Alle Artikel in der Kategorie “Politik

Kommentare 0

Kann es sein, dass Angela Merkel mehr vom digitalen Denken verstanden hat als dein Chef?

„… dass wir vom Bürger her denken und nicht unsere Projekte so durchziehen wir wir das gewohnt sind.“

Mit diesem Worten beschreibt Angela Merkel in der Generaldebatte am 21.11. im Deutschen Bundestag (PDF des Protokolls) was für sie der zentrale Unterschied zwischen analogem und digitalem Arbeiten ist. Das ist ein erstaunliches Zitat weil viele bei Angela Merkel und Digitalisierung immer noch an das Neuland-Zitat denken – und sich dann wieder gemütlich zurücklehnen.

In Wahrheit hat die Bundeskanzlerin – dieser kurze Ausschnitt aus der Debatte beweist es – offenbar mehr von digitalem Denken verstanden als viele Projektplaner*innen, die immer noch denken ein gutes Projekt bestehe aus einem stabilen Konzept, aus Meilensteinen, ständiger Kontrolle und KPIs. Häufig sind das auch diejenigen, die den Begriff „agil“ für ein modernes Buzzword halten und es synonym zu „schnell“ oder „beweglich“ verwenden, ohne wirklich zu verstehen, was mit agilem Vorgehen gemeint ist. (via Johannes)

Am Beispiel des Bürgerportals beschreibt Merkel wie sie sich dabei digitales Denken vorstellt (kopiert aus dem Protokoll von bundestag.de) – und warum digitale Projekte nur gelingen, wenn sie an Nutzer-Bedürfnissen ausgerichtet sind:

Wir sind im normalen klassischen Denken gewohnt, ein Projekt zu planen, das gesamte Projekt dann schrittweise umzusetzen, während im digitalen Zeitalter eine völlig andere Art der Herangehensweise da ist und die Anwendungen Schritt für Schritt eingeführt werden müssen . Dieses richtige Denken beim Umsetzen des Bürgerportals wird sehr wichtig sein . Wir werden erste Funktionen, nämlich die des Bundes – das sind über 100 –, sehr schnell einführen . Wir werden dann mit den Ländern die anderen 400 Funktionen durchsetzen, sodass wir Ende 2022 wirklich den vollkommenen und kompletten Zugang – von Fahrzeuganmeldung über Elterngeldbeantragung, Steuererklärung, Gesundheitsakten und vielen, vielen anderen Dingen – digital schaffen. Das ist notwendig . Das ist kein Nerd-Projekt, wie man vielleicht sagen könnte; denn wenn die Bürgerinnen und Bürger diesen Zugang nicht bekommen, werden wir im digitalen Zeitalter nicht bestehen . Deshalb muss der Staat hier Vorbild sein .

Ist der Staat hier tatsächlich ein Vorbild? Man kann das mit Blick auf das methodische Vorgehen sehr leicht überprüfen, indem man sich z.B. fragt:

– Entwickeln wir in unserem Unternehmen Projekte in Bezug auf ein Nutzer-Bedürfnis oder weil es der Chef gut findet?
– Fragt jemand, bevor wir anfangen, welches Problem wir mit diesem Projekt am Ende lösen werden?
– Sind bei uns kurzfristige Reaktionen auf Veränderungen möglich oder befolgen wir vor allem einen mit Meilensteinen gefestigten Plan?
– Gibt es die Möglichkeit, schrittweise Bestandteile des Projekts zu veröffentlichen und zu messen?
– Geht es bei der Entwicklung um kleine Schritte (Iterationen) oder um das große Ganze?
– Arbeiten wir in kleinen selbstorganisierten Teams, die Verantwortung übernehmen oder gibt es eine klassische Hierachie?

¯\_(ツ)_/¯

Wer sich dafür interessiert: im Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ gibt es auch ein Kapitel über New-Work und Formen der Arbeitsorganisation wie Scrum und Ideenentwicklung wie Effectuaiton

Kommentare 0

Eine Internet-Straße für Hamburg?

Die Drucksache 21/14964 der Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg steht seit ein paar Tage im Netz. Es handelt sich um eine kleine Anfrage des Abgeordneten Carsten Ovens (CDU), die Bezug nimmt auf die Idee internet-strasse.de (ausführlich im letzten Newsletter hier vorgestellt) und auf die Frage hinausläuft:

Wie bewertet der Senat die Idee der Benennung einer Straße oder eines Platzes, um die technologischen und gesellschaftlichen Errungenschaften des Internets zu würdigen?

Die Antwort auf die Frage ist noch ernüchternd (bisher nicht drüber nachgedacht), aber die Frage selber zeigt: Es lohnt sich zu fragen!

Die Idee, das Internet auf einem Straßenschild zu würdigen, mag weiterhin absurd erscheinen. Aber sie kann auch etwas verändern. Deshalb: Wer Kontakt zu Stadt- und Gemeinderät*innen hat: Fragt nach!

Alle Details stehen auf internet-strasse.de

Mit Dank an Martin Fuchs

Kommentare 0

Weniger Recht haben müssen

Es war schon spät in der Nacht als der Fotograf David Wilkinson, der für den schottischen Club Milk in Edinburgh arbeitet, die beiden Gäste Lucia und Patrick fotografierte. Das Bild, das die beiden 18-Jährigen dabei zeigt, wie Patrick der desinteressiert schauenden Lucia etwas ins Ohr brüllt, wurde kurz darauf auf die Facebookseite des Clubs geladen – und von dort zur Grundlage für eines weltweiten Memes: Patrick Richie und Lucia Gorman wurden zum Symbol für ein etwas ungutes Geschlechterverhältnis: links ein etwas unsympathischer Mann, der brüllt. Rechts eine schweigende Frau, die wenig mit der Information anfangen kann.

Gäbe es ein Buch zu diesem Bild, es wäre vermutlich „Wenn Männer mir die Welt erklären“ von Rebecca Solnit.

„Ich weiß, ich komm nicht besonders gut rüber auf dem Bild“, sagte Patrick der BBC als das Bild anfing weltweite Verbreitung zu erfahren – in immer neuen Abwandlungen des immer gleichen Musters. Seit ein paar Tagen gibt es das Motiv auch mit deutschen Bildbeschreibungen. Und zwar so ausführlich, dass Der Gazetteur das Bild aus Edinburgh als Ablenkung für den Distracted Boyfriend montiert hat – kombiniert mit einem anderen Twitter-Thema, das in den vergangenen Tagen Fahrt aufgenommen hat und bei dem auch viel gebrüllt wurde.

Es geht um das Motiv: #Fahrradstraße, das ein Zusammentreffen in einer Fahrradstraße in Hannover beschreibt. Dabei blieben eine Radfahrerin und ein Lkw-Fahrer so lange im Recht bis die Polizei gerufen wurde. Der zentrale Satz dabei: Er will nicht warten oder ausweichen. Jetzt stehen wir Nase an Nase. Seit 10 Min.

Beide Bilder – und vor allem die anschließende Weiternutzung – sind nicht nur schöne Illustrationen für den großen Spaß, den man an Internetquatsch haben kann. Sie beschreiben auch wunderbar, dass es vielleicht gar nicht so sehr ums Internet geht, wenn wir auf Internetkommentare schimpfen. Vielleicht ist das Netz eher ein Spiegel der Gesellschaft, in der Menschen beiderlei Geschlechts einfach sehr gerne Recht haben – und andere daran teilhaben lassen. Recht haben scheint zum zentralen Ziel viele Diskutanten on- wie offline geworden zu sein. Es ist Menschen oftmals so wichtig, dass sie es höher werten als Menschlichkeit, Verständnis oder gar Toleranz. Das Schlimmste aber: Vor lauter Recht haben müssen, vergessen wir dass womöglich auch mehrere Ansichten richtig sein können – vielleicht sogar gleichzeitig mit unserer eigenen Meinung. Das Stichwort dazu heißt Ambiguität und im Fall der Özil-Debatte genannten Auseinandersetzung um Rassismus in der Gesellschaft konnte man das Problem sehr genau beobachten.

Ich habe diesen Verdacht am Wochenende getwittert – und erhielt daraufhin einen guten Hinweis auf den ersten Satz in der Straßenverkehrsordnung. Dort ist in einer Vorbemerkung geregelt, worauf man achten soll, wenn man am Straßenverkehr teilnimmt:

Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.

Vielleicht ist das eine schöner Vorsatz für die nächste Debatte – egal ob im Internet oder außerhalb: Einfach mal jemanden vorfahren lassen – gerade dann wenn man das Recht hätte selber zuerst zu fahren. Gäbe es einen seriösen Vorsatz, den man in den beiden lustigen Memes des Winters erkennen kann, es wäre vermutlich: Weniger Recht haben müssen!

Zum Weiterlesen:
> Das Gespräch mit Armin Nassehi
> BBC: How To Disagree: A Beginner’s Guide to Having Better Arguments
> Das Experiment „Das ist Deine Meinung“ mit der Erkenntnis: Freiheit ist immer die Freiheit zum Andersdenken
> Der Podcast How To Disagree Better von Arthur Brooks
> Das Buch Streit! von Meredith Haaf, die hier einige Fragen zum Streiten beantwortet hat

loading: Rechtshilfefonds gegen Hass im Netz

Sigi Maurer war Abgeordnete der Grünen im österreichischen Nationalrat. In der vergangenen Woche hat die Politikerin ein Crowdfunding-Projekt gegen Hass im Netz gestartet. „In nur zwei Tagen konnten wir die ersten 100.000 Euro für den Rechthilfefonds gegen Hass im Netz sammeln“, steht auf der respekt.net-Seite und weiter: „Damit sind die Kosten abgedeckt, die im Prozess gegen Sigi Maurer drohen.“

Den Hintergrund zu dem Fall hat die Kollegin Kathleen Hildebrand in ihrem Kommentar auf sz.de so beschrieben: „Maurer hatte im Mai mehrere Facebook-Nachrichten von dem Facebook-Profil des Besitzers eines Bierladens in Wien bekommen, die zwischen obszöner Anmache und Beleidigungen wie „kleine dreckige Bitch“ schwankten. Beleidigungen, die nur der betroffenen Person zugeschickt werden, sind in Österreich nicht strafbar. Die Politikerin wollte sich aber wehren. Deshalb veröffentlichte sie die Nachrichten inklusive Absendername und der Adresse des Geschäfts auf ihrem öffentlichen Twitter-Profil. Nach heftigen Reaktionen von Twitter-Nutzern klagte der Mann wegen übler Nachrede. Er bestreitet, dass die Nachrichten von ihm stammen. Sein Computer sei im Geschäft offen zugänglich gewesen. Da Maurer nicht sorgfältig genug geprüft habe, ob wirklich der Besitzer des Facebook-Profils selbst ihr geschrieben habe, gab das Gericht ihm recht.

Sigi Maurer hat den loading-Fragebogen zu dem Projekt beantwortet

Was machst du?
Ich sammle Geld für einen Rechtshilfefonds, damit die Beratung und die Klagen von Betroffenen von Hass im Netz finanziert werden können.

Warum machst du es (so)?
Gegen Hass im Netz kann man sich in den meisten Fällen nur mit einer privaten Klage wehren – solche sind teuer und haben oft keine guten Erfolgsaussichten. Dementsprechend können sich Betroffene oft nicht wehren. Wir wollen das ändern und mit einem Rechtshilfefonds solche Klagen finanzieren, damit die Betroffenen die persönlichen und finanziellen Risiken nicht tragen müssen.

Wer soll sich dafür interessieren?
Alle Menschen, denen es ein Anliegen ist, dass Personen nicht über das Internet fertig gemacht werden können.

Wie geht es weiter?
Mit dem Rechtshilfefonds sollen Präzedenzfälle geklagt werden, die auch dazu führen, dass es zu einer Gesetzesänderung kommt.

Was sollten mehr Leute wissen?
Dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist!

>>> Hier kann man das Projekt auf unterstützen!

Für bessere Weitsicht im Umgang mit dem Internet!

In der heutigen Ausgabe der Welt am Sonntag führt die Kollegin Jennifer Wilton ein Interview mit dem Schauspieler Moritz Bleibtreu. Darin geht es um seine Filme, ums Erwachsenwerden und in der allerletzten Antwort auch ums Internet. Bevor er dessen Abschaffung fordert, sagt Bleibtreu, er genieße es, „hier und da einen ein bisschen schlaueren Umgang mit Dingen zu haben, eine bessere Weitsicht.“

Das ist eine schöne Perspektive. Denn sie bewahrt davor, sofort auf den Empörungsreflex einzugehen, der durch die Vereinfachung in der Überschrift entstehen könnte. Es ist überhaupt eine schöne Vorstellung, sich für viele Dinge einen „ein bisschen schlaueren Umgang“ anzugewöhnen. Auch beim Schimpfen übers Internet.

Bleibtreu beschreibt in seiner vorletzten Antwort einen Gegensatz zwischen inszenierter Gewalt in Filmen (nicht so schlimm) und realer Gewalt, die im Internet gezeigt wird (sehr schlimm) und kommt zu dem Schluss: „Das ist gefährlich! Da wäre ich der Erste, der eine Petition unterschreiben würde!“ Und auf die abschließende Gegenfrage „Eine Petition gegen Gewaltvideos?“ setzt er dann zu der viel zitierten Antwort an:

Oder auch das ganze Internet. Schafft das Internet ab! Dafür würde ich sogar auf die Straße gehen. Sofort! Ich brauche das nicht. Ich glaube, das ist die größte Büchse der Pandora, die die Menschheit bisher geöffnet hat. Ich würde es gern wieder loswerden. Es gibt so viele politische Dinge, für die die Leute auf die Straße gehen – aber wenn man sich mal anschaut, wo die Wurzeln für vieles liegen, das wir gerade erleben, die sind doch in dieser zweiten Realität zu finden. Und keiner kommt auf die Idee, das zu fordern: Schaltet doch mal dieses Internet ab.

Ich mag das Internet. Es ist für mich ein ortloser Ort, der Heimat sein kann und der Beweis dafür, dass Kooperation und ein Leben über Grenzen hinweg funktionieren kann. Insofern bin ich vielleicht sehr schlecht geeignet, um Bleibtreus Antwort zu bewerten. Ich nehme es mir dennoch heraus, drei gängige Internet-Kritik-Muster einzuordnen, die auch Leute an den Tag legen, die einen ein bisschen weniger schlauen Umgang mit Dingen pflegen als der Schauspieler:

1. „Ich brauche das nicht“ ist zwar ein schöner Satz, aber in jeglicher gesellschaftlichen Debatte vor allem Ausdruck eines ein bisschen weniger schlauen Verständnis‘ von Öffentlichkeit. Ich persönlich brauche z.B. auch keine Filmförderung, dennoch käme ich nicht auf die Idee, ihre Abschaffung zu fordern. Das Internet (und in Wahrheit meint Bleibtreu vermutlich eh erstmal nur das Web) ist ein öffentlicher Ort, dessen Wert sich auch dadurch bestimmt, wer sich wie einbringt. Man könnte zum Beispiel mal fragen: Warum gibt es eigentlich vergleichsweise viel öffentliche Filmförderung und vergleichsweise wenig öffentliche Digitalförderung? Weshalb gehen Gesellschaft und Politik davon aus, dieser öffentliche Raum werde sich schon ganz von alleine gestalten?

2. Das Ziel der Internet-Kritik ist häufig gar nicht das Internet. So auch bei Bleibtreu: Ihm geht es nicht darum, dass etwas an der technischen Infrastruktur geändert wird, er kritisiert auch nicht die Algorithmen der großen Internet-Anbietern (was man tun könnte), sondern stört sich an manchem, was Menschen ins Web posten. Vint Cerf, einer der Väter des TCP/IP-Protokolls, hat auf diese Form der Kritik unlängst sehr treffend geantwortet, das Netz sei „zum Spiegel unserer globalen Gesellschaften geworden“ – weshalb jegliche Kritik dieser Art in erster Linie eine Gesellschafts- und keine Internetkritik sei. Konsequente Folge dieser Kritik müsste also sein: höheres gesellschaftliches Engagement und nicht die platte Forderung der Abschaffung.

3. Dass man eine solche Forderung überhaupt stellen kann, zeigt, dass wir einem grundfalschen Narrativ über das Digitale nachhängen. Man stelle sich kurz vor, jemand würde den Autoverkehr beenden wollen, weil auf deutschen Straßen jährlich über 3000 Menschen zu Tode kommen: „Schafft das Auto ab!“ Wer das sagt, würde sofort für verrückt erklärt werden (fragen Sie mal VW-Chef Driess, der schon „Arbeitsplätze!“ ruft, wenn jemand nur die Klimaziele einhalten will). Dabei ist die Forderung nach Schließung der Autobahnen viel weniger absurd als jene der Schließung der Datenautobahnen. Dass wir trotzdem nicht darauf kommen, liegt an der falschen Perspektive auf das Neue und auf das Digitale. Und diese Perspektive wird durch Forderung wie jener von Bleibtreu noch verstärkt.

Ich glaube, wir brauchen dringend einen anderen Blick aufs Digitale in Gänze und sehr konkret aufs Internet. Denn in Wahrheit ist es ein großartiger ortloser Ort, den es nur gibt, weil die Ideen einer offenen pluralen Gesellschaft auf eine andere technische Ebene gehoben wurden. Es ist möglich, dass wir uns diesen ortlosen Ort aus der Macht der Überwacher und der Konzerne zurückholen – das habe ich jedenfalls diese Woche auf der ARD-Bühne auf der Frankfurter Buchmesse behauptet. Und ein erster Schritt besteht darin, „hier und da einen ein bisschen schlaueren Umgang mit Dingen zu haben, eine bessere Weitsicht“: das Internet ist ein menschheitshistorisches Geschenk, wir müssen lernen damit umzugehen!

Links:
– Das Bleibtreu-Interview in der Welt am Sonntag
– Das Interview auf der Frankfurter Buchmesse
– Das Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“
– Die Idee „Heimatverein Internet“

Was wäre, wenn Seehofer recht hätte? (Digitale September-Notizen)

Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

„Die Grundregel lautet: Der andere könnte recht haben. Demokratische Kultur kann man daran erkennen, dass man akzeptiert, dass es auch andere Lösungen gibt.“ Diese Einschätzung stammt vom Armin Nassehi. Er hat sie mir in mein Smartphone gesagt, als ich in diesem Monat in seinem Büro in der Münchner Konradstraße saß. Dort ist das Institut für Soziologie beheimatet und Nassehi ist dort Lehrstuhl-Inhaber. Zu dem Interview kam es im Rahmen der Aktion #deutschlandspricht, bei der sich in der vergangenen Woche sehr viele Menschen mit unterschiedlichen Ansichten zum Austausch trafen. Mit Nassehi sprach ich darüber wie das geht: mit jemandem sprechen, die oder der vermeintlich falsch liegt.

Die besondere Herausforderung dabei: den Verdacht zulassen, dass auch Horst Seehofer recht haben könnte. Ich wähle das Beispiel des gerade nicht ausschließlich beliebten Noch-Vorsitzenden der CSU, weil ich annehme, dass einige Leser*innen dieses Newsletter das Verhalten Seehofers in den vergangenen Monaten nicht gerade unterstützenswert fanden. Mehr noch: Seine Haltung ist das Gegenteil dessen, was sie für richtig halten. Demokratische Kultur drückt sich, so Nassehi in dem Interview, nun aber auch darin aus, Seehofer nicht nur auszuhalten, sondern sogar zu überlegen, ob er nicht vielleicht recht haben könnte.

Das Gespräch mit Nassehi zu Deutschland spricht steht in einer Linie, die regelmäßige Leser*innen dieses Newsletters bereits kennen: Seit einer Weile schon beschäftigt mich die Frage, wie man richtig streitet. Unter anderem deshalb haben wir im vergangenen Jahr dieses Streit-Experiment bei der SZ gemacht und unter anderem deshalb haben wir jetzt sieben Regeln (am Ende des Interviews nachzulesen) formuliert, die beim Streiten helfen können. Denn ich glaube, die Veränderung der politischen Großwetterlage der vergangenen Monate verlangt genau das von uns: mehr demokratische Auseinandersetzung. Nur: Wie geht das?

Diese Frage stelle nicht nur ich – zum Beispiel im Interview mit Armin Nassehi. Bei der BBC gehen sie der Frage nach, der Amerikaner Arthur Brooks hat einen Podcast zu diesem Thema gemacht und die Kollegin Meredith Haaf hat ein ganzes Buch dazu geschrieben: Es heißt „Streit“ und ist gerade eben bei dtv erschienen. Ich habe Meredith einige Fragen zu dem Buch gestellt – und zu der Herausforderung besser zu streiten.

Dein Buch ist Lob aufs Streiten. Allerdings nicht in der konfrontativen „Jetzt lassen Sie mich mal ausreden“-Form in TV, sondern als Chance, sich selber und auch den Gesprächpartner besser kennenzulernen. Wie bist du auf die Idee zu dem Buch gekommen?
Die Idee entstand, als ich bei mir selbst feststellte, dass ich in Konflikten oft entweder ziemlich schnell ziemlich aggro wurde, oder mich vorschnell zurück zog. Das passte nicht dazu, dass ich Konfliktfähigkeit theoretisch sehr wichtig finde und an sich schon immer sehr gern über politische oder ethische Fragen diskutiert habe, auch härter. Und als ich darüber nachdachte, fiel mir auf, dass dieser Widerspruch eigentlich unsere Gesellschaft prägt: Als Bürger einer parlamentarischen Demokratie wissen wir, dass Konflikte nicht nur zum öffentlichen Leben gehören – unser System ist eigentlich der optimale Rahmen dafür, sie friedlich auszuhandeln. Aber statt das zu nutzen, geht öffentlicher Streit selten über Schlagabtausch hinaus; Familien schweigen sich lieber an, als unterschiedliche Meinungen zu Migration oder Angela Merkel auszutragen und in Büros wird eher gelästert, als dass man offen klärt, was nicht passt.

In dem Buch heißt es: „Den anderen auszuhalten ist eine Grundkompetenz, die man braucht, um Spaß am notwendigen Streit zu haben.“ Das klingt ganz toll, ist aber ordentlich schwer. Wie lernt man das?
Wer Glück hat, lernt das als Kind. Ein Kind das erfährt, dass es ausgehalten wird, auch wenn es was anderes sagt oder will als die Erwachsenen, das kann das im besten Fall später bei anderen auch. Viele wachsen aber etwas anders auf und denen kann ich nur empfehlen, sich das selbst immer wieder zu sagen, so lange bis man es selbst glaubt. Ich bin ich, du bist du. Das ist natürlich nicht leicht, denn wenig macht einem Menschen so viel Angst wie die Erkenntnis, dass sein Gegenüber etwas ganz anders sieht als er selbst, oder etwas ganz anderes will. Vor allem, wenn man sich nahe ist, also in einer Freundschaft etwa, oder wenn man unter eigenen Verbündeten Streit hat – sagen wir, unter Feministinnen, oder langjährigen Kollegen. Aber ich habe mir irgendwann angewöhnt, eine ganz andere Meinung erst mal als Bereicherung oder zumindest als Erweiterung meines Horizonts einzuordnen. Ich glaube mir das zwar ehrlich gesagt auch nicht immer selbst so ganz, aber man kann es ja versuchen.

Wenn wir über schlechten Streit z.B. im Internet sprechen, geht es immer um Bereiche, in denen Rahmen und Regelsetzungen fehlen. Du sagst, dass die wichtigsten Prämisse für einen guten Streit die Tatsache sein sollte, dass es etwas zu lösen gibt. Was meinst du damit?
Den Satz habe ich von Eva Jüsten, die in München das Konfliktmanagement im öffentlichen Raum leitet. Es geht da einfach um die Perspektive: Ein Streit ist nicht ein Zeichen dafür, dass man zu weit auseinander steht, sondern vermutlich eher dafür, dass man ein gemeinsames Problem hat. Man hat also etwas gemeinsam, man muss nur noch den Umgang damit finden, der für beide passt.

Mein Lieblingssatz in dem Buch lautet: „Liebe als Grundhaltung zur Menschheit hilft dabei, klüger zu streiten.“ Kannst du erklären, warum Liebe eine Rolle spielt?
Das klingt so ein bisschen christlich, obwohl ich das gar nicht bin. Aber es geht in die Richtung was ich oben meinte: Wenn man seine Mitmenschen erst einmal freundlich betrachtet, wenn man das was sie denken nicht als Bedrohung sondern als Erweiterung wahrnimmt, fühlt man sich weniger bedroht und wird damit automatisch geduldiger und zuversichtlicher, auch im Konflikt. Man streitet dann gut, wenn der andere einem etwas Wert ist. Damit wird dann aber auch klar, dass es mit Menschen, die andere abwerten nicht möglich ist, sinnvoll zu streiten. Wenn mich einer als blöde Kuh auf dem Radweg beschimpft oder mir eine Vergewaltigung wünscht oder mir wegen meiner Hautfarbe die Menschenwürde abspricht muss man sich nicht weiter auseinandersetzen.

Bevor ich Dich bitte, die sieben Ideen für einen guten Streit zu kommentieren, muss ich eine vielleicht private Frage stellen: Gibt es jemandem, mit dem Du genauso streiten kannst, wie du es im Buch beschreibst?

Ja. Das ist mein guter Freund Hannes. Den habe ich gefunden, als ich vor vielen Jahren in der jetzt.de-Redaktion ein Praktikum gemacht habe.

Jetzt zu den Ideen für einen guten Streit. Kannst Du sie bitte Punkt für Punkt kommentieren? Streit ist keine Ausnahmesituation, sondern normal!
Der Soziologe Georg Simmel hat Streit als eine Form der Vergesellschaftung beschrieben. Der Streit ist die Technik, die wir als Menschen haben, um einander auszuhalten, um uns abzugrenzen und über uns selbst klar zu werden. Das ist einer der Vorteile daran, ein Mensch zu sein: Wir haben Sprache und können uns Regeln geben. Bevor wir uns bekämpfen oder voreinander fliehen haben wir dieses Werkzeug, um uns auseinanderzusetzen.

Ich trenne Menschen und Meinungen. Das verhindert, dass ich persönlich oder beleidigend werde und es hilft mir, mich auf die Sache zu konzentrieren.
Das ist ja immer das Ideal, und ich finde es funktioniert, wenn man zum Beispiel unter Kollegen über Fachliches streitet. Oder unter Fans über Fußball. Oder unter Freunden über Bücher oder Serien. Politik und Persönlichkeit zu trennen finde ich schwieriger und tatsächlich halte ich es auch für legitim, wenn man eine Freundschaft mit jemandem aus politischen Gründen nicht mehr führen kann. Ich finde, politischer Streit darf auch persönlich werden – man sollte sich aber unter Freunden oder in der Familie bereit halten, danach wieder die Kurve zu bekommen. Grundsätzlich plädiere ich dafür, den Menschen anhand seiner Handlungen und seiner Art ernster zu nehmen, als anhand der ein oder anderen für mich unguten Meinung.

Meine Meinung ist super, ich kann aber aushalten, dass es andere Meinungen gibt. Ich muss nicht alle von meiner Meinung überzeugen.
Ich würde sagen: Meine Meinung ist nicht notwendigerweise super – es ist halt erstmal die, die ich habe. Super ist sie dann, wenn ich sie stützen und verteidigen kann und wenn ich sie mir tatsächlich gebildet habe – im Sinne von Bildung. Ein leichter Hauch des Selbstzweifels schadet gar nicht, wenn man sich gut streiten will. Wer möchte, dass andere ihre Meinung ändern, muss auch bereit sein, selber mal etwas anders zu denken.

Ich höre zu und versuche zu verstehen. Um wirklich diskutieren zu können, muss ich die Argumente der Gegenseite kennen.
Das Zuhören ist wirklich eine radikal unterschätzte Komponente des Streitens. Das kann sich jede*r vornehmen: Im Konflikt auch wirklich mal die Klappe zu halten und über das nachzudenken, was der andere sagt und warum er das tut.
Ich nehme mir vor, nicht alles überlebensgroß zu machen. Ich versuche, Probleme kleiner zu denken und konkrete Lösungen statt globaler Probleme zu diskutieren.
Mediatoren arbeiten ja auch so: Die lassen erstmal alles sagen und finden dann die drei konkreten Punkte, über die man sprechen und für die man eine Lösung finden kann. Große Grundsatzdebatten können ja auch super beflügelnd sein und Spaß machen. Aber in vielen Situationen ist es wichtiger, pragmatisch zu bleiben: Gerade wenn es um Chefs oder Kolleg*innen geht, oder um einen Konflikt mit den Geschwistern oder eben auch um irgendeine Riesen-Twitter-Diskussion. Runterbrechen ist immer gut.

Ich konzentriere mich auf das gemeinsame Warum und weniger auf das unterschiedliche Wie.
Das ist ein zentraler Punkt für die innere Einstellung, die beim Streit hilft, das ist in der Politik genauso wie in einer Beziehung. Natürlich wird der Konflikt vor allem um das Wie gehen, aber man fühlt sich viel sicherer, wenn man sich auf die Gemeinsamkeit konzentriert.

Egal wie schlimm es sich anfühlt: Ich vermeide Verachtung!
Das ist unheimlich wichtig, und zwar auch dann, wenn man selbst mit Verachtung konfrontiert ist. Bei jedem Streit sollte man sich bewusst sein, dass man dem anderen wieder begegnen kann oder will, und dafür braucht man Respekt und Achtung. Natürlich ist der Mangel an solchen Begegnungen gerade im Netz auch der Grund dafür, warum der Umgang oft so dermaßen nachlässig ist. Umso wichtiger ist es da, sich immer wieder vor Augen zu halten, dass wir es hier immer noch mit Menschen zu tun haben, die an Tastaturen sitzen und nicht mit bösen Geistern, die im Äther verpuffen, wenn ich meinen Rechner zuklappe.

Zum Weiterlesen:
> Das Gespräch mit Armin Nassehi
> BBC: How To Disagree: A Beginner’s Guide to Having Better Arguments
> Das Experiment „Das ist Deine Meinung“ mit der Erkenntnis: Freiheit ist immer die Freiheit zum Andersdenken
> Der Podcast How To Disagree Better von Arthur Brooks
> Das Buch Streit! von Meredith Haaf


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem zum Thema Streit in den vergangenen Monaten bereits einige Texte erschienen sind:
„Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017)

Shruggie des Monats: das Magazin Economist

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen.

Sollte man Steve Bannon eine Bühne bieten? Über diese Frage wird in angelsächsischen Medien gerade heftig gestritten. Anlass ist eine Ein- und wieder Ausladung des ehemaligen Beraters von Donald Trump durch das Magazin New Yorker. Bannon hätte im Rahmen des New Yorker Festivals vom angesehenen Chefredakteur David Remnick interviewt werden sollen. Wenige Minuten nach der Ankündigung, regte sich heftiger Widerstand und prominente Teilnehmer*innen kündigten an, nicht beim Festival aufzutreten, sollte Bannon dort auftreten. Daraufhin zog Remnick die Einladung zurück:

Im Guardian kommentierte Arwa Mahdawi die Entscheidung sehr klar als doppelt falsch. Sie schrieb:

The New Yorker’s decision to give Bannon a platform was irresponsible and immoral. While it has rescinded the invitation, harm has already been done. Indeed, I imagine that getting invited and then uninvited from the festival was Bannon’s dream scenario. First he gained intellectual legitimacy by having the New Yorker announce him as a headliner. Then he got to do what the far right seems to enjoy doing the most: play the victim. No doubt extremists everywhere are dashing off opinion pieces about how conservative views are being censored by the liberal media.

Auch in meiner Timeline und im direkten Umfeld hörte ich viele, die genau diese Meinung teilen. Ich bin allerdings sehr unsicher: Löst es das Problem, wenn man Bannon einfach nicht zuhört?

¯\_(ツ)_/¯

Zanny Minton Beddoes hat darauf heute eine beeindruckende und wie ich finde richtige Antwort gegeben. Sie ist die Chefredakteurin des Magazins Economist. Dort hat man im Frühjahr ein Debattenformat namens Open Future gestartet – und im Rahmen dieser Debatten hatte man ebenfalls Steve Bannon eingeladen. Doch anders als der Remnick hält Minton Beddoes an ihrer Einladung fest – und die Begründung dafür halte ich für souveräner und vor allem liberaler als Remnicks Entscheidung. Minton Beddoes schreibt:

Mr Bannon stands for a world view that is antithetical to the liberal values The Economist has always espoused. We asked him to take part because his populist nationalism is of grave consequence in today’s politics. He helped propel Donald Trump to the White House and he is advising the populist far-right in several European countries where they are close to power or in government. Worryingly large numbers of people are drawn to nativist nationalism. And Mr Bannon is one of its chief proponents.

The future of open societies will not be secured by like-minded people speaking to each other in an echo chamber, but by subjecting ideas and individuals from all sides to rigorous questioning and debate. This will expose bigotry and prejudice, just as it will reaffirm and refresh liberalism. That is the premise The Economist was founded on.

Ich glaube, sie hat recht. Demokratisch zu sein, heißt doch eben nicht einfach nur Recht zu haben. Es heißt auszuhalten, dass es andere Meinungen gibt, Pluralismus zu leben und den kritischen Austausch zu suchen. Es ist anstrengend das auszuhalten, es ist eine Herausforderung, aber ich glaube, dass Demokratie wie ein Muskel funktioniert: dass man sie trainieren muss.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

Was ist dein Bild vom Internet? (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Seit diesem Monat wird die deutsche Bundesregierung digital beraten. Der so genannte Digitalrat versammelt Menschen mit Internet-Kenntnis, die der Bundesregierung „unbequeme Fragen“ zum Thema Digitalisierung stellen sollen. So steht es auf der Website der Bundesregierung – und das wurde in den vergangenen Tagen ausgiebig diskutiert kritisiert: Neben der berechtigten Anmerkung, dass in diesem Gremium die Zivilgesellschaft fehlt, zeigte mir manche Stichelei (Äh, Flash auf der Seite, hihi), dass wir mal übers Internet reden müssen – und über das Bild, das wir vom Internet haben.

Es ist an der Zeit, die schau mal, die checkens nicht“-Haltung zu überwinden, die ich mancherorts im Netz noch wahrnehmen, wenn die Politik versucht, sich dem Thema Digitalisierung zu nähern. Dass es den Digitalrat gibt, ist richtig und in Wahrheit überfällig. Und dass die Leute, die sich dort ehrenamtlich engagieren, ihre Sachkenntnis nachgewiesen haben, ist auch erkennbar. Es scheint mir deshalb geboten, diesen Kanal zu nutzen, um relevante digitale Fragen endlich auf diesem Weg auf die Agenda zu bringen – ich hab mal eine Twitter-Liste gemacht.

Unser Bild vom Internet ist viel zu häufig noch geprägt von den Debatten der vergangenen Jahre: von der Frage nach dem digitalen Graben und der Auseinandersetzung darüber, ob es nun gut oder gefährlich ist, dass wir das Internet haben. Dabei haben wir übersehen, dass es keine Selbstveständlichkeit ist, dass wir das Internet überhaupt haben. „Hinter den Debatten um all die schlimmen Seiten des Internet verbirgt sich nämlich eine der großartigsten Erfindungen unserer Zeit, die Menschen klüger und fröhlicher machen kann; wenn man sie richtig einsetzt – und sich daran beteiligt.“ So habe ich es auf die erste Seite des großspurigsten Buches geschrieben, an dem ich je gearbeitet habe. Es heißt „Gebrauchsanweisung für das Internet“ und erscheint am 4.9. in der gleichnamigen Serie im Piper-Verlag.

Zum Erscheinen des Buchs „Gebrauchsanweisung fürs Internet“ gibt es einen Fotowettbewerb mit dem Piperverlag. Das Buch ist ab dem 4.9. im Handel – hier kann man direkt beim Verlag vorbestellen.

Unter dem Hashtag #meinbildvominternet sammeln wir genau das: Fotos vom Netz! Fotografiere dein Bild vom Internet, lade es unter dem Hashtag #meinbildvominternet auf Instagram oder Twitter und gewinne mit etwas Glück eine von drei signierten Gebrauchsanweisungen. Details zum Gewinnspiel gibt es ab 4.9. auf dem Instagram-Account vom Piperverlag.

Natürlich maße ich mir nicht an, Regeln für das Internet (das ganze Internet!) aufzustellen oder gar im Sinne eines Beipackzettels richtiges Verhalten zu beschreiben. Das ist auch nicht der Sinn der Serie, in der auch schon Gebrauchsanweisungen für die Welt, das Leben und das Jenseits erschienen sind. Es geht eher im Sinne des ersten Autors der Gebrauchsanweisungen darum, einen Kontinent zu bereisen. Vor vierzig Jahren schrieb Paul Watzlawik eine Gebrauchsanweisung für Amerika – und in dem Internet-Buch versuche ich, den ortlosen Ort Internet als Reise-Destination zu beschreiben.

Vor allem aber möchte ich mein Bild vom Internet beschreiben – als Ort, der durch sein bloße Existenz beweist, wie toll Diversität und Multi-Kulti ist. Dieses dezentrale Netzwerk ist eine menschheitshistorische Erfindung von so großem Wert, dass es uns häufig gar nicht mehr auffällt. Dabei ist es der europäischen Idee nicht ganz unähnlich – und beides gilt es meiner Meinung nach zu verteidigen. Vielleicht kann man mit etwas Pathos sogar sagen, dass dies die zentrale Aufgabe unserer Generation ist: Die großartigen Errungenschaften Internet und Europa gegen die unterschiedlichen Angriffe zu verteidigen.

Doch Vorsicht: Dabei geht es natürlich nicht ums Konservieren oder um rückwärtsgewandte Vergangenheitsverklärung. Das Internet als lebendiges Netzwerk soll nicht kulturpessimistisch glorifziert, es soll auf Basis des Ideen von Pluralität und Demokratie belebt werden. Damit beziehe ich mich einerseits auf Ansätze, die bedeutsame Ideen wie RSS wiederbeleben wollen, es geht mir bei diesem Bild vom Internet aber um Grundlegendes – wie ich es an anderer Stelle schon erwähnt habe: „Dass völlig unterschiedliche Systeme, auf sehr alten und brandneuen Computern in diesem durch und durch heterogenen Netzwerk der Netze miteinander kommunizieren können (ermöglicht durch das zugrundliegende Internetprotokoll TCP/IP), ist eine bedeutsame, wenn man so will, multikulturelle Erfindung. (…) Denn dass es das Internet überhaupt gibt, zeigt, dass Diversität und Unreinheit funktionieren. Es zeigt, dass die Idee von Völkerverständigung, Offenheit und Pluralismus keine Spinnerei ist, sondern greifbare Wirklichkeit. Es lohnt sich, dieser Idee zu folgen, gerade auch, um gestaltend auf die dunklen Seiten zu reagieren, die durch das Netz zuweilen befördert werden.“

Es ist kein Zufall, dass ich diesen Text an dem Wochenende veröffentliche, an dem unter dem Hashtag #SaveYourInternet in Europa demonstriert wird. Es zeigt, dass auf europäischer Ebene für den Wert des Internet gestritten wird. Das finde ich gut und wichtig. Es macht uns deutlich: Das Internet ist nicht einfach immer so da. Damit es ein demokratischer Raum bleibt, muss man sich engagieren. Das kann auf unterschiedlichen Ebene geschehen. Ein wichtiger Schritt wäre, sich über das eigene Bild vom Internet bewusst zu werden – und darüber zu reden. Auch und gerade mit denen, die sich im Internet vielleicht noch nicht so Zuhause fühlen.

Für alle anderen soll es übrigens demnächst einen Heimatverein Internet geben. Gerade arbeite ich mit ein paar Mitstreiter*innen an einer ersten Umsetzung der Idee. Wer darüber informiert werden will, kann sich hier eintragen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Kann es (noch) besser werden?“ (Juni 2018) „Altland“ (April 2018) „#smarterphone“ (März 2018) „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Fünf Fitness-Übungen für Demokratie 💪 (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wissen Sie was mit einem Muskel passiert, wenn er unter Belastung gerät?
Er wächst. 💪
Wissen Sie was mit der Demokratie passiert, wenn sie unter Belastung gerät?
Das hängt von Ihrer Reaktion ab.

Ich glaube, dass Demokratie wie ein Muskel funktionieren kann. Ich glaube, dass sie unter Belastung stärker werden kann. Wenn rechtspopulistische Parteien in Parlamente einziehen oder Extremisten unterschiedlicher Prägung den Pluralismus und die Freiheit in Frage stellen, dann ist das eine Belastung für die Demokratie – wie ein langer Lauf eine Belastung für die Muskulatur ist. Es ist anstrengend, aber nicht das Ende. Die Muskulatur wird gefordert, wenn man sich die Kräfte aber gut einteilt, wird sie dadurch stärker.

Ich will mich nicht denjenigen anschließen, die aus den rechtspopulistischen Entwicklungen weltweit den Schluss ziehen, die Demokratie sei in Gefahr. Ich will nicht denen folgen, die – wie exemplarisch Gert Heidenreich in der Außenansicht in der SZ – zu Intoleranz auffordern, um die Demokratie zu schützen. Ich halte diese Aufrufe – auch wenn sie aus bester Absicht geschehen – für grundfalsch: Wer die plurale Demokratie verteidigen will, muss beginnen, sie zu praktizieren. Wer die Grundideen der offenen Gesellschaft wertvoll findet, darf sie nicht bei der kleinsten Bewährungsprobe in Frage stellen.

Was wir gerade erleben, ist eine Herausforderung für die Demokratie: kein Anzeichen für den Untergang, sondern die Möglichkeit zu wachsen. Wer unter sportlicher Belastung zu schwitzen beginnt, ist dadurch ja auch nicht automatisch in Gefahr – womöglich ist es vor allem das: Training. (dass die trainierenden Menschen auf diesem Unsplash-Bild von Quino Al in einem Boot sitzen, ist übrigens ein Wink mit dem Zaunpfahl – siehe dazu „Aber“ von Eko Fresh)

Ich würde mir wünschen, dass wir mit einem Training für unsere demokratischen Fähigkeiten beginnen: Mit einem Prozess, der uns in die Lage versetzt, demokratisch fitter zu werden. So wie ein regelmäßiges Lauftraining die Ausdauer steigert, brauchen wir Übungen in Demokratie, die uns offener, toleranter und pluraler machen. Das ist anstrengend und fordernd, aber es ist nicht: der Untergang! Denn das beste Mittel um die Demokratie zu stäkren, ist demokratisches Verhalten: eine Kultur des aufgeklärten Zweifels und der Ironie und das Bekenntnis zu mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit!

Natürlich: Man muss das Training gut dosieren. Und so wie übermäßiges Lauftraining auch schädlich sein kann, muss man auch beim Demokratie-Training das Toleranz-Paradoxon von Karl Popper im Hinterkopf haben. Es sollte aber niemanden daran hindern, überhaupt mit dem Training zu beginnen.

Deshalb habe ich fünf Übungen gesammelt, die mindestens ein guter Anfang sind. Denn: Damit kann jede und jeder bei sich beginnen:

💪 1. Es gibt mehr Meinungen als meine. Selbst wenn ich sie falsch finde: Es ist okay, dass es andere Meinungen gibt. Es ist nicht okay, wegen Meinungsdifferenzen persönlich angreifend zu werden. Streitkultur ist ein wichtiger Bestandteil demokratsicher Öffentlichkeiten. Wir müssen sie praktizieren und vielleicht sogar wie Aladin El-Mafaalani in diesem Interview als Teil der Leitkultur verstehen.

💪 2. Ich akzeptiere das Fremde und Andere, denn Demokratie lebt von Pluralität. Wir achten einander – und das Recht auf eine andere (auch falsche) Meinung. Egal wie dringlich das Thema ist, es gilt die Maxime: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ – auch in Bezug auf die eigene Meinung: Es ist stets auch die Freiheit ZUM Andersdenken

💪 3. Ich vermeide Verachtung. Egal wie doof die andere Meinung ist, ich erlaube mir nicht, deshalb die Anderen zu verachten. Man kann unterschiedlicher Meinung sein und trotzdem die Gegenseite als Mensch akzeptieren – Arthur Brooks nennt dazu mehrere Ansätze („How To Disagree Better“), im Kern geht es ihm aber immer darum, Verachtung zu vermeiden.

💪 4. Ich versuche nicht zuerst die Andersdenken zu überzeugen, sondern sie zu verstehen. Selbst wenn ich ihre Argumente für falsch halte: Ich verlange von mir selber, dass ich diese Argumente kenne. Nur wenn ich die Meinungen der Gegenseite kenne, kann ich mich auch mit ihnen auseinander setzen. Gerade bei hoher Komplexität ist ein breites Meinungsspektrum wichtig, denn Diversität ist kein moralischer Maßstab, sondern die beste Methode komplexe Probleme zu lösen.

💪 5. Ich versuche, Menschen und Meinungen zu trennen – und suche einen sachlichen Austausch. Dabei leiten mich diese zehn Gebote der Logik. Denn der Versuch, alle Entwicklungen in einen Dualismus von Pro&Contra zu zwängen, führt manchmal zu eine so genannten „falsebalance“, was gerade bei wissenschaftlichen Fakten ein großes Problem sein kann.

Diese fünf Vorschläge sind ein Anfang. Ich freue mich auf Ergänzungen, die Übungen für die demokratische Fitness in diesem Land und in Europa sind. Denn ich glaube, dass das Fazit stimmt, das Naika Foroutan in diesem Interview mit dem Tagesspiegel zieht:

Die Menschen sind diesen Kulturpessimismus leid, sie sind es satt, agitiert zu werden. Die Hasswelle, die seit ein paar Jahren über uns hinwegrollt, durchschauen viele inzwischen. (…) Wir müssen Widerstand zeigen und ein klares Bekenntnis: Ja, wir wollen in einer pluralen Demokratie zusammenleben, die vom Gedanken der Einigkeit, des Rechts und der Gleichheit angetrieben wird. Ich denke, es gibt da gerade ein großes Momentum, man hört schon die ersten rufen: Auf, auf! Setzt euch in Bewegung! Es ist unser Land. Verteidigen wir es gemeinsam!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Kann es (noch) besser werden?“ (Juni 2018) „Altland“ (April 2018) „#smarterphone“ (März 2018) „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Shruggie des Monats: Die Özil-Debatte

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree, den Traditionshasen, die Plattform Startnext sowie das Stories-Format beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. ¯\_(ツ)_/¯

Ich bin Mesut Özil dankbar. Denn es gibt einen Aspekt an der gerade in aller Heftigkeit laufenden Debatte, den ich uneingeschränkt und ohne jegliche Abwägung und Einordnung dank Mesut Özil betonen kann: So einfach ist es nicht. Mit diesem Satz liegt man in nahezu jeglicher Debatte über den Nationalspieler nicht falsch. Und das ist schon ziemlich viel Wert: nicht völlig falsch zu liegen.

Denn die Özil-Debatte präsentiert in aller Anschaulichkeit eine der definierenden Grundeigenschaften zahlreicher gegenwärtiger Herausforderungen, die man ebenfalls mit dem Satz „So einfach ist das nicht“ zusammenfassen kann. Bei immer mehr Problemen sind die Abhängigkeiten und Verknüpfungen so unübersichtlich und komplex geworden, dass wir mit einfachen Antworten nicht mehr weiter kommen – auch und gerade nicht in der Özil-Debatte. Sie ist, wie der Kollege Friedemann Karig es sehr treffend auf den Punkt gebracht hat, eine (wie ich finde:) großangelegte Übung in „Ambiguitätstoleranz“

Wir müssen lernen, mit Widersprüchen und Mehrdeutigkeiten umzugehen. Das drückt der Begriff Ambiguitätstoleranz aus – und die Özil-Debatte zwingt uns genau dazu. Denn sie ist voll von „Aber andererseits“-Argumenten, die es zu bedenken gilt, wenn man sich von den Verfechtern der einfachen Schuldzuweisungen distanzieren will. Das menschenfreundliche Schulterzucken des Shruggie ist für mich das perfekte Symbol für Ambiguitätstoleranz – und die aktuelle laufende Debatte um Mesut Özil eignet sich deshalb so gut für eine Übung genau darin, weil sie voll ist von Meinungen und Gewissheiten. Nahezu jeder Wortbeitrag zum Thema ist voll von festen Standpunkten und Ansichten. Aber fast kein Wortbeitrag bringt die Offenheit und die Toleranz auf, nachzufragen was ständiger Antrieb des Shruggie ist: Was, wenn das Gegenteil richtig wäre?

Dieser Pluralismus ist Grundlage für ein weltoffenes, tolerantes Land und die Debatte um Mesut Özil erinnert uns alle daran, dass es etwas gibt, was wichtiger ist als einfach nur recht zu haben: der Wettstreit der Ideen. Dafür einzutreten heißt eben auch, den Verdacht zuzulassen, dass die Gegenseite Recht haben könnte – oder schlimmer noch, dass mehrere Aspekte richtig sein könnte. (Foto: Unsplash/Ozan Safak)

Genau davon handelt die Haltung des Shruggie – und er hat sie diese Woche in einem Mehr Ratlosigkeit wagen überschriebenen Essay im Deutschlandfunk ausführlich dargelegt. Der Beitrag wurde an dem Tag veröffentlicht, an dem nachmittags viele tausend Menschen gegen Hetze und für eine menschenfreundliche Politik in München auf die Straße gegangen sind und an dem abends Mesut Özil seine III/III Stellungnahmen veröffentlichte.

Die CSU empfindet das Eintreten für eine menschliche Politik als Angriff auf ihre Vertreter*innen. Das klingt nicht nur entlarvend, es legt auch ein demokratisches Defizit offen: Die CSU hat sich ausführlich mit der #ausgehetzt-Demo befasst, sie hat dafür Plakate gedruckt und im Anschluss auch eine absonderliche #WirsindCSU-Kampagne gestartet, in der sie sich als Opfer von linker Hetze sieht. Ich frage mich, wieviel sinnvoller diese Energie investiert gewesen wäre, hätte ein CSU-Landtagsabgeordneter das getan, was die Vertreter*innen anderer Parteien bei der Demo am Sonntag auf dem Königsplatz getan haben: Fünf Minuten vor den Demonstranten zu sprechen. Für das demokratische Klima in diesem Land (und vermutlich sogar für die Wahlergebnisse der CSU) wäre ein solcher Auftritt sicher hilfreicher gewesen als die etwas merkwürdige Kampagne, die man jetzt zu starten versucht.

Denn Ambiguitätstoleranz zu praktizieren, heißt ja nicht nur festzustellen, dass es keine einfachen Lösungen mehr gibt. Es heißt auch, auszuhalten, dass es Widerspruch gibt – von der Bühne und vor der Bühne. Meiner Meinung nach müssen wir hier allesamt noch etwas üben. Mesut Özil hat das sehr eindrücklich offen gelegt.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“