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YOLO!

Er ist an seinem Schreibtisch in der Redaktion zusammengebrochen. Abends um kurz vor neun, nachdem er von einer Podiumsdiskussion mit Laura Poitras, Glenn Greenwald und Edward Snowden kam (der aus Moskau zugeschaltet war). So ist es in den Nachrufen auf David Carr nachzulesen. Der Medienjournalist der New York Times wurde 58 Jahre alt.

Alexis Madrigal hat bei Fusion einen ergreifende Erinnerung an Carr aufgeschrieben. Es ist kein klassischer Nachruf, es ist eher ein Blogeintrag. Madrigal erzählt sehr persönlich – von sich, von dem Moment als er vom Tod Carrs erfuhr. Er berichtet, wie er gerade seinen Sohn ins Bett bringt, als ihn die Nachricht via Twitter erreicht. Der Text ist weniger im Sinne von „wie gedruckt“ geschrieben, er ist eher im Sinne von „wie erzählt“ gebloggt. Es ist eher ein persönlich gesprochenes Wort, mit dem Madrigal an Carr erinnert als ein Nachruf im klassischen Sinn.

Madrigal erinnert sich daran, wie er Carr kennenlernte, er erzählt seine eigene Geschichte und wie diese mit Carr verwoben ist. Der Text endet mit dem Satz: „Rest in peace, Carr. You made us all better.“ Es ist ein berührender Text, aber es ist auch ein Beweis dafür, wie das Web das Schreiben verändert. Irgendwo mittendrin steht diese eine Passage, die Madrigal eher sagt als schreibt. Er erinnert sich an die Umstände, als er (der gerade noch seinem Sohn eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen hat) ein Webprojekt mit Freunden startete und Carr dann darüber schrieb:

We were young and didn’t have kids and you know, YOLO. It was possible, so we should do it.

Ja, das ist Blogstil. Das ist nicht der Stil, in dem man klassischer Weise gedruckte Worte schreibt. Es ist eher gesprochen, yolo! Die Abkürzung in dieser Erinnerung ist eine Zustandsbeschreibung für die „mir steht die Welt offen“-Haltung junger Menschen: Yolo halt. Madrigal lässt mit dieser Referenz und dem Gegensatz zu seiner aktuellen Situation (we didn’t have kids) einen Zeithorizont aufscheinen, aber er schafft vor allem einen Rahmen: Immerhin ist dieser Text dann doch ein Nachruf, der Anlass ist der Tod eines Menschen. Und in dem eher dahingesagten YOLO entsteht so ein Moment der Erkenntnis: „You only live once“ geschrieben in einem Nachruf, ohne Pathos dafür mit der Haltung des Möglichmachens, des Aufbrechens und Gestaltens: „It was possible, so we should do it“, erinnert er sich – und verleiht dem Text eine Tiefe, die nur durch die Beiläufigkeit der Worte gelingt.

Wie findest du Wasser?

tl;dr
Selbstverständlich ist Buzzfeed Journalismus: digitaler Boulevard. Darum geht es aber gar nicht. Viel wichtiger als die eigene Meinung zu einer Veränderung ist ein Verständnis für deren Prinzip.

Ich weiß nicht mehr wer es mir riet, aber ich fand den Vorschlag so wenig falsch, dass ich ihn in die Tat umsetzte: Ich reservierte die URL mit meinem Namen. Mir war damals nicht klar, wofür das gut sein könnte und ob ich es gut fand, weiß ich auch nicht mehr. Darum ging es aber auch erstmal nicht, es ging darum, dass ich rausfand, wie man eine Internet-Adresse bei einem Provider beantragt und verstand, wie man etwas hochlädt. Anschließend prangte unter meinem Namen für eine lange Weile ein Baustellenschild im Netz. Das störte niemanden, weil es – Anfang der Nullerjahre – ohnehin niemand sah.

Ich weiß ebenfalls nicht mehr wer mir riet, ein Blog einzurichten, mir ging es mit dem Vorschlag aber genau wie mit der URL-Idee: Ich fand ihn so wenig falsch, dass ich ihn ausprobierte. Denn irgendwas musste ich ja nun auch mit meiner Domain anfangen. Also lernte ich, wie man WordPress installiert und im Backend rumstümpert. Mir war damals nicht klar, wofür das gut sein könnte und ob ich das gut fand, weiß ich auch nicht mehr. Aber darum ging es – wie gesagt – auch hier erstmal nicht …

Hinter der Art und Weise wie ich zum Bloggen kam, wie ich Twitter kennenlernte und überhaupt all die Möglich- und Schwierigkeiten des Dialog-Netzes steckt ein vergleichbares Grundprinzip, das man sehr vereinfacht als „Ausprobieren/Machen“ beschreiben kann. Wenn ich danach gefragt werden, bemühe ich eine erfrischende Poolmetapher und erkläre, dass man Schwimmen auch nur lernt wenn man nass wird und nicht wenn man am Beckenrand vermeintlich schlaue Dinge über das Wesen des Wassers verbreitet.

Ich erkläre all das, weil gerade am Buzzfeed-Beckenrand sehr viel vermeintlich schlaue Dinge verbreitet werden. Die US-amerikanische Website, die ich hier im Frühjahr für die SZ vorgestellt hatte, ist (mal wieder) Mittelpunkt einer Debatte, an der man wunderbar einige Grundprinzipien des allgemeinen Umgangs mit digitalen Veränderungen ablesen kann. Denn die wichtigste Frage an das neue Modell von Buzzfeed ist nicht: „Wie geht das?“ sondern vielmehr: „Wie finden wir das?“ Nun legt schon die Logik nahe, dass man zur Beantwortung der zweiten die Antwort auf die erste Frage kennen sollte, aber um Logik geht es bei dem digitalen Veränderungsprozess nicht in erster Linie, viel wichtiger ist die eigenen Befindlichkeit damit.

Wer allerdings am Beckenrand die Frage diskutiert: Wie finde ich Wasser? wird damit keinerlei Fortschritt in Sachen Schwimmen erzielen – und das meine ich so:

Für mich ist Buzzfeed (als bekanntestes Beispiel für eine relativ neue Form des sozialen Publizierens) nichts anderes als digitaler Boulevard – und zwar in beiden Ausprägungen der Beschreibung: Boulevard im Sinne der journalistischen Form (was auf der Straße diskutiert wird) und digital im Sinn der vernetzten Distribution. Vor allem der zweite Punkt erscheint mir bedeutsam, da die Site ihn zunehmend auch für Themen nutzt, die klassischer Weise kein Boulevard sind (dieses Beispiel der Syrien-Berichterstattung hat viel mehr mit ganz klassischem Journalismus als mit Katzenbildern zu tun). Was ist also digital an dem Buzzfeed-Boulevard?

Gründer Peretti beantwortet dies mit dem Hinweis, dass im Netz die Frage, wie der Inhalt seinen Leser erreicht Bestandteil journalistischer Arbeit sei (er spricht davon, dass diese die Hälfte der Arbeit ausmacht). Darüber kann man streiten, um es zu verstehen, lohnt es sich aber, dem Gedanken mal wertfrei zu folgen: Das Internet ist keine lineare Rampe, sondern ein vernetzter Raum. Distribution gehorcht hier schon technisch anderen Regeln als bei klassischen Rampen-Medien. Das bezieht sich zum einen auf den viralen Effekt digitalisierter Inhalte (jeder wird zum Sender), es bezieht sich aber sehr journalistisch darauf, dass es eine inhaltliche Beschäftigung mit Identität und Haltung der Leserschaft voraussetzt. Die auf Spezial-Interessen zugeschnittenen Listen, die Buzzfeed erstellt, funktionieren nur in einer Öffentlichkeitsstruktur, die auf digitale Netz-Verbreitung setzt und nicht auf eine lineare Frontal-Öffentlichkeit. Wer eine Liste „31 Dinge, die man uns vor der Geburt eines Kindes nicht gesagt hat“, erstellt, kann das heute analog nur in einem Elternmagazin tun. Buzzfeed tut dies, obwohl es keineswegs ein Elternmagazin ist. Buzzfeed ist ein Angebot, das sich auch an Eltern richtet – mit einem Inhalt, mit dem sich diese so identifizieren können, dass sie ihn nicht nur lesen (analoge Währung), sondern weiterverbreiten wollen (digitale Währung). Gleiches erleben wir bei Buzzfeed für spitze Zielgruppen, die aufgrund von Berufsbild, Wohnort oder Lebensalter unterschieden werden. Buzzfeed schneidet Inhalte auf seine Leser zu bzw. korrekt forumliert: auf die soziale Gruppe der Leser angehören. Denn Inhalte, die auf diese Weise die (digitale) Identität ansprechen, wirken wiederum identitätsstiftend: man will sie vorzeigen.
Am besten ist dieses Prinzip mit der Idee eines offenen Buchregals vergleichbar. Im Sinne der Aufbewahrung ist dies nämlich eher untauglich – die Bücher stauben viel schneller ein als würde man sie in einen Schrank stellen. Hinter einer Tür würde aber niemand sehen, in welcher Lektüre man sich eingerichtet hat. Dieses Prinzip der analogen Identität hat Buzzfeed sich zu eigen gemacht – und produziert Inhalte, die Menschen sich ins digitale Regal stellen wollen. Und zwar jeder für sich – über Zugänge, die zahlreicher sind als der Eingang „Startseite“. Wenn Imre Grimm also in dem Zapp-Beitrag kritisiert, dass seriöse Teaser auf der Buzzfeed-Startseite in unseriösem Kontext stehen, ist das ein wenig wie die Sache mit dem Beckenrand und dem Wasser. Denn der Kontext der Startseite ist eine analoge Frage, im digitalen Kosmos von Buzzfeed geht es viel mehr um die soziale Verlinkung eines einzelnen Artikels.

Ich persönlich finde es wichtiger, dieses Prinzip zu verstehen als über den Wert der so erstellten Inhalte zu spekulieren. Denn natürlich geht dies mit Katzenbilder-Listen zunächst sehr viel einfacher als mit Berichten aus Syrien. Aber die Wette, die wir gerade erleben ist die: Schafft Buzzfeed es, das Prinzip der digitalen Identität auf Inhalte zu übertragen, die man klassisch als seriösen Journalismus beschreiben würde?

Diese Wette hat sehr viel mit Journalismus zu tun. Und selbst wenn man das nicht so sehen will: Sie könnte den Journalismus nachhaltig verändern – völlig unabhängig davon, ob exponierten Vertretern der Branche das gefällt oder nicht.

Und hier sind wir wieder beim Anfang: Wenn ich mich mit Buzzfeed (und vielen anderen digitalen Entwicklungen) befasse, geht es mir zuletzt (und meist sogar gar nicht) darum, ob mir gefällt was ich sehe. In den Interviews, die ich zu „Eine neue Version ist verfügbar“ gebe, sehe ich mich beständig der Frage ausgesetzt, ob es denn gut sei, wenn Kultur künftig unter diesen neuen Bedingungen produziert werde. Ich antworte dann stets, dass ich das nicht weiß, dass ich aber verstehen will, wie Kultur künftig produziert werden kann. Im Fall von Buzzfeed ist das ganz genau so. Erstaunlicherweise sehe ich dabei in der Seite was ganz anderes als die, die diesen Ansatz ablehnen. Sie – u.a. auch Evgeny Morozov – schreiben viel von Katzenbildern, ich hingegen sehe eine konsequente und womöglich radikale Ausrichtung auf digitale Distribution. Und die würde ich gerne erst verstehen, bevor ich sie bewerte.

Ich glaube also, es könnte für einen im Digitalen publizierenden Journalisten sinnvoller sein, sich Fragen wie diese hier zu stellen als die Frage ob ihm Buzzfeed gefällt oder nicht:

> Wie erreicht mein Inhalt seine Leser?
> Nehme ich darauf Einfluß?
> Was machen meine Leser mit diesem Inhalt?
> Wie verfasse ich Teaser für (welche?) sozialen Netzwerke?
> Wie unterscheiden sich “social teaser” von klassischen Anreißern?

P.S.: Mit diesem Beitrag probiere ich gleichzeit was Neues aus – den Dienst Medium

Das Blogbox-Experiment

Heute startet Blogbox – eine iPad-App aus München. Gemeinsam mit 51 anderen Blogs taucht auch mein Blog in der Übersichtsliste der Seiten auf, die zum Start in der Blogbox zu lesen sind.

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Dazu zählt auch Netzwertig, wo Martin Weigert das Konzept von Blogbox vorstellt:

Was Blogbox von tabletbasierten Newsreadern wie Flipboard, Pulse und Newsrepublic abhebt, ist unter anderem die automatische Paketierung der Inhalte und der ausschließliche Fokus auf deutschsprachige Blogs. (…) Das Ziel der drei Blogbox-Macher Moritz Orendt, Bernhard Hering und Marco Eisenack ist es, Blogs aus der Nische zu holen und ihnen gleichzeitig eine attraktive Einnahmequelle zu erschließen. Aus diesem Grund beinhaltet Blogbox ein integriertes, freiwilliges Bezahlsystem, nicht unähnlich dem von Flattr. Nutzer der App können sich mit der internen Währung “Bonbons” bei den einzelnen Blogs für Artikel bedanken. Bonbons werden per In-App-Kauf erworben, zehn Bonbons – die sogenannte “Studentenpackung” – kosten 0,89 Cent. Wer ein größeres Budget hat, kann für 7,99 Euro die 100 Bonbons beinhaltende Förderpackung erwerben. Das Startup betont, dass es nach Abzug von Apples 30-prozentiger Provision sämtliche Einnahmen an die jeweiligen Blogs ausschüttet.

Als ich gefragt wurde, ob ich mit den Digitalen Notizen dabei sein will, habe ich nicht wegen der Bonbons zugesagt, sondern weil ich das Experiment mag. Kann man andere Zugänge zu Inhalten bauen? Blogbox versucht das, ich bin gespannt, mit welchem Ergebnis.

Feedback und eigenes Blogbox-Erleben gerne in den Kommentaren!

Bloggen!

Im neunetzcast #11 spricht Marcel Weiß mit Leander Wattig übers Selfpublishing und darüber, warum das Bloggen eine tolle Sache ist. Sie begründen das sehr hörenswert und ich fühlte mich dabei an Sascha Lobos Lob des Blogs erinnert, das er bereits im April angestimmt hatte:

Mit dem zunehmenden digitalen Bewusstsein in der Bevölkerung, quer durch alle digitalen Schichten von der Softwareingenieurin bis zum Bundestagsabgeordneten, ist die Zeit für eine Renaissance des selbstkontrollierten Blogs gekommen: Bürger zu Bloggern, das Blog ist die digitale Stimme des Einzelnen.

Wie gut es ist, dass der Einzelne seine digitale Stimme erhebt, zeigte mir dann bei der Bloglektüre seines aktuellsten Beitrags der Kollege Michalis Pantelouris (Transparenzhinweis: wir arbeiten – leider viel zu selten – zusammen). Denn sein Homophocus betiteltes Schimpfen ist nicht nur inhaltlich richtig und notwendig, es zeigt auch eine Darstellungsform, die man so wohl nur in Blogs finden kann. Ein sehr persönliches, sehr politisches Stück – darf man das sagen? – Literatur, das in den meisten klassischen Themenkonferenzen als zu persönlich, zu politisch abgelehnt werden würde.

Aber genau dafür gibt es Blogs. Dafür, dass jemand seine digitale Stimme erhebt und sagt: Das, was der Focus da über Homosexualität und Fußball zusammendebattiert, ist ganz ganz großer Mist. Dafür, dass jemand das auf die beste aber im ganz klassischen Sinn auch unjournalistisches Art herleiten kann, die ihm zur Verfügung steht: über sich selbst.

Es gibt keinen schlechteren Verteidiger der Schwulenrechte als mich. Aber die simple Tatsache, dass es offenbar im 2012 in Mitteleuropa immer noch ein Diskussionsthema ist, wer sein Coming Out haben kann, soll und darf und wer nicht bedeutet, dass wir alle, auch der Allerletzte und Schlechteste – kurz: ich – aufgefordert sind, Typen wie Herrn Klonovsky zu sagen: Das ist eben nicht nur falsch, was Sie sagen, das ist eine alte Scheiße. Stellen Sie das ab!

Dafür dass man seinem Ärger Luft machen kann und dabei lesenswerte – ich bleibe jetzt einfach dabei – Literatur schafft, der man die Emotionalität, die Wut und die Kraft der eigenen Stimme anmerkt. Dafür gibt es die Möglichkeit des Bloggens – und damit auch jemand wie ich sagen kann: Michalis hat verdammt noch mal recht!

Von Menschen zu verlangen, sie mögen bitte auf einen zentralen Teil ihrer Existenz verzichten oder ihn zumindest unter extremem Öffentlichkeitsdruck verheimlichen, damit der homophobe „Normalo“ auf der Tribüne nicht ihretwegen sein temporäres Menschenrecht aufs Arschlochsein ausüben muss, ist unmenschlich, unvertretbar und widerlich. Punkt.

10 Jahre Mosaikum

Der lesenswerte kerleone feiert im Fluss der Belanglosigkeit gerade zehnten Geburtstag (wie der jetzt-Kosmos). Wie es sich für eine zurückhaltenden Internet-Existenz gehört, eher still und leise – aber in dem kleinen Post steckt viel von dem, was ich gute Gründe fürs Bloggen nennen würde:

Durch das Weblog habe ich meinen Schreibstil entwickelt, ich bin aufs Fotografieren gekommen, habe mit Tönen experimentiert (was schließlich auch meinen Beruf geprägt hat), habe viele Dinge in der Welt entdeckt und vor allem gute Freunde kennengelernt. Danke Mosaikum – du bist keine Kleinigkeit mehr für mich!

In Kategorie: Netz

Wieder Wasser im Pool

Ich finde ich mich dann und wann in Debatten wieder, in denen ich erklären muss, was ich da im Internet eigentlich so mache. Warum ich Twitter nutze und was ich da auf Facebook poste, werde ich gefragt und die Fragenden schauen dabei als würde ich Fernreise für Außerirdische anbieten.

Keine Sorge, das hier wird kein weiterer Beitrag zur digitalen Spaltung unserer Gesellschaft, sondern der Hinweis (den ich an der Blogbar las) darauf, dass die ersten Bloggerinnen und Blogger, die ich in meinem Leben mit Geduld und Interesse las, wieder Wasser in ihren Pool gelassen haben: Unter poolistas.blogspot.com gibt es seit kurzem Texte von Menschen, die ich vor einer Ewigkeit unter Am Pool gerne las. Ob dieses Literaturforum damals eine Frühform von Blogs oder eine Spätform von Popliteratur war, mögen Literaturwissenschaftler ergründen. Ich habe jedenfalls gerne Am Pool vorbeigeschaut und Beobachtungen gemacht, die weit über Blogs und Popliteratur hinaus gehen.

Damals hatte ich keine Ahnung, was RSS ist und dass man Texte auch lesen kann, ohne ständig auf eine Website gehen zu müssen. Das ist heute anders.

The Cake is big enough

Vor ein paar Tagen (sorry für die Verspätung) habe ich hier über die Veränderung des Journalistenberufs anhand des Beispiels Foodblogs geschrieben. Auslöser war ein Text über Foodblogs im Zeit-Magazin. Daraufhin meldete sich die in diesem Text von Wolfram Siebeck angesprochene Meeta K Wolff , die das Blog What’s For Lunch Honey? betreibt, bei mir. Ich zitiere hier aus ihre Mail, weil ich ihre Position sehr interessant finde:

Now that I have read Siebeck’s article I have to say it amuses me (and please do not take this as an arrogant comment) to read his thoughts on food blogs and food bloggers. It showed that unfortunately Mr. Siebeck did not do his research, very well, but chose to fall back on the typical clichés instead. Therefore, it really makes me happy to hear voices who take a different stand, like your own, and make their opinions heard.

(…) Mr. Siebeck’s comparison to the WWW being an electronic form of the Speaker’s Corner was spot on. And it is this corner that food bloggers have found to showcase their talent. When I first started, food blogging was a very small corner of the WWW, but five years later I see an immense shift and this corner has expanded into an extremely huge and valuable platform. Not only the food industry, but also magazines, ad agencies etc. have taken notice of this shift and have begun to use this platform for marketing an promotion purposes. Why? Because bloggers have a very strong voice, they are respected and they have the direct reach to the real „consumers“ – the target group companies want to reach out to. This is revolutionizing not only the food world but also the entire concept of marketing, advertising and promotion.

In his article, Mr. Siebeck generalizes and reduces blogging as a pastime for retired editors or bored and well situated housewives. I had to laugh at this as he uses this banal stereotype and yet contradicts his article by using two food blogs as examples which could not be furthest from his projected stereotype of blog writers. Firstly, many food bloggers have regular „real“ jobs – as lawyers, corporate managers, writers and in my own case I work at the Bauhaus-Universität Weimar working as a coordinator for PHD students in structured PHD programmes. A job that fulfills me on many levels. What I do on What’s For Lunch, Honey?, my writing, my photography and recipe developing, is my form of creative release. Some play golf I blog! If Mr. Siebeck had done his homework or even cared to interview me he would have realized this fact. Furthermore, he would also have been enlightened by the fact that I am indeed a trained hotelier and have trained and worked in the kitchen of one of the finest luxury hotels of the world.

Food bloggers do not see themselves in competition with the professional writers, journalists or photographers nor are they looking to replace such qualified professionals. What we do comes from our passion within rather than for monetary reasons. Food bloggers are real people, who have a lot of talent and blogging enables us to finally display this talent and creativity to a wider audience.

However, just like there are many professional writers, journalists and photographers and only a selective few make it to the top levels, in the same way there are countless number of food blogs, but only a few really move on to becoming recognized for what they do. Therefore, Mr. Siebeck’s generalizing of all food blogs is like comparing Jane Austin to Jackie Collins. It just does not work like that.

Professional writers, journalists and photographers specialize in their specific fields, which shapes what they do and how they do it and the same applies to food bloggers. Some are stronger writers, while others forte might be photography or recipe developing and this shapes the way their blog is oriented. So there are blogs that only specialize in recipes, others have long stories to tell and others focus on depicting their images and others still will review products.

Food bloggers rely on their skills to advance and find a standing on this platform. As a food blogger, I develop recipes, cook them, test them, then I move on to styling my own photographs and taking the pictures and then write a story that fits the mood and finally I market the blog and the post accordingly. I do not have the luxury of an entire team to do this for me.

Selecting Delicious Days and What’s For Lunch, Honey? as examples in his article was quite interesting because both are extremely popular and recognized blogs. Delicious Days author Nicky is successful and highly respected for what she does. Her blog was recognized by the Times as one of the coolest blogs and she has just completed her second book.

What’s For Lunch, Honey? has also made a successful niche for itself in the food blogging community. It was recognized as one of the world’s top 50 blogs by the UK Times in 2009 and was one of the top five finalists for Best European Blog at the Weblog Awards in 2010. Through the blog I am able to share the creativity I possess and my blog has helped me to develop and hone my photography and writing skills further. And what’s more I am giving back what I have learnt – I now speak at conferences in Europe on the topic of food photography and styling and this year, together with three other very talented food bloggers, we have organized a food photography and writing workshop to be held here in Weimar, Germany in May 2011. The workshop is sold out and bloggers from Canada, USA, South Africa UK and Europe will all be attending From Plate to Page to learn and improve their own skills.

My point with this is – for bloggers the moon is the limit. There are no constraints or deadlines to meet, we can allow our passion and talent to flow freely. Our blogs provide us the freedom to paint the picture we want to or write the story we choose to. The good and talented bloggers advance to becoming recognized, get cookbook deals or work on photography projects or plan workshops – there are many prospect channels for a blogger to enter.

Thankfully, the cake is big enough for everyone to grab a piece – if they want to.

Blog des Jahres? Gefühlskonserve!

Bei t3n.de wird das Blog des Jahres 2010 gesucht. In der Begründung heißt es:

Der Grund dafür ist einfach: Wir lesen sie selbst täglich. Oft verweisen wir in den News auf Blogposts und auch unser Portal „Social News“ kommt fast ganz ohne Verweise auf „klassische Medien“ aus.

Darunter folgt eine Auflistung von rund 100 Blogs, die allesamt bestimmt toll sind und einen Preis verdient haben. Erstaunlich ist jedoch, dass das Blog, das in diesem Jahr ganz besonders von sich reden gemacht hat und (wenn man denn schon ein Blog des Jahres küren will) diese Auszeichnung verdient hätte, gar nicht in der Liste auftaucht.

Ich spreche von der Gefühlskonserve aus München, in der Deef Pirmasens in diesem Februar einen Stein ins Rollen brachte, dessen Folgen noch bis weit in den Sommer Folgen zeitigte:

http://www.gefuehlskonserve.de/axolotl-roadkill-alles-nur-geklaut-05022010.html

Die Rede ist von Helene Hegemann, deren „Axolotl Roadkill“ erst durch Deefs aufmerksame Lektüre und den folgenden Blogeintrag vom umjubelten Debüt zum umstrittenen Abschreib-Buch wurde (dazu hier meine Verteidigung des Remix gegen den Betrug bei jetzt.de). Wenn man schon zum Jahresrückblick und zur Blogger-des-Jahres-Wahl greifen möchte, sollte man daran erinnern, wie hier ein Blogger die Demokratisierung der Publikationsmittel nutzte und ein sehr bedeutsames Thema auf die Agenda brachte.

Deshalb: mein Blogger des Jahres 2010 ist Deef Pirmasens!

Vom Bückling zum Blogger

Im Grunde gab es Blogger früher schon in der Lokalzeitung. Das waren pensionierte Lehrer, Vorsitzende von Vereinen, und die kamen in die Redaktionsstube und mussten einen Bückling machen, damit der Herr Redakteur gnädigerweise ihren Artikel druckte. Dieses Hierarchieverhältnis hat sich umgedreht. Das verunsichert den Journalisten, der früher der Torwächter war, der allein entschied, was veröffentlicht wurde und was nicht. Das gibt es so nicht mehr. Das ist auch gut so.

Im Freitag gibt es Interview mit Volker Lilienthal – über Qualitätsjournalismus und das Hierachieverhältnis im Publizieren.