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Warum der Spiegel in allen Generationen mehr Smartphone-Gelassenheit üben sollte

Eine ganze Woche ohne Handy?„, fragte die Spiegel-Hausmitteilung in der aktuellen Ausgabe „Schon Erwachsenen würde das schwerfallen, aber Kinder und Heranwachsende sind von ihrem Smartphone noch stärker abhängig – glauben jedenfalls viele Erwachsene.“ Mit diesen Worten wird die aktuelle Ausgabe des Kindermagazins „Dein Spiegel“ angekündigt, in der eine 13jährige Autorin eine Woche lang auf ihr Smartphone verzichtet.

Auf dem Titelbild des Magazins, das gestern erschienen ist, wurde der Kopf eines Karohemd-Trägers durch das Flushed-Face-Emoji ersetzt. Dessen gerötete Wangen beziehen sich laut Emojipedia auf einen Fehler bzw. eine peinliche Situation. Aber nicht die Macher*innen des Heftes schauen wegen der Titelzeile auf diese Weise aus der Wäsche. Die Leser*innen sind gemeint. Ihnen soll ein schlechtes Gewissen gemacht werden: „Bin ich handysüchtig?“ steht über dem Emoji-Kopf.

Und es ist klar welches Ergebnis das als „Der grosse Test“ angekündigte Coverthema zu Tage fördert: Du, junger Leser machst, einen Fehler. Du, junge Leserin musst erröten, „Dein Spiegel“ hat dich bei einem Fehler oder einer peinlichen Situation ertappt. Mal abgesehen davon, dass dies die vermutlich unsympathischste Haltung ist, die ein Magazin seiner Leserschaft gegenüber einnehmen kann: Was soll das?

Im Heft folgt ein gemeinsam mit Klicksafe entwickelter Fragebogen zur Smartphone-Nutzung, den ich gar nicht im Detail kommentieren will.

Was ich aber kommentieren will, ist die wenig konstruktive Panikmache die in dieser Ansprache sichtbar wird. Ein solches Titelbild trägt überhaupt nicht dazu bei, einen im Wortsinn gesunden Umgang mit Smartphones einzuüben. Durch die Verwendung des Suchtbegriffs wird ein Krankheitszusammenhang suggeriert, der mindestens diskutabel ist. Durch die Wahl des Emojis wird ein schlechtes Gewissen ob eines Fehlverhaltens angedeutet. Und in der Gesamtschau fügt sich damit ein rein angstgetriebener Blick auf Smartphones, der keinen Platz lässt für Gestaltungsfreude, Kreativität oder eigene Lösungen.

Dieses Titelbild fügt sich im besten Sinne in die Abhängigkeits-Berichterstattung, die der Spiegel im vergangenen Sommer in seiner Ausgabe für Nicht-Kinder gewählt hat. Beide sind aus zahlreichen Gründen ärgerlich und wecken in mir den Wunsch, den Macher*innen das Emoji „Person Shrugging“ vorzustellen. Denn darin steckt eine Haltung, die weniger angstgetrieben, kulturpragmatisch auf die Welt schaut und Ausdruck einer beim Spiegel in allen Generationen dringend überfälligen Perspektive ist: der Smartphone-Gelassenheit.


Mehr zum Thema:
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>> Fünf Fragen zur angemessenen Smartphone-Nutzung
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>>> Smartphones in die Schule – ein Interview
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>>> Die Idee Kulturpragmatismus
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>>> Das Shruggie-Prinzip

Früher weiss alles besser (Digitale-Dezember-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Dezember-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Wenn das Jahr zu Ende geht, neigen Menschen dazu nach hinten zu schauen. In diesem Jahr verbinde ich diesen Vergangenheitsblick mit dem Vorsatz, ab dem neuen Jahr damit aufzuhören – nicht nur zwischen den Jahren!

Denn leider fällt uns die Rückschau als Prinzip nur zum Ende des Jahres als dauerpräsent auf. Sie ist aber auch weit darüberhinaus beliebter und (wie ich finde) oftmals lähmender Maßstab für die Kraft und Energie, die wir in die Gestaltung der Zukunft stecken. Viele Menschen messen den eigenen Erfahrungen und Erlebnissen so viel Wert bei, dass sie ihnen zur Landkarte für den Weg in die Zukunft werden – zur wenig tauglichen Landkarte, denn die Lösungen für die Probleme von morgen findet man nur selten im Gestern (Foto: Unsplash)

Um mehr Aufmerksamkeit darauf zu richten, wie Menschen die eigene Vergangenheit so überbetonen, dass sie Gewohnheiten und Routinen leichtfertig in den Rang von Werten erheben, starte ich mit dieser Ausgabe der Digitalen Notizen eine neue Rubrik, die den Titel „Früher weiss alles besser“ trägt.

#frueherweissallesbesser ist die ironische Distanzierung von einer Haltung, die die eigene Bewertung vor das Verständnis der Welt setzt. #frueherweissallesbesser ist der Versuch, diese Vor-Beurteilungen und Vorurteile sichtbar zu machen und damit ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir manche Dinge einzig deshalb für richtig halten, weil wir sie auf eine mögliche Weise kennengelernt haben. #frueherweissallesbesser öffnet damit an guten Tagen einen Blick auf die Veränderungen der Gegenwart, der über die eigenen Erfahrungen hinaus geht. Denn ich bin davon überzeugt, dass wir zur Gestaltung der Zukunft eine Haltung entwickeln müssen, die ich im Laufe des Jahres mal als Kulturpragmatismus bezeichnet habe. Um diesen zu erreichen, macht #frueherweissallesbesser Vergangenheitsverklärungen aus allen Bereichen kenntlich.

Denn seit ich diesen Begriff im Kopf habe, fällt mir regelmäßig auf, wie überfällig ein solcher Blick auf Veränderungen die Welt ist: Und dabei geht es bei weitem nicht nur um den Wunsch, Grenzen zu schließen oder vergangene Währungen wieder einzuführen. Die blockierende Kraft der Vergangenheitsverklärung kann man auch erkennen, wenn der Präsident des Lehrerverbandes sich vehement dagegen ausspricht, dass in deutschen Klassenzimmern Internet vorhanden ist – weil er als Maßstab für Unterweisung von Kindern nur seine eigene Vergangenheit kennt (sowie das daraus resultierende Bild von Schule) und nicht die Zukunft derjenigen, die in wenigen Jahren die Lehranstalten verlassen. Auch wenn ein großes deutsches Nachrichtenmagazin (Happy Birthday, btw.) auf der Suche nach dem angemessenen Umgang mit einer neuen Technologie einzig auf die Idee „Mal weglegen“ kommt, ist #frueherweissallesbesser am Werk. Überhaupt ist das Smartphone ein äußerst beliebter Auslöser für die Zukunftsunsicherheit, auf die das #frueherweissallesbesser ja in Wahrheit nur reagiert. Weil man nicht kennt, was sich da ankündigt, flüchtet man sich in die Vergangenheit – und erhebt diese zum Maßstab. Ob dieser Reflex die Ursachen der Unsicherheit angeht oder gar Gestaltungsspielräume eröffnet, wage ich zu bezweifeln. Im besten Fall schafft dieser Rückzug aufs vermeintlich Echte, Wahre und Schöne eine Verschnaufpause, eine kurze Auszeit von dem, was den Rückblicker überfordert – und lenkt dabei von der Idee ab, dass in einer konsequenten Anwendung des Neuen womöglich ein Ende der Überforderung liegen kann. „Das Chaos in der Gegenwart darf uns nicht dazu bringen“, fordert die Guardian-Chefin Katharine Viner, „die Vergangenheit einzig durch eine rosa Brille zu betrachten.“ Das Zitat stammt aus der vor der Trump- und Fakenews-Debatte geschriebenen #langstrecke „How Technology Disrupted the Truth“, die Viner für den Longreads-Podcast des Guardian übrigens selber eingelesen hat.

Wie sehr wir zum verklärten Blick zurück neigen, wurde mir besonders deutlich als ich zum Ende dieses Jahres die sehr schön gemachte Ausgabe des „ehrlichen“ Männermagazins „Wolf“ in die Hände bekam. Laut Verlags-PR eine Form des „Slow Journalismus“, über den Michalis in seiner immer wieder zu empfehlenden Magazin-Schau bei Übermedien schreibt: „„Wolf“ will ein Magazin sein für Männer, die in einer sich immer schneller drehenden Welt den Weg suchen, zwischen all den Anforderungen sie selbst zu sein.

Klar, würde auch ich mich (als mittelgeforderter Mann) für diesen Weg interessieren – zumal ich große Sympathie für einige der Macher und für die Heftidee habe. Aber gerade deshalb war ich etwas enttäuscht als ich beim Lesen feststellte, dass all die Achtsamheit und alles Wesentliche, das Wolf betonen möchte, sich einzig im Gestern findet: Gestern als man noch echte Freunde hatte (und nicht bloß digitale Bekannte). Gestern als Steve McQueen noch lebte und vor allem Gestern als es noch kein Internet gab. Das Abschalten und auf Früher besinnen ist in dem Heft das schwer dominante Rezept, um Achtsamkeit zu erreichen und das Wesentliche zu erkennen. Das ist alles schön wehmütig inszeniert, in Wahrheit aber so zielführend als würde der 1992 verstorbene Altkanzler Willy Brandt (der als Zitat- und Ratgeber auftaucht) zu der Frage Stellung nehmen, wie man am besten mit dem Druck des ständigen Mailens umgehen soll. Auf die Idee, dass eine App oder ein technischer Ansatz hier erfolgreicher ist um sich aufs Wesentliche zu konzentrieren, kommt das Heft leider nicht. Dabei sind die Menschen, die Lösungen für die Überforderung finden werden, heute schon auf der Welt. Vor lauter #frueherweissallesbesser versperren wir ihnen aber in den Schulen noch den Zugang zum Internet…

Das #frueherweissallesbesser derart breitflächig auf dem hochwertigen Papier zu finden, hat mich verwundert. Denn die Wolf-Leser zählen ganz sicher nicht zu den Abgehängten oder Besorgten, die man gemeinhin mit Vergangenheitsverklärung in Verbindung bringt. In Wahrheit findet sich diese Haltung zu den „Good old days“ aber auf allen Seiten des politischen Spektrum – wie die gleichnamige Folge des Pessimists Archive Podcast gerade bewiesen hat. Der Podcast widmet sich dabei der Frage, wann eigentlich dieses „Great“ war, das Trump in seinem „Make America Great Again“ zitiert. Das Ergebnis ist eine historische Fleißarbeit, die beweist: Great ist einzig die Verklärung.

Diese #frueherweissallesbesser-Verklärung ist übrigens so stark, dass sie auch das gemeinhin – und besonders im „me at the end of 2016“-Meme – als schlecht befundenene Jahr 2016 im Rückblick irgendwie great machen wird. Denn es gilt weiterhin was die Orsons schon 2012 (da war die Welt noch in Ordnung) gesungen haben: „Sollten unsre Kinder irgendwann mal meckern ,Früher war alles viel besser!‘ Dann mein‘ sie damit jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt, jetzt

Wir sollten endlich anfangen, auf dieses jetzt zu schauen, wenn wir Probleme lösen wollen!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

In diesem Jahr sind erschienen: „Lass dir keine Angst machen“ (November), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September) „Soll mein Buch auf Facebook?“ (August), „Der Grüffelo in Social Media“ (Juli) „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).