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Keine Zeitungen am Kiosk

Ich bin schon länger nicht mehr an diesem Häuschen vorbeigekommen, das sich “Mars Kiosk” nennt und einen etwas merkwürdigen Witz am Dach trägt. Vielleicht sieht das Häuschen, das in Gehentfernung des Münchner Hauptbahnhofs steht, also schon länger so aus, aber um ein paar Tage oder sogar Monate geht es bei dem Blick nicht, den ich auf das Häuschen werfe. Es geht um Jahre, eher Jahrzehnte.

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Das ist die Zeitspanne, in der aus dem Häuschen Zeitungen und Magazine verkauft wurden. Die Anzeige über dem Verkaufsfenster behauptet das auch noch heute, einzig: Es gibt an und im Häuschen keine Printprodukte mehr. Das Angebot des Marskiosk umfasst: Zigaretten, kühle Getränke, Kaffee, Schnaps und allerlei Unterwegs-Kram, gedruckte Informationen gibt es nicht. Nicht mehr.

Früher – und das ist nicht historisch lang her – wurden hier sehr viele Zeitungen und vor allem Magazine verkauft; bzw. jedenfalls angeboten (wie Google Maps aus dem Jahr 2008 dokumentiert) Heute stehen keine Zeitungsständer mehr vor dem Häuschen, es stecken keine Magazine mehr in der Tür und auf der Theke liegt auch kein bedrucktes Papier mehr.

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Mir ist das aufgefallen als ich unlängst an dem Häuschen vorbei ging. Ich weiß nicht, ob das etwas bedeutet, aber es ist mir aufgefallen – weil mir etwas fehlte. Ich finde, dass zu einem Kiosk Zeitungen und Magazine gehören. Ich kenne es nicht anders und ich finde es (deshalb?) richtig.
Mir ist nicht bekannt, warum es im Marskiosk in München keine Printprodukte mehr gibt. Ich ahne aber, dass ich mich an das Bild, das das Häuschen abgibt, vielleicht gewöhnen muss. Ich ahne, dass Menschen, die früher an dem Häuschen bedrucktes Papier kauften, heute auf anderen Wegen an ihre Informationen kommen. Ich ahne, dass der Kioskbesitzer dabei kein Geld mehr verdient.

Was sagt das Bild eines papierlosen Kiosk den Magazinmachern und Zeitungsjournalisten in diesem Land? Muss es sie beunruhigen? Zu neuem Denken motivieren? Können sie auf den Medienwandel reagieren, als deren Bestandteil ich die zufällige Beobachtung am Straßenrand interpretiere?

Der Innovation-Report der New York Times, den tatsächlich jeder lesen sollte, der sich für digitalen Journalismus und den dadurch begründeten Medienwandel interessiert, gibt darauf eine je nach Perspektive offene wie ratlose Antwort. Die Autoren, zu denen u.a. Arthur Gregg Sulzberger zählt, der gerade zum Strategiemanager der New York Times ernannt wurde, ermutigen einerseits jeden Journalisten dazu, “offen zu sein für neue Ideen und bereit zu sein, mit Traditionen zu brechen” und mahnen gleichzeitig “geduldig auszuprobieren und von den Dingen zu lernen, die nicht funktionieren.” In der Zusammenfassung schreiben sie:

Individual reporters and editors can experiment with storytelling forms and learn best practices for promoting their work. We could all spend more time doing what the majority of our readers do: reading on phones, using social networks and paying attention to our newest competitors.

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Wish I Was There: Geoblocking vs. Crowdfunding

Diese Momente sind selten. Deshalb muss man festhalten, was gerade in den Kommentaren von Zach Braffs Crowdfunding-Projekt “Wish I Was Here” auf Kickstarter passiert. Es ist eine Empörungswelle, die durch den Aufprall zweier Denkweisen entsteht. Es geht darum, aus welcher Perspektive man auf Kultur und deren Geschäftsmodell im digitalen Raum schaut. Da diese sich gerade sehr grundlegend ändert, lohnt es sich, diesen Moment genau zu beobachten. Einerseits weil er sehr ärgerlich ist, aber andererseits auch deshalb weil man vielleicht etwas lernen kann.

Die Art und Weise, wie Zach Braff im direkten Austausch mit seinem Publikum einen Film finanzierte, hatte ich hier bereits mehrfach erwähnt. Unter anderem auch wegen der guten Kommunikation, die mit dem Crowdfunding verbunden war – genau diese steht nun in der Kritik, denn niemand hatte den Unterstützern des Projekts vor diesem Wochenende gesagt, dass die groß angekündigte Option, den Film schon vor dem US-Start im Stream zu sehen, in Wahrheit gar nicht für jeden Unterstützer des Projekts gilt. Denn – so informierte mich ein Mitarbeiter des Streaming-Dienstleisters als ich den Film anschauen wollte:

Sorry, this weekend’s screening is not available in your region

Region, also Herkunft, ist eine Kategorie, die beim Start des Projekts keine Rolle spielte. Egal welchem Land die IP-Adresse zugeordnet war, mit der man auf die Crowdfunding-Seite kam: Man konnte bezahlen. Auch deshalb kam der Film zustande, es wurden besondere Aktionen für Menschen in Frankreich, Italien, Deutschland ins Leben gerufen, der englische Sprachraum erweitert. Überall auf der Welt sitzen Unterstützer von Zach Braff und seinem Film. Sie warteten darauf, den Film endlich sehen zu können – und anschließend ihren Freunden und Bekannten davon zu erzählen. Denn das Screening an diesem Wochenende ist für Fans etwas durchaus Besonderes: davon werden sie erzählen.

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Doch statt des Films bekommen sie das hier: ein Stopp-Schild. Schuld daran ist eine falsche Herkunftsadresse beim Surfen. Wer versucht die Seite aus einem Land aufzurufen, das laut Nutzerkommentaren bei Kickstarter nicht USA, Großbritannien oder Australien heißt, erhält keinen Zugang. Das nennt man Geoblocking. Denn in diesen Ländern greifen offenbar Verwertungsverträge für den Film, die den Zugriff verweigern. Details zum konkreten Fall lassen sich derzeit nicht ermitteln. Man kann aber sicher sagen: Region, also Herkunft, ist eine Kategorie, die für Verwertungsketten von Filmen eine sehr große Rolle spielt. Deshalb gibt es unterschiedliche Start-Termine für Filme, die im weltweiten Netz aber natürlich schon zum meist am Anfang stehenden Start im größten Markt (USA) beworben werden. Dem Zuschauer außerhalb der USA wird also der Mund wässrig gemacht und gleichzeitig sagt man ihm, dass er aber noch drei Monate warten muss – ohne erkennbare Begründung. Denn das Essen steht ja auf dem Tisch, der Film ist verfügbar. Wie beim Bezahlen bei Zach Braffs Finanzierung gilt auch hier: Region als Kategorie spielt nur sehr einseitig eine Rolle. Nämlich da, wo sie dem Verwerter vermeintlich nützt.

Vermeintlich, denn ob diese Strategie, die Unterstützer durch Geoblocking erst in ein paar Wochen ins Kino zu locken, aufgeht, darf bezweifelt werden: Eine norwegische Studie belegte im vergangenen Jahr, dass es ein sehr logisches Mittel gegen illegales Kopieren von Inhalten im Netz gibt: Das beste Mittel gegen Piraterie sind legale Angebote. Mit Blick auf den aktuellen Fall formuliert: Wer einfache legale Angebote blockiert, züchtet sich seine eigene Piraterie. Dieser Nutzerkommentare belegt dies:

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Ganz sicher züchtet ein solches Vorgehen aber einen Weitererzähl-Effekt, den jeder Filmverwerter eigentlich vermeiden sollte. Man muss das Wort Shitstorm gar nicht bemühen, um zu erahnen, dass den Fans, die ihren Freunden von diesem Film erzählen werden, im Moment nicht gerade Gutes einfällt.

Aber um diese Fans geht es denjenigen, die das Geoblocking zu verantworten haben, auch gar nicht. Und das ist der vermutlich bemerkenswerteste Punkt an dem Fall: Zach Braff hatte den Zugang zur Entstehung und den wirklichen Film an Menschen verkauft. Die Verwerter, mit denen er Verträge geschlossen hat (warum eigentlich auf diese Art?), interessieren sich erkennbar nicht für die Menschen, die den Film anschauen wollen. Sie interessieren sich für IP-Adressen. Und das macht den Aufprall gerade so laut und so lehrreich: Es sind zwei grundlegend verschiedene Perspektiven auf das Publikum, die hier zu Tage treten. Welche davon zukunftstauglicher ist, mag jeder selbst entscheiden.

Der Slogan des Films heißt übrigens: “Das Leben ist eine Gelegenheit, zeige dich ihr gewachsen.” Besser kann man kaum beschreiben, was die Digitalisierung fordert.

Update: Bei Meedia gibt es ein paar Hintergründe zum Thema

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Annotieren: Stand der Technik

in einer frühen Form des Browsers Mosaic gab es eine Funktion namens Group Annotations. Im Winter 2012 erinnerte Marc Andreessen daran (hier seine Mail aus dem Jahr 1993) als er begründete, warum er eine ziemlich hohe Summe in den Dienst Rap Genius investierte. Er schrieb: “it seemed obvious to us that users would want to annotate all text on the web – our idea was that each web page would be a launchpad for insight and debate about its own contents.”

Annotationen, also die Anmerkungen direkt am Text, verschwanden wegen Serverproblemen aus dem Mosaic-Angebot. Andreessen und viele anderen sind aber davon überzeugt: Annotationen sind das nächste große Dinge im Web. Es gibt einige Ansätze, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Text-Anmerkungen so selbstverständlich werden zu lassen wie Links es heute sind. Die Open Annotations Collaboration arbeitet daran, es gibt Projekte wie den Annotator (siehe Bild rechts) oder Hypothes.is. All diese Instrumente wollen die Anmerkungen direkt auf Webseiten anzeigen lassen.

annotate1Zusätzlich gibt es Anwendungen, die Annotationen in Dokumenten erlauben: A.nnotate, Markup (gerade im Relaunch), DocumentCloud oder Diigo bieten Funktionen, die man auch in GoogleDocs findet. Bei ProPublica kann man im Feature Explore Sources anschauen, welche Optionen solche Anmerkungen bieten.

Ich kann mir noch zahlreiche weitere Möglichkeiten für solche Instrumente vorstellen, wundere mich aber darüber, dass es kaum taugliche Software für diese Form der Annotation in Dokumenten gibt. Ich frage mich – und hiermit auch alle meine Leser – deshalb: Mit welcher Software kann man Annotationen in Dokumenten ermöglichen? Womöglich mit Zugangsbeschränkung und mit der Option zur internen Diskussion? Kennt Ihr Angebote? Freue mich über Hinweise!

Mein Geld, meine Hoffnung für Krautreporter

Menschen, die sich mit Crowdfunding befassen, nennen die Phase, in der das ambinitionierte Projekt Krautreporter gerade steckt, das Tal: die flache Ebene zwischen dem Start-Hype und der Schlussphase, in der jeweils sehr viele Menschen mitmachen. Mir war vorher klar, dass ich genau in diesem Tal meinen Beitrag zu dem Versuch leisten würde, Journalismus neu zu denken. Was mir vorher nicht klar war: wie wenig begeistert ich das tun würde.

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Seit dieser Woche bin ich Mitglied bei den Krautreportern – dass sich dadurch aber nichts in meinem Verhältnis zu dem Projekt geändert hat, zeigt, warum mir Begeisterung fehlt. Ich hatte gedacht, es ginge hier ernsthaft um den Versuch, Journalismus nicht einzig über den Content, sondern über Kontext zu verkaufen. Ich hatte gedacht, hier würde ernst gemacht mit den Möglichkeiten des sozialen Netzes, mit den Dynamiken, die entstehen wenn viele das Gleiche wollen – auch abseits der bekannten Bühnen. Aber Viralität und soziale Dynamik werden von dem Projekt nicht gefördert. Krautreporter funktioniert – trotz gegenteiliger Bekundungen – derzeit noch immer in alter Prägung. Ich schreibe noch, weil ich hoffe, dass es sich zu einem tatsächlichen Experiment des Neuen wandeln könnte:

Hört auf, auf Online-Journalismus zu schimpfen und fangt an, den wirklichen Wert zu erkennen, den Krautreporter gerade hat: seine Leserinnen und Leser. Fast 6000 Leute haben dem Projekt Geld gegeben. Das ist erstaunlich großartig. Das sind fast 6000 Leute, die eine Rolle spielen (wollen). Das tun sie aber nicht. Sie tauchen auf der Seite nicht auf, ihr Interesse wird nicht genutzt. Sie werden lediglich als Multiplikatoren angesprochen, nicht als Teilnehmer.

Hört auf, auf Fernseh-Erwähnungen zu schauen und dämliche Aktivierungsaktionen für einige wenige anzuzetteln. Statt Facebook-Fans zu beschimpfen, die kein Geld geben, sollte ihr euch mit denen freuen, die mitmachen. Bindet sie ein, macht sie zu wirklichen Mitgliedern. Diskutiert mit ihnen, fragt bei ihnen nach und zeigt den Menschen, die noch nicht Mitglied sind, was ihnen entgeht.

Es klingt so blöd, aber fast will ich den Krautreporter zurufen: Macht endlich Crowdfunding und hört auf, einfach nur Geld einzusammeln!

>>> Hier kann man das Projekt unterstützen!

Mehr zur Debatte rund um Krautreporter bei Michalis Pantelouris, Thomas Knüwer, Daniel Fiene, Das Nuf – und natürlich auch hier und hier.

Wer will das?

Es ist ein Nebensatz in einer in Klammern gestellten Zusatzbemerkung: “Wer will das?” fragt Stefan Winterbauer in seinem Meedia-Wochenrückblick, in dem er “reichlich ominöse Benefits” des vergangenen Woche gestarteten Krautreporter-Experiments beschreibt.

“Wer will das?” ist gleichzeitig der Hauptsatz der Crowdfunding-Kampagne für das werbefreie Webmagazin Krautreporter – es ist womöglich die zentrale Frage der digitalen Entwicklung schlechthin: Wer will das? fragt nach Aufmerksamkeit. Wer will das? fragt nach Öffentlichkeit und Reichweite. Wer will das? könnte sich jeder fragen, der heute Inhalte veröffentlicht – es eröffnet den Blick auf den Rezipienten, der vom Leser zum Nutzer und zum zentralen neuen Faktor in digitalen Räumen wurde. Denn Wer will das? braucht heute keine Massen-Antwort mehr, digitale Angebote können über den kleinsten gemeinsamen Nenner hinausgehen und auch mit der Antwort “ein paar Leute” funktionieren, wenn die dann mehr zahlen als der Durchschnitt – Nicholas Lovell hat das sehr lesenswert beschrieben.

Die Frage ist in dem Text, auf den ich heute über das Blog von Stefan Niggemeier verwiesen wurde, allerdings nicht so gemeint. Die Konnotation ist eher mit der “Geht’s noch?”-Frage vergleichbar, die Volker Schütz vergangene Woche auf Horizont stellte: “Bezahlen, um Texte kommentieren zu dürfen? Ja geht’s noch?” schrieb er da über Krautreporter. Wobei auch diese Frage gar nicht so falsch formuliert ist: “Geht das?” fragen die Krautreporter – weil sie auf Basis der digitalen Entwicklungen experimentieren.

Sie kommen zwar nicht ganz so zentral aus dem Herzen des Internet wie Frank Schirrmacher in seinem falsch auf der Krautreporter-Startseite verlinkten Interview behauptet, sie nehmen aber Ernst, was dem Internet zugrunde liegt: die digitale Kopie. Inhalte sind im Netz identisch duplizierbar. Inhalte nutzen sich nicht ab, sie werden nicht weniger, wenn andere sie auch lesen. Inhalte sind im Netz wie Musik, die aus dem Zimmer des Nachbarhauses klingt, wie Überschriften, die man im Vorbeigehen am Zeitungskiosk klaut mitliest oder Erfrischung, die vom Ventilator des Bürokollegen ausgeht (siehe dazu Beispiele von David Weinberger, die in einer Debatte aus dem Jahr 2010 schon stimmten) Anders formuliert: Es sind nicht die Inhalte, für die die Krautreporter bezahlt werden. Sonst hätten sie davon auch welche gezeigt. Das Modell der Krautreporter ist deshalb so spannend, weil hier Teilhabe zum Geschäftsmodell wird – wie David Denk es am Wochenende in der SZ formulierte.

“Paid Content ohne Paywall” nennt Stefan Niggemeier das – was ich allerdings für halb falsch halte. Denn Content wird hier gar nicht bezahlt. Was hier bezahlt wird, ist Kontext. Es ist das Dabeisein. Es ist etwas, was man zur Frühphase von Web 2.0 vielleicht Community genannt hat, was in der Kampagne aber noch viel zu wenig betont wird. “Ich habe”, schreibt Stefan Niggemeier,

… das gute Gefühl, mit dazu beigetragen zu haben, dass es diese Seite gibt. Das ist ein schöner und nicht zu vernachlässigender Bonus-Wert, außer den Inhalten selbst natürlich. Ich bin Teil einer Gemeinschaft.

Er schreibt das in Bezug auf Andrew Sullivans Daily Dish und es zeigt meiner Meinung nach, wo die Chance für Krautreporter liegt, das sehr hoch gesteckte Ziel doch zu erreichen: Sie müssen Stefan Winterbauers Frage ernst nehmen und beantworten: Wer will das? Bisher sieht man die Antwort nicht auf der Startseite. Dabei wäre sie wichtig. Wichtiger als die bloße Zahl (aktuell 4462), denn wie soll ein (mögliches) Krautreporter-Mitglied das Gefühl bekommen, Teil einer Gemeinschaft zu werden, wenn er und sie diese gar nicht sieht?

Wer will das? ist meiner Meinung nach die zentrale Frage für Crowdfunding-Projekte. Die Antwort kann “dieser gute Freund” lauten und mehr bewirken als klassische Testimonial-Werbung. Denn wer ein Testimonial ist, hängt in einer Welt, in der sich der Prominenz-Begriff verschiebt, vielleicht eher vom Rezipienten ab als vom Sender. Ein Facebook-Freund, eine mittelbekannte Bloggerin, ein gern gehörte Podcaster – das sind die besten Testimonials, die Krautreporter haben kann. Und das Tolle daran ist: Krautreporter muss sie gar nicht bezahlen, denn sie zahlen ja im Gegenteil Krautreporter. Man kann es nur bisher nicht sehen.

Wie Journalismus sich verändert (Mai 2014)

Nach den Beweggründen für das von ihr gegründete Techniktagebuch gefragt, antwortete Kathrin Passig unlängst:

“Zum einen vergesse ich, was ich wie gemacht habe, zum anderen vergisst man noch gründlicher und zuverlässiger, warum man die Sachen so gemacht hat”

Deshalb notiert sie gemeinsam mit 22 anderen Autorinnen und Autoren wie Technik das Leben und vor allem den Blick aufs Leben verändert. Ähnliches müsste man auch für den Journalismus sammeln, der sich kontinuierlich und in einer Art verändert, dass man nachher nicht mehr genau sagen kann, was man damals dachte: als die Krautreporter den Online-Journalismus für kaputt erklärten, als in der gleichen Woche FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in einem großen Interview Online-Journalismus in einem Atemzug mit Sklavenarbeit erwähnte …

Wir müssen hier gar nicht von Amazon-Lageristen sprechen. Wenn ich mir ansehe, unter welchen Bedingungen viele Online-Redakteure inzwischen arbeiten und wie sie bezahlt werden, wundere ich mich schon, wie wenig das thematisiert wird.

… als die New York Times ihre Chefredakteurin Jill Abramson entließ und ausgerechnet Buzzfeed anschließend ein Times-internes Dokument veröffentlichte, in dem vor der Gefahr neuer konsequent digitaler Angebote wie eben Buzzfeed oder Vox gewarnt wird. Joshua Benton bezeichnete das Papier anschließend als “Key document of the media age”. Als zentrale Erkenntnis des Innovations-Reports der New York Times (den Thomas Knüwer hier auf deutsch zusammengefasst hat) wurde anschließend der Satz: Die Homepage ist tot verbreitet. Weshalb The Atlantic anschließend fragte, wo der Traffic stattdessen herkommt:

If the clicks aren’t coming from homepages, where are they coming from? Facebook, Twitter, social media, and the mix of email and chat services summed up as “dark social” (dark, because it’s hard for publishers to trace).

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Es war zu dieser Zeit Mitte Mai 2014 als ich zum ersten Mal in dem thematischen Kontext der Veränderungen bei der New York Times das Vox-Format des “StoryStream” (siehe Bild rechts) entdeckte. Es handelt sich dabei sozusagen um die konkrete Umsetzung der These, Nachrichten als Prozess nicht als Produkt zu verstehen. Vox versammelt im StoryStream Update zu laufenden Geschichten und stellt den Kontext ihres Inhalts dar – inklusive externer Aktualisierungen in Form von Tweets und Kommentaren.

Ist dir in vergleichbarer Weise aufgefallen, wie sich der Journalismus verändert? Schreib es mir gerne in die Kommentare!

Netzneutralität – annotiert

Da in dieser Woche der Satz “Der Online-Journalismus ist kaputt” aufkam und da ich ein großer Fan des Annotations-Prinzips bin, will ich hier auf eine Form des annotierten Online-Journalismus zum Thema Netzneutralität hinweisen, die der SZ-Kollege Johannes Kuhn heute Nacht aus San Francisco geliefert hat. Für seine Analyse Zwei-Klassen-Netz mit Fußnoten hat Johannes seine Anmerkungen an dem FCC-Dokument offengelegt:

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Er nutzt dafür den Dienst a.nnotate.com: Dort hat er das Dokument hochgeladen und mit Anmerkungen versehen. Das ist eine Form des Journalismus, die nur in der Welt der Versionierung möglich ist. Sie ist schnell, aber gut. Sie setzt auf Quellenoffenheit und Transparenz und sie zeigt, was Online möglich ist.

Lob des Kontext: Das Remix-Museum

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Das Sprechen über die Kopie erreicht eine neues Dimension: am Sonntag wird in Berlin das Remix-Museum eröffnet, in dem es auch eine Abteilung für Internet-Meme gibt. Die Eröffnung wird von den österreichischen Synchro-Kopierern von maschek und einem Podium begleitet. Zeitgleich erscheint bei iRights ein ebook, das sich mit den Fragen des Remix und der Kopie befasst. Zu “Generation Remix” habe ich einen Text über Phänomeme beigetragen. Darin geht es um den Zauber der Kopie (als Grundlage für die Popkultur der Gegenwart in Form der Internet-Meme) und um die Art und Weise wie Jimmy Kimmel und Jan Böhmermann damit modernes Fernsehen hacken machen.

Zeitlich wie inhaltlich passend stellt der Zündfunk-Generator in seiner aktuellen Folge “Ist die Originalität der Kunst am Ende?” die Thesen von Prof. Wolfgang Ullrich vor, der u.a. im Sommer 2012 die Ausstellung Déjà-vu? Die Kunst der Wiederholung in Karlsruhe kuratiert und auch mich dazu eingeladen hatte. Der Ausstellungs-Katalog ist ein bildstarkes Lob auf die Reproduktion, die Kopie und natürlich den Remix.

Wer sich dafür interessiert, sollte zudem Ullrichs Buch “Raffinierte Kunst” (Amazon-Partnerlink) lesen, das mich beim Verfassen meines eigenen Lobs auf die Kopie sehr inspiriert hat – und auch Grundlage für das Interview war, das wir in “Eine neue Version ist verfügbar” führten. Darin prägt Ullrich den Begriff des Netzwerkstolz, den er dem Werkstolz entgegenstellt. Mit diesem Blick auf das Werk öffnet er – meiner Einschätzung nach – den Weg zur nächsten Dimension des Sprechens über Kunst. In einer Welt, in der Inhalte identisch dupliziert werden können, geht es immer mehr um Kontext.

Mehr zum Remix-Museum bei Georg Fischer, auf Netzpolitik und am Sonntag in der Böll-Stiftung in Berlin (bzw. hier im Stream)

Medium/Message – über öffentliches Schreiben

Ev Williams ist einer der Macher hinter dem Dienst Blogger gewesen und steckt auch hinter dem Erfolg von Twitter. Seit einer Weile arbeitet er nun an einem Angebot, das so eine Art Kombination aus Twitter und Blogger ist: Medium gilt als angesagte Publikationsplattform im Netz, weil sie sehr viel von dem macht, was technisch möglich ist.

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Medium setzt auf Annotationen, nutzt das Followerprinzip von Twitter und beschäftigt einen “director of content”, der im Hintergrund sehr gute Arbeit macht: Kate Lee war Literaturagentin bevor Ev Williams sie Ende 2012 zu Medium holte. Die Arbeit als “director of content” bei einem Dienst wie Medium, der ja zunächst eine Publikationsplattform und kein inhaltiches Angebot ist, zählt zu den neuen Jobs im Feld des digitalen Publizierens (ähnlich wie der Job von Evan Hansen bei Medium). Vermutlich war Kate Lee daran beteiligt, als Beststeller-Autor Walter Isaacson im Winter 2013 erste Entwürfe seines neuen Buches auch auf Medium vorab veröffentlichte und ganz sicher steckt sie hinter dem Projekt, auf das mich Martin Lindner gestern abend hinwies: The Message.

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Immerhin hat Kate Lee den Ankündigungstext für diese neue kollaborative Redaktion Zusammenarbeit auf Medium geschrieben:

We’ve gathered twelve writers and thinkers across technology, media, culture, and academia to publish together in one place—and demonstrate that the sum is greater than its parts. Think of it as a modern version of Dorothy Parker’s Algonquin Round Table, whose members, in the course of conversing on a constant basis, collaborated on creative projects.

The Message ist nicht nur wegen der McLuhan-Anspielung ein äußerst interessantes Projekt. Das liegt zunächst an den Autorinnen und Autoren, die Kate Lee zur Teilnahme bewegen konnte: Mit Andy Baio, danah boyd, Craig Mod, Thinkup-Gründer Anil Dash und Zeynep Tufekci sind prominente Vertreter meines RSS-Readers dabei, die auf Medium nun etwas ausprobieren wollen, was ich als Grundbedingung des Digitalen verstehe: die Versionierung von Inhalten.


Zwölf Autorinnen und Autoren üben sich in “The Message” im öffentlichen Schreiben, sie veröffentlichen Entwürfe, annotieren diese, bearbeiten, streichen und ergänzen – für jeden sichtbar. Das kann scheitern, langweilig sein oder nur begeisterungsfähige Menschen mit viel Zeit interessieren. Darum geht es aber zunächst gar nicht, es geht darum, dass die Message-Autoren ausprobieren, was geht: Sie stehen nicht mehr nur im Beckenrand, sie springen rein.

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Das allein finde ich erstaunlich. Ich bin gespannt, welche Erfahrungen sie dabei machen. Ich bin gespannt, wie der Dienst Medium sich auf Basis von The Message ändern wird. Werden bei einer solchen öffentlichen Art des Schreibens nicht Metadaten eine viel größere Rolle spielen müssen (ich muss jedes Mal sehr lange suchen bis ich überhaupt ein Datum bei einem Medium-Text finden)? Wie werden Annotationen und Kommentare filter- und strukturierbar, wenn mehr Menschen an einem solchen Experiment teilnehmen? Und vermutlich am bedeutsamsten: Wie verändert eine solche Redaktion Zusammenarbeit von Autoren unser Verständnis von Büchern, Publikationen und ganz generell: von Text?

Mein Medium-Account läuft unter @dvg, meine Begeisterung für das Projekt begründet sich in meinem Buch zum Thema.