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Lass Dir keine Angst machen (Digitale-November-Notizen)

Dieser Text ist Teil die November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Zum Ende des zweiten Teils der Faust-Tragödie lässt Goethe den Heinrich Faust mit der Sorge in Kontakt kommen. Zwar wehrt er sich, doch die personifizierte Sorge ergreift Besitz von ihm – und lässt ihn schließlich erblinden. Man muss nicht betonen, dass Faust selber von einem „garstigen Wirrwarr netzumstrickter Qualen“ spricht, um im Auftreten der Sorge eine Parallele zur „netzumstrickten“ Gegenwart zu erkennen.

Die Wirkung, die Goethe der Sorge zuschreibt, liest sich wie die Beschreibung eines angstgetriebenen Wählers im November 2016: „Er verliert sich immer tiefer, / Siehet alle Dinge schiefer, / Sich und andre lästig drückend; / Atemholend und erstickend; / Nicht erstickt und ohne Leben, / Nicht verzweiflend, nicht ergeben. / So ein unaufhaltsam Rollen, / Schmerzlich Lassen, widrig Sollen / Bald Befreien, bald Erdrücken / Halber Schlaf und schlecht Erquicken / Heftet ihn an seine Stelle / Und bereitet ihn zur Hölle.“.

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Selten ist so genau beschrieben worden, was passiert, wenn die Sorge Besitz ergreift von einem Menschen, ihn an seine Stelle heftet und ihm damit die Hölle bereitet. Ein Mensch, der so voll der Sorge ist, erkennt nicht mehr, was ihm die Sorge nehmen könnte. Er sieht nicht auf Fakten, die gegen seine Angst sprechen. Er ist blind vor Sorge. So jedenfalls beschreibt es Goethe im zweiten Teil des Faust.

Und es spricht nicht für dieses aufgeregte und angstvolle Jahr 2016, dass ich nun zum zweiten Mal auf den Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz und seinen Satz zu sprechen kommen muss: „Ein ängstlicher Mensch ist immer ein Untertan.“ Beim ersten Mal im Juli ging es um die akute Panik nach dem Attentat vom Olympia-Einkaufszentrum in München. Vier Monate später – im Wahlmonat Donald Trumps – geht es um die Frage, wie mit Angst Politik gemacht wird: Denn auch die Sorge vor dem Fremden, vor dem Unreinen, vor dem Bedeutungsverlust macht blind. Und diejenigen Politiker, die diese Ängste besonders gut bedienen, scheinen davon aktuell sehr stark zu profitieren. Denn Sorge ist – um es aufmerksamkeitsökonomisch salopp zu formulieren – zum neuen Sex geworden. Diese Zuspitzung trägt der Tatsache Rechnung, dass in einer Welt des ständig wachsenden Inhalts, der Kampf um Aufmerksamkeit immer härter wird. Wo früher Sex sells galt, müssen heute handfeste Ängste geschürrt werden, um die Aufmerksamkeit (als Voraussetzung für Wählerstimmen) zu erlangen.

Diese Form der Angst-Politik zeigt sich in zwei Ausprägungen: Einerseits in der akuten Panikmache gegen vermeintliche Bedrohungen. Und andererseits in der Art und Weise wie mit unbestreitbaren Fakten umgegangen wird. „Wir leben im kontrafaktischen Zeitalter“, zitiert Florian Klenk im Falter den Psychater Patrick Frottier und fährt fort: „Wir leugnen Tatsachen, weil sie uns unsicher machen, weil wir sie nicht mehr verstehen und einordnen können, weil sie unseren tradierten Bildern widersprechen. Wir basteln uns vor allem im Netz eine Welt zusammen, die unsere Meinung stützt.“

Nun zählt es – wie gesagt – zu den weniger zielführenden Ratschlägen, einem Menschen in Sorge, ein „hab keine Angst“ vorzuschlagen. Deshalb trägt dieser Beitrag einen Titel, der versucht die Mechanismen der Sorge in den Blick zu nehmen: „Lass dir keine Angst machen“ soll der Versuch sein, zu erkennen, wie mit Hilfe der Sorge um Aufmerksamkeit gekämpft – und damit am Ende auch Politik gemacht wird. Als ich in der Januar-Folge der Digitalen Notizen für Social-Media-Gelassenheit warb, war mir nicht klar, wie häufig ich im Laufe des Jahres darauf zurückkommen würde. Denn natürlich basiert auch diese Form der Angstmache auf den Potenzialen des Katalysators „Social Media“. All die Tweets und Facebook-Posts der US-Wahlnacht beweisen dies.

Es gibt nämlich nicht wenige Menschen, die auf die Ergebnisse dieser Angst-Politik selber mit großer Sorge reagiert haben. Was berechtigt sein mag oder nicht, aber in jedem Fall anschaulich zeigt, was Angst mit Menschen macht. Vielleicht ist den Lesern dieses Newsletter diese Sorge vor Trump näher als jene (berechtigte oder künstlich erzeugte) Sorge, die Menschen dazu brachte Trump ihre Stimme zu geben. In beiden Fällen stellt sich aber die Frage: Kann die Sorge Besitz ergreifen?

Ich persönlich habe dabei große Sympathie für den Ansatz, den Carolin Emcke in ihrer aktuellen SZ-Kolumne formuliert hat: „Ich hatte es mir anders erhofft, aber überrascht hat mich die Wahl von Donald Trump nicht. Ich bin nur komplett ratlos, wie sie gedeutet werden soll“, schreibt sie – was mich sehr an die Ratlosigkeit erinnert, die ich im Shruggie erkenne. Das mag man albern finden oder dem Ernst der Lage nicht angemessen: für mich ist Ratlosigkeit aber der erste Schritt gegen die Angst. Wer sich zur Ratlosigkeit und Überforderung bekennt, tritt einen Schritt aus der Wirkmacht der Angst heraus. Denn wer keine (einfache) Antwort hat, kann auch keine Schuldigen benennen, keine Konsequenzen fordern. Gerade in Umbruchsituationen zeigt sich in der Ratlosigkeit der Mut, Antworten nicht in den Modellen von gestern (die man schon kennt) zu suchen, sondern in den Ansätzen von morgen (die noch fremd sind). Die Ratlosigkeit ist somit Bestandteil des Unreinen, Unbekannten, Vielfältigen, das Carolin Emcke in ihrem Buch „Gegen den Hass“ als Gegenentwurf gegen das dogmatischen Denken lobt, das keine Schattierungen berücksichtigt.

Oder um es mit Barack Obama zu sagen, der in dem großartigen #langstrecke-Text von David Remnick davor warnt, sich in das Narrativ vom Ende der Welt zu begeben: „Ich glaube nicht an die Apokalypse – bis die Apoklypse kommt. Ich denke, nichts ist das Ende der Welt bis zum Ende der Welt.“ Und bis dahin sollten man für eine freie, demokratische und im besten Sinne pluralistische Welt kämpfen, z.B. indem man die Mechnanismen der Angstpolitik aufdeckt!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen: „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September) „Soll mein Buch auf Facebook?“ (August), „Der Grüffelo in Social Media“ (Juli) „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

In der Enstehung: Digitale Heimat und digitales Brauchtum

In dieser Woche hat der Baum vor meinem Haus alle Blätter verloren. Aber nicht nur der Herbst schreitet voran: auch die Idee, einen Digitalen Heimat- und Brauchtumsverein zu gründen, hat sich erstaunlich entwickelt. Als ich genau vor einer Woche die kleine Idee über den Digitale-Notizen-Newsletter verschickte, war ich tatsächlich unsicher, ob dieser Vorschlag mehr sein kann als eine lustige Spinnerei. Nach dieser ereignisreichen Woche weiß ich immerhin: Über 300 Menschen* finden ebenfalls Gefallen an dieser lustigen Spinnerei. Das ist wunderbar, vielen Dank an alle, die sich hier eingetragen haben!

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Das Ziel, 1000 Interessenten bis zum Ende des Jahres steht zwar immer noch aus, aber wenn sich innerhalb von sieben Tagen mehr als 300 Menschen interessieren, dann ist das in jedem Fall ein Zeichen: Wir sollten und für die Pflege des digitalen Brauchtums engagieren! Deshalb meine Bitte: Ladet Freunde und Bekannte ein, sich ebenfalls hier einzutragen. Erzähl die Geschichte weiter!

Denn diese Woche hat auf einer ganz anderen Ebene gezeigt, dass es sich lohnt, die Errungenschaft Internet zu verteidigen: gegen Überwachung und Angriffe auf unsere Datensicherheit. Die Recherchen der NDR-Kollegen unter dem Schlagwort #nacktimnetz führen uns sehr anschaulich vor Augen, dass es sich lohnt zu kämpfen, aber dass es auch höchste Zeit ist! Ich glaube, dass eine anderen Datenschutzpolitik möglich ist – und vielleicht kann dabei auch ein digitaler Heimat- und Brauchtumsverein mithelfen.

Sollte sich dieser so weiterentwickeln wie in der vergangenen Woche begonnen, werden wir im kommenden Jahr tatsächlich eine Vereingründung vornehmen. Wie das genau funktionieren wird, weiß ich tatsächlich noch nicht. Wer sich aber dafür interessiert oder Vorschläge hat, sollte sich in dieser Liste eintragen.
*(Den aktuellen Stand der Anmeldung versuche ich hier nachzuhalten)

Eine andere Datenschutzpolitik ist möglich

Dieser Beitrag bezieht sich auf die #nacktimnetz-Recherchen des NDR und ist der Versuch einer Antwort auf einige Reaktionen, die mich nach meinem SZ-Text dazu erreichten.

Der Einführung der gesetzlichen Gurtpflicht für Neuwagen im Jahr 1974 ging eine längere – aus heutiger Sicht unverständliche – Debatte voraus. Es erscheint uns heute selbstverständlich, dass sich Autofahrer, aber auch Mitfahrer auf der Rückbank, anschnallen bevor sie losfahren. Dass es mal eine Zeit gab, in der Eltern ihre Kinder ohne Sicherheitssitz und –gurt im Auto transportierten, erscheint uns aus heutiger Sicht unverantwortlich.

Ich habe die Hoffnung, dass die Generation unserer Kinder auf das Internet und den Umgang mit Daten im frühen 21. Jahrhundert mit dem gleichen Erstaunen blicken wird wie wir auf den Straßenverkehr der 1970er Jahre: „Unverantwortlich wie man damals mit Daten umging.“

Was ich damit sagen will: Eine andere Datenschutzpolitik ist möglich. Und der Vergleich mit der Gurtpflicht kann uns die Rahmenbedingungen und den zeitlichen Aufwand vor Augen führen, die dafür notwendig sein werden. Davon sollten wir uns aber nicht bremsen lassen. Im Gegenteil: Wir brauchen auch Geduld! Der erste Sicherheitsgurt wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts erfunden, im Jahr 1974 wurde er für Neuwagen verpflichtend gemacht und erst zehn Jahre später wurde das Fahren ohne Sicherheitsgurt mit einem Bußgeld geahndet.

Wir brauchen jetzt gesetzliche Bestimmungen im Umgang mit Daten, die dem Sicherheitsgurt vergleichbar sind. Die Massenkarambolage, die Edward Snowden aufgedeckt hat, beweist dies ebenso wie der Auffahrunfall, den ich in dieser Woche erlebt habe. An den Reaktionen auf die Recherchen des NDR und meinen Text dazu, meine ich aber ein paar Dinge zu erkennen, die wir auf dem Weg zu diesen besseren Rahmenbedingungen ändern könnten:

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1. Datensparsamkeit ist keine Lösung
Im Straßenverkehr wäre niemand auf die Idee gekommen, der hohen Zahl an Verkehrstoten mit dem Ratschlag zu begegnen, einfach das Auto abzuschaffen. In der Debatte um Datensicherheit ist in den vergangenen Jahren (und auch nach meinem Text diese Woche) der Vorschlag genannt worden: einfach weniger Daten zu produzieren. Ich halte diesen Ansatz aus vielen Gründen für gefährlich. Denn das Problem ist nicht, dass Menschen sich im Digitalen bewegen (und sich übrigens dort sogar heimisch fühlen), das Problem ist, dass politische Rahmenbedingungen fehlen. Um diese zu schaffen, müssen wir vor allem eine Haltung überwinden, die sich in der Frage manifestiert:

2. „Wie naiv kann man sein!?“ ist kein Argument
Der Zynismus, der sich in dieser Frage ausdrückt, ist mindestens so gefährlich wie der unkontrollierte Datenhandel selbst. Die Annahme, es sei sowieso egal, weil wir doch eh alle wissen, dass alles überwacht wird, manifestiert nämlich nicht nur einen schlechten Status quo, sondern erhebt sich gleichzeitig über all jene, die sich dennoch auf den Weg machen wollen, Grundrechte zu verteidigen. Dass diese Haltung erstaunlich häufig bei denen zu finden ist, die vorgeben, sich mit Software auszukennen, macht es übrigens nicht besser. Denn um zu einem Ziel zu kommen, sollten wir die Frage, wer sich besser auskennt, vielleicht kurz hinten anstellen und stattdessen das gemeinsame Ziel in den Vordergrund rücken, denn:

3. Es geht nicht darum, recht zu haben
Es ist an der Zeit, sich darauf zu konzentrieren, wo der Feind steht. Wenn wir gemeinsam für die Einführung einer Gurtpflicht kämpfen wollen, hilft es gar nichts, wenn man sich in eine Debatte verstrickt, ob irgendwer zu lange im zweiten Gang gefahren ist. Genau das passierte mir aber in dieser Woche sehr oft. Ich rufe hiermit all den offenbar sehr versierten Menschen zu, die mir Ratschläge zum Thema Tracking gaben: „Ich stehe auf eurer Seite, auch ich will einen anderen Umgang mit Daten. Deshalb habe ich überhaupt zugestimmt, dass meine Geschichte öffentlich gemacht wird. Hört also auf, mich zu belehren und fangt endlich an, konstruktiv an einer Lösung mitzuarbeiten.“

4. Wir müssen uns viel mehr in Frage selber stellen
Nachdem mein Text auf sz.de erschien, erreichte mich eine Mail, in der mir in sehr barschem Ton erklärt wurde, dass ich doof bin weil auf der Seite, auf der der Text steht, ja auch Tracking-Pixel eingebunden sind. Ich versuchte sachlich zu erklären, dass es bei dem aktuellen Fall aber überhaupt nicht ums Tracking geht, sondern eben um eine Lücke im Browser. Das lies mein Gegenüber nicht gelten, sondern konfrontierte mich mit einem Screenshot seines Browser-Plugins „Ghostery“, mit dem er sein Argument gegen Tracking unterfüttern wollte. Ich schickte ihm daraufhin den Link zur Website von Ghostery, auf der man ablesen kann, an wen sich dieses Plugin richtet: An Geschäftskunden, die Nutzerdaten kaufen wollen.

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Dennoch ist der Reflex weit verbreitet, auf die schockierenden Recherchen mit dem zu reagieren, was man sich als Antwort zurecht gelegt hat. Ich habe das an anderer Stelle schon mal versucht zu beschreiben: Wir müssen mehr Mut zur Ratlosigkeit beweisen. Wir müssen uns trauen, unsere eigene Unsicherheit bei dem Thema zu akzeptieren – und nicht sofort in die Muster zu verfallen, die einfache Lösungen und damit Sicherheit versprechen. Deshalb habe ich übrigens auch keine Liste meiner Browser-Plugins veröffentlicht, denn:

5. Datenschutz braucht ein anderes Image (und vermutlich einen anderen Namen)
Die Forderung, eine Liste aller meine Browser-Addons zu veröffentlichen, zeigt genau diesen Wunsch nach vermeintlicher Sicherheit und ein merkwürdiges Verständnis von Datenschutz. Davon abgesehen liefert diese Liste aber auch keine Erkenntnis. Eine Gewissheit, dass diese Plugins ein Problem sind, hat man dann nämlich auch nicht. Und vor allem: Man hat auch keine Gewissheit, dass die Plugins, die nicht auf der Liste sind, sicher sind. Im Gegenteil: Man muss diese einzeln prüfen. Daran führt kein Weg vorbei. Ich forsche trotzdem weiter, wie die Daten aus meinem Browser kamen und ich werde dazu auch hier bloggen, wenn ich etwas Genaueres rausgefunden habe als: Man muss bei Addons sehr vorsichtig sein!
Unterdessen hänge ich der Hoffnung an, dass es gelingen kann, Datenschutz ein anderes Images zu geben. Zahlreiche Debatten der vergangenen Jahre waren meiner Einschätzung nach von einem Verbots-Narrativ geprägt, ohne Gestaltungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Vielleicht kann das oben gewählte Bild des Sicherheitsgurt ein wenig dazu beitragen, andere Zugänge zu finden. Es kann nicht darum gehen, grundsätzlich gegen Daten oder das Internet zu sein. Es muss darum gehen, Rahmenbedingungen zu schaffen, die realitätsnah und praktikabel sind, eine bedeutsame Leitlinie sollte dabei ab sofort das Interesse der Bürger und nicht nur der Digitalwirtschaft sein!

Weiterführende Links:
– Der Text auf Süddeutsche.de und hier im Blog
– Der Beitrag von Zapp
– Der politische Rahmen in einem Beitrag von NDR-Panorama
– Ein Lösungsansatz von Matthias Eberl: Die Zwei-Browser-Methode
– Bei Zeitonline hat Patrick Beuth notiert, wie man seinen Browserverlauf schützen kann.
– Der Zündfunk hat mich zu dem Thema interviewt
– Der Report Networks of Controll von Wolfie Christl und Sarah Spiekermann
– Die Idee, einen digitalen Heimat- und Brauchtumsverein zu gründen

#nacktimnetz: Fünf Fragen zu meinen Daten

UPDATE: Hier gibt es eine Fortsetzung zum Thema

Die NDR-Kollegin Svea Eckert hat gemeinsam mit Jasmin Klofta und Jan Lukas Strozyk eine Recherche angestoßen, die gerade unter dem Schlagwort #nacktimnetz verbreitet wird. Dabei sind sie an ein Datenpaket gelangt, das Profile von Nutzern und deren Browser-History umfasst: „Dieses stammt von einem ausländischen Anbieter solcher Nutzerdaten und umfasst alle im August aufgerufenen Webseiten von rund drei Millionen Nutzern, das entspricht rund einem Prozent des deutschen Internet-Verkehrs.

In diesem Datenpaket sind auch meine Nutzerdaten enthalten. Svea Eckert hat mir diese zugänglich gemacht – und ich habe für die SZ darüber geschrieben, wie es sich anfühlt, plötzlich unbekleidet dazustehen. Man kann meinen Text hier nachlesen – und die Recherche am Mittwoch abend in Zapp ansehen. Weil ich dazu in den vergangenen Tagen einige Fragen gestellt bekommen habe, hier die fünf wichtigsten Antworten auf einen Blick:

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1. Woher stammen diese Daten?
Vermutlich sind keine Cookies oder Tracker schuld an diesem Loch, sondern Browser-Erweiterungen in Firefox. Ich nutze diesen Browser und die Daten, die mir vorgelegt wurde, stammen allesamt aus meinem Firefox-Verlauf. Svea Eckert hält die Erweiterung „Web of Trust“ für das Problem. In meinem konkreten Fall kann es dieses Add-on aber nicht gewesen sein, ich nutze es nicht. Auch Ghostery, das aus seinem Geschäftsmodell übrigens kein Geheimnis macht, benutze ich nicht. Es muss also ein anderes Add-on gewesen sein. Was die Aussage bestätigt, die mir von vielen Seiten erklärt wurde: Add-ons machen den Browser unsicher – selbst wenn sie das Gegenteil behaupten. Sie haben theoretisch Zugriff auf alle Daten, die in den Browser eingegeben werden (ja, auch Passwörter) und werden dabei nur sehr sporadisch kontrolliert.

2. Warum ist das ein Problem?
Dass diese Daten öffentlich gehandelt werden, ist der Grund, warum ich in dem Beitrag so komisch stottere: Es fühlt sich in der Tat an, als sei ich ungefragt und ungewollt meiner Kleider beraubt worden. Diese Daten sollten nicht gehandelt werden. Völlig unabhängig davon, ob man ihren Inhalt nun peinlich findet oder nicht.

3. Wo sind die Daten jetzt?
Sie sind in der Welt. Wie vermutlich auch Daten von anderen Nutzern. Marc Al-Hames vom Browser Cliqz, den ich zur Recherche meines Textes befragte, sagte mir: „Mich überrascht das ganz und gar nicht. Ich finde es eher überraschend, dass so was vorher noch nicht vorgekommen ist.“
Was mich ein wenig beruhigte: Die Kollegen vom NDR sind sehr professionell mit dem Datensatz umgegangen, haben ihn selber nicht eingesehen und ihn mir passwortgeschützt zugänglich gemacht. Die Bilder, die man im Fernsehen sieht, zeigen mich tatsächlich in dem Moment, in dem ich sie zum ersten Mal sehe.

4. Und: Was kann man jetzt ganz persönlich tun?
Matthias Eberl hat dazu eine Idee entwickelt, die er das Zwei-Browser-Konzept nennt und hier sehr lesens- und unbedingt empfehlenswert in seinem Blog vorstellt:

Ich halte diesen Ansatz zum Selbstschutz für völlig richtig – aber nicht für ausreichend. Ich glaube wir brauchen eine digitale Umweltbewegung, die genau wie die Umweltbewegung zu Beginn der 1980er Jahre dem Thema auch eine politische Ebene verleiht.

5. Was soll das heißen? Was kann man politisch tun?
Man kann diejenigen unterstützen, die sich bereits jetzt für diese digitale Umweltbewegung einsetzen: Spende Geld an Netzpolitik, wähle Politikerinnen und Politiker, die nicht das Internet, sondern den Datenhandel bekämpfen wollen. Werde Mitglied im CCC, der EFF, bei der Digitalen Gesellschaft und helfe mit, das Internet als Ort zu verteidigen, der vielen Menschen eine Heimat geworden ist. Es ist kein Zufall, dass mir die Idee, einen Digitalen Heimat- und Brauchtumsverein zu gründen genau in dem Monat kam, in dem ich die Mail vom NDR bekam. Denn es stimmt ja:

Wir lieben das Internet und die neuen Formen der (Volks- und Beteiligungs-)Kultur, die es hervorgebracht hat und weiterhin hervorbringen soll. Das Internet ist uns grenzüberschreitende Heimat geworden, deren Erhalt und Pflege oberstes Vereinsziel ist! Wir haben das Internet als netzneutrales, völkerverbindendes Netzwerk der demokratischen Bürger*innenbeteilung kennen gelernt. Als solches wollen wir es verteidigen und ausbauen. Anlasslose Massenüberwachung aus kommerziellen wie politischen Gründen, Einschränkung des Zugangs sowie den Bruch des Fernmeldegeheimnis lehnen wir strikt ab!


Hier beim Digitalen Heimat- und Brauchtumsverein mitmachen

Herzlich Willkommen …

… auf der Website von Dirk von Gehlen.

Ich bin Autor und Journalist und lebe in München. Bei der Süddeutschen Zeitung leite ich die Abteilung Social Media / Innovation und befasse mich mit der digitalen Transformation von Kultur, Gesellschaft und Unternehmen. Ich schreibe Bücher, halte Vorträge und gebe Seminare. Auf dieser Seite können Sie meine Vita und Fotos einsehen.

Die Digitalen Notizen sind mein privates Weblog, in dem ich seit 2007 interessante Merkwürdigkeiten aus der Medienwelt notiere. Sie können mir auf Twitter folgen, meinen Newsletter abonnieren oder eine Mail an dirkvongehlen (at) gmail (punkt) com senden.

Nicht für die Schule, sondern fürs Leben

Fünf Milliarden Euro will Bundesbildungsministerin Wanka für einen „Digital-Pakt zwischen Bund und Ländern“ zur Verfügung stellen, der deutschen Schulen bis 2021 WLAN und Computer bringen soll. Was manchem als überfällig, aber mindestens notwendig erscheint, ist für Josef Kraus ein großer Fehler. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes hat sich in einem Interview zu den Digital-Plänen geäußert und seine Bedenken vorgetragen.

Foto: Unsplash/Roman Mager

Foto: Unsplash/Roman Mager

Es lohnt sich, das Interview genau zu lesen, weil es nicht nur Besitzstandswahrung eines Funktionärs, sondern vor allem ein Symbol dafür ist, welche Haltung in diesem Land zu (technischen) Veränderungen vorherrscht. In dem Interview zeigt sich beispielhaft, warum man über den rechten Gebrauch von Smartphones große Diskussionen erzeugen kann. Denn was neu und anders ist, sorgt bei Menschen wie Herrn Kraus nicht für Neugier oder Interesse, sondern führt einzig zu Ablehnung, auf Basis dessen, was sie ohnehin schon wissen:

„Die Digitalisierung der Klassen würde die bei den Schülern ohnehin vorhandene Neigung zum Häppchenwissen noch verstärken. Es leidet die Konzentration. Es leidet das Lesevermögen und die Diskursfähigkeit.“
(…)
„Viele lesen gar keine Bücher mehr. Bücher sind Wissen ohne Verfallsdatum.“

Mal abgesehen davon, dass Josef Kraus hier quasi nebenei eine wunderbare Definition für eBooks liefert („Wissen ohne Verfallsdatum“), zeigt diese Aussage vor allem dies: In seinem Urteil verlässt sich Herr Kraus so weitgehend auf die Vergangenheit, dass er die Gegenwart vollkommen ausklammern kann.

Darüber könnte man sich nun sehr intensiv und sehr zurecht aufregen. Man könnte und müsste anprangern, dass und wie der Präsident des Lehrerverbandes hier seine eigene Vergangenheit zum Maßstab für die Zukunft der Schülerinnen und Schüler – und damit auch unseres Landes – erhebt. Das wird aber vermutlich zu keinem Ergebnis führen, Menschen wie Herrn Kraus womöglich sogar noch in ihrer Ablehnung bestärken.

Deshalb will ich umgekehrt an die Vorbildfunktionen von Lehrerinnen und Lehrer in diesem Land appellieren: „Erziehung ist Vorbild und Liebe und sonst nichts“ hat Friedrich Fröbel mal gesagt. In diesem Sinne würde ich mir, den Schüler*innen und dem ganzen Land Lehrer*innen (und Präsidenten) wünschen, die sich als (digitale) Vorbilder verstehen: Menschen, die ihren Schüler*innen zeigen, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit (digitalen) Neuerungen geht. Menschen, die das Unbekannte nicht als falsch ablehnen, sondern sich ihm offen nähern, um herauszufinden was gut und schlecht daran ist. Denn womöglich kann man mit Laptop und Internet im Klassenzimmer Bücher lesen, ohne dafür Papier zu bewegen!

Wer vorher schon alles zu wissen glaubt, hat in Wahrheit gar keine Ahnung. Wer sich jedoch kulturpragmatisch auf die Welt einlässt, kann fürs Leben lernen – und sich fürs lebenslange Lernen wappnen. Genau das sollte Schule im besten Fall leisten – ob mit oder ohne WLAN ist dabei zunächst egal (sieht man ja gerade an vielen Schulen).

Wer aber wie Herr Kraus der Welt seine Meinung von gut und schlecht überstülpt und behauptet, „die vis-à-vis-Kommunikation ist immer besser, als auf dem Schulhof nebeneinanderzusitzen und sich gegenseitig WhatsApp-Nachrichten zu schicken“, beweist damit nur, dass es ihm nicht um Neugier und Interesse am Morgen geht, sondern einzig darum, die Wahrheiten des gestern zu sichern. Das kann man machen, aber wenn es eine Fähigkeit gibt, die einen Lehrer oder eine Lehrerin auszeichnen sollte, dann doch dies: Interesse an der Zukunft haben!

Mehr zum Thema Kulturpragmatismus in den Digitalen Notizen.

Fünf Newsletter, die ich gerade gerne lese

1. Links I Would Gchat You if We Were Friends, wöchentlich, Caitlin Dewey

2. Recommendo, wöchentlich, Kevin Kelly, Mark Frauenfelder und Claudia Lamar

3. Weekend Readings, wöchentlich, Guardian

4. Wöchentliches Zine rund um Technologie, Internet, Publishing und Merkwürdiges, wöchentlich, Johannes Klingelbiel

5. Next Draft, nahezu täglich, Dave Pell

Was früher auch nicht besser war: Der Pessimismus

Bei "Breitband" darf ich heute meinen Lieblingspodcast vorstellen: "Pessimists Archive". Ab 13 Uhr bei @dkultur

Ein von Dirk von Gehlen (@dvg) gepostetes Foto am

Wer glaubt, früher sei alles besser gewesen, der sollte mal die Tweets von Pessimists Archive lesen. Nach kurzer Lektüre stellt man nämlich fest, was früher in jedem Fall schlechter war: Die Zukunft.

Pessimists Archive macht sich die Mühe, negative Zukunftsprognosen aus der Vergangenheit zu sammeln. Das versetzt den Leser einerseits in einen erhebenden Erkenntniszustand. Denn man weiß ja – am Laptop tippend – dass die Prognose der New York Times aus dem Jahr 1985 (Niemand wird Laptops nutzen) falsch war. Zum anderen wirft die Lektüre die Frage auf, warum wir eigentlich glauben, dass ausgerechnet das Smartphone schlimmer sein soll als alle anderen Erfindungen, denen in der Vergangenheit kulturzerstörende Eigenschaften zugeschrieben werden. Warum lernen wir nicht aus der Geschichte, fragt Jason Feifer in der ersten Folge des Podcasts, der auf dem vom Louis Anslow erfundenen Twitter-Account basiert.

Das Netz- und Medienmagazin Breitband auf Deutschlandradio Kultur hat mich diese Woche gefragt, welchen Podcast ich empfehlen würde – und ich durfte Pessimists Archive vorstellen. Im Gespräch mit Christine Watty habe ich versucht zu erklären, was mich an dem Format fasziniert. Wer sich intensiver dafür interessiert, kann hier ein Interview mit dem Gründer Louis Anslow nachlesen – oder seinem Medium-Account folgen.

Um allerdings zu verstehen, warum der Pessimismus immer- und dennoch so populär ist, muss man etwas tiefer gehen. Matt Ridley (The Rational Optimist) sieht es so:

If you say the world has been getting better you may get away with being called naïve and insensitive. If you say the world is going to go on getting better, you are considered embarrassingly mad. If, on the other hand, you say catastrophe is imminent, you may expect a McArthur genius award or even the Nobel Peace Prize.

Und Morgan Housel hat darauf aufbauend folgende neun Schritte notiert, die Menschen im Umgang mit neuen Technologien gehen:

1. Noch nie davon gehört
2. Hab schon mal davon gehört, verstehe es aber nicht
3. Ich verstehe es, sehe aber keinen Sinn darin
4. Sehr reiche Menschen finden vielleicht Gefallen daran, ich aber nicht
5. Ich nutze es – aber es ist eher ein Spielzeug
6. Es ist tatsächlich ganz nützlich
7. Ich nutze es ständig
8. Ich kann mir nicht vorstellen, jemals ohne es ausgekommen zu sein
9. Ernsthaft: Es gab Leute, die ohne es auskommen mussten?

¯\_(ツ)_/¯ – oder anders formuliert: genau deshalb brauchen wir Kulturpragmatismus! Und deshalb biete ich unter dem Titel „Das Shruggie-Prinzip“ an der Quadriga Hochschule in Berlin ein Seminar an, das sich mit dem digitalen Wandel, Design Thinking und der Frage befasst: Welche Haltung verlangt uns die Digitalisierung ab? Hier kann man sich dazu anmelden!

Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung von morgen (Digitale-September-Notizen)

Dieser Text ist Teil die September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Die frohe Botschaft vorweg: Es ist nicht alles schlecht im Journalismus. Ich habe heute sehr engagierte, motivierte und innovative Ausbildungs-Redakteur*innen getroffen, die auf Einladung des IfP (Katholische Journalistenschule) in Würzburg der Frage nachgehen, wie die Journalistenausbildung von morgen aussehen solle. Burkhard Schäfers hatte mich zu einem kulturpragmatischen Impuls eingeladen, in dessen Vorbereitung ich mich mit der Frage befasste, wie mich eigentlich meine eigene Ausbildung auf den sich verändernden Beruf vorbreitet hat.

Beim Seminar der Ausbildungsredakteure des IFP stellt @dvg auch unser Longreads-Magazin vor #langstrecke

Ein von SZ Langstrecke (@langstrecke) gepostetes Foto am

In der Antwort bin ich auf ein Dutzend Ideen gekommen, die ich meiner eigenen Ausbildung im Rückblick ergänzen würde. Zwölf Aspekte, die heute zum Journalismus dazu gehören, die im Rahmen meiner Ausbildung aber nicht auf dem Lehrplan standen: Dazu passt übrigens die August-Ausgabe der Digitalen Notizen aus dem Jahr 2015 – und sollte jemand wie beim Hashtag #journo2014 Ergänzungen vorzunehmen, freue ich mich darüber – #journo2016 vielleicht

1 Leserbriefe beantworten
im Sinne von: Leserbriefe beantworten. Ganz ohne Internet und Zuschauer, sondern sehr banal: Wie geht man damit um, dass Zuschauer*innnen, Leser*innen, Hörer*innen auf publizierte Inhalte reagieren?

2 Im Internet diskutierten
Was passiert wenn Leserbriefe öffentlich werden? Wie erkennt man echtes Diskussions-Interesse? Wie geht man mit Trollen um? Wie reagiert man angemessen? Wie findet man Mehrwerte und neue Geschichten sowie: Was muss man wissen um sich auch zu schützen?

3 Ein Smartphone benutzen
Es geht nicht nur theoretisch darum, die Apps und die (Hard-)Ware-Erweiterungen zu kennen, die aus einem Smartphone ein journalistisches Sendegerät machen. Es geht auch praktisch darum, diese tatsächlich einzusetzen: Welche technischen Fähigkeiten braucht man? Wie schneidet man? Welche Darstellungsformen entwickeln sich hier? Wie erzählt man eine Snapchat-Story oder eine Instagram-Geschichte?

4 Zusammenarbeiten
Wie schreibt man eigentlich gemeinsam (oder in einer größeren Gruppe) einen Text? Vielleicht sogar mit seinen Lesern zusammen? Wie arbeitet man mit Entwicklern, Gestaltern, Fotografen, Filmemachern oder Datenspezialisten gemeinsam in einem Team? Kollaboration muss man lernen, das bezieht sich auf die nötige Software, aber auch auf die Teamfähigkeit und die Definition der eigenen Rolle (nein, die anderen sind keine Zuarbeiter der Journalisten).

5 Bloggen
Ein Blog zu betreiben heißt nicht nur eine besondere Form des informellen Schreiben zu erlernen, sondern vor allem auch: Grundlagen des Publizierens im Netz zu verstehen. Wo sind die Inhalte, wenn ich auf „senden“ drücke? Wie funkioniert das Hosting? Wofür braucht man eine Datenbank?

6 Persönlich publizieren
Bloggen ist nur eine Ausprägung dessen, was ich persönliches publizieren nennen würde: Gibt es ein Seminar zum Newsletterschreiben? Oder eine Ausbildungseinheit, in der man die Feinheiten von Social Media-Angeboten wie Twitter, Facebook oder Instagram erlernen kann? Die Besonderheiten der einzelnen Dienste bilden hier nur den einen Teil. Mindestens genauso wichtig: Wie verhält man sich in Social Media? Wie positioniert man sich als Autor?

7 Inhalte verbreiten
Jonah Peretti von Buzzfeed sagt, das Erstellen von Inhalten umfasse nur die eine Hälfte journalistischer Arbeit? Wie funktioniert die zweite Hälfte? Was muss man über Distribution wissen? Wie verbreitet man seine Inhalte? Digitales Blattmachen schließt das Wissen um sehr aktuelle Nutzerzahlen ein. Welche Inhalte trenden? Wie ermittelt man diese? Wie wertet man sie aus? Und vor allem: Welche Schlüsse zieht man daraus?

8 Eine Suchmaschine bedienen
Das bedeutet in seiner aktiven Ausprägung: Inhalte so schreiben, dass sie gefunden werden. Grundlagen von Suchmaschinen-Optimierung gehören zum digitalen Publizieren dazu. In der passiveren Suchmaschinen-Nutzung heißt es: im Netz recherchieren, unterschiedliche Suchbefehle aber auch Suchmaschinen kennen.

9 Digitale Inhalte verifizieren
Weit über die Nutzung von Suchmaschinen hinaus geht die journalistische Fähigkeit (digitale) Inhalte zu verifizieren: Wie überprüft man das, was man findet? Wie ermittelt man, ob die Informationen glaubwürdig sind?

10 Livejournalismus
Vorträge halten, Veranstaltungen moderieren, Interviews öffentlich führen oder geben, ist heute womöglich mehr noch als früher Bestandteil journalistischen Arbeitens. Hinzu kommen all die digitalen Varianten desjenigen Journalismus, den man erleben kann: Wie macht man das?

11 Unternehmerisch Denken
Es gilt unter Journalisten noch immer als Ausweis von Kompetenz, sich nicht für die wirtschaftliche Seite des eigenen Tuns zu interessieren. Mehr noch: diejenigen, die das tun, werden schief angesehen. Ich habe erhebliche Zweifel, dass dies Haltung sinnvoll ist.

12 Nicht aufhören
Lernen lernen ist vermutlich die wichtigste, die zentralste Fähigkeit, die man unterrichten sollte. Denn wenn ich den Blick nicht in die Vergangenheit auf meine eigene Ausbildung, sondern in die Zukunft auf die Veränderungen der Branche richte, muss ich voller Überzeugung sagen: Ich weiß es ja auch nicht. Was ich weiß: Das Dazwischen-Sein, das Nicht-Ankommen und die Forderung ständig Neues zu lernen – all das wird nicht aufhören!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen: „Soll mein Buch auf Facebook?“ (August), „Der Grüffelo in Social Media“ (Juli) „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

Das Clinton-Gruppen-Selfie als Symbol für „Das Ende des Durchschnitts“

„Ich versteh es nicht“, sagt der Kollege als ich sein Büro betrete. Vor ihm auf dem Bildschirm seine Facebook-Timeline mit überproportionaler Präsenz eines Bildmotivs aus dem US-Bundesstaat Florida. Fotografiert von Barbara Kinney während der Wahlkampftour der Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton am vergangenen Mittwoch. Zu sehen sind ausgestrecke Selfiearme, deren Besitzer der Kandidatin den Rücken zeigen. „Was ist daran so besonders?“, fragt der Kollege. „Sie hat doch gesagt ,Und jetzt macht alle mal ein Selfie‚…“.

Der Kollege versteht nicht, warum dieses Bild dennoch so große virale Verbreitung findet. Es sei doch vor allem die Dokumentation einer Interaktion von Clinton mit ihrem Publikum.

Das ist es, aber ein anderer Kollege bringt später am Tag mit einer Collage auf den Punkt, weshalb die Rücken an diesem Tag vor dem ersten TV-Duell zwischen Clinton und Trump so häufig geteilt wurden: Sie werden als Zeichen einer Veränderung gelesen.

Dabei geht es gar nicht so sehr darum, was das Foto tatsächlich dokumentiert. Mindestens ebenso wichtig ist, was man auf dem Foto sehen kann wenn man es denn will: Man sieht Menschen, die sich von der vermeintlichen Bühne abwenden, ihr den Rücken zudrehen um ein Selbstporträt mit prominentem Hintergrund anzufertigen. Ein taugliches Symbol für die selbstbezogene Smartphone-Gesellschaft, die eher ein Selfie macht als zur Kandidatin zu schauen.

Für mich ist dieses Bild – abseits jeglicher Beurteilung – ein Zeichen für das, was ich „Das Ende des Durchschnitts“ nenne. Ein Zeichen für die Entwicklung zu einer digitalen Gesellschaft, in der nicht mehr das für alle gleiche Standardbild als Erinnerung dient, sondern die unzähligen Einzelfotos, die nicht nur durch das Publikum entstehen, sondern mit dem Publikum: Jedes Selfie zeigt Clinton – aber vor allem ein anderes Gesicht im Vordergrund.

978-3-95757-246-2-x160xx400x-1466586213Mir persönlich ist dabei völlig egal, ob irgendwer das nun gut oder schlecht findet. Mir persönlich ist es Zeichen einer Entwicklung, mit der wir so oder so konfrontiert sind. Und da ich mich in den vergangenen Monaten etwas intensiver mit ihr befasst habe, kann ich klar sagen: Sie wird spannend!

Mehr zum Ende des Durchschnitts:

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>>> Das Ende des Durchschnitts – der Lauf zum Buch
>>> Meta- Das Ende des Durchschnitts