tonträger zu in möglichst hohen Auflagen zu pressen, dem “Kunden” ein fertiges Produkt mit viel Werbedruck zu verkaufen und ein Jahr später das nächste Album anzudrehen, ödet uns an. Die Menschen kaufen Musik als Mp3 bei iTunes, hören selbst zusammengestellte Playlisten auf Spotify, gehen auf Konzerte, wollen teilhaben. Wir möchten Musik machen, sie live spielen, mit den Leuten direkt in Kontakt kommen. Dass es dafür eine neue Idee braucht, dass diese Idee ohne internationale Großkonzerne funktioniert, dass man Musikbusiness auch anders, unabhängiger und unter Einbeziehung der Leute, die es möglich machen, nämlich Hörer und Konzertbesucher machen kann, versucht I AM A FOREST zu beweisen.

Wer soll das anhören?
Grundsätzlich jeder, der sich für Musik abseits des Mainstreams interessiert. Für diejenigen, die tiefer tauchen wollen, sich für den Prozess interessieren, teilhaben wollen, versuchen wir interessante Anknüpfpunkte zu bieten.

Wie geht es weiter?
Wir denken langfristig. Wir wissen, dass es am Anfang erstmal alles sehr kompliziert klingt, wir wissen, dass die Presse uns nach dem Tag der Albumveröffentlichung fragen wird und CDs bestellt. Obwohl diese Dinge mit I AM A FOREST für uns weit in den Hintergrund treten. Wir werden das unter allem Umständen so weiter machen. Wir treffen uns in einem Jahr und schauen uns an, was passiert ist. Mit uns. Mit der Musik. Mit der Welt.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Dass von einer CD, die 16,99 Euro auf Amazon kostet, höchsten 2,50 Euro beim Künstler ankommen. Dass 10 Euro für ein Konzertticket nicht 10 Euro für die Band sind. Dass Musik machen und davon leben wollen eine harte Sache ist. Dass es nichts Besseres gibt.

>>> Hier I Am A Forest unterstützen

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Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Das ist unser Internet!

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Eine Allianz aus unterschiedlichen Organisationen hat den heutigen 11. Februar zum “Day We Fight Back” gemacht. Ein Tag des Widerstands gegen die massenhafte Überwachung der Menschheit! Es geht darum, Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken, das für die digitalen Räume die gleiche Bedeutung hat wie der Umweltschutz für Gegenwart und Zukunft unseres Planeten. Es geht aber auch darum, die Stimme zu erheben – z.B. indem man den Aufruf “Internationale Grundsätze für die Anwendung der Menschenrechte in der Kommunikationsüberwachung” unterzeichnet.



Man kann aber auch ganz klassisch Mitglied in einem oder mehreren der Vereine werden, die den Aufruf mitkonzipiert haben: Gesellschaftliches Engagement fand schon immer auch über Vereine und Organisationen statt. Daran ändert auch die Digitalisierung wenig. Deshalb hier der Hinweis auf die Mitglieds- und Spendenseiten …

… vom Chaos Computer Club

… von der Digitalen Gesellschaft

… der Electronic Frontier Foundation

… von Digitalcourage


Hintergrund zum Day We Fight Back bei Süddeutsche.de

Der NSU-Prozess. Das Protokoll des ersten Jahres

Am Freitag erscheint ein besonderes SZ-Magazin: Für “Der NSU-Prozess. Das Protokoll des ersten Jahres” (ab Donnerstag abend in der SZ-App) haben Annette Ramelsberger, Tanjev Schultz und Rainer Stadler den größte Strafprozess in Deutschland seit der Wiedervereinigung auf mehr als 500 Seiten mitprotokolliert und verdichtet. In Zusammenarbeit mit der Filmakademie Baden-Württemberg, der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg und der UFA Fiction haben die Kollegen (ich arbeite im gleichen Haus) aus dem Protokoll zusätzlich einen zweistündige Film gemacht. Hier ist der Trailer dazu zu sehen:

Mehr über das ungewöhnliche Projekt gibt es auf szmagazin.de

Eine neue Version des Autors ist verfügbar

Wenn die Bezeichnung “Beststeller-Autor” mit einem Namen verbunden ist, dann sicher auch mit dem von Walter Isaacson. Spätestens seit seiner Steve Jobs Biografie ist Isaacson sehr bekannt. Er leitet das Aspen-Institut in Washington und hat sich als Autor der Biografien von Benjamin Franklin, Albert Einstein und Henry Kissinger international einen Namen gemacht.

Isaacsons neues Buch handelt von den Anfängen und der Entwicklung des digitalen Zeitalters – aber Isaacson beschreibt dieses nicht nur, er benutzt die digitalen Möglichkeiten auch. Denn das Buch erscheint erst in einem Jahr, man kann aber heute schon Walter Isaacsons Entwürfe lesen – er hat sie in den vergangenen Tagen ins Netz gestellt. “Das Zusammenarbeiten online ist die ursprüngliche Idee des Internet”, schreibt Isaacson in der Begründung für diesen Schritt. “Mich interessieren alle Kommentaren und Korrekturen, die Leser anbringen wollen bevor das Buch einem Jahr veröffentlicht wird.”

Ein renommierter Autor, der online um Korrekturen an seinem unfertigen Werk bittet – das allein rechtfertigt die Aufmerksamkeit, die Isaacsons Experiment dieser Tage zuteil wird (The Verge, Techcrunch, Capital berichten). Hinzu kommt aber: das Angebot wird angenommen. Stewart Brand, über den Isaacson schreibt weil er u.a. am Whole Earth Catalog mitgearbeitet hat und The Well mitgründete, kommentiert die Kapitel-Entwürfe, in denen er selber auftaucht.

Mich fasziniert das Experiment, das Isaacson gestartet hat – auf zahlreichen Ebenen. Zunächst erfreut es mich sehr theoretisch, weil es mit dem übereinstimmt, was ich als Verflüssigung von Inhalten beschreibe. Isaacson zeigt mit seinem Ansatz, dass seine Texte tatsächlich wie Software zu behandeln sind. Sie durchlaufen gerade Versionskontrollen – in allesamt noch unperfekten Plattformen wie Medium, Scribd, Live-Journal – und die Leser können daran teilnehmen. Zum zweiten fasziniert mich, dass ein renommierter Star-Autor dem etablierten Verlagssystem hier (mindestens) eine Herausforderungen stellt. Denn natürlich hört man die Bedenken förmlich aus dem Experiment heraus: “Wenn Inhalte ins Netz gestellt werden, kann man diese nicht kontrollieren. Das fördert die Kostenlos-Kultur und schadet dem Autor.”

Greg Ferenstein kommt bei Techcrunch zu einem anderen Ergebnis. Er schreibt:

It’s an ongoing experiment. The web has a pretty good track record of making industries, especially knowledge industries, more transparent and participatory. If I were a betting man, I’d say Isaacson is riding the cusp of what will eventually be a staple of modern authorship.

Mit anderen Worten: Eine neue Version des Autors ist verfügbar – im Sinne eines anderen Autor- und Kultur-Begriffs, der aber eben nicht unbedingt schlechter sein muss!