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loading: 100 Fans

In diesen Tagen ist 100 Fans gestartet, ein Projekt der Münchner Verlagsgruppe, das es sich zum Ziel gesetzt hat, Crowdfunding ins Verlagsgeschäft zu integrieren. Felicia Englmann, die als Projektmanagerin bei 100 Fans arbeitet, hat den loading-Fragebogen beantwortet (Disclosure: Felicia und auch Oliver Kuhn – Geschäftsführer der Verlagsgruppe – waren in der gleichen Klasse der Deutschen Journalistenschule wie ich).

100fans

Was macht Ihr?
Wir sind 100 FANS, die Crowdfunding-Plattform für Bücher, und bringen Autoren und Leser zusammen. Auf unserer Plattform können Autoren ihre Manuskripte oder Buchideen vorstellen und Fans sammeln. Wer 100 Fans findet, die mindestens die E-Book-Ausgabe des Buchs bestellen, dessen Buch wird Wirklichkeit. Dieses Angebot ist für Autoren kostenlos, und vom ersten Fan an verdient der Autor 25 Prozent des Nettoerlöses aus Print-Büchern, bei E-Books 30 Prozent des Nettoerlöses. Der Autor eines erfolgreichen Projekts erhält einen Autorenvertrag, sein Buch wird lektoriert, gesetzt und gedruckt und als E-Book hergestellt. Es bekommt ein professionelles Cover und eine ISBN-Nummer. Es erscheint als gedrucktes Buch und E-Book. Die Bücher erscheinen bei 100 FANS, dem neuen Imprint der Münchner Verlagsgruppe, und kommen dann in den Buchhandel. Die Fans sind natürlich die ersten Leser, die ihr Buch erhalten.

Warum macht Ihr es so?
Leser und User wollen selbst entscheiden, was sie lesen, hören oder sehen möchten – ob selektiv in Online-Ausgaben von Zeitungen und Magazinen, ob bei Pay-TV-Angeboten oder Einzeldownloads von Musiktiteln. Für gute Inhalte, die sie wirklich interessieren sind die Leute auch bereit, Geld zu bezahlen. Autoren andererseits finden es manchmal schwer, Interessenten für ihre Bücher oder Buchideen zu finden, da der Buchmarkt riesig und kaum überschaubar ist. Wir bringen beides zusammen und bieten Autoren eine Plattform, um ihre Werke vorzustellen und Förderer zu finden, und Leser die Chance, genau die Bücher zu finden, die sie interessieren.

Wer soll da mitmachen?
Bei 100 FANS entscheiden nur die Leser, welches Buch gedruckt wird – das ist neu und wird viele Autoren interessieren, deren Werke noch warten, entdeckt zu werden. Es gibt viele großartige Bücher und Autoren, die ihren Durchbruch noch nicht geschafft haben und bei 100 FANS Leser finden werden. Auch jeder Autor, der den Erfolg einer Buchidee testen will, kann dies kostenlos bei 100 FANS tun. Er muss das Buch nicht fertigschreiben und dann festzustellen, dass es zu wenig Interesse weckt. Wir wollen außerdem Autoren gewinnen, die mit Selfpublishing unzufrieden sind und klassische Verlagsleistungen wie Lektorat, Marketing, Satz, Druck und Vertrieb auch in Zeiten der Neuen Medien zu schätzen wissen. Und wir suchen Autoren, die sehr gut vernetzt sind und bereits wissen, welche Zielgruppe und welche Menschen aus Ihrem Netzwerk sie für ihr Buch interessieren möchten.

Wie geht es weiter?
Wir freuen uns auf viele spannende, außergewöhnliche, nützliche, schräge, künstlerische, lustige… einfach auf alle Projekte, die jetzt bei 100 FANS eingestellt werden. Wir freuen uns auf Leser, die bereit sind, neue Autoren und ihre Projekte zu unterstützen. Alle die Büchermenschen, die auf der Seite vorbeischauen, sich festlesen, etwas starten oder etwas fördern, geben uns hoffentlich ganz viel Feedback, damit wie 100 FANS noch besser machen können. Außerdem drücken wir allen unseren Autoren und Autorinnen die Daumen, dass ihre Projekte genügend Fans finden und schon bald das erste 100 FANS-Buch erscheinen kann.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Wir wollen mit 100 FANS den Buchmarkt demokratisieren. Die Bücher, die bei Lesern gut ankommen, werden erscheinen. Wir sehen das als große Chance und Fortschritt für Autoren, Leser und auch für uns als Verlag. Bestimmt werden bei uns Projekte erfolgreich, von denen kein Verlag, auch wir nicht, gedacht hätten, dass sie viele Leser finden. Leser, denen diese Projekte sogar so viel wert sind, dass sie sie beim Funding mit ihrem Geld unterstützen. Unsere Leser bezahlen für genau das, was sie gut finden, und bekommen dann auch genau das, was ihnen gefällt.

Hier geht es zu 100 Fans

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Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Die Zukunft des Buches – ungleich verteilt in der Drogerie

Das gedruckte Buch, konnte man in den vergangenen Tagen mal wieder lesen, wird seinen Wert nicht verlieren. Begründet wurde diese These mit Zahlen, die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels auf einer Pressekonferenz am Freitag in Frankfurt vorgestellt hat.

Beim Blick auf diese Zahlen werden unterschiedliche Wünsche und Sorgen sichtbar, die bei deren Einordnung ausbrechen. In der Annahme, dass das gedruckte Buch – trotz aller Digitalisierungs-Rufe – eine gute Zukunft habe, schwingt zum Beispiel sehr laut hörbar die Hoffnung mit, dass diese ungebrochene Debatte um eBooks, Digitalisierung und das ganze Internet vielleicht doch weniger Folgen zeitigt als ihr aktueller Lärm befürchten lässt. Diese Hoffnung mag sich schön anfühlen, es ist jedoch eher fraglich, ob sie ein guter Ratgeber dafür ist, wie sich die Buch- und die gesamte Medienbranche tatsächlich entwickeln wird.

Von William Gibson stammt der schöne Satz, die Zukunft sei schon da, aber eben ungleich verteilt. Was das konkret heißen kann, bemerkt man, wenn man z.B. während in Frankfurt Börsenvereinszahlen analysiert werden, durch einen gewöhnlichen deutschen Bahnhof läuft. In den großen Presse- und Buchgeschäften, die hier Lesematerial für die Reisenden anbieten, stellt man als an kultureller Entwicklung interessierter Mensch mit großer Freude fest, wie breit das Angebot an Zeitungs-, Zeitschriften- und Buch-Lektüre ist, aus dem man dort wählen kann. Ziemlich viel Platz nimmt all das Papier ein, liegt dort und wartet, dass sich wer dafür interessiert, was drauf gedruckt wurde. Kostet sicher nicht wenig Miete.

ebook1 Druckerie-Markt: Fotoecke wo früher ausschließliche Windeln und Waschmittel verkauft wurden

Ein paar Meter weiter im Drogeriemarkt braucht man auch Platz. Hinter einer weißen Theke stehen Drucker, davor sind ein paar Bildschirme aufgebaut, an denen Menschen Bilder anschauen. Diese Foto-Ecken im Drogeriemarkt sind – mindestens so sehr wie das Internet in Gänze – Orte der Amateur-Kultur. Allerdings sind es Orte der Zufriedenheit, kein Wehklagen über die Amateurhaftigkeit der Amateure ist hier zu hören. Privatknipser lassen ihre Fotos „entwickeln“ – so hieß das früher und suggerierte einen langwierigen Prozess, an dessen Ende man nach ein paar Tagen die papiergewordenen Schnappschüsse aus einem Umschlag ziehen konnte. Diese Entwicklung haben die Drucker hinter der weißen Theke enorm abgekürzt: „ein paar Minuten Geduld“ erbittet die Anzeige auf dem Bildschirm, dann gibt es die ausgedruckten Bilder direkt zum Mitnehmen. Wer diese Geduld nicht aufbringen mag, kann die Fotos selbstverständlich auch vorab übers Internet schicken und hier ausgedruckt abholen (oder sich nach Hause schicken lassen). Sie direkt kabellos hochladen, geht soweit ich das überblicke, erstaunlicherweise allerdings noch nicht.

Man steht also mit den frisch gedruckten Fotos in der Hand an der Kasse des Drogeriemarkts und blickt rüber zum Buchladen, in dem diese aktuelle on-demand-Druckerei doch viel sinnvoller wäre. Flächendeckende Druckerecken wie die Foto-Bereiche im Drogeriemarkt kann man in deutschen Buchläden aber (noch) nicht sehen.

Vermutlich meint das ungleich verteilt sein der Zukunft genau diese Differenz: Dort ist etwas schon möglich, was hier vielleicht sehr nötig wäre.

Denn man muss ja gar nicht zwischen all dem Papier in dem großen Bahnhofsbuchhandel rumstehen, um zu erkennen, dass das gedruckte Wort etwas sehr Werthaltiges, Besonderes ist. Umgekehrt muss man aber auch nicht in Wikipedia übernachten, um zu erkennen: dass das gedruckte Wort in den Buchläden zum Teil tage- ja wochenlang rumliegt, ehe es gelesen wird, macht es nicht zwingend besser (nein, bitte keine Weinvergleiche an dieser Stelle).

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Auf Vorrat gedruckt: Bild aus einer deutschen Buchhandlung – im Mittelpunkt das „Lexikon des guten Lebens“ von jetzt.de

Die Annahme, dass das gedruckte Buch eine gute Zukunft hat, erscheint durchaus stimmig. Die daraus abgeleitete Hoffnung, es würde sich deshalb für die Buchbranche wenig ändern, erscheint jedoch trügerisch. Und die Fotografie ist dafür ein durchaus taugliches Beispiel – immerhin wurde dieser Bereich von den beiden zentralen Entwicklungen der Netzkultur sehr früh getroffen: Demokratisierung und Digitialisierung haben die Fotografie sehr grundlegend verändert in den vergangenen Jahren. In jedem Haushalt gibt es mehrere Fotoapparate und auf jedem Computer liegen in großen Mengen Bilder rum, digital. Trotzdem sind die Menschen daran interessiert, diese Bilder auch anfassen zu wollen: Sie drucken sie aus, auf Papier, Porzellan und Leinwände. Genau für diesen Wunsch haben die Besitzer der Geschäfte, in denen ursprünglich mal nur Windeln und Waschmittel verkauft wurden, Drucker angeschafft. Es gibt offenbar ein großes Interesse daran, digital verfügbare Inhalte, auch analog greifbar zu machen. Die These wäre: Das gilt keineswegs nur für private Knipserei, sondern vielleicht auch für das Weltgeschehen und die Weltliteratur. Mindestens so lang wie sich Lesegeräte nicht vollständig durchgesetzt haben, wird der Wunsch bestehen bleiben, die Zeitung oder das Buch auch greifen zu wollen. Gleichzeitig ist dieses Interesse am Fassbaren aber dem gleichen Veränderungsprozess unterzogen, der als Digitalisierung bereits zahlreiche Lebensbereiche umkrempelt.

Wenn es möglich ist, private Fotos auf Anforderung im Geschäft erstellen zu lassen, wieso geht das eigentlich nicht für meine Lieblingszeitschrift oder das neue Buch meines Liebingsschriftstellers? Ich weiß, dass es Ansätze gibt, fremdsprachige Zeitungen direkt im Buchladen in aktueller Form ausdrucken zu lassen, und frage mich gerade deshalb: Liegt hier nicht eine bisher völlig ungedachte neue Chance für Texte, ihre Leser zu erreichen?

Wenn die Annahme stimmt, dass sich (Druck-)Technik ständig verbessert, muss es doch absehbar vorstellbar sein, die Exemplare, die innerhalb eines Tages in einem durchschnittlichen Buchladen von einem durchschnittlichen Buch verkauft werden, direkt im Laden zu drucken. Die Chance liegt dabei keineswegs in den womöglich zu sparenden Transport-, Miet- und Lagerkosten, die Chance liegt darin, dass Papier sich so dem annähert, was Pixel ausmacht: Versionierung! Gedruckte Bücher könnten innerhalb einer Auflage aktualisiert werden, Papierzeitungen könnten innerhalb eines Tages in unterschiedlichen Versionen verkauft werden. Rückmeldungen oder aktuelle Entwicklungen könnten Einfluß nehmen auf ein Buch, wie sie schon heute Einfluß nehmen auf Webseiten. Leser würden jeweils die aktuellste Version z.B. einer Zeitschrift kaufen können, in die Fußballergebnisse oder Wahlentscheidungen bereits eingearbeitet sind. Die Lektüre-Kost wäre so einfach frischer als wenn sie bereits seit Tagen oder Wochen im Regal liegt. Zusätzlich wäre es natürlich möglich auch eingemachte Kost noch zu erwerben: Backissues könnten ebenfalls auf Knopfdruck verfügbar sein – übrigens natürlich nicht nur über die Drucker im Laden, sondern auch über ein stabiles WLAN im Geschäft zum Download auf Smartphone oder (Tablet-)Computer.

Und ja, all das gilt auch für die schwerfälligeren weil langsameren Papiertransporter, die man im Buchladen kaufen kann: Auch Bücher könnten von dieser Form der Versionierung profitieren, sie könnten Fehler beheben, Aktualisierungen vornehmen (was beides bei Sachbüchern enorm hilfreich wäre), aber sie könnten auch Leserreaktionen aufnehmen oder Entwicklungen fortschreiben (was bei fiktionaler Literatur als Fanfiction nicht unerfolgreich ist im Netz).

Vielleicht wird diese Debatte über veränderte Druckläufe und Aufforderungs-Käufe bereits intensiv irgendwo geführt. Mir ist sie bisher entgangen. In der Debatte um eBooks und gedruckte Bücher, die ich als ständigen wie merkwürdigen Dualismus erlebe, habe ich solche Ideen bisher nicht gehört. Im Drogeriemarkt ist diese Version der Zukunft allerdings schon erlebbar.

Mehr zur Idee der Versionierung in „Eine neue Version ist verfügbar“, das im Herbst bei metrolit erscheint.

Neue Version: mein Crowdfunding-Fazit in sechs Punkten

Noch rund fünfzig Stunden dann endet mein Crowdfunding-Experiment „Eine neue Version ist verfügbar“. Zeit für ein kleines Fazit zu dem Projekt, das für mich nicht nur eine große Überraschung, sondern vor allem ein großer Erfolg war: Die 5000 Euro, die ich erreichen wollte, wurden bereits nach fünf Tagen überschritten. Aktuell steht das Projekt bei über 11.000 Euro. Das ist wunderbar und ich danke allen, die das möglich gemacht haben.

Hier meine sechs Schlussfolgerungen, die ich auch dem Projekt ziehe. Wer sich für weitere Lehren aus „Eine neue Version ist verfügbar“ interessiert: in dem so genannten Dankeschön „Backstage-Blick“ gewähre ich einen Einblick in die Konzeption des Projekts und ziehe weitere Schlüsse (dazu gibt es auch Interviews mit wichtigen Akteuren und einige persönliche Tipps von mir)

1. Nur wer weiß, was er will, kann andere davon überzeugen
Wer in Erwägung zieht, die Finanzierungsmethode des Crowdfunding auszuprobieren, muss vor allem erklären können, worum es ihm geht. Ein Buch zu schreiben oder einen Film zu drehen, ist an sich noch kein Ziel, das außerhalb der eigenen Familie für Interesse sorgt. Vermutlich wird man aber mehr Menschen überzeugen müssen, Geld für das Projekt zu geben. Das gelingt dann besonders gut, wenn man erstens weiß, was man will und zweitens versteht, wen man erreichen will: Wer interessiert sich für diese Form der Kunst? Wo befindet sich dieses Publikum und wie erreiche ich es?
Das klingt banal, viele Projekt scheitern aber schon hier. Und auch die erfolgreichen tun sich manchmal eher schwer damit, Antworten auf diese Fragen zu finden.

2. Crowdfunding handelt in erster Linie von der Crowd
Ein gar nicht falscher Vorwurf gegen das Crowdfunding besagt, dass diese Finanzierungsmethode eine gewisse Markttauglichkeit von Kunst und Kultur fördert. Allerdings muss es sich dabei nicht zwingend um einen Mainstream-Markt handelt. Der Begriff der „Crowd“ beschreibt bei dieser Finanzierungsmethode eine engumgrenzte Community, die Begeisterung für ein Projekt entfacht und so auch Ideen finanzieren kann, die im Mainstream-Markt vermutlich keine Chance hätten. Das gelingt allerdings nur dann, wenn die Crowd sich auch in dem Projekt wieder findet. Das bezieht sich nicht nur auf dessen Inhalt, sondern auch ganz wörtlich auf die Anschluss-Fähigkeit des Projekts – zum Beispiel über Facebook-Aktivitäten oder Twitter-Dialog. Im Interview, das ich für die Dokumentation meines Buches mit Tino Kreßner von Startnext geführt habe, beschreibt er Crowdfunding als „Social-Media-Instrument zur Finanzierung von Projekten“.

3. Social Media ist mehr als Twitter und Facebook
Einen Account auf bekannten Plattformen anzulegen, kann helfen, reicht aber nicht aus. Denn Social Media heißt in diesem Kontext vor allem: Über das eigenen Projekt auf unterschiedlichen Kanälen reden. Sicher auch auf Twitter und Facebook, aber die Frage des Kanals ist gar nicht entscheidend. Wichtiger ist: Will man so viel über das Projekt reden und sich ständig aufs Neue begründen und erklären? Und vor allem: Kann man Menschen derart von dem Projekt überzeugen, dass sie ihre Teilnahme als Gewinn für sich selber und nicht nur als Unterstützung verstehen? Im Laufe meines Projekts habe ich festgestellt: Die Gruppe der Unterstützer, die auf Startnext öffentlich einsehbar ist, war ein mindestens ebenso wichtiger Faktor für Menschen, sich dem Projekt anzuschließen wie das Projekt selber. So wie man sich für einen Konzertbesuch entschließt, weil man die anderen Menschen sympathisch findet, die hingehen – auch wenn man die Band nicht kennt.

4. Crowdfunding ist kein Betteln
Wer ein Produkt über Startnext kauft, muss dieses als „Dankeschön“ auswählen. Das klingt etwas ungelenk und zeigt auf, dass wir noch keine passenden Worte haben, um diese Art der Finanzierung über Crowdfunding zu verstehen. Ich glaube, dass „Dankeschön“ einer ähnlichen Welt entspringt, wie „Unterstützer“ oder der Vorwurf, eine Projektstarter auf einer Crowdfunding-Plattform würde Betteln. So lange diese unklare Begrifflichkeit im Raum steht, wird eine Perspektive auf diese Form der Kulturfinanzierung versperrt bleiben, die ich gerne wählen würden: Beim Crowdfunding kaufen Menschen ein Buch, einen Song oder einen Film – allerdings bevor dieses Endprodukt erstellt wurde. Insofern investieren sie auch in den Autoren, Musiker und Filmemacher, aber sie unterstützen ihn in Wahrheit genau wie jemand, der ein fertiges Buch kauft oder einen fertigen Song herunterlädt.

5. Crowdfunding macht Arbeit und schafft Arbeit
Es würde mich freuen, wenn mehr Menschen die Möglichkeiten des Crowdfunding austesten würden. Projekte wie Kraut-Reporter stimmen mich optimistisch. Allerdings darf die aktuelle Begeisterung für das Thema nicht darüber hinweg täuschen: Crowdfunding ist keine einfache Form der Finanzierung. Es steckt wahnsinnig viel Arbeit darin, ein gutes Pitch-Video zu drehen, Aufmerksamkeit auf ein Projekt zu lenken und dieses kontinuierlich zu betreuen. Hinzu kommen all die rechtlichen und organisatorischen Fragen, die man klären muss, wenn man sich dafür entscheidet, im direkten Austausch mit dem Publikum ein Projekt zu finanzieren. All diese Arbeit, die im Crowdfunding steckt, spricht meiner Einschätzung nach aber nicht gegen diese Form der Finazierung. Ich denke im Gegenteil, dass sich in naher Zukunft Partner und Dienstleister herausbilden werden, die die Kreativen dabei unterstützen – man könnte sie Verlage nennen.

6. Crowdfunding ist Ergänzung, kein Ersatz für klassische Modelle
Niemand, der die aktuellen Entwicklungen realistisch einschätzt, glaubt, dass Crowdfunding die klassischen Finanzierungswege auf absehbare Zeit ersetzen wird. Gleichzeitig glaubt aber auch niemand, dass die klassischen Modelle unbeeinflußt blieben vom Crowdfunding. Vielleicht geht es langsamer als gedacht, vielleicht wird zunächst weniger Geld bewegt als erwartet, aber die Entwicklung weist eher in Richtung mehr Crowdfunding als weniger. Ich glaube, dass dies an dem liegt, was ich als den Kern digitaler Kommunikation beschreiben würde: eine neue Definition des Kreativen zu seinem Publikum. Crowdfunding kann dabei sehr helfen.


Der Eintrag erscheint als Crosspost auch im Debattenportal VOCER

Facebuch

Durch Zufall habe ich letztens bemerkt: mein Buch Mashup ist „auf Facebook“ wie man zu sagen pflegt. Ich weiß nicht wie es dahin gekommen ist, es stört mich dort aber auch nicht. Obwohl sich mir grundsätzlich das Einrichten einer Fanseite für ein Buch nicht ganz erschließt. Für den vermutlich von den Autoren/Verlagsmenschen gewünschten Effekt der Verbreitung im digitalen Freundeskreis würde doch auch eine Facebook-Veranstaltung ausreichen. Diese hätte wiederum den Vorteil, dass man von ihr keine weitere Aktivität verlangt, wenn sie vorbei ist. Von einer Buchseite jedoch würde ich mir genau das wünschen – meist bleibt dieser Wunsch unerfüllt.

Die Facebuch-Seiten stehen so unmotiviert und teilnahmslos rum, dass man sich fragt: Braucht ein Buch überhaupt eine Facebook-Fanseite? Passen diese Denkmodelle zueinander: Hier ein Buch, dort eine Fanseite?

Ich stelle mir diese Frage immer dann, wenn eine entsprechende Fanseiten-Einladung in meiner Timeline auftaucht. Jetzt traue ich mich, diese Frage mal öffentlich zu formulieren. Denn in der Vorbereitung meines kleinen Buchprobjekts mit dem Titel „Eine neue Version ist verfügbar“ (hier gerne vorab eintragen) denke ich natürlich auch über eine Facebuch-Seite nach: Ist das sinnvoll? Würdest du so etwas wollen?

Update zu „Eine neue Version ist verfügbar“

Mein neues Buchprojekt mit dem Titel Eine neue Version ist verfügbar (hier bei Interesse gerne eintragen) nimmt Gestalt an. Deshalb möchte ich einen kurzen Zwischenstand geben, bevor es Anfang Oktober pünktlich zur Buchmesse konkret losgeht.

Eine neue Version ist verfügbar wird ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Ich möchte – gemeinsam mit den Leserinnen und Lesern – ausprobieren, ob man Bücher nicht auch anders schreiben kann. Deshalb wird Eine neue Version ist verfügbar ohne großen Verlag erscheinen, als so genanntes Selfpublishing-Projekt, bei dem die Leserinnen und Leser anders als bei gewöhnlichen Büchern nicht erst am Ende, sondern von Beginn an eingebunden sind: Einerseits weil es als Crowdfunding-Projekt, den üblichen Weg der Finanzierung umdreht (Leser werden vorab um Unterstützung geben), andererseits weil ich die inhaltliche These auch in der Erstellung des Buchs belegen will: Kunst und Kultur werden durch die Digitalisierung flüssig. Wir müssen sie als Software denken, die in Versionen ausgeliefert wird.

In diesen Versionen will ich auch mein Buch ausliefern. Ich will den Entstehungsprozess offenlegen und wo möglich diskutieren. Für all das laufen aktuell die Vorarbeiten. Anfang Oktober sollen diese abgeschlossen sein, dann startet die Crowdfunding-Phase für das Experiment.

Bis dahin ist noch einiges zu tun, aber ich will hier schon mal einen kurzen Zwischenstand geben, weil sich schon rund 250 Menschen auf der Vorschaltseite eingetragen haben und weil ich sogar schon Interviews zu dem Thema geben durfte: Der Schweizer Tagesanzeiger, die TagesWoche aus Basel und on3-radio haben mich zu der Idee befragt und ich freue mich sehr über dieses Interesse.

Wer sich ebenfalls für das Projekt interessiert, ist herzlich eingeladen, dem noch inaktiven Twitter-Account zu folgen und sich auf der Vorschaltseite einzutragen – auch Vorschläge für die Playlist zum Projekt bei Spotify nehme ich gerne entgegen.


Weitersagen und eintragen:
bit.ly/neueversion_signup


Eine neue Idee ist verfügbar

In den vergangenen Tagen ist einiges passiert. Ich habe u.a. in Karlsruhe im Rahmen der dringend zu empfehlenden Ausstellung Deja-Vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube mit Wolfgang Ullrich übers Kopieren geredet und dabei direkt vor Anselm Feuerbachs Das Gastmahl des Plato die Ideen aus Mashup vorstellen dürfen (siehe oben: Messidona vor Feuerbach, Foto: Kunsthalle Karlsruhe). Das war nicht nur deshalb sehr interessant, weil es irgendwie zum Unteritel von Wolfgang Ullrichs sehr lesenswertem Buch Raffinierte Kunst passt: Übung von Reproduktionen.

Geübt habe ich dabei indirekt für eine kleine Idee, die ich als neues Buch in die Tat umsetzen will. Sie trägt den Titel „Eine neue Version ist verfügbar“ und soll im Herbst beginnen. Es geht um die zentrale Frage, die in Mashup noch von der Urheberrechtsdebatte verdeckt wurden: Wie verändert die Digitalisierung Entstehung, Rezeption und Vertrieb von Kunst und Kultur?

Ich glaube, dass sie sie auftaut und verflüssigt. Ich glaube, dass der veränderte Aggregatzustand eine veränderte Perspektive nach sich zieht, die ich in dem Projekt erörtern will. Wer sich dafür interessiert, ist eingeladen, sich hier einzutragen und Freunde und Bekannte einzuladen.

Zum Einstieg habe ich eine kleine Playlist mit 24 Songs erstellt, die zum Thema passen. Mehr dazu gibt es hier und zur Einstimmung hier PeterLichts Fluchtstück:


Frauen: selber Schuld!

Heute ist Weltfrauentag. Deshalb veröffentlichen die Blätter für deutsche und internationale Politik das Eingangskapitel des als „Streitschrift“ angekündigten Buchs „Die Feigheit der Frauen. Rollenfallen und Geiselmentalität“, in dem die ehemalige taz-Chefredakteurin Bascha Mika Thesen rausbläst, die sie in der taz-Konferenz offenbar nicht durchgebracht hat. Sie schreibt:

Nach 40 Jahren Geschlechtertheater müssen wir feststellen: Wir selber haben’s vermasselt. Wir Frauen. Wir reden und schreiben und regen uns auf und verfluchen unsere Ohnmacht gegenüber den gesellschaftlichen Strukturen – aber wie handeln wir denn Tag für Tag?

Wir lassen dieses System nicht nur zu. Wir machen mit. Wir selbst halten es am Leben. Warum sonst wohl sind unsere bisherigen Veränderungsstrategien meist wirkungslos? Weil wir keine Gegnerinnen des Systems sind, sondern Komplizinnen!

Ja, das ist provokant. Das ist streitbar und verkaufsfördernd. Aber der Sache der Frauen der Gleichberechtigung ist es keinesfalls dienlich – und ich halte Bascha Mika für so smart, dass sie das auch selber weiß. Sie hat (als Komplizin des medialen Systems) in so vielen Talkshows gesessen, dass ihr bewusst ist, dass die Reduzierung eines gesellschaftlichen Problems auf persönliches Fehlverhalten allenfalls als provokante Verkürzung tauglich ist, aber nicht als relevanter Debattenbeitrag.

Die Frage, wie Frauen und Männer zusammenleben wollen, wie man Familie gleichberechtigt organisiert und wie unser Land mit Kindern umgeht, ist keine, die man in der Mika-Art beantworten kann. Wer ernsthaft öffentlich schreibt: „Frauen, wir sind selber Schuld!“ schadet einer gleichberechtigten Politik vermutlich ebenso wie diejenigen, die von Frauen und Herd als naturgegebener Einheit reden oder jene, die Barbusige auf die Seite eins ihrer Zeitungen drucken.

Ja, das Private ist politisch (und wird zunehmend medial ausgewertet), aber das Politische in diesem Land ist eben nicht einzig privat zu lösen: Kinderbetreuung, Teilzeit-Arbeitsverhältnisse und gleicher Lohn für gleiche Arbeit sind keine Themen, die „wir feigen Frauen“ alleine und für uns privat lösen können.

Wer solches suggeriert, befindet sich selber in einer bösen Rollenfalle.

Sascha Lobo, Du hässlicher Eierkopf!

Was wir oft vergessen, wenn wir über emotionale Debatten im Netz sprechen: Schimpfen kann eine äußerst humorvolle Tätigkeit sein. Der allein dafür zu lobende Sascha Lobo hat dies heute eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Felix Schwenzel hatte ihn mit einer buchfrage herausgefordert und so eine Fortsetzung der Filesharing-Debatte angezettelt. Die ging dann ein wenig hin und her und endete heute in einer anwortantwortantwort, die Mario Sixtus zurecht als „Rant des Tages, wenn nicht des Jahres“ lobte. Denn mit dem Thema Filesharing von Büchern hat diese wunderbare Tirade nicht mehr viel zu tun. Es handelt sich viel mehr um einen Schimpfstreifzug durchs deutschsprachige Internet: von Kathrin Passig bis Jochen Wegner – keiner ist vor Sascha Lobos Schimpfen sicher. Ich bin mir nicht sicher, was es zu bedeuten hat, dass auch ich darin einen kleinen Abschnitt bekomme, in dem irrig behauptet wird, ich würde beim Essen in der Kantine reden – was ich natürlich allein aus Gründen des Anstands ablehne. Ich gehe davon aus, dass Sascha mir damit indirekt sagen will, dass ihm in der Sache die Argumente ausgegangen sind.

In den Kommentaren unter dem Text (die sich wegen Überlastung zwischenzeitlich in Marios Buzz-Post ausgelagert haben), wird darauf hingewiesen, dass Sascha hier ja nur „Web 2.0 Marionetten“ zum Zwecke der Werbung für sein Buch tanzen lasse. Und dass mit jeder Reaktion darauf, die Aufmerksamkeit dafür noch gesteigert würde.

Das mag stimmen. Andererseits ist diese Form der Schimpf-Aufmerksamkeit doch viel amüsanter als jene, die vor einer Woche von Moritz von Uslar, der Welt, der FAZ und den tazblogs verbreitet wurde. Dabei ging es nur um eine simple SMS-Beschimpfung („Du hässlicher Eierkopf“), mit der Aufmerksamkeit für ein Buch erzeugt wurde. Heute jedoch wird in epischer Breite und mit echtem Elan geschimpft. Das verdient doch eine Reaktion.

Und sei es nur, um beide Fälle mit der obigen Überschrift zusammenzuführen.

P.S.: Moritz von Uslars Buch heißt übrigens Deutschboden. Saschas Buch trägt den Titel Strohfeuer ist im Buchhandel und als App erhältlich – und vielleicht auch in der ein oder anderen Tauschbörse.

P.P.S.: Gelesen habe ich beide nicht. Dazu fehlt mir vor lauter Feuilleton- und Internetdebatte einfach die Zeit. Wer dennoch ein gutes Buch lesen mag, dem empfehle ich Nick Biltons fulminantes I live in the future & here’s how it works!