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Social Media Gelassenheit (Digitale Januar Notizen)

Der folgende Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“. In der vollständigen Version ist auch die Herkunft des unten stehenden Bildes erläutert. Hier kostenlos abonnieren!

Dieser Januar 2016 reichte von der Terrorwarnung in der Silvesternacht in München über das, was zu gleicher Zeit am Kölner Hauptbahnhof geschah bis vor das Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin. Bei allen drei Folge-Debatten spürte ich die Sehnsucht nach dem Shruggie
¯\_(ツ)_/¯

Regelmäßige Leser der Digitalen Notizen kennen meine Sympathie für das Schulterzucken. In diesem Monat aber wünschte ich mir den Shruggie wegen seiner Distanziertheit. Wegen einer Haltung, die ich als (Social-Media-)Gelassenheit beschreiben würde – und die wir allesamt erst lernen müssen.

Es ist viel geschrieben worden in den vergangenen Wochen darüber, wie man mit dem heißlaufenden Meinungsmotor auf Facebook, Twitter und in klassischen Medien umgehen könne – gelegentlich auch Gutes. Stets rieten die Autor*innen dann auf die eine oder andere Weise zu Mäßigung, zu Distanz und zu Gelassenheit.

Das klingt sehr banal, wenn es liest, ohne dass der Meinungsmotor läuft. Wenn er aber anspringt, wird es enorm schwierig, sich daran zu halten. Deshalb lohnt es sich, sich in ruhigen Zeiten einen Kühlungsmechanismus vorzubereiten. In den Social-Media-Seminaren, die ich gelegentlich gebe, rate ich Community-Managern gerne, ihre Antwortposts auf ärgerliche Foreneinträge oder Leserbriefe vor dem Abschicken laut dem Zimmernachbarn vorzulesen: laut, langsam und deutlich.

Denn das laute Lesen hilft nicht nur, Rechtschreibfehler zu entdecken, es ist auch eine wunderbare Distanzierungs- und Mäßigungsmaschine. Auch Aufstehen, Toilettenbesuche oder Seilspringen sind taugliche Mittel, um sich dem Sog der Debatte zu entziehen und den eigenen Ton zu mäßigen. In einem Jahr (vermutlich sogar schon in einer Woche) wird sich keiner mehr richtig dafür interessieren, was sich in dieser Sekunde anfühlt wie das wichtigste, ärgerlichste oder erfreulichste Thema der (Web-)Welt.

Der Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen nennt den Reflex, der in derartigen Situationen einsetzt "kommentierenden Sofortismus" und erklärt "Damit meine ich – im Angesicht oft unsicherer, aber sofort verfügbarer Informationen – die Ad-hoc-Interpretation mit maximalem Wahrheitsfuror." Gegen diesen Reflex hilft – und der Shruggie illustriert dies auf wunderbarste Weise – einzig der Zweifel, sich selbst zu hinterfragen: Vielleicht ist ja auch das Gegenteil dessen richtig, was man gerade im Moment für eine unumstößliche und dringend zu postende Wahrheit hält.

Der Shruggie (in mir) rät deshalb:
Es ist nie falsch, erstmal digital gelassen zu bleiben, wenn….

… man emotional berührt ist und dringend etwas veröffentlichen will.
… man was Doofes im Internet liest.
… jemand Links aufs etwas unfassbar Doofes postet.
… ein Nazi Nazisachen postet.
… jemand, den man vorher nicht als Nazi kannte, Nazisachen postet.
… ein Tier in einem blöden Witzfilmchen nicht 100 Prozent artgerecht behandelt wird.
… man etwas liest, was super richtig ist und endlich mal gesagt werden musste.
… Till Schweiger oder ein anderer Facebook-Prominenter sich zu Wort meldet (ja, das gilt auch für Jan Böhmermann)
.
… die Freundin eines Bekannten einem entfernten Facebook-Freund eine Schauergeschichte erzählt hat, die dieser wiederum als Wahrheit postet.
… es jetzt aber echt mal sein muss.

Das heißt alles nicht, dass man diejenigen Punkte, die man in dieser Liste für Fehlverhalten hält, unkommentiert hinnehmen muss. Man kann sich an die Seitenbetreiber wenden, Beiträge melden, Nutzer sperren lassen und sogar bei der Polizei Anzeige erstattet, wenn dies angebracht ist. Und selbstverständlich kann man und soll man auch online diskutieren, Links posten und teilen. Nach diesem Monat bin ich jedoch davon überzeugt: Die Diskussion wäre in keiner einzigen Kommentarspalte und in keinem einzigen Facebookthread schlechter gewesen, wenn sie gelassener geführt worden wäre!
 

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletter Digitale Notizen

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„Gute Geschichten entdecken, die wirklich wertvoll sind“ – Interview mit Michaël Jarjour von Blendle

Sollte ich mich auf die Suche nach den Journalisten des Jahres 2015 machen, ich müsste auch mal im Team von Michaël Jarjour nachfragen. Der Redaktionsleiter von Blendle-Deutschland verschickt seit vergangenem Jahr einen täglichen Newsletter, der Werbung für den Bezahldienst Blendle (itunes für Journalismus) ist, aber auch eine gut kuratierte Presseschau derjenigen Medien, die man über Blendle lesen kann. Eine besondere journalistische Stilform, die meiner Einschätzung nach an Bedeutung gewinnen wird, als Arbeitsgebiet für Journalisten aber manchmal vergessen wird.

Nicht nur weil ich diese Auswahl mit Freude lese (hier mein Blendle-Account), habe ich mich mit Michaël in den vergangenen Monaten immer wieder ausgetauscht und ihm ein paar Fragen zu seinem Job gemailt. Hier sind seine Antworten zum Kuratieren im Journalismus

Ein Gespräch übers Fischen und Finden: Kuratieren als journalistische Tätigkeit, Foto: Brian Erickson (Unsplash)

Seit Blendle in Deutschland gestartet ist, liest Du mit deinem Team täglich was in Deutschland publiziert wird und wählst gute Geschichten aus. Wie lang braucht ihr um jeden Tag alles zu lesen?
Wir sind ein Team von fünf Leuten und wir arbeiten an sieben Tagen der Woche. Lesen ist natürlich nicht das einzige, was wir tun, aber der Großteil unserer Arbeit.

Und: ist das mehr Spaß oder mehr Qual?
Ach das ist großartig! Es ist ein richtig gutes Gefühl, für unsere Nutzer ein Problem zu lösen. Nämlich ihnen zu helfen, in der Informationsflut gute Geschichten zu entdecken, die wirklich wertvoll sind. Es gibt kein besseres Gefühl, als über ein Stück zu stolpern, das so richtig gut ist. So eins, das du nicht mehr vergisst. Weil du nach dem Lesen etwas verstanden hast, das du schon immer wissen wolltest, oder eines, das etwas in Worte fasst, die du nie gefunden hast. Oder halt eines, das richtig Spaß macht. Es gibt nichts Schöneres!

Ich persönlich mag Eure täglich Auswahl sehr, sie hilft mir, mehr Texte zu lesen als vorher. Aber es gibt auch Leute, die das reine Auswählen nicht als Journalismus verstehen. Seht Ihr Euch als Journalisten?
Das freut mich echt sehr, dass wir von dir und von sehr vielen unserer anderen, weniger prominenten Nutzer*innen, geschätzt werden. Mein Team und ich sehen uns absolut als Journalisten. Wie jeder andere unserer Kollegen, sortieren wir Informationen — in unserem Fall Artikel — gewichten sie und geben sie an unsere Leser*innen weiter, so dass diese sie nutzen können. Die Flughöhe ist anders als am Newsdesk oder auf Reportage, aber der Vorgang ist ähnlich. Ich sehe uns aber auch als Dienstleister. Journalisten haben es in den vergangenen Jahren sträflich vernachlässigt, nützlich zu sein oder den Nutzen ihrer Arbeit zu erklären. Das tun wir jeden Tag und lernen dabei selbst sehr viel über guten Journalismus.

Und vermisst du das selber Schreiben manchmal?
Ja. Vor allem das Radio machen. Aber dafür gibt’s bei Blendle manchmal Ferien.

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Wo lernt man Kuratieren/Auswählen?
Wir lernen sehr viel von den Zahlen. Die zeigen uns genau, was wie oft gelesen wird. Aber die spannendste Zahl ist für mich die Rückgaberate. Auf Blendle kann man Artikel zurück geben, wenn sie nicht gefallen und erhält dann sein Geld zurück. Diese Zahl schaue ich so genau an wie keine andere. Wenn also ein Artikel stark geklickt und kaum zurückgegeben wird, haben wir unsere Arbeit gut gemacht. Wenn sie stark geklickt wird, aber oft zurückgegeben, haben wir das richtige Thema gewählt. Aber vielleicht den falschen Artikel. Oder wir haben den richtigen Artikel nicht gut genug angeteasert, zu unklar formuliert. In dieser Zahl steckt die ganze Enttäuschung, die in den vergangenen Jahren im “Online-Journalismus” entstanden ist. Dass man genötigt wird, zu klicken, weil Informationen zurückgehalten werden. Wir arbeiten genau am Gegenteil. Unsere Leser*innen sollen ganz genau wissen, was sie kriegen. Denn sie bezahlen Geld dafür. Und sie haben die volle Kontrolle, es wieder zurück zu verlangen. Das, glaube ich, macht unsere Arbeit besser, aber künftig hoffentlich auch die Arbeit von schreibenden Journalisten und Journalistinnen.

Worauf muss man achten?
Wir wollen unseren Leser*innen die Möglichkeit geben, nicht nur mitreden zu können, sondern zu den aktuellen Themen auch wirklich etwas zu sagen zu haben. Das Wichtigste ist für uns, für unsere Leser*innen nützlich zu sein. Ich liebe kuratierte Produkte wie Techmeme oder Mediagazer. Auf die kann ich mich verlassen, sie sind effizient und sie sind ehrlich.

Euer Chef hat unlängst angekündigt, dass Blendle im Bereich Discovery einiges im neuen Jahr plant. Werdet Ihr als auswählende Journalisten dann überflüssig?
Natürlich nicht. Ich liebe dieses Projekt, an dem ich selbst mitarbeite. Wir haben bei Blendle einzigartige Einblicke dazu, welchen Journalismus Leser*innen mögen und für welchen sie bereit sind, Geld auszugeben. Ein Beispiel ist die Rückgaberate, von der ich vorher erzählt habe. Es wäre irrwitzig diese wertvolle Information nicht strukturiert zu nutzen. Das Redaktionsteam wird aber weiterhin für die Auswahl der Artikel zuständig sein. Wir werden dann nur dafür sorgen, dass unser Algorithmus die Artikel den richtigen Menschen zeigt. So bekommen wir die Möglichkeit, auch Nischenthemen zu behandeln und nicht nur massentaugliches. Das ist ein riesiger Vorteil und das können nur wir. Diese Angst davor, unnütz zu sein ist viel zu verbreitet im Journalismus. Davon müssen wir wegkommen und die Technologien so mitgestalten, dass sie unsere Arbeit als Journalisten besser machen.

Welches war deine Lieblings-Geschichte, die du 2015 empfohlen hast?
Ach, es gab so viele gute Geschichten. Zwei, die mich besonders beeindruckt haben: Eine aus dem Cicero, ein Magazin, das ich vorher nie gelesen habe, weil es einfach zu schwer war, ran zu kommen. Ich war da noch im Ausland. Die Geschichte heißt “War ich zu hart, Edmund?” und rekonstruiert die Tage vor und nach der Rede von Putin an der Münchner Sicherheitskonferenz 2007. Sehr informativ, so gut recherchiert und geschrieben. Wenn er da schreibt, dass der ganze Saal erstarrte, und John McCain säuerlich grinst, und Putin mehr oder weniger seine ganzen Pläne offenlegte — super stark. Gibt’s hier auf Blendle. Eine andere, die mich sehr beeindruckt hat, und die ich so schnell nicht vergessen werde, war aus der Zeit: “Die Hölle, das ist der andere” hieß die. Da geht es um zwei Al-Kaida-Geiseln, die in der gleichen Zelle eingesperrt waren, und sich dort zu hassen lernten. Geschrieben hat die Bastian Berbner. Er lässt die beiden einfach erzählen. Die hatten vorher noch nie zusammen ein Interview gegeben. Er hat mit beiden einzeln gesprochen, und ihre Erzählungen dann hochdramatisch zusammengestellt. So! unglaublich! gut! (Gibt’s hier mittlerweile kostenlos.)

Mehr zum Thema Kuratieren als Journalismus: ein Interview mit Ronnie Grob, der jahrelang die Rubrik „6 vor 9″ beim Bildblog betreut – und für den gerade dieser Tage ein Nach-Nachfolger gesucht wird.

Ein paar Ideen fürs neue Jahr!

Im Digitale Notizen-Newsletter sammeln wir gerade Ratschläge für 2016 – hier ein paar Tipps zur Inspiration!

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1. Daten trauen
Erst war ich geschockt, dann aber habe ich gemerkt, dass es gut ist, dass der Computer, der mir Woche für Woche in Spotify Musik empfiehlt, mich gut kennt. Discover Weekly ist ein tolles Format, das mir sehr gefällt. Ebenfalls eine Entdeckung, die auf Daten basiert: selfnation.de

2. Mehr Dendemann schauen!
Vor lauter (berechtigter) Begeisterung für Böhmer- ging der Dendemann in diesem Jahr fast ein wenig unter. Der musikalische Sidekick aus dem Neo Magazine Royal liefert Woche für Woche #TheRappening genannte Kurzkommentare, die für mich mindestens die TV-Entdeckung des Jahres sind. Dass ich sie nicht ein einziges Mal im klassischen Fernsehen angeschaut habe, sagt mehr über das klassische TV als über die gerappten Leitartikel des ehemaligen EinsZwo-Rappers. Denn das sind sie zum Teil tatsächlich: tagesaktuelle Kommentierungen, die im Digitalen leben. Unterhaltsam und teilbar.
Dass er dabei im letzten Beitrag des Jahres („Das Leben ist ein Remix“) die Mashup-Kultur feiert (wie auch in den tollen Logo-Remixen auf seiner Website), macht es besonders sympathisch.

3. Longreads lesen
Nicht nur aufgrund eigener Prägung: Ich glaube, dass die lange Strecke Zukunft hat. Lange Lesestücke (die vielleicht sogar länger sind als übliche Magazin-Texte und kürzer als klassische Bücher) finden im Digitalen zunehmend ihre Leser – und Seiten wie Reportagen.fm oder Liesmich bedienen dieses Interesse wunderbar. Besonders möchte ich hier für Longreads-Freunde Das Buch als Magazin empfehlen, das nicht nur eine tolle Idee sehr lesenswert in die Tat umsetzt, sondern auch immer wieder Lesefreude verbreitet.

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4. Kontext beachten
Im abgelaufenen Jahr habe ich die Vorteile von Nuzzle schätzen gelernt. Das Besondere dabei: der Aggregator nutzt das Kontext- und Netzwerkwissen um Inhalte zu empfehlen. Wer zum Beispiel auf meine Nuzzle-Seite geht, erhält Hinweise auf Basis meines Netzwerks. Nuzzle ist damit einer der Dienste, der die Idee der Verbindung im Web konsequent in die Tat umsetzt: Vom Werk zum Netzwerk heißt dabei eben auch die Kontexte zu beachten.
Da ich selber viele gute Hinweise durch Nuzzle erhalten habe, lautet eine weitere Idee für 2016: Nuzzle ausprobieren – aber auch Piqd ein Dienst, der aus Deutschland stammt und das ganze etwas redaktioneller angeht.

5. Medien Inside!
Das Verhältnis zwischen Medien und denjenigen, die früher mal als Publikum bezeichnet wurden, verändert sich gerade grundlegend. Nicht nur, dass wir die von Lawrence Lessig beschriebene Read-Write-Society in allen ihren (auch unschönen) Ausprägungen kennen lernen. 2015 bemerkten wir zudem: Es gibt Technik-Anbieter, die gerade sehr viel dafür tun, sich zwischen den Produzenten und Konsumenten klassischer Medieninhalte zu schieben: Apple News oder Facebooks Instant Article sind ein süßes Reichweitenversprechen, sie sind aber vor allem der Versuch, Kontextwissen zu produzieren und zu nutzen (das gilt übrigens nicht nur für Journalisten, sondern auch für Pizzabäcker).
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Ich glaube, eine zentrale Idee (nicht nur für 2016) könnte darin liegen, dass Medien sich darauf konzentrieren, einen direkten Kontakt zu ihren Kunden (gilt für Leser wie Anzeigenkunden) aufzubauen (Stichwort: Adblocker). Und dort, wo das nicht gelingt, sollten sich Medien von dem inspirieren lassen, was die Firma vormacht, in der Bob Gore 1957 auf die Idee kam, ein Polytetrafluorethylen-Band zur Isolierung von Drähten zu nutzen. Heute ist die Firma Gore-Tex u.a. dafür bekannt, Gewebe herzustellen, die wasserabweisend und atmungsaktiv sind. Diese Technologie wird aber keineswegs nur in eigenen Produkten eingesetzt, sondern auch in Kleidung von anderen Herstellern – allerdings mit einem klaren Hinweis auf den Absender. Auch der Chip- und Prozessorhersteller Intel setzt auf diese „Inside“-Kommunikation: Man kann Produkte der Firma in anderen Produkten kaufen. Medien werden das in ihrem Verhältnis zu den großen Netzwerken nicht eins zu eins nachahmen – sich aber in jedem Fall davon inspirieren lassen können.

6. Auf den Kalender schauen
Wenn 2015 das Jahr des Newsletters war, dann wird 2016 das Jahr der Push-Notification, sagt Melody Kramer – und ich glaube, das könnte stimmen. Deshalb sollte man auf Kalender achten. Denn meiner Meinung nach gibt es bereits tolle Push-Notifications: digitale Kalender. Für das Projekt Langstrecke aber auch für meine eigenen Veröffentlichungen möchte ich deshalb 2016 einen öffentlichen Kalender führen. Den öffentlichen DVG-Kalender können Sie hier im iCal-Format (Link kopieren) und hier im HTML-Format (Link kopieren) abonnieren.

ebook_Diese Liste stammt aus dem Digitale Notizen-Newsletter (für den Sie sich hier kostenfrei eintragen können). Leser*innen des Newsletters (die übrigens ein kostenloses eBook bekommen haben) teilen für die nächste Folge Tipps und Ratschläge untereinander. Wenn Sie auch teilnehmen wollen: hier geht es zur Umfrage.

Das Ende des Durchschnitts – der Lauf zum Buch

Wenn ich erklären soll, was den Zauber von Social Media ausmacht, verwende ich gerne die kleine Tipprunde als Beispiel, in der ich seit Jahren mit tollen Kollegen Bundesliga-Endstände vorherzusagen versuchen (mit pesönlich mäßigem Erfolg). Wir tippen Fußballspiele und machen so aus dem allgemeinen Ergebnis eines Spiels ein soziales Erlebnis. Der Endstand einer Partie bekommt durch den sozialen Kontext der Tipprunde plötzlich eine besondere Bedeutung. Denn es wäre mir eigentlich egal, wenn Hoffenheim in der letzten Minute den Ausgleich in Ingolstadt erzielt – wenn ich nicht dadurch drei wichtige Punkte im Tippspiel eingebüßt hätte, weil der Treffer meinen Tipp zerstört…

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Diese besondere, persönliche Bindung an das Spiel ist durch die Vernetzung des Digitalen möglich. Sie steht für mich für das, was man Social Media nennt – Facebook, Twitter oder Instagram, die man gemeinhin mit dem Schlagwort Social Media gleich setzt, nutzen diese Vernetzungs-Möglichkeiten. Das Prinzip „Social Media“ geht aber über die Dienste hinaus, es ist das Prinzip des Netzwerkens, das Prinzip der Kontexte.

Aus dieser Perspektive drängt sich zum Beispiel die Frage auf, warum der Anbieter, auf dessen Plattform wir Woche für Woche Ergebnisse tippen, keine soziale Öffnung anbietet. Man kann lediglich in Tipprunden gegeneinander antreten, es ist allerdings nicht möglich das eigene Ergebnis in andere Kontexte zu übertragen – und z.B. auch mit Bekannten zu vergleichen, die in anderen Tipprunden tippen (oder ich habe das übersehen).

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Seit diesem Wochenende habe ich ein neues Bild, um den Zauber von Social Media zu beschreiben. Und wieder hat es mit Sport zu tun: Es ist ein Stadtlauf, der in allen Städten der Welt zur gleichen Zeit stattfindet. Die Macher nennen ihn den #Global5K, einen Lauf über fünf Kilometer, an dem angeblich über 230.000 Menschen weltweit teilnehmen – ohne dass sie sich sehen können, sich kennen oder an einem gemeinsamen greifbaren Ort sind (bei Twitter und Instagram dokumentiert) Die Distanz wird von einer App gemessen, deren Macher den Lauf veranstalten. Ein Lauf, der wie das Tippspiel über das objektive Ergebnis hinaus geht. Ein Lauf, der auf den Prinzipien von Social Media basiert und ein tolles Symbol ist für das, was ich Das Ende des Durchschnitts nenne. Denn es gibt nicht mehr die eine Start- und Ziellinie, die für alle gleich gilt. Es gibt unzählige Starts und Zieleinfläufe weltweit – verbunden sind alle Läufer durch die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung. Sie sind dadurch mess- und überwachbar, aber sie sind dadurch auch auf eine neue Weise verbunden.

Wenn man die Ambivalenz der neuen Möglichkeiten verstehen will, muss man verstehen, wie der Global5K sich von gewöhnlichen Läufen unterscheidet. Er schafft Das Ende des Durchschnitts, das die Massengesellschaft des 20. Jahrhunderts bestimmte – unter diesem Arbeitstitel recherchiere ich derzeit an einem Buch, das sich mit genau damit befasst: wie die Möglichkeiten der Personalisierung unsere Gesellschaft verändert.

Auch deshalb bin ich heute mitgelaufen.

Dazu muss man Folgendes wissen: Ich bin das, was Läufer einen Jogger nennen. Ein sporadischer Sportler, der keine neonfarbende Laufkleidung besitzt, sich aber gerne im Park bewegt. Als solcher nutze ich seit einer Weile die App, die u.a. mit Hilfe des genannten Events Menschen auf der ganzen Welt verbinden – und zu zahlenden Käufern ihres Premium-Angebots machen will. Das ist mir klar, wenn ich die Dienste der App nutze (u.a. Laufzeit, Tempo und Strecke aufzeichnen lassen). Und dennoch nutze ich sie mit großer Freude und war heute vormittag auch entsprechend enttäuscht, weil sich mein Start bei meinem ersten größeren Laufevent verzögerte: Mein Smartphone hatte GPS-Probleme, die App konnte nicht ermitteln wo ich bin – und folglich auch nicht messen wie schnell ich wo lang laufe.

Also lief ich ein wenig im Park, ohne dabei vermessen zu werden. Dann irgendwann (in der Nähe einer Straße) fand die App ein Signal und ich startete. Als ich einige Minuten später meine Geschwindigkeit kontrollieren wollte, traute ich meinen Augen nicht: ich war mit einem unfassbaren Tempo unterwegs. 17:55 Minuten hat mir die App für die fünf Kilometer bestätigt. Das macht eine Kilometer-Zeit von 3:34 Minuten. Das ist selbst für einen Jogger wie mich ziemlich gut.

Es ist aber vor allem: gelogen. Denn während ich lief, hatte die App erneut GPS-Probleme und kritzelte statt meiner tatsächlichen Laufstrecke eine merkwürdig gerade Linie ins Profil. Mir ist das klar, der App nicht. Sie hat die genannten Kilometerzeit gespeichert. Das ist schön, aber ziemlich weit von meinem tatsächlichen Tempo entfernt.

Da es mir aber nicht um die Geschwindigkeit, sondern um die Metaphorik des Laufs ging, war ich darüber nur mäßig enttäuscht. Denn die 3:34 Minuten beweisen vor allem, dass man blanken Zahlen nicht trauen darf. Ihr Kontext ist bedeutsam – der Kontext der Entstehung wie auch jener der Weiternutzung. Abstrahiert man dies von meinem kleinen Laufe heute vormittag, wird der Kontext zur zentralen Größe in unserem Umgang mit Daten und der Digitalisierung. Davon handelt das Buch, in dem ich darzulegen versuche, worin die Chancen aber auch die Trugschlüsse am digitalen Wandel liegen. Dabei wird auch der heutige Laufe eine Rolle spielen – denn zu allem Überfluss wird er nicht mal zählen. Denn als ich ihn speichern wollte, stellte ich fest, dass die Ankündigung der Macher („Laufen Sie am 6.12. fünf Kilometer“) erst ab 12 Uhr mittags galt.

Zu der Zeit war ich aber schon lange im Ziel …
(Hier gehts zum Buch)

Update: die App hat Ergebnisse veröffentlicht!

beitragsbild

Herzlich Willkommen …

… auf der Website von Dirk von Gehlen.

Ich bin Autor und Journalist und lebe in München. Bei der Süddeutschen Zeitung leite ich die Abteilung Social Media / Innovation. Ich schreibe Bücher und halte Vorträge. Auf dieser Seite können Sie meine Vita und Fotos einsehen.

Die Digitalen Notizen sind mein privates Weblog, in dem ich seit 2007 interessante Merkwürdigkeiten aus der Medienwelt notiere. Sie können mir auf Twitter folgen, meinen Newsletter abonnieren oder eine Mail an dirkvongehlen (at) gmail (punkt) com senden.

loading: Tilman Rammstedt und Morgen mehr

Bücher sind mehr als fertige, abgeschlossene Produkte. Zu jedem Buch gehört auch immer ein Entstehungsprozess, der spannend und in jedem Fall einzigartig und unkopierbar ist. In „Eine neue Version ist verfügbar“ habe ich diesen Gedanken aufgeschrieben und deshalb freue ich mich, wenn ein großer deutscher Verlag jetzt ein Buch veröffentlicht, das seinen Entstehungsprozess öffentlich macht: „Morgen mehr“ ist der neue Roman von Tilman Rammstedt – und es ist ein spannendes Crowdfunding-Projekt aus dem Hanser-Verlag.

Verlagschef Jo Lendle hat dazu den loading-Fragebogen beantwortet

Was macht ihr?
Tilman Rammstedt schreibt seinen neuen Roman – und erstmals ist es möglich, ihm täglich dabei zuzuschauen: Jeden Morgen bekommen Abonnenten zugeschickt, was am Vortag entstanden ist, zum Mitlesen oder als vom Autor eingelesenes Hörstück.

Warum macht ihr es (so)?
Es verkürzt so vergnüglich die Zeit bis zum Erscheinen des Buches. Und die täglichen Lieferungen steigern hoffentlich Neugier, Nähe & Nervosität.

Wer soll sich dafür interessieren?
Literaturfreunde. Abenteuerfreunde. Menschen, denen Daily Soaps nicht länger genügen.

Wie geht es weiter?
Am 11. Januar beginnt Tilman Rammstedt zu schreiben. Dann gnade ihm Gott. Oder uns.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Die Zeit zwischen Abo-Abschluss und Schreib-Start kann man erbaulich mit dem Lesen von Tilman Rammstedts bisherigen Büchern oder seinen Beiträgen auf Freitext verbringen.

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Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Bin ich jetzt im Fernsehen?

Pädagogen überall auf der Welt versuchen es ihren Schülerinnen und Schülern beizubringen: das Internet ist ein öffentlicher Ort. „Was du hier postest, kann weite Kreise ziehen.“ Das weiß man natürlich und doch ist man einigermaßen überrascht, wenn das eigene Sonntagnachmittag-Foto plötzlich im TV zu sehen ist.

Es geht um dieses Bild, das ich am Sonntag auf Instagram mit dem Hashtag #herbst postete. So kam das Bild auf 24 „Gefällt mir“-Herzen, aber auch ins Sichtfeld des Morgenmagazins. Dort konnte man es am Montag um kurz vor neun Uhr bundesweit in ARD und ZDF sehen – als Bebilderung für einen kleinen Schwatz zum Ende der Sendung:

Im Bild sieht man ein Instagram-Logo und durch das, was die Moderatorin sagt, entsteht der Eindruck, ich habe das Bild eingeschickt. Das ist nicht der Fall. Ich habe es öffentlich ins Netz gepostet und dabei den Nutzungsbedingungen von Instagram zugestimmt, damit „gewährst du Instagram hiermit eine nicht-exklusive, vollständig bezahlte und gebührenfreie, übertragbare, unterlizenzierbare, weltweite Lizenz für die Nutzung der Inhalte, die du auf dem oder durch den Dienst postest.“

Deshalb habe ich auch kein Problem damit, dass das Foto plötzlich im Fernsehen auftaucht. Ein Problem habe ich damit, dass sie den kleinen See im Nymphenburger Schlosspark als Teich bezeichnen – und dass ich eher durch Zufall von meinem Fotografen-Ruhm erfahren habe. Sie hätten ja mal vorher Bescheid sagen können…

Instagram

Livejournalismus: Twitch macht Atelierbesuche

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Im Interview für das Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ sagte mir der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich dieses Sätze, von denen ich nicht dachte, dass ich sie mal unter ein Foto des Streaming-Dienst Twitch schreiben würde:

„Das Privileg des Atelierbesuches ist uralt. Das haben wir natürlich bei den Salonmalern im späten 19. Jahrhundert, da gab es einzelne Stunden in der Woche, in denen das Atelier öffentlich besuchbar war, natürlich nur gegen Voranmeldung, aber immerhin. In der Zeit der Hofkünstler war es üblich, dass der Herrscher jederzeit mal reinschauen durfte. Michelangelo versuchte, dem Papst zu verbieten, dass der sich vor Ort umguckt, wie die Fortschritte in der Sixtina sind. Das war ein Machtkampf.“

Der obige Screenshot stammt von einem Atelierbesuch – bei der Malerin zLadyLuthien, die auf Twitter als ElvishAtHeart aktiv ist. Sie nutzt den Dienst, der unter Gamern bisher bekannt war, weil man hier Live-Streams von Computerspielen verfolgten konnte, um Kunst erlebbar zu machen. Seit kurzem nämlich bietet Twitch ein Ressort für Kunst und Kultur. Der Kanal heißt Creative und trägt einer Bewegung Rechnung, die Bill Moorier von Twitch so beschreibt: „A couple years ago I started to notice a new type of stream happening. Broadcasters would get tired of gaming and fire up photoshop and start sketching game related art.“

Anders ausgedrückt: Kreative Menschen vernetzten sich und ihre Kunst im Erleben durchs Internet. Es ist sozusagen ein Atelierbesuch im Digitalen, ein Beweis für die These, dass die Digitalisierung aus Produkten Prozesse macht, dass das Erlebnis dem Ergebnis ergänzt wird. All das habe ich in Eine neue Version ist verfügbar beschrieben und mit dem Begriff Livejournalismus zu fassen versucht. Nun zeigt der Erlebnisdienstleister Twitch, der im Sommer 2014 von Amazon gekauft wurde, welche konkreten Optionen sich dadurch ergeben.

Man muss nach vorne denken

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Ich bin Fan des VfL Bochum. Das ist ein nicht nur erfreuliches Hobby (siehe dazu hier, hier und hier) . In den vergangenen Wochen macht #meinvfl aber auf und auch neben dem Fußballplatz viel Freude. Der Verein hat in der Werbe-Aktion der Bild-Zeitung Solidarität mit dem FC St. Pauli gezeigt und Cheftrainer Gertjan Verbeek (der die Mannschaft an die Spitze der zweiten Liga geführt hat) wurde bundesweit viral verbreitet, weil er sich über die Bild-Zeitung empörte (im Video ab ca. 2.20 Min) Hintergrund dazu hier

In dieser Woche nun hat Verbeek der FAZ ein Interview gegeben, in dem er über seine Perspektive auf Fußball gesprochen hat. Das Gespräch ist aber auch für Nicht-Fußballer und Nicht-Sportler interessant, denn der Cheftrainer des VfL Bochum sagt etwas sehr Wichtiges über unseren Umgang mit Veränderung und über die Rolle der Angst in diesem Zusammenhang:

„Man hat nur Spaß, wenn man seine Kreativität ausleben kann (…). Wenn man die ganze Zeit defensiv denken und arbeiten muss, dann bekommt man viel negative Energie (…) und das wird am Ende zu wenig sein. Man entwickelt sich dann nicht mehr. Man muss deshalb offen sein für neue Ideen, man muss kreativ sein und nach vorne spielen, nach vorne denken und den Glauben haben, dass man sich weiterentwickeln kann. Ich will ein Trainer sein, der das vorlebt, dann kommen der Spaß und der Glauben von selbst.
(…)
Ich denke nicht in Problemen, sondern in Lösungen. Nehmen Sie die aktuelle Flüchtlingswelle, sie ist ein Problem, klar, aber wenn man sie nur als Problem sieht, kommt man nicht weiter. Man muss sie als Tatsache sehen und nach Lösungen suchen, wie wir diese Menschen unterbringen, wie wir zusammen mit ihnen leben können. Und um Lösungen zu finden, braucht man positive Energie, braucht man Kreativität. Destruktivität führt nur zu Ärger, nicht zu Lösungen.
(…)
Mit Angst im Körper kann man seine Leistung nicht bringen. Wenn man Angst hat zu verlieren, wird man verlieren. Angst erzeugt ein ungutes Gefühl, aber um ein optimales Resultat zu erreichen, muss man ein gutes Gefühl haben.

Ich werde auch nach wiederholte Lektüre das Gefühl nicht los: Verbeek spricht gar nicht über Fußball, er spricht über Journalisten und den Medienwandel!

(Foto: Stadion des VfL Bochum; fotografiert von ScaarAT via Flickr; CC BY-NC 2.0)