Alle Artikel in der Kategorie “DVG

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Ringlicht – der Gegenstand der digitalen Gegenwart

Der Selfiestick steht vor einem riesigen Problem: das beliebteste Symbol für die vermeintlich selbstbezügliche Gegenwartskultur wackelt, nicht mehr lang und der Selfiestick wird fallen. Rausfallen aus all den kulturpessimistischen Analysen, die mit Hilfe des Selfiesticks illustrieren, wie Ich-bezogen die Jugend, das Internet und überhaupt die Gesellschaft doch sei. Wer diesen Eindruck auf einfache Weise erwecken will, muss lediglich hier oder da einen Selfiestick auftauchen lassen. Schon ist klar: die auf diese Weise beschriebene Person muss dümmer sein als man selbst.

Unter Druck gerät der Selfiestick nicht etwa durch die Erkenntnis, dass Kulturpessimismus auf Dauer langweilig ist – sondern durch eine technische Erfindung, die bisher nicht mal einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat, für mich aber durchaus so etwas wie der Gegenstand der Gegenwart ist. Ich spreche von einem Ringlicht (hier Beispiel-Foto von Unsplash). Das Ring-Light wird in der Fotografie eingesetzt, um so genannte Beauty-Shots, Makro-Aufnahme und vor allem Porträts schattenfrei zu beleuchten. In der Mitte der Ringleuchte wird die Kamera angebracht, so dass vor der Linse kein Schatten das Bild stört. In den Augen der auf diese Weise fotografierten Person erkennt man das Ringlicht dann in der Spiegelung in den Pupillen.

Außer bei professionellen Fotograf*innen leuchtet das Ringlicht vor allem bei Menschen, die gerne gut ausgeleuchtete Kurzfilme und Porträts erstellen. Instagram und vor allem Tiktok machen ohne Ringlicht nur halb so viel Spaß bzw. die Bilder, die man dort hochladen kann, sind ohne die Ringleuchte nur halb so schön. Diese Popularität wird meiner Meinung nach dazu führen, dass schon bald erste Kulturpessimist*innen dazu übergehen werden, ihr Unwohlsein an der Gegenwart nicht mehr an Selfiesticks zu illustrieren – sondern am Ringlicht.

Wenn es dann so weit ist, kann man diesen Text verlinken – mit dem Hinweis darauf, dass die Verbesserung von Bildern keineswegs ein Ausdruck für den Niedergang der Kultur ist, sondern schon im 18. Jahrhundert praktiziert wurde – wie man am Beispiel des Claude-Glass nachlesen kann.

Mehr zum Thema Tiktok hier in den Digitalen Notizen: Was ich nach 24 Stunden TikTok gelernt habe (es waren fast 24 Stunden)

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Lob des Kritzelns: Wird QuickPath das digitale Äquivalent zur Handschrift?

„Am Anfang steht immer erst mal das Gekritzel.“ Mit diesem Satz endet die Titelgeschichte der Wochenzeitung „Die Zeit“, die in dieser Woche erklärt „Warum der Mensch eine Handschrift braucht“. Zeitgleich wurde heute in Marbach eine Ausstellung eröffnet, die sich unter dem Titel „Hands on“ ebenfalls der Handschrift widmet. Und ebenfalls in der Zeit wird Karin Prien, die Kultusministerin Schleswig-Holsteins befragt, ob Handschrift nicht ein Welt von gestern beschwöre, weil die Welt von heute doch digital sein. Sie antwortet: „Wir sollten das eine tun, ohne das andere zu lassen. Die Kinder sollten in der Grundschule, etwa von der dritten Klasse an, lernen, mit dem Computer umzugehen. Das Lernen mit digitalen Medien ist eine gute Ergänzung des Instrumentenkastens der Lehrkräfte. Ich bin mir aber sicher, dass das flüssige Schreiben mit der Hand eine zentrale Kulturtechnik bleibt. Sie wird um andere Techniken ergänzt, aber nicht ersetzt. Teilweise geht ja sogar das eine in das andere über, wenn ich etwa mit Stift und per Handschrift etwas in den Computer eingebe.

Das ist spannend, weil in keinem der genannten Kontexte (soweit ich das überblicken kann) eine Entwicklung Erwähnung findet, die meiner Meinung nach unsere Idee von Handschrift entscheidend prägen oder gar verändern wird. Denn seit ein paar Tagen ist iOS13 verfügbar – das neue Betriebssystem für Apples mobile Endgeräte. Mit Blick auf die Handschrift ist diese Veröffentlichung bedeutsam, weil Apple dabei ein Feature einführt, das Android-Nutzer*innen schon kennen: eine Swipe-Tastatur. Bei Apple heißt dieses Angebot QuickPath und beim iPhone-Ticker kann man in einem Gif sehen, wie deren Einsatz funktioniert.

Man ist versucht, den Begriff vom „flüssigen Schreiben mit der Hand“ völlig neu zu definieren. Denn diese Wischgesten hier ersetzen das Tippen und sorgen für eine im Wortsinn „Handschrift“, denn der Finger wischt über die Tasten ganz ohne Stift. Diese Swipen genannten Bewegung ist das digitale Äquivalent zur Handschrift. Mein Kollege Johannes Klingebiel hat es mal als das „Stenografie im Zeitalter des Smartphones“ beschrieben – und die Wischmuster bekannter Begriffe von der Tastatur befreit (siehe oben). Ich finde, das sieht ziemlich toll aus – wenn Sie das auch so sehen, sollten Sie diesen Tweet hier retweeten.

Diese Form der wischende Fingerschrift ist nicht neu, sie ist unter Android schon gelernt und Apps wie Swiftkey machen sie auch für Apple-Nutzer*innen verfügbar. Auf der Landingpage der App hat man den Eindruck in einem Schreibwarengeschäft gelandet zu sein, in dem Vorzüge eines edlen Füllers angepriesen werden. Denn vielleicht steckt genau das in dieser Tastatur: sie ist ein digitales Schreibgerät. Neu daran ist, dass durch das iOS-Update der Zugang jetzt auf allen iPhones automatisch möglich ist. Man kann deshalb spekulieren, dass mehr Menschen auf diesen Form des Schreibens zurückgereifen – und Kritzeln. Und das Gekritzel steht ja immer am Anfang haben wir gelernt – wenn auch etwas anders als man das bei der Zeit und in Marbach erwartet.

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„Die Zukunft ist ungeschrieben, die Zukunft ist so schön vakant“

Thees Uhlmann hat ein neues Album gemacht. Es heißt „Junkies und Scientologen“ und erscheint am heutigen Weltkindertag, der auch der Beginn des weltweiten Klimastreiks ist. Der Refrain des Titelsongs könnte passender nicht sein für den heutigen Tag. Es geht nicht direkt ums Klima, sondern um die Haltung, die wir zur Zukunft haben. Uhlmann singt:

„Die Zukunft ist ungeschrieben, die Zukunft ist so schön vakant
Und ich komme dich besuchen: egal, ob Stammheim oder Bundeskanzleramt“

Das ist melodischer und poetischer als das, was ich im Frühjahr über die Zukunft schrieb, aber es trifft den gleichen Ton. Denn die den Demonstrationen zugrunde liegende Frage ist eine, die sich mit der Zukunft befasst:

Will dieses Land nur die Sorgen der Menschen ernst nehmen – oder anfangen, sie auch nach ihren Hoffnungen zu fragen? (…) Man könnte dies mit einem Wort des Schriftstellers Robert Musil als „Möglichkeitssinn“ beschreiben. Um herauszufinden, wie viel Möglichkeitssinn gerade in diesem Land steckt, gibt es eine einfache Frage, die die meisten nur sehr schwer beantworten können. Sie lautet: Kann es (noch) besser werden?

Die Menschen, die auf die Straße gehen, glauben daran, dass Zukunft gestaltbar ist: dass es eine Rolle spielt, was wir heute tun. Sie widersprechen den Optimisten und Pessimisten, die in Wahrheit darin einig sind, dass die Zukunft eben nicht so schön vakant, sondern vorherbestimmt ist.

Diese zentrale Perspektive auf das Morgen und Übermorgen bildet die Grundlage für den Generationenkonflikt, den wir gerade erleben – und ist Thema eines Buchs, das im Oktober erscheint und nicht nur farblich zum Thees-Album passt. Es heißt Warum an die Zukunft denken? und ist von Mario Sixtus – ich werde beim Lesen Thees Uhlmann hören

¯\_(ツ)_/¯

Vinyl-Begeisterung für vier Prozent

Schallplatten sind eine tolle Sache. Mindestens um wehmütige Erinnerungen an die Zeit zu stimulieren „als Musik noch richtig groß war“ – wie Olli Schulz singt. Vinyl-Schallplatten sind aber vor allem eine tolle Projektionsfläche (Foto: unsplash). Gerade kann man das an einer Meldung sehen, die die amerikanische Musikindustrie als PDF verschickt hat: „Mid Year Report“ heißt der Halbjahresbericht, aus dem in den vergangenen Tagen erstaunliche Aussagen geformt wurden: „Vinyl liegt im Trend“ (stern), „Der Vinyl-Boom will nicht enden“ (Musikexpress) und „Das schwarze Gold erlebt einen Aufschwung“ (Tagesspiegel) konnte man in Texten lesen, die mit wohligem Retro-Charme an die Zeit vor Streaming-Diensten und Internet erinnerten. Inspiriert wurden diese Trend-Behauptungen von der Beobachtung, dass es sein könnte, dass mit Ablauf des Jahres 2019 in den USA mit Vinyl mehr Geld verdient wird als mit CDs.

Wohlgemerkt: Es könnte sein, dass es so kommt. Denn aktuell wird mit CDs noch mehr Geld verdient. Der CD-Umsatz schrumpft allerdings, der mit Vinyl wächst leicht. In den Worten des Mid-Year-Reports liest sich das so:

Net revenues from physical products bucked the recent trend in unit sales and grew 5% to $485 million in 1H 2019; however, this growth was the result of a reduction in physical product returns, and on a gross basis the revenues from physical product would have been down for the period. Vinyl albums grew 13% to $224 million, but still only accounted for 4% of total revenues in 1H 2019.

Egal wie gut man Englisch spricht: Diese Aussage ist nur ganz schwer in das Wort „Vinyl-Boom“ zu übersetzen. Vier Prozent vom gesamten US-amerikanischen Musikkuchen (Grafik aus dem Mid-Year-Report) fallen auf Vinyl-Schallplatten. Nimmt man die CDs als weitere physische Produkte dazu kommt man auf neun Prozentpunkte. Erstaunlich daran: dieser Anteil entspricht dem, was die US-Musikindustrie mit digitalen Downloads erwirtschaftet. Ob das allerdings für die Begriffe „Trend“ oder „Boom“ reicht? Der Report selber sieht das nicht so. Dort steht eine andere Entwicklung zentral:

In the first half of 2019, the U.S. recorded music market continued the overall trends and double digit growth rates of 2018. Revenue increases were driven by the number of paid subscriptions exceeding 60 million for the first time.

Von „paid subscriptions“ kann man allerdings in keiner der zitierten Meldungen lesen. Dort steht nichts darüber, was es bedeutet, dass diese Form des Musikkonsums wächst. Obwohl dieser Bereich zu dem größten Stück im Musikkuchen zählt, der in der Grafik als „Streaming“ zusammengefasst wird: 80 Prozent umfasst dieser Bereich. Ob das schon für eine Meldung über einen Trend oder einen Boom ausreicht?

Fünf Gründe warum Podcasts kein Geld verdienen (jedenfalls nicht einfach so)

Seth Godin ist ein BesserBescheidwisser in Fragen von Internet und Marketing. Ich habe den Eindruck, die beiden Themen wachsen immer mehr zusammen und immer mehr Menschen nutzen das Internet vor allem für Marketing-Zwecke: Reichweite, Interaktion, Kontakte – all das scheint mehr Menschen anzutreiben als die Tatsache, dass man sich im Internet so gut wie noch nie zuvor nach eigenen Interessen vernetzen und fortbilden kann.

Seth Godin hat – wie gefühlt fast jeder andere Internet-Mensch auch – einen Podcast. Der heißt Akimbo und ist sehr empfehlenswert. In der aktuellen Folge spricht er Meta! über Podcasts und mir ist danach so einiges klarer geworden – über das Internet, Marketing und das große Problem mit der Werbung (Foto: unsplash). Deshalb halte ich hier fünf Dinge fest, die ich bei Godin über die Frage gelernt habe, wie man mit Aufmerksamkeit Geld verdienen kann. Nicht alle Gründe sind auch meine Meinung (dafür kenn ich mich gar nicht gut genug aus), aber sie sind in jedem Fall spannende Denkansätze.

Godin lobt Podcasts und rät jeder und jedem, einen Podcast zu starten. Deshalb hat er unter dem Slogan „Podcasting is the new Blogging“ ein Podcast-Fellowship-Programm aufgesetzt. „Podcasting hilft die eigene Stimme zu finden, aber es ist kein guter Weg um Geld zu verdienen“, sagt er. Dass er darauf kommt, hängt mit Daten über das Podcast-Ökosystem zusammen, die Andreessen Horrwoitz erhoben haben und die Andrew Chen hier zusammengefasst hat – wie er das begründet, sagt viel über den Unterschied zwischen klassischer Werbung und Online-Werbung aus. Deshalb halte ich es hier fest:

1. Podcast sind groß(artig) – und anders

„Es gibt kein Medium, das mir bekannt ist“, sagt Godin mit Bezug auf die Daten der Podcast-Erhebung, „das so schnell wächst wie Podcasts – mit Ausnahme von Surfen im Netz.“ Und dann ergänzt er beeindruckende Wachstumszahlen von Menschen, die regelmäßig Podcasts hören (in den USA) – vor allem auf dem iPhone. Aber Podcasts sind nicht nur groß, sondern auch großartig – weil sie sich meist dem Clickbait um Aufmerksamkeit entziehen, den wir von anderen Medien kennen. Godin vergleicht Podcasts deshalb eher mit klassischen Büchern – mit der Ruhe und der Erkenntnistiefe, die entsteht, wenn ein Medium sich einem Thema ausführlich widmet. Die Frage lautet nun: Kann man mit diesem wachsenden Medium Geld verdienen? Die Antwort hängt von der Perspektive ab. Godin vergleicht die durchaus erstaunliche Summe, die für Podcast-Werbung in den USA ausgegeben wird mit dem Betrag, der dort für Werbung in Kinos ausgegeben wird: das Podcast-Budget macht gerade mal ein Drittel davon aus.

2. Podcasts sind zu neu

Warum ist der Podcast-Anteil so gering? Godins Antwort (die er im Podcast mit Zahlen begründet, die belegen, wie hoch der Betrag ist, den Werbetreibende ausgeben, um eine durchschnittliche Podcast-Hörer-Stunde zu erreichen im Vergleich zur gleichen Zeit im Radio, in Magazinen, Zeitungen) lautet: Werbung wird häufig von anderen Menschen gekauft als von denen, die sie bezahlen (Stichwort Media-Agenturen). Die Einkäufer müssen ihren Chefs begründen, warum sie die Werbe-Euros ausgerechnet für diese Werbeform ausgegeben haben. Und dabei, so Godin, schneiden sehr neue Werbemöglichkeiten viel schlechter ab als ältere. Der Grund: Die Chefs sind einfach noch nicht so vertraut mit Werbung in Podcasts. Sie kennen Fernseh-Werbung. Und der Einkauf richtet sich, so Godin, nach dem, was die Chefs kennen.

3. Das Internet hat Werbung zu Direktmarketing gemacht

Die zentrale Ausnahme von dieser Biografie der Werbeformen bildet das Internet, so Godin. Denn Internet-Werbung ist eigentlich im klassischen Sinn keine Reklame, die auf Image zielt. Internet-Werbung ist, so Godin, Direkt-Marketing. Direkt-Marketing zielt auf direkte Aktionen ab, die man genauso direkt messen kann. „Damit unterläuft die Internet-Werbung grundlegenden Prinzipien anderer Werbeformen“, erklärt Godin. Denn bei klassischer Fernsehwerbung konnte man den Return of Invest (ROI) eben nicht so deutlich messen wie man das heute bei Google-Ads messen kann. Außerdem basierte diese klassische Werbung auf Knappheit und der Sorge, dass ein Mitbewerber diesen einen Platz für einen TV-Werbespot bucht. Das Internet löst diese Begrenzung auf und verändert das Ökosystem für Werbung (spannender Weise betont Godin, dass dass nicht bedeutet, dass sich klassische Werbung auflösen wird).

4. Podcasts sind schwer messbar, sie brauchen Sponsoren

Anders als Online-Werbung sind Podcasts kaum messbar. Und das, was man in der Breite messen kann, ist eher ernüchternd. Godin zitiert eine Zahl, nach der der durchschnittliche Podcast gerade mal auf 124 Hörerinnen und Hörer kommt. Diese Zahl basiert aber auch auf einer unfassbar großen Gesamtzahl an Podcasts, die es allein in Amerika gibt. Soll heißen: es gibt auch Angebote mit sehr viel größerer Hörerschaft. Doch diese sind sehr schwer vermarktbar – nach klassischen Regeln. Godin rät deshalb: Es braucht Sponsoren, die die Nähe zu schätzen wissen, die durch gute Podcasts entsteht. Das ist eine andere Form der Werbung als das Direkt-Marketing in Google-Ads und die klassische Marken-Werbung in anderen Medien. Podcasts liegen genau dazwischen – und genau deshalb kann man so schwer Geld mit ihnen verdienen. So Godin.

5. Podcasts werden nach dem Buch-Prinzip funktionieren

Godin rät, genau diese Zwischenposition zu nutzen, die Podcasts im Werbeumfeld einnehmen. Er vergleicht sie deshalb wiederholt mit Büchern. Dort gibt es Ausnahmen, die zu Beststellern werden, aber die meisten Bücher werden keine Bestseller – sie werden geschrieben, weil jemand etwas zu sagen hat. Genau diesen Anspruch sollten auch Podcasts haben, so Godin. Dann finden sie auch weitere Wege um Geld zu verdienen.
Ich finde das einen erstaunlichen Ansatz, der die Frage aufwirbt: Warum kümmern sich Buchverlage nicht mehr um Podcasts?

Hier den Podcast von Seth Godin anhören, hier gibt es den Podcast, den ich zu meinem letzten Buch gemacht habe und unter dem Hashtag #klangstrecke schaue ich mir gerne auf Twitter Podcast-Empfehlungen .

Essen ist fertig – online (Digitale September Notizen)

Dieser Text ist Teil der September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Kann man ein Restaurant eröffnen ohne einen Gastraum zu besitzen, wo die verkauften Speisen gegessen werden? An der Antwort auf diese Frage kann man den Wandel greifbar machen, den das Internet ausgelöst hat und der gerade überall zu einem tiefen Konflikt führt. Auf der einen Seite stehen im Fall des gastraumlosen Restaurants diejenigen, für die ein Wirtshaus eine feste Adresse braucht. Weil das schon immer so war. Und weil uns die Dinge eben prägen, die schon immer so waren. Auf der anderen Seite befinden sich Menschen, die eher Möglichkeiten als Prägungen sehen wollen und der Meinung sind: Es muss doch noch andere Wege geben, um das Essen eines Restaurants zugänglich zu machen.

Ich stehe staunend dazwischen und lese in der New York Times diesen Artikel über den Aufstieg der so genannten „Ghost Kitchens“. Dabei handelt es sich um Restaurants ganz ohne Gastraum. Es sind Küchen, deren Produkte einzig über Liefer-Apps vertrieben werden (Foto: unsplash). Man nennt sie auch „Dark Kitchens“ (Guardian) oder „Virtual Kitchens“ (Forbes) und all diese Adjektive sollen andeuten: diese Küchen existieren „nur“ online. Über diese vermeintliche Beschränkungen hatte ich hier schon mal geschrieben als es darum ging, dass ein Magazin „nur noch“ online existiert. Nun trifft es auch Restaurants, die quasi ihre gedruckte Ausgabe einstellen müssen (wie man in dem sehr ausgewogenen NYT-Artikel nachlesen kann).

Die Parallelen gehen aber über die Medienbranche hinaus, sie legen offen, dass wir uns mitten in einem Wandel befinden, für den die „Ghost Kitchens“ ein sehr schöner Begriff sind, den man in eine Liste ergänzen könnte, die ich im Pragmatismus-Prinzip aufgezählt habe: „das pferdlose Fahrzeug (Auto), das schnurlose Telefon (Handy) oder das kabellose Internet (WLAN) sind Begriffe des Übergangs, die illustrieren, wie definitionsmächtig die Vertrautheit der Vergangenheit ist, wenn wir mit dem Neuen konfrontiert sind.“

Ich glaube es ist schon viel gewonnen, wenn wir uns über diese Definitionsmacht bewusst werden. Denn natürlich ist mit „nur online“ viel mehr möglich als den Download eines Buch-PDFs zu realisieren. Am Beispiel des virtuellen 5-Kilometer-Laufs, an dem ich mit mehreren Hundertausenden teilnahm, ohne dass auch nur eine Straße gesperrt werden musste, habe ich beschrieben, welche Optionen sich ergeben – und wie dadurch eine Entwicklung entsteht, die ich „Das Ende des Durchschnitts“ nenne.

„Das Internet ist nichts Fremdes, nichts Anderes mehr, das der Gesellschaft ergänzt wird wie eine Webadresse, die am Ende einer Fernsehsendung durchgesagt wird“, schrieb ich nach der großen Generationen-Debatte nach der Europawahl in der SZ. Dabei ging es um eine gesellschaftliche Debatte, die Schlussfolgerung trifft aber auch auf die „Ghost Kitchens“: „Die Unterscheidung zwischen einer irgendwie echten analogen Welt auf der einen Seite und einer irgendwie neuen digitalen Welt auf der anderen Seite hat sich aufgelöst. Anders formuliert: Die Mitte der Gesellschaft bemerkt gerade, dass sie sich vielleicht anders mit dem Internet befassen sollte.“

Damals ging es unter anderem um das Rezo-Video, das das politische Berlin auf Aufregung versetzte. Während ich diesen Newsletter tippe gibt es wieder ein Video, in dem Rezo auftritt, das für Debatten zwischen Etablierten und Neuen sorgt. Die Space Frogs hatten Rezo eingeladen und über Zeitungen Bild und BZ gesprochen. Das Video ist sehr interessant und dauert auch nur 15 Minuten – dennoch hat man den Eindruck, dass manche, die anschließend darüber schrieben, es nicht angeschaut haben.

Offenbar auch der DJV-Vorsitzende Frank Überall, dessen Aktivitäten Boris Rosenkranz im Übermedien-Newsletter* so zusammenfasst: „Er warf Rezo „billige Stimmungsmache“ vor, die an „Hetze“ grenze. Überall unterstellte auch Dinge, die Rezo gar nicht gesagt hatte. Als dann mal ein paar Leute beim DJV nachgefragt haben, wie viele Tassen noch im Schrank sind, haben Überall und der DJV die Mitteilung flugs wieder zurückgezogen. Weil es „eine ganze Bandbreite von Ansichten zum Video“ gebe im Verband, was eine freundliche Umschreibung ist für: Das war echt richtiger Mist und ein Bärendienst für die gesamte Branche, gerade in einer Zeit, in der permanent über Fakten und Verfälschungen geredet wird.“

Dem ist wenig hinzuzufügen – außer dem Hinweis** auf Minute 6.45 im Original-Clip, in der Rezo einen sehr interessanten Aspekt anspricht: den der eigenen Prägungen, die häufig so stark sind, dass sie wertsetzend werden. „Wir werden auch irgendwann alt sein und diesen psychologischen Fehler haben“, sagt Rezo da über die Definitionsmacht der eigenen Vergangenheit. „Das ist wichtig, dass man sich das vor Augen hält, dass es Eigenschaften sind, die in uns verankert sind.“

Vielleicht ist das die wichtigste Fähigkeit, die der Wandel von uns verlangt: Unsere Prägungen zu reflektieren. Ich würde die dafür notwendige Haltung Kulturpragmatismus nennen – und wer sie üben will, kann ja mal einer Geisterküche ein Essen bestellen.

¯\_(ツ)_/¯

* In dem Newsletter gibt es auch noch einen schönen Witz mit einer Bananen-Schale, aber dafür sollte man Übermedien abonnieren, denn nicht nur guter Journalismus, sondern auch guter Humor hat seinen Preis.
** Ich füge noch den zweiten Hinweis hinzu, dass Rick und Steve am Ende ihres Antwort-Videos eine Einladung an Zeitungsjournalist*innen aussprechen, die nicht wissen, was Dank Memes sind. Die beiden Space Frogs wollen sie gemeinsam mit ihren Gästen anschauen und übers Internet sprechen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind schon häufiger Beiträge zum Verhältnis von On- und Offline erschienen – z.B. „Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Mai 2019), „Was ist dein Bild vom Internet?“ (August 2018), „Altland – eigentlich sollten wir online sein“ (April 2018). Das Thema findet sich aber auch in anderen Beiträgen im Blog – wie z.B. Deutschland und das Internet oder Wer nur am Rand hockt, braucht kein Wasser im Pool

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Was ich nach 24 Stunden TikTok gelernt habe (es waren fast 24 Stunden)

Hugh Gallagher hatte die Idee als erster. Das war 1990. Er schloss sich in einem Hotelzimmer in New York ein und schaute sieben Tage lang den Musiksender MTV an. Sein „Experiment in Terror“-Text erschien anschließend im Rolling Stone und ist jetzt im GenX-Reader von Douglas Rushkoff versteckt. Im Web kann man ihn leider nicht mehr lesen, anders als das Experiment 24 Stunden Fox News von Issac Chotiner oder Ein Tag Bayern 3 von Andreas Bernard.

Die wichtigste Erkenntnis dieser Texte lautet: Alles, was man zu lang macht, ist schlecht (im übrigen kein ganz schlechter Beitrag zur Medienkompetenz-Smartphone-Debatte). Die zweitwichtigste Erkenntnis ist: Das Web vergisst entgegen aller Behauptungen leider doch sehr viel. Denn ich bin mir sicher, dass noch viel mehr Texte dieser Art erschienen sind, ich habe sie aber nicht mehr finden können, weil sie eben nicht archiviert sind. Das ist sehr schade, denn diese Textform eröffnet auch im Rückblick erstaunliche Perspektiven auf mediale Wirklichkeiten.

Bei so genannten sozialen Netzwerken sind diese Selbstversuche kaum möglich, weil deren Inhalte sich stets aus dem speisen, was die Nutzer*innen sich selber zusammenstellen – durch Follower- oder Freundschaften. Twitter, Instagram oder Facebook sehen halt so aus, wie die Nutzer*in es sich zusammenstellt. Im Prinzip ist das bei Tiktok nicht ganz viel anders, aber eben doch ein bisschen. Der Dienst, der zum chinesischen Anbieter ByteDance gehört, hält den so genannten „Für Dich“-Feed bereit, der auch Inhalte ausspielt, wenn man niemandem folgt: „Der ‘Für Dich’ Feed ist ein zentraler Bestandteil der TikTok-Erfahrung aller Nutzer und „Creator“. Er basiert auf neuen Technologien und empfiehlt Videos, die für sie relevant sein könnten. Auf diese Weise können sich Nutzer von den Inhalten aller Mitglieder der TikTok-Community inspirieren lassen“, steht im TikTok-Glossar.

Ich habe in den vergangenen Tagen genau das gemacht: mich von den Inhalten aller Mitglieder der Tiktok-Community inspirieren lassen (Anlass war, dass mir ein Hustenvirus viel Zeit, aber gleichzeitig kaum Kraft bescherte, so dasss ich nicht mehr zustande brachte als Kurzclips auf Tiktok zu schauen). Dabei habe ich nichts geliket oder kommentiert, ich habe keinerlei weitere Interaktion auf der Plattform getätigt als das typische nach oben Swipen zum nächsten Clip. Doch das hat schon eine enorm magnetische Wirkung. Denn die Clips sind so kurz, dass man immer die Hoffnung hat, dass hinter dem nächsten Swipe was Lustiges, Erstaunliches, Sinnvolles kommen könnte. Am Ende aller Swipes blieben ein paar Erkenntnisse übrig, die ich hier festhalte:

1. Es gibt einen direkten Weg vom Numa-Numa-Guy zu TikTok

Mein Versuch ist selber sowas wie das Playback-Singen des Originals von Hugh Gallagher. Ich kenne das Original nicht ganz, imitiere es in Teilen für mich privat und stelle das dann online. Genauso kann man einen zentralen Anreiz an Tiktok (ja, das sind die, die vormals musical.ly hiessen) zusammenfassen – aber eben für Musik oder lustige Zitate. Diese Form des Internet-Playback-Singens hat als einer der ersten webweit Gary Brolsma äußert populär praktiziert (und zwar schon vor Youtube). In Mashup habe ich „das Bild des jungen Mannes“ gelobt, „der den Song, vor seinem Computer sitzend, lippensynchron in eine Webcam singt. Dabei rudert der robuste Brillenträger wild mit den Armen und tanzt im Sitzen. Das US-Magazin „The Believer“ schreibt über den Clip: »Das ist ein Film von jemandem, der eine wunderbare Zeit hat, der diese Freude mit jedermann teilen möchte und sich dabei überhaupt nicht darum kümmert, was andere über ihn denken könnten.« Über Gary Brolsma wurde im Februar 2005 in der New York Times berichtet, auch die BBC und zahlreiche Fernsehersender erzählten die Geschichte des nach dem Refrain des Songs benannten »Numa-Numa-Dance«. Der junge Mann aus New Jersey löste damit eine neue Mode aus: Überall auf der Welt folgten Menschen seinem Vorbild (man könnte auch sagen, sie kopierten ihn), filmten sich mit Webcams und stellten die Clips ins Internet. »Jeder wollte der Numa-Numa-Typ sein«, schreibt Douglas Wolk in The Believer. »Diese Kids verspotten den Numa-Numa-Typen nicht, sie verehren ihn. Sie sind Geeks, und sie ehren den König der Geeks. Es ist wunderbar, das anzuschauen, weil sie seine Freude wiederholen und verbreiten.« Wolk kommt zu dem Schluss: »Das alles wirkt weniger wie ein ansteckender Scherz als wie der Beginn einer neuen kulturellen Ordnung.«

Von dieser neuen kulturellen Ordnung handelt mein Lob der Kopie – und Tiktok hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht. Tiktok gibt Menschen die Mögichkeit, Songsequenzen oder lustige Zitate lippensynchron nachzuspielen. Und darin liegt heute noch immer der gleiche Zauber wie zu Numa-Numa-Zeiten.

2. Ich habe selten so viele Kacheltische und Schrankwände gesehen

Wer der Meinung ist, auf Instagram sei zu viel gefiltert und weichgezeichnet, der sollte sich als Gegenmittel mal länger auf Tiktok umschauen: Mir fällt kein anderes soziales Netzwerk ein, in dem ich häufiger mit deutscher Durchschnitts-Mittelzentrum-Treppenhaus-Schrankwand-Einbauküche-Realität konfroniert worden wäre als auf Tiktok (der Kollege Max Scharnigg hat dafür schon vor einer Weile den Kacheltisch zum relevantesten Einrichtungsgegenstand erklärt) Das ist vielleicht meinem „Für Dich“-Feed geschuldet und vielleicht auch nicht repräsentativ, aber doch bemerkenswert – und passt auch zu Gary Brolsma. Denn wer vor lauter Begeisterung in seinem Badezimmer etwas nachsingt, kümmert sich nicht zuerst um die Ausstattung der Nasszelle, der singt einfach. Klar, helfen dann ein paar Tiktok-Filter und ein Licht an der Kamera um einen schönen Clip zu produzieren. Im Hintergrund bleibt jedoch die Nasszelle im Bild. Und die gehört ja auch irgendwie dazu – ach komm, ich lass das jetzt so.

3. Es geht darum, Witze weiterzuerzählen

Dass bei mir irgendwie ein Anklang an RTL2 hängen blieb, mag auch an Jasmin liegen. Jasmin ist eine Teilnehmerin einer oder mehrerer RealityTV-Formate des Senders, die es mit einem verunglückten Zitat zu echter Berühmtheit in Tiktok geschafft hat. In einer offenbar im TV ausgestrahlten Szene kommt Jasmin in ein Restaurant und stellt sich vor. Sie missversteht die Antwort ihres Gegenübers, was ein bisschen lustig ist. Richtig lustig wird es für die Tiktok-Creator (wie die Plattform die aktiven Nutzer*innen nennt) aber erst dadurch, dass sie diesen Witz immer und immer wieder nacherzählen. Sie spielen ihn in verteilten Rollen (Duett) oder alleine nach und erfreuen sich daran. Das basiert auf dem Grundprinzip aller Meme und wird hier in einer Weise fortentwickelt, die irgendwie an die Frühphase von Stefan Raabs TV Total erinnert – nur demokratisierter. Jede und jeder kann hier einen Maschendrahtzaun-Versprecher nehmen und verulken. (Dass die Creatoren dabei zuweilen selber solche Versprecher produzieren, fällt ihnen zumeist nicht auf).

Nach einer gefühlten Mittelzentrum-Kacheltisch-Ewigkeit (in der ich einerseits eine Menge Musik gehört habe, die auch in klassischem Beste-Hits-Radio läuft – kennt jemand diesen Holterdiepolter-Mist? – und andererseits unzählige Frauen, die Carolin Kebekus Witze lippensynchron nacherzählen) zeigte mir mein „Für Dich“-Feed übrigens auch sehr viele internationale Beispiele, die illustrieren, warum der beste Tiktok-Experte, den ich kenne (Philipp Metamythos Meier), die Plattform hier mal als die „UNO des neuen Jahrtausendes“ beschrieben hat: „Auffallend viele Reime, Gesten, Wortspiele, Gesänge und Witze funktionieren über die unterschiedlichsten Kulturen hinweg.“

4. Ein wichtiger Antrieb ist der Zauber der Verwandlung

Eines der Memes, das über unterschiedlicheste Kulturen hinweg funktioniert, ist jenes, bei dem der Creator in dem kurzen Clip in zwei Versionen zu sehen ist. Nicht selten wird dafür ein Videoschnitt genutzt, bei dem die Hand kurz die Linse verdeckt (wie in diesem auf Chris Lawyers „Right on Time“ basierenden Meme). Danach sind sehr viele Creatoren plötzlich als Cowboys zu sehen. So jedenfalls funktioniert das Meme-Prinzip beim Sommerhit „Old Town Road“, an dessen Geschichte man perfekt illustrieren kann, wie TikTok das Musikgeschäft verändert. Hier gibt es eine Zusammenstellung einiger Kurzclips, in denen normale Menschen, plötzlich in Cowboy-Outfit zu sehen sind. Diese inszenierte Verwandlung gibt es in ganz vielen unterschiedlichen Spielarten auf der Plattform zu bestaunen – und Dazed zeigt seit ein paar Wochen, wie auch klassische Medien sie einsetzen können.

5. Am Ende geht es wie immer um: Identität

TikTok ist ein soziales Netzwerk. Es hilft Menschen dabei, sich im Netz dazustellen. Ein Profil anzulegen und Beiträge zu posten, heißt in erster Linie: Teilhabe. Man drückt aus: „Ich bin auch dabei, ich singe mit, erzähle einen Witz, ich verstehe das Spiel.“ Doch wirklich erfolgreich wird Social-Media erst dann, wenn es darüberhinaus identitätsstiftend wird (dazu mein kaum großspuriger Beitrag „Alles, was ich über Social Media weiss“ aus dem April 2016). Creatoren müssen in der Lage sein, ihre Persönlichkeit auszudrücken. Dabei sind mir drei interessante Varianten aufgefallen, die dem Playback-Prinzip auf kreative Weise persönliche Ausdrucksmöglichkeiten ergänzt haben. Die erste basiert auf den ersten Sekunden des „Choices“ genannten Tracks des Rappers E-40 aus dem Jahr 2011. Dabei wechseln sich in kurzer Folge ein ablehnendes „No“ und ein zustimmendes „Yup“ ab. Creatoren nutzen diese Sequenz um sich selbst zu filmen und den Track als Antwort auf Fragen zu nutzen, die sie sich selber im Bild stellen. Dabei können die Fragen völlig unterschiedlich sein, verbindend ist, dass sie in Nein/Ja-Abfolge beantworten werden – und dass andere sich eben auch genauso vorstellen. Das ist der Kern von Identität in Social-Media: das Eigene in der Gemeinschaft der anderen. Wie das mit festen Fragen funktioniert – Variante zwei -, zeigt eine Sequenz aus dem Song „What’s your name?“ von Chase Rice. Darin werden kurz hintereinander Fragen nach Namen, Herkunft, Sternzeichen, Lieblingsgetränk und Lieblingssong gestellt, die die Creatoren als Textfeld im Selfie-Clip beantworten. Und die dritte Variante, die ich beispielhaft für die identitätsstiftende Funktion aufführen will, hat der empfehlenswerte funk-Fußballkanal „@Wumms“ hier am Beispiel DFL und Videoschiedsrichter umgesetzt. Auf Basis einer Sequenz aus dem Song „Jump in the Line“ von Harry Belafonte zeigen Creator wie sie persönlich auf Versprechungen reingefallen sind („I Believe you“). Das Erstaunliche dabei für mich: Alle genannten Songs tauchte so häufig in meinem Feed auf, dass ich sie anschließend sehr lang als Ohrwurm hatte. Womit wir wieder beim Erfolg Old Town Road wären.

Ich bin mir völlig bewusst darüber, dass dieser Eindruck absolut zufällig und subjektiv ist. Da ich aber ständig Leute höre, die mir sagen, dass sie TikTok nicht verstehen, dachte ich mir: Vielleicht hilft es aufzuschreiben, was ich nach einer Weile TikTok-Nutzung glaube verstanden zu haben. Was ich vom Internet glaube verstanden zu haben, habe ich übrigens in ein ganzes Buch geschrieben ;-)

Handeln vs. Sein (Digitale August-Notizen)

Dieser Text ist Teil der August-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wer besser werden will, muss sich überfordern. Deshalb lobt der Shruggie die Überforderung und deshalb ist der Sport eine gute Metapher für die Anstrengungen im demokratischen Diskurs. Denn wer besser streiten will, muss dafür aus der Komfortzone heraustreten – sich also selber überfordern. Das funktioniert wie ein Trainingsimpuls beim Sport. Es ist anstrengend, aber notwendig um besser zu werden.

Ich habe hier schon mal angedeutet, dass ich glaube, „dass Demokratie wie ein Muskel funktionieren kann. Ich glaube, dass sie unter Belastung stärker werden kann. Wenn rechtspopulistische Parteien in Parlamente einziehen oder Extremisten unterschiedlicher Prägung den Pluralismus und die Freiheit in Frage stellen, dann ist das eine Belastung für die Demokratie – wie ein langer Lauf eine Belastung für die Muskulatur ist. Es ist anstrengend, aber nicht das Ende. Die Muskulatur wird gefordert, wenn man sich die Kräfte aber gut einteilt, wird sie dadurch stärker.“ Heute möchte ich eine konkrete Fitness-Übung vorstellen, die mir in den zahlreichen Debatten der vergangenen Wochen als hilfreich aufgefallen ist. Sie geht über das reine Rechthaben hinaus. Denn in der Sport-Metaphorik gesprochen bedeutet Recht zu haben, einzig in dem Bereich zu trainieren, der nicht anstregend ist. So wird niemand besser.

Ein zentrales Problem in vielen Auseinandersetzungen ist, dass wir im Streit häufig vergessen, zwischen Menschen und Meinungen zu unterscheiden. Wenn jemand beispielsweise eine doofe Meinung vertritt, halten wir häufig auch den Menschen für doof. Dabei ist eine der wichtigeren Errungenschaften des demokratischen Diskurses, dass wir zwischen dem Verhalten oder der Meinung eines Menschen und seiner Person trennen können. Jemand kann persönlich sehr nett sein, aber doofe Meinungen vertreten. Jeanne Safer hat dazu gerade ein Buch veröffentlicht, das den passenden Titel trägt: „I Love You But I Hate Your Politics“. Dabei geht es um Liebesbeziehungen, die von unterschiedlichen politischen Meinungen geprägt sind. Von einer vergleichbaren Herausforderung handelt auch der Ted-Talk der beiden Nachbarinnen Caitlin Quattromani und Lauran Arledge , die unterschiedlicher politischer Meinung und dennoch befreundet sind.

Dies ist nur möglich, weil sie zwischen dem Menschen und der Meinung differenzieren können. Und das kann man üben. Dafür muss man im Streit daran denken, dass die Person gegenüber vielleicht gerade Quatsch redet, aber nicht Quatsch ist. Es ist wichtig zwischen dem Handeln und dem Sein zu unterscheidet. Das klingt komplizierter als es ist. Es basiert sehr banal darauf, dass man den Gedanken „Du sagst eine mir widersprechende Meinung, Du bist doof“ ersetzt durch „Du sagst eine mir widersprechende Meinung, Du verhältst dich falsch“ . Hinter dieser kleinen sprachlichen Unterscheidung verbirgt sich ein großer Streit-Fortschritt: Wir müssen im Streit nämlich nicht mehr um uns als ganze Person kämpfen, sondern einzig um unsere Meinung. Wir greifen die widersprechende Person nicht mehr als Menschen an (du bist…), sondern lediglich in ihrem Handeln (du verhältst dich…). Denn es gibt einen Unterschied zwischen dem, was wir sind und dem, was mir meinen und tun. Beides hängt zusammen – vielleicht vergleichbar mit dem Schatten und zugehörigen Personen oben auf dem Unsplash-Bild – ist aber doch unterschiedlich. Denn Meinungen darf man ändern!

Wenn mir jemand im Streit sagt „Du bist ein Arsch“ ist das eine feste Zuschreibung meiner Person. Wenn ich höre „Du verhältst Dich arschig“ habe ich die Option, mein Handeln zu verändern. Das eröffnet mir die Möglichkeit, mich zu verbessern.
In dieser Option, kommt ein offenes Menschenbild zum Ausdruck, das zunächst mal davon ausgeht, dass wir als Menschen gleiche Rechte haben und von gleichen Hoffnungen und Sorgen geprägt sind. Dieses Menschenbild begründet deshalb auch, wo die Grenzen der Toleranz sind: nämlich da, wo Menschenverachtung zum Ausdruck kommt. Denn darum geht es am Ende: Verachtung zu vermeiden! Streit gelingt dann, wenn er ohne Verachtung auskommt. Um auf diese Weise zu streiten, kann es extrem hilfreich sein, widerstrebende Ansichten als Meinung abzulehnen – aber nicht den Menschen dahinter; als Zeichen für eine menschliche, lebenswerte Demokratie.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind schon häufiger Beiträge zum Thema Streit erschienen- z.B. „Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Mai 2019), „Meinungsvirus“ (Januar 2019) „Was wäre, wenn Seehofer Recht hätte“ (September 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Musik als Meme und Mashup: Was der Sommerhit „Old Town Road“ übers Internet erzählt

Ich habe den Verdacht bei der Analyse der musikalischen Jahresrückblicke 2018 schon mal geäußert: Die Spitze der Charts ist zwar populär, aber nicht zwingend bekannt. Man kann das jetzt gerade an einem Lied sehen, das die allermeisten Menschen für den Sommerhit 2019 halten. Es ist ein Song, der vor ein paar Tagen rekordausgezeichnete 143 Millionen Mal pro Woche gestreamt wurde. Er stand mehrere Wochen in Deutschland an der Spitze der Charts und in den USA noch immer. Und trotzdem ist der Song in meinem Umfeld nahezu unbekannt. Ich glaube allerdings, dass das weniger über mein Umfeld als über das sich ändere Pop-Umfeld aussagt – wie hier am Beispiel von RAF Camora schon mal erläutert.

Das Besondere an Old Town Road, das selbst ein Remix der 2018 produzierten Vorlage ist, ist nicht nur, dass Miley Cyrus‘ Vater, der Country-Sänger Billy Ray Cyrus mitsingt. Es ist die durch und durch digitale Darstellungs- und Distributionsform (dass der Erfolg von Lil Nas X auch Auslöser für größere Debatten in den USA war, hat Jan Kedves hier in der SZ aufgeschrieben). Das Lied, das u.a. ein Banjo-Sample aus dem Nine-Inch-Nails-Song „34 Ghosts IV“ nutzt, verbreitete sich fast schon wie ein Meme durchs Netz. Es wurde zur Vorlage für eine Challenge auf Tiktok, über die Alyssa Abereznak in einer lesenswerten Analyse schrieb:

The song’s Wild West imagery struck a chord among its young users, inspiring them to include it in 15-second challenge videos where they cosplayed as cowboys. The groundswell of enthusiasm on the social network bled out into the public and eventually launched the song to the top of the Billboard Hot 100 chart.

An dieser Chartspitze steht Old Town Road noch immer und schickt sich an zum erfolgreichsten Song in der Geschichte der Billboard-Charts nach dem 1942-Hit „White Christmas“ zu werden. Daran ist nicht nur interessant, dass ihm dieses Kunststück quasi abseits einer Aufmerksamkeit in den Bereichen gelingt, die man früher Mainstream genannt hätte. Der Erfolg basiert neben der memetischen Verbreitung in z.B. Tiktok auch auf dem Prinzip der Kopie und des Remixes. Heute wurde der 79ste Remix des Liedes veröffentlichte, zu dem Rapper Lil Nas X das Versprechen twittert, dies sei nun aber versprochen der letzte Remix.

Erstaunlich ist dieser angeblich letzte Remix weil er von jemanden gefertigt wurde, der im deutschen Mainstream noch unbekannter ist, dem Song aber einen enormen Schub garantieren wird. Es handelt sich um den Rapper Kim Nam Joon, der unter dem Namen RM Kopf der K-Popband BTS ist. Die Boyband ist nicht nur in Südkorea äußerst populär und wird mit dem Remix, der den Namen Seoul Town Road trägt und ein südkoreanisches Gartenwerkzeug namens Homi referenziert, dafür sorgen, dass Lil Nas X auch in Asien noch bekannter wird.

Diese Form des musikalischen Netzwerks ist nachvollziehbar, sie zeigt aber vor allem sehr konkret, wie die Digitalisierung eine Entwicklung beschleunigt hat, die man als Weg vom Werk zu Netzwerk bezeichnen kann. Es geht nicht mehr einzig um den Song, der als unveränderliches Werk in der Mitte stehen soll, es geht um das Netzwerk und die Bezüge drumherum. Es wird kopiert und referenziert, um Bekanntheit in unterschiedlichen Märkten zu schaffen. Die Kopie als Treiber der Remix-Kultur ist selbstverständliche Grundlage des Erfolgs. Keiner der Beteiligten will die Kopie bekämpfen, es geht im Gegenteil darum, möglichst viele Kopien und Remixes zu fertigen, weil diese Aufmerksamkeit nach sich ziehen.

Und dass all das nahezu abseits dessen stattfindet, was man mal als Mainstream bezeichnet hat, macht die drei digitalen Lehren aus „Old Town Road“ noch interessanter:

1. Die Kopie ist die Grundlage digitaler Kultur
2. Kultur verflüssigt sich, besteht immer mehr aus Referenzen
3. Die Idee von Mainstream löst sich dabei auf.

Shruggie des Monats: die Meinungsbremse

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Was wäre eigentlich, wenn das Gegenteil richtig wäre? Diese wichtigste Frage aus dem Pragmatismus-Buch will ich heute aus aktuellem Anlass auf ein Thema anwenden, bei dem sich offenbar alle einig sind: auf Online-Debatten! Ich frage mich: Was wäre eigentlich wenn Debatten im Internet zivilierter wären als jene im echten Leben – wie Menschen ohne gedanklichen Zugang es nennen? Ist das vorstellbar, dass das Internet ein Ort für hochwertige Debatten ist?

Ich glaube daran immer noch und immer wieder. Und vielleicht erleben wir gerade eine Art Wendepunkt in der Frage, wie wir Online-Kommentare bewerten. Instagram hat in dieser Woche ein neues Feature angekündigt, das die Debatte über Debatten verändern könnte. Man könnte es sehr banal als Meinungsbremse beschreiben. Es handelt sich um eine bewusste Verlangsamung des Affekts, den Menschen kennen, die sich schon mal gestritten haben. Im Streit sagt man Dinge, die einem danach leid tun. Genau an dem Punkt will Instagram ansetzen und zwei Dinge ermöglichen, die das so genannte echte Leben nicht bereit hält.

In besonderen Fällen will die Plattform wenige Sekunden Meinungsfreizeit verschenken, ein paar Augenblicke vor dem Abschicken eines womöglich hasserfüllten Beitrags, in denen Nutzer*innen gefragt werden: Willst du das wirklich posten? Es handelt sich dabei um eine kleine Hürde, die womöglich sehr hilfreich sein kann. Jedenfalls kann man auf den Gedanken kommen, wenn man dieses Gespräch zwischen Arthur Brooks und Simon Sinek anhört, in dem sie genau eine solche Meinungsbremse empfehlen (interessanter Nebenaspekt: Brooks empfiehlt sogar einen vergleichbaren Trick für streitende Paare. Bevor man sich gegenseitig kritisiert, soll man fünf Dinge in Erinnerung rufen, die man an dem oder der anderen mag).

Außerdem soll es für gewisse Kommentare auf Instagram eine Option geben, die auch Google unlängst für Mails eingeführt hat: wenige Augenblicke, in denen man die Zeit zurückdrehen bzw. eine E-Mail zurückholen kann. Wer also einen blöden Kommentar gepostet hat, soll in die Lage versetzt werden, diesen schnell und einfach wieder aus der Welt zu schaffen.

Beide Ansätze werden vielleicht nicht alle Probleme lösen, die sich rund um die Debatte um Online-Debatten ranken. Sie sind aber deshalb äußerst bemerkenswert, weil sie im besten Shruggie-Sinn die Perspektive drehen: Sie schaffen Möglichkeiten, die es außerhalb des Netzes so nicht gibt. Und diese Möglichkeiten öffnen vielleicht tatsächlich neue Räume, in denen wir dereinst sagen werden: Das ist so ein heikles Thema, das sollten wir besser online besprechen. Dort haben wir mehr Möglichkeiten zur zivilisierten Debatte.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.
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