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Getting Ambiguitätstoleranz With It (Was würde der Shruggie tun? 003)

Was würde der Shruggie tun? – Antworten vom sprechenden Emoticon aus „Das Pragmatismus-Prinzip ist ein Podcast mit Yannic Hannebohn und Dirk von Gehlen und gibt es hier bei iTunes, hier bei Soundcloud und hier als RSS-Feed.

Das Buch ist da! 150 Jahre nach der Veröffentlichung von „Der Idiot“ erscheint heute das Buch mit dem Shruggie. Der Podcast feiert den Erscheinungstag von „Das Pragmatismus-Prinzip“ – und vergisst vor lauter Freude, den Titel des Podcasts zu erwähnen. Er heißt „Was würde der Shruggie tun?“ und kommt in der zweiten regulären Folge mit großartigen Geschenken und tollen Fragen daher, u.a. mit…

@filid, der fragt „Würde der Shruggie Geschenken annehmen?“ – und direkt ein Geschenk mitbringt. Diese großartige Shruggie-Box!
… der Frage von @bastihosan nach dem richtigen Zeitpunkt zum Schlafengehen.
… der Frage nach dem Lieblingslied des Shruggie!
… Christoph, der fragt: Ist Ratlosigkeit auch weiblich? Und: hat der Shruggie eine Glatze?
… der Überlegung: Soll man sich bei Facebook abmelden?
@Lavinia_Wo, die wissen will, ob der Shruggie nicht sehr passiv ist.
… einer Frage nach dem Wert von Großraumbüros. Und der Aufforderung: Wer ruft uns aus der Stabi an!?
… der Auflösung der unverständlichen Frage aus der letzten Folge: Peter Wittkamp fragt nach Whatsapp-Gruppen
… der Cliffhanger-Frage @tran_vominhthu, die in der nächsten Folge beantwortet wird.

Da willst du auch dabei sein? Dann stell dem Shruggie jetzt deine Frage. Schreib sie in seinen iTunes-Feed in die Kommentare oder sprich sie ihm auf den Anrufbeantworter (0174 350 3082)

Zum Nachhören gibt es hier die Teaserfolge „Bei Anruf ratlos“, hier die erste reguläre Folge „Heimspiel am Tisch Pragma“ sowie die aktuelle Folge „Getting Ambiguitätstoleranz With It“

Shownotes:
>Die Bauanleitung für die Shruggie-Box von filid steht hier.
>Der LEO23GT steht hier in Warschau und das Foto von iBigFoots Kaffeekanne steht hier (die Genervtheit von Max von Malotki hier)
>Das Gespräch mit Ute Welty (das meine Pragmatismus-Fähigkeit auf die Probe gestellt hat) kann man auf der Website vom Deutschlandfunk Kultur nachhören.
>Hintergrund zum U2-Release von Songs of Innocence steht hier
> Der Mann auf dem Kinderspielplatz ist Maeckes – sein Song Gettin Jiggy With It ist das Lieblingslied vom Shruggie – der von @diskomanni empfohlene Mammut-Remix von steht hier
> Das Wort Ambiguitätstoleranz ist hier auf der Wikipedia erklärt
> Für die Shruggie-Ultras und Internethistoriker: Hier ging es schon mal um Geschlechtszuschreibungen des Shruggie.
> Das zitierte Buch von Rebecca Solnit heißt „Wenn Männer mir die Welt erklären“
> Der Text vom Kollegen Richard Gutjahr steht hier in seinem Blog.
> Hintergrund zur Idee der Zwei-Browser-Lösung bei Matthias Eberl.
> Hintergrund zum Kältebus.
> Die Forderung „Wir sollten die Hoffnungen der Menschen ernst nehmen, nicht ihre Sorgen“ habe ich beim Zündfunk-Netzkongress formuliert.
> Zukunft ist kein Schicksal – hat der Bundespräsident in seiner Weihnachtsansprache gesagt.
> Die „Bloß nichts falsch machen“-Kritik an der FDP stand hier in meinem Newsletter
>Der Rant aufs Großraumbüro aus der FAZ.
> Der Podcast von Peter Wittkamp und Daniel Erk heißt ErkundWittkamp und ist dringend zum Anhören empfohlen!
> Beim Begriff Stabile Unterhaltung – muss ich an dieses T-Shirt denken.
> Die WhatsApp-Kolumne von jetzt.de steht hier

> Falls Du Hausmeister einer Mehrzweckhalle bist und uns zum Live-Podcasting einladen möchtest: Melde dich bei uns – oder beim Shruggie unter der Nummer 0174 350 3082 (Wir nehmen auch Bildschirmhintergrund-Motive für Yannic)

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Was machen! Interview zum gesellschaftlichen Engagement

Es war irgendwann vor der Bundestagswahl 2017 als ich zum ersten Mal einen Newsletter von Antje, Nicola, Indre und Johannes las. Unter dem Titel „Was machen“ verschicken sie seit dem „Ideen und Tipps für dein gesellschaftliches und politisches Engagement“ – wie es im Untertitel heißt. Ich lese den Newsletter so gerne, dass ich dem Team von Was machen ein paar Fragen geschickt habe, die sie gemeinsam beantwortet haben.

Ihr habt eine Aktion namens „Was machen“ gestartet? Warum muss man etwas tun?
Ob jemand „muss“, liegt im Ermessen des einzelnen. Zunächst war es unser eigenes Gefühl: was tun zu wollen, um dem verstärkten Rechtspopulismus etwas entgegen zu stellen. Wenn die Mehrheit der Menschen in Deutschland gegen diese rechte Entwicklung und für eine offene, demokratische Gesellschaft ist, dann sehen wir es als wichtig an, dies auch zu bekennen. Hörbar, sichtbar und spürbar Demokratie zu stärken im Rahmen der eigenen Möglichkeiten.
Wir haben uns über die letzten 30 Jahre so sehr an die Freiheiten und Vorteile der liberalen Gesellschaft gewöhnt, dass wir sie lange für selbstverständlich genommen haben. Nun zeigen uns die aktuellen Entwicklungen, dass wir uns konstant für den Erhalt und den Ausbau der Demokratie einsetzen müssen, sofern wir sie nicht wieder verlieren wollen.
Nach der Brexitentscheidung, der Wahl Trumps und den Wahlerfolgen der Afd haben wir von vielen Leuten immer wieder gehört, sie möchten gerne was tun, sich einbringen, wüssten aber nicht wie. Es scheint ihnen die Zeit und Möglichkeit zu fehlen, selbst zu recherchieren, was möglich ist. Oder sie fühlen sich in der Fülle der Möglichkeiten verloren oder können schlecht einschätzen, was es überhaupt bedeutet, sich z.B. ehrenamtlich einzubringen. Sicher gibt es solche Informationen auch in der Presse, jedoch vereinzelt, nicht gebündelt. Wir versuchen mit „Was machen“, konkrete Möglichkeiten des Engagements zusammenzutragen, die sehr unterschiedlichen Aufwand erfordern – ohne zu bewerten, was davon „wirkungsvoller“ ist.

Und wie findet Ihr raus, was man tun soll?
„Soll“ ist nicht der Punkt, denn zunächst wollen die Leute ja, sonst kämen sie ja nicht auf unsere Webseite und würden „Was machen“ abonnieren. Unser Anliegen ist es, weitestgehend neutral (also überparteilich), überregional und unabhängig zu informieren – und zwar über ganz verschiedene Möglichkeiten des politischen und gesellschaftlichen Engagements. Dieser Anspruch und der Themenschwerpunkt gibt den Rahmen vor, in dem wir mögliche Tipps recherchieren und auswählen.
Wie jedes andere redaktionelle Medium, versuchen wir eine gewisse Vielfalt abzudecken und nicht nur einseitig zu informieren. Zudem bringt jede*r von uns eigene Engagementerfahrungen und (politische) Kenntnisse mit ein. Daraus ergibt sich die Mischung. Bisher stellte es keine Schwierigkeit dar, interessante, abwechslungsreiche Anregungen zu publizieren, zudem gab es in der Zeit vor der Bundestagswahl viele Aktivitäten, die wir für empfehlenswert hielten. Jetzt, nach der Wahl, reflektieren wir unser bisheriges Spektrum und schauen, wie wir inhaltlich und formell weiter vorgehen können und wollen.

Es gibt Leute, die sagen man müsse sich in Vereinen, Parteien oder Kirchen engagieren um wirklich etwas zu bewirken. Kam das für Euch gar nicht in Frage?
Das ist ja nicht zwangsläufig eine Frage von entweder oder. Nur weil wir unser Medium weitestgehend unparteiisch halten, heißt das ja nicht, dass keine*r von uns Parteimitglied ist oder sich nicht auch anderweitig ehrenamtlich mit seinen Kompetenzen einbringt.
Leute aktivieren ist eine zähe Sache, das mussten wir lernen. Zunächst waren wir schon frustriert, weil wir das Gefühl bekamen, es tut sich nichts. Doch unsere Leser*innen-Umfrage hat uns gezeigt, dass sich eben doch was bewegt und politische wie gesellschaftliche Themen ein höheren Stellenwert im Bewusstsein und Alltag der Leser*innen einnehmen.
Vielleicht erscheint einigen, die politisch sehr aktiv sind, so manche unserer Empfehlungen als lapidar. Doch man muss es auch mal so sehen: Es ist einfach nicht jedem möglich – aus ganz verschiedenen Gründen – intensiv ins gesellschaftspolitische Engagement einzusteigen. Das heißt aber nicht, dass diese Menschen gar nichts tun wollen und es wäre falsch, das was es ihnen möglich ist zu investieren, als wertlos zu bezeichnen. Wir können uns nicht hinstellen und behaupten, dass z.B. Nachbarschaftshilfe weniger wert ist, als kommunale Parteiarbeit, in dem wir sagen: „Das bringt doch nichts“. Wenn wir anfangen Engagement so zu bewerten, relativieren wir die Motivation und damit unser solidarisches Miteinander.
Der wichtige Punkt ist, dass wir über den persönlichen Tellerrand emphatisch hinausblicken und handeln. Wo und wie das dann zum Einsatz kommt, muss jeder selbst nach seinen Möglichkeiten entscheiden: Spende oder Kandidatur, ein Statement Shirt tragen oder eine Bürgerinitiative starten, politische Gespräche im persönlichen Umfeld führen usw. …

Ich lese – das sollte ich vielleicht offen legen – Euren Newsletter schon eine Weile mit Genuss. Es gelingt euch, auf Aktionen hinzuweisen ohne belehrend zu sein. Wie macht man das?

Wir haben das jetzt schon öfter als Feedback gehört und es ist ein schönes und überraschendes Kompliment, denn das war nichts, was wir konzeptionell so beschlossen haben. Vermutlich ist das aus unserem redaktionellen Vorgehen geboren: Gemeinsam mögliche Themen recherchieren und beschließen, alle geschriebenen Texte anschließend im Team abstimmen und überarbeiten. Sicher sind wir dabei sehr bedacht vorgegangen, denn es ist uns wichtig, das verstärkte Bedürfnis der Menschen „etwas tun zu wollen“ nicht im Keim zu ersticken. Wir möchten nicht überfordern, sondern motivieren.

In der aktuellen Ausgabe geht es um Pläne für 2018. Was habt Ihr vor?
Wir möchten das Projekt weiterführen, müssen jedoch einräumen, dass uns der Newsletter in der Vergangenheit recht viel Zeit und Konzentration abverlangt hat. Recherche, Redaktion, Abstimmung und Umsetzung war bisher enorm aufwendig, so dass wir dieses Periodikum in seiner bisherigen Form nicht dauerhaft nebenbei erstellen können. Also modifizieren wir zunächst erst einmal die „Taktung“ und den Umfang: anstatt mit jeder Ausgabe immer gleich drei Tipps vorzustellen, wird es nun einer sein. Dafür vielleicht etwas ausführlicher oder auch mal in Form eines Interviews, usw. Aktuell feilen wir noch an möglichen Formaten.
Außerdem werden wir die Inhalte nicht mehr ausschließlich als Newsletter versenden, sondern publizieren diese als Beiträge auf unserer Webseite was-machen.org. So sind diese Informationen auch für Leute, die im Netz recherchieren, auffindbar. Wer den Newsletter abonniert hat, wird unsere Beiträge weiterhin per E-Mail erhalten. Denn auch das ist ein Aspekt, den uns unsere Leser*innen als Feedback mitgegeben haben: dass es durchaus wichtig ist, die Tipps regelmäßig im Postfach zu haben.

Und was sollte sich jede und jeder einzelne fürs neue Jahr vornehmen, wenn er/sie „was machen“ will?
Aufmerksam bleiben, sich informieren, auch wenns mal anstrengend ist. Den Mund aufmachen, wenn wir die Dinge anders sehen, eine Meinung haben und nicht davon ausgehen, dass es schon genügend andere gibt, die da „was machen“ und sich für ein faires, demokratisches Miteinander einsetzen. Oder um es mit Tilda Swintons Worten zu sagen, die auf die Frage der ZEIT „Was würden Sie im Rückblick auf 2017 an sich und anderen gerne korrigieren?“ antwortete: „Die Annahme, dass sich die Dinge ohne wachsame teilnehmende Aufmerksamkeit einfach zum Besseren entwickeln.“ *

Mehr über die Arbeit und den Newsletter von Was machen gibt es auf der Website was-machen.org

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Heimspiel am Tisch Pragma – (Was würde der Shruggie tun? 002)

Was würde der Shruggie tun? – Antworten vom sprechenden Emoticon aus „Das Pragmatismus-Prinzip ist ein Podcast mit Yannic Hannebohn und Dirk von Gehlen und gibt es hier bei iTunes, hier bei Soundcloud und hier als RSS-Feed.

Da ist sie: die erste reguläre Folge! Yannic und ich sitzen in Berlin und hören uns die ersten Fragen an, die für den Shruggie eingetroffen sind. Wie großartig, es haben Menschen Fragen gestellt und angerufen unter der 0174 350 3082! Vielen Dank – an

@caps0r (der PGP einrichten will)
… die anonyme Bitcoins-Stimme
… den unverständlichen Anrufer (bitte nochmal anrufen!!!)
@philippaaron, der sich (und den Shruggie) fragt, ob es sich noch lohnt einen Führerschein zu machen
… an @siegstyle, der einen Pragma-Tisch sucht.
@anna_reuss, die sich fragt, wie man zu Frauke Petrys Lebenslauf stehen sollte.
@N_Wessinghage, die u.a. nach dem Geschlecht vom Shruggie fragt.
@BastiHosan, dessen Frage nach der richtigen Bettgeh-Zeit in der nächsten Folge beantwortet wird.

Dieses Mal geht es um Zahnbürsten, Bitcoins, Liebe und am Ende um Friends. Der Coverheld meines Buches „Das Pragmatismus-Prinzip“ (ab 12.1. bei Piper) hat zu all dem eine Meinung – und verbindet es in dieser Folge mit Karl Popper und der Suche nach Wahrheit.

Da willst du auch dabei sein? Dann stell dem Shruggie jetzt deine Frage. Schreib sie in seinen iTunes-Feed in die Kommentare oder sprich sie ihm auf den Anrufbeantworter (0174 350 3082)

Zum Nachhören gibt es hier die Teaserfolge „Bei Anruf ratlos“

Shownotes:
>Der Intererklärer-Beitrag aus dem RBB steht hier in der Mediathek
>Die erste Fundstelle zum Shruggie steht hier bei The Intercept
> Der Hintergrund zum Jugendwort des Jahres: Warum in „I Bims“ ein politisches Statement steckt
> Die Referenz auf das Buch Gegen den Hass von Carolin Emcke bezieht sich auf diesen Appell für das Unreine.
> Der Wunsch nach Pluralismus ist auch hier ausbuchstabiert worden.
> Die Referenz auf Rosa Luxemburg habe ich auch in diesem Text in der SZ ausformuliert: „Freiheit ist immer die Freiheit zum Andersdenken“
>Der zitierte Text von Sascha Lobo ist hier in seiner Spiegel-Kolumne erschienen.
> Die Verlaufsform „am Wahrheiten“ sein, wurde im vergangenen Jahr schon mal im Digitale-Notizen-Newsletter erwähnt – hier kann man das nachlesen.

> Wer den Anrufbeantworter vom Shruggie hören und besprechen will oder eine Sprachnachricht schicken möchte, das ist seine Nummer 0174 350 3082

Bloss nichts falsch machen (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Es gab diesen Moment im Wahlkampf 2017 als sich in meinem Timeline genannten Bekanntenkreis der Gedanke zu verfestigen begann, die FDP als wählbare Partei wahrzunehmen. Ob nicht deren sehr digital geprägte Kampagne, die das neue Denken in den Mittelpunkt zu stellen versuchte, genau auf uns zugeschnitten sei, fragte einer – und bekam nicht wenig Unterstützung für den Ansatz. Es wäre, bemerkte eine andere, ja genau jetzt Zeit für eine wirkliche liberale Politik. Eine, die die Freiheit nicht bloß als wirtschaftliche Kategorie versteht, sondern als Gegenmittel gegen die Vereinfacher und Prediger von allen Seiten.

Es war dann die FDP selber, die mit ihrer Tagespolitik in NRW der Hoffnung auf einen solchen liberalen Ansatz einerseits und der Option, sie für wählbar zu halten andererseits, die Grundlage entzog. Und das Ende der Jamaika-Verhandlungen in der Nacht zu Montag bestätigt diesen Eindruck noch einmal. Dass die offenbar seit Donnerstag vorbereitete Inszenierung politisch verantwortungslos und skandlös ist, hat Heribert Prantl sehr anschaulich kommentiert. Mich interessiert an dem Jamaika-Ende aber vor allem der Slogan, den die Partei dem ganzen gegeben hat. Denn damit ist der FDP – vermutlich ohne Absicht – ein Kunststück geglückt. Mir fällt kein Satz ein, der die Verzagtheit, die Vergangenheitsverklärung und Mutlosigkeit dieses Landes besser auf den Punkt bringen könnte als Lindners Motto:

Lieber nicht regieren als falsch

ist das innerhalb von Minuten zum politischen Klassiker gewordene Symbol für den Zustand dieses Deutschlands im Jahr 2017. Nie ist die Liebe zum Status Quo und die damit verbundene „Bloß nichts falsch machen“-Haltung besser auf den Punkt gebracht worden als in diesem Satz, von dem die FDP absurderweise auch noch glaubt, sie drücke damit Standfestigkeit aus (dass sie dafür aber auch Grundwerte benennen müsste, darauf hat Mario Sixtus richtigerweise hingewiesen). Dieser Satz ist zum Leitmotiv für eine Haltung geworden, in der Zukunft eher als Bedrohung denn als gestaltbarer Raum wahrgenommen wird. Dort gibt es kaum etwas zu gewinnen, aber sehr viel zu verlieren.

Von den taktischen Ränkespielen in Berlin verstehe ich zuwenig um einzuschätzen, was genau die FDP dazu trieb, sich in diesen Satz zu versteigen. Ich verstehe aber, dass dieser Satz genau das Gegenteil dessen ist, was im Wahlkampf Teile meiner Timeline dazu brachte, kurzzeitig positiv über die FDP zu denken. Der Gestus, den die FDP mit Slogans wie „Digital First – Bedenken Second“ oder „Schulranzen verändern die Welt – nicht Aktentaschen“ zu imitieren versuchte, richtet sich exakt gegen den Satz, den Lindner nun zum Parteimotto erhoben hat. Die Startup-Mentalität des Ausprobierens, eine positive Fehlerkultur und die Bereitschaft, Dinge „falsch“ zu machen – all dies sind Ideen, die diejenigen schätzen, auf die es die FDP-Kampagne abgesehen hatte. Es gibt keinen Satz, der ihnen klarer machen könnte, dass all dies nur gespielt war, als das Lindner Mantra vom „lieber nicht als falsch“. (Foto: via Facebook)

Das Merkwürdige an diesem Satz ist, dass er sogar von den anderen Jamaika-Verhandler unterschreibbar wäre. Johannes analysiert sehr treffend: „Hinter all den Streitthemen – Klima, Flüchtlinge, Energiepolitik, Finanzen etc. – sehe ich aus der Ferne immer ein bisschen diesen parteiübergreifenden bundesbürgerlichen Wunsch hervorlugen: einen Status Quo, der auch in der Zukunft funktioniert.“ Und man kann ergänzen: Martin Schulz hat heute bewiesen, dass auch von der SPD kaum Gestaltungswille zu erwarten ist. Der Mann, der im Wahlkampf kurz so tat als wolle er Angela Merkel ablösen, hat heute ohne jegliche Verhandlung, die Option einer neuerlichen Großen Koalition ausgeschlossen. Warum eigentlich hat er das nicht vor der Wahl getan? Und warum eigentlich geht die SPD nicht mit echten Forderungen jetzt in eine solche Verhandlung? Hätte Schulz nicht zum Beispiel anbieten können, dass er nur ohne Merkel über eine Große Koalition verhandelt? Lieber nicht – nachher legt das noch jemand als falsch aus…

Das Ärgerliche an dem Lindner-Motto ist aber vor allem, dass es ein gängiges Missverständnis von Demokratie offenlegt: Der Wettstreit von Ideen, als den wir Politik verstehen, zielt nicht darauf ab, nur das zu tun, was einer für richtig hält. Der demokratische Wettstreit von Ideen ist im Gegenteil genau darauf angelegt, etwas falsch zu machen. Kompromisse sind per se das, was eine Seite für „nicht richtig“ hält. Wer nur dann regiert, wenn er alles richtig machen kann, hat eine zutiefst undemokratische Vorstellung vom Regieren. Deshalb ist der Satz abseits all der mutlosen Verzagheit so ärgerlich, er ist demokratisch falsch. Jenny Kallenbrunnen hat dies an Beispielen illustriert…

… die man um „Bewegen“ erweitern kann. Es ist nämlich eben nicht besser sich gar nicht zu bewegen als sich falsch zu bewegen. Und Demokratie funktioniert wie ein Muskel. Sie wird unter Belastung stärker. Dafür muss sie aber trainiert werden. Wer jedoch vor lauter „Bloss nichts falsch machen“ in Bewegungslosigkeit verfällt, lässt den Muskel verkommen.

Deshalb kann man auf eine sehr ironische Weise der FDP heute dankbar sein. Sie hat darauf hingewiesen, dass dem Land eine Idee davon fehlt, wie man in diesem Land mit dem Neuen, dem Ungewissen und Unbekannten umgehen will – selbst dann, wenn es den Status Quo herausfordert. ¯\_(ツ)_/¯


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Wie ist es für den Bundestag zu kandidieren? Interview mit dem Münchner SPD-Kandidaten Bernhard Goodwin

Wenn der Politiker, der von einem Wahlplakat blickt, ein Bekannter ist, schaut man mit anderen Augen auf den Wahlkampf: Zumal wenn es ein SPDler in Bayern ist. Ich kenne Dr. Bernhard Goodwin von der Uni und habe seinen Wahlkampf im Wahlkreis 220 München West/Mitte sehr genau verfolgt. Er hat in diesem Wahlkreis 23 Prozent der abgegebenen Erststimmen erhalten – und damit nicht gewonnen. Ich habe ihn dazu befragt, wie es ist, für den Bundestag zu kandidieren.

Fangen wir mit einer Offenlegung an: Du warst Bundestagskandidat in meinem Wahlkreis im Münchner Westen. Ich habe dir meine Stimme gegeben, du hast nicht gewonnen. Fühlst du dich als Verlierer?
Ich bin der Wahlverlierer. Da bin ich über anderthalb Jahre gerannt und am Ende hat ein anderer den Job. Aber mir haben auch fast 45.000 Leute ihre Stimme gegeben. Das ist der schönere Gedanke, ich versuche mich stärker daran zu halten.

Eine zweite Offenlegung: Ich habe deine Geschichte nach der Wahl einigen Grundschülern erzählt, die nach einer verlorenen Klassensprecherwahl deprimiert waren. Ich habe dich als Beispiel für eine funktionierende Demokratie angeführt, die eben nicht nur davon lebt, dass nur der- oder diejenige kandidiert, die am Ende auch gewählt wird. Sondern dass man die Wahl hat. Als Unbeteiligter kann man das aber natürlich auch leicht sagen. Hat sich die ganze Kandidatur auch mal so angefühlt für dich?
Das ist natürlich schon ein Aspekt, gerade am Ende der Wahl, wenn man alles gibt, auch wenn man sich ja die Chancen realistisch ausrechnen kann. Dann sprechen einen schon Leute an und sagen: Du weißt doch selbst, dass du es nicht schaffst. Dann habe ich geantwortet: Was wäre die Alternative? Nach Hause gehen und heulen? Nein: natürlich ziehe ich durch bis zum Ende und auch mit voller Kraft. Das hat mich übrigens auch an Martin Schulz beeindruckt, der das auch so gemacht hat. Ich habe übrigens selbst schon Klassensprecherwahlen verloren. Einmal war es dann so, dass unsere Klasse später im Schuljahr ein Problem mit unserer Englischlehrerin hatten und die gewählten Klassensprecher sich nicht getraut haben zu ihr gehen. Ich habe mich schon getraut. Dann hat unsere Klassenlehrerin Neuwahlen angesetzt und ich bin gewählt worden.

In der Zeit vor der Wahl warst du enorm präsent in meiner Nachbarschaft. Ich habe dich ständig gesehen: auf den Plakaten, auf Veranstaltungen, an Wahlkampfständen. Erzähl mal ein wenig vom Leben als Kandidat. Ist das so anstrengend wie es auf mich als Beobachter wirkt?
Ja, das ist schon sehr anstrengend. Von 6 Uhr morgens bei Frühverteilungen bis abends um 23 Uhr die Abendveranstaltung vorbei ist. Wobei der direkte Bürgerkontakt eher entspannend ist. Wenn du drei Stunden lang in der früh am S-Bahnhof stehst und Leute anlächelst, dann bist du irgendwann auch gut gelaunt. Meine Leute haben mir gesagt, dass ich manchmal zu lange mit Menschen geredet habe, die mich sowieso nicht wählen würden. Das ist ein taktischer Fehler, weil es ja Energieverschwendung ist. Aber mich interessiert halt, was die Menschen zu sagen haben. Pöbeleien steckt man weg, auch wenn man sich denkt: das ist schon ungerecht mir jetzt vorzuwerfen ich würde mir die Taschen voll machen. Anstrengend ist eher das Organisatorische. Da hatte ich aber glücklicherweise Leute, die mir sehr geholfen haben. Und man fragt sich immer: Ist es genug? Könnte ich nicht noch mehr machen? Das hat mir häufig auch den Schlaf geraubt – im Wortsinne. Zwischendrin habe ich ja noch in meinem sehr fordernden Beruf gearbeitet. In der Zeit war alles bei mir auf Kante genäht. Wenn dann privat etwas schmerzhaftes passiert, dann konnte ich das nicht mehr so gut ausgleichen, dann bin ich bei mir über meine Belastungsgrenze gegangen. So ist zum Beispiel vor einem Jahr ein lieber Freund und Kollege überraschend gestorben. Das hätte mich schon in normalen Zeiten aus der Bahn geworfen. Jetzt hat es mich niedergeschmettert. Ich habe vieles emotional auf nach der Wahl verschoben und bin jetzt dabei mich zu sortieren.

Und musstest du auch selber Geld zuschießen? Z.B. um Plakate zu drucken oder Helfer zu bezahlen?
Die SPD ist eine Arbeiterpartei. Da darf die Kandidatur nicht an Beiträge des Kandidaten gebunden sein. Ich habe trotzdem einen ordentlichen Betrag gespendet, weil ich es mir leisten konnte. Etwa einen Monatslohn von mir. Das Meiste hat die Partei bezahlt – also die Mitgliedsbeiträge meiner Genossinnen und Genossen hier vor Ort. Es gab auch Spenden. Insgesamt haben wir einen niedrigen fünfstelligen Betrag ausgegeben. Meine Helfer habe ich nicht bezahlt: das war die größte Spende: sicherlich 100.000-200.000 Euro in ehrenamtlicher Arbeit habe ich bekommen. Dafür bin ich sehr dankbar und diese Unterstützung hat mich auch immer getragen, wenn es für mich hart war. Weil sie machen das ja wirklich selbstlos für die Partei und ein bisschen auch für mich.

Haben Leute dich auf der Straße erkannt? Hinter deinem Rücken getuschelt?
Ich habe nicht gemerkt, dass jemand über mich getuschelt hätte. Aber ich bin schon häufig erkannt worden. Das ist ja auch der Sinn von so Plakaten. Die hänge ich ja nicht auf, weil ich so ein hübscher Kerl bin. Die hänge ich auf, damit die Menschen mit mir ins Gespräch kommen. Häufig war es auch so, dass die Leute mich zwar erkannt haben, aber nicht genau wussten woher. Dann haben sie gefragt: Kennen wir uns aus dem Elternbeirat? Kennen wir uns von der Arbeit? Ich habe dann gesagt: Ich bin Ihr SPD-Bundestagskandidat. Ich habe auch häufig ein Namensschild getragen. Beim ersten Mal war mir das etwas peinlich in der U-Bahn. Ich habe mir dann aber gedacht: wenn dir das jetzt schon peinlich ist, dann warte erst bis dein Gesicht viele hundert Mal auf Plakaten im Stadtbild gedruckt ist.

Wie hat dein persönliches Umfeld reagiert als klar war, dass du für den Bundestag kandidierst?
Die meisten haben es kommen sehen und haben mich sehr unterstützt. In der Arbeit haben sie gesagt „Wir drücken dir die Daumen und du wirst das gut machen. Aber uns wirst du schon fehlen“ Einmal hat mir mein Neffe von einer Berlinreise ein Bild von der Reichstagskuppel geschickt mit dem Kommentar, da drunter ist dein Platz. Solche kleinen netten Gesten haben mir immer gut getan.

Und wie ist das Kandidatenleben in der Partei und der Bezug zur Bundespolitik? Hast du jetzt die Handy-Nummer von Martin Schulz?
Nein, die habe ich nicht. Aber ich wüsste, wie ich ihn erreichen kann. Es ist natürlich cool mit dem Kanzlerkandidat Miniatur-Windräder bei den Stadtwerken zusammenzulöten oder mit der Familienministerin auf der Auer Dult Kettenkarussell zu fahren. Wichtiger waren mir aber die langen Gespräche mit unserer Stadtspitze und anderen Vertretern unserer Stadtgesellschaft. Denn mir ging es immer darum, herauszukriegen, was München von Berlin braucht und nicht umgekehrt.

Ist das Image von Politikern tatsächlich so schlecht wie immer alle sagen? Hattest du mit Anfeindundungen zu kämpfen?
Ich hatte einmal folgendes Erlebnis bei einem Infostand in Laim. Ein Typ Mitte vierzig läuft an mir vorbei und raunt: Volksverräter! Ich frage: Was haben Sie gesagt? Er: Arschloch! Ich: Was ist ihr Problem? Er reckt nur noch einen Stinkefinger in die Höhe und ist davon. In den Moment nimmt eine ältere Bürgerin eine meiner Broschüren schaut sich mein Bild darauf an und sagt: ein schöner Mann. Ich werde mich an diese positiven Erinnerungen halten. Die Einstellung gegenüber den Politikern ist leider meist eher allgemein negativ – nicht auf mich als einzelnen Kandidaten bezogen. Ich finde das ungerecht, jetzt wo ich selbst erlebt habe, was es bedeutet sich so einer Wahl zu stellen. Klar gibt es auch unter den Politikern unangenehme Typen. Aber ich habe jetzt viele kennengelernt die wirklich dass Wohl ihrer Mitmenschen im Blick haben, die natürlich Macht wollen, aber eben um das Land besser zu machen. Ich habe in allen demokratischen Parteien solche Menschen kennengelernt. Es ist für mich ein Versagen unserer Medien, dass diese Realität als Normalfall nicht bei den Menschen ankommt. Ich plädiere nicht für Kuscheljournalismus, sondern für eine korrekte Vermittlung dieser Realität, dass unsere Politikerinnen und Politiker unter Einsatz von körperlicher und seelischer Gesundheit, unter Gefährdung ihrer Beziehungen, ihrer beruflichen Chancen und unter Verzicht auf mögliche lukrativere Angebote für die Gestaltung unserer Welt einsetzen.

Ab wann wusstest du, dass es nicht reichen wird?
Erst am Wahlabend – ich habe bis zuletzt gehofft. Aber ich habe es natürlich vorher geahnt. Bei aller berechtigten Kritik an Umfragen geben sie schon den wahrscheinlichsten Wahlausgang wieder und, dass ich in meinem Wahlkreis kein komplett anderes Ergebnis als im Rest des Landes haben werde, war mir auch klar. Ich denke nach dem versemmelten TV-Duell war das nicht mehr zu gewinnen.

Kannst du einen oder mehrere Gründe benennen, weshalb du jetzt nicht in Berlin bist?
Die Bundeskampagne war nicht gut. Sie war zu wirr und nicht mutig genug. Wir haben nicht verloren, weil wir etwas falsch gemacht hätten, sondern weil wir nichts falsch machen wollten. Martin Schulz war ein super Kandidat, hat sich aber nicht getraut mit den 100 Prozent im Rücken sich auch im Willy-Brandt-Haus durchzusetzen. Auch nicht gegen Hannelore Kraft in NRW, die gemeint hat sie könne im Schlafwagen die Wahlen gewinnen. In München hätte ich die Wahl nicht gewinnen können, aber ich hätte sie auch nicht so sehr verlieren müssen. Ich denke ich habe zwar mit Wohnen, Infrastruktur, Betreuung und Einkommen in dieser teuren wachsenden Stadt auf die richtigen Themen gesetzt, aber ich habe keine Lösungen angeboten, die die Leute leicht verstehen konnten. Es ist so in München: wenn du eine günstige Wohnung hast, dann freust du dich über dein Glück. Wenn du keine günstige Wohnung hast, dann ist es für viele die Schuld der SPD. Das liegt daran, weil wir schon so lange Verantwortung tragen hier. Die Wahrheit liegt dazwischen. Aber wir müssen das, was wir für diese Stadt durchsetzen besser kommunizieren und wir müssen grundsätzliche Antworten finden auf das Wohnraumproblem und die anderen von mir angesprochenen Probleme. Da habe ich schon Lösungen, aber die passen nicht so leicht auf ein Plakat.

Gibt es etwas, was du im Rückblick anders machen würdest?
Ganz viel. Aber wenn ich mir ehrlich in die Augen gucke, dann weiß ich, dass ich vermutlich auch kein substanziell anderes Ergebnis hätte erreichen können. Ich fand, dass ich zum Beispiel eine überraschend passive Pressearbeit gemacht habe. Das hätte ich besser machen können. Aber die Frage ist auch: was hätte ich dann stattdessen weggelassen?

Hattest du nach der Wahl nochmal Kontakt mit einem deiner Gegenkandidaten? Vielleicht sogar mit dem neuen MdB Stefan Pilsinger von der CSU?
Ich habe allen drei gewählten Kandidaten aus meinem Wahlkreis gratuliert und freue mich auch darauf in Kontakt zu bleiben. Stephan Pilsinger und ich hatten ein höfliches und distanziertes Verhältnis. Ich bin nicht wirklich mit ihm warm geworden. Mit Lukas Köhler von der FDP habe ich mich am besten verstanden – nicht politisch aber menschlich und intellektuell. Ich glaube er ist ein guter Abgeordneter für seine Partei.

Du hast erzählt, dass du weiter Politik machen wirst. Kannst du mal den Hauptgrund sagen, warum du in den Bundestag willst?
Ich glaube, ich wäre ein guter Abgeordneter für die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt und für meine Partei. Ich bin jemand der gut Probleme lösen kann, der seine eigenen Interessen hintan stellt, der gut mit Menschen umgehen kann. Viele in meiner Partei sagen mir, dass sie meinen Wahlkampf gut fanden, weil ich mich nicht ausgeruht habe, sondern mit vollem Engagement und voller Kraft – von Umfragen und Rückschlägen unbeirrt – das durchgezogen habe. Mit einem ehrlichen freundlichen Lächeln auf den Lippen.

Gibt es so etwas wie eine wichtige Lehre, die du aus der Kandidatur gezogen hast?
Die soziale Spaltung dieser Stadt ist real und sie gefährdet unser aller Wohlstand. Eine ältere Dame hat mir erzählt: ich habe eine gute Rente und eigentlich keine Probleme – ich kann mir alles leisten. Aber jetzt merke ich, wie ich einsam werde, weil es meinen Freundinnen nicht so geht. Ich kann mit ihnen nicht in Urlaub fahren, weil sie sich das nicht leisten können. Wenn ich frage, ob wir in ein Kaffee gehen wollen, dann haben sie keine Zeit. Ich weiß, dass es eigentlich am Geld liegt. Ich würde sie ja einladen, aber dafür schämen sie sich. Diese Geschichte und ähnliche Geschichten zeigen mir, dass Armut unsere Gesellschaft zerstört. Es geht nicht nur um die Menschen, die keine Teilhabe an unserer Gesellschaft haben, sondern auch um die Gesellschaft, die von diesen Menschen abgetrennt wird. Ein Polizist hat das in einem Gespräch mit mir verschämte Armut genannt. Nur weil wir sie nicht offen sehen in München, heißt es nicht, dass sie nicht da ist.

Mehr über Dr. Bernhard Goodwin auf seiner Website goodwin.de

„Demokratische Werte stärken“

„Freiheit und Vielfalt in Kunst und Kultur“ -steht auf der Seite, deren wirkliches Ziel die URL preigibt. Diese lautet „kulturausschuss-schuetzen.de“ – und läuft auf die SPD-Bundestagsabgeordnete Michelle Müntefering. Auf ihre Initiative hin hat der Ältestenrat des Deutschen Bundestags in dieser Woche einen Offenen Brief erhalten, der auf der Website einsehbar ist und von über 10.000 weiteren Menschen unterzeichnet wurde.

Zentrales Anliegen dieses Schreibens: „Es muss deshalb verhindert werden, dass die AfD den Vorsitz des Kulturausschusses besetzen kann.“

Das ist ein inhaltlich nachvollziehbarer Wunsch, allerdings stelle ich mir nach Lektüre des Briefes die Frage, die Dieter Kassel gestern früh im Interview im Deutschlandfunk Kultur der Unterzeichnerin Elisabeth Moschmann (CDU) ebenfalls stellte: „Ist das Demokratie, wenn man sagt, wir haben eine Partei, die wir persönlich, also all die anderen Parteien oder fast alle, für sehr problematisch halten, und dann setzen wir die Geschäftsordnung des Bundestags außer Kraft und demokratische Regeln. Ist das demokratisch, ist das ein Rechtsstaat?

Moschmann antwortet darauf etwas unklar: „Das kann man bezweifeln. Aber was haben wir denn gemacht? Wir haben einen Brief geschickt an den Ältestenrat und unsere Bedenken geäußert, die, glaube ich, gut begründet sind und die jeder versteht und auch die Kulturszene ja sofort verstanden hat.

Mich macht das ratlos. Warum wird ein solcher Brief verschickt, wenn sogar die Unterzeichnerin bezweifelt, ob er demokratisch ist?

§58 der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestags regelt die „Bestimmung des Vorsitzenden und seines Stellvertreters“. Ich finde es nicht richtig, diese Regeln zu ändern, weil man die Inhalte des politischen Gegenüber für falsch hält. Zumal dann nicht, wenn man damit dessen Narrativ bedient. Wenn man „die Kraft der Kultur für den Erhalt unserer demokratischen Werte stärken“ will, wie es in dem Brief heißt, dann muss man die demokratischen Werte über seine eigene richtige Meinung stellen können. Nur so trainiert man den Muskel Demokratie!

Das Anliegen dieses Briefes ist redlich, aber die Umsetzung ist schockierend undemokratisch. Wie gestern schon geschrieben: Gerade weil die AfD die freie und pluralistische Gesellschaft herausfordert, müssen wir mit demokratischen Spielregeln antworten. Zu fordern, diese auszusetzen, weil man die – nachvollziehbare – Sorge hat, dass die AfD schlechte Politik macht, führt zu schlimmeren Ergebnissen als schlechte Politik: Es stellt die Grundregeln der Demokratie selber in Frage. Denn gerade weil die AfD gegen Pressefreiheit und vielfältige Kultur hetzt, müssen wir ihr demokratisch begegnen. Wir müssen ihren fremdenfeindlich intendierten Slogan „Unser Land – unsere Regeln“ umdeuten und mit mehr Offenheit, mehr Demokratie und mehr Menschlichkeit antworten.

Diesen Offenen Brief halte ich dabei leider für ein sehr falsches Signal!

Unser Land, unsere Regeln (Digitale September-Notizen)

Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

„Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“ Diese Worte stammen von Jens Stoltenberg aus dem Jahr 2011. Damals war der heutige Nato-Generalsekretär Ministerpräsident von Norwegen. Er sagte diese Worte als Reaktion auf den terroristischen Angriff in Oslo und auf der Insel Utøya. Die Zeit schrieb damals: „Er verteidigte genau jene offene und freie Gesellschaft Norwegens, die der Attentäter mit seinen Waffen und Bomben bekämpfen wollte. Dessen Hass und Destruktivität setzte Stoltenberg eine fast trotzige Zuversicht entgegen.“

Ich glaube, es ist auch in Deutschland Zeit für mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Der Angriff, den wir hierzuland auf die freie und offene Gesellschaft erlebten, ist zwar in keinerweise vergleichbar mit den Ereignissen in Norwegen – die Reaktion darauf ist es aber schon. Denn ich bin überzeugt davon, dass die nachhaltigste Antwort auf den Wahlerfolg der rechtsnationalen AfD darin besteht, die Regeln der offenen und freien Gesellschaft zu benennen und vorzuleben.

Die Art und Weise wie Teile der Union im Nachklang der Wahl versuchen, die Wähler*innen der AfD zurückzugewinnen, legt den Verdacht nahe, dass der Rassismus und das Gedankengut der AfD nun nicht zum ersten Mal ins Parlament einziehen. Es gab sie dort – wie auch in der Gesellschaft – schon vorher, vielleicht nur nicht so klar erkennbar als eigene Fraktion. Vielleicht müssen wir nach der Wahl anerkennen: Nationales und rassistisches Gedankengut „rechts von der Union“ gehören zu diesem Land. Und es die Aufgabe, einer freien und offenen Gesellschaft damit umzugehen, dafür zu werben, dass ein plurales Land die im Wortsinn bessere Alternative ist. Wer will, dass Rassismus im Parlament keinen Platz hat, darf nicht rechte Flanken schließen, sondern muss dafür sorgen, dass Rassismus aus den Köpfen verschwindet.

Und vielleicht kann dabei ausgerechnet ein Plakatslogan der AfD helfen, an dem ich in den vergangenen Wochen immer wieder vorbeifahren musste – eh er kurz nach der Wahl umfiel: „Unser Land – unsere Regeln“ steht auf dem Plakat. Und vielleicht geht es jetzt genau darum: die Spielregeln der Demokratie deutlich zu machen. Ich glaube, dass Demokratie wie ein Muskel funktioniert – unter Belastung wird sie stärker. Wir müssen sie trainieren. Das Wahlergebnis vom 24. September ist eine klare Aufforderung!

Mir ist schon klar, dass der Slogan als Abgrenzung gegen das Fremde gedacht ist. Aber warum nutzen wir ihn nicht als Erinnerung daran, was Demokratie und Pluralismus in diesem Land bedeuten?
Unser Land – unsere Regeln bedeutet für mich deshalb zuerst: der Bezug aufs Grundgesetz, auf die Würde des Menschen, auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Es bedeutet, Pluralismus und Toleranz nicht nur in Sonntagsreden anzusprechen, sondern im täglichen, inklusiven Miteinander zu leben und zu fördern. Freiheit ist in diesem Land immer auch die Freiheit des Andersdenkenden – und zum Andersdenken. Es heißt nicht, dass man immer Recht hat, es heißt auszuhalten, dass man unrecht haben kann. Wahrheit – ein Begriff, der auch auf dem Plakat steht – ist nichts, was man unumstößlich besitzen kann. Wahrheit muss sich immer wieder neu beweisen.
Das sage übrigens nicht ich, die Idee stammt von Karl Popper, der den Begriff „offene Gesellschaft“ prägte – und völlig zurecht immer dann skeptisch wurde, wenn Ideen totalitär wurden. Es scheint mir an der Zeit, Popper neu zu lesen – und sich mit einem ¯\_(ツ)_/¯ gegen diejenigen zu wappnen, die auf Angstmache und einfache Antworten setzen (ausführlich beschreibe ich das in meinen Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, das im Januar erscheint)

Unser Land – unsere Regeln bedeutet, dass nicht entscheidend ist, wo jemand herkommt. Das Grundgesetz spricht nicht durch Zufall von der Würde des Menschen und nicht von der Würde des Deutschen. Es bedeutet, dass wir auf Menschlichkeit setzen und auf die christlich-abendländische Tradition der Nächstenliebe. Die verträgt sich nicht mit Abgrenzung, Nationalismen und Rassismus. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist der Garant für das Unreine, für das Carolin Emcke in ihrem sehr empfehlenswerten Buch „Gegen den Hass“ plädiert. Unser Land – unsere Regeln ist auf diese Weise verstanden ein Aufruf zur Toleranz, zum Aushalten der gegenteiligen Meinung – in den Worten Jens Stoltenbergs: Mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.

Wir haben in diesem Sommer – aufmerksame Newsletterleser*innen haben es verfolgt – im Rahmen des DemocracyLab der SZ ein Experiment in Sachen Demokratie, Offenheit und auch Menschlichkeit gewagt: Wir haben versucht, unsere demokratische Streitkultur zu verbessern.

Ich glaube, dass darin jetzt eine zentrale Aufgabe liegt: Streiten zu lernen! Wir müssen demokratische Spielregeln vorleben. Dem Fernsehen kommt dabei eine besondere Vorbildfunktion zu. Hier muss demokratische Streitkultur zu sehen sein, die den Perspektivwechsel salonfähig macht und mehr Pluralismus und Demokratie wagt. Nicht aus Naivität, sondern weil das beste Mittel gegen Hass eben nicht neuer Hass ist, sondern ein engagiertes Eintreten für das Unreine und eine „Kultur des aufgeklärten Zweifels und der Ironie“.

Lesen Sie es nach bei Carolin Emcke und werden Sie demokratisch aktiv – zur Inspiration kann diese tolle Liste vom „Was machen“-Team dienen, die seit Juni einen aktivierenden Newsletter verschicken!

PS: Es ist vermutlich kein Zufall, dass ich ausgerechnet in diesem Monat auf ein Gif des Illustrators Magoz gestoßen bin, das diese Haltung perfekt auf den Punkt bringt – übrigens über Sprach- und Nationalgrenzen hinweg.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Selbstverpflichtung gegen den Terror (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Die Waffe, mit der ein 22jähriger Marokkaner den Terror nach Barcelona brachte, war ein weißer Lieferwagen von Fiat. Er steuerte ihn am späten Nachmittag des 17. August über La Rambla und tötete und verletzte unzählige Menschen.
Ein schrecklicher Anschlag, der einen Mechanismus in Gang setzte, den man als zweite Waffe der Attentäter beschreiben könnte: die Prinzipien der weltweiten Aufmerksamkeit sorgten dafür, dass das Signal, das die Terroristen senden wollten, in Eilmeldungs-Geschwindigkeit in die Welt getragen wurde – illustriert von verwackelten Handybildern, die Menschen in Panik zeigen, Krankenwagen, die durchs Bild rasen und Opfern, die auf dem Boden liegen.

„Und wieder steckt die Berichterstattung der Massenmedien in einer Schleife fest – und spielt diese Bilder wieder und wieder auf unsere Bildschirme“, beschreibt Zeynep Tufeki die mediale Eskalation von Angst und Schrecken durch den internationalen Terrorismus. Dieser verfolgt eine Medienstrategie, die „genau darauf abzielt, diese Art der Berichterstattung zu erzeugen“, schrieb die Soziologin nach dem Anschlag von Manchester im Mai – und zeigte dabei ein Dilemma auf, über das wir – als freie Gesellschaft, der die Anschläge gelten – dringend weiter nachdenken sollten: „Wir spielen ihnen in die Karten, und sie bestimmen die Regeln.“

Wenn man sich der Frage widmet, wie man dem Terror angemessen begegnet, wird vor allem über mehr Polizei und ausgebaute Kompetenz der Sicherheitsbehörden gesprochen. Eingriffe in Grundrechte stehen zur Debatte, um in der Vereitelung von Terrorplänen erfolgreicher zu sein. Was aber wäre, wenn man an anderer Stelle ansetzt und die die Medienstrategie der Terroristen zerstört? (Testbild-Foto von Unplash)

Wie bei jeder Veränderung kann man auch diese Frage schon im Keim als naiv ersticken. Man kann sich aber auch die Mühe machen und nachfragen, was eigentlich wäre, wenn die westlichen Gesellschaften, deren Grundrechte und Ideen vom Terror angegriffen werden, sich auf ihre Fähigkeit zum Pluralismus und demokratischen Austausch besinnen und darüber diskutieren, wie sie einen Ausweg aus der (medialen) Spirale von Angst und Schrecken finden: Könnte man den Mechanismus der Eskalation nicht durchbrechen, indem man weniger und anders über den Terror berichtet?

Es ist das eine, die eigene Social-Media-Nutzung in Eilmeldungslagen Gegen die Panik auszurichten. Das ändere wäre, auch die mediale Berichterstattung zu überdenken: Muss jeder Attentäter die Prominenz der Seite eins erhalten? Muss das Programm unterbrochen werden, um in Sondersendungen zu berichten? Braucht es die Dauerschleife der oben beschriebenen Bilder?

Anders formulieren: Kann man einen Weg der Berichterstattung finden, der das Interesse der Öffentlichkeit bedient und den Opfern gerecht wird, ohne den Terroristen mit der Art und Intensität der Berichterstattung weiter in die Karten zu spielen?

Dieser Ansatz stellt nicht die Freiheit der Presse in Frage. Er zielt vielmehr auf die Grundfragen publizistischer Ethik in einem Zeitalter, in dem sich die Prinzipien von Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit verschoben haben. Wenn alle alles veröffentlichen können, braucht es Mittel und Wege, gerade im Nicht-Beachten und Nicht-Verbreiten seine Haltung auszudrücken. Von Christian Stöcker stammt der Begriff Ignorestorm, der den Versuch unternimmt, einer bewussten öffentlichen Provokation nicht auch noch dadurch zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen, dass man sie thematisiert. Im Ursprung ging es dabei um Werbeformen, die absichtlich sexistisch oder rassistisch sind, um so auch die Aufmerksamkeit der Empörung und des Widerspruchs auf sich zu ziehen. Ich glaube, dass verantwortungsvolle Medien (und auch Menschen) genau hier vor einer zentralen Herausforderung im digitalen Zeitalter stehen – im Umgang mit Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit. Die zweite zentrale Herausforderung in diesem Zusammenspiel ergibt sich übrigens aus der Frage, wie man Relevanz abseits von Reichweite messbar machen kann.

Zu sagen, dass das alles keine Rolle spielt, weil irgendwer die Bilder ja doch zeigen wird, ist übrigens die Kapitulation vor jeglicher Verantwortung – und kommt nicht in Frage. Verantwortung zu übernehmen, heißt hier vielmehr z.B. über eine Selbstverpflichtung der Medien nachzudenken, wie wir sie zum Beispiel aus der Berichterstattung über Suizide kennen. Um Nachahmungen (den so genannten Werther-Effekt) zu vermeiden rät eine Richtlinie des deutschen Presserats zur Zurückhaltung in der „Berichterstattung über Selbsttötung“. Und im Schweizer Presserat betont die entsprechende Leitlinie sogar, die Folgen der Berichterstattung zu bedenken: „Die Frage der Medienwirkung ist bei Entscheid über die Publikation oder die Ausstrahlung eines Berichts über einen Suizidfall mit zu berücksichtigen.“

Warum sollte es eigentlich unmöglich sein, über eine vergleichbare Selbstverpflichtung gegen den Terror nachzudenken? („Die Frage der Medienwirkung ist zu berücksichtigen“) Klar, ich kenne die Bandbreite der Argumente, die von der berechtigten Befürchtung um Pressefreiheit bis zur Sorge ums blanke Geschäft reichen. Ich kenne aber auch das mal George Orwell und mal Lord Northcliffe zugeschriebene Zitat, nachdem Journalismus (oder Nachrichten) nur das ist, „was jemand irgendwo nicht veröffentlicht haben will. Alles andere ist Reklame bzw. Propaganda.“ Mit diesem Gedanken lohnt es sich erneut, den Text von Zeynep Tufeki zu lesen.

Nein, ich habe keine einfache Antwort auf die Fragen, die sich hier stellen. Aber noch viel weniger habe ich Lust, tatenlos mitanzusehen, wie Terroristen nicht nur einen Lieferwagen, sondern vor allem die Mechanismen der westlichen Medien für ihre Zwecke missbrauchen.

Es muss möglich sein, sich vor allem gegen den zweiten Teil entschieden zu wehren. Schließlich gelingt es, z.B. den europäischen Broadcastern einmal im Jahr, eine Veranstaltung wie den Europäischen Gesangswettbewerb zu organisieren. Könnte man sich nicht genau auf dieser Ebene zusammensetzen und eine Selbstverpflichtung diskutieren, die einige Regeln für Art und Intensität der Berichterstattung über den Terror festlegt – öffentlich diskutiert und zeitlich begrenzt. Ich weiß nicht, wie diese Regeln im Detail aussehen könnten, nehme aber an, dass man sich darauf einigen könnte, keine Bilder von den Attentätern zu zeigen und grundsätzlich auf heroisierende Berichterstattung zu verzichten. Wie weit die Selbstverpflichtung darüber hinaus gehen kann, muss öffentlich ausgehandelt werden. Und anschließend sollten die Ergebnisse als Medien-Manifest gegen den Terror veröffentlicht werden – mit Ablaufdatum, zu dem erneut verhandelt wird. Organisationen wie der Presserat sollten einbezogen werden, um auch die Diskussion in die Welt zu tragen – als Zeichen der pluralistisch geführten Debatte in einer wehrhaften Demokratie!

Ebenfalls zum Thema: Die Seite Gegen die Panik! und der zugehörige Hashtag #gegendiepanik


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Nachruf auf die Roaming-Gebühr

Manchmal hilft es, mit dem Blick der nächsten Generation auf die Gegenwart zu schauen. Dabei fällt auf, wie sehr uns die eigenen Erfahrungen und Prägungen beeinflussen und nicht selten auch im Weg stehen. Im Falle der Roaming-Gebühren fehlten mir seit Jahren Argumente, um Kindern zu erklären, warum man zwar ohne Passkontrolle aus München durch Österreich z.B. an den Gardasee fahren kann, dabei aber in mindestens zwei fremden Telekommunikationsnetzen Besuchsgebühren für die Mobiltelefonnutzung bezahlen muss. Man zahlt im anderen Land mit dem gleichen Geld, soll dort aber plötzlich vorsichtig sein mit dem Telefonieren, weil es sonst gefährlich teuer wird. Diese Diskrepanz gilt es, ab diesem Sommer zu konservieren – denn sie ist verschwunden.
Endlich!

Dank dem Europaparlament sind die Gebühren fürs Herumstreifen/Streunern in fremden Netzen seit 15. Juni (nach langem Hin und Her) endgültig weggefallen, ab sofort gilt „Roam like at home“. Es ist also an der Zeit, den Roaming-Gebühren einen Nachruf zu widmen, in dem man zunächst festhalten muss, was für ein befreiendes Gefühl es ist, z.B. in Spanien aus dem Flugzeug zu steigen und dort genauso einfach zu telefonieren und im Netz zu surfen wie sagen wir in Düsseldorf oder Berlin.

Dass das mal nicht so war, erscheint schon jetzt wenige Tage nach dem Roaming-Gebühr-Ende als völlig absurd. Wenn man Europa als gemeinsamen Kultur- und Kommunikationsraum versteht, dann ist es kaum nachvollziehbar, warum dies ausgerechnet bei der zentralen Kommunikationsform – nämlich der Internet-Nutzung – an Grenzen stößt gestoßen ist.

Mindestens genauso unverständlich ist es aber, warum diese grenzüberschreitende Errungenschaft nicht breiter und pro-europäischer kommunziert wurde. Zumindest mir fallen beim Thema Roaming vor allem merkwürdige Symbolbilder mit Handys am Strand ein – und keine konstruktiven Geschichten über Gemeinsamkeiten in Europa (was auch daran liegen mag, dass es ewig gedauert hat von der Idee bis zur wirklichen Abschaffung).

Im Techniktagebuch, das genau diese Gefühle für die Nachwelt konserviert, war Stefan Niggemeier Mitte Juni jedenfalls genauso überrascht als er plötzlich nicht mehr zusätzlich zur Kasse gebeten wurde:

Und die ganze Zeit kann ich es nicht glauben. Die langjährige Erfahrung, das Wissen, die Warnung, dass man im Ausland nicht einfach so Dinge aus dem Netz herunterlädt, dass man sicherheitshalber am Flughafen die “Datenroaming”-Einstellungen auf dem Smartphone nochmal überprüft, all das ist mir so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass es komplett unwahrscheinlich erscheint, dass es auch kostenlos geht. (Nicht wirklich kostenlos natürlich, weil auch meine vermeintliche Flatrate monatliche Grenzen hat, aber genauso “kostenlos” wie in Deutschland halt.)
(…)
Und nun geht das plötzlich. Und ich bin live dabei gewesen.
Kein Wunder, dass alle die EU lieben.

Freiheit zum Andersdenken (Digitale Juli-Notizen)

Die aktuelle Folge des Digitale-Notizen-Newsletters widmet sich dem demokratischen Wettstreit. Im Rahmen des DemocracyLab der SZ haben wir den ideologischen Turing-Test ausprobiert. Es handelt sich dabei um einen Rollentausch in der Diskussion, den regelmäßige Blog-Leser*innen bereits hier kennengelernt haben.

In dieser Woche haben wir dazu ein besonderes Streit-Experiment namens „Das ist Deine Meinung“ durchgeführt, in dessen Einladung es heißt:

Es sollte zur demokratischen Grundbildung zählen, auf tolerante Art streiten zu lernen. Dazu laden wir Sie ein: Probieren Sie es mit uns aus!

Am Mittwoch haben sich dazu rund vierzig Diskutanten in München getroffen und „Das ist Deine Meinung“ ausprobiert. Hier gibt es auf SZ.de ein Videofazit zu der Diskussion!

Im Text, den ich nach der Veranstaltung schrieb, steht:

Es ist die Idee des demokratischen Streits, dass auch die Minderheiten zu Wort kommen. Pluralismus in einer Demokratie bedeutet: die Bereitschaft, auch gegenteilige Meinungen auszuhalten. Denn erst diese Toleranz macht aus einem bloßen Wortgefecht ein echtes Gespräch. „Freiheit“, hat Rosa Luxemburg gesagt, „ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.“ An diesem Abend erfahren vierzig Frauen und Männer, dass man diesen Satz nicht nur als Appell an undemokratische Regime richten muss, die zum Beispiel Journalistinnen und Journalisten einsperren (#freedeniz). Die Diskutanten spüren, dass der Satz auch auf diese Weise funktioniert: Freiheit ist immer die Freiheit zum Andersdenken.

Links:
Ankündigung
Video
Fazit


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).