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Shruggie des Monats: #OkBoomer

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wenn das augenrollende Emoji einen Hashtag hätte, es wäre dieser Tage #okboomer: Ein digitales Schlagwort, um den Generationenkonflikt zu beschreiben, der spätestens seit Rezo und den Ergebnissen der Europawahl in der Mitte der deutschen Gesellschaft angekommen ist. #okboomer entstammt dem Internet und ist allein deshalb Kandidat für den Shruggie des Monats, denn auch der ¯\_(ツ)_/¯ hat seine Quelle im Web.

Viele haben sich gefragt, wie die Reaktion der Generation „Fridays for Future“ wohl aussehen wird, wenn deren Proteste keine grundlegende Veränderungen zur Folge haben werden. Ihre Reaktion ist digital, abgrenzend und memetisch. Ihre Reaktion ist „Ok Boomer“. Mit diesen zwei Begriffen reagieren jüngere Menschen auf Belehrungen und Konfrontationen älterer Menschen, vornehmlich aus der namensgebenden Babyboomer-Generation. Taylor Lorenz hatte das Meme Ende Oktober in der New York Times massenmedientauglich gemacht: „Teenagers use it to reply to cringey YouTube videos, Donald Trump tweets, and basically any person over 30 who says something condescending about young people — and the issues that matter to them.“

Deutsche Medien zogen nach: t3n, Zeit, Welt, stern, NZZ berichten ebenfalls über den Spruch, dessen weltweite Popularität sie in einer Reaktion der Neuseeländischen Grünen-Abgeordneten Chlöe Swarbrick begründet sehen. In einem Gespräch mit dem neuseeländischen Stuff-Magazine hatte diese deutlich gemacht, dass ihre Verwendung des Begriffs sich klar darauf bezieht, dass die ältere Generation in Fragen der Umweltpolitik versagt habe – und sich nun häufig dem Dialog entzieht.

In Deutschland hat die Ok Boomer-Bewegung zwei Reaktionen hervorgerufen: auf Bento hat Marc Roehlig der älteren Generation versucht die Hand zu reichen (Wir sollten nicht „OK Boomer!“ sagen, sondern eher: „Ihr seid OK, Boomer!“) und im Tagesspiegel hat Klaus Brinkbäumer eine kleine Belehrung über englische Begriffe im Deutschen geschrieben.

Mich erinnert Okboomer vielmehr an einen Begriff, den ich in Korea gelernt habe: „teul-ttak-chung“ ist dort ein weitaus weniger charmanter Begriff für den Generationenkonflikt. Man kann das Wort mit „prothesenklapperndes Ungeziefer“ übersetzen – und so bezeichnen junge Menschen dort Vertreter*innen der älteren Generation, die sich vermeintlich weltweise über sie beugen und alles besser wissen.

Dagegen scheint mir das augenrollen der Okboomer-Bewegung im besten Wortsinn humor- und respektvoll. Zu dem Begriff hat der Psychologe Niels Van Quaquebeke auf SZ.de gerade ein interessantes Interview gegeben, das man auch mit Bezug auf den Generationenkonflikt lesen kann. Darin unterscheidet er zwei Arten von Respekt – den horizontalen und den vertikalen Respekt:

Habe ich Respekt, weil jemand etwas Besonderes leistet in einem mir wichtigen Bereich, also besser ist als ich? Das nennen wir bedingten, vertikalen Respekt. Der horizontale Respekt kommt nah an den Achtungsbegriff von Kant: Es geht darum, den anderen als gleichwürdig zu sehen. Dieser Respekt ist bedingungslos. Die einzige Kategorie, die ein Mensch dazu erfüllen muss, ist, dass er Mensch ist.

Stellt sich die Frage, was die jüngere Generation tun muss, um sich diesen Respekt zu erarbeiten und nicht von oben herab behandelt zu werden? Mit #okboomer ist ihr jedenfalls ein ganz gutes Hinweissystem geglückt.

¯\_(ツ)_/¯

UPDATE 1: Bei Übermedien liest Samira El Ouassil #OKboomer als kollektives ¯\_(ツ)_/¯

UPDATE2: digiom weist daraufhin, dass der Filter von Twitter den bestimmten Artikel „Die“ im Deutschen, mit der Englischen Aufforderung „Die“ (Stirb) verwechselt:

UPDATE 2: Schöne Rezo-Kolumne drüben bei Zeit-Online zum Thema. Mit dem richtigen Hinweis:

Die beliebte Boomerresponse auf „OK, Boomer“, wo der jeweilige Boomer dann immer glaubt, festhalten zu müssen, dass er sich selbst ja als Vater/Großvater/Arbeitnehmer/Öko/you name it sieht und eben nicht als Teil einer Generation, zeigt am Ende nur, wie nötig es ist, ihm diese Zugehörigkeit endlich mal unter die Nase zu reiben. Denn nur wer die Macht hat, kann immer bestimmten, wer er sein will. Und muss sich nicht als Teil von Ausländern/Frauen/dieser Jugend von heute/et cetera behandeln lassen.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.
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Ringlicht – der Gegenstand der digitalen Gegenwart

Der Selfiestick steht vor einem riesigen Problem: das beliebteste Symbol für die vermeintlich selbstbezügliche Gegenwartskultur wackelt, nicht mehr lang und der Selfiestick wird fallen. Rausfallen aus all den kulturpessimistischen Analysen, die mit Hilfe des Selfiesticks illustrieren, wie Ich-bezogen die Jugend, das Internet und überhaupt die Gesellschaft doch sei. Wer diesen Eindruck auf einfache Weise erwecken will, muss lediglich hier oder da einen Selfiestick auftauchen lassen. Schon ist klar: die auf diese Weise beschriebene Person muss dümmer sein als man selbst.

Unter Druck gerät der Selfiestick nicht etwa durch die Erkenntnis, dass Kulturpessimismus auf Dauer langweilig ist – sondern durch eine technische Erfindung, die bisher nicht mal einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat, für mich aber durchaus so etwas wie der Gegenstand der Gegenwart ist. Ich spreche von einem Ringlicht (hier Beispiel-Foto von Unsplash). Das Ring-Light wird in der Fotografie eingesetzt, um so genannte Beauty-Shots, Makro-Aufnahme und vor allem Porträts schattenfrei zu beleuchten. In der Mitte der Ringleuchte wird die Kamera angebracht, so dass vor der Linse kein Schatten das Bild stört. In den Augen der auf diese Weise fotografierten Person erkennt man das Ringlicht dann in der Spiegelung in den Pupillen.

Außer bei professionellen Fotograf*innen leuchtet das Ringlicht vor allem bei Menschen, die gerne gut ausgeleuchtete Kurzfilme und Porträts erstellen. Instagram und vor allem Tiktok machen ohne Ringlicht nur halb so viel Spaß bzw. die Bilder, die man dort hochladen kann, sind ohne die Ringleuchte nur halb so schön. Diese Popularität wird meiner Meinung nach dazu führen, dass schon bald erste Kulturpessimist*innen dazu übergehen werden, ihr Unwohlsein an der Gegenwart nicht mehr an Selfiesticks zu illustrieren – sondern am Ringlicht.

Wenn es dann so weit ist, kann man diesen Text verlinken – mit dem Hinweis darauf, dass die Verbesserung von Bildern keineswegs ein Ausdruck für den Niedergang der Kultur ist, sondern schon im 18. Jahrhundert praktiziert wurde – wie man am Beispiel des Claude-Glass nachlesen kann.

Mehr zum Thema Tiktok hier in den Digitalen Notizen: Was ich nach 24 Stunden TikTok gelernt habe (es waren fast 24 Stunden)

Vinyl-Begeisterung für vier Prozent

Schallplatten sind eine tolle Sache. Mindestens um wehmütige Erinnerungen an die Zeit zu stimulieren „als Musik noch richtig groß war“ – wie Olli Schulz singt. Vinyl-Schallplatten sind aber vor allem eine tolle Projektionsfläche (Foto: unsplash). Gerade kann man das an einer Meldung sehen, die die amerikanische Musikindustrie als PDF verschickt hat: „Mid Year Report“ heißt der Halbjahresbericht, aus dem in den vergangenen Tagen erstaunliche Aussagen geformt wurden: „Vinyl liegt im Trend“ (stern), „Der Vinyl-Boom will nicht enden“ (Musikexpress) und „Das schwarze Gold erlebt einen Aufschwung“ (Tagesspiegel) konnte man in Texten lesen, die mit wohligem Retro-Charme an die Zeit vor Streaming-Diensten und Internet erinnerten. Inspiriert wurden diese Trend-Behauptungen von der Beobachtung, dass es sein könnte, dass mit Ablauf des Jahres 2019 in den USA mit Vinyl mehr Geld verdient wird als mit CDs.

Wohlgemerkt: Es könnte sein, dass es so kommt. Denn aktuell wird mit CDs noch mehr Geld verdient. Der CD-Umsatz schrumpft allerdings, der mit Vinyl wächst leicht. In den Worten des Mid-Year-Reports liest sich das so:

Net revenues from physical products bucked the recent trend in unit sales and grew 5% to $485 million in 1H 2019; however, this growth was the result of a reduction in physical product returns, and on a gross basis the revenues from physical product would have been down for the period. Vinyl albums grew 13% to $224 million, but still only accounted for 4% of total revenues in 1H 2019.

Egal wie gut man Englisch spricht: Diese Aussage ist nur ganz schwer in das Wort „Vinyl-Boom“ zu übersetzen. Vier Prozent vom gesamten US-amerikanischen Musikkuchen (Grafik aus dem Mid-Year-Report) fallen auf Vinyl-Schallplatten. Nimmt man die CDs als weitere physische Produkte dazu kommt man auf neun Prozentpunkte. Erstaunlich daran: dieser Anteil entspricht dem, was die US-Musikindustrie mit digitalen Downloads erwirtschaftet. Ob das allerdings für die Begriffe „Trend“ oder „Boom“ reicht? Der Report selber sieht das nicht so. Dort steht eine andere Entwicklung zentral:

In the first half of 2019, the U.S. recorded music market continued the overall trends and double digit growth rates of 2018. Revenue increases were driven by the number of paid subscriptions exceeding 60 million for the first time.

Von „paid subscriptions“ kann man allerdings in keiner der zitierten Meldungen lesen. Dort steht nichts darüber, was es bedeutet, dass diese Form des Musikkonsums wächst. Obwohl dieser Bereich zu dem größten Stück im Musikkuchen zählt, der in der Grafik als „Streaming“ zusammengefasst wird: 80 Prozent umfasst dieser Bereich. Ob das schon für eine Meldung über einen Trend oder einen Boom ausreicht?

Shruggie des Monats: Heuchelei

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wäre es scheinheilig, wenn die Umweltaktivisten Greta Thunberg mit dem Flugzeug reisen würde? Während sie medial begleitet über den Atlantik segelt (um das Fliegen zu vermeiden), wird genau die Frage nach der Heuchelei ausführlich diskutiert: Verhält sie sich privat womöglich anders als sie es politisch verlangt? Meinungsdetektive beobachten dies sehr genau – und werten alle Indizien als Beweis für das, was die Wikipedia als Hypokrisie definiert: das absichtsvolle Vermitteln eines Bildes, das nicht dem realen Selbst entspricht. Eben diese vermeintliche Heuchelei wollen sie auch entdeckt haben, wenn irgendwer ermittelt, dass grüne Bundestagsabgeordnete häufiger fliegen als andere. Das sei ebenso verlogen wie das Ergebnis der Erhebung, dass Wähler*innen der Grünen häufiger auf Flug-Reisen sind als AfD-Wähler*innen.

Diese Entdeckungen sollen als Argument dienen, um die vermeintliche Heuchelei der Klimaschützer zu belegen. Denn wenn die schon selber nicht tun, was sie politisch fordern, müssen sie ja verlogen sein – so der eher schlichte Gedankengang, der auf etwas abzielt, was der Shruggie als Namensgeber dieser Rubrik für problematisch hält: auf moralische Reinheit! Nur wer moralisch rein sei, solle fordern dürfen, so das zugrundeliegende Argument. Wer aber einzig den privaten ökologischen Fußabdruck einer Person heranzieht, um deren Argument zu überprüfen, ist dem süßen Gift der einfachen Antworten verfallen – und teilt die Welt vereinfachend nach einzig moralischen Kategorien ein. Nur wer auf der richtigen Seite stehe, so die verkürzende Annahme, könne auch Richtiges sagen. Das ist nicht nur gefährlich, es ist auch das Gegenteil von liberal. Denn die Idee einer freien Gesellschaft basiert darauf, dass die Menschen eben nicht moralisch rein, sondern fehlbar sind. Und weil wir unperfekt sind, gestehen wir einander zu, Fehler zu machen und unsere Meinung ändern zu dürfen – und zwar unabhängig davon wie nah wir dem vermeintlich wahren moralischen Kern kommen.

Diese Moralkritik gilt allerdings nicht nur für die so genannten Greta-Kritiker, sie gilt auch für die moralische Überlegenheit der Umweltschützer selber: Der Shruggie wäre deshalb sogar der Meinung, dass es der Sache und der Debatte nützen würde, wenn Greta Thunberg im SUV zum Flughafen fahren, einen Pappbecher-Kaffee durch den Plastikstrohhalm schlürfen und nach New York fliegen würde (Foto: unsplash). Laut atmosfair würde sie damit 3.719 Kilogramm CO₂ für Hin- und Rückflug aus Stockholm produzieren. Sie würde damit aber auch etwas reduzieren: den moralischen Druck, ausnahmslos alles stets richtig machen zu wollen oder zu müssen.

Der Shruggie glaubt fest daran, dass eine der zentralen Fähigkeiten für Zukunftsgestaltung darin liegt, Mehrdeutigkeiten auszuhalten – und man kann Ambiguitätstoleranz an wenig besser erklären als an dem Thunberg-Flug nach New York. Denn so problematisch man eine Flugreise finden kann, die Tatsache, dass Greta Thunberg beim Klimagipfel teilnimmt, ist so ein starkes Symbol, dass man selbst aus Umweltgesichtspunkten die 3800 Kilogramm CO₂ nicht ablehnen kann.

Die Dinge sind ganz selten einfach nur schwarz oder nur weiß. Sie sind nahezu immer in Abstufungen grau. Diese Abstufungen muss man aushalten lernen. Das ist der Zauber einer liberalen Demokratie: dass nicht nur einer Recht, sondern dass immer auch das Gegenteil Berechtigung hat. Diese Abstufungen sind die Voraussetzungen für gesellschaftlichen Fortschritt – der auf politischer Ebene geschaffen wird. Denn natürlich ist es klimapolitisch viel bedeutsamer, dass auf institutioneller Ebene ein schneller Kohle-Ausstieg, die Verkehrswende und die Unterstützung erneuerbarer Energien beschlossen wird (hier die inhaltlich-politischen Forderungen von „Fridays for Future“ nachlesen). Zumindest ist das die Überzeugung in der liberalen Grundhaltung des Shruggie: dass eine freie Gesellschaft sich schrittweise und in Kompromissen auch durch ihre Institutionen verbessert. Es wird sich nicht das absolut Reine und Wahre durchsetzen können, sondern der gesellschaftliche Kompromiss. Der US-Autor Adam Gopnik beschreibt diese Entwicklung über den Wert vermeintlich kleiner Handlungen in seinem Buch „A Thousand Small Sanities“. Das sind dann kleine (Fort-)Schritte, aber eben Fortschritte.

Womit wir wieder beim kleinen Akt der privaten Flugreise sind: Natürlich kann es sinnvoll sein, wenn jede und jeder weniger CO₂ ausstößt, aber eben aus privaten Gründen nicht aus moralischer Überlegenheit. So würde sich in doppeltem Sinne das Klima verbessern – jenes in der Debatte und auch die Umwelt. Denn Klimaschutz braucht mehr Politik und weniger private moralische Zeigefinger.

¯\_(ツ)_/¯

P.S.: Wer sich für das Thema interessiert, kann drüben bei der SZ den kostenlosen Newsletter abonnieren: unter klimafreitag.de schreiben meine Kollegen Marlene Weiß, Pia Ratzesberger, Alex Rühle und ich wöchentlich zum Thema

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai/Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Bedeutung. Am Ende geht es einzig und allein um unsere eigenen Bedeutung. Das jedenfalls sagt Jason Feifer in seinem Text „Warum ältere Menschen schon immer über jüngere Menschen schimpfen“, der zur Grundlage für die aktuelle Episode des Pessimists Archive-Podcast wurde, die auf deutsch „Die Jugend von heute“ heißen würde (und auf Twitter vermutlich #diesejungenleute). „Wir können nicht anerkennen, dass das Leben ohne uns weitergeht. Und statt den Lauf der Welt zu akzeptieren, geben wir einfach der kommenden Generation die Schuld.

Für Feifer liegt genau in dieser Angst vor der eigenen Sterblichkeit der Hauptgrund für das Hadern der Alten mit der Jugend – und zwar nicht nur mit der Jugend von heute, sondern auch mit jener von gestern, vorgestern und auch der davor. Er erkennnt ein wiederkehrendes Muster, das man Beschuldigungs-Vererbung nennen könnte. Stets auf Neue klagen dabei die Älteren über die Jüngeren: Weil es diesen an Anstand fehle oder an Wissen oder weil sie schlicht nicht so sind wie das Früher™️, an das sich mancher zu erinnern glaubt. In der Podcast-Folge kann man dazu ein kleines Ratespiel spielen, für das Feifer Jugend-Beschimpfungen aus mehreren Jahrhunderten zusammengetragen hat, die sich frapierend ähneln und deshalb kaum unterscheidbar sind. Als aktuell fallen die Beschimpfung dieser Tage nur deshalb auf, weil sie häufig von der angeblich unsachgemäßen Handy-Nutzung (Symbolbild: Unsplash) handeln. Davon abgesehen scheint es eine Art Ur-Misstrauen der Alten in Bezug auf das Neue zu geben. Umberto Eco spricht deshalb davon, dass es sich beim Hadern der Jugend von gestern über die Jugend von heute um eine Art wiederkehrenden Menschheitstraum handle.

Es ist dies kein besonders schöner Traum – und der abgelaufene Monat war für mich voll von Beispielen für diese Konfliktlinie zwischen den Generationen. Ich durfte (wie hier berichtet) auf Einladung des Goethe-Instituts in Seoul an einer Veranstaltung teilnehmen, die Generationenkonflikte in einem internationalen Kontext beleuchtete. Dabei lernte ich, dass z.B. auch in Korea greifbar wird, wie Alte und Junge sowie Junge und Alte aneinander vorbei reden – und sich dabei auf äußerst unschöne Weise beleidigen, wie man in diesem Text von Korea Expose nachlesen kann – dazu in der aktuellen Ausgabe von The Economist über den Begriff kkondae Und kaum war ich zurück, lieferte ein YouTube-Video den Beweis dafür, dass auch Deutschland diese Konflikte kennt: zwischen denen, die etabliert sind und jenen, die sich etwas herausnehmen, was anders ist und neu – und nicht selten als Angriff wahrgenommen wird. „Das gehört sich nicht“, sagen die Alten und sprechen von mangelnder Wertschätzung für die eigene Leistung. „Die machen nichts“, sagen die Jungen und sprechen von mangelndem Möglichkeitssinn und Gestaltungswillen.

Zur Europawahl gab es diesen Konflikt dann auch in handfesten Zahlen, die zeigen: Diejenigen Wähler*innen die erstmals wählten, entschieden sich grundlegend anders als jene, die schon häufiger an Wahlen teilnahmen. Konkret stimmten bei den Wähler*innen unter 30 Jahren mehr Menschen für die Grünen als für SPD, CDU/CSU und FDP zusammen. Das passt zu einer Analyse über die Kluft zwischen den Generationen, die Jagoda Marinic schon im vergangenen Jahr in der New York Times beschrieb. Bernd Ulrich diagnostizierte am Sonntag, diese Europawahl habe „eine so nie da gewesene Spaltung zwischen der jungen Generation und den Älteren bloßgelegt“, was durchaus an seine Prognose aus dem März erinnert, als er schrieb: „Wenn die Politik so weitermacht, dann läuft nicht nur Deutschland in einen Generationenkonflikt hinein, gegen den 68 ein Kindergeburtstag war. Damals ging es vor allem um die deutsche Vergangenheit (und den Krieg in Vietnam), heute geht es um die globale Zukunft.“

Das mögliche Ausmaß dieses Generationenkonflikts konnte man unlängst im Atlantic nachlesen, wo ein Professor und ein Student gemeinsam analysierten, „der Bruch zwischen den Generationen in der amerikanischen Politik wächst so stark, dass er wichtiger werden könnte als die Differenzen zwischen Klassen oder Hautfarben, die traditioneller Weise als Grundlage der Analyse dienen“. Auch Georg Diez, der den Text in der taz zitiert, argumentiert ähnlich. Er fordert: „Es wird sich mehr verändern müssen als nur die inhaltliche Debatte von Politik, ob im EU-Parlament oder im Deutschen Bundestag, so viel scheint klar. Die Schüler, die den Protest auf die Straße getragen haben, was zu zum Teil krassen und hässlichen Abwehrreaktionen von Teilen der Politik und der Medien geführt hat, die mehr darüber aussagen, wie verzweifelt hier um das eigene Überleben, sprich die eigene Karriere oder die Interessen, die dahinter stehen, gekämpft wird – die Schüler sind jedenfalls geprägt von einer anderen Welt, wie sie sie wahrnehmen, bedroht in ihrem Wesen, erschaffen durch die Technologien, die sie benutzen. Das verändert Theorie und Praxis von Politik, wie es etwa Fridays for Future zeigt. Es geht nun darum, die Demokratie in Europa für das digitale Zeitalter und eine andere Generation neu zu erfinden.“

Womit wir wieder bei der eingangs erwähnten Bedeutung sind. Denn noch deutlicher als am Lebensalter ist die Differenz an einer Frage erkennbar, die ich hier und hier schon mal gestellt habe: Kann es (noch) besser werden? Die Konfliktlinie des neuen Generationenstreits zwischen denen, die etwas zu verlieren und jenen, die etwas zu gewinnen haben, verläuft zwischen der „Generation Bewahren“ und der „Generation Gestalten“ – und das hat natürlich mit dem Alter zu tun, aber eben nicht nur. Es hat damit zu tun, ob man die von Feifer eingangs zitierte eigene Bedeutung aus der Vergangenheit begründet oder ob man Zukunft gestalten will. Das geht womöglich beides und auch zusammen, aber es ist eine Frage der Priorisierung. Jede und jeder muss sich die Frage stellen: Trage ich dazu bei, Hoffnung für eine bessere Zukunft wachsen zu lassen?

Darin liegt vielleicht ein Ansatz, den wiederkehrenden Traum des Generationenkonflikts zu beenden. Denn: „Die Kraft diesen Zirkel zu durchbrechen, liegt in unseren Händen“, ereifert Feifer sich in seinem Podcast. Schließlich haben wir Alten Älteren, ja schon mal bewiesen, dass die Generationen-Beschuldigung falsch war. Was die Alten Sehr Alten über uns sagten, war doch erkennbar falsch, also durchbrechen wir den Kreislauf und hören auf, auf die Jungen zu schimpfen – schlägt Feifer vor und kommt zu dem Schluss: „Wir sind nichts Besonderes. Wir sind lediglich die letzte Generation in einer ganzen Reihe.“ Wir sollten uns von dem Wunsch verabschieden, dass man sich an uns erinnert. „Wir sind genauso gut und genauso schlecht wie die vor uns – auch wie die, die nach uns kommen. Wir sind eingeklemmt zwischen zwei Generationen. Das Beste was wir daraus machen können: Wir sollten unsere Zeit klug nutzen und diejenigen unterstützen, die uns mal nachfolgen werden.“

Besonders schön ist dieser Vorsatz übrigens in einem Kinderbuch zusammengefasst, das ich auch in diesem Monat gelesen habe. Es stammt von Rebecca Solnit, von der ich einen hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft gelernt habe und die sich die Mühe gemacht hat, Aschenputtel in eine moderne Form zu bringen (Cinderella Liberator). Sie sagt, sie habe irgendwann gemerkt, dass es in der Geschichte gar nicht so sehr darum gehe, einen Prinzen zu heiraten, sondern viel mehr um die Verwandlung und die Transformation. Deshalb lässt sie die gute Fee in dem Buch an einer Stelle auch sagen, dass die wahre Magie darin liege, dazu beizutragen, dass jedes Ding sein bestes und möglichst freies Selbst entwickeln kann.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, dessen Mai-Ausgabe in den kommenden Tagen verschickt wird. Mehr zum Thema Generationenkonflikt gibt es auch in dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip – zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen“

Grumpy Cat ist tot

Wer einen Grund zur schlechten Laune sucht, hier ist er: „Jetzt gibt es sogar schon Nachrufe auf Internet-Memes.“ Alles an dem Satz macht missmutig. Der Anlass (Grumpy Cat ist tot) und die darauf folgenden medialen Verwertungsmechanismen (Nachrufe!) laufen konsequent auf den einen Satz zu, der mit der missmutig schauenden Katze auf ewig verbunden sein wird: „I had fun once – it was awful“

Es war ein Spaß, sich an der Katze zu erfreuen, die mit einem besonders missmutigen Gesichtsausdruck beschenkt und von ihrer Besitzerin „Tadar Sauce“ getauft wurde. Doch der Spaß ist jetzt vorbei! Die vermeintlich schlechte Laune als Reaktion auf alles, war einer der ersten Running-Gags des Internets. Aus der vermeintlich guten Zeit: Früher! Eine lustige Referenz, die mit Erwartungen brach und auf gemeinsamem Vorwissen basierte. So funktionieren Memes, die Geheimsprache in der Welt, die für alle zugänglich ist. Das war mal jung und frisch und neu – und jetzt landet dieses System der Wortwitz-Bezüge in der Nachruf-Spalte. Schlimme Welt! Niedergang, Skandal, schlechte Laune!

Doch das ist das Großartige an der kleinen Katze aus Arizona: Sie hat die schlechte Laune den Schlechtgelaunten geraubt. Wann immer ein missmutiger Griesgram auftaucht, muss man an die in Wahrheit ja lustige Katze denken – und schon ist die Griesgram weniger mächtig. Das ist der Zauber der Ironie dieses Memes: man kann es nicht mit schlechter Laune betrachten.

Deshalb wird Grumpy Cat für mich immer der beste Beweis dafür bleiben, dass das Jammern über den Niedergang der Welt im Allgemeinen und über die Popularisierung von Memes im Speziellen nicht funktioniert. Es gehört zu Memes dazu, dass sie irgendwas aus der Ecke des Geheimwissens heraustreten. Und es bleibt Grundantrieb der Welt, dass sie sich ändert. So traurig der Anlass also sein mag, dass die Katze am 14. Mai verstorben ist: Dass es mittlerweile Nachrufe auf Memes gibt, ist doch in Wahrheit ein Beweis dafür, dass Fortschritt möglich ist. Und wer das nicht so sieht, darf gerne missmutig bleiben.

Hier der Beitrag zum Phänomen von vor vier Jahren aus der Serie „15 Minutes of Fame“

Wer nur am Rand hockt, braucht kein Wasser im Pool – vom Ende des freien Internet

Ist die Aufregung um den Urheberrechtskompromiss, der gestern in Brüssel ausgehandelt wurde, eigentlich berechtigt? Ist das freie Internet wirklich in Gefahr? Darüber wird gerade heftig gestritten und der Grund hat weniger mit dem etwas komplizierten juristischen Fachgebiet zu tun (zu dem ich btw. eine klare Meinung bereits vor Jahren geäußert habe: Wir brauchen Lösungen mit und nicht gegen die Kopie) als vielmehr mit der Frage, was eigentlich gemeint ist, wenn man vom „freien Internet“ spricht.

Es gibt da nämlich einen sehr bedeutsamen Unterschied in der Wahrnehmung, den man am besten mit dem Bild von einem Pool illustrieren kann (Foto: Unsplash): Dort gibt es schwimmende Menschen und solche, die nur am Rand sitzen. Beide mögen den Pool, aber Schwimmer*innen und Randsitzer*innen haben dennoch völlig unterschiedliche Wahrnehmungen dessen, was den Pool ausmacht. Die Frage, ob Wasser im Pool ist, spielt dabei nur für diejenigen eine Rolle, die auch reinspringen. Für sie ist es jedoch die zentrale Frage. Im Urheberrechtsstreit ist das Wasser das freie Internet. Der Pool verliert seinen Reiz, wenn er kein Wasser mehr hat. Wie soll man dann schwimmen? Menschen von der Randsitzer*innen-Fraktion verstehen diese Frage nicht, denn Wasser kennen sie kaum aus eigenem Erleben. Sie schwimmen nicht und sehen höchstens Mal die Wasserspritzer wenn einer der Schwimmer Arschbombe macht. Das ist dann vielleicht lustig, aber eine Ausnahme. Denn die Randsitzer*innen gehen nicht ins Wasser und verstehen deshalb auch nicht, warum die Schwimmer so einen Aufstand um das Wasser machen. Der Pool ist doch auch ohne Wasser schön – denken sie und wischen alle berechtigten Bedenken weg, die mit Uploadfiltern verbunden sind. Denn wer eh nichts hochlädt, kann sich vermutlich auch keine Probleme mit Uploadfiltern vorstellen.

Ich habe schon vor ein paar Jahren in einem SZ-Text über diesen digitalen Graben zwischen den aktiven und den passiven Internet-Nutzern geschrieben (hier kann man ihn nachlesen), doch jetzt droht dieser Unterschied zu einem Problem zu werden. Denn die Randsitzer haben ein Gesetz in Planung, das dazu führen könnte, dass das Wasser aus dem Pool verschwindet.

Simon Hurtz hat dazu gestern einen treffenden Kommentar geschrieben, der die zentralen Sorgen der Schwimmer*innen zusammenfasst, schon im Sommer hat Sascha Lobo auf den Punkt gebracht, dass der Glaube an „Erkennungsoftware“ den Verdacht nähert, dass hier jemand noch nie im Wasser war. Die Schwimmer*innen aller politischen Farben hingegen sind sich einig, dass Uploadfilter das Wasser im Pool bedrohen – und deshalb keine Lösung liefern.

Da sich im so genannten Trilog EU-Staaten, die Kommission und das Parlament gestern auf einen Kompromiss geeinigt haben, ist unwahrscheinlich, dass das Parlament, das darüber noch abstimmen wird, den Entwurf noch ablehnt. Es ist aber nicht unmöglich, darauf weist eine der Schwimmerinnen im EU-Parlament hin: Julia Reda hat heute einen Blogeintrag online gestellt, in dem sie beschreibt, was andere Schwimmer*innen jetzt tun können:

Die endgültige Abstimmung im Parlament findet nur wenige Wochen vor der Europawahl statt. Die meisten Abgeordneten – und jedenfalls sämtliche Parteien – würden gerne wiedergewählt werden. Die Artikel 11 und 13 werden dann fallen, wenn genug Wähler*innen sie zum Wahlkampfthema machen

Vielleicht besteht ein Ansatz für eine Lösung ja darin, die Randsitzer*innen mal zum Aufstehen zu bewegen und sie wie auf dem Bild oben an die Leiter am Pool zu begleiten. Wer dort steht, stellt schnell selber fest, dass es einen Unterschied macht, ob Wasser im Pool ist oder nicht wenn man gleich reinspringt!

Viel Spaß beim Schwimmen – so lange es noch geht

Shruggie des Monats: die Zehn-Jahres-Challenge

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wenn tatsächlich alles immer schneller und unübersichtlicher wird, dann ist das Veröffentlichen zehn Jahre alter Bilder vielleicht mehr als ein kurzlebiger Trend. Vielleicht ist die Tenyears-Challenge, die gerade Bildpaare aus den Jahren 2009 und 2019 in die Timelines spült, der Versucht, Übersicht zu schaffen. Oder Ordnung. Oder zumindest sowas wie digitale Historizität. Man setzt ins Bild, was Facebook seit einer Weile mit dem „heute vor x-Jahren“-Hinweis erzeugen will: ein Gefühl für die Zeitverfluggeschwindigkeit (Foto: Unsplash)

Die Geschichte des Memes illustriert einige Reflexe in der digitalen Wahrnehmungswelt: vom Aufkommen des Trends, über verstärkende mediale Berichte, die lautstarke Warnungen (Vorsicht: Gesichtserkennung!) und ähnlich laute, aber abschwächende Antworten (Hat Facebook überhaupt nicht mehr nötig). Aus mindestens zwei Gründen eignet sich die Dekaden-Challenge (die in Wahrheit natürlich keine wirkliche Herausforderung ist) als Shruggie-Referenz.

Zum ersten beweist sie: Man kann auch zu früh dran sein mit einer guten Idee. 2018 hat der Shruggie eine Art Zehn-Jahres-Challenge gestartet. Für den Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ bot er ein Zehn-Jahres-Abo an – leider nicht mit ausreichendem Erfolg. Und nur wenige Monate später spricht das Netz von nichts anderem mehr: die 10-Years-Challenge liefert gerade (unter unterschiedlichen Schlagworten) einen Überblick über optische Veränderungen der vergangenen zehn Jahre. Genau diesen Blick wollte der Shruggie 2018 auch eröffnen – nicht nur optisch.

Damit sind wir beim zweiten Grund, weshalb die Tenyears-Challenge zum ersten Shruggie des Monats 2019 taugt: Sie beweist nämlich wie nah zehn Jahre in Wahrheit ist. Eine Dekade klingt nach irrer zeitlicher Distanz, die Fotos zeigen aber: Zehn Jahre vergehen schneller als man denkt.

Der Shruggie lädt nun dazu ein, den Blick nach vorne zu richten. 2029 ist näher als man denkt. Wie wird die Welt dann sein? Welchen Fortschritt haben wir erzielt? Der Shruggie sieht in den Fotos, die gerade hochgeladen werden, deshalb vor allem eins: den Impuls, an einer besseren Zukunft zu arbeiten. Denn es geht schneller als man denkt, da laden die Menschen des Jahres 2029 ihre Doppelbilder auf die Social-Media-Plattformen der Zukunft.

Was für eine Zukunft wird das sein? Arbeiten wir dran ¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er hatte auch einen Podcast namens „Was würde der Shruggie tun?“

Der Typ, der nie übt

Ich habe diese Woche etwas Neues gelernt: Unter den Menschen, die Robert Habeck mögen, gibt es erstaunlich viele, die Twitter und Facebook nicht mögen. Jedenfalls habe ich in den vergangenen Tage zahlreiche Leserbriefe von Menschen bekommen, die genau aus der genannten Präferenzlage heraus super finden, dass Habeck sich bei Twitter und Facebook abgemeldet hat. Denn sie selber verzichten ja schon immer auf diese Dienste, lassen sie mich wissen. Seine Entscheidung ist ihnen Bestätigung ihrer Ablehnung. Sie weckt die Hoffnung, dass es vielleicht doch eine Option ist, nicht mitzumachen. Dass Habeck weiterhin auf Instagram (aktiv?) ist, bemerken sie dabei nicht.

Sie kritisieren mich, weil ich Anfang der Woche bei der SZ kommentierte, dass Habecks Schritt persönlich vielleicht nachvollziehbar, politisch aber ein sehr falsches Zeichen ist.

Nun kann man völlig zurecht argumentieren, dass diese Entscheidung des Grünen-Chefs ohnehin schon zuviel Aufmerksamkeit bekommt und man sich doch endlich wieder relevanteren Themen zuwenden sollte. Doch das ist eine zweite Erkenntnis dieser Woche: Es gibt erstaunlich viele Menschen, bei denen diese Debatte rund um Social-Media etwas auslöst. Es gibt Gesprächsbedarf in diesem Land.

Diese allgemeine Aufmerksamkeit nutzte Schlecky Silberstein, der Habecks Schritt lobte und ein Twitter-Verbot für Abgeordnete forderte. Deutschlandfunk-Kultur verfiel auf diese Provokation und rief mich heute Mittag an, um den Vorschlag zu sprechen.

Das ist deshalb erwähnenswert, weil entweder die Musikredaktion oder ein sehr schlauer Algorithmus nach dem Gespräch einen Song spielt, der meiner Einschätzung nach das Problem perfekt auf den Punkt bringt: „Der Typ, der nicht übt“ von Niels Frevert handelt zwar inhaltlich nicht von Twitter oder Facebook. Der Titel fasst aber zusammen, was mich stört: dass Habeck nicht lernt und weitermacht, sondern ernsthaft glaubt, dass Löschen eine Lösung sein. Denn: „Es gibt an den sozialen Netzwerken Dinge zu kritisieren, die man auf politischer Ebene dringend angehen sollte“, habe ich heute Mittag im Gespräch mit Max Oppel geantwortet: „Die Frage, wie mit Hasskommentaren dort umgegangen wird. Die Frage, wie man reguliert, dass sie sich der Steuerpflicht entziehen, dass sie den Datenschutz unterwandern. Das sind wichtige politische Fragen. Die werden wir aber nicht lösen, indem wir sagen: „Sehr gut, Herr Habeck hat seinen Account gelöscht.“ Damit wird das Problem ja nicht gelöst. Damit suggeriert man, es gebe eine einfache Lösung für die sehr komplizierte Regulierung von Social-Media-Plattformen.“ (Symbolbild fürs Wegschauen: unsplash)

Das Lied ist aber auch deshalb toll, weil es im vollständigen Titel in Klammern etwas ergänzt, was man auch zu dieser etwas länglichen Debatte ergänzen sollte

Worum es wirklich geht

Es geht darum, dass Social Media eine Herausforderung ist. Keiner hat gesagt, dass es leicht wird mit diesen vielen neuen Dingen. Aber ich glaube, wir müssen uns dem stellen und hinzulernen, wie man die neuen Medien gut nutzt. „Wir kommen nicht umhin“, schrieb ich Anfang der Woche, „uns den Problemen zu stellen – und den immer neuen Versuch zu unternehmen, sie zu lösen. Dabei werden Fehler passieren, wie sie Habeck passiert sind. Lösungen findet aber nur derjenige, der bereit ist, auch weiterhin Fehler zu machen. Diese Bereitschaft scheint Habeck verloren zu haben.“

Das ist deshalb schade, weil ich Ende der Woche gelesen habe, wer in Sachen Medienkompetenz offenbar besonderen Nachholbedarf hat: Nicht diese vermeintlich problematischen jungen Leute, sondern Menschen über 65 Jahre. Die Typen, die nie nicht mehr üben. Denn: „Nutzer im Alter von 65 Jahren oder älter teilen „fast sieben Mal mehr“ Artikel von Falschmeldungen verbreitenden Internetadressen als 18- bis 29-Jährige, wie aus einer Studie der Universitäten Princeton und New York hervorgeht“, schrieb der Faktenfinder der Tagesschau und ergänzte: „Die Autoren begründeten das Ergebnis mit der mangelnden digitalen Medienkompetenz älterer Menschen.“

Vielleicht ein ganz gutes Ergebnis der ganzen Debatte: Wir sollten allesamt mehr üben und bereit sein aus Fehlern zu lernen!

Mehr aufs Handy starren!

Die Zeit des Jahreswechsels ist ein guter Anlass, um sich von Altem zu trennen und sich mit guten Vorsätzen dem Neuen zu widmen. Ich möchte dies nutzen, um mich von einer Formulierung zu trennen, auf die ich im kommenden Jahr gerne verzichten würde (im Sinne von: Ihr müsst sie nicht mehr schreiben oder behaupten!). Ich verbinde die Trennung von besagter Formulierung mit einer letzten Verwendung – und zwar in dem Vorsatz: Ich möchte 2019 mehr auf mein Handy starren!

Nicht mal Helene Fischer oder Thomas Gottschalk bringen die verbindende Strahlkraft auf, die die Formulierung „die Leute starren ja eh zuviel aufs Handy“ entwickelt: über Alters- und Einkommensschichten hinweg kann man damit auf allen Seiten des politischen Spektrum Einigkeit erzeugen. Denn: „Ist doch wahr! Dieses ständige Glotzen. Mensch!“

Abgesehen davon, dass es ratsam ist, gerade dort achtsam zu werden, wo sich viele viel zu leicht einig sind, habe ich hier auch einen inhaltlichen Zweifel. Und dabei geht es nicht – wie regelmäßige Leser*innen dieses Blogs vermuten könnten – um eine gesellschaftliche Ebene. Es ist ein schlicht persönlicher Antrieb, der mich den Vorsatz fassen ließ. Ich starre wirklich gerne auf mein Handy (Foto: Unsplash).

Aufgefallen ist mir dies als ich unlängst in einer kleinen Pause in einer Ecke saß und mich entspannte. Menschen mit Hang zum Meditativen würden vielleicht sagen: Als ich in einer Ecke saß und ganz bei war. Sie würden diese Formulierung allerdings nur so lange wählen, wie ich ihnen den Gegenstand verschweige, den ich in der Hand hielt. Es war ein kleines Fenster zur Welt. Vergleichbar mit dem, aus dem sich eher lokal veranlagte Menschen auf ein Kissen gestützt lehnen und rausgucken. Mein Rausgucken galt keiner kleinen Nachbarschaft oder Straße, sondern der Welt. Es war allerdings genau so wenig zielgeleitet wie das Gucken der Fensterrentner. Es war ein Treibenlassen, ein stummer Protest gegen die dauernde Anforderung, ständig präsent und aktiv sein zu müssen. Mein Rausgucken in die Welt war kein Funktionieren im kapitalistischen Sinn, es war ein Flanieren, ein Zappen, ein Surfen. Die Begriffe beschreiben in etwa die gleiche Tätigkeit – allerdings in klar absteigender Wertung: Beim Flanieren hat man das vergoldet-vergilbte Bild eines kosmopoliten Gentleman vor Augen, der mit Spazierstock und weltläufiger Gelassenheit die Nachbarschaft durchschreitet. Beim Zappen sieht man vielleicht das Testbild eines guten alten Röhrenfernsehers vor sich und beim Surfen schließlich ist man vollends in der Welt der verachtenswerten Gegenwart angelangt.

Flanieren zur Entspannung? Selbstredend!
Surfen zur Entspannung? Unmöglich!

Der Begriff für das virtuelle Treibenlassen stammt aus dem Jahr 1992 von der Autorin Jean Armour Polly (habs gerade für die Gebrauchsanweisung fürs Internet recherchiert), die damals einen Text „über das Internet verfassen sollte. Als sie einen Titel für den Text suchte, fiel ihr Blick zufällig auf ein Mauspad mit dem Bild eines Surfers, das sie zu der Überschrift »Information Surfer« inspirierte.“ In einer gar nicht fernen Zukunft wird dieses virtuelle Stöbern mal ebenso verklärt werden wie heute das Spazierstock-Flanieren.

Bis es soweit ist muss man sich aber beschimpfen lassen, wenn man ständig in sein Handy starrt. Wobei man das ständig sofort streichen kann, denn alles, was man ständig tut, ist sinnfrei. Ständig Vokabeln lernen macht am Ende genauso blöd in der Birne wie ständig aufs Handy starren.

Es geht also darum, dass man smarter mit seinem Phone umgeht und nicht ständig starrt. Dass man allerdings starrt, kann ich nicht falsch finden. Es ist entspannend, trainiert die Ambient Awareness und kann zu einer Verbesserung der sozialen Kontakte führen.

Ja, kann auch falsch sein. Aber allein die Möglichkeit, dass handystarrende Zeitgenossen gerade einen trauernden Menschen trösten oder ein Nobelpreis-Wälzer schmökern, sollte uns davon abhalten, ins wohlfeile Wehklagen über den kulturellen Niedergang durch Smartphonenutzung zu verfallen. Denn womöglich geht es dem handystarrenden Menschen gerade richtig gut, der Bildschirm ist ihm ein Fenster zur Welt und Möglichkeit zur flanierenden Entspannung. Warum sollte man jemandem diese Wohltat verwehren nur weil man selber nicht in der Lage ist, ein gesundes Verhältnis zum Smartphone zu entwickeln?

Im Sinne dieser Wohltat habe ich meinen obige Vorsatz gefasst – mit dem Ziel, ein gesundes Verhältnis zum Bildschirm zu festigen, das nicht auf Pathologisierung und schlechte Gewissen setzt.

Und für alle, dei auch 2019 weiter darüber klagen wollen, dass diese jungen Leute ständig auf auf ihr Handy starren, habe ich noch zwei Ideen: Vielleicht sollte man sich erstens fragen, von wem sie das wohl haben? Und zweitens kann man bei sich selber beginnen und sich einen besseren Umgang mit dem Bildschirm vornehmen: bewusster ins Handy starren, wäre dafür ein guter Anfang. Dafür muss man aber akzeptieren: ins Handy starren ist eine ziemlich gute Sache!