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Crowdlauf: Mit Virtual Runs laufend Gutes tun

„Es gibt keine Start- und keine Ziellinie, keine Streckenposten, keine Verpflegungsstationen, keinen gemeinsamen Ort – und doch gibt es einen gemeinsamen Lauf, der unter neuen Bedingungen stattfindet. Ein Lauf in die Zeit, die nicht mehr einzig vom Durchschnittsprinzip bestimmt wird.“ Mit diesen Worten habe ich in „Meta – Das Ende des Durchschnitts“ das Prinzip so genannter Virtual Runs beschrieben. Es handelt sich um Laufveranstaltungen, bei denen Teilnehmer*innen sich nicht an einem Ort, sondern in der digitalen Vernetzung treffen, um gemeinsam zu laufen.

Ich finde diese Form der Vernetzung (nicht nur beim Laufen) äußerst spannend – und habe hier im Blog schon wiederholt darüber geschrieben. Durch Zufall bin ich auf Crowdlauf gestoßen, ein Projekt, das Virtual Run für einen guten Zweck anbietet. Das hat mich so fasziniert, dass ich zum einen am Wochenende beim #everybodyisperfect-Lauf von theatritralisch.com mitgelaufen bin (Hintergründe hier, Beweis hier), sondern im Anschluss auch Daniel von Crowdlauf ein paar Fragen zu seinem Projekt gestellt habe.

Bist Du selber Läufer?
Ja, aber eher Trail-Läufer. Ich laufe also am liebsten Berge hoch und runter.
2012 habe ich begonnen, regelmäßig zu laufen. Ich war damals auf einer vierwöchigen USA-Reise und sah in Kalifornien so immens viele Jogger. Das hat mich inspiriert. Seitdem laufe ich zwei- bis dreimal pro Woche.
Meine Leidenschaft für das Trail-Laufen kam 2018, als ich zum ersten Mal an einem 25 km Trail in Innsbruck teilnahm. Mittlerweile laufe ich auch Ultra-Distanzen über 60 oder 70 km. In 2020 steht mein erster 108 km Trail mit 5.000 Höhenmetern an. Das wird krass!

Wie bist Du auf das Konzept Virtual Run gekommen?
Ich kannte das Konzept bereits aus dem englischsprachigen Raum. Dort ist der Begriff Virtual Run seit mehreren Jahren gut etabliert.
Virtual Runs sind eine besondere Art von Lauf-Event, bei denen man von jedem beliebigen Ort der Welt aus teilnehmen kann. Du meldest dich online an, läufst deine übliche Trainingsrunde im Park, trackst deine Kilometer und trägst danach deine Distanz und Zeit auf einer Website ein. Oft erhältst du als Belohnung eine Medaille, die dir per Post geschickt wird.
Für Läufer*innen aus Deutschland war es aber immer etwas doof, dort mitzumachen, weil der Versand der Medaillen oft sehr lange dauerte und auch kostspielig war. Das machte die Teilnahme an diesen Virtual Runs eher unattraktiv. Also haben Robert und ich im Jahr 2017 Crowdlauf gestartet und damit Virtual Runs nach Deutschland geholt.

Ein Aspekt, den ich an virtuellen Läufen immer etwas merkwürdig finde, ist die Startnummer. Wenn du als einziger im Park eine trägst, schauen alle immer etwas verwirrt. Ihr habt trotzdem Startnummer im Angebot. Warum?
Um ehrlich zu sein: Ich würde während eines Virtual Runs in der Öffentlichkeit auch keine Startnummer tragen!
Bei uns haben die Startnummern vor allem den Zweck, dass sie dich – wenn du nach deinem Lauf Fotos machst, um deine Kilometer bei uns einzureichen – eindeutig als Virtual-Run-Teilnehmer*in ausweisen. Dafür reicht es aber völlig, die Startnummer erst hinterher herauszuholen.
Manche tragen sie aber trotzdem während ihres Laufs, weil sie das an einen Wettkampf erinnert – und das motiviert sie dann zusätzlich. Manche haben sogar ihre Medaillen beim Laufen mit dabei, was schon krass ist, weil die meisten unserer Medaillen sehr groß und schwer sind. Man muss hier auch wissen: Bei uns erhalten alle Teilnehmer*innen ihre Medaillen schon vor dem Lauf, damit sie glücklich und gut gelaunt losstarten.

Ich laufe gerne und finde das Konzept von Virtual Runs großartig. Ich glaube sogar, dass man es noch weiter steigern könnte: Es wäre ja möglich, dass viele Teilnehmer*innen tatsächlich zur gleichen Uhrzeit an einem bestimmten Tag starten – aber eben an unterschiedlichen Orten. Habt Ihr sowas mal geplant?
Das wäre tatsächlich mal einen Versuch wert. Wenn alle zur selben Zeit am selben Tag starten und im Anschluss die ganze Crowd ihre Fotos vom Lauf im Netz teilt, hätte das mächtig Wumms in Sachen Aufmerksamkeit. Ein zentraler Aspekt von Crowdlauf ist nämlich auch, über wichtige soziale und ökologische Themen aufzuklären. Das könnte durch solch eine Aktion gut funktionieren.
Bis jetzt haben wir die Teilnahmezeiträume bei jedem Virtual Run immer auf mehrere Tage bis hin zu mehreren Wochen ausgedehnt. Einfach deshalb, weil die Crowdlauf-Community noch nicht so groß ist. An einem Wochenende finden alle irgendwann mal Zeit, einen Lauf zu machen. An einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit ist das für viele nicht mehr so leicht zu schaffen. Wir müssen ja immer auch versuchen, bei einem Virtual Run eine kritische Masse zu mobilisieren, damit wir etwas bewirken können.


Ihr betreibt Crowdlauf zum zweit. Dein Geschäftspartner sitzt in Hamburg, Du in Straubing. Schon mal gemeinsam einen Virtual run unternommen?

Ha! Nein, es ist uns tatsächlich noch nicht gelungen, gemeinsam – also physisch nebeneinander – zu laufen. Wenn wir einen Virtual Run veranstalten, läuft Robert in Hamburg mit und ich in Straubing, so wie die meisten Crowdläufer*innen das an ihren Wohnorten auch machen.

Aber Eure Zusammenarbeit basiert ja auf dem gleichen Prinzip der „virtuellen“ Zusammenarbeit. Wie macht Ihr das?
Wir haben Crowdlauf von Anfang an so konzipiert, dass wir alles möglichst schlank halten können. Das heißt bei uns: Wir arbeiten komplett von unseren Home Offices aus. Ein zusätzliches Büro brauchen wir nicht, das würde uns nur teure Miete kosten. Auch die Medaillen, die wir über unseren Online-Shop verkaufen, lagern im und um das Home Office herum. Sie werden auch von hier aus verpackt und verschickt – bei einem täglichen Spaziergang zum Briefkasten.
Auf Geschäftsreisen verzichten wir fast vollständig. Wir treffen uns lediglich einmal im Jahr zu einem Strategie-Wochenende, um über die Zukunft von Crowdlauf zu sprechen. Ansonsten haben wir immer mittwochs einen festen Skype-Termin, zusätzlich zu unserer täglichen Kommunikation über Slack und E-Mail. Alles, was wir entscheiden, wird in einem Wiki protokolliert. So behalten wir den Überblick, was wir wann machen wollen.
Dieses Prinzip, alles schön schlank zu halten, wenden wir übrigens auch auf die Weiterentwicklung von Crowdlauf an: Wir haben viele Ideen, wohin die Reise für uns gehen könnte. Aber wir überlegen uns sehr genau, und wählen auch sehr genau aus, welchen Schritt wir wann tun wollen.
Wir sind z.B. 2017 mit einer einzigen Medaille gestartet, um erstmal das Konzept „Medaille kaufen und für einen guten Zweck laufen“ vorsichtig zu testen. Als wir gemerkt haben, dass das gut ankommt, haben wir weitere Medaillen angeboten. Später kamen dann die Virtual Runs dazu, die auf den Medaillen aufbauen: Nur wer die Medaille hat, kann auch an dem dazugehörigen Virtual Run teilnehmen. So kommt eines zum anderen. Wie eine Treppe, die man hoch geht: Die zweite Stufe kann es nicht ohne die erste geben. Alles baut aufeinander auf.

Haben sich schon Anbieter von Laufsoftware wie Runkeeper oder Adidas Run bei Euch gemeldet, um mit Euch zusammenzuarbeiten?
Es gab schon mal Kooperationsanfragen von diversen Firmen. Aber die passten mit dem, was sie anbieten, nicht zu Crowdlauf. Lauf-Apps waren allerdings noch nicht darunter.
Klar, könnten wir uns da Kooperationen vorstellen! Wie cool wäre es, wenn z.B. jemand über die App eine Laufeinheit von sich zum Crowdlauf deklarieren könnte – und andere Leute die Medaille direkt über die App bestellen könnten. Da wir 75 % unseres Jahresgewinns an gemeinnützige Organisationen spenden, würden gleich mehrere Seiten davon profitieren.

Spekulier mal ein wenig: Wohin wird sich Crowdlauf in den nächsten Jahren entwickeln?
Wir sind als Social Business gestartet. Wir wollen auch in Zukunft 75 % unseres Jahresgewinns spenden und über wichtige soziale und ökologische Themen aufklären. Das ist das Herz und die Seele von Crowdlauf. Ich glaube nicht, dass sich daran jemals etwas ändern wird.
Was sich aber ändern kann, ist der Weg, den wir gehen werden, um diese Ziele weiter zu verfolgen. Wir finden es z.B. sehr spannend, zusätzlich zu unseren derzeitigen Aktivitäten spezielle Angebote für Firmen zu schaffen. Angebote, mit denen kleine und große Unternehmen Crowdlauf als Plattform nutzen können, um gemeinsam mit uns positive Effekte für die Umwelt und unsere Gesellschaft zu erzielen. Das wäre eine richtig interessante Sache.

Daniel war unlängst im runskills-Podcast zu Besuch und hat über die Idee von Crowdlauf gesprochen. Mehr übers Laufen (und was man vom Laufen für Medien lernen kann), hier im Blog: Ich habe über zwei Läufe geschrieben, an denen ich teilgenommen habe: einmal an dem Lauf nach dem Durchschnitt, den Global5K von Runkeeper und später am Global6k von World Vision. Beide Läufe waren Virtual Runs, das Konzept habe ich in meinem Buch „Meta – das Ende des Durschnitts“ beschrieben. Außerdem habe ich mit Gunnar Jans übers Laufen gesprochen und dazu passend Fünf Entwicklungen notiert, die man beim Laufen für (digitale) Medien lernen kann

Hier kann man sich für den aktuellen Crowdlauf anmelden

Global Running Day: laufend über die Digitalisierung lernen

Heute ist der Globalrunningday – ein Aktionstag, bei dem Menschen weltweit an einem Rennen teilnehmen, das an keinem einzelnen Ort stattfindet, sondern an ganz vielen. Es geht um einen guten Zweck und es geht darum, die Freude am Laufen zu teilen. Dahinter steckt ein Anbieter für Tracking-Software, der das ganze „powered“. Denn solche Aktionstage zeigen auf interessante Weise, wie das Laufbusiness sich durch die Digitalisierung verändert. (Foto: Unsplash)

Ich finde das so eindrücklich, dass ich sogar mal behauptet habe, dass man daraus Lehren auch für die Medienbranche ziehen kann. Dabei hat die wichtigste Erkenntnis erstmal gar nichts mit der Medienbranche im Speziellen zu tun. Sie zeigt im Allgemeinen, was Digitalisierung bedeutet: sie löst den Durchschnitt auf. Ich habe beim Laufen verstanden, was Segmentierung bedeutet und diesen Lauf zur Grundlage für „Das Ende des Durchschnitts“ genommen.

Darüberhinaus stecken im Laufen aber viele sehr konkrete Hinweise darauf, wie sich die Medienbranche verändert. Teile davon kann man in diesem Interview mit Runtastic-Gründer Florian Gschwandtner oder in diesem Gespräch mit Laufexperte Gunnar Jans lernen.

Außer den fünf Erkenntnissen, die ich im Mai 2017 notiert habe

1. Vom Produkt zum Prozess – wie der Markt sich verändert
2. Vom Verkäufer zum Gastgeber – wie die Unternehmen sich neu positionieren
3. Vom Kunden zum Testimonial – wie Verbraucher eine andere Rolle annehmen
4. Von der Marke zum Medium – welche Rolle Inhalte spielen
5. Von der (Produkt-)Eigenschaft zum Erlebnis – wie Werbung sich verändert

… ist mir diese Woche ein Aspekt aufgefallen, der für Sportartikelhersteller noch viel bedeutsamer sein wird: Ich habe mir nämlich neue Laufschuhe gekauft, weil die App, die ich nutze, verfolgt wieviele Kilometer ich bereits gelaufen bin. Es lohnt sich also allein aus Gründen der Kundenbindung, dass der große japanische Sportartikelhersteller meine App gekauft hat. Denn so habe ich mir jetzt zwei Paar neue Schuhe gekauft. Nicht über die App, sondern über das Sporthaus meines Vertrauens in der Innenstadt. Es ist aber absehbar, dass diese Kundenbeziehung für den Schuhhersteller wertvoller ist als die Schuhe selber.

Genau darum geht es, wenn man über die Zukunft von Abo- oder Subscription nachdenkt – jedenfalls in dem Sinne, in dem Tien Tzuo in Subscribed darüber schreibt. Es geht nicht einfach nur darum, ein Abo zu nutzen, sondern ein Nutzerbedürfnis in der Weise zu befriedigen, dass die Nutzer*innen gerne und kontinuierlich dabei bleiben. Das Wortspiel sei gestattet: ein laufender Prozess!

Weiterlesen:
> Lauflehren
> Interview mit Gunnar
> Lauf im Buch

🏃 Fünf Entwicklungen, die man beim Laufen für (digitale) Medien lernen kann (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Es gibt einen schönen Nebeneffekt am sportlichen Laufen, selbst wenn es man es nur joggend betreibt: Während man rennt, hat man Zeit zum Denken. Es gibt recht lesenswerte Ausführungen darüber, wie das Zusammenspiel von Nicht-Denken und Nach-Denken beim Laufen den Zwischenspeicher im Gehirn befreit (iPhone-Besitzer kennen einen vergleichbaren Prozess vom „Aufräumen“ auf hohe MB-Zahlen angewachsener Apps auf dem Smartphone). Und aus eigener Erfahrung kann ich ergänzen: Dieses Zusammenspiel bildet manchmal sogar die Grundlage für neue Ideen.

Jedenfalls entstand die Idee zu dieser Folge der „Digitale Notizen“ beim Laufen. Was auch damit zu tun hat, dass ich in diesem Monat an einem besonderen Lauf teilnahm – aber eben auch damit, dass ich glaube, dass der Kultur- und Medienbranche sich mit dem Laufen befassen sollten: mit dem Laufen als Markt. (Foto: Unsplash)

Denn im Geschäftsfeld „Breitensport“ lassen sich auch für mich als mittelsportlichen Laien ein paar Entwicklungen ablesen, die vielleicht Inspiration für die Medienbranche sein könnten. Ich sehe diese fünf (zu denen ich auch einen Experten befragt habe)

🏃 1. Vom Produkt zum Prozess – wie der Markt sich verändert 🏃
Ein Sportartikelhersteller lebt davon, Sportartikel zu verkaufen. Das klingt logisch und ist sicher auch richtig – aber eben nicht nur. Aus der Perspektive der ersten Entwicklung lässt sich ergänzen: Ein Sportartikelhersteller der digitale Gegenwart verkauft nicht mehr nur Sportartikel, er ist Partner für den gesamten Prozess „Sport machen“ geworden – oder versucht dazu zu werden. Neben bedeutsamen Veränderungen in der Ausrichtung der Kundenbeziehung (s.u.) heißt dies vor allem: Es geht nicht mehr nur darum, Sportartikel herzustellen und diese zu vertreiben. Es geht darum, den gesamten Prozess in den Blick zu nehmen.
Und was heißt das für Medien? Wenn der Vergleich stimmt, reicht es nicht aus, sich einzig auf gute Produkte – also Artikel, Beiträge oder Texte zu konzentrieren. Es könnte sinnvoll sein, den gesamten Prozess der Orientierung in den Blick zu nehmen

🏃🏃 2. Vom Verkäufer zum Gastgeber – wie die Unternehmen sich neu positionieren 🏃🏃
Selbstwahrnehmung und Positionierung des Unternehmens ändert sich durch die Erweiterung der Perspektive grundlegend. Es geht nicht mehr nur darum, gute Produkte zu verkaufen. Es geht um eine Infrastruktur, um eine dauerhafte Kundenbeziehung, für die das Unternehmen die Rolle eines Gastgebers einnimmt. Dabei folgt die Positionierung sehr vereinfacht gesprochen der Logik: Wenn wir wollen, dass die Menschen laufen (wofür sie dann unsere Sportartikel brauchen), dann müssen wir ihnen den Rahmen schaffen, in dem sie laufen können.
Und was heißt das jetzt für Medien? Wenn Sportartikelhersteller kostenlose Lauftreffs veranstalten, braucht es keine besonders große Kreativität um auf Lesegruppen zu kommen. Social Reading als Idee ist bereits da, bisher fehlt aber ein von Sportartikelherstellern Verlagen geschaffener Rahmen.

🏃🏃🏃3. Vom Kunden zum Testimonial – wie Verbraucher eine andere Rolle annehmen 🏃🏃🏃
Allein die Tatsache, dass Käufer*innen mit dem Erwerb von Sportartikeln auch Werbefläche anbieten, würde eine genauere Beobachtung verdienen: Wer ein T-Shirt von einem Sportartikelhersteller kauft, wirbt nicht selten durch die prominente Platzierung von Logo und Markennamen für den Hersteller. Allein die Frage zu stellen, wie man als Leser*innen diesen Distinktionsgewinn bei der Lektüre eines Mediums bekommen kann, wäre spannend. Aber darüberhinaus transportieren die laufenden Konsument*innen noch eine weitere Botschaft: Sie bringen andere Menschen in den Gastraum des Sportartikelherstellers. Sie werden zu Testimoninals, die die Sportartikelhersteller sogar bewusst fördern und vorstellen.
Was soll das jetzt für Medien bedeuten? Dass Leser*innen ein wichtiger Bestandteil der Gemeinschaft Zeitung sind (siehe dazu meine Notizen aus dem Jahr 2009). Man entscheidet sich für das eine oder andere Medium eben auch weil man sich für die eine oder andere Gruppe derjenigen entscheidet, die es auch lesen/hören/gucken. Dieser Aspekt der Distinktion und Sichtbarmachung derjenigen, die ein Medium nutzen kommt bisher fast gar nicht zum Tragen. Die Laufbranche macht auf erstaunliche Weise vor wie es gehen könnte.

🏃🏃🏃🏃4. Von der Marke zum Medium – welche Rolle Inhalte spielen 🏃🏃🏃🏃
Diese Behauptung klang schon an anderer Stelle im Newsletter an: Marken erstellen selber Inhalte, mit denen sie Zielgruppen erreichen. Sie werden also selber zu Medien. Im Zuge der Veränderungen der eigenen Rolle produziert der Sportartikelhersteller eben nicht mehr nur Sport-BHs, sondern auch Sport-Berichte. Als Partner im Gesamtprozess „Laufen“ übernimmt der T-Shirtproduzent nun auch Ratgeberfunktionen, die früher Sportmedien übernommen haben.
Warum ist das für Medien wichtig? Weil Marken hier in den Kernbereich dessen vordringen, was bisher exklusives Geschäfts von Medien war: Mit Hilfe von Inhalten Ziegruppen zu erreichen. Selbst wenn die anderen Punkte den Medien in ihrer Selbst- und Fremdwahrnehmung egal sind: Hier sind sie gefordert, sich neu und klarer zu positionieren.

🏃🏃🏃🏃🏃5. Von der (Produkt-)Eigenschaft zum Erlebnis – wie Werbung sich verändert 🏃🏃🏃🏃🏃
Wie inspiriert man Menschen dazu eine bestimmte Tätigkeit z.B. Laufen auszuüben? Indem man ihnen Menschen zeigt, die Freude an dieser Tätigkeit – also dem Laufen – haben. Bei der Beobachtung der zu Testimonials entwickelten Läufer*innen in sozialen Netzwerken habe ich verstanden, wie Content Marketing funktioniert (und was es von klassischer Produktwerbung unterscheidet): Es macht Lust darauf, eine Tätigkeit auszuüben, eine Produkt zu nutzen – indem es die Freude zeigt, die Menschen dabei haben. So stellen die Frontrunner und anders genannten Testimonials allein dadurch, dass sie ihr Laufen zeigen sicher, dass auch Menschen im erweiterten Umfeld inspirierte werden, zu laufen. Auch dafür brauchte man früher Sport-Medien und klassische Werbung.
Und welche Schlussfolgerung soll man nun daraus ziehen? Bei Content Marketing geht es nicht um Schleichwerbung oder Vertuschung einer Werbebotschaft. Es geht darum, die Nutzung eines Produktes von einer glaubwürdigen Person vorführen zu lassen. Völlig egal, wie man inhaltlich dazu steht: die Laufbranche zeigt, wie das funktionieren kann – und hat damit natürlich auch Einfluss auf klassische Medien.

Und wem das alles zu sportlich war: Man kann sich diese Entwicklungen auch von Apple zeigen lassen. In diesem Monat hat die Firma, die für viele ja ein Sportartikel-Smartphone-Hersteller ist, gezeigt, dass sie in Zukunft nicht nur das sein will, sondern zunehmend auch Infrastruktur-Anbieter werden will: Unter apple.com/today kann man sich anschauen, wie Apple die oben beschriebenen Entwicklungen auf die Anwendung seiner Geräte überträgt…

Zur Einordung meiner Beobachtungen übers Laufen habe ich jemanden gefragt, der sich damit auskennt: Aktiv wie als Berichterstatter. Gunnar Jans hat hier meine Fragen zum Laufen beantwortet.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Das Ende des Durchschnitts – der Lauf zum Buch

Wenn ich erklären soll, was den Zauber von Social Media ausmacht, verwende ich gerne die kleine Tipprunde als Beispiel, in der ich seit Jahren mit tollen Kollegen Bundesliga-Endstände vorherzusagen versuchen (mit pesönlich mäßigem Erfolg). Wir tippen Fußballspiele und machen so aus dem allgemeinen Ergebnis eines Spiels ein soziales Erlebnis. Der Endstand einer Partie bekommt durch den sozialen Kontext der Tipprunde plötzlich eine besondere Bedeutung. Denn es wäre mir eigentlich egal, wenn Hoffenheim in der letzten Minute den Ausgleich in Ingolstadt erzielt – wenn ich nicht dadurch drei wichtige Punkte im Tippspiel eingebüßt hätte, weil der Treffer meinen Tipp zerstört…

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Diese besondere, persönliche Bindung an das Spiel ist durch die Vernetzung des Digitalen möglich. Sie steht für mich für das, was man Social Media nennt – Facebook, Twitter oder Instagram, die man gemeinhin mit dem Schlagwort Social Media gleich setzt, nutzen diese Vernetzungs-Möglichkeiten. Das Prinzip „Social Media“ geht aber über die Dienste hinaus, es ist das Prinzip des Netzwerkens, das Prinzip der Kontexte.

Aus dieser Perspektive drängt sich zum Beispiel die Frage auf, warum der Anbieter, auf dessen Plattform wir Woche für Woche Ergebnisse tippen, keine soziale Öffnung anbietet. Man kann lediglich in Tipprunden gegeneinander antreten, es ist allerdings nicht möglich das eigene Ergebnis in andere Kontexte zu übertragen – und z.B. auch mit Bekannten zu vergleichen, die in anderen Tipprunden tippen (oder ich habe das übersehen).

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Seit diesem Wochenende habe ich ein neues Bild, um den Zauber von Social Media zu beschreiben. Und wieder hat es mit Sport zu tun: Es ist ein Stadtlauf, der in allen Städten der Welt zur gleichen Zeit stattfindet. Die Macher nennen ihn den #Global5K, einen Lauf über fünf Kilometer, an dem angeblich über 230.000 Menschen weltweit teilnehmen – ohne dass sie sich sehen können, sich kennen oder an einem gemeinsamen greifbaren Ort sind (bei Twitter und Instagram dokumentiert) Die Distanz wird von einer App gemessen, deren Macher den Lauf veranstalten. Ein Lauf, der wie das Tippspiel über das objektive Ergebnis hinaus geht. Ein Lauf, der auf den Prinzipien von Social Media basiert und ein tolles Symbol ist für das, was ich Das Ende des Durchschnitts nenne. Denn es gibt nicht mehr die eine Start- und Ziellinie, die für alle gleich gilt. Es gibt unzählige Starts und Zieleinfläufe weltweit – verbunden sind alle Läufer durch die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung. Sie sind dadurch mess- und überwachbar, aber sie sind dadurch auch auf eine neue Weise verbunden.

Wenn man die Ambivalenz der neuen Möglichkeiten verstehen will, muss man verstehen, wie der Global5K sich von gewöhnlichen Läufen unterscheidet. Er schafft Das Ende des Durchschnitts, das die Massengesellschaft des 20. Jahrhunderts bestimmte – unter diesem Arbeitstitel recherchiere ich derzeit an einem Buch, das sich mit genau damit befasst: wie die Möglichkeiten der Personalisierung unsere Gesellschaft verändert.

Auch deshalb bin ich heute mitgelaufen.

Dazu muss man Folgendes wissen: Ich bin das, was Läufer einen Jogger nennen. Ein sporadischer Sportler, der keine neonfarbende Laufkleidung besitzt, sich aber gerne im Park bewegt. Als solcher nutze ich seit einer Weile die App, die u.a. mit Hilfe des genannten Events Menschen auf der ganzen Welt verbinden – und zu zahlenden Käufern ihres Premium-Angebots machen will. Das ist mir klar, wenn ich die Dienste der App nutze (u.a. Laufzeit, Tempo und Strecke aufzeichnen lassen). Und dennoch nutze ich sie mit großer Freude und war heute vormittag auch entsprechend enttäuscht, weil sich mein Start bei meinem ersten größeren Laufevent verzögerte: Mein Smartphone hatte GPS-Probleme, die App konnte nicht ermitteln wo ich bin – und folglich auch nicht messen wie schnell ich wo lang laufe.

Also lief ich ein wenig im Park, ohne dabei vermessen zu werden. Dann irgendwann (in der Nähe einer Straße) fand die App ein Signal und ich startete. Als ich einige Minuten später meine Geschwindigkeit kontrollieren wollte, traute ich meinen Augen nicht: ich war mit einem unfassbaren Tempo unterwegs. 17:55 Minuten hat mir die App für die fünf Kilometer bestätigt. Das macht eine Kilometer-Zeit von 3:34 Minuten. Das ist selbst für einen Jogger wie mich ziemlich gut.

Es ist aber vor allem: gelogen. Denn während ich lief, hatte die App erneut GPS-Probleme und kritzelte statt meiner tatsächlichen Laufstrecke eine merkwürdig gerade Linie ins Profil. Mir ist das klar, der App nicht. Sie hat die genannten Kilometerzeit gespeichert. Das ist schön, aber ziemlich weit von meinem tatsächlichen Tempo entfernt.

Da es mir aber nicht um die Geschwindigkeit, sondern um die Metaphorik des Laufs ging, war ich darüber nur mäßig enttäuscht. Denn die 3:34 Minuten beweisen vor allem, dass man blanken Zahlen nicht trauen darf. Ihr Kontext ist bedeutsam – der Kontext der Entstehung wie auch jener der Weiternutzung. Abstrahiert man dies von meinem kleinen Laufe heute vormittag, wird der Kontext zur zentralen Größe in unserem Umgang mit Daten und der Digitalisierung. Davon handelt das Buch, in dem ich darzulegen versuche, worin die Chancen aber auch die Trugschlüsse am digitalen Wandel liegen. Dabei wird auch der heutige Laufe eine Rolle spielen – denn zu allem Überfluss wird er nicht mal zählen. Denn als ich ihn speichern wollte, stellte ich fest, dass die Ankündigung der Macher („Laufen Sie am 6.12. fünf Kilometer“) erst ab 12 Uhr mittags galt.

Zu der Zeit war ich aber schon lange im Ziel …
(Hier gehts zum Buch)

Update: die App hat Ergebnisse veröffentlicht!