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Meta goes beta: Das Lese-Experiment auf log.os

Ich mag Experimente: Mit Eine neue Version ist verfügbar probierte ich aus, ob Crowdfunding nicht auch für die Buchbranche möglich ist (Spoiler: ist es!), mit Meta! testeten wir, ob Bücher nicht auch in Versionen erschienen können (Spoiler: geht auch!) und gemeinsam mit Log.os probieren wir nun ob Lesen nicht auch ein Gemeinschaftserlebnis sein kann. Wie schon beim SZ-Lesesalon ist dies ein weiterer Schritt in Richtung Livejournalismus als Social Reading.

Ab 1. März lesen wir in einer Lesegruppe das Buch auf der Plattform Log.os. Dafür muss man sich dort einen Account anlegen und kann die digitale Fassung der Standard-Version kaufen. Zusätzlich zum Inhalt erhält man Zugang zum Social-Reading-Experiment. Dieses wird rund einen Monat dauern und etwa so ablaufen.

Wir starten am 1. März mit einem gemeinsam kleinen virtuellen Event, zur Buchmesse in Leipzig wird es ein Vor-Ort-Event geben (das natürlich auch auf der Plattform gezeigt wird) und zum Abschluss gibt es noch eine gemeinsame Veranstaltung am Ende des Monats.
Hier Mitglied bei Log.os und in der Meta!-Lesegruppe werden

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loading: The Other Side

Abonniere eine Radiosendung – so kann man das Crowdfunding von The Other Side auf Steady übersetzen. Yannic Hannebohn und Thibaud Schremser produzieren den Popfeuilleton-Podcast bereits seit 2014. Jetzt suchen sie einen neuen Finanzierungsweg.

Yannic (im Bild rechts) hat den loading-Fragebogen beantwortet.

Was macht ihr?
Thibaud und ich produzieren „The Other Side“*, das ist ein Popkultur-Podcast, der die Hoch- bis Nerdkultur abdeckt. Wir sind aber nicht allein, sondern mittlerweile eine Plattform von jungen Radioautor*innen. Denen bieten wir die Möglichkeit, innovative Ideen bei uns im Podcast umzusetzen. Der Kern des Podcasts ist ein gut vorbereitetes Interview mit einer richtig interessanten Person.

Warum macht ihr es (so)?
Als wir 2014 während des Studiums in Weimar gestartet sind, wollten wir beide ganz einfach was Eigenes moderieren. Das Magazin haben wir damals von einer französischen Autorensendung adaptiert (wir sind beide Halbfranzosen). Gleichzeitig haben wir uns gefragt, warum es in Deutschland so wenige richtige Autorensendungen gibt und auch so wenige Experimente. Über die Folgen hinweg haben wir immer mehr Autorinnen und Autoren gewonnen, mit denen wir eigene Erzählformen entworfen haben. Deswegen stehen bei uns im Podcast auch die Personen im Vordergrund.

Wer soll sich dafür interessieren?
Menschen, die auf Künstler*innen und Kultur stehen, aber von 0815-Radioformaten genervt sind.

Wie geht es weiter?
Wir brauchen finanzielle Unterstützung, damit wir uns die Arbeit zeitlich leisten können. Deswegen brechen wir unsere starre einstündige Form auf und werden mehr „snackable“, bis genug Kohle da ist, wieder ein komplettes Magazin zu produzieren. Das erste Ziel ist ein Hundert Euro Schein pro Interview. Dafür haben wir uns einen Monat gegeben. Wenn wir das hinkriegen, kaufen wir uns Stück für Stück unsere Autoren zurück. Nur der Himmel ist das Limit.

Was sollte mehr Menschen wissen?
Eventuell vergisst man es: Journalist*innen brauchen Geld, um unabhängig zu arbeiten. Innovation entsteht oft im Kleinen. Video ist overhyped und Audio wird nie sterben.

Hier The Other Side auf Steady unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


* Offenlegung: Ich war in der letzten Sendung des Jahres 2016 zu Gast in The Other Side.

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Ähnliche Bücher, ähnliche Vornamen

Die digitale Bibliothek Skoobe hat mein Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ in dieser Woche in ihr Sortiment aufgenommen (hier der direkte Link) Das ist schön, etwas erstaunt hat mich allerdings, welche Titel der Skoobe-Algorithmus für „ähnlich“ hält:

Es sind dies vor allem Bücher von Autoren, die auch „Dirk“ heißen – sowie das Buch „Alles und nichts“ (bei dem ein „Dirk“ Ko-Autor war)

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Denken ohne Geländer

Bei Arte kann man derzeit den sehr interessanten Dokumentarfilm „Hannah Arendt und die Pflicht zum Ungehorsam“ anschauen. Darin wird die Aktualität ihrer Schriften aufgearbeitet und der Blick geweitet für die Entwicklungen der Gegenwart.

Besonders erstaunlich finde ich die Ausschnitte aus dem Gespräch, das Hannah Arendt im Jahr 1964 mit Günter Gaus geführt hat. Der RBB hat eine Mitschrift dieses Fernsehinterviews online gestellt, die selber eine tolle #langstrecke ist. Darin fragt Gaus Arendt z.B. nach ihrem Erkenntnisinteresse. Ihre Antwort ist nicht nur aus feministischer Perspektive interessant:

Jetzt fragen Sie nach der Wirkung. Es ist das – wenn ich ironisch werden darf – eine männliche Frage. Männer wollen immer furchtbar gern wirken; aber ich sehe das gewissermaßen von außen. Ich selber wirken? Nein, ich will verstehen. Und wenn andere Menschen verstehen, im selben Sinne, wie ich verstanden habe – dann gibt mir das eine Befriedigung, wie ein Heimatgefühl.

Schöner kann man nicht formulieren, warum es vielleicht keine ganz doofe Idee ist, einen Heimat- und Brauchtumsverein fürs Internet zu gründen.

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Streiten lernen: Für ein besseres Internet (Digitale Januar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

In diesem Monat ist ein Mann ins Weiße Haus in Washington eingezogen, der sich Mühe zu geben scheint, auf keinen Fall präsidial zu wirken. Den konstitutionell-demokratischen Habitus, die Diplomatie und das Eintreten für Grundrechte – all das hat Donald Trump abgestreift. Die Vereinigten Staaten von Amerika, die mir in den 1980er Jahren in der Schule als liberale Vorbildnation vorgestellt wurden, stehen vor einer grundlegenden demokratischen Herausforderung. Dabei geht es an dieser Stelle gar nicht so sehr um die einzelnen Schrecklichkeiten, die Trump angezettelt hat, es geht vielmehr um die Reaktionen, die er damit provoziert.

Es scheint so zu sein, dass sich eine neue (weltweite) Oppositionsbewegung bildet, die der These folgt: Wenn der Präsident sich nicht präsidial verhält, dann muss es jede/r Einzelnen tun. Dieses Muster meine ich jedenfalls bei einigen Initiativen zu erkennen, die – über die USA hinaus – eine Antwort suchen auf die Probleme der digitalen Gegenwart: Denn ein wichtiges Instrument gegen Fakenews, Panikmache oder Hatespeech bist du selber. Das sagen die unterschiedlichen Initivativen allesamt. Sie ziehen sich nicht mehr einzig auf strukturelle Kritik zurück, sondern versuchen selber aktiv zu werden – für ein besseres Internet, für eine bessere Welt.

Wir sind eine Aktionsgruppe, die sich für eine bessere Diskussionskultur in den Sozialen Medien einsetzt„, schreibt Hannes Ley in der Facebook-Gruppe #ichbinhier. „Statt Hass, Beleidigungen und Lügen wollen wir ein sachliches, konstruktives Miteinander.“ Deshalb treten die Mitglieder der Gruppe unsachlichen, hassverbreitenden Beiträgen aktiv entgegen: „Wenn 500 Leute Gerüchte verbreiten oder aggressiv werden, eskaliert die Stimmung“, schreibt Ley weiter. „Kommen 100 Leute mit sachlichen Infos und konstruktiven Vorschlägen hinzu, kann sich das Blatt wenden. Diese kritische Masse wollen wir sein. Je mehr Leute die Kommentarspalten großer Online-Medien positiv füllen, desto besser wird das allgemeine Klima. Jede/r Einzelne kann etwas bewirken.“

Auf diesem Gedanken basiert auch das NoHateSpeechMovement, das in der kommenden Woche „United for a better Internet“ gegen Hate Speech vorgehen will. Mit Hilfe vieler einzelner Netznutzer*innen.
Ähnlich argumentiert Torsten Kleinz, der in seinem Blog ebenfalls an die publizistische Verantwortung des/der Einzelnen appelliert: „Statt nur von den Mächtigen Quellen und Glaubwürdigkeit zu verlangen, müssen wir uns auch mehr auf unsere eigene Glaubwürdigkeit Gedanken machen.“

Mir ist diese Haltung sehr sympathisch – nicht nur weil ich in den vergangenen Wochen viel positives Feedback für die Aktion #gegendiepanik erfahren habe. Die Idee der Seite, die ich mit Heiko Bielinski und Manuel Kostrzynski erstellt habe, zielt in die gleiche Richtung: Jede/r Einzelne trägt Verantwortung für das, was sie oder er veröffentlicht. Und das bedeutet auch: Jede/r kann mithelfen, dass es besser wird.

Und ein Bereich, in dem eine Besserung dringend notwendig zu sein scheint ist die Streit-Kultur im Internet. Ich bin davon überzeugt: Wir müssen streiten lernen! Wir brauchen mehr Vorbilder für die sachliche Auseinandersetzung – auch im Netz. In seinem Essay „Die Rückkehr des Gentleman“ schrieb der Kollege Max Scharnigg unlängst, dieser sei keinesweges in der analogen Welt verhaftet. Er ist „in der digitalen Welt nicht nur genauso denkbar, sondern umso dringender vonnöten. Schließlich gehört angemessene Kommunikation zu seinen Talenten und die Contenance, die ihn auch angesichts ungeheuerlicher Vorgänge einen kühlen Kopf und sämtliche Manieren behalten lässt. Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle und intellektuellen Gefasstheit sind gerade im Netz gefragt, wo sich unentwegt Fronten bilden und Ansichten kollidieren.“

Gleiches gilt aber natürlich auch für TV-Talkshows, in die man sich mindestens so sehr Teilnehmer*innen mit diesem Gentleman-Gestus wünschen würde wie in manches Netzforum. Und vermutlich muss man an beiden Seiten anfangen: Einerseits sollte man sich selber – im besten Sinne der Social-Media-Gelassenheit – zu Contenance und Manieren ermahnen, wenn eine Debatte mal wieder aus dem Ruder läuft. Und andererseits sollte man seinen Rundfunkrat kontaktieren und darum bitten, dass auch in den TV-Talkshows viel mehr Wert auf eine demokratische Streitkultur gelegt wird. Es ist ein Irrglaube, dass die aktuellen Anbrüll-Shows (die Bauer&Hauck großartig in diesem Cartoon auf den Punkt gebracht haben: „Lassen Sie mich bitte ausschreien, ich habe Sie auch ausschreien lassen“) mehr Quote machen würden als eine echte Diskussion. Erstens ist dies nämlich bisher kaum ausprobiert worden und zweitens kommt es auf die Versuchanordnung an: Man könnte ja zum Beispiel mal die Rollen tauschen und die Diskutanten bitten, die gegenteilige Position zu besetzen. Horst Seehofer müsste dann z.B. erklären, warum es christlich (sic!) ist, flüchtende Menschen ins Land zu lassen und Jürgen Trittin müsste Argumente für die Atomenergie nennen. Wenn sie die Haltung des Gegenüber nicht anständig zusammenfassen können, müsste man sie entsprechend sanktionieren. Man nennt das den Ideologischen Turing Test – und ich finde, es ist nicht der schlechteste Ansatz auf dem Weg zu einem echten Gespräch.

Denn: „Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte.“ Das hat der Philosoph Gadamer mal gesagt – und wenn die Talkshows zu Streit-Gesprächen werden sollen, könnte man ja mal versuchen, die Diskutanten mit der eigenen Perspektive zu konfrontieren.

Das klingt unrealistisch? Dann fangen wir doch mit uns selber an. Tyler Cowen hat dazu unlängst einen Vorschlag gemacht: „write occasional material in support of views you don’t agree with. Try to make them sound as persuasive as possible. If need be, to keep your own sense of internal balance, write a dialogue between opposing views, just as Plato and David Hume did in some of their very best philosophical works.“
Schon im November hatte Cass Sunstein dazu jeweils fünf Bücher vorgestellt, mit deren Hilfe Konservative und Liberale ihre eigene Weltsicht herausfordern können. Das ist nämlich das Mindeste, was man im besten Shruggie-Sinn tun kann, um sich präsidialer zu verhalten als der aktuelle US-Präsident: Die eigenen Positionen in Frage stellen, die Gegenseite sehen, auch die Maginalisierten nicht vergessen.

Und aus dieser Haltung heraus, lernen wir dann auch anständig zu streiten!

PS: Zum Thema Fakenews habe ich übrigens diese Woche etwas in die „Süddeutsche Zeitung für Kinder“ geschrieben


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

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Digitaler Heimatverein: So geht’s weiter

Ende vergangenen Jahres brachte ich im Rahmen des Digitale Notizen-Newsletters die Idee auf: Wie wäre es einen Heimatverein für Menschen zu gründen, die sich im Internet Zuhause fühlen?

Über 400 Menschen sagten: Das wäre toll! Und trugen sich hier in eine Interessenten-Liste ein. Dieses Feedback freut mich sehr – auch wenn ich in einem Anflug von Crowdfunding-Idee vorab sagte: Bei 1000 Interessenten verfolgen wir die Idee weiter.

Ich habe in den vergangenen Wochen länger nachgedacht und viele Gespräche geführt und will den Plan, einen Heimatverein zu gründen, in dem sich Menschen organisieren, die Online Zuhause sind, weiterverfolgen. Allerdings geht dies nur langsam, weil nebenbei. Aber: Wir bleiben dran!

Es hat sich ein kleiner Kreis an sehr aktiven Unterstützer*innen gefunden, in dem wir nun herausfinden wollen, welche Organisationsforum rund um den Verein am effektivsten ist um das Ziel zu erreichen, der Internet-Kultur den gleichen Stellenwert und die gleiche Förderung zukommen zu lassen wie sie andere Kulturformen auch erfahren. Denn es soll ja um mehr gehen als einzig den Verein zu gründen – was allein recht schnell ginge, aber eben auch kaum nachhaltig ist.

Deshalb bitte ich um etwas Geduld, es wird sicher das Jahr 2017 kosten, um hier eine gute Struktur zu finden. Bis dahin bitte ich alle Interessenten, sich hier auf der Liste einzutragen!

Gegen die Panik

Als ich nach dem Angriff auf den Berliner Weihnachtsmarkt über Panik in Social-Media schrieb, kam Heiko Bielinski auf die Idee, den guten Vorsatz, mehr Social-Media-Gelassenheit zu üben, auf einer leicht verlinkbaren Seite zu bündeln. Und ehe ich mich versah, hatte Manuel Kostrzynski ein Design gefertigt für die Seite, die wir nach Sinn und Ziel

gegen-die-panik.de

nannten. Und jetzt stehen sie online: sieben Regeln für mehr Social-Media-Gelassenheit, die man sich vornehmen kann für den Fall, dass mal wieder Angst und Unsicherheit „viral gehen“. Man kann sich gegen-die-panik.de merken und sich und seine Freunde dran erinnern, wenn man vor lauter Aufregung gewillt ist, Gerüchte zu verbreiten. Lasst es sein. Denn:

Egal wie schlimm die Situation sein mag, ich werde nicht in Panik verfallen und selber dazu beitragen, dass Angst sich verbreitet. Das ist das zentrale Ziel von Terror: Angst und Hass zu verbreiten. Dem widersetze ich mich!

Vor/für 2017: Lesetipps für den Jahreswechsel

Es gibt Texte, die das Jahr überdauern werden. Um die Lektüretipps, die man vor 2017 oder zumindest für 2017 noch anschauen sollte, geht es in dieser (Doppel-)Liste. Dazu gibt es weiter unten die zehn beliebsten Blogeinträge aus den Digitalen Notizen:

Zehn Texte vor/für 2017:

1. Bis zum letzten Augenblick: Roland Schulz übers Sterben – SZ Magazin

2. Der Hass ist nicht neu. Für uns nicht. Mely Kiyak bei der Verleihung des Otto-Brenner-Preises – Übermedien

3. Anfangen. Carolin Emcke bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels – Friedenspreis

4. ‘Hope is a​n embrace of the unknown​’: Rebecca Solnit on living in dark times – Guardian

5. Boris wollte mich verbrennen. Florian Klenk fährt zu einem Facebook-Hater – falter

6. Obama Reckons with a Trump Presidency: David Remnick über die letzten Tage der Obama-Amtszeit – New Yorker

7. Noah lebt nicht mehr – Hakan Tanriverdi über Verschwörungstheorien – Süddeutsche Zeitung

8. How Technology Disrupted Truth: Katharine Viner über Journalismus zwischen Fakenews und Digitalisierung – Guardian

9. Der Untergang des Fußballs: Christoph Biermann über die Kommerzialisierung des Sports 11 Freunde

10. Münchens heroische Gelassenheit: Anette Ramelsberger über den Amoklauf vom Olympia-Einkaufszentrum Süddeutsche Zeitung

Die zehn beliebsten Blog-Einträge aus den Digitalen Notizen 2016:

10. Was früher auch nicht besser war: Der Pessimismus

9. Meta – Das Ende des Durchschnitts

8. Obama liefert dem Gif-Zeitalter das Cover-Motiv

7. Bon Valeur, Elektrischer Reporter und 140 Sekunden – meine Würdigung

6. Kulturpragmatismus

5. #digitalcharta: Nutzen wir die Chance

4. Weil wir dich lieben: Wie die BVG cool wurde

3. #nacktimnetz: fünf Fragen zu meinen Daten

2. Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein

1. Fünf Fragen zur angemessenen Smartphone-Nutzung

(Für Bloghistoriker: 2009 und 2010 habe ich so eine Liste schon mal erstellt)

Früher weiss alles besser (Digitale-Dezember-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Dezember-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Wenn das Jahr zu Ende geht, neigen Menschen dazu nach hinten zu schauen. In diesem Jahr verbinde ich diesen Vergangenheitsblick mit dem Vorsatz, ab dem neuen Jahr damit aufzuhören – nicht nur zwischen den Jahren!

Denn leider fällt uns die Rückschau als Prinzip nur zum Ende des Jahres als dauerpräsent auf. Sie ist aber auch weit darüberhinaus beliebter und (wie ich finde) oftmals lähmender Maßstab für die Kraft und Energie, die wir in die Gestaltung der Zukunft stecken. Viele Menschen messen den eigenen Erfahrungen und Erlebnissen so viel Wert bei, dass sie ihnen zur Landkarte für den Weg in die Zukunft werden – zur wenig tauglichen Landkarte, denn die Lösungen für die Probleme von morgen findet man nur selten im Gestern (Foto: Unsplash)

Um mehr Aufmerksamkeit darauf zu richten, wie Menschen die eigene Vergangenheit so überbetonen, dass sie Gewohnheiten und Routinen leichtfertig in den Rang von Werten erheben, starte ich mit dieser Ausgabe der Digitalen Notizen eine neue Rubrik, die den Titel „Früher weiss alles besser“ trägt.

#frueherweissallesbesser ist die ironische Distanzierung von einer Haltung, die die eigene Bewertung vor das Verständnis der Welt setzt. #frueherweissallesbesser ist der Versuch, diese Vor-Beurteilungen und Vorurteile sichtbar zu machen und damit ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir manche Dinge einzig deshalb für richtig halten, weil wir sie auf eine mögliche Weise kennengelernt haben. #frueherweissallesbesser öffnet damit an guten Tagen einen Blick auf die Veränderungen der Gegenwart, der über die eigenen Erfahrungen hinaus geht. Denn ich bin davon überzeugt, dass wir zur Gestaltung der Zukunft eine Haltung entwickeln müssen, die ich im Laufe des Jahres mal als Kulturpragmatismus bezeichnet habe. Um diesen zu erreichen, macht #frueherweissallesbesser Vergangenheitsverklärungen aus allen Bereichen kenntlich.

Denn seit ich diesen Begriff im Kopf habe, fällt mir regelmäßig auf, wie überfällig ein solcher Blick auf Veränderungen die Welt ist: Und dabei geht es bei weitem nicht nur um den Wunsch, Grenzen zu schließen oder vergangene Währungen wieder einzuführen. Die blockierende Kraft der Vergangenheitsverklärung kann man auch erkennen, wenn der Präsident des Lehrerverbandes sich vehement dagegen ausspricht, dass in deutschen Klassenzimmern Internet vorhanden ist – weil er als Maßstab für Unterweisung von Kindern nur seine eigene Vergangenheit kennt (sowie das daraus resultierende Bild von Schule) und nicht die Zukunft derjenigen, die in wenigen Jahren die Lehranstalten verlassen. Auch wenn ein großes deutsches Nachrichtenmagazin (Happy Birthday, btw.) auf der Suche nach dem angemessenen Umgang mit einer neuen Technologie einzig auf die Idee „Mal weglegen“ kommt, ist #frueherweissallesbesser am Werk. Überhaupt ist das Smartphone ein äußerst beliebter Auslöser für die Zukunftsunsicherheit, auf die das #frueherweissallesbesser ja in Wahrheit nur reagiert. Weil man nicht kennt, was sich da ankündigt, flüchtet man sich in die Vergangenheit – und erhebt diese zum Maßstab. Ob dieser Reflex die Ursachen der Unsicherheit angeht oder gar Gestaltungsspielräume eröffnet, wage ich zu bezweifeln. Im besten Fall schafft dieser Rückzug aufs vermeintlich Echte, Wahre und Schöne eine Verschnaufpause, eine kurze Auszeit von dem, was den Rückblicker überfordert – und lenkt dabei von der Idee ab, dass in einer konsequenten Anwendung des Neuen womöglich ein Ende der Überforderung liegen kann. „Das Chaos in der Gegenwart darf uns nicht dazu bringen“, fordert die Guardian-Chefin Katharine Viner, „die Vergangenheit einzig durch eine rosa Brille zu betrachten.“ Das Zitat stammt aus der vor der Trump- und Fakenews-Debatte geschriebenen #langstrecke „How Technology Disrupted the Truth“, die Viner für den Longreads-Podcast des Guardian übrigens selber eingelesen hat.

Wie sehr wir zum verklärten Blick zurück neigen, wurde mir besonders deutlich als ich zum Ende dieses Jahres die sehr schön gemachte Ausgabe des „ehrlichen“ Männermagazins „Wolf“ in die Hände bekam. Laut Verlags-PR eine Form des „Slow Journalismus“, über den Michalis in seiner immer wieder zu empfehlenden Magazin-Schau bei Übermedien schreibt: „„Wolf“ will ein Magazin sein für Männer, die in einer sich immer schneller drehenden Welt den Weg suchen, zwischen all den Anforderungen sie selbst zu sein.

Klar, würde auch ich mich (als mittelgeforderter Mann) für diesen Weg interessieren – zumal ich große Sympathie für einige der Macher und für die Heftidee habe. Aber gerade deshalb war ich etwas enttäuscht als ich beim Lesen feststellte, dass all die Achtsamheit und alles Wesentliche, das Wolf betonen möchte, sich einzig im Gestern findet: Gestern als man noch echte Freunde hatte (und nicht bloß digitale Bekannte). Gestern als Steve McQueen noch lebte und vor allem Gestern als es noch kein Internet gab. Das Abschalten und auf Früher besinnen ist in dem Heft das schwer dominante Rezept, um Achtsamkeit zu erreichen und das Wesentliche zu erkennen. Das ist alles schön wehmütig inszeniert, in Wahrheit aber so zielführend als würde der 1992 verstorbene Altkanzler Willy Brandt (der als Zitat- und Ratgeber auftaucht) zu der Frage Stellung nehmen, wie man am besten mit dem Druck des ständigen Mailens umgehen soll. Auf die Idee, dass eine App oder ein technischer Ansatz hier erfolgreicher ist um sich aufs Wesentliche zu konzentrieren, kommt das Heft leider nicht. Dabei sind die Menschen, die Lösungen für die Überforderung finden werden, heute schon auf der Welt. Vor lauter #frueherweissallesbesser versperren wir ihnen aber in den Schulen noch den Zugang zum Internet…

Das #frueherweissallesbesser derart breitflächig auf dem hochwertigen Papier zu finden, hat mich verwundert. Denn die Wolf-Leser zählen ganz sicher nicht zu den Abgehängten oder Besorgten, die man gemeinhin mit Vergangenheitsverklärung in Verbindung bringt. In Wahrheit findet sich diese Haltung zu den „Good old days“ aber auf allen Seiten des politischen Spektrum – wie die gleichnamige Folge des Pessimists Archive Podcast gerade bewiesen hat. Der Podcast widmet sich dabei der Frage, wann eigentlich dieses „Great“ war, das Trump in seinem „Make America Great Again“ zitiert. Das Ergebnis ist eine historische Fleißarbeit, die beweist: Great ist einzig die Verklärung.

Diese #frueherweissallesbesser-Verklärung ist übrigens so stark, dass sie auch das gemeinhin – und besonders im „me at the end of 2016“-Meme – als schlecht befundenene Jahr 2016 im Rückblick irgendwie great machen wird. Denn es gilt weiterhin was die Orsons schon 2012 (da war die Welt noch in Ordnung) gesungen haben: „Sollten unsre Kinder irgendwann mal meckern ,Früher war alles viel besser!‘ Dann mein‘ sie damit jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt

Wir sollten endlich anfangen, auf dieses jetzt zu schauen, wenn wir Probleme lösen wollen!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

In diesem Jahr sind erschienen: „Lass dir keine Angst machen“ (November), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September) „Soll mein Buch auf Facebook?“ (August), „Der Grüffelo in Social Media“ (Juli) „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

Herzlich Willkommen …

… auf der Website von Dirk von Gehlen.

Ich bin Autor und Journalist und lebe in München. Bei der Süddeutschen Zeitung leite ich die Abteilung Social Media / Innovation und befasse mich mit der digitalen Transformation von Kultur, Gesellschaft und Unternehmen. Ich schreibe Bücher, halte Vorträge und gebe Seminare. Auf dieser Seite können Sie meine Vita und Fotos einsehen.

Aktuell überlege ich, einen Heimat- und Brauchtumsverein für Menschen zu gründen, die im Internet Zuhause sind. Hier kann man sich dafür eintragen

Die Digitalen Notizen sind mein privates Weblog, in dem ich seit 2007 interessante Merkwürdigkeiten aus der Medienwelt notiere. Sie können mir auf Twitter folgen, meinen Newsletter abonnieren oder eine Mail an dirkvongehlen (at) gmail (punkt) com senden.