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Remixkultur für verkalkte Kulturfaschisten?

Seit ein paar Tagen ist mein Buch Mashup: Lob der Kopie auf dem Markt. Ich habe bereits ein paar Interviews dazu gegeben (z.B. hier) und durfte schon recht freundliche Besprechungen (z.B. hier) dazu lesen. Auf der Mashup-Seite habe ich die Besprechungen, die mir bisher aufgefallen sind, verlinkt (weitere Tipps gerne an mich!).

Dass ich hier dennoch einen kleinen Beitrag zum Thema veröffentliche, liegt an einem Leser-Kommentar bei Nerdcore. Dort hat Tollschock Folgendes geschrieben:

Ok, vielleicht hab ich zu viele vorurteile, aber es ist ja auch zu offensichtlich: der chefredakteur von jetzt.de, zusammen mit neon das zentralorgan neubürgerlichen lebensstils, schreibt ein buch über remixkultur, der mann heißt ausgerechnet DIRK VON GEHLEN (wurde bestimmt wegen seinem namen angestellt, das gefällt der zielgruppe) und schaut auch so aus als hätt sich sein name in seine physiognomie eingebrannt, es erscheint ausgerechnet bei suhrkamp, es wird ne neue sau durch die feuilletons getrieben, weil methusalem-komplott, sloterdijk-debatte und warum-die-linke-oder-was-schirrmacher-dafür-hält-recht-hatte-debatte von gestern sind. welchen total verkalkten kulturfaschisten muss man denn noch erklären, dass z.B. ein remix eine kreative leistung ist? aber jetzt tut so ein schleimer so als wär das ne riesen kontroverse.

Man kann sicher feststellen: Das Vielleicht am Anfang des Kommentars kann man streichen. Sowohl die fehlende Differenzierung zwischen Neon und jetzt.de als auch die Annahme, ich übte meinen Job aufgrund meines Namens (oder des zugehörigen Aussehens) aus, sind … Egal, in dem Kommentar stecken zwei Annahmen, auf die ich doch eingehen will:

Einerseits behauptet Tollschock man müsse eigentlich gar nicht mehr erklären, dass der Remix eine kreative Leistung sei und andererseits negiert er, dass es darum eine „riesen kontroverse“ gebe. Diese These habe ich an der einen oder anderen Stelle so ähnlich (aber immer freundlicher) gehört – und zumindest beim zweiten Teil genügt ein Blick in die Meldungen der vergangenen Woche, um diese These zu entkräften: heise berichtet von den Plänen der Musik- und Filmindustrie (Brennerstudie reloaded: Medienbranche besteht auf Internet-Sperren) und gulli stellt eine Initiative gegen Abmahnwahn vor (Positionspapier für ein neues digitales Urheberrecht). Meiner Meinung nach steckt da „riesen kontroverse“ genug drin.

Da der Kommentar Mashup mit dem Methusalem-Komplott vergleicht, überlese ich das recht anlasslose und unbegründete „Schleimer“ und stelle mir vor, die Frage, welchen Wert die Kopie habe, würde tatsächlich das Ausmaß der Schirmacher-Feuilleton-Debatten erreichen. Spätestens bei diesem Szenario sieht man, dass die Akzeptanz für die Remix-Kultur keinesfalls so selbstverständlich ist wie angenommen. Im Gegenteil: Es gibt einen kulturellen Graben in der Beurteilung der Frage, wie man mit der Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie umgehen soll. Und nach der Arbeit an dem Buch und ein paar Tagen Debatte darüber bin ich überzeugt: Wir werden nur dann neue Vergütungsmodelle finden, die mit der digitalen Kopie statt gegen sie arbeiten, wenn wir diesen Graben schließen.

Um daran mitzuarbeiten habe ich das Buch geschrieben (und in der vergangenen Woche für die WDR-Sendung Politikum die Grundthese zusammengefasst, die man hier als PDF nachlesen kann) und deshalb erscheint das Buch im großartigen Suhrkamp-Verlag und nicht wie zum Beispiel in den Kommentaren bei Netzpolitik gefordert, unter einer CC-Lizenz im Selbstverlag.