Alle Artikel mit dem Schlagwort “facebook

Weil wir dich lieben: Wie die BVG dank Social-Media cool wurde

Peter Wittkamp „schreibt halbwegs witzige Dinge ins Internet“, so steht es auf seiner Autorenseite beim Verlag Kiepenheuer&Witsch. Seit einer Weile macht er das für die heute-Show und mit drei weiteren Social Media-Kollegenfür die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Über die Arbeit unter dem Schlagwort #weilwirdichlieben sprach er unlängst auf der Allfacebook, denn viele staunen darüber, wie es Peter und der Agentur Grüner und Deutscher geglückt ist, die Berliner Verkehrsbetriebe freundlich, lustig und cool zu machen. Konkrete Beispiele dafür gibt es auf der Seite dasbesteaussocialmedia.de

bvg_

Was macht Ihr für die BVG? Ist das klassische Werbung oder Marketing?
Das Wichtigste ist vielleicht: Wir machen einfach mal. Egal, ob das Werbung, Marketing, Service oder einfach nur ein kleiner Scherz ist. Hauptsache: Kreativ. Oder sinnvoll!

Und wie würdest Du Deinen Job bezeichnen: Content-Marketing-Journalist? Social-Media-Guru? Werbetexter mit Facebook-Wissen?
„Werbetexter mit Facebook-Wissen“ finde ich schon ganz gut. Zumindest für diesen Job. In meinen anderen Jobs (zum Beispiel: heute show online) geht es oft auch noch mehr um Humor und gar nicht mehr um Werbung. Da bin ich dann klassischer Texter beziehungsweise Gagschreiber.

Wie lernt man das? (Gibt es einen Ausbildungsweg, den Du empfehlen würdest?)
Puh, tatsächlich eher ein Job, der nicht viele gerade Wege, dafür aber eine Menge Seitengassen kennt. Ein Talent für Humor und Text ist wichtig. Und dann danach Ausschau halten, wo man das unterbringen und weiterentwickeln kann. Ich selbst habe auch schon recht viele unterschiedliche Sachen gemacht: Uni-Zeitung, Marktforschung, Social Media Konzepter, Kolumnist, Blogger, Buchautor … Irgendwann merkt man dann, wobei man am meisten Spaß hat – oder am meisten verdient. Oder, im Idealfall: Beides.

Wie lernt ein Unternehmen das?
Bei der BVG ist es vor allem so: Sie haben ein Kernteam von Menschen, denen sie vertrauen können. Also wäre das Learning: Wenn man ein sehr gutes Team hat, die auch mal lassen. Wir im BVG-Team haben vielleicht die größten Freiheiten eines Social Media Teams in Deutschland – und das merkt man dann. Da muss ich auch noch mal ausdrücklich die BVG loben, dass die uns so frei arbeiten lassen! Danke.
Was ich ganz gut finde ist das Bild einer Kantine:
Man kümmert sich als Unternehmen darum, dass dort ein Team arbeitet, dem man zutraut, jeden Tag was Schönes zu kochen … was aber dann auf dem Teller landet, ist denen vollkommen selbst überlassen. Ich denke, so geht es der BVG mit uns und unseren Inhalten: Die lassen sich überraschen, was es heute in ihrer Social Media-Kantine für leckere Postings gibt …Ab und an servieren wir auch mal was, was nicht jedem im Unternehmen schmeckt. Aber insgesamt kann man bei uns ganz gut essen, würde ich sagen.

Gibt es Vorbilder, an denen Ihr Euch orientiert?
Nicht einzelne Seiten oder Unternehmen im Speziellen. Aber wenn jemand etwas Kreatives, Lustiges oder Schönes macht, beobachten wir das und überlegen, ob man das adaptieren könnte.

Was ist Euer Ziel? Geht es um Likes oder Shares?
Es geht vor allem darum, kreativ und unterhaltsam zu sein. Alles andere kommt dann von selbst.

Und auf einer übergeordneten Ebene: Warum macht die BVG das?
Weil es 2016 natürlich sehr wichtig ist, online mit seinen Kunden zu kommunizieren. Und weil das erstaunlich gut funktioniert.

Bonus-Frage: Gibt es ein Unternehmen, eine Organisation, eine Firma, die das, was Ihr macht, gerade besonders nötig hätte?
Ach, ich will jetzt gar nicht jemanden an den Pranger stellen. Wir haben ja auch den Luxus, dass wir mit der BVG und dem Umfeld in Berlin eine Situation haben, bei der sehr viel möglich ist. Allerdings hören wir öfter mal auf Twitter den Wunsch von Kunden, dass anderer Unternehmen auch so lässig wie die BVG sind. Ich als freier Berater oder die BVG-Agentur Grüner und Deutscher beraten da gerne.

Mehr über Peter auf seiner Website, in diesem Interview, beim Virenschleuderpreis auf der Buchmesse – und in seinen empfehlenswerten Büchern „Die fünf schlechtesten Antworten auf: ,Ich liebe dich'“ und „Poste deine Darmspiegelung“

Soll mein Buch auf Facebook? (Digitale-August-Notizen)

Dieser Text ist Teil die August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Ich arbeite gerade an einem neuen Buch. Es wird „Meta – Das Ende des Durchschnitts“ heißen und im Herbst bei Matthes&Seitz in unterschiedlichen Versionen erscheinen. Denn ich will in Meta nicht nur beschreiben, wie die Digitalisierung das Durchschnittsprodukt ablöst – ich will es auch in den Fassungen zeigen, die es von dem Buch gibt.

In der Planung des Buches habe ich mir u.a. auch die Frage gestellt: Soll mein Buch auf Facebook? Braucht ein Buch eigene Social-Media-Accounts? „Meta – das Ende des Durchschnitts“ verzichtet darauf – und das hat auch damit zu tun, dass ich mir diese Fragen nicht nur selber gestellt haben, sondern befreundeten Autorinnen und Experten. Hier sind ihre Antworten:

Kathrin Passig, Autorin:
Ich habe früher zu jedem Buch eine eigene Website angelegt, zu „Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin“ außerdem auch noch einen Twitteraccount, und dann vorhersehbarerweise nach kurzer Zeit alles vernachlässigt. Deshalb gibt es zu den späteren Büchern bestenfalls noch je ein Googledoc zum Sammeln von Fehlern und Verbesserungsvorschlägen. Wenn mir jetzt Ergänzungen, Updates, Korrekturen einfallen, verwende ich dafür meinen normalen Twitteraccount. Ob sich daraus Empfehlungen für andere, besser organisierte Leute als mich ableiten lassen, weiß ich nicht. Bei anderen Leuten folge ich dem Autoren-Account und keinen speziellen, zusätzlichen Buchaccounts. Ich weiß auch nicht, ob sie so was haben; falls ja, habe ich es nicht mitbekommen.

Nilz Bokelberg, Autor
Ich würde eher meinen eigenen Accounts benutzen, um mein neues Buch zu bewerben und zu besprechen. Wenn man noch extra Accounts für das Buch anlegt, habe ich immer das Gefühl, es gibt einen Streuverlust unter den Lesern, die einem erstmal als Person folgen (oder die erstmal nur dem Buch folgen). Weitaus praktischer ist es da, alles aus einem Guss zu haben. Ausserdem scheint mir der zusätzliche Aufwand, noch eine Seite zu pflegen, zu überflüssig hoch. Der Leser mag eigentlich am liebsten den direkten Kontakt zum Autor. Eine Buchseite fühlt sich immer so an, wie vom Verlag gemacht. Deswegen mein Rat: Alles auf die eigenen Profile holen – da fühlt sich der Leser am ernstesten genommen.

Leander Wattig, Publisher, Speaker, Berater
In den allermeisten Fällen lohnt es sich nicht, Extra-Seiten für ein Buch anzulegen. Bis dort Reichweite aufgebaut ist – so es überhaupt klappt -, ist das Buch „durch“. Ausnahmen sind hier am ehesten größere Reihen und Serien, bei denen sich das Thema über mehrere Publikationen erstreckt. Außerdem ist es eh zu empfehlen, dass die Leute solche Bücher schreiben, die positiv auf ihre persönlichen Plattformen einzahlen.

Sophie Servaes, Social Media Redakteurin
Ich werde das ab und zu von Journalistenfreunden gefragt , die ihr Buch bewerben wollen. Ich empfehle dann immer, eine extra Facebookseite anzulegen, von Twitter rate ich ab. Die FB-Seite kann man vorab super mit Inhalten befüllen und dann Freunde einzuladen, Fan zu werden. Parallel sollte man alle Inhalte auch mit seinem privaten Profil verlinken und sich auch nicht scheuen, da ein bisschen mehr Werbung zu machen als es gefühlt richtig erscheint. Da müssen die Freunde dann eben durch. Engere Freunde würde ich zusätzlich bitten, die Seite zu empfehlen, Dinge zu sharen und zu liken, um die Reichweite zu pushen und natürlich sollte die Seite auch gesponsert werden. Auf der FB-Seite können alle Interviews, Rezensionen, Lesestücke etc gepostet werden. Nach und nach würde ich alles auf die Seite auslagern, bis dahin aber auch privat gut Werbung dafür machen.

Nina Reddemann, Managerin Audience Development (Hanser-Verlag)
Ich empfehle immer, keinen eigenen Account für ein Buch anzulegen, egal ob auf Facebook, Twitter, Instagram & Co. Die Arbeit, die man dort reinsteckt, um Reichweite zu generieren, wird meist nur kurzfristig genutzt und dann liegt der Account mit Fans und Followern brach. Kurz gesagt: Statt eines Accounts für ein einzelnes Buch ist der persönliche Account eines Autors nachhaltiger. Der Autor kann ihn als Informationskanal für weitere Projekte und so z.B. auch für zukünftige Bücher nutzen.

Eva Schulz, Journalistin
Ich würde alles immer in meinen persönlichen Accounts bündeln. Zum Einen, weil ich sonst kirre würde. Und zum Anderen, weil so ein Sachbuch ja nicht aus dem Nichts kommt. In der Regel hat die Autorin das Thema schon lange vorher beschäftigt und dies in Form von Tweets, Blogposts, Facebook-Gedankenkrümeln mit ihren Followern geteilt (womöglich auch: getestet?). Das wird sie auch nach Erscheinen des Buches machen, und sehr wahrscheinlich führt das dann wiederum zum Thema ihres nächsten Buches… Als Leserin und Autoren-Fangirl finde ich es schön, solche Entwicklungen über persönliche Accounts verfolgen zu können.
Ein Beispiel ist der kanadische Journalist Doug Saunders, dem ich folge, seit ich sein Buch „Arrival City“ fürs Studium gelesen habe. Damals hatten wir sogar eine kurze Diskussion via Twitter, die mir bei einer Hausarbeit geholfen hat. Würde ich nicht seinem persönlichen Account folgen, hätte ich gar nicht mitbekommen, dass er inzwischen zur europäischen Flüchtlingskrise forscht und gerade den deutschen Pavillon bei der Architekturbiennale in Venedig mitgestaltet hat. Zwischendurch deutet er übrigens immer mal wieder an, dass dazu auch ein neues Buch in der Pipeline ist.

Simone Dalbert, Buchhändlerin und Bloggerin papiergefluester.com
Wenn man als Autor des Buches schon über ein Netzwerk verfügt, sollte man lieber das nutzen als neue Fan-Seiten speziell für jeden einzelnen Titel anzulegen. So nimmt man die Fans vom letzten Buch mit und die neuen von diesem Buch wiederum mit zu dem danach folgenden. Wer ein Buch von einem Autor mochte, liest wahrscheinlich auch noch ein weiteres von ihm. Wo kann er das besser erfahren, als über die Accounts des Autors selbst? Folgt er nur dem einen Buch, wird es dort irgendwann ruhig und der Kontakt zum Leser schläft ein. Außerdem machen die inzwischen bald allgegenwärtigen Algorithmen es schwer, mit einer neuen Seite schnell genug eine Followerschaft aufzubauen, deren Größe auch wirksam ist. Das funktioniert nur über Reposten der Beiträge der neuen Kanäle über bereits bestehende. Seine Inhalte zu sehr auf vielen Accounts zu verteilen ist aber nur sinnvoll, wenn man befürchtet, seinen eigentlichen Account damit spamartig zu überfüllen. Deshalb würde ich für ein neues Sachbuch eher meine bestehenden Accounts nutzen. Wer mir folgt, interessiert sich im Normalfall auch für meine Themen und fühlt sich durch Informationen zu einem Buch dazu eher informiert als genervt.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen: „Der Grüffelo in Social Media“ (Juli) „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).


Hier geht es direkt zum Buch, das über den Webshop von Matthes&Seitz vertrieben wird!

Alles, was ich über Social Media weiß (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann! Dieses Jahr sind bereits erschienen „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

reichweite Eine Million Menschen. Mit dieser unfassbar großen Anzahl an Zuschauern weckt Facebook mein Interesse. Fast eine Million Menschen haben in den vergangenen Tagen diesen Beitrag auf der Phänomeme-Facebookseite gesehen, die ich für die Süddeutsche Zeitung beitreibe, um über Internetquatsch zu schreiben. Es ist ein kleines Blog, das ich u.a. aus Begeisterung z.B. für Gifs betreibe und in dem ich lerne, wie sich Aufmerksamkeit z.B. auf Facebook verbreitet.

Im aktuellen Fall handelt es sich um ein kleines Gif, das einen Jungen im gestreiften Schlafanzug zeigt, der kleine Luftballons auf den Haaren eines Säuglings elektrostatisch auflädt, um sie an die Wand zu kleben. Die Phänomeme-Facebookseite hat rund 18.000 Fans, der Ballonjunge hat ihre Reichweite in den vergangenen Tagen verfünfzigfacht. Wie ist das möglich?

Um diesen Erfolg zu ergründen, muss man zwischen den technischen und den inhaltlichen Implikationen unterscheiden: Technisch sprechen wir von einem Gif, einem kleinen Bewegtbild, das sich in der Welt der Phänomeme großer Beliebtheit erfreut, historisch aber erst seit kurzer Zeit von Facebook direkt in der Timeline angezeigt wird. Im Mai 2015 führte Facebook diese Funktion ein und es lohnt sich, dieses kleine Jubiläum angemessen zu begehen. Denn es ist keinesfalls klar, dass die genannte Funktion auf ewig in Facebook so bleiben wird. Derzeit ist es aber möglich, Gifs in der Timeline wie so genannte Autoplay-Clips abzuspielen: Die Bildsequenz spielt ohne Aufforderung und stumm los.

Inhaltlich gründet sich der Reichweiten-Erfolg des Ballon-Beispiels auf das, was hier unter dem Stichwort „Du bist, was du twitterst“ schon mal Thema war. Denn die Nutzung von Social Media ist ein Spiel der Identitäten, es geht dabei um den gleichen Antrieb, der Menschen eine bestimmte Frisur, Kleidung oder Tasche tragen lässt. Man muss das nicht gut finden, es lohnt sich aber die Mühe aufzuwenden, es zu verstehen bevor man der Welt seine Meinung über dieses Prinzip kundtut. Wenn man auf diese Mühe verzichtet, kommt dabei etwas heraus wie jener Twitter-Text (Blendle-Link) unlängst in der FAS.

Ich glaube – und der Ballon ist mir dafür Beleg – dass Postings in sozialen Netzwerken immer mehr zu einem digitalen Modestatement werden. Die Tatsache, dass Facebook einen Mangel an wirklich privaten Posts beklagt (und in Folge dessen vielleicht auch nicht mehr als klassisches Soziales Netz zu verstehen ist), bestätigt diese These. Man schmückt sich mit bestimmten Marken, mit bestimmten Thesen und darauf aufbauend mit bestimmten Identitäten. Und eine sehr einfache, sehr naheliegende Identität entsteht aus Verwandtschaftsverhältnissen. Deshalb markieren Nutzer unter dem Ballon-Bild ihre Geschwister. Weil das Ballon-Bild einen Aspekt ihrer Identität bedient.

Magazin- und Boulevard-Journalismus haben dieses Spiel der Identitäten schon immer gespielt. Es ging dabei schon immer darum, mit Inhalten Haltungen, Stimmungen, Identitäten Raum zu geben. Soziale Netzwerke haben dieses Prinzip kleinteiliger gemacht. Ein Beitrag über die Stadt Siegen kann zu einem Buzzfeed-Erfolg werden, obwohl der Durchschnitt der im klassischen Magazin- und Boulevard-Journalismus immer mit adressiert werden musste, sich überhaupt nicht für die Stadt Siegen interessiert. Diejenigen, die aber einen Bezug zu Siegen haben, finden sich in diesem Siegen-Beitrag wieder und interagieren damit – weil er ihr eigenes Modestatement ist. (Ich nenne dies „Das Ende des Durchschnitts“)

Dieses Identitätsprinzip ist ein Muster, das in zahlreichen Diensten erkennbar ist – am anschaulichsten natürlich in Facebook. Von hier aus lässt sich eine spannende Debatte darüber beginnen, wie diese Identitätsprinzipien die Reichweitenmechanismen klassischer Werbevermarktung prägen (vielleicht schreibe ich in einer der nächsten Folgen dazu), noch spannender scheinen mir aber gerade die Folgen für den klassischen Journalismus zu sein.

Technisch und inhaltlich schlagen sich die genannten Entwicklungen in dem nieder, was in Medienhäusern produziert wird. Dabei geht es einerseits darum, dass sich diese Inhalte technisch in den Timeline-Fluss einfügen, dass sie mit den Mustern des Bewegtbilds spielen und dass sie schließlich inhaltlich zur Identitätsprägung beitragen. Was das bedeutet lässt sich wunderbar an den Rappenings von Dendemann im Neo Magazin ablesen, wenn man diese nicht als musikalische Einlagen, sondern als digitale Fassung eines Leitartikels versteht.

Ein weiteres Beispiel lieferte dieser Tage der Guardian, der einen Leitartikel unter Mithilfe zahlreicher Schauspieler (u.a. Patrick Stewart) und mit Referenz auf Monty Python inszenieren lies (Hintergrund dazu): Der kurze Clip zur Brexit-Debatte ist nicht nur eine wunderbare Kopie der Vorlage aus dem Film „Das Leben des Brian“, es handelt sich dabei auch um die Umsetzung all dessen in einem Leitartikel, was ich über im April 2016 über Social Media gelernt habe.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Digitale Notizen Newsletter.

Du bist was du twitterst: In Social-Media geht es um Identität

Es ist Frühjahr 2016, die Zehn-Jahres-Feierlichkeiten um Twitter sind gerade vorbei gezogen. Ein guter Zeitpunkt, um an etwas (vermeintlich) sehr Einfaches zu erinnern: Du bist was du twitterst! Andreas Bock hat das bei 11 Freunde gerade am Beispiel von Philipp Lahm auf anschauliche Weise offen gelegt, „denn Philipp Lahms Twitter-Einträge lesen sich, als hätte sie ein Textroboter generiert, der vorher von Heribert Faßbender mit ein paar Fußballfloskeln gefüttert wurde.“

Der Fall Philipp Lahm liegt dabei inhaltlich etwas anders als die Tweets von Harry-Potter-Erfinderin JK Rowling, über die Heather Schwedel unlängst aber in gleicher Ausrichtung bei Slate schrieb:

Reading Rowling’s Twitter updates, it’s dispiriting to be faced with daily reminders that one of your former heroes is still tinkering with a world they thought you left behind perfectly preserved in childhood.

Es scheint vielen Menschen, die in Social Media für sich und ihre Produkte Aufmerksamkeit generieren wollen, nicht klar zu sein: Die Beiträge auf Twitter/Facebook/Instagram sind mehr als Werbepostings, sie formen ein Bild von der Person, unter deren Namen der Account läuft. Und dieses Bild kann schon bei einem dummen Beitrag Schaden nehmen – bei fortgesetzter Plattheit wird es nicht besser.

Foto via Unsplash https://unsplash.com/photos/omKdUQ9R3Zo

Foto via Unsplash https://unsplash.com/photos/omKdUQ9R3Zo

Das gilt übrigens nicht nur für Prominente, Chefredakteure oder Shopbetreiber. Das „Du bist was du twitterst“-Prinzip gilt für jeden, der Timelines (aktuell zum Beispiel) mit Böhmermann-Lob, Widerspruch für überdimensioniertes Böhmermann-Lob oder April-Scherze befüllt. In Social-Media geht es um Identität. Wir posten Inhalte wie wir Markenkleidung tragen. Beiträge oder Sneakers, Videos oder Pullis – es geht stets um Teilhabe und Abgrenzung, es geht darum möglichst beiläufig darüber zu informieren, wo man steht. Es ist hilfreich, stets daran zu denken, dass alle Jubel- oder Hass-Posts immer auch einen Meta-Klang in sich tragen, den man bei angemessener Social-Media-Gelassenheit heraushören kann und der sagt: Ich bin wie ihr oder (besonders gern genommen) Ich bin nicht wie ihr. (Dieses Prinzip gilt übrigens völlig unabhängig von politischer Ausrichtung oder vermeintlicher Eloquenz)

In den manchmal hitzigen Diskussionen derjenigen Social-Media-Nutzer, die in den Netzwerken sind, weil sie Spaß daran haben, merkt man dies manchmal nicht. In den Beiträgen derjenigen jedoch, die Social Media nutzen, weil es ihnen ein Berater, ein Ausrüster oder Sponsor nahegelegt hat, fällt dieser Meta-Klang viel häufiger auf. Was dann zu so absurden Accounts wie dem von Philipp Lahm führt. Andreas Bock kommt in seinem 11-Freunde-Text jedenfalls zu diesem richtigen Fazit:

Wenn man sich versehentlich alle 163 Tweets (Stand: 31. März 2016) von Philipp Lahm durchliest, (…) kommt man nicht umhin, sich vorzustellen, wie Philipp Lahm in der anstehenden Sommerpause aus dem Urlaub postet. Sätze wie: »Ich bin hoch motiviert in den Schwarzwald gefahren und werde alles dafür tun, meiner Mutter eine schöne Kuckucksuhr mitzubringen.«

Proper Tasty, Tasty und Nifty: Der Aufstieg der Rezeptefilme auf Facebook

Nachher fragt man sich dann stets wann es eigentlich angefangen hat. Im Fall von Tasty kann man es sehr genau sagen: Das Video-Rezepte-Angebot von Buzzfeed ist im vergangenen Sommer an den Start gegangen – und es legt eine erstaunliche Reichweitenkarriere auf Facebook hin. Dayna Evans erklärt im New York Magazine was sie an den kurzen Filmen fasziniert:

Black Bean BurgersFULL RECIPE: http://bzfd.it/1ShI7ot

Posted by Tasty on Montag, 28. März 2016

Tasty is barely a year old — it launched at the end of last July — but has since amassed almost 50 million Facebook fans, and, as of the beginning of this year, more than 84 million comments. The view count is even more astounding: Since Facebook switched over to an autoplay feed, where videos shared by your friends begin to stream without your hitting play, Tasty has racked up 8 billion views and counting.

Hauptgrund für den Erfolg der Videos ist die Autoplay-Funktion in der Facebook-Timeline. Um Videos mehr Gewicht zu geben (und sich selber als Konkurrent zu YouTube zu positionieren), ist Facebook dazu übergegangen, kurze Filmclips automatisch in der Timeline zu starten. Und die Macher aus Buzzfeeds Videoteam haben sich darauf eingestellt, sie haben diese kurzen Rezeptvideos entwickelt, die auch deshalb so populär sind, weil man sie eben nicht nachkochen will, wie Dayna Evans lesenswert erklärt:

The autoplay is part of what drew me into BuzzFeed Tasty in the first place. So many people were sharing these videos in my feed that I couldn’t look away. Inevitably, the Zen-like state that they put me in — who doesn’t like to see a task go from start to finish in under one minute — caused me to seek them out myself in times of panic or desperation. They are the basic salve to all ills. I may never make chocolate galaxy bark, but it helped me not lose my mind on Monday. In fact, I’ve never made any of the dishes on Tasty’s site, and I probably never will. To me, that’s not the point.

Buzzfeed jedenfalls legt nach: Auf Tasty folgte Proper Tasty sowie die brasilianische Version Tasty demains. Seit kurzem gibt es auch Nifty, eine Seite, die Haushaltstipps auf gleiche Weise aufbereitet.

3 Tiered Herb PlantersSee full written instructions here: http://bzfd.it/1MfWr47

Posted by Nifty on Sonntag, 20. März 2016

Stets handelt sich um kurze Clips, die in wenigen Sekunden ein Rezept zubereiten oder eine Problem lösen – und zwar jeweils aus der Perspektive des Zuschauers. Vor seinen Augen verwandelt sich das Ei in wenigen Augenblick in Eischnee oder die Karotten in einen vegetarischen Burger.

Hier den ganzen Text aus dem New York Magazine lesen

Was wir meinen wenn wir voreilig über Infoflut sprechen

In der Dezember-Ausgabe von Brand eins gibt es ein Interview mit dem italienischen Physiker Carlo Rovelli. Darin wird er auch zur so genannten Info-Flut befragt. Ich finde bedenkswert, was er antwortet:

Die Menge an Informationen, die der Einzelne üblicherweise zu verarbeiten hat, ist größer geworden – vielleicht bringt uns das so in Atemnot?
Mag sein. Aber die Folge ist, dass die jungen Menschen heute viel mehr wissen als meine Generation damals. Sie überraschen mich mit ihren Kenntnissen, ihrem schnellen Denken, ihren Vorhaben und ihrer Offenheit. Sie haben mehr Mittel als wir damals, sie leben in einer größeren Welt. Das scheint mir sehr schön zu sein. Ich glaube auch nicht, dass das Internet die Fähigkeit vermindert, sich zu konzentrieren. Fernsehen und Zeitungen sind meiner Meinung nach schlimmer: Sie fördern eine passive Haltung – aber dafür ist der Mensch nicht gemacht, er will interagieren.

Sie denken also nicht, dass Twitter, Facebook und die anderen sozialen Netzwerke das Leben beschleunigen?
Das weiß ich nicht.

Das Ende des Durchschnitts – der Lauf zum Buch

Wenn ich erklären soll, was den Zauber von Social Media ausmacht, verwende ich gerne die kleine Tipprunde als Beispiel, in der ich seit Jahren mit tollen Kollegen Bundesliga-Endstände vorherzusagen versuchen (mit pesönlich mäßigem Erfolg). Wir tippen Fußballspiele und machen so aus dem allgemeinen Ergebnis eines Spiels ein soziales Erlebnis. Der Endstand einer Partie bekommt durch den sozialen Kontext der Tipprunde plötzlich eine besondere Bedeutung. Denn es wäre mir eigentlich egal, wenn Hoffenheim in der letzten Minute den Ausgleich in Ingolstadt erzielt – wenn ich nicht dadurch drei wichtige Punkte im Tippspiel eingebüßt hätte, weil der Treffer meinen Tipp zerstört…

tippen_

Diese besondere, persönliche Bindung an das Spiel ist durch die Vernetzung des Digitalen möglich. Sie steht für mich für das, was man Social Media nennt – Facebook, Twitter oder Instagram, die man gemeinhin mit dem Schlagwort Social Media gleich setzt, nutzen diese Vernetzungs-Möglichkeiten. Das Prinzip „Social Media“ geht aber über die Dienste hinaus, es ist das Prinzip des Netzwerkens, das Prinzip der Kontexte.

Aus dieser Perspektive drängt sich zum Beispiel die Frage auf, warum der Anbieter, auf dessen Plattform wir Woche für Woche Ergebnisse tippen, keine soziale Öffnung anbietet. Man kann lediglich in Tipprunden gegeneinander antreten, es ist allerdings nicht möglich das eigene Ergebnis in andere Kontexte zu übertragen – und z.B. auch mit Bekannten zu vergleichen, die in anderen Tipprunden tippen (oder ich habe das übersehen).

runkeeper_

Seit diesem Wochenende habe ich ein neues Bild, um den Zauber von Social Media zu beschreiben. Und wieder hat es mit Sport zu tun: Es ist ein Stadtlauf, der in allen Städten der Welt zur gleichen Zeit stattfindet. Die Macher nennen ihn den #Global5K, einen Lauf über fünf Kilometer, an dem angeblich über 230.000 Menschen weltweit teilnehmen – ohne dass sie sich sehen können, sich kennen oder an einem gemeinsamen greifbaren Ort sind (bei Twitter und Instagram dokumentiert) Die Distanz wird von einer App gemessen, deren Macher den Lauf veranstalten. Ein Lauf, der wie das Tippspiel über das objektive Ergebnis hinaus geht. Ein Lauf, der auf den Prinzipien von Social Media basiert und ein tolles Symbol ist für das, was ich Das Ende des Durchschnitts nenne. Denn es gibt nicht mehr die eine Start- und Ziellinie, die für alle gleich gilt. Es gibt unzählige Starts und Zieleinfläufe weltweit – verbunden sind alle Läufer durch die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung. Sie sind dadurch mess- und überwachbar, aber sie sind dadurch auch auf eine neue Weise verbunden.

Wenn man die Ambivalenz der neuen Möglichkeiten verstehen will, muss man verstehen, wie der Global5K sich von gewöhnlichen Läufen unterscheidet. Er schafft Das Ende des Durchschnitts, das die Massengesellschaft des 20. Jahrhunderts bestimmte – unter diesem Arbeitstitel recherchiere ich derzeit an einem Buch, das sich mit genau damit befasst: wie die Möglichkeiten der Personalisierung unsere Gesellschaft verändert.

Auch deshalb bin ich heute mitgelaufen.

Dazu muss man Folgendes wissen: Ich bin das, was Läufer einen Jogger nennen. Ein sporadischer Sportler, der keine neonfarbende Laufkleidung besitzt, sich aber gerne im Park bewegt. Als solcher nutze ich seit einer Weile die App, die u.a. mit Hilfe des genannten Events Menschen auf der ganzen Welt verbinden – und zu zahlenden Käufern ihres Premium-Angebots machen will. Das ist mir klar, wenn ich die Dienste der App nutze (u.a. Laufzeit, Tempo und Strecke aufzeichnen lassen). Und dennoch nutze ich sie mit großer Freude und war heute vormittag auch entsprechend enttäuscht, weil sich mein Start bei meinem ersten größeren Laufevent verzögerte: Mein Smartphone hatte GPS-Probleme, die App konnte nicht ermitteln wo ich bin – und folglich auch nicht messen wie schnell ich wo lang laufe.

Also lief ich ein wenig im Park, ohne dabei vermessen zu werden. Dann irgendwann (in der Nähe einer Straße) fand die App ein Signal und ich startete. Als ich einige Minuten später meine Geschwindigkeit kontrollieren wollte, traute ich meinen Augen nicht: ich war mit einem unfassbaren Tempo unterwegs. 17:55 Minuten hat mir die App für die fünf Kilometer bestätigt. Das macht eine Kilometer-Zeit von 3:34 Minuten. Das ist selbst für einen Jogger wie mich ziemlich gut.

Es ist aber vor allem: gelogen. Denn während ich lief, hatte die App erneut GPS-Probleme und kritzelte statt meiner tatsächlichen Laufstrecke eine merkwürdig gerade Linie ins Profil. Mir ist das klar, der App nicht. Sie hat die genannten Kilometerzeit gespeichert. Das ist schön, aber ziemlich weit von meinem tatsächlichen Tempo entfernt.

Da es mir aber nicht um die Geschwindigkeit, sondern um die Metaphorik des Laufs ging, war ich darüber nur mäßig enttäuscht. Denn die 3:34 Minuten beweisen vor allem, dass man blanken Zahlen nicht trauen darf. Ihr Kontext ist bedeutsam – der Kontext der Entstehung wie auch jener der Weiternutzung. Abstrahiert man dies von meinem kleinen Laufe heute vormittag, wird der Kontext zur zentralen Größe in unserem Umgang mit Daten und der Digitalisierung. Davon handelt das Buch, in dem ich darzulegen versuche, worin die Chancen aber auch die Trugschlüsse am digitalen Wandel liegen. Dabei wird auch der heutige Laufe eine Rolle spielen – denn zu allem Überfluss wird er nicht mal zählen. Denn als ich ihn speichern wollte, stellte ich fest, dass die Ankündigung der Macher („Laufen Sie am 6.12. fünf Kilometer“) erst ab 12 Uhr mittags galt.

Zu der Zeit war ich aber schon lange im Ziel …
(Hier gehts zum Buch)

Update: die App hat Ergebnisse veröffentlicht!

Die Loyalität des Bastian Schweinsteiger

schweinsteiger

Bastian Schweinsteiger verlässt den FC Bayern. Der Fußballer, der 17 Jahre für den Verein in München gespielt hat, wird in der nächsten Saison bei Manchester United unter Vertrag stehen. Das ist – nicht nur in München – eine Meldung, die viel Interesse auf sich zieht. Medien berichten über den Wechsel und auch die Medienmacher der Marke Bastian Schweinsteiger wissen das für ihre Zwecke zu nutzen. Sie haben einen Beitrag Werbespot produziert, der die aktuelle Meldung aufgreift und sie geschickt monetarisiert.

Darin haben auch die beiden Sport-Reporter Schauspieler Sebastian Hellmann und Wolff-Christoph Fuss einen Auftritt: Man hört wie sie ein Fachinterview spielen, in dem der eine dem anderen erklärt, warum Schweinsteiger ein super Typ ist – außerdem prophezeit er selbst erfüllend, dass die Fans sicher kein Problem haben werden mit Schweinsteigers Wechsel nach Manchester.

Schweinsteiger selber packt in dem Clip seine Sachen, schaut (ganz uneitel) im Fernsehen Szenen an, in denen er selber zu sehen ist, kritzelt Notizen auf einen Zettel und setzt sich zum Abschluss einen Kopfhörer auf die Ohren. Das alles ist vorproduziert, er spricht kein Wort, man hört nur die Stimmen der Journalisten Werbedarsteller aus dem Off.

Schweinsteiger selber meldet sich unter dessen auf Facebook zu Wort

Liebe Fans, ich möchte mich bei euch für die unglaublichen gemeinsamen Jahre beim FC Bayern München bedanken!Dear Fans, after 17 incredible years at FC Bayern, 15 national titles, winning the historical triple and uncountable other highlights that I was fortunate enough to experience with my incredible team, all you exceptional fans and the co-workers at Säbener Straße and Allianz Arena, I have decided to take a new career step. This decision was very hard to make because you and FCB have, are and will always be an extremely important part of my life. Nevertheless, I would like to again gain experience at a new club. My destination is Manchester United. I hope you understand my decision. No one can take away the incredible journey we had together. #MiaSanMia

Posted by Bastian Schweinsteiger on Sonntag, 12. Juli 2015

… und bedankt sich bei seinen Fans. Auf Facbook und auf seinen anderen sozialen Kanälen finden sich übrigens auch Fotos, die ihn mit den im Clip beworbenen Kopfhörern zeigen. Dass es ein anderes Modell ist, ist vermutlich dem Stress der vergangenen Tage geschuldet. Deshalb blieb wohl auch keine Zeit irgendetwas an der Homepage des Fußballers zu ändern: Dort stehen noch immer Trainingstermine des FC Bayern verlinkt. Aber die Homepage hat offenbar keine Priorität im Medienspiel des Bastian Schweinsteiger.

Ich habe das unlängst mal am Beispiel von Mario Götze notiert: Fußballer werden selber zu Medien. Im Falle von Schweinsteiger sieht man nun, wozu das führt:


… Sie nutzen aktuelle Aufmerksamkeits-Peaks um Werbung zu platzieren, die ganz anders daherkommt als klassische Spots alter Prägung
… Sport-Reporter spielen in diesem Spot mit – um sie authentisch wirken zu lassen und das Image des Fußballers zu heben: „Wenn man was nicht in Frage stellen kann, dann ist das die Loyalität von Bastian Schweinsteiger“, sagt der objektive Journalist Wolf-Christoph Fuss in dem Clip. Lässt allerdings offen, wem gegenüber Schweinsteiger loyal ist – und was er selber unter Loyalität versteht.
… Sie nutzen ihre eigene Reichweite um ihr Image zu bauen. Schweinsteiger spricht seine Fans direkt – ohne Umweg über klassische Medien – via Facebook an. Die Homepage hat dabei keinerlei Priorität.
… Die Verbindung zum Gegenstand der Werbung (Kopfhörer – „An deiner Seite“) ist in Schweinsteigers sozialen Kanälen klar erkennbar, er postet die Werbung aber nicht selber. Wegen des guten Timings übernehmen das schon andere (so wie ich hier) für ihn.


Update:
Christopher weist auf den Zusammenhang zu LeBron James hin.

Update 2: Bei Sport1 gibt es einige Hintergründe zum Ablauf der Werbung, die offenbar in einem Hotel in Köln (sic!) gedreht wurde (Hinweis von Thorsten Poppe)

Update 3: In der SZ gibt es in Interview mit dem Regisseur des Spots, der sagt: „Ich merke gerade bei Sportlern immer wieder: Wenn die verstehen, worum es geht, dann engagieren sie sich richtig für einen Spot.“

Inhalt, der lebt – über Buzzfeed, Facebook und klassische Medien

tl;dr
Die Rede, die Jonah Peretti auf der SXSW gehalten hat, sollte man sich anschauen. Selten wurde der Gegensatz zur Perspektive klassischer Kreativer auf auf digitale Distribution von Inhalten so deutlich wie hier.

Seine Antwort ist ein Schulterzucken. Jonah Peretti steht auf der Bühne der South By South West-Konferenz in Austin und beantwortet quasi nebenbei die wichtigste Frage der Kulturindustrie der vergangenen Jahre – mit einem Schulterzucken. Seit die digitale Kopie Inhalte von ihrem Datenträger befreit hat, stehen Plattenbosse, Verlagsmangerinnen, Musiker, Filmemacherinnen, Journalisten und Kreative vor dem Problem, dass ihr mühevoll produzierter Inhalte an Wert verliert. Einerseits weil viel mehr Menschen als bisher tun können, was sie tun: kreative Inhalte veröffentlichen. Andererseits weil diese Inhalte unter digitalen Klimabedingungen förmlich schmelzen – sie werden flüssig werden, können gleichzeitig hier und da sein. Denn die digitale Kopie dupliziert Inhalte – kostenlos und ohne Qualitätseinbuße. Wie kann man unter diesen Bedingungen mit der Produktion von Inhalten Geld verdienen? Wie kann man ihn kontrollieren? Und wie kann man Inhalt steuern und durch diese Steuerung Geschäftsmodelle (wie früher) begründen?

sxsw_buzz1

Jonah Peretti, der Chef von Buzzfeed, antwortet darauf mit einem Schulterzucken. Es ist aber keine resignierte Reaktion auf die Veränderung, es ist eher eine kopfschüttelnde Antwort, die sagt: Die Frage ist falsch gestellt. „Uns ist egal, wo unser Inhalt lebt“, erklärt Peretti auf der Bühne in Austin. Wichtiger als die Kontrolle darüber, wo Menschen mit Buzzfeed-Inhalten in Kontakt kommen, ist ihm die Tatsache dass sie mit seinen Inhalten in Kontakt kommen. In einer Welt, in der jeder veröffentlichen kann, änder sich die Marktbedingungen: Nicht mehr viel Aufmerksamkeit wird auf wenig Inhalt verteilt, sondern viel Inhalte kämpft um begrenzte Aufmerksamkeit. Peretti zählt deshalb Kontakte – wie ein Marketingtreibender. Und wer so zählt, kommt schnell darauf, dass die Idee, Verweise in Netzwerke zu posten, damit Menschen auf die eigene Seite kommen, wo eigene Werbung ausgespielt wird, eine Verschwendung an Kontakten ist. (Ist der Link tot? fragt Online-Marketing-Rockstars) Es gibt viel mehr Menschen, die Links z.B. auf Facebook sehen als Menschen, die auch drauf klicken. Für Peretti eine Verschwendung an Kontaktmöglichkeiten. Und aus dieser Haltung blickt er auf Inhalte, die Buzzfeed erstellt werden. Sie sind ihm wichtig – als Mittel zum Zweck: um Kontakte, Daten und Erlöse zu generieren. Aber für die Frage, welche Kontrolle man über die eigenen Inhalte ausübt, hat er nur ein Schulterzucken übrig. Denn wo sie leben ist ihm egal – hauptsache, sie leben.

Und um Inhalte am Leben zu halten, wählt Peretti einen beachtenswerten Weg: Er schaut nicht mehr aufs einzelne Werk, er betrachtet ausschließlich das Netzwerk. Und deshalb zählt für ihn auch nicht mehr nur der monetäre Umsatz, den man durch die Vermarktung oder den Verkauf von Werken machen kann. Er will Netzwerk-Effekte erkennen, diagnostizieren und vorhersagen. In diesem mit dem Begriff „Daten“ unzulänglich beschriebenen Bereich liegt das Geschäftsmodell von Buzzfeed. Die Seite verschenkt ihre Inhalte (die sie nebenbei bemerkt, z.T. auch gar nicht selber erstellt, sondern kopiert), um im Gegenzug Daten zu sammeln: Das so gewonnene Wissen lässt sich wiederum sehr viel leichter zu Geld machen – indem Buzzfeed es Anzeigenkunden zugänglich macht. Der Reiz an den Schlagworten „Sponsored Content“ oder „Native Ads“ liegt nämlich viel weniger darin, dass redaktionelle und werbliche Inhalte gemischt würden. Es geht vielmehr darum, dieses Wissen um die Art und Weise, wie man Kontakte generiert, Anzeigenkunden zugänglich zu machen.

sxsw_buzz5

Ein wichtiger Faktor für diesen Ansatz, ist ein Bereich, den Peretti „distributed media“ nennt. Inhalte also, die geteilt und verbreitet werden sollen (er illustriert das am Beispiel eines Obama-Interviews, das in Videoschnipsel, animierte Gifs, Internet-Witze und und und zerlegt wurde). Die Ausführungen in diesem Feld können als ideologische Begleitung dessen gelesen werden, was die New York Times in diesen Tagen meldet: Facebook plant in Kooperation mit Medien, selber zum Nachrichtenanbieter zu werden

Facebook has said publicly that it wants to make the experience of consuming content online more seamless. News articles on Facebook are currently linked to the publisher’s own website, and open in a web browser, typically taking about eight seconds to load. Facebook thinks that this is too much time, especially on a mobile device, and that when it comes to catching the roving eyeballs of readers, milliseconds matter.

Mathias Müller von Blumencron, Digital-Chef der FAZ, erläuert, warum er diese Entwicklung für verhängnisvoll für Verlage hält: Auf Facebook gibt es weder Unabhängigkeit noch ein Geschäftsmodell schreibt er – und nimmt damit genau die gegenteilige Position zu dem ein, was Peretti auf der SXSW gesagt hat. Die Facebook-Distribution ist Kern seines Geschäftsmodells – so erklärt Peretti. Denn nur über Dienste wie Facebook könne er Daten sammeln. In klassischen Medien – terrestrisch verbreitet oder gedruckt – fehlt ihm dieser Rückkanal, in ihnen lebt sein Inhalt nicht. Müller von Blumencron hingegen schreibt: „irgendwo muss am Ende auch Umsatz anfallen, sonst kann keine Qualität entstehen. Den Hauptumsatz machen Verlage immer noch mit ihren gedruckten Produkten. Digitale Werbeerlöse auf den Websites kommen dazu, rasch wächst der digitale Verkauf. Alle Modelle gehen davon aus, dass der Leser zu einem medialen Heimatort gelenkt wird, der ihm Glaubwürdigkeit verspricht, Verlässlichkeit, Orientierung. Deshalb sind Werbekunden bereit, in diesem Umfeld Anzeigen zu plazieren. Und ein Teil der Leser ist bereit, die Dienste kostenpflichtig zu abonnieren.

Wohl selten konnte man zwei gegenteilige Perspektiven auf digitale Distribution von Inhalten so klar voneinander abgrenzen wie in diesem Fall. Doch der Kontrast kann nur der erste Schritt sein, erkennt man wenn man Joshua Bentons unbedingt lesenswerte Analyse zum Thema verfolgt, in der er der Frage nachgeht, ob Inhalteproduzenten dem Lockruf von Facebook folgen sollen. Sie bildete sozusagen die journalistische Ergänzung zu Perettis Perspektive, die man sich in diesem Clip (ab ca 4:58 Std) anschauen – und ich persönlich finde, man sollte das tun:


Dieser Eintrag ist Teil der März-Ausgabe des „Digitale Notizen“-Newsletters – hier kann man ihn abonnieren! mit diesen Codes:

JNwuYi
R8C32E
WAvnh4
52N6rf

UPDATE: Im Kompressor bei Deutschlandradio Kultur bin ich zum Thema befragt worden.

UPDATE 2: Der Kollege Richard Gutjahr bietet eine Abschrift von Perettis Vortrag

YouTube, Gema und das neue Blur-Video

Der Kollege Simon Hurtz hat am Wochenende lesenswert beschrieben, wie Facebook (und z.T. Twitter) im Videomarkt den Platzhirschen YouTube angreifen wollen. „Facebook sägt an YouTubes Thron“ bestätigt eine These, die spätestens seit der IcebucketChallenge offensichtlich ist: Facebook will Videos abspielen.

Am Beispiel des aktuellen Blur-Videos kann man sehen, wie der ungelöste YouTube-Gema-Streit in Deutschland zum Verbündeten von Facebook wird – nämlich so:

Bei YouTube:

Blur_YOUTUBE

Bei Facebook: