Alle Artikel in der Kategorie “DVG

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Herzlich Willkommen …

… auf der Website von Dirk von Gehlen.

Ich bin Autor und Journalist und lebe in München. Bei der Süddeutschen Zeitung leite ich die Abteilung Social Media / Innovation. Ich schreibe Bücher und halte Vorträge. Auf dieser Seite können Sie meine Vita und Fotos einsehen.

Die Digitalen Notizen sind mein privates Weblog, in dem ich seit 2007 interessante Merkwürdigkeiten aus der Medienwelt notiere. Sie können mir auf Twitter folgen oder eine Mail an buero (at) dirkvongehlen (punkt) de senden.

Was ist eigentlich ein Buch?

Amazon hat in der leider viel zu selten geführten Diskussion über diese Frage in diesem Monat einen interessanten Gedanken angestoßen. Der Kaufhaus-Verleger-Großkonzern hat angekündigt, ab 1. Juli sein Vergütungsmodell für Autoren im Pauschalmodell Kindle Unlimited zu verändern. Nicht mehr die Anzahl der Leihvorgänge, sondern die Anzahl der tatsächlich gelesenen Seiten soll künftig die Höhe der Ausschüttung an die Autoren bestimmen. Verkürzt wurde daraus: Autoren sollen nach gelesenen Seiten bezahlt werden, was anschließend vor allem von Leuten kommentiert wurde, die die Lesepauschale offenbar nicht nutzen.

Das tue ich auch nicht – ich habe aber zum Beispiel bei Johannes Haupt auf lesen.net nachvollzogen, warum diese Veränderung im Bezahlmodell in Kindle Unlimited – entgegen der ersten Annahme – eher Autoren von längeren Texten nutzen wird. Er berichtet von „einer Flut von relativ kurzen 99-Cent-Serial-Titeln, die bei der bisherigen Vergütungsstruktur gleich einen doppelten Vorteil hatten. Mit ihnen erreichten Autoren schneller die 10-Prozent-Marke (ab der vergütet wird), und durch das Serien-Prinzip kassierten sie bei der Lektüre des gleichen Buches durch den gleichen Leser gleich mehrfach. Lesern konnten die mehrfachen Downloads dank Flatrate egal sein; das Nachsehen hatten vor allem Autoren längerer Titel, die sich nicht auf das Splitting-Spiel einließen.“ Das will Amazon nun ändern – und eröffnete damit quasi nebenbei eine Kultur-Debatte über die Frage: Was ist überhaupt ein Buch? Die taz beklagt eine Schnipsel-Honorarmodell, die SZ sieht die Veränderung als nächsten Schritt „zum normierten Lesen“ und die NZZ fragt unkend, ob bei diesem Modell, „tatsächlich auch die beste Literatur die besten Chancen hat“.

Mich erinnerte diese Berichterstattung an die Szene, die der ehemalige FAZ-Autor Stefan Schulz Anfang Mai in seinem Vortrag Journalismus nach dem Text erzählte. Sie trägt sich in der Online-Redaktion der FAZ zu und handelt vom ehemaligen Herausgeber der Zeitung Frank Schirrmacher und von der Software Chartbeat, mit deren Hilfe man verfolgen kann, wie Webseiten genutzt werden – in Echtzeit. (Mehr über Chartbeat auch in der Arte-Dokumentation Die virtuelle Feder, in der die New Yorker Zentrale der Softwarefirma besucht wird) Chartbeat zeigt zum Beispiel an, an welcher Stelle im Text Leser aussteigen, Chartbeat macht sichtbar, wieviele Leser in einem Text sind, wohin zu klicken und woher sie kommen. „Dass es diese Software gibt und dass sie in der eigenen Onlineredaktionen den Alltag bestimmt„, erzählte Schulz, „überraschte Schirrmacher. Er rief daraufhin verantwortliche Feuilleton-Redakteure und diensthabende Online-Redakteure zu sich, um grundsätzlich zu klären, dass die Linie der Zeitung von ihren Herausgebern festgelegt wird und nicht von einer Software.

Ob und wie die Technologie genau dabei behilflich sein kann, wird in der lesenswerten Rede nicht weiter thematisiert. Wie auch in der Berichterstattung über Amazons Seiten-Vergütungsmodell kaum die Frage gestellt wurde, ob das nicht auch Verbesserungen für das Medium Text in sich tragen könnte. Stattdessen wird relativ viel Zeit darauf verwendet, eine Frisbee-Scheibe wie einen Ball zu werfen. Mit diesem Bild habe ich die Annahme versucht zu fassen, das Digitale stets so zu behandeln wie man es von analogen Medien kennt: eine Frisbeescheibe also nicht in aerodynamischer Kreiselbewegung zu drehen, sondern flach zu werfen wie einen Ball. Das eBook wird in dieser Vorstellung stets genau so behandelt wie eine gedrucktes Buch, das man nur anders distribuiert. Dabei könnte das eBook vielleicht viel besser fliegen, wenn man versuchte seine digitalen Flugeingeschaften zu nutzen – es also zum Beispiel in Versionen zu denken, es in seine Bestandteile (Seiten) zu zerlegen oder ganz allgemein den digitalen Klimabedingungen anzupassen.

Womöglich entwickelt sich über diese technischen Veränderungen eine Erzählkultur, die vergleichbar ist mit dem Prinzip der TV-Serien, das das filmische Erzählen des Kinos erweiterte und nun allüberall gefeiert wird. Vielleicht befördert eine Verknappung eine Kultur des pointierten Erzählens, das eine Dimensionen eröffnet, die an die Tradition der Aphorismen anknüpft. Ich glaube, es könnte sinnvoll sein, sich damit zu befassen – denn hinter der Ecke wartet schon die nächste Stufe der Verknappung. Mit Lesetechnologien wie Spritz ist es möglich, Bezahlmodelle nicht auf Seiten, sondern auf Satz- bzw. Wortbasis zu realisieren (Hintergrund dazu hier)

Und an der Stelle lohnt es sich, eine Sekunde innezuhalten und nicht dem Reflex nachzugeben, der eigenen Meinung zu dieser Veränderung Raum zu geben. Viel spannender als die Frage „Wer will das denn?“ ist die Frage: „Wie kann man diese Technologie nutzen, um zu bewahren was wichtig ist?“. Und diese Frage kann man nur beantworten, wenn man Klarheit darüber hat, was wichtig und bewahrenswert ist. Das muss – darauf hoffe ich – mehr sein als die bloße Gewohnheit, ein Spielgerät halt stets wie einen Ball zu werfen. Nur weil Bücher immer so und nicht anders gedacht und gemacht wurden, ist keine ausreichende Begründung dafür, dies im neuen Umfeld auch so zu denken und zu tun. Wenn Bücher die Gefäße für das Medium Text sind, lohnt es sich, diese in ihren Möglichkeiten genauer kennenzulernen – statt sich mit dem zufrieden zu geben, was schon immer so war.

Stefan Schulz lobt in seiner Rede das geschriebene Wort und sagt: „Wollte man tatsächlich über das demokratische, verlässlichste und zukunftsträchtigste Medium etwas sagen – muss man über Schrift sprechen.“ Damit Schrift auch im Digitalen heimisch werden kann, muss man ihr helfen, sich dort einzurichten. Sie muss sich an die klimatischen Bedingungen des neuen Umfeld anpassen können, um wachsen zu können. Nicht der schlechteste Ansporn, sich mit der Digitalisierung zu befassen.

Dieser Eintrag ist Teil der Juni-Ausgabe des Newsletters „Digitale Notizen“, für den Sie sich hier kostenfrei eintragen können

Crowdfunding für kreative Gründerinnen

Am Samstag werde ich in Karlsruhe über Crowdfunding sprechen. Beim Kongress für kreative Gründerinnen und Gründer geht es um die Möglichkeiten der neuen Bezahlformen im digitalen Raum. Unter der Mail k3@kultur.karlsruhe.de kann man sich noch anmelden.

Wer sich für das Thema interessiert, kann auch das Fazit Ernst-Jan Pfauth von De Correspondent nachlesen, der sechs Regeln für erfolgreiches Crowdfunding aufgeschrieben hat (via David Bauer)

1. Don’t ask what the crowd can do for you, ask what you can do for the crowd
2. Find the right ambassadors
3. Start a movement, not a publication
4. Don’t worry about the final product (just yet)
5. Pick perks that fit your mission
6. Manage expectations from day one

Mehr zum Thema auch in dem Buch 22 1/2 Schritte zu erfolgreichem Crowdfunding.

Wir kommen nicht an: Leben im Übergang – ¯\_(ツ)_/¯

Eine Stellenanzeige des ZDF erfährt dieser Tage Aufmerksamkeit, weil sie eine papierschriftliche Bewerbung erfordert. Es geht um einen digitalen Job und Menschen, die meinen sich im Digitalen auszukennen, halten das für anachronistisch, für falsch, für empörenswert. Beim Branchendienst Meedia machen sie daraus eine Meldung – und man fragt sich, wer hier was vom Digitalen nicht verstanden hat. Denn gewonnen hat am Ende das ZDF, das auf diese Weise viel mehr Aufmerksamkeit für den freien Job bekommen hat.

Es scheint dennoch einen Reflex zu geben, laut zu sagen, wenn andere etwas vermeintlich falsch machen. Über die Gründe im aktuellen Fall kann ich nur spekulieren. Auf einer abstrakten Ebene scheint mir ein Grund darin zu liegen, dass sich Mechanismen quasi unter unseren Füßen so schnell ändern, dass aus dem Benennen vermeintlicher Fehler womöglich sowas wie Orientierung erwächst. Eine Art Gewissheit, dass man es wenigstens nicht so falsch macht wie der andere.

In einem sehr lesenswerten Gespräch mit dem SZ-Kollegen Johannes Kuhn (das man auch in SZ Langstrecke nachlesen kann), hat der Historiker Yuval Harari unlängst gesagt:

Es ist zum ersten Mal fast unmöglich zu sagen, wie die Welt in 30 Jahren aussehen wird. Wenn im Laufe der Geschichte ein Zehnjähriger gefragt hat, in welcher Welt er mit 40 leben wird, konnten ihm seine Eltern eine ziemlich gute Prognose geben. Natürlich könnte immer ein neuer König kommen, ein Krieg ausbrechen – aber die sozialen Umstände, die Familienstruktur, die Wirtschaft, war über solche Zeiträume immer recht stabil. Jetzt blicken wir 30 Jahre nach vorne und niemand weiß irgendwas. Das Einzige, was wir dem Zehnjährigen sagen können, ist: Die Welt wird komplett anders sein.

Seit ich vor genau zwanzig Jahren an der Deutschen Journalistenschule meine Ausbildung begann, begleitet mich dieses Narrativ der Veränderung. Nicht so fundamental wie Harari es ausdrückt, aber doch deutlich höre ich: Mein Beruf wird sich verändern, Journalismus wird sehr bald ein anderer sein. Und stets ist diese Aussage der Veränderung von der Annahme begleitet, dass die Veränderung irgendwann abgeschlossen sein wird, dass man ankommt im Neuen, wo man sich (wieder) einrichten und weiter machen kann.
Dazu ist es bisher nicht gekommen. Es hat nicht den einen großen Knall gegeben, nachdem alles anders wurde. Es ist ein schleichender Wandel, von dem man je nach Blickwinkel sieht, dass sich einige Bereiche gar nicht oder nur sehr langsam und andere sehr schnell und sehr grundlegend ändern. Das Problem dabei: Man kann diesen Wandel nicht festmachen, er hält nicht an, er schreitet fort. Immer weiter.

Der Kollege Richard Gutjahr hat in den vergangenen Wochen eine Rede in seinem Blog dokumentiert, die er vor jungen Journalisten gehalten hat. Er spricht darin von einer Täuschung, der er in den vergangenen Jahren unterlegen ist. Diese Zeit des Wandels sei nicht die beste Zeit für Journalismus, sagt er. Es sei eine lausige Zeit:

Worin ich mich am meisten getäuscht hatte, der Fakt, der mich schier verzweifeln lässt: Sie wird wohl noch lange, sehr lange andauern, diese Zeit des Umbruchs. Ich möchte sogar so weit gehen, zu sagen: Keiner von uns, die wir hier in diesem Saal versammelt sind, wird die Früchte, die wir heute sähen, noch selbst ernten können. Zumindest nicht mit dem, was wir unter klassischem Journalismus verstehen.

Wenn man beide Gedanken zusammenbringt, muss man sagen: Die Herausforderung besteht womöglich darin, keine Früchte zu ernten. Nichts abzuschließen, nicht anzukommen. Vielleicht geht es genau darum, sich mit dem Übergang zu arrangieren – im Zwischenraum zwischen der einen zu der anderen Welt. Ich habe in den vergangenen zwanzig Jahren immer geglaubt, irgendwann in dieser anderer Welt anzukommen, in einer digitalen Zukunft, die so ist wie die Gegenwart nur eben etwas zukünftiger und moderner. Je länger ich darauf warte, umso klarer wird mir: Diese Zukunft wird es so nicht geben. Es gibt vielmehr eine Gegenwart, die so schnell geworden ist, dass sie ständig in Frage stellt, wovon ich gerade dachte es verstanden zu haben. Und das unterscheidet sich sehr von dem, was früher mal (Journalimus) war.

Martin Baron, Chefredakteur der Washington Post, hat in diesem Monat eine beeindruckende Rede über den Wandel des Journalismus (und der gesamten Gesellschaft) gehalten. Was mich an seinen Ausführungen besonders beeindruckt hat, war eine Einschätzung über die Personalpolitik seiner Redaktion:

Bisher haben Häuser wie unseres Menschen eingestellt, die von uns lernen konnten. Heute wollen wir Menschen einstellen, die uns beibringen, was wir wissen müssen.

Eine Erkenntnis, die sich so ähnlich auch im Innovationsreport der New York Times findet, und die ausdrückt, dass die Sache mit dem Wandel eben nicht so einfach abgeschlossen sein wird. Er hört schlicht nicht auf! Bei Google werden neue Mitarbeiter deshalb nicht nach Noten oder Abschlüssen eingestellt, sondern nach ihrer Fähigkeit, sich auf Neues einzulassen. Davon berichten Eric Schmidt und Jonathan Rosenberg in ihrem Buch „How Google Works“. Sie nennen die Mitarbeiter, nach denen sie suchen „Smart Creatives“…

… und betonen besonders deren Fähigkeit, sich auf Neues einzulassen, in wechselnden Teams mit Kollegen aus fremden Bereichen zu arbeiten. Man kann ihre Haltung auch etwas weniger streberhaft ausdrücken – mit Hilfe des Shrugs:

¯\_(ツ)_/¯

Mat Honan (von dem ich gerade noch dachte er sei Wired-Autor) hat dieses tolle Schulterzucken-Zeichen in einem lesenswerten Buzzfeed-Text zum Symbol für das Zeitalter der kollektiven Ungewissheit ernannt:

The spirit of the age is a collective uncertainty. It’s a shrug. Nobody knows. It’s an unease about where we are going — and where the hell are we going? There used to be obvious, inevitable things we could point at and say: This is the future. Right here. This great inevitability will dominate our lives for the next two, three, five or ten years. Believe it.

Vielleicht ist es schon mal viel wert, wenn man nicht danach fragt, was in Zukunft sein wird, sondern wie: Es wird sich verändern. Ständig. Und wir sind vermutlich am besten dran, wenn wir uns auf den Wandel einstellen. ¯\_(ツ)_/¯

Dieser Eintrag ist Teil der April-Ausgabe des “Digitale Notizen”-Newsletters – hier kann man ihn abonnieren! mit diesen Codes: RjuFJH; G3Q6ts; xocrLb; YnizbH; cAdgGJ; 7UThpP; Ux6axM; DUDLvq Hier die März-Folge lesen

Streitkultur gegen Endsätze

Im vergangenen Sommer diskutierte Mediendeutschland ausgiebig über Diskussionen – über Leserdiskussionen. Die Frage, wieso der Dialog mit Lesern im Netz so schwierig sei, beschäftigte die Medien, weil mehrere Großmeinungslagen (Ukraine, Gaza) etwas zu Tage fördern, was man eine Unfähigkeit zur Debatte nennen kann. Ich schrieb damals einen Text für die Medienseite der SZ, in dem ich versuchte den Blick auf den gesellschaftlichen Rahmen des Themas zu lenken:

Vielleicht ist der Abgrund, in den das Land dieser Tage schaut, in Wahrheit ein Spiegel, in dem man erkennen kann, welche Brandstifter in den vergangenen Jahren außerhalb des Netzes so viel Feuer gelegt haben, dass es jetzt auch innerhalb brennt. Wenn man sich beispielsweise das Verhältnis des ehemaligen Bundesbankers Thilo Sarrazin zu der stets auf ihre demokratische Tradition bedachten SPD betrachtet, fällt es schwer, nicht an einen Querulanten in einer Online-Diskussion zu denken: Hier nutzt jemand die Reputation einer bekannten Marke, um seine eigenen Thesen in die Welt zu jagen. Die Provokationsbestseller der vergangenen Jahre und die dazu geführten „Lassen Sie jetzt mal mich ausreden“-Debatten im deutschen Fernsehen tragen nun Früchte. Wer solche Vorbilder der Streitkultur hat, lernt schnell, was im medialen Wettstreit der Ideen bedeutsamer ist als die Suche nach Verständigung: lautstarke Provokation und gegenseitige Angriffe.

Spätestens seit diesem Wochenende schlägt die Diskussions-Debatte in aller Härte zurück. Sascha Lobo hat das – mit Blick auf den Brandanschlag von Tröglitz – in seiner Spiegel-Online Kolumne lesenswert analysiert. Er führt dazu den Begriff der „Endsätze“ ein, mit dem er jene „kurzen Bemerkungen“ beschreibt, „die einen Bruch für immer bedeuten, das verräterische Aufblitzen der Unmenschlichkeit“. Als Gegenmittel gegen diese Endsatz-Kultur fordert er ein Aufbäumen der demokratischen Zivilgesellschaft im Netz:

Nicht aufgeben, sich die sozialen Segnungen des Netzes nicht verseuchen lassen. Nicht angesichts der Hassmassen passen, sondern weitermachen, Endsätzen widersprechen, Grenzen setzen, kämpfen gegen den beschämenden Hass.

Oder um es ein höher zu hängen: Wir brauchen eine – wie gesagt – bessere Streitkultur:

Es fehlt online wie offline an einer Diskussionskultur, die dem Wettstreit der Ideen gerecht wird, der Politik ausmachen soll. Dieses Land muss streiten lernen! Es fehlen Vorbilder, die zeigen, dass man in der Sache hart, aber dennoch nie persönlich ringen kann

Wie das gelingen kann? Ich bin ratlos, denke aber, dass Sascha Lobo in einer Einschätzung falsch liegt. Er schreibt:

Wir Internet-People haben jahrelang gefordert, dass endlich alle ins Netz kommen sollen. Aber jetzt sind sie da.

Denn diejenigen, die z.B. gegen Fremdenhass auf die Straße gehen, sind noch nicht da oder haben noch keine Ausdrucks-Formen gefunden, um sich gegen die Endsätze zu stellen. Ben schreibt dazu:

Es reicht nicht mehr, seine eigene Überzeugung nur zu leben und zu denken, das würde schon etwas verbessern. Wir müssen unsere Überzeugungen zuspitzen und deutlicher Äußern und für sie eintreten. (…) Eintreten für Menschlichkeit, für Humanismus, für Gerechtigkeit geht nur, nur, nur wenn wir uns selber menschlich und gerecht und ohne jede Spur von Hass verhalten, auch wenn die Positionen der anderen noch so menschenverachtend sind …

Vielleicht brauchen wir dafür und für eine bessere Streitkultur zunächst etwas ganz Banales: Ein friedliches Zeichen, das man gegen die Endsätze und gegen den Hass stellen und dem Hassende damit sagen kann: du gehst zu weit. Das klingt vielleicht naiv, aber wie wäre es, wenn man einen Hashtag oder ein Emoticon erfindet, das als Entsprechung zur Lichterkette verstanden werden kann als Ausdruck für eine offenen Streitkultur und gegen Hass und digitale Gewalt?

Social Media auf der nächsten Ebene – mein Langstrecke-Crowdfunding-Fazit

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Warum wir eine neue Vorstellung davon brauchen, was Crowdfunding ist: ein vermutlich genauso mächtiges Werkzeug wie Social Media.

In 24 Stunden endet ein Experiment, von dem man mir noch vor wenigen Monaten sagte, es sei unmöglich: Ein Verlag, der auf einer Crowdfunding-Plattform ein neues Produkt anbietet – das galt vielen als undenkbar. Mir haben die vergangenen Wochen mit „Süddeutsche Zeitung Langstrecke“ auch deshalb so viel Freude gemacht, weil sie bewiesen haben: Knapp 1000 Leser (fast 800 bei Startnext und über 200 im SZ-Shop) halten es nicht für unmöglich, das Magazin (eines Verlages) zu kaufen, das es noch gar nicht gibt. Es ist im Gegenteil sogar möglich, dass in einem solchen Magazin vorab Anzeigen gebucht werden.

Allein auf Startnext sind so über 33.000 Euro vorab zusammengekommen. Ob das viel oder wenig Geld ist, sollen andere beurteilen. Ich finde interessant, dass es möglich ist, auf diese Weise und auf einer Plattform wie Startnext neue Produkte zu testen und zu verkaufen. Da das Team von Startnext unser Experiment von Anfang an betreut hat und uns auch darin bestätigt hat (vielen Dank!!), will ich das Langstrecke-Finale zu einem kleinen Crowdfunding-Fazit nutzen. Ich glaube nämlich, dass wir einen neuen Begriff für diese Art des Bezahlens brauchen – oder dass wir zumindest darüber nachdenken sollten, die allgemeine Vorstellung dessen, was Crowdfunding ist, zu verändern.

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Es geht – wie zu Beginn von Langstrecke geschrieben – nicht mehr nur darum, dass Produzenten und Konsumenten gemeinsam ein Ziel erreichen, das für jeden allein unerreichbar wäre. Dieser Aspekt, der gemeinhin als Bitten zusammengefasst wurde, wird mehr und mehr ergänzt um ein grundsätzlich verändertes Verhältnis zwischen Produzenten und Konsumenten. Sie treten in einen Dialog, sie sprechen vorab miteinander, sie erleben gemeinsam einen Prozess statt nur ein Produkt zu ver-/kaufen. Jerry Needle, der bei der großen amerikanischen Plattform IndieGoGo für Marketing zuständig ist, hat kürzlich davon gesprochen, dass Crowdfunding die gleichen Folgen haben wird wie das Aufkommen von Social Media vor zehn Jahren. Seine These:

„Where social media allowed people to share and communicate, allowing things to happen through communication, crowdfunding has added a commerce element, so that people aren’t just sharing ideas but to actually raise money for them to make them a reality.“

Needle prognostiziert, dass in ein bis zwei Jahren Crowdfunding fester Bestandteil jeder Agenturarbeit sein wird – weil ganz selbstverständlich auch große Unternehmen, die Optionen nutzen werden, die in dieser neuen Kommunikation mit möglichen Kunden liegt. In dem kurzen Interview bei Mashable zeigt Needle wie der Elektronikkonzern Philipps auf diese Weise Innovation im Unternehmen vorantreiben will. Auf Startnext gibt es ein Beispiel des Energieversorgers EnBW, bei dem der Solarschirm Dalia via Crowdfunding produziert werden sollte. Der Sonnenschirm, der Solarzellen in sich trägt, hat sein Ziel von 50.000 Euro nicht erreicht – und vermutlich war das für EnBW sehr lehrreich.

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Jetzt könnte man sich fragen, ob man beim drittgrößten Energieunternehmen Deutschland tatsächlich um 50.000 Euro für die Produktion eines Sonnenschirm bitten muss – oder man folgt der Perspektive von Jerry Needle und erkennt, dass das Unternehmen hier quasi in einem Markttest mehr Erkenntnis gewonnen hat als man an der bloßen Summe von 13.615 Euro erkennt, die auf der Startnext-Seite steht.

Als die heute großen Social-Media-Plattformen aufkamen, wurden die ersten Nutzer verlacht oder zumindest naserümpfend angesehen. Ähnlich verhält es sich gerade mit dem allgemeinen Blick auf das Phänomen „Crowdfunding“, es wird als Randthema wahrgenommen. Als eine Bezahlmethode für diejenigen, die es im klassichen Betrieb nicht schaffen. Ich glaube, dass dies ein Trugschluss ist. Die Vorstellung von Crowdfunding wird sich in den nächsten Jahren radikal verändern. In seinem Jahresrückblick rechnete die Plattform Kickstarter vor, dass 2014 minütlich 1000 Dollar über die Plattform gezahlt wurden. Das ist viel Geld – und in jedem Fall ausreichend viel Geld, um das Interesse am Crowdfunding bei Menschen zu wecken, die sich mehr für Geld als für Naserümpfen interessieren. Was ich meine: Vermutlich hat Jerry Needle nicht unrecht, wenn er die Optionen aufzeigt, die im Crowdfunding liegen.

Wer sich für Crowdfunding interessiert, kann diesen Ratgeber, den ich zum Thema geschrieben habe, lesen und hier den loading-Newsletter abonnieren, in dem ich spannende Crowdfunding-Projekt vorstelle:


#odd15: Daten sind das Betriebssystem der Gesellschaft

Der kommende Samstag wird welweit als Open-Data-Day begangen. In München gibt es einen Hackathon in den Räumen der Landeshauptstadt München (Marsstraße 22, Raum 601)

HIER KANN MAN SICH KOSTENLOS ANMELDEN

Ziel des Open-Data-Days ist es, “die Bekanntheit von Open Data zu steigern, weitere Daten zu öffnen und zu zeigen, welches Potenzial in offenen Daten steckt.”

Ich bin eingeladen, den Hackathon mit einem kurzen Impuls zu eröffnen. Um zu zeigen, wie weitreichend die Idee von Open Data ist (und dass diese keineswegs nur mit Programmierkenntnissen oder eckigen Klammern zusammenhängt), habe ich mich entschlossen, die Grundideen meines Vortrags hier offenzulegen — und um Kommentare zu bitten.

“Daten sind das Betriebssystem der Gesellschaft”

Wie finde ich das? vs. Warum ist das so?

Die Herren Fiene und Pähler haben mich heute in ihre Sendung „Was mit Medien“ eingeladen und dann ein wenig plaudern lassen – über das, was ich so denke über Digitalisierung und Neues machen. Wir sprachen über Langstrecke und die neue Version und irgendwann sind wir dabei (MP3) an einen wichtigen Punkt gekommen, den ich hiermit einmal festhalten will. Er bezieht sich auf die Frage, wie wir mit Neuem umgehen? Man gelangt so häufig an diese Frage, dass es gut ist, diesen Ansatz hier jetzt einmal zu notierten – und vielleicht ist er auch eine Antwort auf die Frage, die sie über die Sendung gestellt haben: Wie kommt man auf neue Ideen?

Ich bin davon überzeugt, dass man in der Konfrontation mit Veränderungen z.B. durch die Digitalisierung, den Reflex unterdrücken sollte, zunächst „Wie finde ich das?“ zu fragen. Die Antwort auf diese Frage führt nämlich selten zu höherem Verständnis. Sie führt stattdessen immer zu einer Bewertung – die damit vor dem Verstehen der Veränderung liegt. Deshalb sollte man in der Konfrontation mit einer Veränderung sich eher bemühen: „Warum ist das so?“ zu fragen.

Wenn das gelingt, kann man das Neue danach immer noch blöd finden. Man tut dies aber dann auf Basis eines breiteren Wissens. Denn wenn man sich auf die Suche nach der Antwort auf die Frage „Warum ist das so?“ macht, wird man mehr erfahren über das, was sich da gerade verändert. In der Sendung habe ich versucht, es am Beispiel der digitalen Kopie und dem Zugang von Mashup zu beschreiben:

„Die digitale Kopie stand im Raum und alle haben mir gesagt, wie sie die finden: Das interessiert die digitale Kopie aber nicht, ob Sven Regener die jetzt gut findet oder nicht. Sondern: Die ist da. Und die Leistung besteht darin, zu verstehen, was das verändert. Und da kann meine persönliche Meinung sein, dass ich das gut oder schlecht finde. Aber ich möchte gerne verstehen, was der Mechanismus dahinter ist.“

Süddeutsche Zeitung Langstrecke

Geht das? Kann ein Verlag auf einer Crowdfunding-Plattform ein Magazin anbieten? Seit im Herbst 2012 „Eine neue Version ist verfügbar“ auf Startnext verfügbar gemacht wurde, beschäftigt mich diese Frage. Weil ich glaube, dass wir durch die Möglichkeiten des Netzes neue Verbindungen zwischen Produzenten und Konsumenten kennen lernen. Ich habe mir zahlreiche Projekte angesehen, die mal mehr mal weniger erfolgreich, diese neuen Möglichkeiten nutzen wollten – und ich glaube, Verlage sollten diese Möglichkeiten ebenfalls ausprobieren.

Ein zentraler Aspekt der Veränderung liegt darin, dass Produkte nicht mehr nur als abgeschlossene Einheiten verkauft werden können. Sie können ihre Entstehung dokumentieren. Leser können beobachten (und sich daran beteiligen), wie ein Produkt gefertigt wird. „Eine neue Version ist verfügbar“ handelt (wenn man so will) von nichts anderem als von dieser These: Wir können Kulturprodukte dank der Digitalisierung schon vor ihrer Erstellung zugänglich machen – nicht erst danach.

Heute ist ein besonderer Tag – für diese These und für mich. Denn heute startet ein Experiment, das diese These in die Tat umsetzen will: „Süddeutsche Zeitung Langstrecke“ ist der Versuch Longform-Journalismus in Deutschland auszuprobieren. Ein neues Magazin, das die besten langen Lesestücke (longreads) aus der SZ bündelt: vier Mal im Jahr – und so wie die Leserinnen und Leser es wünschen. Am 31.3. erscheint Süddeutsche Zeitung Langstrecke. Doch heute beginnt der Verkauf. Es ist ein offener Markttest, der heute auf Startnext begonnen wurde, es ist ein Subskriptionsverkauf und es ist ein Experiment – für Longform-Journalismus und für die These von der anderen Verbindung zwischen Konsumenten und Produzenten.

Ich bin sehr gespannt, wie sich dieses Experiment gestalten wird: Wie reagieren Leserinnen und Leser? Was machen mögliche Anzeigenkunden, die im Rahmen von Langstrecke erstmals ihre Buchungen öffentlich machen können? Und was bedeutet es für die Idee „Crowdfunding“? Bisher sahen wir darin vor allem den Aspekt, der gemeinsamen Zielerreichung. Eine Fundingsumme wurde zum gemeinsamen Antrieb von Konsumenten und Produzenten. Ich glaube, dass Crowdfunding auch einen zweiten Aspekt in sich trägt: die Option, ein Projekt vor seiner Erstellung zugänglich zu machen. Genau das probiert „Süddeutsche Zeitung Langstrecke“ jetzt aus.

Hier kann man dabei sein!