Alle Artikel mit dem Schlagwort “digitale distribution

Warum „nur online“ in Wahrheit „nur überall“ heißt (Digitale September-Notizen)

Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Dieser Text steht „nur online“. Es gibt keinen anderen Weg, über den er verbreitet wird. Er ist „nur im Internet“. (Symbolbild: unsplash)

Warum ich das erwähne, wo er doch erkennbar über eine Website und einen Newsletter zugänglich gemacht wird? Weil auch im Jahr 2022 (über 30 Jahre nach der Erfindung des WWW) diese einschränkende Beschreibung genutzt wird, meist um damit anzuzeigen, dass eine Dienstleistung oder ein Inhalt nicht auch auf andere Weise verfügbar ist. Das ist erstaunlich, weil nahezu jeder andere Zugang komplizierter ist als jener, der mit „nur“ eingeschränkt wird. Statt zu sagen, etwas sei „nur online“ verfügbar, könnte man auch sagen, es sei „nur überall“ verfügbar.
Das ergibt wenig Sinn, wird aber dennoch ständig getan.

Die digitale Verfügbarkeit gilt vielen nämlich noch immer als neu und nicht selten als weniger wertvoll. Etabliert sind andere Formen des Zugangs: auf Papier, im Geschäft oder im linearen Programm (TV oder Radio). Im Kontrast zu all diesen Kontexten wird „nur online“ genutzt – nicht selten mit einem abwertenden Ton. Denn „nur online“ heißt in diesem Duktus nicht „nur überall“, sondern vor allem „nicht auf gelernte Weise“.

Um das zu verstehen, muss man diese Weise gelernt haben. Man muss wissen, dass Inhalte, Produkte und Dienstleistungen vor der Digitalisierung anders distribuiert wurden als dies im Internet nun möglich ist. Man muss eine Sicht auf die Welt haben, die digitale Distribution mindestens als ungewöhnlich, vielleicht sogar als Einschränkung empfindet, nicht aber als selbstverständlichen ersten Schritt, wenn etwas publiziert werden, also öffentlich sein soll. Zu sagen, etwas sei „nur online“ ist also in erster Linie ein Satz, der Auskunft über den/die Sprechenden gibt – dann erst über den Inhalt. Denn dass etwas „nur überall“ verfügbar ist, muss ja eigentlich nicht gesagt werden.

Was häufig gemeint ist mit der „nur online“-Einschränkung ist vielmehr dies: dieses Produkt, dieser Inhalt zählen nicht zu den Auserwählten. Sie sind nicht kuratiert worden für die andere (nicht selten komplizierte) Form der Distribution. Das Problem dabei: es gibt für diese andere Form der Distribution meist keine wertversprechende Form der Beschreibung. „Dieser Song erscheint auf Kassette“, „dieser Beitrag wird nur zu einem bestimmten Zeitpunkt veröffentlicht“ oder „jener Text ist nur einen Tag lang am Kiosk erhältlich“, ist keine Form der Beschreibung, die auf einen besonderen Wert schließen lässt. Dabei könnte sie das sein (oder werden), wenn man sie denn in ihrer Besonderheit betonen würde – und ihre Wertigkeit nicht einzig auf die Abwertung des Digitalen gründen würde. Dass weniger mehr sein kann, habe ich hier schon mal beschrieben – im Falle der „nur online“-Rede findet diese besondere Wertigkeit der nicht-digitalen Distribution aber gar keine Anwendung.

Und das ist auch der zentrale Grund, warum ich diesen Text schreibe und „nur online“ veröffentliche. Ich möchte, dass Sie ihn speichern und bei nächster Gelegenheit denjenigen senden, die sagen, etwas sei nur im Internet verfügbar. Fragen Sie sie doch mal, warum sie diese Einschränkung machen? Was wollen sie damit ausdrücken? Ist es tatsächlich eine fürs Publikum relevante Information oder verrät sie mehr über die Abläufe auf Sender-Seite? Über deren Kostenstellen oder Publikationssysteme?

Vielleicht kann durch diese Gedanken eine neue Debatte über Distributionsformen beginnen, die ihren Ausgangspunkt nicht im 20. Jahrhundert, sondern in der Gegenwart hat.

Bis dahin werde ich jedes „nur online“ gedanklich durch ein „nur überall“ ersetzen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit aktuellen Entwicklungen in Social Media befasse – zum Beispiel: „Warum wir aufhören sollten, Fan-Zahlen wichtig zu nehmen“ (Juni 2022), „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

Hier kann man ihn kostenlos abonnieren.

In Kategorie: DVG

Wie findest du Wasser?

tl;dr
Selbstverständlich ist Buzzfeed Journalismus: digitaler Boulevard. Darum geht es aber gar nicht. Viel wichtiger als die eigene Meinung zu einer Veränderung ist ein Verständnis für deren Prinzip.

Ich weiß nicht mehr wer es mir riet, aber ich fand den Vorschlag so wenig falsch, dass ich ihn in die Tat umsetzte: Ich reservierte die URL mit meinem Namen. Mir war damals nicht klar, wofür das gut sein könnte und ob ich es gut fand, weiß ich auch nicht mehr. Darum ging es aber auch erstmal nicht, es ging darum, dass ich rausfand, wie man eine Internet-Adresse bei einem Provider beantragt und verstand, wie man etwas hochlädt. Anschließend prangte unter meinem Namen für eine lange Weile ein Baustellenschild im Netz. Das störte niemanden, weil es – Anfang der Nullerjahre – ohnehin niemand sah.

Ich weiß ebenfalls nicht mehr wer mir riet, ein Blog einzurichten, mir ging es mit dem Vorschlag aber genau wie mit der URL-Idee: Ich fand ihn so wenig falsch, dass ich ihn ausprobierte. Denn irgendwas musste ich ja nun auch mit meiner Domain anfangen. Also lernte ich, wie man WordPress installiert und im Backend rumstümpert. Mir war damals nicht klar, wofür das gut sein könnte und ob ich das gut fand, weiß ich auch nicht mehr. Aber darum ging es – wie gesagt – auch hier erstmal nicht …

Hinter der Art und Weise wie ich zum Bloggen kam, wie ich Twitter kennenlernte und überhaupt all die Möglich- und Schwierigkeiten des Dialog-Netzes steckt ein vergleichbares Grundprinzip, das man sehr vereinfacht als „Ausprobieren/Machen“ beschreiben kann. Wenn ich danach gefragt werden, bemühe ich eine erfrischende Poolmetapher und erkläre, dass man Schwimmen auch nur lernt wenn man nass wird und nicht wenn man am Beckenrand vermeintlich schlaue Dinge über das Wesen des Wassers verbreitet.

Ich erkläre all das, weil gerade am Buzzfeed-Beckenrand sehr viel vermeintlich schlaue Dinge verbreitet werden. Die US-amerikanische Website, die ich hier im Frühjahr für die SZ vorgestellt hatte, ist (mal wieder) Mittelpunkt einer Debatte, an der man wunderbar einige Grundprinzipien des allgemeinen Umgangs mit digitalen Veränderungen ablesen kann. Denn die wichtigste Frage an das neue Modell von Buzzfeed ist nicht: „Wie geht das?“ sondern vielmehr: „Wie finden wir das?“ Nun legt schon die Logik nahe, dass man zur Beantwortung der zweiten die Antwort auf die erste Frage kennen sollte, aber um Logik geht es bei dem digitalen Veränderungsprozess nicht in erster Linie, viel wichtiger ist die eigenen Befindlichkeit damit.

Wer allerdings am Beckenrand die Frage diskutiert: Wie finde ich Wasser? wird damit keinerlei Fortschritt in Sachen Schwimmen erzielen – und das meine ich so:

Für mich ist Buzzfeed (als bekanntestes Beispiel für eine relativ neue Form des sozialen Publizierens) nichts anderes als digitaler Boulevard – und zwar in beiden Ausprägungen der Beschreibung: Boulevard im Sinne der journalistischen Form (was auf der Straße diskutiert wird) und digital im Sinn der vernetzten Distribution. Vor allem der zweite Punkt erscheint mir bedeutsam, da die Site ihn zunehmend auch für Themen nutzt, die klassischer Weise kein Boulevard sind (dieses Beispiel der Syrien-Berichterstattung hat viel mehr mit ganz klassischem Journalismus als mit Katzenbildern zu tun). Was ist also digital an dem Buzzfeed-Boulevard?

Gründer Peretti beantwortet dies mit dem Hinweis, dass im Netz die Frage, wie der Inhalt seinen Leser erreicht Bestandteil journalistischer Arbeit sei (er spricht davon, dass diese die Hälfte der Arbeit ausmacht). Darüber kann man streiten, um es zu verstehen, lohnt es sich aber, dem Gedanken mal wertfrei zu folgen: Das Internet ist keine lineare Rampe, sondern ein vernetzter Raum. Distribution gehorcht hier schon technisch anderen Regeln als bei klassischen Rampen-Medien. Das bezieht sich zum einen auf den viralen Effekt digitalisierter Inhalte (jeder wird zum Sender), es bezieht sich aber sehr journalistisch darauf, dass es eine inhaltliche Beschäftigung mit Identität und Haltung der Leserschaft voraussetzt. Die auf Spezial-Interessen zugeschnittenen Listen, die Buzzfeed erstellt, funktionieren nur in einer Öffentlichkeitsstruktur, die auf digitale Netz-Verbreitung setzt und nicht auf eine lineare Frontal-Öffentlichkeit. Wer eine Liste „31 Dinge, die man uns vor der Geburt eines Kindes nicht gesagt hat“, erstellt, kann das heute analog nur in einem Elternmagazin tun. Buzzfeed tut dies, obwohl es keineswegs ein Elternmagazin ist. Buzzfeed ist ein Angebot, das sich auch an Eltern richtet – mit einem Inhalt, mit dem sich diese so identifizieren können, dass sie ihn nicht nur lesen (analoge Währung), sondern weiterverbreiten wollen (digitale Währung). Gleiches erleben wir bei Buzzfeed für spitze Zielgruppen, die aufgrund von Berufsbild, Wohnort oder Lebensalter unterschieden werden. Buzzfeed schneidet Inhalte auf seine Leser zu bzw. korrekt forumliert: auf die soziale Gruppe der Leser angehören. Denn Inhalte, die auf diese Weise die (digitale) Identität ansprechen, wirken wiederum identitätsstiftend: man will sie vorzeigen.
Am besten ist dieses Prinzip mit der Idee eines offenen Buchregals vergleichbar. Im Sinne der Aufbewahrung ist dies nämlich eher untauglich – die Bücher stauben viel schneller ein als würde man sie in einen Schrank stellen. Hinter einer Tür würde aber niemand sehen, in welcher Lektüre man sich eingerichtet hat. Dieses Prinzip der analogen Identität hat Buzzfeed sich zu eigen gemacht – und produziert Inhalte, die Menschen sich ins digitale Regal stellen wollen. Und zwar jeder für sich – über Zugänge, die zahlreicher sind als der Eingang „Startseite“. Wenn Imre Grimm also in dem Zapp-Beitrag kritisiert, dass seriöse Teaser auf der Buzzfeed-Startseite in unseriösem Kontext stehen, ist das ein wenig wie die Sache mit dem Beckenrand und dem Wasser. Denn der Kontext der Startseite ist eine analoge Frage, im digitalen Kosmos von Buzzfeed geht es viel mehr um die soziale Verlinkung eines einzelnen Artikels.

Ich persönlich finde es wichtiger, dieses Prinzip zu verstehen als über den Wert der so erstellten Inhalte zu spekulieren. Denn natürlich geht dies mit Katzenbilder-Listen zunächst sehr viel einfacher als mit Berichten aus Syrien. Aber die Wette, die wir gerade erleben ist die: Schafft Buzzfeed es, das Prinzip der digitalen Identität auf Inhalte zu übertragen, die man klassisch als seriösen Journalismus beschreiben würde?

Diese Wette hat sehr viel mit Journalismus zu tun. Und selbst wenn man das nicht so sehen will: Sie könnte den Journalismus nachhaltig verändern – völlig unabhängig davon, ob exponierten Vertretern der Branche das gefällt oder nicht.

Und hier sind wir wieder beim Anfang: Wenn ich mich mit Buzzfeed (und vielen anderen digitalen Entwicklungen) befasse, geht es mir zuletzt (und meist sogar gar nicht) darum, ob mir gefällt was ich sehe. In den Interviews, die ich zu „Eine neue Version ist verfügbar“ gebe, sehe ich mich beständig der Frage ausgesetzt, ob es denn gut sei, wenn Kultur künftig unter diesen neuen Bedingungen produziert werde. Ich antworte dann stets, dass ich das nicht weiß, dass ich aber verstehen will, wie Kultur künftig produziert werden kann. Im Fall von Buzzfeed ist das ganz genau so. Erstaunlicherweise sehe ich dabei in der Seite was ganz anderes als die, die diesen Ansatz ablehnen. Sie – u.a. auch Evgeny Morozov – schreiben viel von Katzenbildern, ich hingegen sehe eine konsequente und womöglich radikale Ausrichtung auf digitale Distribution. Und die würde ich gerne erst verstehen, bevor ich sie bewerte.

Ich glaube also, es könnte für einen im Digitalen publizierenden Journalisten sinnvoller sein, sich Fragen wie diese hier zu stellen als die Frage ob ihm Buzzfeed gefällt oder nicht:

> Wie erreicht mein Inhalt seine Leser?
> Nehme ich darauf Einfluß?
> Was machen meine Leser mit diesem Inhalt?
> Wie verfasse ich Teaser für (welche?) sozialen Netzwerke?
> Wie unterscheiden sich “social teaser” von klassischen Anreißern?

P.S.: Mit diesem Beitrag probiere ich gleichzeit was Neues aus – den Dienst Medium