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Zehn (digitale) Dinge, die ich in den Zehnern gelernt habe (Digitale Januar Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Eine Liste! Natürlich muss ein Text über die Erkenntnisse der Zehnerjahre dieses Format nutzen. Denn die vergangene Dekade war geprägt von den Listicles genannten Aufzählungen, die erst viel Freude – und dann Clickbait den Boden bereiteten. Diese nun folgende Liste will einen digitalen Zwischenstand (Foto: Unsplash) zusammenfassen: Zehn Dinge, die ich glaube verstanden zu haben im vergangenen Jahrzehnt – über das Internet und den digitalen Wandel. Und wie die Form ist auch der Inhalt geprägt von seiner Zeit: Denn keiner der folgenden Punkte will abschließende Wahrheit für sich beanspruchen. Die Punkte basieren im Gegenteil auf der prozesshaften Grundhaltung, am Wahrheiten zu sein, also in Bewegung und offen für Veränderung.

1. Es spielt eine Rolle, was Du tust
2. Transformation ist weniger eine technische als vielmehr eine kulturelle Frage
3. Das Internet (und seine Folgen) geht nicht mehr weg
4. Veränderung ist nicht nur möglich, sondern beständig
5. Wir stecken mitten in einem wuchtigen Generationenkonflikt
6. Aufmerksamkeit ist die wichtigste Währung der Gegenwart
7. Kontext schlägt Content: Meta-Daten sind die unterschätzten Treiber des Jahrzehnts
8. Der Durchschnitt als dominantes Prinzip verliert an Bedeutung
9. Ohne digitale Kopie keine Digitalisierung
10. Das Gegenteil könnte stimmen

1. Es spielt eine Rolle, was Du tust

Die Nacht auf den 23. Juli 2016 war in München geprägt von Angst und Panik. Das lag zum einen an dem – wie wir heute wissen – rechtsradikalen Terroranschlag am Olympia-Einkaufzentrum. Es lag aber vor allem daran, dass die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung in dieser Nacht zu einem Panik-Beschleuniger wurden: Timeline der Panik heißt die #langstrecke-Rekonstruktion der Kolleg*innen, die nachzeichnet, wie Gerüchte und Halbwahrheiten sich durch die Stadt gefressen haben. Man kann eine Menge aus dieser Nacht lernen (gemeinsam mit Manuel Kostrzynski und Heiko Bielinski haben wir deshalb die Medienkompetenz-Schulung gegen-die-panik.de ins Netz gestellt), aber vor allem dies: Es spielt eine Rolle, was Du tust. Du kannst Einfluss darauf nehmen, ob Gerüchte sich verbreiten. Die Art wie du dich in Dark-Social-Gruppen verhältst, hat Folgen. Dein Beitrag ist wichtig! Der New York Times Kolumnist Farhad Manjoo hat dies so zusammengefasst: „Die Lehre der vergangenen Dekade lautet, dass unsere privaten Entscheidungen über Technologie Geschäftsmodelle und Gesellschaften verändern können. Sie spielen eine Rolle.“

Diese Erkenntnis hat deshalb Bedeutung weil sie nicht nur in digitalen Ökosystemen gilt. Greta Thunberg und die ebenfalls durchs Digitale beschleunigte Fridays-for-Future-Bewegung haben gezeigt, dass dies auch für andere Politik-Bereiche gilt. Die größte Gefahr der Zehnerjahre scheint es mir deshalb zu sein, sich Machtlosigkeit einreden zu lassen: Mag die Aufgabe auch noch so groß oder noch so komplex sein: Lass Dir nicht einreden, dass Du zu klein bist, um Dich damit zu befassen!

2. Transformation ist weniger eine technische als vielmehr eine kulturelle Frage

Am Anfang der Zehnerjahre dachte ich bei der digitalen Transformation ginge es vor allem um technische Fragen. Die folgenden Punkte handeln auch genau davon: wie die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie ganze Branchen verändert, wie Kultur zu Software wird und wie die Öffentlichkeit sich segmentiert. Dahinter stecken tiefgreifende Transformationen, die bei weitem noch nicht abgeschlossen sind. Aber vor diesen eher technischen Aspekten steht die kulturelle Frage: Wie gehst du mit dem Neuen um? Bist du offen für Veränderung?

Denn alle technische Innovation bleibt so lange wertlos, wie sie auf kulturelle Widerstände trifft. Die Verteidigungs- und Verweigerungskräfte sind dort besonders ausgeprägt, wo die Frage „Kann es (noch) besser werden?“ beständigt verneint wird. Digitales Denken zeichnet sich meiner Einschätzung nach deshalb auch weniger einzig durch das technische Verständnis als vielmehr durch die Bereitschaft zur Verständigung und zur Veränderung aus. Dazu zählt die Fähigkeit, Dinge aus der Perspektive des und der anderen wahrzunehmen: ¯\_(ツ)_/¯

3. Das Internet (und seine Folgen) geht nicht mehr weg

„Die Unterscheidung zwischen einer irgendwie echten analogen Welt auf der einen Seite und einer irgendwie neuen digitalen Welt auf der anderen Seite hat sich aufgelöst. Anders formuliert: Die Mitte der Gesellschaft bemerkt gerade, dass sie sich vielleicht anders mit dem Internet befassen sollte.“ Diese Sätze habe ich erst am Ende der Dekade in die SZ geschrieben – nachdem ein junger Digitalpublizist (in Medien oft noch als YouTuber beschrieben) mit einem ernorm reichweitenstarken Video gezeigt hatte, dass sich #diesejungeleute mehr für Politik interessieren als die etablierten Generationen erwartet hatten. Doch das Erstaunen war noch größer weil der Generationenkonflikt auch greifbare Ergebnisse bei der Europawahl produzierte und damit auch den Skeptiker*innen zeigte: Das Internet ist nichts, was man der Gesellschaft optional hinzufügen kann, es ist die Gesellschaft. Denn das heißt auch: Wer sich nicht für das Internet interessiert, verliert den Anschluss an die Gegenwart – und an gegenwärtige Gesellschaft.

Nicht wenige Menschen reagieren darauf mit Angst und Ablehnung. Der Economist diagnostiziert „eine Orgie der Nostalgie“, die nicht nur den Westen erfasst hat und die sich auch darin ausdrückt, dass Menschen ständig Sorgen aussprechen, statt Hoffnungen zu formulieren. Wer jedoch hoffnungsvoll auf Veränderungen blickt, kann eine Fähigkeit trainieren, die man mit Robert Musil als „Möglichkeitssinn“ beschreiben könnte.

4. Veränderung ist nicht nur möglich, sondern beständig

Die Welt verändert verbessert sich schneller als vielen es bewusst ist. Gerade darin begründet sich ja die Angst derjenigen, die spüren, dass ihr Wissen an Bedeutung verliert. Der Bildungsforscher Andreas Schleicher formuliert den Wandel so: „Kompetenz ist die wichtigste Währung des 21. Jahrhunderts. Aber es ist eine Währung mit einem hohen Grad an Inflation.“ Der Inflationsprozess verläuft für ihn so: „Ich nutze meine Kompetenzen nicht. Die Welt verändert sich. Ich kann im Grunde jeden Tag weniger.“ (zitiert nach „Das Pragmatismus-Prinzip“)

Denkt man diesen Wandel zusammen mit dem oben erwähnten Generationenkonflikt ist man mitten drin in der zentralen Herausforderung dieser (und der kommenden Dekade): Autorität muss sich neu begründen. Lebensalter alleine ist in einer Zeit, die durch lebenslanges Lernen geprägt ist, keine Autoritätsbegründung mehr. Es geht vielmehr darum, wie man beständig mit dem Neuen und Verstörenden umgeht, ohne das Lernen nun mal nicht auskommt. Auf diese Überforderung gibt es zwei Reaktionsmuster: Man kann sich auf die vermeintlich bessere Vergangenheit und dort vermutete einfache Antworten zurückziehen (Früher weiß alles besser) oder man kann versuchen, eine Fähigkeit zu erlernen, die Christoph Kucklick „Überforderungsbewältigungskompetenz“ nennt und die ich dem Shruggie zugeschrieben habe: ein gestaltendes Schulterzucken.

5. Wir stecken mitten in einem wuchtigen Generationenkonflikt

Am Beginn der Dekade war oft die Rede vom digitalen Graben, der die Gesellschaft trennt. Mittlerweile hat er sich zu einem riesigen Problem ausgewachsen – wie sich in diesem Jahr an der Klimadebatte und an der Auseinandersetzung ums Urheberrecht gezeigt hat. Der Konflikt zwischen denen, die bewahren und jenen, die gestalten wollen, also „zwischen denen, die etabliert sind und jenen, die sich etwas herausnehmen, was anders ist und neu – und nicht selten als Angriff wahrgenommen wird. „Das gehört sich nicht“, sagen die Alten und sprechen von mangelnder Wertschätzung für die eigene Leistung. „Die machen nichts“, sagen die Jungen und sprechen von mangelndem Möglichkeitssinn und Gestaltungswillen.“

Ich glaube wir erleben gerade den Anfang dieser Auseinandersetzungen (mit Umweltsau und Ok Boomer) und daraus erwächst eine Herausforderung, die für das gesamte digitale Ökosystem gilt: Wir sollten weniger Recht haben müssen. Anders formuliert: Medienkompetenz ist immer auch Streitkompetenz – und damit die Fähigkeit, Dinge aus der Perspektive eines anderen zu betrachten.

6. Aufmerksamkeit ist die wichtigste Währung der Gegenwart

„In einer Welt voller Informationen bedeutet diese Fülle zugleich einen Mangel an etwas anderem: eine Knappheit von dem, was Informationen verbrauchen. Was das ist, liegt auf der Hand: Informationen verbrauchen die Aufmerksamkeit ihrer Empfänger. Folglich erzeugt ein Reichtum an Informationen eine Armut an Aufmerksamkeit.“ Dieses Zitat stammt aus dem Jahr 1972 vom Sozialwissenschaftler Herbert Simon. Und es beschreibt das Verhältnis von Information und Aufmerksamkeit in einem Zeitalter, in dem Publikationsmittel demokratisiert werden. Jede und jeder kann publizieren. Die spannende Frage ist heute nicht mehr, wer sich öffentlich äußert, sondern wer gehört wird. Und damit kommen wir zum ersten Punkt der Liste zurück und zu der ganz persönlichen Frage: Wem schenkst du Aufmerksamkeit?

Diese Dekade hat uns vor Augen geführt, dass in der Antwort auf diese Frage eine politische Ebene stecken kann – das gilt für den Umgang mit weltweitem Terror und für die Debatte um Ok Boomer. Wer auf diese Weise auf das Zusammenspiel von Information und Aufmerksamkeit blickt, kommt nicht umhin festzustellen:

7. Kontext schlägt Content: Meta-Daten sind die unterschätzten Treiber des Jahrzehnts

Wir haben bei der Betrachtung der digitalen Kopie in den Zehnerjahren einen Fehler gemacht. Wir haben stets auf den Inhalt geschaut und gedacht, die Kopie sei ein Raub am Original. Wir hätten vielmehr und viel früher den Blick auf das richten sollen, was beim Kopieren neu entsteht: die Metadaten. Dann hätten wir erkannt: „Die Kopie raubt nicht Content, sie produziert: Kontext!“ (zitiert nach Meta!)

Die Beziehung von Inhaltsdaten zueinander kann wertvoller sein als die Inhaltsdaten selber – das hat nicht zuletzt Edward Snowden mit seinen Enthüllungen der Welt vor Augen geführt. Auf dieser Beobachtung basiert aber auch der Plattform-Kapitalismus, der diese Dekade geprägt hat. Sie erklärt, warum Kontext-Anbieter mächtiger geworden sind als Inhalte-Anbieter.

8. Der Durchschnitt als dominantes Prinzip verliert an Bedeutung

Die Macht des Kontext greift auch ein Konzept an, das Chris Anderson mal als „Diktat des kleinsten gemeinsamen Nenners“ beschrieben hat: die Mainstream- oder Durchschnittskultur, die auf dem Prinzip „Ein Sender – eine Botschaft – viele Empfänger“ basiert. Diese Form der Massenkultur hat das 20. Jahrhundert geprägt. Das 21. Jahrhundert hingegen ist von einer massenhaften Nischenkultur geprägt, die eine Segmentierung der Öffentlichkeit nach sich zieht: Ich nenne es „Das Ende des Durchschnitts„, denn eben durch Metadaten können nicht nur Botschaft nach Empfänger gefiltert werden, sie werden zum Teil auch erst durch die Metadaten des Empfängers geschaffen.

Spotify zeigt mit seinem Daily Drive genannten Versuch, Musik und Wortbeiträge auf die Interessen der Hörer*innen zuzuschneiden, wie sich die Idee des „Beste Hits“-Radios in Zukunft verändern wird. Viele weitere Bereiche werden von dieser Entwicklung betroffen sein, die in den vergangenen zehn Jahren ihren Anfang nahm.

9. Ohne digitale Kopie keine Digitalisierung

Ich nenne sie die historische Ungeheuerlichkeit und sehe in der Kopie die Grundlage für das, was wir digitale Transformation nennen. Die Möglichkeit, Inhalte identisch zu duplizieren, kann nicht hoch genug bewertet (ich würde sogar sagen gelobt) werden. Sie ist die Voraussetzung für die Versionierung von Inhalten (Kultur wird zur Software) und für den wachsenden Wert von Kontext. Meine Einschätzung ist: Wer die Kopie als Funktionsprinzip verstanden hat, erhält tieferen Einblick in die digitale Gegenwart. Denn die Kopie hat sich mittlerweile weit über das Ökosystem Internet hinaus bewegt und prägt die politische Kommunikation auf erstaunliche Weise. Limor Shifman spricht von der Memefizierung der Gegenwart und öffnet damit die Tür, um sowohl die kurzlebigen Hashtag-Debatten als auch die sehr grundlegenden Debatten-Trends zu verstehen.

Dass die Möglichkeit, nahezu kostenfrei Inhalte vom Träger zu lösen und zu vervielfältigen, auch ganze Geschäftsmodelle auf den Kopf stellt, kommt noch hinzu. Die Musik- und Medienbranche hat in den vergangenen zehn Jahren hier erstaunliche Wandlungen durchlaufen – und vieles spricht dafür, dass dies in den kommenden zehn Jahren weiter gehen wird. Eine der wenigen Konstanten, die ich dabei sehe: die Kopie wird nicht verschwinden.

10. Das Gegenteil könnte stimmen

Ich finde man kann keine glaubwürdige gegenwärtige Äußerung treffen, ohne deren Gegenteil mitzubedenken. Wer am Wahrheiten ist (s.o.), ist dies selbstverständlich gewöhnt, es lohnt sich aber immer wieder daran zu erinnern, dass das Gegenteil stimmen könnte. Kurt Tucholsky wird (vermutlich falscherweise) das Zitatz zugeschrieben, Toleranz sei der Verdacht, dass der andere Recht haben könnte. In diesem Sinne tolerant zu bleiben, scheint mir eine Voraussetzung für die offenen Gesellschaft (natürlich mit dem Verweis auf Popper und die Grenzen der Toleranz). Auszuhalten, dass man nicht immer nur Recht haben muss, lässt sich etwas wissenschaftlicher mit den Begriff „Ambiguitätstoleranz“ zusammenfassen. Das bedeutet auch, dass man anerkennt, dass die Gegenwart widersprüchlich ist, dass man am Anspruch stets alles richtig machen zu wollen, scheitern muss.

In diesem Sinne ist auch diese Liste zu lesen, die sich ihrer eigenen Unzulänglichkeit bewusst ist. Details zu den Punkten findet man in den Büchern, die ich in den vergangenen zehn Jahren veröffentlicht habe: „Mashup – Lob der Kopie“ (2011, Suhrkamp), „Eine neue Version ist verfügbar“ (2013, metrolit), „Meta – Das Ende des Durchschnitts“ (2017, Matthes&Seitz), „Das Pragmatismus-Prinzip“ (2018, Piper), „Gebrauchsanweisung für das Internet“ (2018, Piper)

Dieser Text ist Teil meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. In diesem Jahr sind in diesem Newsletter folgende Texte erschienen:
> 12 Dinge, die erfolgreiche Tiktoker tun (Dezember)
> Ambiguität der Aufmerksamkeit: Fallen Sie nicht noch mal auf Claas Relotius rein (November)
> 50 Dinge, die man zum 50. Geburtstag übers Internet wissen könnte (Oktober)
> Essen ist fertig – online (September)
> Handeln vs. Sein (August)
> #internetbriefmarke (Juli)
> Es bleibt was du tust (Juni)
> Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Mai)
> 70 Jahre Grundgesetz (April)
> Warum die Urheberechtsdebatte schon jetzt ein Fortschritt ist (März)
> Lesen Sie diesen Text – bevor es zu spät ist (Februar)
> Meinungsvirus: das bessere Bild für einen Shitstorm (Januar)

YOLO!

Er ist an seinem Schreibtisch in der Redaktion zusammengebrochen. Abends um kurz vor neun, nachdem er von einer Podiumsdiskussion mit Laura Poitras, Glenn Greenwald und Edward Snowden kam (der aus Moskau zugeschaltet war). So ist es in den Nachrufen auf David Carr nachzulesen. Der Medienjournalist der New York Times wurde 58 Jahre alt.

Alexis Madrigal hat bei Fusion einen ergreifende Erinnerung an Carr aufgeschrieben. Es ist kein klassischer Nachruf, es ist eher ein Blogeintrag. Madrigal erzählt sehr persönlich – von sich, von dem Moment als er vom Tod Carrs erfuhr. Er berichtet, wie er gerade seinen Sohn ins Bett bringt, als ihn die Nachricht via Twitter erreicht. Der Text ist weniger im Sinne von „wie gedruckt“ geschrieben, er ist eher im Sinne von „wie erzählt“ gebloggt. Es ist eher ein persönlich gesprochenes Wort, mit dem Madrigal an Carr erinnert als ein Nachruf im klassischen Sinn.

Madrigal erinnert sich daran, wie er Carr kennenlernte, er erzählt seine eigene Geschichte und wie diese mit Carr verwoben ist. Der Text endet mit dem Satz: „Rest in peace, Carr. You made us all better.“ Es ist ein berührender Text, aber es ist auch ein Beweis dafür, wie das Web das Schreiben verändert. Irgendwo mittendrin steht diese eine Passage, die Madrigal eher sagt als schreibt. Er erinnert sich an die Umstände, als er (der gerade noch seinem Sohn eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen hat) ein Webprojekt mit Freunden startete und Carr dann darüber schrieb:

We were young and didn’t have kids and you know, YOLO. It was possible, so we should do it.

Ja, das ist Blogstil. Das ist nicht der Stil, in dem man klassischer Weise gedruckte Worte schreibt. Es ist eher gesprochen, yolo! Die Abkürzung in dieser Erinnerung ist eine Zustandsbeschreibung für die „mir steht die Welt offen“-Haltung junger Menschen: Yolo halt. Madrigal lässt mit dieser Referenz und dem Gegensatz zu seiner aktuellen Situation (we didn’t have kids) einen Zeithorizont aufscheinen, aber er schafft vor allem einen Rahmen: Immerhin ist dieser Text dann doch ein Nachruf, der Anlass ist der Tod eines Menschen. Und in dem eher dahingesagten YOLO entsteht so ein Moment der Erkenntnis: „You only live once“ geschrieben in einem Nachruf, ohne Pathos dafür mit der Haltung des Möglichmachens, des Aufbrechens und Gestaltens: „It was possible, so we should do it“, erinnert er sich – und verleiht dem Text eine Tiefe, die nur durch die Beiläufigkeit der Worte gelingt.

Wie findest du Wasser?

tl;dr
Selbstverständlich ist Buzzfeed Journalismus: digitaler Boulevard. Darum geht es aber gar nicht. Viel wichtiger als die eigene Meinung zu einer Veränderung ist ein Verständnis für deren Prinzip.

Ich weiß nicht mehr wer es mir riet, aber ich fand den Vorschlag so wenig falsch, dass ich ihn in die Tat umsetzte: Ich reservierte die URL mit meinem Namen. Mir war damals nicht klar, wofür das gut sein könnte und ob ich es gut fand, weiß ich auch nicht mehr. Darum ging es aber auch erstmal nicht, es ging darum, dass ich rausfand, wie man eine Internet-Adresse bei einem Provider beantragt und verstand, wie man etwas hochlädt. Anschließend prangte unter meinem Namen für eine lange Weile ein Baustellenschild im Netz. Das störte niemanden, weil es – Anfang der Nullerjahre – ohnehin niemand sah.

Ich weiß ebenfalls nicht mehr wer mir riet, ein Blog einzurichten, mir ging es mit dem Vorschlag aber genau wie mit der URL-Idee: Ich fand ihn so wenig falsch, dass ich ihn ausprobierte. Denn irgendwas musste ich ja nun auch mit meiner Domain anfangen. Also lernte ich, wie man WordPress installiert und im Backend rumstümpert. Mir war damals nicht klar, wofür das gut sein könnte und ob ich das gut fand, weiß ich auch nicht mehr. Aber darum ging es – wie gesagt – auch hier erstmal nicht …

Hinter der Art und Weise wie ich zum Bloggen kam, wie ich Twitter kennenlernte und überhaupt all die Möglich- und Schwierigkeiten des Dialog-Netzes steckt ein vergleichbares Grundprinzip, das man sehr vereinfacht als „Ausprobieren/Machen“ beschreiben kann. Wenn ich danach gefragt werden, bemühe ich eine erfrischende Poolmetapher und erkläre, dass man Schwimmen auch nur lernt wenn man nass wird und nicht wenn man am Beckenrand vermeintlich schlaue Dinge über das Wesen des Wassers verbreitet.

Ich erkläre all das, weil gerade am Buzzfeed-Beckenrand sehr viel vermeintlich schlaue Dinge verbreitet werden. Die US-amerikanische Website, die ich hier im Frühjahr für die SZ vorgestellt hatte, ist (mal wieder) Mittelpunkt einer Debatte, an der man wunderbar einige Grundprinzipien des allgemeinen Umgangs mit digitalen Veränderungen ablesen kann. Denn die wichtigste Frage an das neue Modell von Buzzfeed ist nicht: „Wie geht das?“ sondern vielmehr: „Wie finden wir das?“ Nun legt schon die Logik nahe, dass man zur Beantwortung der zweiten die Antwort auf die erste Frage kennen sollte, aber um Logik geht es bei dem digitalen Veränderungsprozess nicht in erster Linie, viel wichtiger ist die eigenen Befindlichkeit damit.

Wer allerdings am Beckenrand die Frage diskutiert: Wie finde ich Wasser? wird damit keinerlei Fortschritt in Sachen Schwimmen erzielen – und das meine ich so:

Für mich ist Buzzfeed (als bekanntestes Beispiel für eine relativ neue Form des sozialen Publizierens) nichts anderes als digitaler Boulevard – und zwar in beiden Ausprägungen der Beschreibung: Boulevard im Sinne der journalistischen Form (was auf der Straße diskutiert wird) und digital im Sinn der vernetzten Distribution. Vor allem der zweite Punkt erscheint mir bedeutsam, da die Site ihn zunehmend auch für Themen nutzt, die klassischer Weise kein Boulevard sind (dieses Beispiel der Syrien-Berichterstattung hat viel mehr mit ganz klassischem Journalismus als mit Katzenbildern zu tun). Was ist also digital an dem Buzzfeed-Boulevard?

Gründer Peretti beantwortet dies mit dem Hinweis, dass im Netz die Frage, wie der Inhalt seinen Leser erreicht Bestandteil journalistischer Arbeit sei (er spricht davon, dass diese die Hälfte der Arbeit ausmacht). Darüber kann man streiten, um es zu verstehen, lohnt es sich aber, dem Gedanken mal wertfrei zu folgen: Das Internet ist keine lineare Rampe, sondern ein vernetzter Raum. Distribution gehorcht hier schon technisch anderen Regeln als bei klassischen Rampen-Medien. Das bezieht sich zum einen auf den viralen Effekt digitalisierter Inhalte (jeder wird zum Sender), es bezieht sich aber sehr journalistisch darauf, dass es eine inhaltliche Beschäftigung mit Identität und Haltung der Leserschaft voraussetzt. Die auf Spezial-Interessen zugeschnittenen Listen, die Buzzfeed erstellt, funktionieren nur in einer Öffentlichkeitsstruktur, die auf digitale Netz-Verbreitung setzt und nicht auf eine lineare Frontal-Öffentlichkeit. Wer eine Liste „31 Dinge, die man uns vor der Geburt eines Kindes nicht gesagt hat“, erstellt, kann das heute analog nur in einem Elternmagazin tun. Buzzfeed tut dies, obwohl es keineswegs ein Elternmagazin ist. Buzzfeed ist ein Angebot, das sich auch an Eltern richtet – mit einem Inhalt, mit dem sich diese so identifizieren können, dass sie ihn nicht nur lesen (analoge Währung), sondern weiterverbreiten wollen (digitale Währung). Gleiches erleben wir bei Buzzfeed für spitze Zielgruppen, die aufgrund von Berufsbild, Wohnort oder Lebensalter unterschieden werden. Buzzfeed schneidet Inhalte auf seine Leser zu bzw. korrekt forumliert: auf die soziale Gruppe der Leser angehören. Denn Inhalte, die auf diese Weise die (digitale) Identität ansprechen, wirken wiederum identitätsstiftend: man will sie vorzeigen.
Am besten ist dieses Prinzip mit der Idee eines offenen Buchregals vergleichbar. Im Sinne der Aufbewahrung ist dies nämlich eher untauglich – die Bücher stauben viel schneller ein als würde man sie in einen Schrank stellen. Hinter einer Tür würde aber niemand sehen, in welcher Lektüre man sich eingerichtet hat. Dieses Prinzip der analogen Identität hat Buzzfeed sich zu eigen gemacht – und produziert Inhalte, die Menschen sich ins digitale Regal stellen wollen. Und zwar jeder für sich – über Zugänge, die zahlreicher sind als der Eingang „Startseite“. Wenn Imre Grimm also in dem Zapp-Beitrag kritisiert, dass seriöse Teaser auf der Buzzfeed-Startseite in unseriösem Kontext stehen, ist das ein wenig wie die Sache mit dem Beckenrand und dem Wasser. Denn der Kontext der Startseite ist eine analoge Frage, im digitalen Kosmos von Buzzfeed geht es viel mehr um die soziale Verlinkung eines einzelnen Artikels.

Ich persönlich finde es wichtiger, dieses Prinzip zu verstehen als über den Wert der so erstellten Inhalte zu spekulieren. Denn natürlich geht dies mit Katzenbilder-Listen zunächst sehr viel einfacher als mit Berichten aus Syrien. Aber die Wette, die wir gerade erleben ist die: Schafft Buzzfeed es, das Prinzip der digitalen Identität auf Inhalte zu übertragen, die man klassisch als seriösen Journalismus beschreiben würde?

Diese Wette hat sehr viel mit Journalismus zu tun. Und selbst wenn man das nicht so sehen will: Sie könnte den Journalismus nachhaltig verändern – völlig unabhängig davon, ob exponierten Vertretern der Branche das gefällt oder nicht.

Und hier sind wir wieder beim Anfang: Wenn ich mich mit Buzzfeed (und vielen anderen digitalen Entwicklungen) befasse, geht es mir zuletzt (und meist sogar gar nicht) darum, ob mir gefällt was ich sehe. In den Interviews, die ich zu „Eine neue Version ist verfügbar“ gebe, sehe ich mich beständig der Frage ausgesetzt, ob es denn gut sei, wenn Kultur künftig unter diesen neuen Bedingungen produziert werde. Ich antworte dann stets, dass ich das nicht weiß, dass ich aber verstehen will, wie Kultur künftig produziert werden kann. Im Fall von Buzzfeed ist das ganz genau so. Erstaunlicherweise sehe ich dabei in der Seite was ganz anderes als die, die diesen Ansatz ablehnen. Sie – u.a. auch Evgeny Morozov – schreiben viel von Katzenbildern, ich hingegen sehe eine konsequente und womöglich radikale Ausrichtung auf digitale Distribution. Und die würde ich gerne erst verstehen, bevor ich sie bewerte.

Ich glaube also, es könnte für einen im Digitalen publizierenden Journalisten sinnvoller sein, sich Fragen wie diese hier zu stellen als die Frage ob ihm Buzzfeed gefällt oder nicht:

> Wie erreicht mein Inhalt seine Leser?
> Nehme ich darauf Einfluß?
> Was machen meine Leser mit diesem Inhalt?
> Wie verfasse ich Teaser für (welche?) sozialen Netzwerke?
> Wie unterscheiden sich “social teaser” von klassischen Anreißern?

P.S.: Mit diesem Beitrag probiere ich gleichzeit was Neues aus – den Dienst Medium

Das Blogbox-Experiment

Heute startet Blogbox – eine iPad-App aus München. Gemeinsam mit 51 anderen Blogs taucht auch mein Blog in der Übersichtsliste der Seiten auf, die zum Start in der Blogbox zu lesen sind.

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Dazu zählt auch Netzwertig, wo Martin Weigert das Konzept von Blogbox vorstellt:

Was Blogbox von tabletbasierten Newsreadern wie Flipboard, Pulse und Newsrepublic abhebt, ist unter anderem die automatische Paketierung der Inhalte und der ausschließliche Fokus auf deutschsprachige Blogs. (…) Das Ziel der drei Blogbox-Macher Moritz Orendt, Bernhard Hering und Marco Eisenack ist es, Blogs aus der Nische zu holen und ihnen gleichzeitig eine attraktive Einnahmequelle zu erschließen. Aus diesem Grund beinhaltet Blogbox ein integriertes, freiwilliges Bezahlsystem, nicht unähnlich dem von Flattr. Nutzer der App können sich mit der internen Währung “Bonbons” bei den einzelnen Blogs für Artikel bedanken. Bonbons werden per In-App-Kauf erworben, zehn Bonbons – die sogenannte “Studentenpackung” – kosten 0,89 Cent. Wer ein größeres Budget hat, kann für 7,99 Euro die 100 Bonbons beinhaltende Förderpackung erwerben. Das Startup betont, dass es nach Abzug von Apples 30-prozentiger Provision sämtliche Einnahmen an die jeweiligen Blogs ausschüttet.

Als ich gefragt wurde, ob ich mit den Digitalen Notizen dabei sein will, habe ich nicht wegen der Bonbons zugesagt, sondern weil ich das Experiment mag. Kann man andere Zugänge zu Inhalten bauen? Blogbox versucht das, ich bin gespannt, mit welchem Ergebnis.

Feedback und eigenes Blogbox-Erleben gerne in den Kommentaren!

Bloggen!

Im neunetzcast #11 spricht Marcel Weiß mit Leander Wattig übers Selfpublishing und darüber, warum das Bloggen eine tolle Sache ist. Sie begründen das sehr hörenswert und ich fühlte mich dabei an Sascha Lobos Lob des Blogs erinnert, das er bereits im April angestimmt hatte:

Mit dem zunehmenden digitalen Bewusstsein in der Bevölkerung, quer durch alle digitalen Schichten von der Softwareingenieurin bis zum Bundestagsabgeordneten, ist die Zeit für eine Renaissance des selbstkontrollierten Blogs gekommen: Bürger zu Bloggern, das Blog ist die digitale Stimme des Einzelnen.

Wie gut es ist, dass der Einzelne seine digitale Stimme erhebt, zeigte mir dann bei der Bloglektüre seines aktuellsten Beitrags der Kollege Michalis Pantelouris (Transparenzhinweis: wir arbeiten – leider viel zu selten – zusammen). Denn sein Homophocus betiteltes Schimpfen ist nicht nur inhaltlich richtig und notwendig, es zeigt auch eine Darstellungsform, die man so wohl nur in Blogs finden kann. Ein sehr persönliches, sehr politisches Stück – darf man das sagen? – Literatur, das in den meisten klassischen Themenkonferenzen als zu persönlich, zu politisch abgelehnt werden würde.

Aber genau dafür gibt es Blogs. Dafür, dass jemand seine digitale Stimme erhebt und sagt: Das, was der Focus da über Homosexualität und Fußball zusammendebattiert, ist ganz ganz großer Mist. Dafür, dass jemand das auf die beste aber im ganz klassischen Sinn auch unjournalistisches Art herleiten kann, die ihm zur Verfügung steht: über sich selbst.

Es gibt keinen schlechteren Verteidiger der Schwulenrechte als mich. Aber die simple Tatsache, dass es offenbar im 2012 in Mitteleuropa immer noch ein Diskussionsthema ist, wer sein Coming Out haben kann, soll und darf und wer nicht bedeutet, dass wir alle, auch der Allerletzte und Schlechteste – kurz: ich – aufgefordert sind, Typen wie Herrn Klonovsky zu sagen: Das ist eben nicht nur falsch, was Sie sagen, das ist eine alte Scheiße. Stellen Sie das ab!

Dafür dass man seinem Ärger Luft machen kann und dabei lesenswerte – ich bleibe jetzt einfach dabei – Literatur schafft, der man die Emotionalität, die Wut und die Kraft der eigenen Stimme anmerkt. Dafür gibt es die Möglichkeit des Bloggens – und damit auch jemand wie ich sagen kann: Michalis hat verdammt noch mal recht!

Von Menschen zu verlangen, sie mögen bitte auf einen zentralen Teil ihrer Existenz verzichten oder ihn zumindest unter extremem Öffentlichkeitsdruck verheimlichen, damit der homophobe „Normalo“ auf der Tribüne nicht ihretwegen sein temporäres Menschenrecht aufs Arschlochsein ausüben muss, ist unmenschlich, unvertretbar und widerlich. Punkt.

10 Jahre Mosaikum

Der lesenswerte kerleone feiert im Fluss der Belanglosigkeit gerade zehnten Geburtstag (wie der jetzt-Kosmos). Wie es sich für eine zurückhaltenden Internet-Existenz gehört, eher still und leise – aber in dem kleinen Post steckt viel von dem, was ich gute Gründe fürs Bloggen nennen würde:

Durch das Weblog habe ich meinen Schreibstil entwickelt, ich bin aufs Fotografieren gekommen, habe mit Tönen experimentiert (was schließlich auch meinen Beruf geprägt hat), habe viele Dinge in der Welt entdeckt und vor allem gute Freunde kennengelernt. Danke Mosaikum – du bist keine Kleinigkeit mehr für mich!

In Kategorie: Netz

Wieder Wasser im Pool

Ich finde ich mich dann und wann in Debatten wieder, in denen ich erklären muss, was ich da im Internet eigentlich so mache. Warum ich Twitter nutze und was ich da auf Facebook poste, werde ich gefragt und die Fragenden schauen dabei als würde ich Fernreise für Außerirdische anbieten.

Keine Sorge, das hier wird kein weiterer Beitrag zur digitalen Spaltung unserer Gesellschaft, sondern der Hinweis (den ich an der Blogbar las) darauf, dass die ersten Bloggerinnen und Blogger, die ich in meinem Leben mit Geduld und Interesse las, wieder Wasser in ihren Pool gelassen haben: Unter poolistas.blogspot.com gibt es seit kurzem Texte von Menschen, die ich vor einer Ewigkeit unter Am Pool gerne las. Ob dieses Literaturforum damals eine Frühform von Blogs oder eine Spätform von Popliteratur war, mögen Literaturwissenschaftler ergründen. Ich habe jedenfalls gerne Am Pool vorbeigeschaut und Beobachtungen gemacht, die weit über Blogs und Popliteratur hinaus gehen.

Damals hatte ich keine Ahnung, was RSS ist und dass man Texte auch lesen kann, ohne ständig auf eine Website gehen zu müssen. Das ist heute anders.

The Cake is big enough

Vor ein paar Tagen (sorry für die Verspätung) habe ich hier über die Veränderung des Journalistenberufs anhand des Beispiels Foodblogs geschrieben. Auslöser war ein Text über Foodblogs im Zeit-Magazin. Daraufhin meldete sich die in diesem Text von Wolfram Siebeck angesprochene Meeta K Wolff , die das Blog What’s For Lunch Honey? betreibt, bei mir. Ich zitiere hier aus ihre Mail, weil ich ihre Position sehr interessant finde:

Now that I have read Siebeck’s article I have to say it amuses me (and please do not take this as an arrogant comment) to read his thoughts on food blogs and food bloggers. It showed that unfortunately Mr. Siebeck did not do his research, very well, but chose to fall back on the typical clichés instead. Therefore, it really makes me happy to hear voices who take a different stand, like your own, and make their opinions heard.

(…) Mr. Siebeck’s comparison to the WWW being an electronic form of the Speaker’s Corner was spot on. And it is this corner that food bloggers have found to showcase their talent. When I first started, food blogging was a very small corner of the WWW, but five years later I see an immense shift and this corner has expanded into an extremely huge and valuable platform. Not only the food industry, but also magazines, ad agencies etc. have taken notice of this shift and have begun to use this platform for marketing an promotion purposes. Why? Because bloggers have a very strong voice, they are respected and they have the direct reach to the real „consumers“ – the target group companies want to reach out to. This is revolutionizing not only the food world but also the entire concept of marketing, advertising and promotion.

In his article, Mr. Siebeck generalizes and reduces blogging as a pastime for retired editors or bored and well situated housewives. I had to laugh at this as he uses this banal stereotype and yet contradicts his article by using two food blogs as examples which could not be furthest from his projected stereotype of blog writers. Firstly, many food bloggers have regular „real“ jobs – as lawyers, corporate managers, writers and in my own case I work at the Bauhaus-Universität Weimar working as a coordinator for PHD students in structured PHD programmes. A job that fulfills me on many levels. What I do on What’s For Lunch, Honey?, my writing, my photography and recipe developing, is my form of creative release. Some play golf I blog! If Mr. Siebeck had done his homework or even cared to interview me he would have realized this fact. Furthermore, he would also have been enlightened by the fact that I am indeed a trained hotelier and have trained and worked in the kitchen of one of the finest luxury hotels of the world.

Food bloggers do not see themselves in competition with the professional writers, journalists or photographers nor are they looking to replace such qualified professionals. What we do comes from our passion within rather than for monetary reasons. Food bloggers are real people, who have a lot of talent and blogging enables us to finally display this talent and creativity to a wider audience.

However, just like there are many professional writers, journalists and photographers and only a selective few make it to the top levels, in the same way there are countless number of food blogs, but only a few really move on to becoming recognized for what they do. Therefore, Mr. Siebeck’s generalizing of all food blogs is like comparing Jane Austin to Jackie Collins. It just does not work like that.

Professional writers, journalists and photographers specialize in their specific fields, which shapes what they do and how they do it and the same applies to food bloggers. Some are stronger writers, while others forte might be photography or recipe developing and this shapes the way their blog is oriented. So there are blogs that only specialize in recipes, others have long stories to tell and others focus on depicting their images and others still will review products.

Food bloggers rely on their skills to advance and find a standing on this platform. As a food blogger, I develop recipes, cook them, test them, then I move on to styling my own photographs and taking the pictures and then write a story that fits the mood and finally I market the blog and the post accordingly. I do not have the luxury of an entire team to do this for me.

Selecting Delicious Days and What’s For Lunch, Honey? as examples in his article was quite interesting because both are extremely popular and recognized blogs. Delicious Days author Nicky is successful and highly respected for what she does. Her blog was recognized by the Times as one of the coolest blogs and she has just completed her second book.

What’s For Lunch, Honey? has also made a successful niche for itself in the food blogging community. It was recognized as one of the world’s top 50 blogs by the UK Times in 2009 and was one of the top five finalists for Best European Blog at the Weblog Awards in 2010. Through the blog I am able to share the creativity I possess and my blog has helped me to develop and hone my photography and writing skills further. And what’s more I am giving back what I have learnt – I now speak at conferences in Europe on the topic of food photography and styling and this year, together with three other very talented food bloggers, we have organized a food photography and writing workshop to be held here in Weimar, Germany in May 2011. The workshop is sold out and bloggers from Canada, USA, South Africa UK and Europe will all be attending From Plate to Page to learn and improve their own skills.

My point with this is – for bloggers the moon is the limit. There are no constraints or deadlines to meet, we can allow our passion and talent to flow freely. Our blogs provide us the freedom to paint the picture we want to or write the story we choose to. The good and talented bloggers advance to becoming recognized, get cookbook deals or work on photography projects or plan workshops – there are many prospect channels for a blogger to enter.

Thankfully, the cake is big enough for everyone to grab a piece – if they want to.

Blog des Jahres? Gefühlskonserve!

Bei t3n.de wird das Blog des Jahres 2010 gesucht. In der Begründung heißt es:

Der Grund dafür ist einfach: Wir lesen sie selbst täglich. Oft verweisen wir in den News auf Blogposts und auch unser Portal „Social News“ kommt fast ganz ohne Verweise auf „klassische Medien“ aus.

Darunter folgt eine Auflistung von rund 100 Blogs, die allesamt bestimmt toll sind und einen Preis verdient haben. Erstaunlich ist jedoch, dass das Blog, das in diesem Jahr ganz besonders von sich reden gemacht hat und (wenn man denn schon ein Blog des Jahres küren will) diese Auszeichnung verdient hätte, gar nicht in der Liste auftaucht.

Ich spreche von der Gefühlskonserve aus München, in der Deef Pirmasens in diesem Februar einen Stein ins Rollen brachte, dessen Folgen noch bis weit in den Sommer Folgen zeitigte:

http://www.gefuehlskonserve.de/axolotl-roadkill-alles-nur-geklaut-05022010.html

Die Rede ist von Helene Hegemann, deren „Axolotl Roadkill“ erst durch Deefs aufmerksame Lektüre und den folgenden Blogeintrag vom umjubelten Debüt zum umstrittenen Abschreib-Buch wurde (dazu hier meine Verteidigung des Remix gegen den Betrug bei jetzt.de). Wenn man schon zum Jahresrückblick und zur Blogger-des-Jahres-Wahl greifen möchte, sollte man daran erinnern, wie hier ein Blogger die Demokratisierung der Publikationsmittel nutzte und ein sehr bedeutsames Thema auf die Agenda brachte.

Deshalb: mein Blogger des Jahres 2010 ist Deef Pirmasens!

Vom Bückling zum Blogger

Im Grunde gab es Blogger früher schon in der Lokalzeitung. Das waren pensionierte Lehrer, Vorsitzende von Vereinen, und die kamen in die Redaktionsstube und mussten einen Bückling machen, damit der Herr Redakteur gnädigerweise ihren Artikel druckte. Dieses Hierarchieverhältnis hat sich umgedreht. Das verunsichert den Journalisten, der früher der Torwächter war, der allein entschied, was veröffentlicht wurde und was nicht. Das gibt es so nicht mehr. Das ist auch gut so.

Im Freitag gibt es Interview mit Volker Lilienthal – über Qualitätsjournalismus und das Hierachieverhältnis im Publizieren.