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12 Dinge, die erfolgreiche Tiktoker*innen tun

Dieser Text ist Teil der Dezember-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Drei Zutaten machen die Tiktok-Story dieses Jahres so interessant. Es sind zu gleichen Teilen das Staunen über die großen Zahlen („soo viele Downloads!?“), die Sorge, das nächste große Ding zu verpassen („so angesagt!?“) und die politische Debatte über Daten und China („wird doch von Peking überwacht“). Angerührt werden diese Zutaten mit einem Schuss Generationenkonflikt („dafür bin ich zu alt“) und schon hat man eine aufmerksamkeitsstarke Debatte um das „angesagteste und umstrittenste Social-Network“ der Stunde. Da zudem auch ein popkultureller Reiz gegenwärtiger Netzkultur drinsteckt, habe ich im Sommer (und seit dem) unnatürlich viel Zeit in Tiktok verbracht (und eine gewisse Begeisterung für dieses Eimer-Meme entwickelt). Höchste Zeit also, zu bündeln, was man derzeit über Tiktok wissen kann. Dafür wähle ich ein neues Format, das ich auch schon im Rahmen einiger Vorträge genutzt habe: ich nenne es 12dinge.de Denn ich maße mir nicht an, Regeln für Tiktok zu formulieren, sondern notiere Beobachtungen, die ich bei erfolgreichen Tiktoker*innen gesehen habe – womit ich sowohl aktive Nutzer*innen meine (auf Tiktok „Creators“ genannt), denen es um Reichweite und Interaktion geht, als auch jene, die weniger öffentlich auftreten und eher an kultureller Teilhabe interessiert sind:

12 Dinge, die erfolgreiche Tiktoker*innen tun:

1. Sie definieren, was Erfolg bedeuten soll

Fragt man die Websuche landet man bei „Erfolgs-Kriterien“ sehr schnell bei der Anzahl der Follower, die Accounts auf Tiktok auch sammeln können. Die aktuelle Erhebung von Statista ist dafür recht aufschlussreich – wie auch bei Instagram ist der größte Account in der Plattform derjenige, der für die Plattform steht. Dahinter folgen interessante Personen-Accounts, die auch schon auf YouTube und/oder Instagram reichweitenstark sind, aber eben anders. Die ersten fünf heißen:

1. Loren Gray – hier ihr Wikipedia-Eintrag
2. Baby Ariel – hier ihr Wikipedia-Eintrag
3. Zach King – hier sein Wikipedia-Eintrag
4. Riyaz Aly(vielleicht Autor*in werden?)
5. Kristen Hancher(vielleicht Autor*in werden?)

Diese Liste begründet, warum viele vor allem ältere Nutzer*innen denken, sie würden Tiktok nicht verstehen. Aber keine Sorge, es gibt auch Accounts, die älteren Menschen bekannt sein könnten: Arnoldschnitzel ist beispielsweise Arnold Schwarzenegger und der Sieben-Zwerge- und Genial-Daneben-Comedian Martin Schneider ist als maddinschneider aktiv.

Doch entscheidend ist, dass die Followerzahlen natürlich kein tauglicher Hinweis für Erfolg sind. Wer erfolgreich auf Tiktok sein will, sollte eigene Kriterien festlegen – und sich diese nicht von der Plattform vorgeben lassen (gilt übrigens auch für andere Plattformen). Diese Liste hier definiert Erfolg eher im Sinne eines souveränen Umgangs mit dem Dienst. Das schließt reichenweitenstarke Interaktionen auf der Plattform nicht aus, geht aber darüberhinaus. In der Tiktok-eigenen Sprache würde man vermutlich am ehesten von The Woah sprechen (siehe Punkt 12)

2. Sie lesen chinacables.de

Der Dienst Tiktok zählt zum chinesischen Anbieter ByteDance und firmiert dort unter dem Namen Douyin. In den vergangenen Tagen wurde viel über die Herkunft geschrieben. Sie wird in den folgenden Punkten auch Thema sein. Bevor man dort aber tiefer einsteigt, sollte man die China-Cable-Berichterstattung der Kolleg*innen lesen. Es gibt übrigens auch eine keine Fassung, die als Schminktutorial auf Tiktok verpackt wurde – und über die ein Streit entbrannt ist, wie der Guardian berichtet.

Im Interview mit dem Deutschlandfunk erklärt der China-Experte Stephan Scheuer, dass er es für unwahrscheinlich hält, dass Tiktok direkt aus Peking (heißt von der chinesischen Regierung) gesteuert wird. Er weist aber darauf hin, „dass in China alle Unternehmen, die sich gerade mit Inhalten und gerade auch mit Medienproduktion, also mit Nachrichten, beschäftigen, sehr, sehr strengen Vorgaben unterworfen sind. Und ich halte es für unwahrscheinlich, dass jetzt irgendwie der chinesische Staat TikTok lenkt. Allerdings ist TikTok eben ein Unternehmen, das all diesen Regeln unterworfen ist. Und wenn TikTok international negativ auffallen sollte, für beispielsweise die Verbreitung von chinakritischen Inhalten, besteht natürlich immer die Gefahr, dass das zu Verwerfungen auf dem Heimatmarkt führt. Sprich, dass TikTok dafür Ärger bekommt, was auf der Plattform im Ausland stattfindet.

3. Sie leben Ambiguitätstoleranz

Es gibt keine einfache Antwort auf die Frage, ob Tiktok gut oder schlecht ist. Es ist unumgänglich, Widersprüchlichkeiten auszuhalten. Man spricht dann von Ambiguitätstolerenz – wer mehr dazu wissen will (diese benötigt man nämlich nicht nur im Umgang mit Tiktok), kann sich beim Shruggie informieren.

4. Sie begleiten ihre Kinder und wissen was Cybergrooming ist

Erfolgreich heißt im Zusammenhang der folgenden Punkte vor allem auch: einen souveränen Umgang mit dem Dienst finden. Dazu zählt zunächst ein angstfreier aber nicht naiver Zugang. Die vergangenen Tage waren voll von aufmerksamkeits-optimierter Berichterstattung, die vor allem Gefahren und Bedrohungen skizziert hat. Die Nutzer*innen lassen sich davon bisher allerdings kaum bremsen, die App zu installieren. Deshalb sollten Eltern Tiktok gemeinsam mit ihren Kindern installieren und anschauen – und sie sollten sich bewusst sein, dass dort eine sehr konkrete Gefahr vom Cybergrooming ausgehen kann. Also von Nutzern, die unter falscher Identität Kinder bedrohen. Das empfehlenswerte medienpädagogische Projekt „Schau hin“ dazu: „Die TäterInnen nutzen meist falsche Identitäten und überreden die Kinder zum Übersenden von Nacktaufnahmen oder sogar zu persönlichen Treffen. Zuletzt hat die App TikTok Schlagzeilen gemacht, weil junge NutzerInnen hier unter Hashtags wie #bellydance vermeintlich aufreizende Fotos hochluden und ältere NutzerInnen sie offensichtlich daraufhin ansprachen.“

5. Sie sind sich der Sogwirkung des Dienstes bewusst

Ich sag es mal so banal: Tiktok kann Spaß machen. Ich habe im Sommer in diesem Text schon beschrieben, dass die kurzen Clips immer mit dem Versprechen verbunden sind, dass beim nächsten Swipe ein toller Film kommen könnte. Samira El Ouassil hat das im Interview mit Deutschlandfunk Kultur etwas eloquenter ausgedrückt: „Man hat eine Unvorhersehbarkeit, die ähnlich ist wie beim Glücksspiel, und deswegen hat das auch etwas sehr suchtförderndes, weil man nicht weiß, ob das nächste Video nicht etwas ganz Großartiges, Lustiges, Wunderschönes oder furchtbar Interessantes ist.

6. Sie achten auf den Datenschutz

Die Frage, ob und wie chinesische Behörden auf Daten von Tiktok zugreifen können ist das eine (und ich sage voraus: da werden wir noch unschöne Geschichten hören). Wir haben an den Schauergeschichten US-amerikanischer Dienste gesehen, dass es auch im Westen gelingt, ordentlich Mist mit Nutzer*innendaten zu machen. Dessen sollte sich jede und jeder generell bewusst sein. Darüberhinaus stellt sich die Frage nach der Verwendung von Klarnamen und ob der Account öffentlich zugänglich sein sollte oder (zunächst mal) nur engen Freundinnen und Freunden. Zu den Privatsphäre-Einstellungen empfehle ich nochmal Schau hin.

7. Sie schauen erstmal zu

Ein Tipp, der vielleicht für viel mehr Bereiche im Leben gilt als nur für soziale Netzwerke: Es schadet häufig nicht, zunächst die Gepflogenheiten in einem Raum zu kennen, bevor man sich selber prominent in Szene setzt. Im konkreten Fall ist es deshalb sinnvoll, die grundlegenden sozialen Normen auf Tiktok anzuschauen – und Reaktionsmuster zu beobachten: Was machen andere? Warum tun sie das? Wer auf diese Weise den Dienst beobachtet, wird automatisch feststellen, dass Nutzer*innen hier häufig auch mit verkäuferischer Absicht Inhalte posten; dass manche schönen Clips in Wahrheit Werbung sind und dass man nicht auf die glänzende Oberfläche hereinfallen sollte. Diese Grundprinzipien der Medienkompetenz transportieren sich am besten, wenn man zunächst mal zuschaut, wie andere sich verhalten.

Dabei gilt es zu bedenken: viele erfolgreiche Tiktoker*innen wirken zwar wie der nette Kumpel von nebenan, sie sind aber nicht selten (zumindest jene mit den oben genannten Reichweiten) professionelle Medienunternehmen. Deshalb habe ich das obige Symbol-Bild von Unsplash ausgewählt, das zeigt: Zu Medienkompetenz zählt auch, sich vorzustellen, wie es wohl hinter der Kamera aussieht.

8. Sie benutzen ein Ringlicht

Der Blick hinter die Kamera ist mittlerweile sogar Teil einiger Tutorials auf Tiktok, in denen gezeigt wird, wie bestimmte filmische Tricks zustande kommen. Dabei immer wieder auch im Bild: das Ringlicht – und damit wechseln wir von der Beobachtungs-Position in die aktive Teilnahme ;-)

9. Sie sind bereit, sich zum Affen zu machen

Jeder Social-Media-Dienst hat einen eigenen Schwerpunkt. Der kann sich ändern, er prägt aber die Ausrichtung des Dienstes. Bei Tiktok weht noch der Geist von musical.ly – es geht also immer noch darum, sich selber in Szene zu setzen. Der Ursprung war das Nachsingen von Liedern. Das ist heute in weiten Teilen immer noch so, aber nicht mehr nur. Auf der About-Seite schreibt Tiktok: „Die Plattform ist ein Zuhause für kreative Videos, die für authentische, inspirierende und lustige Erfahrungen sorgen.“ Es geht also weiterhin darum, persönliche und auch verletztliche Seiten der eigenen Person zu zeigen. Wer aktiv bei Tiktok mitmischen will, sollte diese Bereitschaft mitbringen (das da rechts ist übrigens ein so genanntes Tiktok-Memojie von mir) – und auf diese Weise eine eigene Stimme finden.

10. Sie lernen von den Müttern von Tiktok

Die New York Times hat dieser Tage eine tolle Geschichte veröffentlicht, die den Titel trägt „The Moms of TikTok Are Deeply Corny — and Gloriously Free“. Der Text handelt von dem eher ungefilterten Bild, das man in Tiktok im Vergleich zur Hochglanz-Welt von Instagram sehen kann (ich hatte das hier am Beispiel des Kacheltischs illustriert) – und stellt die These auf, dass diese Mütter von Tiktok in Wahrheit eine äußerst gegenwärtige Interpretation von Coolness zeigen: „If coolness denotes — or once denoted — a certain indifference to what people think, then these middle-aged mothers with their silly, adorable shtick and their paunchy husbands are perhaps the only cool people left on our try-hard planet.

11. Sie machen Duette

Was in Twitter der Retweet, ist in Tiktok das Duett – eine Form der direkten Bezugnahme und Referenz. In dem bereits zitierten Gespräch in Deutschlandfunk Kultur hat Samira El Ouassil erklärt, dass das Ok Boomer-Meme sich zum Beispiel durch die Möglichkeit zum Duett besonders gut verbreitet hat (siehe Screenshot rechts, der das Antwort-Duett zeigt). Durch das Duett ist aber auch die Möglichkeit zur Vernetzung gegeben, vergleichbar einem Insta-Takeover, bei dem Accounts von der gegenseitigen Reichweite profitieren wollen. Das funktioniert auch bei Duetten, in denen die Accounts aufeinander verweisen. Lena Meyer-Landrut hat zum Start ihrer Tiktok-Karriere vor ein paar Wochen beispielsweise direkt einen Clip hochgeladen, der zu Duetten einlädt. Ähnlich hat sich die die Saftmarke Punica in einer Kampagne auf Tiktok positioniert, bei der Nutzer*innen mit virtuellen Früchten tanzen sollten.

12. Sie suchen nicht nach dem nächsten großen Ding: Sie suchen nach dem Woah

Ein wichtiger Antrieb auf Tiktok sind so genannte Challenges. Eine konnte man in dem MyType-Tagesschau-Clip sehen, eine andere trägt den Titel Woah-Challenge und versucht einen besonderen The Woah genannten Tanz-Move einzufangen. Ich beschließe diese eher subjektive 12-Punkte-Liste mit dem Whoa weil darin eine bessere Alternative zu der Suche nach dem nächsten großen Ding liegt. Diesem nachzujagen, scheint mir wenig sinnvoll zu sein – auch auf Tiktok. Erfolgreicher (in dem oben beschriebenen Sinn) scheinen mir diejenigen Menschen zu sein, die Tiktok in dem Sinne nutzen, das The Whoa vormacht. Besser kann man das nicht erklären, man muss es vermutlich ausprobieren – es schließt aber die Option ein, dass vielleicht auch das Gegenteil richtig ist.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann. Ergebnis dieses Denkens war zum Beispiel das Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“, das bei Piper erschienen ist.

In diesem Newsletter sind schon häufiger Beiträge über das Internet erschienen – z.B. „Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Mai 2019), „Was ist dein Bild vom Internet?“ (August 2018), „Altland – eigentlich sollten wir online sein“ (April 2018). Das Thema findet sich aber auch in anderen Beiträgen im Blog – wie z.B. Deutschland und das Internet oder Wer nur am Rand hockt, braucht kein Wasser im Pool

loading: Buzzard, das Online-Medium für Perspektiven-Vielfalt

„Demokratie braucht Diskurs“ sagen die Macher*innen von Buzzard, einer App, die Perspektiven-Vielfalt für ein demokratisches Miteinander bieten will. Dazu ist heute ein Crowdfunding gestartet, zu dem die Buzzard-Macher*innen den loading-Fragebogen beantwortet haben.

Was macht Ihr?
Wir arbeiten an einer Newsapp, die auf einen Blick Medien vom ganzen Meinungsspektrum im Überblick zeigt – unvoreingenommen und transparent. Wir wollen damit Menschen motivieren, sich wieder öfter mit anderen Positionen als der eigenen zu beschäftigen. Und einen neuen Blick auf die Nachrichtenwelt bieten.
Unser Prototyp war zwei Jahre lang erfolgreich, wurde mit zahlreichen Gründerpreisen und Förderungen ausgezeichnet. Jetzt arbeiten wir an einer Newsapp, die Perspektivenvielfalt im Alltag möglich macht. Jeden Tag, auf dem Smartphone, auch für Menschen, die wenig Zeit haben.
Um das möglich zu machen, starten wir zum 8. Dezember eine groß angelegte Crowdfundingkampagne. Unser Ziel: 4500 Unterstützer*innen und 250 000 Euro, um das erste Jahr des neuen Online-Mediums zu finanzieren. Jetzt, da unsere Prototyp-Phase abgeschlossen ist. Uns ist wichtig, dass wir uns über unsere Leserinnen und Leser finanzieren und so unabhängigen und werbefreien Journalismus machen können.
Im Rahmen der Crowdfunding-Kampagne sind wir zurzeit in ganz Deutschland unterwegs. Wir sprechen in Gründungszentren und Universitäten über Debattenkultur in Deutschland und stellen unsere App vor.

Warum macht Ihr es (so)?
Der Diskurs in Deutschland verroht. Politiker erhalten Mordrohungen, Shitstorms und Hassrede sind für viele Menschen Alltag und radikalen Worten folgen mittlerweile radikale Taten. Das kann nicht so weitergehen. Wir brauchen einen Diskurswandel. Wir brauchen Argumente statt Emotionen und sachlichen Diskurs statt Schubladendenken und Beleidigungen.
Und aus unserer Sicht haben Medien hier eine große Verantwortung. Denn Medien prägen, wie wir die Welt sehen. Und oftmals auch, wie wir über Andersdenkende urteilen. Deshalb reicht es nicht aus, wenn Journalist*innen sich über Hatespeech beschweren. Damit ist das Problem nicht gelöst. Wir als Journalistinnen und Journalisten müssen uns fragen, wo die Radikalisierung herkommt. Sie ist nicht zuletzt auch ein Medienproblem.
Was kann man tun? Unser Ansatz ist, Buzzard zu gründen. Denn ein Grund, warum viele Menschen immer weniger Geduld für andere Meinungen haben, ist, dass sie sich an die Bestätigung ihres eigenen Weltbildes gewöhnen. Viele Menschen sprechen im Alltag kaum noch mit Andersdenkenden. Fragen Sie mal einen Grünen-Wähler, wie oft er sich ernsthaft mit AfD-Wählern unterhält? Sehr selten. Daran muss sich etwas ändern.
Aber es wird sich nur ändern, wenn es möglich ist, sich im Alltag öfter mit Positionen von Andersdenkenden zu beschäftigen. Vielen Menschen fehlt dafür schlichtweg die Zeit. Deshalb braucht es dringend Buzzard.

Wer soll sich dafür interessieren?
Alle, die etwas dagegen tun wollen, dass der Diskurs immer weiter verroht und die Gesellschaft weiter auseinanderdriftet. Alle, die wieder sachlich diskutieren wollen, anstatt sich mit Beleidigungen niederschreien zu lassen. Alle, die sich für Meinungen und Perspektiven außerhalb ihrer Filterblasen interessieren. Und alle, die sich eine Welt wünschen, in der Menschen wieder mehr Verständnis füreinander haben.
Außerdem ist Buzzard auch einfach ein sehr nützliches Tool in der täglichen Nachrichtenflut. Wer Buzzard nutzt, spart Zeit. Zu wichtigen aktuellen Themen, kann man sich mit Buzzard innerhalb kürzester Zeit differenziert informieren, hat den Überblick und findet Meinungsbeiträge vom ganzen Meinungsspektrum ohne lange zu suchen. Buzzard hilft einem dadurch, im Alltag gelassener aufzutreten, interessantere Gespräche zu führen und neue Debatten anzustoßen, öfter die Punkte nennen zu können, von denen andere sagen: Wow, so habe ich das noch nie gesehen.

Wie geht es weiter?
Alles entscheidet sich jetzt mit der aktuellen Crowdfunding-Kampagne. Mit ihr steht und fällt Buzzard. Wenn wir unser Ziel von 4500 Unterstützer*innen erreichen, können wir als werbefreies und unabhängiges Journalismus-Projekt weiterarbeiten. Ist die Kampagne erfolgreich, geht im Frühjahr 2020 die Buzzard-App an den Start, die Nachrichtenleser*innen täglich den Überblick bietet und die Möglichkeit den eigenen Horizont zu erweitern.
Mit dem Budget von 250 000 Euro bezahlen wir die Tagesredaktion sowie Entwicklung und Design für ein Jahr. Alle Ausgaben sind transparent einsehbar. Es geht uns nicht um Profit, sondern um Kostendeckung.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Öfter abseits der eigenen Blase unterwegs zu sein, hat nichts mit Idealismus oder Gutmenschentum zu tun. Und es ist auch kein „Nice-to-Have“. Es ist essentiell. Wir brauchen einen vernünftigen, differenzierten Überblick über das Weltgeschehen, wenn wir vernünftige Entscheidungen treffen wollen.

>>> Das Projekt hier unterstützen

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen: Freiheit zum Andersdenken, Unser Land, unsere Regeln, Was wäre wenn Seehofer Recht hätte?, Streiten lernen, Warum ich nicht mehr an den Masterplan glaube – und natürlich beim Shruggie ¯\_(ツ)_/¯.

Ambiguität der Aufmerksamkeit: Fallen Sie nicht noch mal auf Claas Relotius rein (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Es ist eines der großen Probleme unserer Zeit, dass Medien manchmal über Dinge berichten (müssen), die eben durch die Berichterstattung zu einem Thema oder manchmal auch zu einem handfesten Problem werden. Ich nenne dieses Phänomen die Ambiguität der Aufmerksamkeit und es führt – wie hier und hier beschrieben – dazu, dass das bewusste Ignorieren von bestimmten Abläufen, eine politische Entscheidung sein kann. Denn wenn es blöd läuft, sorgt ausgerechnet die Dokumentationspflicht, die manche Medien empfinden, dafür, dass Marketingpläne aufgehen und die Berichterstattung als Teil einer Kampagne genutzt wird.

Ich will dies im Folgenden am Beispiel des Spins illustrieren, den der Betrüger Claas Relotius und seine Anwälte seiner Lügen-Geschichte gegeben haben. Diese Kampagne war so offensichtlich, dass sie als Lehrbeispiel in Sachen Medienkompetenz und Krisenkommunikation gelesen werden kann.
Ich wähle dabei das Bild eines Spins, weil die Kampagne funktioniert wie das gleichnamige Prinzip aus dem Ball-Sport (Symbolbild: unsplash): ein Tischtennis- oder Tennisball wird mit soviel Spin oder Effet geschlagen, dass die Gegenseite manchmal einfach nur den Schläger hinhalten muss und so einen Fehler begeht – weil der Ball dann ins Aus geht und der Spin-Treibende einen Punkt macht. Genau das ist diese Woche passiert.
In der Rolle der Spin-Geber: Relotius und seine Anwälte.
In der Rolle der Schlägerhaltenden: Die Zeit und Teile der deutschen Öffentlichkeit.

Ich äußere mich bewusst nicht zum Inhalt der Vorwürfe, die Relotius erhebt (komme allerdings später nochmal indirekt darauf). Denn indem man sich das Thema aufdrängen lässt, ist man dem Spin schon verfallen. Henriette Löwisch, Schulleiterin der Deutschen Journalistenschule, hat das in diesem Twitter-Thread perfekt zusammengefasst

Lehrstunde Medienkompetenz: Fünf Fragen zum durchsichtigen Plan des Betrügers Claas Relotius

Worin genau besteht der Spin?
Welche Möglichkeiten könnte es geben, um das Ansehen von Claas Relotius in der Öffentlichkeit zu heben? Klar, er könnte sich entschuldigen – zuerst bei denen, die „unwahre Interpretationen und Falschbehauptungen“ von Claas Relotius über sich hinnnehmen mussten, aber natürlich auch bei der Öffentlichkeit und bei den redlich arbeitenden Journalist*innen, deren Reputation er nachhaltig beschädigt hat. Wer aber einfach nur sein Image heben will, ohne selber etwas zu tun, wählt einen anderen Weg, einen, den man aus Wahlkämpfen kennt: Man versucht zunächst, das Problem zu personalisieren und eine Gegenseite zu konstruieren. Hier lohnt es sich kurz inne zu halten: Denn allein die Tatsache, dass wir glauben, es gebe einen Fall „Relotius gegen Moreno“ ist schon Teil des Spins, den wir gerade erleben. Fallen Sie bitte nicht erneut auf Claas Relotius rein: Wenn überhaupt lautet der Fall „Relotius gegen die Öffentlichkeit“, also gegen uns alle!

Es ist schon eine Leistung, der Öffentlichkeit den Eindruck zu vermitteln, die Gegenseite sei eine konkrete andere Person (eben Juan Moreno). Auf dieser Leistung baut der zweite Schritt auf, in dem es darum geht, die Glaubwürdigkeit der vermeintlichen Gegenseite so nachhaltig wie möglich zu erschüttern. Dafür gibt es unterschiedliche Methoden, in Wahlkämpfen wird der persönliche Hintergrund durchleuchtet, um dort Verfehlungen zu finden und in die Öffentlichkeit zu zerren. Das Ziel bei all dem: Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Person streuen. Im konkreten Fall soll damit beim Publikum der Eindruck erweckt werden „die schummeln ja alle“. Folge: Das Image des Fälschers Relotius hebt sich automatisch, seine singuläre widerwärtige Betrugsgeschichte wird relativiert. Das Besondere an diesem Vorgehen: Es gelingt völlig unabhängig davon, ob die Vorwürfe stimmen oder nicht. Der Spingeber muss nur jemanden finden, der den Schläger hinhält, also seine Zweifel öffentlich macht und anschließend Juan Moreno öffentlich vielleicht sogar noch damit konfrontiert. Wenn das passiert, ist der Spin geglückt. Relotius selber muss sich nicht erklären, er wird nicht konfrontiert, sondern kann beobachten wie Christof Siemes in Die Zeit ein Raunen verbreitet und Juan Moreno auf der Medientage-Bühne zu den „Vorwürfen“ von Relotius befragt wird. Klarer Punktgewinn für Relotius und seine Anwälte.

Aber ist es nicht die journalistische Pflicht, dieser Geschichte nachzugehen?
Unbedingt. Es ist jedoch auch die journalistische Pflicht, Zeitpunkt, Zusammenhang und Sprache „dieser Geschichte“ einzuordnen. Es ist Teil des beschriebenen Spins, darauf zu hoffen, dass ein Medium möglichst ohne Nachfrage oder Einordnung, Zitate desjenigen verbreitet, dessen Image gehoben werden soll. Er muss sich dann keinen nervigen Fragen stellen, die seine Sicht der Dinge einordnen könnten und kann auch den Zeitpunkt bestimmen, zu dem der Angriff auf die Glaubwürdigkeit der Gegenseite gestartet wird. Es ist durchaus möglich, erst dann groß über Unterlassungserklärungen zu berichten, wenn über ihren Gegenstand entschieden wurde – und nicht zu dem Zeitpunkt, den der Anwalt gerne hätte. Im konkreten Fall bekommt der Betrüger Claas Relotius die Bühne und darf ohne jegliche Einordnung behaupten, er stelle sich allem wofür er verantwortlich sei und er wolle nicht ablenken. Statt ein einfaches „hihi“ zu ergänzen oder vielleicht sogar eine kritische Frage, lässt Die Zeit diese Aussage unkommentiert und kommt zu dem Schluss: „Warum Relotius tat, was er tat, darüber kann wahrscheinlich nicht einmal er selbst schlüssig Auskunft geben.“ Wenn es einen Satz als Beleg dafür braucht, dass Christof Siemes durch und durch dem Spin der Anwälte erlegen ist, dann diese im doppelten Sinn mitleiderregende Spekulation.

Was ist eigentlich eine Unterlassungserklärung?
Darauf gibt es eine juristische Antwort und eine aus der Krisenkommunikation. Juristisch ist das Fordern einer Unterlassungserklärung nicht mehr als der Hinweis darauf, dass Partei A möchte, dass Partei B ein Verhalten in Zukunft unterlässt, das Partei A für rechtswidrig hält. Das Zivilrecht sieht dafür das Instrument der strafbewährten Unterlassung vor. Diese zu fordern heißt aber keineswegs, dass damit auch schon geklärt sei, ob das Verhalten von Partei B tatsächlich rechtswidrig ist. Deshalb ist die Unterlassungserklärung auch ein populäres Mittel in der Krisenkommunikation. Denn diese zu lautstark öffentich zu fordern, kann unabhängig vom juristischen Ausgang auch Teil eines Spins sein, der dabei helfen soll, Partei A wieder kommunikative Macht in einer Situation zu geben. Im Sinne einer guten journalistischen Einordnung der Geschehnisse hätte man erklären können, was die Forderung einer Unterlassung bedeutet.
Denn diese einfach nur zu erwähnen und uneingeordnet zu berichten, kann man auch als Google-Teil des Spins deuten. Wie das funktioniert, kann man am Beispiel von Boris Johnson sehen. Weil der mit den Google-Suchergebnissen zu seiner Person in Kombination mit dem Wort Bus nicht zufrieden war (Details dazu hier), begann er in Interviews zu behaupten, er sammle leidenschaftlich gerne Miniaturbusse. Die Folge: genau diese Artikel und Interviews fanden sich plötzlich weiter oben in den Suchergebnis-Seiten – und nicht mehr jene mit den Brexit-Kampagnenbussen, die Johnson gerne verschwinden lassen würde. Wer im konkreten Fall nach den Namen der Beteiligten und den Begriffen Lüge oder Betrug sucht, wird künftig auch andere Ergebnisse bekommen. Die über den Ausgangsbetrug des Betrügers Claas Relotius werden verdrängt von Ergebnissen, in denen es um vermeintliche Verfehlungen einer anderen Person geht. Auch hier: Spin geglückt.

Wie kann man sich dagegen wehren?
Mit der auch öffentlichen Reflektion dessen, ob, was und wann man veröffentlicht. Und damit meine ich nicht nur die Medien, die nicht einfach ungefiltert, den Spin einer Seite übernehmen sollten. Ich meine auch jede und jeden einzelnen, die oder der Informationen im Netz verbreitet. Es spielt eine Rolle, wie das geschieht – gerade in den angesprochenen Fragen der Optimnierung Beeinflussung von Suchmaschinen, fällt da auch dem einzelnen große Macht zu.

Aber wenn Relotius vielleicht doch Recht hat?
Diese Frage ist völlig berechtigt und es zeichnet guten Journalismus aus, diese Frage zu stellen. In der aktuellen Situation kann man darauf zwei Antworten geben. Die erste habe ich oben von Henriette Löwisch schon zitiert: Das kann man ja abwarten. Mit dem zweiten Teil der Antwort beziehe mich ausdrücklich nicht auf die aktuelle Situation, sondern grundsätzlich auf Kommunikationsstrategen, die in anderen Konstellationen auf diese Form des Spins zurückgreifen. Wer die Glaubwürdigkeit der Gegenseite in Frage stellen will, wird dafür nach allem suchen, was sie oder er finden kann: im Privatleben, in alten Geschichten, in früheren Interviews oder alten Reportagen. Denn je mehr sich finden lässt, umso besser funktioniert der beschriebene Spin. Umgekehrt heißt das aber auch: Wenn sich nicht mehr als Stilfragen finden, dann würde ich vermutlich nicht widersprechen wenn jemand behaupten würde: Die haben einfach in alten Geschichten von Moreno nix gefunden, weil der immer sauber gearbeitet hat.

Es ist übrigens auch Teil der Ambiguität, dass durch die Kampagne gegen Juan Moreno sein Buch noch mehr im Gespräch ist. Es heißt „Tausend Zeilen Lüge“ und ich halte es für unbedingt empfehlenswert.


UPDATE 7.11.:
Der Tagesanzeiger dokumentiert, wie in der Wikipedia nicht verifizierbare Accounts daran arbeiten, das Bild von Claas Relotius genau in der Form zu drehen wie oben beschrieben:

Sukzessive tauchen mehr als ein halbes Dutzend weitere Wikipedia-Debütanten auf. Sie gehen dreist vor. Und raffiniert. Die Manipulatorengruppe, die nicht als Gruppe wahrgenommen werden soll, beschönigt nach und nach Stellen zu Relotius’ Fälschungen. Den Rest des Lexikons ignoriert sie weitgehend. Nur da und dort werden Passagen über vergleichsweise kleine Fehler journalistischer Hochkaräter ausgeschmückt. Zu den so Angeschwärzten gehören Rechercheur Hans Leyendecker oder «Spiegel»-Kadermann Dirk Kurbjuweit. Der Tenor: Die ganze Branche fälscht, Relotius ist einfach einer der genialsten unter vielen Schriftstellern im Journalismus. Kein Vergleich ist den Manipulatoren zu klein, um ihn ins Onlinelexikon zu übernehmen: Relotius wird als «Karl May unserer Tage» verharmlost; er habe auch etwas von Tom Wolfe, Paul Auster und Truman Capote, den ganz grossen US-Literaten.

Das Perfide an den Eingriffen auf Wikipedia: Hier werden die oben genannten Presse-Meldungen als Referenz genannt (hier die Debatte nachlesen) Nächster Spin geglückt…


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in diesem sind zuletzt u.a. erschienen: „Bewahren vs. Gestalten“ (Mai 2019), 70 Jahre Grundgesetz (April 2019) „Warum die Urheberrechtsdebatte ein Fortschritt ist (März 2019), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“, „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016)

Shruggie des Monats: die Facebook-Gruppe

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Ich mag Werbung. Sie ist zentraler Bestandteil unserer Gegenwarts-Kultur, wird aber kaum als solche wahrgenommen (weshalb ich überlege, meine Wahrnehmung künftig stärker auf Werbung zu richten). Die meisten Menschen fühlen sich von Werbung vor allem gestört. Was auch daran liegt, dass die meisten Kampagnen genau darauf abzielen: Unterbrechung und Störung. Ich verstehe solche Werbung immer als leisen Hilferuf. Ich höre dann stets die Stimme der werbenden Marke, die etwas verzweifelt sagt: „Mein Angebot A ist echt kaum bekannt“ oder „Mein Angebot C könnte noch viel mehr Leute erreichen.“

Als ich diesen Monat durch die Stadt geradelt bin, hörte ich erstaunlich oft die leise Werbestimme von Facebook. Das ist deshalb erstaunlich, weil man sonst wenig von Facebook hört – und weil die meisten Menschen dachten: Facebook bräuchte doch gar keine Werbung. Braucht Facebook offenbar doch. Jedenfalls sah ich an einer Münchner Bushaltestelle ein Plakat, das mir Hamburger Hundehalter zeigte (unter einem Schirm, der mich fatal an die Versicherungskammer Bayern erinnerte). Wenige Busstationen weiter sah ich „Schwangere Echte Mamas“, die für Facebook werben. Denn Hundehalte wie Mamas haben sich auf Facebook in so genannten Gruppen organisiert. Und die Facebook-Werbestimme sagt: „Viel mehr Leute sollten sich für mein Angebot ,Facebook-Gruppen‘ interessieren.“

Diese Kampagne ist das sichtbarste Zeichen für eine Entwicklung, die ich Anfang des Jahres als „Dark Social“ beschrieb: Social Media wird privater. Mit der Werbung für die Gruppen-Funktion versucht Facebook auf einen Trend zu reagieren, der mancherorts auch als Messengerisierung beschrieben wurde. Im April hatte Mark Zuckerberg (dem noch vor wenigen Jahren der Spruch zugeschrieben wurde, Privatsphäre sei eine überholte Idee) angekündigt: „The future is private. I believe that a private social platform will be even more important to our lives than our digital town squares. So today, we’re going to start talking about what it means to have your social experience be more intimate.“

Was diese Gespräche bei Facebook bedeuten, kann man jetzt an deutschen Bushaltestelle sehen: Facebook möchte kein Marktplatz mehr sein, sondern ein gemütlicher Ort, an dem sich Gleichgesinnte treffen. Ich finde das eine spannende Beobachtung, weil sie zeigt, dass selbst Facebook um seine Ausrichtung und Relevanz kämpfen muss. Das Unternehmen, das vielen als unangreif- und besiegbar gilt, sucht nach einer neuen Bedeutung im Leben seiner Nutzer*innen – und dabei ist keineswegs sicher, ob das gelingt (was man im Techlash-Eintrag aus dem vergangenen Frühjahr nachlesen kann).

Doch selbst wenn es dem Mutterkonzern Facebook nicht gelingt auf den Privat-Trend in Social-Media zu reagieren: die Töchter WhatsApp und Instagram haben sich auf diese Entwicklung bereits eingestellt, bzw. treiben sie mit der angekündigten Threads-App aktiv voran.

Dennoch zeigt die Werbung für Facebook-Gruppen vor allem dies: die Welt im Web ist massiv in Bewegung. Wer da mithalten will, braucht die richtige Haltung zum Neuen ¯\_(ツ)_/¯

Mehr über „Dark Social“ hier im Blog

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Witze erklären

Gudrun Kirfel hat geantwortet. Vor ein paar Wochen hatten die Space Frogs gefragt, welche Vertreter*in der „klassischen Medien Altmedien“ sie besuchen und Memes angucken möchte. Und heute nun ist das Video online gegangen, in dem die Space Frogs versuchen Memes zu erklären.

Das machen sie leider viel schlechter als ihre sonstigen Videos. Denn natürlich ist es nahezu unmöglich, Referenz-Witze (und was anderes sind Memes ja meist nicht) zu erklären ohne dabei die Witze kaputt zu machen. Das kann eigentlich nur der Twitter-Account WitzigWeil, der selber schon wieder ein schönes Beispiel für ein Meme ist. Und darin liegt das Hauptproblem in dem kurzen Clip: Die Space Frogs zeigen fast ausschließlich Referenz-Witze, bei denen die Referenzen nicht im deutschsprachigen Raum liegen. Das macht das Erklären dann nochmal schwieriger.

Dabei stellt man am Ende des Videos fest, dass es eine sehr leichte Brücke gegeben hätte, über die Gudrun Kirfel und die Space Frogs hätten gehen können. Denn Gudrun Kirfel zeigt den beiden am Ende einen Ausschnitt aus ihrer Arbeit – und die funktioniert vergleichbar zum Prinzip der Memes. In der Rubrik ausgezappt werden aktuelle Geschehnisse referenziert und eingeordnet. Und das machen Memes eben auch – nur für eine andere Nutzer*innenschaft und mit anderen Referenzen. So entsteht eine Art Geheimsprache, die ihren Wert eben daraus zieht, dass es Menschen gibt, die die Referenz gerade nicht verstehen.

Insofern ist das Video wiederum ein sehr guter Beweis für die Funktionalität von Memes – das hätte man aber auch einfach einmal sagen können…

Mehr über Memes hier im Blog

Internet-Manifeste – gestern und heute

Es ist in diesen Tagen genau zehn Jahre her, dass 15 Internet-People einen Text veröffentlichten, den sie Das Internet-Manifest. Wie Journalismus heute funktioniert. 17 Behauptungen. nannten. Man kann ihn drüben bei Sascha im Blog nachlesen – und es ist eine schöne Erinnerung an das Web die Welt im Jahr 2009. Denn wenn dieser Tage 13 andere Internet-People ein anderes Internet-Manifest veröffentlichen, zeigt das vor allem, wie sehr sich die Welt und unser Bild vom Web in den vergangenen zehn Jahren verändert hat.

Zum ersten ist man schon froh, dass bei der Suche nach „Internet-Manifest“ (Symbolbild: unsplash) kein wirrer Text aus „aggrieved entitlement“ auftaucht, in dem ein gekränkter Mann mit der Gegenwart nicht klar kommt. Und zum zweiten zeigen die Unterschiede zwischen dem Manifest von 2009 und jenem aus dem Jahr 2019 vor welchen Herausforderungen Internet-Politik inzwischen steht (Es gibt übrigens eine Fassung des 2009er-Textes, der bei Flurfunk-Dresden hinter einer Registrierungs-Wall steht (sic!).)

2009 ging es um neuen Idealismus, um Aufbruch und ums Erklären: „Wie Journalismus heute funktioniert“ verspricht der Text schon im Titel. Der Text des Jahres 2019 trägt im Titel einen Hashtag – was in diesem konkreten Fall als Verbeugung vor einer Plattform gelesen werden muss. Denn die Websuche liefert ausschließlich Twitter-Ergebnisse zu #webIsOurs. Das ist deshalb erstaunlich, weil das Manifest des Jahres 2019 sich zentral darum dreht, das Web von den Plattformen zurückzuerobern: „Wir rufen alle Internet-Nutzer*innen auf, sich mit dem Ziel der Etablierung vertrauenswürdiger Kommunikations­technologien zu organisieren und diese breit zu nutzen“, heißt es in dem Text, der auch auf englisch auf Github veröffentlicht wurde.

Im Manifest aus dem Jahr 2009 hieß es: „Die offene Architektur des Internet bildet das informationstechnische Grundgesetz einer digital kommunizierenden Gesellschaft und damit des Journalismus. Sie darf nicht zum Schutz der wirtschaftlichen oder politischen Einzelinteressen verändert werden.“ Der Text aus dem Jahr 2019 hadert damit, dass viele Menschen genau diese offene Architektur nicht wahrnehmen, sondern Google oder Facebook für „Das Internet“ halten. Wenn ich mit der Gebrauchsanweisung auf Lesereise bin oder (wie am 4.11. in Landsberg) über die Idee spreche, dass das Internet Heimat sein kann – erhalte ich oft den Widerspruch, dass Facebook aber echt doof oder Google in Wahrheit doch evil sei. Das ist richtig (und in der Gebrauchsanweisung ist dem GAFAM-Thema sogar ein ganzes Kapitel gewidmet), aber eben nicht das Internet.

So banal das klingt, aber ich glaube, die zentrale Herausforderung für gegenwärtige Internet-Politik ist auch 2019 noch: Grundwissen darüber zu verbreiten, welch grundlegende historische Erschütterung das Internet eigentlich ist. Es herrscht leider bis hoch in wichtige Entscheidungs-Gremien Unkenntnis darüber, was die dezentrale Grundstruktur des Netzwerks bedeutet, warum Packet Switching und Netzneutralität wichtig sind und worin der Unterschied zwischen Web und Internet besteht. Das an sich ist gar nicht schlimm, schlimm finde ich, dass so wenig dagegen unternommen wird, diese Wissenslücken zu schließen.

Aus aktuell historischem Anlass ein Vorschlag um damit zu beginnen: ich habe zum 50sten Geburtstag 50 Dinge notiert, die man über das Internet wissen könnte

50 Dinge, die man zum 50. Geburtstag übers Internet wissen könnte (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

1. Am 29.10.1969 wurde das erste Mal eine Verbindung über den Internet-Vorläufer Arpanet hergestellt. Zeit für eine kleine Jubiläumsliste ( Foto: Unsplash): Was man übers Internet wissen könnte!
2. Das Internet ist die grundlegende Infrastruktur für die Vernetzung. Sie ist die Voraussetzung für viele anderen Anwendungen.
3. Das Web ist die vermutlich bekannteste Anwendung, die das Internet nutzt. Es gibt aber noch zahlreiche weitere Anwendungen. Um das Web nutzen zu können, braucht man einen Internet-Browser.
4. Als Faustregel kann man sich merken: Das Internet vernetzt Computer – das Web vernetzt Inhalte.
5. Die wichtigste Erfindung im Web ist der Link. Von Goethe stammt das Zitat „Das Wichtigste sind die Bezüge. Sie sind alles.“ Im Web kann man erleben, was dies bedeutet.
6. Was der Link fürs Web, ist das Kabel fürs Internet. Die bekanntesten Internetkabel liegen unter dem Meer und verbinden Kontinente miteinander. Ohne Kabel kein Internet, sie dienen der Übertragung von Daten.
7. In Wahrheit werden die Daten aber nicht übertragen, sondern kopiert. Kevin Kelly spricht deshalb von der „Kopiermaschine Internet“.
8. Ich glaube deshalb, dass die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie zu den zentralen Treibern dessen gehört, was man digitalen Wandel nennt.
9. „Man kann nicht nicht kopieren.“ Und die Kopie ist lobenswert.
10. Am schnellsten können Daten kopiert werden, die über Glasfaserkabel übertragen werden.

11. Die Signalverarbeitung einer Verbindung wird als Bandbreite bezeichnet. Besonders hohe Übertragungsraten werden als Breitband beschrieben.
12. Die Versorgung des Landes nennt man deshalb Breitbandausbau.
13. Um alte Kupferkabel nicht durch Glasfaserkabel ersetzen zu müssen, gibt es den Ansatz Kupferkabel durch so genanntes Vectoring aufzurüsten.
14. Schon in den 1980er Jahren gab es Pläne, Deutschland flächendeckend mit Glasfaserkabeln auszustatten. Diese wurden aber mit dem Ende der sozial-liberalen Koalition nicht weiterverfolgt.
15. In Südkorea, das heute als eines der Länder mit der besten Internet-Infrastruktur gilt, hat man sich schon früh für Glasfaser entschieden. Dort wurden die Kabel aber nicht überall unter der Erde verlegt. In der Hauptstadt Seoul sieht man viele Kabel, die wie Stromkabel über die Straße gehängt werden.
16. Auch kabelloses Internet, so genanntes WLAN, braucht diese Kabel. Denn auch die Funkmasten sind mit Kabeln verbunden.
17. Außer den Kabeln benötigt das Internet drei weitere zentrale Bestandteile: Server, Router und das Endgerät, über das die Nutzer*innen ins Internet gehen.
18. In den 1990er Jahren gab es einen Werbespot mit dem Tennissspieler Boris Becker, in dem dieser sich mit einem Endgerät mit dem Internet verbindet und dann erstaunt fragt: „Bin ich schon drin?“
19. Texte über das Internet kommen in diesem Land nicht ohne diese Referenz aus. Ebenfalls verpflichtend für alle, die planen übers Internet zu schreiben: eine Referenz zu Angela Merkels Satz vom Neuland. Was hiermit erledigt ist.
20. Die Router sind die Lotsen ins Internet. Sie haben vermutlich auch einen Router in ihrem Wohnung stehen – er ist Ihre Verbindung ins Internet. Da das Internet ein Netzwerk ist, sind Sie dank des Routers auch immer Teilnehmer*in. Das Internet ist keine Einbahnstraße, sie sind nicht drin, sondern dabei.

21. Wie Sie persönlich dabei sind, können Sie über ihr so genannte IP-Adresse z.B. über utrace.de nachverfolgen.
22. Im Zusammenspiel von Kabeln, Servern, Routern und Endgeräten sind die Kabel die unterste Ebene des Austauschs. Würde man das Internet mit dem Versand eines Papierbriefes vergleichen (was ich in der „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tue), wären die Kabel die Transporter oder LKW.
23. Die Router entsprechen den Verteilzentren der Post, sie schicken die Daten jeweils auf Teilstrecken, bis sie erneut auf Router treffen. Der Server (engl. für »Diener«) schließlich ist der Briefkasten, in den und aus dem Absender und Empfänger (also die Endgeräte) den Brief stecken und herausnehmen.
24. Die Art der Zusammenarbeit wird über so genannte Protokolle geregelt. Diese kann man sich vorstellen wie das diplomatische Protokoll bei einem Staatsempfang. Sie schaffen eine Art Grammatik fürs Internet.
25. Der Austausch von Informationen wird über das so genannte Client-Server-Modell geregelt.
26. Der Server hält Informationen bereit, die der Client nach bestimmten Regeln abrufen kann.
27. Häufig werden Server in Schränken, sogenannten Racks, gestapelt, die wiederum so zahlreich sind, dass man von Serverfarmen spricht und zum Vergleich mit Fußballfeldern greift, um ihre Größe zu beschreiben.
28. Das Netzwerk, das wir als Internet kennen, basiert auf dem so genannten Prinzip der Paketvermittlung. Das heißt: Inhalte werden in Pakete zerlegt und über sehr viele unterschiedliche Wege transportiert und erst am Ende wieder zusammengefügt.
29. Die kleinen Pakete werden unabhängig von ihrem Inhalt alle gleich behandelt. Das meint der Begriff der sogenannten Netzneutralität. Das Netzwerk priorisiert den Versand nicht, es schafft lediglich die Verbindung.
30. Ein Dienst, der dieses Netzwerk nutzt, ist zum Beispiel E-Mail. Das Besondere an Mail: diese Verbindung kommt ohne zentrale Instanz aus, sie ermöglicht den Austausch zwischen völlig unterschiedlichen Partnern. Das ist ein großer Unterschied zu den Kommunikationsangeboten großer Dienste wie Facebook.

31. Es ist ohnehin wichtig zu betonen: Das Internet ist viel mehr als Google oder Facebook – auch wenn die großen Firmen das Internet heute dominieren. Man spricht in einem Akronym von der Übermacht von GAFAM (Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft).
32. Der besondere Zauber des Internet basiert darauf, dass es ein dezentrales Netzwerk ist, das ohne Zentrale auskommt. Bei der Verbindung ist dem Internet egal, welche Sprache, Betriebssystem oder Lebensalter ein Computer hat: es verbindet diese einfach.
33. Ich habe das Internet als grundlegende Infrastruktur gelegentlich als Ausdruck für eine Haltung beschrieben, die ohne Ausgrenzung und Nationalismen auskommen.
34. Das heißt nicht, dass diese auf der Anwendungsebene durchaus noch zu sehen sind. Aber eigentlich gilt: „Wer sich und seine Heimat ernsthaft für etwas Bessere hält, darf das Internet eigentlich nicht benutzen – seine bloße Existenz beweist nämlich, dass die Idee von Ausgrenzung und Distinktion überholt ist.“
35. Seine Existenz verdankt das Internet einem Projekt der „Advanced Research Projects Agency“ des US-Militärs. Deshalb hieß der Vorläufer des heutigen Internet Arpanet – und ging in diesem Oktober vor 50 Jahren ins Netz.
36. Im Raum 3420 der UCLA in Los Angeles wurde erstmals eine Verbindung zu anderen Rechnern hergestellt. Im empfehlenswerten Film „Wovon träumt das Internet?“ von Werner Herzog wird dieser Moment ausführlich in Szene gesetzt.
37. Im März 1989 schrieb Tim Berners-Lee einen Förderantrag im CERN in Genf, aus dem das hervorging, was viele heute für das Internet halten: das World Wide Web. Das Ziel des WWW ist es, Wissen miteinander zu verbinden.
38. Internet und Web haben einen grundlegenden Wandel in der Gesellschaft ansgestossen. Der Schweizer Kulturwissenschaftler Felix Stalder zeichnet in seinem Buch „Kultur der Digitalität“ drei grundlegende Entwicklungslinien. Diese sind: Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität.
39. Im Jahr 2004 kam erstmals der Begriff Web 2.0 auf. Tim O’Reilly definierte in einem Grundlagentext sechs Eigenschaften: „Web 2.0 wird erstens als eine Plattform betrachtet, es setzt zweitens auf die sogenannte Weisheit der vielen (Folksonomy statt Taxonomie), die Nutzer werden drittens als Mitarbeiter ohne Bezahlung eingespannt. Viertens wird Software eingesetzt, die über einzelne Gerätekategorien hinaus anwendbar ist, Daten sind fünftens wichtiger als Design, und es greift sechstens der sogenannte Long Tail. Unter diesem Titel (Der lange Schwanz) hat Chris Anderson ein Buch veröffentlicht, das beschreibt wie durch das Internet auch Nicht-Bestseller zu Verkaufserfolgen werden – weil sie eben sehr lange genutzt werden können.“
40. Als Schlagwort wird Web 2.0 vor allem als Oberbegriff für aktive Nutzer*innen verstanden. Es bildet die Grundlage für den Trend des Prosumers – und drückt sich vor allem auch in so genannten sozialen Medien aus wie Twitter oder Facebook aus.

41. Ein besonders Beispiel für diese Form der Beteiligungskultur ist die Enzyklopädie Wikipedia, an der man die Verflüssigung der Kultur beschreiben kann. Sie zeigt, wie Kultur zu Software wird.
42. Durch die aktiven Nutzer*innen entstand auch einen neue Form von Kultur. Der so genannten Meme-Kultur des Internet sind zum Beispiel auch kreative Anwendungsformen von Buchstaben und Symbolen zu verdanken – der Shruggie steht z.B. nicht nur für das Gefühl, online zu sein. Ich glaube sogar, dass er eine eigenen Philosophie ausdrückt.
43. Schon im Jahr 1996 formulierte der Internetforscher Nicholas Negroponte eine Befürchtung, die die Schattenseiten des Internet betrifft: „Wenn Sie mich fragen“, sagte er in einem Interview, „ist das die dunkle Seite des Internets, die wir auch sehr genau beobachten müssen. Die Privatsphäre mag in der Welt von Bits leichter erreichbar sei als in der Welt von Atomen, aber wenn wir nicht aufpassen, können wir sie auch schneller verlieren.“
44. Negropontes Buch „Total Digital“ stammt zwar aus den 1990er Jahren, zählt aber mit zum Besten, was man über die Digitalisierung lesen kann.
45. Der Kampf für Datenschutz gegen staatliche und kommerzielle Überwachung ist der Antrieb für eine neue Form von NGOs, die durch das Internet entstanden sind. EFF, Netzpolitik oder La Quadratur du Net sind Beispiele für eine digitale Zivilgesellschaft, die Ausdruck auch in der Gründung der Piratenpartei oder in Demonstrationen wie im Frühjahr gegen die europäische Urheberrechtsreform fand.
46. Diese Demonstrationen und die Debatte zum Beispiel um das Rezo-Video im Frühjahr zeigen, dass die Unterscheidung, die Marc Prensky 2001 getroffen hat, immer noch trennt – Eingeborene und Zugereiste des Digitalzeitalters. Es ist eine bedeutsame Aufgabe, diesen digitalen Graben nicht wachsen zu lassen.
47. Ein wichtiger Ansatz dafür, ist ein gelassener – ich schlage vor kulturpragmatischer – Blick auf das in Wahrheit gar nicht mehr so neue Medium Internet. Das bezieht sich vor allem auf das aktuell populärste Endgerät: das Smartphone, dessen Umgang die Gesellschaft einüben, aber nicht weiter verteufeln sollte.
48. Vielleicht ist es auch eine Idee, das Internet als Heimat zu denken – in Form einer Internet-Straße oder zumindest in Form einer Jubiläumsbriefmarke.
49. In jedem Fall ist das Internet in seinem 50sten Jahr viel umfassender und breiter geworden als jemals gedacht. Es hat tiefgreifende gesellschaftliche Transformationen ausgelöst, die rein technologisch nicht gelöst werden können. Es braucht auch einen kulturellen Wandel.
50. Diesem Wandel könnte man zum Beispiel Rechnung tragen, in dem die Bundesregierung – vergleichbar dem Umweltministerium – ein Querschnitts-Ressort einführt, das den Titel „Bundesministerium für Internet und Digitalen Wandel“ tragen könnte.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann. Ergebnis dieses Denkens war zum Beispiel das Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“, das bei Piper erschienen ist.

In diesem Newsletter sind schon häufiger Beiträge über das Internet erschienen – z.B. „Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Mai 2019), „Was ist dein Bild vom Internet?“ (August 2018), „Altland – eigentlich sollten wir online sein“ (April 2018). Das Thema findet sich aber auch in anderen Beiträgen im Blog – wie z.B. Deutschland und das Internet oder Wer nur am Rand hockt, braucht kein Wasser im Pool

Was sind das für Menschen, die im Auto rauchen? Das sind wir – im Umgang mit der Klimakrise

Was sind das für Menschen, die im Auto in Anwesenheit von Kindern und Schwangeren rauchen? Diese Frage beschäftigt mich, seit ich diese Woche von der Bundesrats-Initiative gelesen habe, diese passivrauchenden Personengruppen besser zu schützen (Foto: Unsplash). Der von fünf Bundesländern eingebrachte Vorschlag sieht vor, dass das Rauchen „in geschlossenen Fahrzeugen in Anwesenheit von Minderjährigen oder Schwangeren“ verboten sein und mit einem Bußgeld von bis zu 3000 Euro belegt werden soll.

Aber: Was sind das für Menschen, denen ein solches Bußgeld droht? Menschen, die ihre Gewohnheiten nicht mal zum Schutz künftiger Generationen ändern wollen. Menschen, denen die eigenen Interessen in der Gegenwart wichtiger sind als das Wohlergehen der Kinder in Zukunft. Es sind gar nicht so wenige, kann man im Artikel meiner SZ-Kollegen Anna Fischhaber und Oliver Klasen nachlesen. Sie zitieren aus dem so genannten Tabakatlas, den Karin Schaller beim Deutschen Krebsforschungszentrum erstellt. „Aus dem Tabakatlas ergibt sich auch, dass Kinder außer in der Wohnung vor allem im privaten Pkw Qualm ausgesetzt sind. Zwar rauchen demzufolge etwa zwei Drittel der Raucher, die Kinder haben, im Auto nicht, das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass „hochgerechnet auf die Bevölkerung in Deutschland schätzungsweise etwa 800 000 Kinder und Jugendliche im Auto ihrer Eltern passiv rauchen“, sagt Schaller.“

Ich bin kein Raucher, aber ich kann nicht nachvollziehen, wie man in Anwesenheit von Kindern im Auto ein Zigarette anzünden kann. Für ein Drittel aller Raucher in Deutschland scheint das aber offenbar kein Problem zu sein. Das hat mich in den vergangenen Tagen sehr beschäftigt – dann ging ich zur Klimastreik-Demo am Freitag auf dem Münchner Königsplatz (auf dem Weg hörte ich übrigens das neue Album von Thees Uhlmann) und habe dort Schülerinnen und Schüler beobachtet, die empört auf das Klimapaket der Großen Koalition reagierten und plötzlich fragte ich mich: Was sind das für Menschen, die ihre Gewohnheiten nicht mal zum Schutz künftiger Generationen ändern wollen? Menschen, denen die eigenen Interessen in der Gegenwart wichtiger sind als das Wohlergehen der Kinder in Zukunft? Die Menschen, die im Auto in Anwesenheit von Kindern rauchen, das sind wir. Sie sind eine Metapher für den Zustand der Gesellschaft, der in der Klimadebatte ein fundamentaler Generationenkonflikt droht. Denn in der Klimakrise regt sich lauter Widerstand von der Rückbank. Die kommende Generation begehrt auf und kämpft gegen die Abgase, die vor allem von und durch jene produziert werden, die sich nicht ändern wollen. Darin zeigt sich die Konfliktlinie in der Auseinandersetzung der Generationen, über den ich unlängst in der SZ schrieb:

„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“, rufen die Schülerinnen und Schüler seit einer Weile jeden Freitag auf den Demos, die von Greta Thunberg begonnen wurden. Die Proteste der Jüngsten in diesem Land richten sich natürlich zunächst gegen die verkorkste Klimapolitik aller Merkel-Regierungen der vergangenen Jahre. Aber in den Protesten drückt sich auch ein Widerstand gegen die Zukunftsverweigerung und Gegenwartsleugnung dieser Gesellschaft aus. Es ist ein Aufbegehren für einen offenen Umgang mit dem Neuen, fürs Gestalten. Der Schulstreik ist ein klarer Protest gegen die Bewahrer und Mahner in diesem Land, die von ihrer eigenen Erinnerung leben und dabei vergessen, an der Antwort auf die Frage zu arbeiten: Was wollt Ihr eigentlich mal hinterlassen?

Hoffentlich mehr als Zigarettenstummel im Auto-Aschenbecher.

„Die Zukunft ist ungeschrieben, die Zukunft ist so schön vakant“

Thees Uhlmann hat ein neues Album gemacht. Es heißt „Junkies und Scientologen“ und erscheint am heutigen Weltkindertag, der auch der Beginn des weltweiten Klimastreiks ist. Der Refrain des Titelsongs könnte passender nicht sein für den heutigen Tag. Es geht nicht direkt ums Klima, sondern um die Haltung, die wir zur Zukunft haben. Uhlmann singt:

„Die Zukunft ist ungeschrieben, die Zukunft ist so schön vakant
Und ich komme dich besuchen: egal, ob Stammheim oder Bundeskanzleramt“

Das ist melodischer und poetischer als das, was ich im Frühjahr über die Zukunft schrieb, aber es trifft den gleichen Ton. Denn die den Demonstrationen zugrunde liegende Frage ist eine, die sich mit der Zukunft befasst:

Will dieses Land nur die Sorgen der Menschen ernst nehmen – oder anfangen, sie auch nach ihren Hoffnungen zu fragen? (…) Man könnte dies mit einem Wort des Schriftstellers Robert Musil als „Möglichkeitssinn“ beschreiben. Um herauszufinden, wie viel Möglichkeitssinn gerade in diesem Land steckt, gibt es eine einfache Frage, die die meisten nur sehr schwer beantworten können. Sie lautet: Kann es (noch) besser werden?

Die Menschen, die auf die Straße gehen, glauben daran, dass Zukunft gestaltbar ist: dass es eine Rolle spielt, was wir heute tun. Sie widersprechen den Optimisten und Pessimisten, die in Wahrheit darin einig sind, dass die Zukunft eben nicht so schön vakant, sondern vorherbestimmt ist.

Diese zentrale Perspektive auf das Morgen und Übermorgen bildet die Grundlage für den Generationenkonflikt, den wir gerade erleben – und ist Thema eines Buchs, das im Oktober erscheint und nicht nur farblich zum Thees-Album passt. Es heißt Warum an die Zukunft denken? und ist von Mario Sixtus – ich werde beim Lesen Thees Uhlmann hören

¯\_(ツ)_/¯

Der Unterschied zwischen einer Debatte und einer Diskussion

Jakob Augstein spaziert gemeinsam mit Julia Reda durch einen sonnigen Park in Brüssel. Die beide sprechen über den demokratischen Streit. Und nach ein paar Schritten macht Julia Reda einen Vorschlag, den ich bedenkenswert finde. Es ist der Unterschied zwischen einer Debatte, die öffentlich mit dem Ziel geführt wird, den eigenen Standpunkt deutlich zu machen, aber keinesfalls zu ändern. Und auf der anderen Seite einer Diskussion, die auf die Kraft des besseren Arguments setzt und anerkennt, dass die Gegenposition richtig sein könnte – also einschließt, dass man die eigene Meinung ändern kann.

Die Szene stammt aus dem Film „Die empörte Republik“, der diesen Samstag in 3Sat läuft. Für dieses Filmessay hat Tim Klimes* den Journalisten und Verleger Jakob Augstein nach München, Berlin und eben Brüssel begleitet – auf der Suche nach den Grundlagen und Treibern deutscher Debattenkultur.

Herausgekommen ist ein unbedingt sehenswerter Film, in dem man eine Menge Dinge über den deutschen Journalismus lernen kann (im Garten von Jan Fleischhauers Haus steht ein Lastenfahrrad), aber vor allem über die Art und Weise wie die Gesellschaft ihre Debatten führt. Augstein besucht dabei neben Stefan Aust und Jan Fleischhauer auch die Kulturwissenschaftlerin Inge Baxmann, Isabelle Sonnenfeld von Google und eben Julia Reda in Brüssel. Zwischendrin kommentiert er und ordnet die Besuche ein. Das ist auf eine angenehme Weise gefärbt und lässt die Offenheit, auch andere Schlüsse als Augstein zu ziehen.

Denn darum geht es in diesem Beitrag: dass der demokratische Austausch davon lebt, andere Positionen zu kennen und anzuerkennen. Augstein selber schlägt dabei im Gespräch in Brüssel die Abstufung „Verstehen, Verständnis und Einverständnis“ vor und warnt davor, dies gleichzusetzen. Ein Thema, das auch hier im Blog und im Debatten-Experiment mit der SZ immer mal wieder Thema war. Dabei finde ich die Unterscheidung, die Julia Reda vorschlägt, besonders hilfreich. Auch weil sie daran erinnert, dass die Frage, wo der Hass im Netz herkommt auch eine ist, die man Google, Facebook und Twitter stellen muss – aber zunächst mal ein gesellschaftliches Phänomen, das vielleicht auch von den bewussten Provokationen stimuliert wird, von den Jan Fleischhauer spricht. Denn vielleicht sind die öffentlichen Debatten gar nicht darauf angelegt, die eigene Meinung in Frage zu stellen. Vielleicht geht es dabei tatsächlich einzig darum, den eigenen Standpunkt zu vertreten und öffentlich bekannter zu machen. Vielleicht ist das der Grund, warum Talkshows so oft scheitern. Wenn das so ist, müsste man privatere Räume schaffen, in denen man sich in Diskussionen rausnimmt, unrecht zu haben. Räume für Diskussionen, in denen es darum geht, die eigene Meinung auch zu ändern.

*Offenlegung: Ich bin persönlich mit Tim Klimes bekannt und würde womöglich auch schlechte Filme von ihm gut finden. Da ich ihn aber schon lange kenne, kann ich mit Gewissheit sagen: er würde keine schlechten Filme machen. Deshalb und weil die Kollegin Elisa Britzelmeier hier eine unabhängigere Empfehlung ausgesprochen hat: Angucken ;-)