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Das Buch als Newsletter (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Das Buch, um das es im folgenden geht, heißt Anleitung zum Unkreativsein.

Es geht! Dieses Ergebnis stelle ich der Zusammenfassung meines Buch-Newsletter-Experiments der vergangenen Wochen voraus. Es geht, es macht Freude und eröffnet neue Möglichkeiten, wenn man ein Buch digital denkt: als Newsletter, der wie ein Seminar oder ein Workshop über einige Wochen regelmäßig Leser:innen begleitet.

Darum geht es nämlich: Wie können wir Bücher digital denken? Zwei eher alte Techniken zu einem neuen, innovativen Ansatz verbinden – das ist die Idee dessen, was ich Buch-Briefing nenne. Ein Newsletter-Service, der Bücher in digitale Kapitel aufteilt, die ondemand und regelmäßig bezogen werden können. Im Sachbuchbereich ist die Referenz für diese Methode der Workshop bzw. das Seminar, in der Belletristik liefert die Idee des Fortsetzungsromans bzw. der Serie die Referenz fürs Buch-Briefing.

Vorteil für Produzierende wie Konsumierende: Es gibt eine Verbindung. Als Autor:in kenne ich meine Leser:innen – weil ich durch die regelmäßigen Mails in Kontakt stehe. Das erzeugt nicht nur Nähe, sondern liefert auch Kund:innen-Daten.

Das Experiment

Gerade ist mein Buch „Anleitung zum Unkreativsein – auf anderen Wegen zu neuen Ideen“ erschienen. Ein Reverse-Ratgeber, der mit Hilfe der Kopfstandmethode neue Zugänge zu kreativen Lösungen aufzeigt. Die zentrale These des Buches lautet: Wer neue Ideen will, muss lernen die Perspektive zu wechseln.

Diesen Gedanken habe ich in einen elfwöchigen Newsletter auf Steady gegossen. Da ich Akronyme mag, habe ich jeder Folge einen Buchstaben des Wortes PERSPEKTIVE vorangestellt: „Ein Wort, eine Übung, eine Frage – drei Gedanken zum Thema Kreativität“ lautet das Konzept des kurzen Newsletters, der jeden Montag um 19 Uhr einige Gläser aus dem großen Fass zapfte (Symbolbild: unsplash). Mit diesem Bild lässt sich vermutlich am besten das Verhältnis zwischen Buch (Fass) und Newsletter (Gläser) beschreiben. Der Newsletter zerlegt das große Granze in kleinere Einheiten, die leichter konsumierbar sind. Warum macht er das? Weil er auf diese Weise entweder Werbung für das Fass macht (Marketing fürs Buch) oder weil sich auf diese Weise vielleicht sogar Gläser verkaufen lassen (neues Geschäftsmodell Buchbriefing).

Um rauszufinden, welche Chance in dieser Form der Buch-Digitalisierung zum Newsletter liegen, habe ich die Anleitung zum Unkreativsein in einen Newsletter überführt und eine Nutzer:innen-Befragung angeschlossen, deren Ergebnisse ich unten zeige. Zunächt zum besseren Verständnis nochmal die Gegenüberstellung der beiden sich ergänzenden Ansätze „Buch“ und „Newsletter“

Das Buch
bietet den gesamten Inhalt auf einmal
Inhalt abgeschlossen
Einmaliger Kontaktpunkt
Keine weiteren Lese-Anreize
Lautsprecher-Prinzip
Kein Rückkanal
Keine Nutzer:innen-Daten
Leser:in kauft den Inhalt

Produkt als dominante Idee

Der Newsletter
zerlegt den Inhalt in Folgen
Inhalt aktualisierbar
Schafft wiederholte Kontaktpunkte
Regelmäßige Lese-Anreize
Kopfhörer-Prinzip
Rückkanal/Austausch möglich
Nutzer:innen-Daten
Leser:in kauft auch die Zeit zum Lesen

Prozess als dominante Idee

Das Ergebnis

Buch und Newsletter aus dem Experiment lassen sich nachlesen – das Buch am liebsten hier beim Rheinwerk-Verlag bestellen. Der Newsletter steht kostenfrei drüben bei Steady – und zwar mit diesen Folgen:

P wie Position
E wie Erwartung
R wie Ritual
S wie Spielen
P wie Paradox
E wie Erfolg
K wie Kombination
T wie Teilen
I wie Ideen
V wie Version

Die Erkenntnis

Und funktioniert das jetzt? Um Antworten auf diese Frage zu bekommen, habe ich die Leser:innen des Newsletter befragt. Hier eine Zusammenfassung der vier wichtigsten Erkenntnisse. Die qualitativen Antworten aus der Umfrage habe ich ausgelassen, sie beziehen sich vor allem auf die konkrete Ausgestaltung des Newsletters zum Buch, das quantivative Feedback lässt aber diese sehr positiven Schlüsse für die Idee Buchbriefing zu:

1. Es gibt eine überwiegende Mehrheit, die die Idee Bücher zu Newslettern zu machen, gut findet

2. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Buchkauf und Newsletter, überwiegend positiv für die Kaufabsicht des Buches

3. Der Newsletter erreicht offenbar andere Leser:innen als das Buch. Er kann also als Marketing für das Buch verstanden werden:

4. Es gibt eine überwiegende Kaufabsicht, für die neue Produkt-Kategorie „Buch-Newsletter“ in Zukunft Geld auszugeben

Die nächsten Schritte

Mich bestätigt dieses Experiment, den Grundgedanken von Buchbriefing fortzuführen. Besonders interessiert es mich, diese Idee mit dem so genannten Inspirierenden Journalismus zusammenzudenken. Denn hier liegt ein sehr kurzfristiger Mehrwert dieser Newsletter-Strategie. Aber auch in belletristischen Zusammenhängen sehe ich Potenzial in der seriellen Form des Lesens. Falls Sie sich für diese Ideen interessieren und Sie unterstützen wollen: melden Sie sich bei mir!

Siegfried & Joy, Bo Burnham, Blaufusstölpel, Aditotoro und Khaby Lame – Netzkulturcharts Juni 2021

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1 Siegfried & Joy: „Las Vegas in Berlin“

Der Instagram-Account der Berliner Zauberkünstler Siegfried & Joy hat mir in den vergangenen Wochen mehrfach die Stimmung gerettet. Die von der Pandemie an Auftritten vor Publikum eingeschränkten Siegfried & Joy bringen Las Vegas nicht mehr nur auf die Bühnen, sondern auch auf die Straßen von Berlin (Foto oben). Mit reiner Magie bremsen sie einen vollbesetzen U-Bahn-Zug, zaubern eine Ampel von Rot auf Grün und öffnen eine Parkhausschranke. Hier gibt es Tickets für die zauberhaften Berliner

Platz 2 Bo Burnham: „Inside“

„Seine Bühne wollte er sich auch im Lockdown nicht nehmen lassen; mit Heimwerkergeschick und Improvisationstalent inszenierte er im Laufe des letzten Jahres eine Show in seiner kleinen Wohnung.“ So beschreibt Lars Weisbrod das Setting für das Netflix-Special Inside von und mit Bo Burnham, in dem dieser den Lockdown in Form einer besonders bedrückende Comedy verarbeitet. „Was, wenn selbst der Comedian nicht mehr über sich lachen mag? Wenn der Clown Depressionen hat?“, fragt Sebastian Maas und bringt damit den besonderen Reiz an Inside auf den Punkt. Platz 2 in den Juni-Charts – mit besonderer Empfehlung für den Song „Content“

Platz 3 Der Blaufusstölpel als Der Blaufusstölpel

Sula nebouxii leben auf den Galápagos-Inseln – und seit dem letzten Juni-Wochenende auch in meiner Twitter-Timeline. Bilder vom Blaufusstölpel (Hintergrund Geolino-Lexikon) wurden mit Zitaten gepostet, die gemeinhin aus anderen Zusammenhängen stammen. Die so rekombinierte Vermenschlichung der Watschel-Tölpel sorgte für allgemeine Erheiterung einen Überraschungsplatz Platz 3 im Juni-Ranking der #netzkulturcharts. Lesetipp: bei Uebermedien erklärt Samira El Quassil was der Tölpel mit der Mona Lisa zu tun hat

Platz 4 Aditotoro und die EM

Adrian Vogt ist 22 Jahre alt und wohnt in der Schweiz. Im SRF war er Anfang des Jahres zu sehen, im Mai wurde er auf Watson vorgestellt und 2020 gewann er den Swiss Comedy Award – weil er als Adi Totoro extrem erfolgreich auf Tiktok ist. Seit er dort nicht nur auf Schweizer-Deutsch unterwegs ist, hat er seine besondere Hassliebe für die Nachbarländer entdeckt. Dieses wiederkehrende Thema spielt er auch rund um die EM aus. Weil er den Sieg der Schweizer gegen Weltmeister Frankreich hier sehr gekonnt vohergesagt hat: Platz vier in den Juni-Charts. Das ist lustig und bedient das „ich präsentiere hier was“-Meme, von dem wir sicher noch hören werden, auf besondere Art und Weise.

Platz 5 Khaby Lame

Es ist sein Gesichtsausdruck. Khaby Lame kann mit seiner Mimik Stimmungen auf den Punkt bringen, „wie eine globale Sprache“, sagt er selbst in einem Gespräch mit der New York Times. Denn Khabys Mimik hat ihn nicht nur zu einem der größten Tiktok-Accounts gemacht, sondern auch Aufmerksamkeit außerhalb der Social-Media-Welt gebracht. Denn die Geschichte des 21-jährigen Fabrikarbeiters der während der Pandemie seinen Job verlor und aus Spaß mit Tiktok begann, ist einfach zu schön, um nicht erzählt zu werden. Khaby stammt gebürtig aus dem Senegal, lebt aber seit 20 Jahren in Italien. Mehr über Khaby gibt es in diesem schöne Porträt auf jetzt.de – seine Mimik und seine besondere Geste gibt es in diesem Clip, in dem er seine eigene Followerzahl mit der von Mark Zuckerberg vergleicht.

Besondere Erwähnung

für den #EMCheck von flopumuc auf Twitter: Spiele in einem Tweet zusammenzufassen, finde ich super gut. Überhaupt gäbe es noch eine Menge zur EM zu sagen – die Auswertung findet aber am Ende des Monats Juli statt.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“.

Tut nicht auf modern – macht sich ehrlich

Gerade als ich hier über die CDU schrieb und ihren traurigen Versuch, Anschluss an die Netzkultur zu finden, schickte Yannic mir diesen Spot aus Österreich. Beworben wird ein Jugendkonto der österreichischen Sparkassen, es trägt den Namen Spark 7 und ich habe wenig über dieses Produkt rausfinden können (was soll der Name!?). Mir gefällt der Spot aber, weil er das tut, was Lucas im „Wirbt das?“-Podcast immer „Ehrlich machen“ nennt.

Dieser Werbespot referenziert Internet-Memes und akzeptiert dabei die Rolle des Absenders: die österreichische Sparkasse reflektiert sich selbt. Der Spot nimmt eine Meta-Ebene ein und thematisiert das eigene Anbiedern an Netz- und Jugendkultur. Da dabei aber Selbstironie und Referenz spür- und sichtbar werden, ist der Spot kein Fremdköper gegenwärtiger Kultur, sondern referenziell eingebunden.

Unter dem Spot auf YouTube gibt es nur drei Kommentare. Das Ziel, Nutzer:innen-Interaktion im Aufzählen der kopierten Memes zu stimulieren, wird offenbar nicht erreicht. Aber erfolgreich ist der Spot meiner Meinung nach dennoch: Hier wird Netzkultur nicht einfach adaptiert oder als Transportmittel für die eigene Werbebotschaft genutzt. Hier wird ein Bezugsrahmen gesetzt, der die eigene Rolle einbezieht. Ausgerechnet einer Sparkasse gelingt, woran die CDU scheitert: Selbstironie.

Ich schreibe das auf, weil positive Beispiele mit helfen können, die Kritik an der CDU-Kampagne in einen Kontext zu stellen. Darum geht es übrigens auch in der Sendung Breitband im Deutschlandfunk, in der ich heute über Meme spreche.

Mehr zum Thema Meme im gleichnamigen Buch („Meme – Muster digitaler Kommunikation“), mehr Werbekritik im Podcast „Wirbt das?“, in dem ich mit Lucas von Gwinner über die ungeheuerliche Wirkung von Kommunikation spreche.

Ende des Durchschnitts: Spotify „Only You“ als Symbol der Digitalisierung

Keine Ahnung, ob es wirklich keine:n Spotify-Nutzer:in da draußen gibt, die „Nur Idioten hier“ von Moritz Krämer und Francesco Wilking morgens hört. Ich jedenfalls mag den Song und höre ihn auch morgens – auf Spotify. Der Streaming-Dienst hat mich jetzt mit seinem Only-You-Feature darauf aufmerksam gemacht, dass ich damit offenbar sehr allein einzigartig bin.

Vergleichbar mit dem jährlichen Rückblick-Feature „Wrapped“ analysiert Spotify dabei die Hörgewohnheiten und entwickelt daraus individualisierte Playlists. Neu ist jedoch, dass es nicht ausschließlich um den Content, sondern vor allem auch um den Kontext geht – also nicht nur um die Frage, was ich höre, sondern wann und wie. Diese Informationen bilden die Voraussetzung für weitere Feature, die in Planung sind: Blend (aktuell in der Beta-Phase) soll es in der mobilen Nutzung ermöglichen, gemeinsame Playlists zu erstellen, die wie digitale Mixtapes funktionieren.

Kassettenmädchen und Kassettenjungs überall auf der Welt können hier erkennen, wie digitaler Fortschritt funktioniert. Daten sind von ihrem Träger gelöst (Symbolbild: unsplash) und beweglich geworden. Musik wird so zum Symbol für den Prozess, den wir Digitalisierung nennen: Kultur wird zu Software.

978-3-95757-246-2-x160xx400x-1466586213 Felix Stalder definiert diese drei Aspekte als Beweis für die Kultur der Digitalität: Gemeinschaftlichkeit, Referenzialtität und Algorithmizität. Alles drei kann man am Umgang des Streaming-Dienstes mit Musik wunderbar analysieren. Am offensichtlichsten an der Art, wie Spotify mit Meta-Daten die Musiknutzung verbessert, ist aber der Prozess, den ich „Das Ende des Durchschnitts“ nenne.

Zu Nick Hornbys Zeiten war die Idee des perfekten Mixtapes stets an eine nicht benannte Allgemeinheit adressiert: der kompilierende Pop-Nerd (bewusst nicht gegendert) fügte Lieder auf einer Kassette zusammen, die in der Mischung dann Bedeutung für andere haben sollte (ein zentraler Punkt im Erleben des eher einsamen Nerds war die Eroberung weiblicher Liebe in einer heteronormativen Beziehung). Bei den individualisierten Playlists digitaler Dienste geht es vor allem um den Bezug zu mir: „Only You“ stellt meine (vermeintliche) Einzigartigkeit heraus, die ich dann leicht teilbar anderen zeigen kann.

mashup Diese Entwicklung kann man beklagen oder zunächst mal zur Kenntnis nehmen: die Zeiten ändern sich. Darin steckt ein gesellschaftlicher und ein digitaler Aspekt. Mich interessiert hier vor allem der digitale: Am Umgang mit der Musik lässt sich sehr schön sehen, was die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie für Folgen haben kann. In meinem Buch „Meta – Das Ende des Durchschnitts“ habe ich die Veränderungen für unsere Idee von allgemeiner Öffentlichkeit (das eine Mixtape) zu beschreiben versucht – und mit dem damaligen Deutschland-Chef von Spotify über die Entwicklung der Streamingplattform gesprochen. Vieles von dem, was in dem Buch als abstrakte Entwicklung besprochen wird, lässt sich an den konkreten Angeboten von Spotify jetzt erkennen.

Diesen langfristigen Trend der Digitalisierung finde ich viel spannender als die kurzfristige Bewertung von Schlaglichtern im Web. Die kulturpessimistische Klage „Nur Idioten hier“ mag ich wenn überhaupt als Song von Francesco Wilking und Moritz Krämer – übrigens nicht nur morgens.

Shruggie des Monats: Das Selbst-Duett-Video

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Was bedeutet es, wenn Sie sich ein Handtuch auf den Kopf legen und sich dabei filmen? Klar: Sie spielen eine Person mit langen Haaren.

Diese sehr einfache Form der Ausstattung findet in den vergangenen Monaten häufig in Rollenvideos im Internet Anwendung. Die Monate der Corona-Pandemie haben ein Genre im Netz begünstigt, das eine Person im schnellen Schnitt in zwei oder mehreren Rollen zeigt (im Bild Paulomuc im Junge-Mädchen-Dialog). Um die unterschiedlichen Rollen deutlich zu machen, braucht es Markierung, Beschriftung oder eben ein Handtuch auf dem Kopf. Zu sehen sind dann Dialoge in Form von nachgesprochenen oder nachgesungenen Sätzen („You want me baby“) – oder auch wirklich neue gespielte Szenen.

Vorreiter dieses Genres ist der YouTuber Varion, der „häufiger mit sich selbst spricht als ein exzentrischer Bauchredern in Corona-Quarantäne“, wie es Philipp Walulis zusammengefasst hat. Varion spielt kurze Sketche vor allem auf YouTube, in denen er alle Rollen mit sich selbst besetzt. Die Figuren tragen unterscheidbare Kleidung und Perücken und tauchen mittlerweile auch regelmäßig in den Clips auf.

Diese Form der Selbstdialog-Clips gab es schon vor der Pandemie, meiner Einschätzung nach stehen sie aber symbolhaft für die Selbstbeschäftigung in Lockdown-Zeiten. Ich konnte nicht ergründen, ob es für diese Form der Clips einen Genre-Begriff gibt, ich bin mir aber sicher: Sie stehen für ein besonderes visuelles Zeitgeist-Phänomen.

Das hat nicht nur mit dem eher offensichtlichen „Ich kann keine anderen Menschen treffen, ich spreche mit mir selbst“-Aspekt zu tun, sondern vor allem mit einer Funktion, die Tiktok „Duett“ nennt. Dabei handelt es sich um ein Interaktions-Instrument, das Reaktionen und Kontextbrüche mit bestehenden Clips erlaubt. Der Name bezieht sich auf den gemeinsamen Gesang eines Duetts, die Kreativität des Social-Web hat daraus aber sehr erstaunliche Crowd-Kollaborationen entstehen lassen.

Der Begriff „Duet-Chain“ ist sogar schon auf Know Your Meme gelandet. Tiktok-Userin Fran Johnson hatte einen mittlerweile auf ihrer Seite gelöschten Clip hochgeladen, in dem sie sich über das Phänomen beschwert, dass andere Nutzer:innen Duette ohne wirkliche Reaktion erstellen: „Can we stop dueting videos when we have absolutely nothing to add to them?“ wurde so zur Vorlage für zahlreiche Duett-Reaktionen, die den Ursprungsclip in neue Kontexte stellte.

Die deutschsprachige Variante dieses Phänomens läuft übrigens seit ein paar Tagen mit einem Ursprungsclip von Diademlori („die erste Influencerin Deutschlands, die einen Amazon Original Podcast veröffentlicht„) durch Tiktok – hier sieht man User, die auf die Ausgangsfrage: „Warum macht man ein Duett wenn man nicht darauf reagiert?“ mit Nicht-Reaktion reagieren – was durchaus als Referenz zur Duet-Chain von Fran Johnson verstanden werden kann.

Der Kontextbruch war schon immer der Haupttreiber für virale Phänomene im Web, bei den Duetten entstehen daraus erstaunliche neue Clips wie Anfang des Monats das Video von Marcus Diapola, das zur Vorlage für eine weitere Duett-Kette wurde.

Auch der Erfolg der Sea Shanties Anfang des Jahres wurde durch die Duett-Funktion begünstigt – wobei der gemeinsame Gesang tatsächlich eher an die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs erinnert.

In die Gruppe dieser Dialog-Clips zählen meiner Meinung nach zudem auch die Duette, die Matthias Renger auf seinem Tiktok- und Instagram-Kanal verbreitet. Er spielt darin einen PR-Berater, der in einen vermeintlichen Dialog mit Politiker:innen tritt. Die Videos imitieren die Duett-Funktion und erschaffen mit Hilfe des Kontextbruchs neue Gespräche, die durchaus als politische Kommentare gelesen werden können. So „spricht“ Rengers PR-Berater zum Beispiel im jüngsten Clip mit dem angeschlagenen österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz zu dessen möglichen Falschaussagen und schaltet dann – Stichwort Duet-Chain – auch noch Jan Böhmermann dazu, der vergangene Woche ausführlich über die Situation in Österreich berichtet hatte.

Wie bei fast allen Zeitgeist-Phänomenen haben sich auch diese Dialog-Duett-Clips so unmerklich in unsere Aufmerksamkeit Timelines geschlichen, dass man gar nicht mehr sagen kann, wann genau das es anfing, dass wir Gespräch-Videos sahen. Gerade deshalb will ich es kurz festhalten, denn vor zwei Jahren hätte niemand verstanden, was das mit dem Handtuch auf dem Kopf eigentlich soll…

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Gerade ist das Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ in der Reihe „Digitale Bildkulturen“ erschienen, in dem ich mich mit Bildern und ihrer Wirkung im Web befasse. Für Tiktok- und Meme-Fans gibt es hier im Blog noch ein paar interessante Texte: Ein Gespräch mit Metastar Philip über das Phänomen Tiktok, eine Einschätzung zum erfolgreichsten Tiktok aller Zeiten, Tiktok-Sounds als politische Kritik sowie mein Selbstversuch 24 Stunden auf Tiktok.

Auf tiktok-taktik.de versammle ich weitere spannende Links zum Thema – und empfehle den Newsletter von Marcus Bösch „Understanding Tiktok“.

Geduldtraining: Veränderung ist Marathon nicht Sprint (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Ich mag Friedrich Merz. Nein, nicht weil ich inhaltlich mit dem CDU-Politiker übereinstimmen würde. Es ist im Gegenteil so, dass ich häufig völlig anderer Ansicht bin als der Sauerländer. Wann immer ich Merz aber in einer Talkshow sehe, erkenne ich gesellschaftlichen Fortschritt – nicht in seinen Aussagen, sondern vor dem Hintergrund seiner Aussagen.

Um zu erklären, was ich damit meine, möchte ich zwei häufig zitierte Gedanken verbinden. Der eine hat viel mit der aktuellen Krise und dem Umgang mit Corona zu tun, der zweite stammt vom Zukunftsforscher Roy Amara.

Beginnen wir mit der Corona-Bewältigungsstrategie, die sehr ausdauernd mit dem Satz „ist ein Marathon, kein Sprint“ beschrieben wird. Nicht nur weil der Marathon im kommenden Monat Geburtstag feiert, empfinde ich folgende Roy Amara zugeschriebene Beobachtung dazu äußerst passend. Er schrieb schon in den 1980er Jahren, dass die Gesellschaft in der Bewertung technischer Entwicklungen dazu neigt, die kurzfristigen Folgen zu über- und die langfristigen Auswirkungen zu unterschätzen. Der Satz ist als Amaras Law zu einer Art Meme und Referenzvorlage der Zukunftsforschung geworden.

Im Zusammenhang mit dem aktuellen Corona-Marathon empfinde ich seine Einschätzung als beruhigend. Und das kommt so:

Ich kenne das von Sascha Lobo treffend beschriebende Phänomen der Groll-Bürger:innen, die mütend sind ob der zähen und wenig nachvollziehbaren Bewältigungsstrategien. Ich empfinde diese Form der Verdrossenheit, das Hadern mit der Bürokratie und das Verzweifeln an der fehlenden Veränderungsbereitschaft als Sprint-Perspektive, als kurzfristige Bewertung der aktuellen Veränderungen. Es gab in den vergangenen Tagen jede Menge Texte, die sich genau mit diesem Gefühl der Resignation befassten und heute hat Danger Dan auf seinem herausragenden Album „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ den Song „Beginne jeden Tag mit einem Lächeln“ veröffentlicht, der auf erstaunliche Weise mit platter Instagram-Poesie als Antwort auf die Überforderung aufräumt.

In der langfristigen Marathon-Perspektive auf die Corona-Krise erkenne ich dennoch die unterschätzten langfristigen Folgen des epochenmachenden Umbruchs. Weiter so! ist keine tragfähige politische Parole mehr. Wir leben am Vorabend grundlegender Veränderungen. Die Welt nach Corona, die sich als Hoffnungschimmer am Horizont zeigt, wird eine andere sein. Der Digitalisierungsschub, die Reduzierung unnötiger (Dienst-)Reisen, die weit überwiegende Übereinkunft über den Wert wissenschaftlicher Forschung, verlässlicher Nachrichten, einem stabilen Allgemeinwesens und einem angemessen honorierten Gesundheitssystems werden die Gesellschaft langfristig mehr verändern als wir es in der mütenden aktuellen Lage ahnen.

Das mag aus der Perspektive der Symbolbild-Schildkröte (Unsplash) übertrieben optimistisch klingen, aber eben nur wenn man keine Menschen vom Schlage Friedrich Merz kennt: Gesellschaftlicher Fortschritt lässt sich am besten an denjenigen ablesen, die gegen die Veränderungen durch Gendern, Gleichberechtigung oder Klimagerechtigkeit kämpfen. Die Welt des Jahres 2021 ist eine andere als jene der frühen 1990er Jahre – und besonders gut erkennt man dies stets an jenen, die gedanklich in den 1990er Jahren stehen geblieben sind.

Von Tahnee (die übrigens gerade eine sehr tolle Serie in der ARD-Mediathek hat) habe ich im Podcast mit Bettina Boettinger eine erstaunliche Einschätzung zum Thema Identität gehört. Sie sagt: „Alles, was wir denken, fühlen, was uns umgibt, ist immer etwas, was sich bewegt: wie ein Computer, der sich immer updatet. Alles ist immer in Bewegung und wir lernen immer dazu. Entwicklung passiert unumgänglich.“ Für mich drückt sich darin sehr viel von dem aus, was Maren Urner vor kurzem im Spiegel als dynamisches Denken als Bewältigungsstrategie beschrieben hat.

Klar, die Frage ist, ob die Schildkröte schnell genug ist. Aber dass sie sich bewegt, ist unbestreitbar. Und bei Ausdauerprojekten wie einem Marathon halten Sport-Psycholog:innen genau diese Erkenntnis für einen wichtigen Motivator: das Gefühl, dass es sich bewegt, dass man vorwärts kommt, dass es besser wird. Was es dazu braucht? Geduld!

Der Sportpsychologe und Ausdauer-Experte Brand Stulberg hat dies in einem Text in der New York Times mit vier P beschrieben, die den Marathon nicht nur als Metapher für die Corona-Krise, sondern als Bild für gesellschaftliche Veränderungen schlechthin lesbar macht. Stulberg schreibt von Patience, Pacing, Process (Over Outcome) und Purpose – um Ausdauerprojekte zu gestalten.

Wer Veränderungen schaffen möchte, braucht Geduld, ein gutes Gefühl für Geschwindigkeit (schnell kann nur sein, wer auch langsam sein kann), Wertschätzung für den Fortschritt (unabhängig vom Ergebnis) und ein langfristiges Ziel, das Sinn stiftet. Dass es der Gesellschaft gelingt, gemeinsam eine Herausforderung wie Corona zu bewältigen und Schlüsse aus den Fehlern zu ziehen, das ist doch gar nicht so schlecht als Ziel für den Marathon. Oder anders formuliert: dass es in Zukunft gerechter, diverser, inklusiver, digitaler, friedlicher und klimagerechter zugeht als in den 1990er Jahren, kann eine gute Motivation fürs Geduldtraining sein, das alle dieser Tage besonders üben müssen.

loading: Low Budget High Spirit Magazin

2014 legte Fabian Schuetze mit seiner Band „A Forest“ den Entstehungsprozess der eigenen Musik offen. Damals kamen wir in Kontakt, weil ich genau über diesen Prozess in Eine neue Version ist verfügbar geschrieben hatte. Wir blieben in losem Kontakt und ich verfolgte seinen sehr inspirierende Newsletter „Low Budget High Spirit“. Deshalb war es eine Freude als er mich fragte, ob ich an der Magazin-Werdung des Newsletters teilnehmen würde: Es geht um ein Print-Magazin zum Oberthema „Musik Business neu denken“. Zu dem Heft ist vergangene Woche ein Crowdfunding gestartet – und ich habe Fabian dazu den loading-Fragebogen geschickt.

Was machst du?
Ich versuche Musikbusiness neu zu denken und hoffe, dass es auch anderen Denkanstöße gibt. Ich schreibe einen monatlichen Newsletter und mache jetzt zum ersten Mal ein Print-Magazin mit tollen Gastbeiträgen und Long Reads.

Warum machst du das (so)?
Ich liebe Print und wollte schon immer ein Magazin machen. Low Budget High Spirit war und ist „Newsletter First“, und jetzt halt „Magazin second.“ ich bin froh, wenn ich es zukünftige schaffe einmal im Jahr ein Magazin zu machen. Der Aufwand ist natürlich enorm. Das Magazin wird maßgeblich über ein Crowdfunding finanziert, weil das dem Community-Gedanken von Low Budget High Spirit am besten folgt.

Wer soll sich dafür interessieren?
Ambitionierte Musiker:innen, Professionals aus der Branche und alle, die sich für Wandel in Kreativindustrien interessieren.

Wie geht es weiter?
Nach einem hoffentlich erfolgreichen Crowdfunding wird Ende Mai das Magazin erschienen und hoffentlich viele Leser:innen finden. Dazu gibt es natürlich weiter den Newsletter und sicherlich auch noch weitere Projekten 2021.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Dass die Musikindustrie mehr Schein als sein ist. Dass es eine Branche mit vielen Problemen ist. Dass was es heißt Künstler:in zu sein in der Realität etwas komplett anderes ist, als das, was sich die Leute darunter vorstellen.

>>> Das Low Budget High Spirit-Magazin auf Kickstarter supporten

Shruggie des Monats: Erfahrung

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Friedrich Küppersbusch beginnt die aktuelle Folge seiner unbedingt empfehlenswerten Videokolumne Küppersbusch TV mit folgendem Bild: Er begrüßt die Zusehenden an Bord der Grünhansa, also in einem symbolischen Flugzeug, das nun von Annalena Baerbock gesteuert wird, die zwar noch nie geflogen ist, aber ein Angebot dazu macht.

Das ist ein bisschen lustig, aber auch ein bisschen falsch.

Denn das dieser Tage ausführlich referenzierte Ausbleiben von Regierungserfahrung der grünen Spitzenkandidatin ist nur vordergründig vergleichbar mit fehlenden Flugstunden einer Kapitänin in einem Flugzeug. Für letzteres gibt es so klare Regeln, dass diese nicht nur unterrichtet, sondern in amtlichen Prüfungen auch nachgewiesen werden müssen. Damit es am Ende eigentlich egal ist, welche:r Pilot:in das Flugzeug steuert. Politik ist anders als die Arbeit im Cockpit aber nicht das bloße Anwenden von Regeln, sondern das Gestalten innerhalb dieser Regeln. Genau deshalb wird ja gewählt, welche Person ab sofort fliegen regieren soll.

Über Erfahrung als relevante Kategorie zu sprechen, geht aber über die Kandidatur der vermeintich unerfahrenen Annalena Baerbock hinaus. Erfahrung ist Ausdruck eines Vertrauens-Mechanismus, den wir in vielen Bereichen der Gesellschaft sehen und der manchmal verzerrend wirkt. Man spricht von einer Form des so genannten „Social Proof“, der uns den Eindruck aufdrängt, weil jemand etwas schon einmal erreicht habe, sei sie oder er deshalb besonders qualifiziert das nochmal zu erreichen. Das muss nicht zwingend falsch sein, aber gerade in sich schnell verändernden Zusammenhängen ist es auch nicht zwingend richtig: In seinem Buch „Die Fußball-Matrix“ beschreibt der Journalist Christoph Biermann wie der Social Proof im Sport den Blick trüben kann. Weil jemand früher viele Tore geschossen hat, muss er nicht zwingend heute noch torgefährlich sein. In der Wahrnehmung wird dieser Eindruck aber wiederholt vermittelt, indem z.B. früher erfolgreiche Trainer als besonders geeignet für neue Aufgaben beschrieben werden. Dabei handelt es sich um die Rückseite dessen, was als mangelnde Erfahrung beschrieben wird. Beides ist in Wahrheit aber vor allem ein „weitverbreiteter Wahrnehmungsfehler“, der dazu führt, „dass wir Dinge so machen, wie wir sie immer schon gemacht haben und weil andere sie auch so machen“.

Ich finde es interessant, sich diesen Mechanismus bewusst zu machen. Das muss keine Folgen fürs eigene Handeln haben, aber es verändert die Perspektive und legt eigene Vorurteile offen.

Wem es im politischen Handeln um das Verändern und Gestalten geht, muss Erfahrung also gar nicht zwingend als Bonus sehen. Man könnte im Gegenteil auch fragen, ob manche Politiker:in nicht zu erfahren ist, um noch auf neue Ideen zu kommen.

Folgt man diesem Gedanken wäre die besondere Fähigkeit, die eine Führungsfigur auszeichnet also nicht das Lebensalter oder die damit verbundene Erfahrung, sondern die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen und zu lernen. Denn egal, wie erfahren ein:e Politiker:in ist: Die Herausforderungen, die in der kommenden Legislaturperiode auf dieses Land zukommen, sind für alle neu. Anders formuliert: in Bezug auf das Neue sind wir alle unerfahren.

Vertrauen sollte also die- oder derjenige bekommen, die oder der glaubhaft beschreiben kann, wie sie oder er sich auf neue Anforderungen einstellt. Statt Regierungsjahre zu zählen, könnte man im Vergleich der Kandidat:innen also auch fragen: Welche Methoden wendest du an, um neue Zusammenhänge zu erschließen? Auf welches Team vertraust du, wenn du in fremden Gelände unterwegs bist? Welches Netzwerk nutzt du, um Problem zu bewältigen?

Wenn es um andere Jobs als um das Kanzler:innen-Amt geht, ist es übrigens keineswegs ungewöhnlich, so zu fragen. Die zur Floskel verkommene richtige Forderung nach dem Lebenslangen Lernen (Foto: unsplash) meint ja nichts anderes als die Bereitschaft, immer wieder neu lernend zu sein – und Lernen beschreibt nichts anders als den persönlichen Prozess im Umgang mit Unerfahrenheit.

Und in Bezug auf das eingangs gewählte Pilot:innen-Bild: Neben der Erfahrungsfrage geht es natürlich auch um die inhaltliche Richtung. Es hilft auch der erfahrenste Mensch im Cockpit wenig, wenn sie oder er das falsche Ziel ansteuert.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Infraframing: Matthias Schamp über Gemeinsamkeit in Videokonferenzen

Matthias Schamp ist „Inhaber einer kleinen gutgehenden Sinnsucherei“ und hat als solcher schon einige tolle Kunstprojekte realisiert. Ich bin seit seiner „Schlechte Verstecke“-Serie Fan seiner Arbeit (mehr dazu im Unkreativ-Newsletter). Als ich diese Woche von seiner Idee „Infraframing“ las, habe ich ihm ein paar Fragen zu dem Projekt geschickt. (Die Infraframing-Screenshots hier im Blog zeigen Schamp im Verbund mit PAErsche-Performerinnen)

Wie genervt bist du auf einer Skala von 1 bis 10 von Videokonferenzen?
Maximal genervt. Obwohl – eigentlich sind es ja nicht die Videokonferenzen, die nerven. Sondern die Tatsache, dass anders Treffen nicht möglich sind. Sobald das aufhört, werde ich Videokonferenzen als zusätzliche Option vielleicht sogar zu würdigen wissen. Aber bis dahin: 10

Du hast ein Konzept entwickelt, um Videokonferenzen etwas sozialer und kollaborativer zu gestalten. Was verbirgt sich dahinter?
Ich nenne es Infraframing. Weil unterhalb der Frames gedanklich eine Ebene eingezogen wird, auf der Begegnung in einer neuartiger Weise stattfindet. An die Stelle der Zerplitterung der Subjekte in einzelne Frames tritt die Gemeinschaft, die sich zu einer Gesamtform zusammenschließt und aus vielen Einzel-Frames ein gemeinsames Bild bildet. So – aber nur so – machen dann sogar Zoomkonferenzen Freude.

Wie bist du auf die Idee gekommen?
Das Nachdenken über das Verhältnis von virtuellem und physischem Raum zieht sich als einer der Hauptstränge durch mein Werk. Da gibt es z. B. „Kontravirtuelle Programme“, „Videolecken“, ein „Nasenfettfilm-Abspielgerät“, die „Wir-sind das Bild“-Bewegung und einen Cyber-Westernroman namens „Hirntreiben.EEG“. Gerade habe ich eine neue Serie von Arbeiten gestartet mit dem Titel „Gelebte Photoshopeffekte“. Insofern war mein Denken bereits darauf geeicht, die Konventionen, die uns von solchen Programmen aufgedrängt werden, zu hinterfragen. Sie nicht einfach als gegeben hinzunehmen. Sondern Alternativen zu ersinnen.

Du hast das Konzept schon in einigen Runden getestet. Wie lief das Infraframing ab?
Ich habe Infraframing mit Seminaren von mehreren Universitäten und Hochschulen ausprobiert. Mit großem Erfolg bei den Studierenden. Anstatt nur zu glotzen, verrenkt man sich dabei, turnt, nimmt im physischen Raum alle möglichen Haltungen ein, um sich mit anderen, die in ähnlicher Weise körperlich agieren, zu einem bizarren Gebilde zusammenzuschließen. Es entsteht wirklich ganz stark dabei das Gefühl: Wir kommen jetzt zusammen.
Und ich habe drei Infraframing-Sessions im Rahmen meines AIM e.V.-Stipendiums des Kunstpavillons Burgbrohl gemeinsam mit Mitgliedern der Performance-Plattform PAErsche durchgeführt (Guadalupe Aldrete, Susanne Helmes, Irmgard Himstedt, Rolf Hinterecker, Christiane Obermayr, Karin Meiner, Elke Mark, Evamaria Schaller, Carola Willbrand). Im Zusammenspiel mit solchen professionellen KünstlerInnen ließ sich das Potenzial der Methode mal so richtig ausschöpfen. Das war toll. Die Ergebnisse haben mich selber geflasht.

Welche Pläne hast du jetzt mit dem Konzept?
Mit der Uni Siegen bin ich dabei, ein kurzes Lehrvideo zu dem Verfahren zu produzieren. Und gerade jetzt gibt es drei Tage lang Infraframing-Sessions, in denen sich Studierende der Uni Siegen mit Schülern aus zwei Klassen des Gymnasiums Netphen zusammenfinden. Sowie auch Bürgern aus Netphen. Dies steht in Zusammenhang mit einem Seminar von Prof. Johanna Schwarz und ihr Projekt „Wanderspace“, in das ich involviert bin. Was danach kommt weiß ich noch nicht. Das Jahr ist auch sonst schon sehr voll mit Aktivitäten. Aber ich hoffe es bleibt noch Zeit, für die eine und andere Infraframing-Session mit mit findigen, pfiffigen Leuten. Ein paar Ideen hab ich noch in petto und wäre auch selber gespannt, was da kommt.

Mehr über die Arbeit von Matthias Schamp auf seiner Website der-schamp.de

Im vergangenen Jahr hab ich die durch Corona ausgelöste Digitalisierung von Kunst und Gesellschaft in einer kleinen Serie hier im Blog begleitet, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Dazu sind u.a. erschienen:

> Eine Betrachtung über Geisterspiele in der Bundesliga
> Richard Oehmann von der Band Cafe Unterzucker über Band-Musik im Stream
> Interview mit Jasmin Schreiber von Streamkultur
> Shruggie des Monats: Der Live-Stream
> Zehn Lehren aus der Coronakrise für Videokonferenzen und Live-Streams
> Performance-Künstler Marcus John Henry Brown über die Herausforderung, Menschen im Stream zu halten
> Social-Media-Experte Michael Praetorius über Workshops im Stream
> Pfarrerin Miriam Hechler über Gottesdienst im Stream
> Museums-Experte Maximilian Westphal über Führungen im geschlossenen Museum
> DJ Ivo Schweikhardt übers Auflegen im Stream
> Autor Pierre Jarawan über Workshops zum Kreativen Schreiben im Stream
> Musikerin Maria über Musikunterricht im Stream
> Denny Leo Kinder über Friseure im Stream
> Wolfgang Tischer über Lesungen im Stream
> Die Therapeuten Imke Herrmann und Lars Auszra über Therapie im Stream
> Lehrer Philippe Wampfler über Unterricht im Stream
> Autor Tom Hillenbrand über Krimis auf Twitch
> VHS-Chef Christof Schulz über Volkshochschule im Stream
> Zukunftsforscher Gerd Leonhard über die Zukunft von Live-Events und Live-Streams

Perspektive lernen: der Workshop-Newsletter bei steady

Am 12. April startet drüben bei steady ein kleines Experiment: ich habe einen Teil meines Buches „Anleitung zum Unkreativsein“ in einen Newsletter überführt, der wie ein Workshop funktioniert.

Elf Wochen lang bis zum längsten Tag des Jahres versuche ich jeden Montag neue Perspektiven zu eröffnen. Zu jedem Buchstaben des Wortes PERSPEKTIVE gibt es eine Folge, die das jeweilige Schlagwort thematisiert, Lesetipps vermittelt und Fragen beantwortet.

Denn die Besonderheit an dem Newsletter-/Workshop-Konzept steckt auch im Austausch mit den Leserinnen und Lesern. Die ersten 500 Teilnehmer:innen können kostenfrei mitmachen – und ihre Fragen einschicken. Bis jetzt haben sich 308 Menschen in den Newsletter eingetragen. Deshalb hier meine Einladung an Dich: Trage dich hier ein und schicke mir gerne deine Frage, deine kreative Herausforderung oder Anmerkung zum Thema (Mail-Adresse im Kontakt)

Ich werde mich bemühen, in jeder Folge beispielhaft eine Frage aufzugreifen und (anonymisiert) zu beantworten. Dabei kann es um Feedback-Kultur gehen oder um die Frage wie man mit scheinbar ausweglosen Aufträgen umgeht. Spielerische Lösungsansätze für kreative Herausforderungen versuche ich ebenso in dem Newsletter aufzuzeigen wie die Ratschläge zur Unkreativität, die in dem Buch versammelt sind. Dazu haben mir unter anderem Christoph Niemann, Kathrin Passig, Alice Hasters und Susi Bumms Antworten auf die Frage geschickt: Was ist deine wichtigste Anleitung zum Unkreativsein? In der ersten Newsletter-Folge gibt es direkt ein paar Antworten von Teilnehmer:innen des Workshops.

Ich probiere diese Form des Newsletters nicht nur aus, weil er mir passend zum Buch erscheint. Mich reizt vor allem der Aspekt, den ich unlängst unter dem Schlagwort „Inspirierender Journalismus“ notiert habe. Darüber werde ich innerhalb der elf Folgen und bestimmt auch danach reflektieren: Wie kann man ein Buch in einen Workshop übertragen?

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