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loading: let’s play critical

Im Frühjahr 2024 soll im Transcript-Verlag der Sammelband „Let’s Play Critical – Kritische Auseinandersetzung mit Videospielen“ erscheinen – kuratiert von Şeyda Kurt, Thomas Spies und Holger Pötzsch. Auf gofundme schreiben die drei: „Einen kritischen Band zu veröffentlichen, bedeutet für uns nicht nur, aus dem engen Korsett der universitären Wissensproduktion auszubrechen und freischaffende Wissenschaftler:innen, Künstler:innen und Akteur:innen aus der Spieleindustrie mit an Bord zu holen. Gleichzeitig ist es uns wichtig, diejenigen Autor:innen, die nicht fest an Universitäten angestellt sind, für ihre Arbeit fair zu bezahlen.“ Deshalb haben sie eine Crowdfunding-Kampagne auf gofundme gestartet. Thomas Spies hat dazu den loading-Fragebogen beantwortet

Was macht Ihr?
Wir sind Herausgeber:innen eines Sammelbands, der so im deutschsprachigen Raum einzigartig ist. In diesem lassen wir Expert:innen über Themenfelder schreiben, die sich mit dem Medium Videospiel auseinandersetzen. Zwar gab es das bisher bereits, doch wir schlagen zunächst einmal eine Brücke zwischen akademischer und nicht-akademischer Arbeit: Wir vereinen Artikel von freischaffend arbeitenden Autor:innen, Künstler:innen und Wissenschaftler:innen mit denen von universitär Angestellten. Darüber hinaus nähern wir uns dem Videospiel aus einer kritischen Perspektive – heißt: queerfeministisch, dekolonial und politökonomisch. So ergeben sich spannende Untersuchungsfelder wie Erinnerungskultur, Sexarbeit oder Mutterschaft im Videospiel, aber auch gewerkschaftliches Organisieren und vieles mehr wird Schwerpunkt sein!

Warum macht Ihr es (so)?
Wir wollen das starre universitäre Korsett ein Stück weit aufbrechen und sehen vielstimmige Beiträge als wesentlich für die moderne Wissensproduktion an. Das Medium Videospiel ist gesamtgesellschaftlich verbreitet und deswegen ein geeigneter Untersuchungsgegenstand für unseren neuartigen Band. Darüber hinaus ist es spannend zu erforschen!

Wer soll sich dafür interessieren?
Alle, die gelegentlich oder häufig Videospiele spielen oder sich schon immer mal gefragt haben, was diese so besonders macht und warum sie für unsere Gesellschaft äußerst relevant geworden sind.

Wie geht es weiter?
Wir sammeln mit unserer Kampagne Geld für unsere freischaffenden Autor:innen. Denn Honorare für diese sind in der akademischen Förderungslandschaft nicht vorgesehen. Mit dem Band selbst erzielen wir keine Einnahmen und sind somit auf Spenden angewiesen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Wie wichtig es ist, Videospiele und die mit und an ihnen arbeitenden Personen ernst zu nehmen und zu beleuchten, was sie über unsere Gesellschaft aussagen, wen sie abbilden und wie – und wen nicht!

>> Hier die Kampagne auf gofundme unterstützen

wednesdaydance, Violin-Stan, Microwave Popcorn, Bierwerbung (Netzkulturcharts Dezember)

Was geht online? Die Netzkulturcharts sind meine völlig subjektive Antwort auf diese Frage. Ich liste darin Phänomeme auf, die ich inspirierend, interessant oder bemerkenswert finde. Sie erscheinen als kostenfreier monatlicher Newsletter. Sie erscheinen wegen der Space-Karen-Entscheidung Revue einzustellen nur noch als Bestandteil meines Digitale Notizen-Newsletters.

Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Platz 1: #wednesdaydance 🆕

Jenna Ortega tanzt – und das Netz tanzt mit. Die Hauptdarstellerin des Addams-Familiy-Spinoff auf Netflix dominiert mit einer Tanzszene nicht nur die Streamingplattform, sondern auch das Mitmach-Web. Tiktok und Instagram sind voll von Ortega-inspirierten Tänzen. Dabei spielt es fast keine Rolle, dass in der Serie selbst ein anderer Sound unter dem Tanz liegt, als der in Social-Media äußerst beliebte Lady-Gaga-Mix von Bloody Mary. Und es spielt auch kaum eine Rolle, dass alles an diesem Trend fast zu offensichtlich und kalkuliert ist: eine Netflix-Serie plus eine tanzende Hauptdarstellerin – da braucht es keine höhere Mathematik, um den Tanztrend zu errechnen. Trotzdem faszinierend.

Platz 2: Violin-Stan 🆕

Ende Oktober postete der Geigentiktoker Zotov13 eine Violinversion von Eminems „Stan“. Kurz danach begannen zahlreicher Nutzer:innen genau auf den Geigenpart des Sounds ihre Daumen und Zeigefinger zu reiben. Diese Handbewegung wird seitdem als Antwort auf Anschuldigungen, Klischees oder Vorwürfe genutzt – wie man an diesem Skatergirl-Beispiel sehen kann. Die Clips basieren auf dem gleichen Prinzip, das wir auch von POV-Videos und vom Questions I Get Asked-Trend kennen: Nutzer:innen zeigen ihre Identität in Interaktion mit Sätzen, mit denen sie konfrontiert sind.

Auf Twitter weisen Michael Förtsch und Konrad Göke zurecht darauf hin, dass das Reiben der Finger schon vor dem Tiktok-Trend eine übliche Reakion war. Vielen Dank!

Platz 3: Microwave Popcorn 🆕

Inside von Bo Burnham war zum Höhepunkt der Pandemie für nicht wenige das Symbol für den Zustand des Eingesperrtseins. Aus dem Soundtrack zu dem Netflix-Special hat sich eine Sequenz aus dem Song Microwave Popcorn in diesem Monat als Tiktok-Sound verselbstständigt. Es handelt sich um einen Dialog, den Nutzer:innen nachspielen – mit Schwerpunkt auf die Begriffsstutzigkeit des einen Teilnehmers, der nicht mal versteht, wie man Popcorn in einer Mikrowelle zubereitet:

I put the packet on the glass (what glass?)
The little glass dish in the microwave (got it)
I close the door (which door?)
The door to the microwave (what is wrong with you?)

Platz 4: Bierwerbung für Demokratie 🆕

Ein fünf Jahre alter Werbespot von Heineken ist Ende November in einer Harvard-Studie als wirkungsvoller Beitrag zum Thema Demokratie ausgezeichnet worden. Das hat nur indirekt mit Netzkultur zu tun, aber immerhin indirekt. Denn in dem Spot geht es um die Art und Weise, wie Menschen in den Dialog kommen können – selbst wenn sie völlig unterschiedliche politische Ansichten haben. In der Werbung geht es darum, dass sie dann ein Bier zusammentrinken, in der Harvard-Studie um den Austausch über Ansichten hinweg.

Platz 5: Space Karen & Twitter 🤯 🔽

Weiterhin in den Netzkulturcharts: das Drama um Twitter. Es ist im Dezember zwar etwas ruhiger geworden, aber es hört nicht auf – wie man im Haken Dran Podcast nachhören kann.

🎶Ungebetene Ohrwürmer* des Monats🎶

1. „And with that the 2022 season comes to the end“
2. Lady Gaga „Bloddy Marry“
3. The Cramps „Goo Goo Muck“
4. Beyonce „Cuff it“
5. Ski Aggu „Party Sahne“

* in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ nutze ich Ohrwürmer als Metapher um die Wirkung von Memes zu beschreiben. Deshalb ist es nur konsequent, sie nicht nur metaphorisch, sondern eins-zu-eins zu nehmen.

Besondere Erwähnung

Anfang Dezember löste die Autorin Chelsea Banning einen Trend unter Schriftsteller:innen aus. Auf ihren Tweet, in dem sie von fehlendem Publikum bei einer Signierstunde berichtete, reagierten zahlreiche erfolgreiche Kolleg:innen mit ebenfalls erfolgslosen Publikumsinteraktionen.
Ein Drake-Song von einer künstlichen Intelligenz, wie Taylor Swift Fans sich politisch engagieren.

Space Karen & Twitter, Taylor Swift, Mirror-Transition, 1001 Arabian Nights, Tom Böttcher (Netzkulturcharts November 2022)

Was geht online? Die Netzkulturcharts sind meine völlig subjektive Antwort auf diese Frage. Ich liste darin Phänomeme auf, die ich inspirierend, interessant oder bemerkenswert finde. Sie erscheinen als kostenfreier monatlicher Newsletter. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Platz 1: Space Karen & Twitter 🤯 🆕

„Eine wahre Geschichte von Geld, Macht, Freundschaft und Verrat“ heißt das Buch, das Nick Bilton im Jahr 2013 über den Beginn des häufig Kurznachrichtendienst genannten Twitter veröffentlichte. Das Buch, das man über die Geschehnisse auf und rund um Twitter in diesen Tagen schreiben könnte, wäre sicher noch spannender – es ist immerhin schon Inhalt für einen eigenen Tiktok-Trend. Auf der Seite twitterisgoinggreat.com wird das Chaos dokumentiert, das sich seit dem Einstieg von Elon Musk „Space Karen“ bei Twitter passender Weise in Echtzeit zuträgt. Space Karen ist der Spitzname, den das selbsternannte Genie Elon Musk seit 2020 trägt, weil der SpaceX-Gründer in seinem Handeln erstaunliche Überschneidungen zum Verhalten der Meme-Karen aufweist, über die KnowYourMeme schreibt: „characterized as an irritating, entitled woman, sometimes as an ex-wife who took custody of „the kids.“ In 2020, the term was broadly applied to a swath of white women who had been filmed harassing people of color, including dialing the emergency services on them for no criminal reason.“ Das ist nicht ganz unpassend, selbst wenn Dr. Karen James sich dieser Tage zu Wort meldet. Sie ist zwar keine NASA-Astronautin, die Biologin bezeichnet sich aber als Space-Fan.
Bei Breitband in Deutschlandfunk Kultur durfte ich auch eine Einschätzung zur Frage beisteuern, ob dies nun eine Änderung in der Kultur oder gar das Ende von Social-Media wie wir es kennen sei. Besonders empfehlen möchte ich aber die Einschätzung von Trevor Noah in der Daily Show: „Everybody who is pro free speech, is not pro all speech. What they are pro, is the speech that they would like to use, that might offend other people. (…) Everyone thinks jokes are funny until the joke is about them.

Platz 2: „It’s me. Hi. I’m the problem.“ (Taylor Swift) 🆕

Taylor Swift in ein Phänomen. In diesem Monat haben ihre Songs zehn Plätze in den Top10 der US-Musikcharts belegt. Woran das musikalisch liegt, hat mein SZ-Kollege Jakob Biazza hier sehr lesenswert beschrieben. Welche Referenzen und Eastereggs sich in dem Album befinden, hat Emily Yar in der Washington Post untersucht. Dass und wie bedeutsam das „Midnights“-Album aber für die Netzkultur hat, beschreibt Caroline Mimbs Nyce bei The Atlantic so: „Das, was Swift mit dieser Albumveröffentlichung macht, als „Online-Know-how“, „Publikumsbindung“ oder „Marketing“ zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Sie hat gewissermaßen ein virtuelles Universum geschaffen, in dem die Fans die Veröffentlichung erleben können.“ Ein schönes Beispiel für die Integration der so genannten Swifties ist dieses Ankündigungsvideo, in dem den Swifties ein Terminplan für die Release-Woche gezeigt wird, mit der Bitte die Songs zu streamen.
Dass sie mit der Zeile „It’s me. Hi. I’m the problem“ quasi nebenbei eines der größten Memes des Jahres geschaffen hat (und hier direkt in der Begrüßung referenziert), ist nur ein Aspekt des Werkes, wie man es mit NLP weiter spielen kann, zeigt dieses sehr schönes Experiment: was passiert wenn man Swifts Texte berechnen lässt?

Platz 3: Fröhliche Kinder filmen tanzende Eltern 🆕

So strahlt der Sohn des belgischen Fußball-Nationalspielers Kevin de Bryne, wenn er seinen Vater dabei filmt wie dieser vor der Kamera rumalbert. Das weiß ich, weil de Bryne es auf seinen Instagram-Account geladen hat – und damit ein besonders prominentes Beispiel für den Trend „fröhliche kinde filmen tanzende Eltern“ liefert. Das ist nicht nur deshalb bemerkenswert, weil der Sound, der unter alle diesen Clips zu hören ist, ebenfalls von Taylor Swift stammt. Dazu übrigens bitte unbedingt nochmal die Geschichte des Love-Story-Remix aus dem Sommer 2020 nachlesen. Das Kinder-Eltern-Tanz-Phänomen (das es übrigens auch in der Variante mit Haustieren gibt) macht deshalb so gute Laune, weil es auf fröhliche Art den filmenden Part hinter all den Clips sichtbar macht.

Platz 4: Mirror Transition 🆕

Sich selbst vor einem Spiegel zu filmen, führt zu erstaunlichen Aufnahmen für Tiktok und Reels. Bisher sah man Nutzer:innen wie sie ihre Smartphone fallen lassen und sich dabei wie durch Geisterhand verwandeln. Seit ein paar Wochen kommt die Mirror Transition jetzt aber in Bewegung – als mirror run sind Clips zu sehen, bei denen Nutzer:innen vermeintlich sehr schnell in sehr unterschiedlichen Outfits an ihrem Badezimmerspiegel vorbeirennen.

Platz 5: 7 vs Wild 🆕

Der aus dem Netz prominente Parfum-Influencer Jeremy Fragrance ist dieser Tage in das so genannte Promi-Big-Brother-Haus eingezogen – weil er über seine eigenen Kanäle hinaus bekannt werden will. Schöner kann man die Ironie dieses Formats vermutlich nicht auf den Punkt bringen. Das Netz schafft eigene Prominenz – und diese wird ins Fernsehen verlängert. Oder auch nicht. Bereits in der zweiten Staffel umgeht das Format 7 vs. Wild den Weg ins TV. Es nimmt einfach das Konzept einer Reality-Show und überträgt sie auf ein YouTube-Format: Sieben Teilnehmer sind sieben Tage lang in der Wildnis unterwegs – und filmen sich dabei. „Die mediale Ästhetik von 7 vs. Wild knüpft somit an den Stil von YouTuberinnen und Instagram-Influencern an, die sich von ihrer Selfie-Cam – und damit von ihren Followerinnen und Followern – auf Schritt und Tritt verfolgen lassen. Auf Kamerateams und Skripte wird bei der Low-Budget-Produktion verzichtet, stattdessen erinnert die Sendung an einen nicht enden wollenden Videoblog“, schreibt Till Wilhelm auf Zeit-Online. Und schon zur ersten Staffel kommentierte der MDR: „,7 vs. Wild‘ ist gefährlicher, überraschender, lebensnaher als es jede Show im Fernsehen sein kann. Trotzdem verstehen die Macher genau, wie das Spiel funktioniert: Sie sind Kenner der Selbstinszenierung, die wissen, wie sie sich am besten in Szene setzen – und wo man die Cliffhanger zur nächsten Folge setzen muss. Wahrscheinlich haben sie es vom Fernsehen gelernt.“ Seit in diesem Monat die zweite Staffel startete, gehen auch die Einschaltquoten Klickzahlen weiter hoch: die zweite Folge der neuen Staffel kommt auf 10 Millionen Aufrufe – ähnlich viele Aufrufe erhielten deutsche Fernsehgeräte übrigens auch während der Wetten-dass-Sendung

🎶Ungebetene Ohrwürmer* des Monats🎶

1. Taylor Swift „Anti-Hero“
2. CHIPS „1001 Arabian Nights“
3. Rosa Linn „Snap“ Italian Version
4. Beyonce „Cuff it“
5. Ski Aggu „Party Sahne“

* in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ nutze ich Ohrwürmer als Metapher um die Wirkung von Memes zu beschreiben. Deshalb ist es nur konsequent, sie nicht nur metaphorisch, sondern eins-zu-eins zu nehmen.

Besondere Erwähnung

Was für ein Erfolg für die Eurodance-Band CH!PS aus den Niederlanden. Ihr Song „1001 Arabian Nights“ ist plötzlich ein Trend auf Tiktok – und bringt eine kontroverse Frage mit sich: welcher Move ist zeitgemäß? Jener, der gerade auf Tiktok sich verbreitet, bei dem Nutzer:innen die Zahlen 1-0-0-1 mit der Hand zeigen oder der, den die vier niederländischen Musiker in den Nullerjahren sich ausgedacht haben: mit den Armen einsen und nuller formend?

Die Frage, wie es aussehen würde, wenn die Augsburger Puppenkiste auf Tiktok wäre, wird seit ein paar Wochen sehr erfolgreich vom deutschen Schauspieler Tom Böttcher beantwortet. Seit Ende Oktober spielt er auf seinem Tiktok-Account Marionetten-Szenen so beeindruckend nach, dass er nicht nur immer mehr Views sammelt, sondern auch andere Accounts zur Nachahmung und Interaktion animiert.

Die BBC erklärt in unter 60 Sekunden was meiner Einschätzung nach eines der beeindruckendsten Memes des Jahres ist: der Jiggle-Jiggle-Erfolg (mehr dazu in der Mai-Ausgabe der Netzkulturcharts). Zum Thema Dark Social hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung eine interessante Studie veröffentlicht. Die US-Demokraten haben nach den Midterms eine Übersicht über Politiker:innen auf Tiktok gepostet. Der italienische Programmierer Gianluca Mauro hat ein Tiktok-Video darüber gemacht, welche Signale der Tiktok-Algorithmus für seine Berechnungen nutzt.

In dem sehr empfehlenswerten Gespräch von Greta Thunberg mit Russell Howard gibt es eine schöne kleine Sequenz über Memes.

Kopieren kapieren (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Der Titel dieses Beitrags ist mehr als ein schönes Wortspiel. „Kopieren kapieren“ ist die semantische Übertragung eines musikalischen Phänomens, das die Popkultur seit einigen Monaten auf erstaunliche Weise beschäftigt: Interpolation – der sich Arte hier, Deutschlandfunkkultur hier und der unbedingt empfehlenswerte Podcast „Switched on Pop“ hier gewidmet haben. (Symbolbild: Unsplash)

Dabei handelt es sich um eine besonders interessante Spielart der Kopier- und Referenzkultur. Anders als bei einem Sample, bei dem eine Sequenz eins-zu-eins aus der Original-Aufnahme kopiert wird, wird bei der Interpolation die Vorlage nachgespielt – meist mit einer kleinen Abwandlung. Zum Beispiel durch den Tausch eines Vokals direkt nach dem ersten Buchstaben: „Kopieren kapieren“ ist aber nicht nur Symbol für eine der jüngsten Spielarten der Referenzkultur, es ist auch der Imperativ der digitalen Gegenwart.

Durch die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie wurden erst die Daten von ihrem Träger gelöst und anschließend das vormals passive Publikum durch die Demokratisierung der Publikationsmittel zu aktiven Teilnehmer:innen an jener segmentierten Gesamtheit, die wir als Öffentlichkeit kannten. Wer sich für Kommunikation und die grundlegenden Veränderungen der strukturgewandelten Öffentlichkeit(en) interessiert, muss sich mit dem Phänomen der Kopie befassen – und zwar auf eine Art und Weise, die über klischeehafte Abwertung der vermeintlich minderwertigen Tätigkeit hinaus geht. Kopieren ist zur zentralen Kulturtechnik der Gegenwart geworden – allerdings ohne, dass der allgemeine Diskurs dazu mitgekommen wäre bzw. Einigkeit oder Wissen über die dazu notwendigen Fähigkeiten bestehen würde. Deshalb ist „Kopieren kapieren“ Angebot und Appell zugleich.

Die Forscher David und Diana Zulli beschreiben in ihrer Analyse „Extending the Internet meme: Conceptualizing technological mimesis and imitation publics on the TikTok platform“ das Kopieren als zentrale kulturelle Praxis auf der Plattform Tiktok. Diese von der chinesischen Firma Byte-Dance betriebene Plattform ist das jüngste und äußerst populäre Beispiel für die Kopierkultur der Gegenwart. Die Washington Post analysierte dieser Tage:

TikTok’s website was visited last year more often than Google. No app has grown faster past a billion users, and more than 100 million of them are in the United States, roughly a third of the country. The average American viewer watches TikTok for 80 minutes a day — more than the time spent on Facebook and Instagram, combined.

Tiktok erschafft etwas, was Zulli und Zulli „imitation publics“ nennen und der Begriff beschreibt ganz gut, welche kommunikationswissenschaftlichen und soziologischen Schlüsse ich aus der Kopierkultur des digitalen Zeitalters ziehen würde. Deshalb hier – völlig unabhängig vom aktuellen Erfolg von Tiktok und dessen geopolitischer Bewertung – die fünf Aspekte dessen, was hinter dem Hype steckt.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit der Remix- und Referenzkultur des Digitalen befasse.

Fünf grundlegenden Entwicklungen, die begründen, weshalb man kopieren kapieren sollte:

1. Ohne Aufmerksamkeit ist alles nichts

Wie sich das Verhältnis von Aufmerksamkeit zu Inhalt verändert hat, lässt sich kaum besser illustrieren als mit dem Zitat des DJ-Duos „Partyshirt“, die über peinliche Situationen das hier gesagt haben: “Everything’s cringey until it gets views” Früher ging man davon aus, dass Dinge so lange nicht cringey (peinlich) sind wie sie nicht gesehen werden. Es gehört zur besonderen Logik digitaler Öffentlichkeit(en), dass sich dieses Verhältnis heute gedreht hat – wie auch das Zusammenspiel von Inhalt zu Aufmerksamkeit. Diese hat sich nicht geändert, sie trifft aber heute auf so viel mehr Inhalt, dass sie die wichtigere, weil wertvollere Währung geworden ist. Sie ist die Voraussetzung für jegliche Form öffentlichen Erfolgs. In Abwandlung des Partyshirt-Zitats könnte man sagen: „Alles bleibt ein Tagebuch, solange es nicht gesehen wird.“

2. Der Werk wird wertvoll durchs Netzwerk

Das veröffenltichte Werk, auch das ist für werkschaffende Künstler:innen nicht ganz leicht, gewinnt seinen Wert erst durch das Netzwerk seiner Nutzung. Nicht nur die Aufmerksamkeit, auch die weitergehende Interaktion machen die Öffentlichkeit aus. Durch das Netzwerk Internet, in dem viele miteinander verbunden sind, ist der öffentliche Raum tatsächlich ein Raum geworden – nicht mehr nur eine Rampe, über die Künstler:innen, Journalist:innen und Medien ihre Inhalte abwerfen. Der öffentliche Raum basiert auf Interaktion und Wertschätzung sowie Wertschöpfung entstehen hier durch Vernetzung. Anders formuliert: der Content (über den sich Künstler:innen definieren) braucht den Kontext (der zu weiten Teilen den Plattformen überlassen wird) um Wirkung zu erzeugen.

3. Alle sind keine Zielgruppe

Wirkung ensteht nicht mehr vor einer Hauptbühne, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Digitale Öffentlichkeiten definieren sich stattdessen an einer Entwicklung, die manb „Das Ende des Durchschnitts“ nennen könnte und segmentieren Aufmerksamkeit auf viele Nebenbühnen. Wer Wirkung erzeugen will, muss sich auf Nebenbühnen konzentrieren statt eine Hauptbühne zu suchen. Aus der Welt der Massenkultur ist eine Welt der massenhaften Nischen geworden – diese zu bespielen, ist die Voraussetzung für öffentlichen Erfolg. Gerade dann wenn man „alle“ erreichen will. Damit dies gelingt, muss man mit den Zielgruppen beginnen, die man erreichen kann.

4. Der Werk ist ein Werkstoff, der bearbeitet wird

Die Idee des einen Publikums ist ebenso überholt wie die Idee des einen abgeschlossenen Werks. Digitale Produkte sind Prozesse, niemals fertig. Sie werden zu Werkstoffen, die in Form von Remix, Interpolation oder Cover weiterverarbeitet werden. Dieses RIC erweitert den Aufnahmeknopf des 20. Jahrhunderts (REC). Referenziert zu werden ist dabei kein Diebstahl am Original, sondern hilft diesem am Leben zu bleiben. In der „Switched on Pop“-Folge lernen wir, dass Rechteinhaber:innen extra Referenz- und Kopier-Angebote machen, um ihre Werke in der Öffentlichkeit zu halten.

5. Der Zauber des Unkopierbaren entsteht in der Vernetzung

„Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem großen Moment und einer nachhaltigen Karriere“, sagt der Musikexperte Larry Miller (Professor und Host von Musonomics) in dieser Folge des vergecast über die Zukunft der Musikindustrie. Plattformen seien gut darin, große Momente zu schaffen und singuläre Inhalte viral gehen zu lassen. Nachhaltige Karrieren hingegen sieht er bei Plattenlabels eingelöst. Ob das so ist, kann ich nicht beurteilen. Sicher ist jedoch, dass für diese Karrieren eines unerlässlich ist: die Verbindung von Star und Publikum, die Vernetzung von Künstler:innen und Zuschauer:in. Dieses Verhältnis sorgt nicht nur dafür, unkopierbare Erlebnisse (z.B. auch im Metaverse) entstehen zu lassen. Diese Verbindung bildet auch die Grundlage für den ersten Punkt dieser Liste: Sie schafft Aufmerksamkeit.

Wer kopieren-kapieren.de möchte, kann auch mal in diese Bücher schauen:

Another Love, #iranrevolution, Tiktok-Musikjournalismus, Duet-Chain, Excuse me Avocado (Netzkulturcharts Oktober 2022)

Was geht online? Die Netzkulturcharts sind meine völlig subjektive Antwort auf diese Frage. Ich liste darin Phänomeme auf, die ich inspirierend, interessant oder bemerkenswert finde. Sie erscheinen als kostenfreier monatlicher Newsletter. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Platz 1: Tom Odell „Another Love“ 🆕

„Lege diesen Sound unter dein letztes Video“ fordern manche Tiktok-Challenges und versprechen dafür enorme Reichweiten – weil der Song oder Sound angeblich gerade kurz davor sei, viral zu gehen. Meist werden solche Aufforderungen von Accounts verbreitet, die sich als eine Art Viralitäts-Coaches in Tiktok positionieren wollen. Ein Song, den sie nie empfehlen, obwohl er seit Monaten unter unglaublich vielen Videos liegt, ist das Lied „Another Love“ von Tom Odell. Der britische Musiker veröffentlichte den Song 2012, zehn Jahre später ist er auch dank eines Konzerts im Bahnhof von Bukarest zu einem Hoffnungssong für Flüchtende aus der Ukraine geworden. Aber auch Protestvideos aus dem Iran werden mit der Klaviersound unterlegt, so dass eine Nutzerin unter einem Odell-Post auf Instagram kommentiert: „Your song has been our anthem in our protests. Be our voice. They are killing us in Iran. Be our voice. #mahsaamini

Platz 2: #iranrevolution 🆕

Aufmerksamkeit ist die zentrale Währung der digitalen Gegenwart. Wir verschenken Aufmerksamkeit, indem wir uns für bestimmte Dinge interessieren und für andere nicht. Die beiden TV-Moderatoren Joko und Klaas haben in diesem Monat ihre Reichweite in Instagram verschenkt – für das Aufbegehren der iranischen Bevölkerung gegen das Regime der Islamischen Republik. Nicht für ein Takeover, sondern für immer: So kündigen sie es in der 15-minütigen Sendung auf Pro7 an, die „Aufmerksamkeit für #IranRevolution“ heisst und mit den Worten endet: „Das einzige, was Iraner:innen zumindest etwas davor schützt, nicht getötet zu werden, ist die globale Aufmerksamkeit.“ Deswegen lenken @officiallyjoko (Hosted by Azam Jangravi Women’ rights activist) und @damitdasklaas (Hosted By Sarah Ramani, The Voice of the Streets) den Blick ab sofort den Blick auf die #IranRevolution.

Platz 3: Neuer Musikjournalismus 🆕

Dass Tiktok die Musik vielleicht sogar stärker verändert als Spotify es tut, ist an vielen Stellen zu lesen. Was dabei etwas untergeht: Tiktok verändert auch den Musikjournalismus auf erstaunliche Weise. Es gibt zahlreiche musikjournalistische Accounts in dem Netzwerk, die einerseits den Wandel der Musik beschreiben und dabei andererseits die Methoden und Muster der Tiktokisierung selbst nutzen. Besonders erstaunlich finde ich den Account des Musikproduzenten Luxxuryxx (siehe Bild), aber auch @jarredjermaine, @martinbeauregard und auch der deutsche Musik-Wissenschaftlicher Dr Rivers sind empfehlenswerte Beispiele für diese Form des neuen Musikjournalismus.

Platz 4: Duett-Chain 🆕

Wie provoziert man Widerspruch im Web? Einfach eine falsche Behauptung posten, diese Fortentwicklung von Cunninghams Law hat in diesem Monat dem Account Scumbag-Dad auf Tiktok eine schöne Duett-Berühmtheit beschert. Das Prinzip der Duet-Chain kennen Netzkultur-Freund:innen bereits aus dem Mai 2021, Scumbag-dad provozierte genau diese kopierende Beteiligungskultur – mit blankem Oberkörper und voller Absicht. Die Reaktionen sind dennoch genauso faszinierend wie schon im Mai 2021.
Hinter dem Account Scumbag-Dad steckt übrigens Brad Podray, der die Idee wiederum von dem Phänomen YourKoreanDad kopierte.

Platz 5: Excuse me, Avocado! 🆕

In den September-Charts war Linnea mit ihre zeitgemäßgen Entschuldigung „Excuse me, wir haben 2022“ noch auf Platz 2. Der fünfte Platz in den Oktobercharts ist allerdings kein Abstieg, sondern quasi ein Neu-Einstieg mit einem Remix. Nutzer:innen auf Tiktok haben nämlich Linneas Geständnis „ich bin Avocado-süchtig“ in Form einer Antwort-Referenz (Stitch) mit einem anderen Netzkultur-Trend des Jahres verbunden: sie korrigieren das Ursprungsvideo eingeleitet mit den Worten „excuse me, wir haben 2022“ in Bezug auf die Aussprache der Frucht: „Es heißt nicht Avocado, sondern Avocado“ (wie hier die Nutzerin Larissa). Die Referenz bezieht sich auf den im Februar beschriebenen Trend, dessen 2022er-Variante vom Account @diclassicx ausgelöst wurde. Antrieb ist das Phänomen der absichtsvollen (falschen) Aussprache, das ich im Rahmen der Gluttheorie der öffentliche Debatte in seiner Dynamik für memetische Meinungen analysiert habe.

🎶Ungebetene Ohrwürmer* des Monats🎶

1. Ski Aggu „Party Sahne“
2. Beyonce „Cuff it“
3. Rosa Linn „Snap“
4. Peter Fox „Zukunft Pink“
5. Rian „Schwarzes Schaf“

* in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ nutze ich Ohrwürmer als Metapher um die Wirkung von Memes zu beschreiben. Deshalb ist es nur konsequent, sie nicht nur metaphorisch, sondern eins-zu-eins zu nehmen.

Besondere Erwähnung

Barack Obama hat einen beeindruckenden Wahl-Aufruf an junge Amerikaner:innen gepostet. Er legt nicht nur zahlreiche unpeinliche Referenzen an die GenZ offen (hier eine lesenswerter Guide to GenZ), er endet auch mit dem Spitzenreiter der vergangenen Netzkulturcharts: dem Corn-Fan Tariq, der natürlich auch diesen Monat weiterhin wichtig bleibt. Aus dem Song sind weitere Adaptionen entstanden – beispielhaft die Londoner U-Bahn, die die Renovierung der Station „Bond-Street“ mit dem Sound feiert. Dass Peter Fox einen neuen Song veröffentlicht hat, hat in Tiktok ebenso für Aufsehen gesorgt wie der zweite Hit von Nina Chuba, die hier einen wunderbaren Jim Knopf-Wildberry-Lilleth-Mashup bekannt macht: „Lummerland Lillet“.

Der Account happy_paule hat sich Ende August mit ein paar Nudeln und einem Spezi vor einen Stream gesetzt – und sich dabei gefilmt. Sein „Jungs, gibts was besseres?“-Clip ist zu einer schönen Kopiervorlage geworden, mit der jede Menge Accounts interagieren.

Der österreichische Standard berichtet über die Nafo-Memes im Ukraine-Krieg (siehe dazu auch die September-Ausgabe)

Der Hashtag #NurDreiWorte auf Twitter nimmt auf schöne Weise Bezug auf die One-Word-Tweets, die hier schon mal Thema waren. Die ARD hat ein Kultur-Angebot namens „ARD Kultur“ gestartet, dabei auch ein digitale Format namens Pixelparty. Gawker erklärt, wie Promis Tiktok nutzen sollen.

Dass die Washington Post sich auf beeindruckende Weise mit dem Tiktok-Universum befasst, war hier wiederholt Thema (hier der Versuch auf Tiktok deren Filter zu umgehen). In diesem Monat gab es einen besonderen Schwerpunkt und dieser Text analysiert den Erfolg der Post auf Tiktok.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen. Wer keine Folge verpassen möchte, kann sie hier als eigenen Newsletter bestellen.

10 Wege, um (online) immer Recht zu haben (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Was ist nur mit der Diskussionskultur los? Seit Jahren wird über sie diskutiert, es wird geklagt und nostalgisch zurückgeblickt – und trotzdem wird nichts besser. In diesem Monat sorgte z.B. der Abschied von SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert von Twitter für eine neuerliche Debatten-Debatte. Dabei ist es doch gar nicht so schwer, sich online absolut richtig zu verhalten. Deshalb hier eine ausschließlich und vollständig ernst gemeinte Anleitung für alle, die gerne glücklicher online debattieren möchten (Symbolfoto: Unsplash). Mit den folgenden zehn Ratschlägen gelingt es, jederzeit im Recht zu bleiben:

Ändern Sie niemals Ihre Meinung
Die eigenen Ansichten der Gegenwart anzupassen, gleicht einer Niederlage. Wer so etwas tut, ist im Unrecht. Das ist Ihnen zuwider. Niemals werden Sie Ihre Meinung ändern. Sie gehört zu Ihnen, ist ein unveränderliches Kennzeichen, das Ihre Identität prägt. Dass man Menschen und Meinungen trennen kann, ist Ihnen fremd. Sie stehen für Ihre Meinung ein und knüpfen dies eng an Ihre Persönlichkeit. Widerspruch ist deshalb für Sie auch kein sachliches Gegenargument, sondern ein Angriff auf Ihre Person, den Sie mit allen Mitteln abwehren müssen.

Unterstellen Sie stets böse Absichten
Weil Sie selbst Mensch und Meinung nicht trennen wollen, tun Sie das auch bei Ihrem Gegenüber nicht. Sie ziehen deren Motive in Zweifel, unterstellen konsequent böse Absichten und finden negative Eigenschaften, die Ihnen ad hominem helfen, Sachargumente konsequent abzulehnen.

Sprechen Sie anderen Meinung stets die Kompetenz ab
Es gibt also nur einen Grund, eine andere Ansicht zu haben als Sie: Dummheit. Einzig fehlende Kompetenz ist für Sie eine Erklärung für abweichende Meinungen. Andere Möglichkeiten schließen Sie aus. Angenehmer Nebeneffekt: Wenn Sie die anderen für dumm erklären, sind Sie quasi automatisch nicht nur auf der richtigen Seite, sondern auch sehr klug. Sie teilen ja Ihre Meinung!

Nutzen Sie Medien einzig als Meinungsverstärker
Der ehemalige Bild-Chef Julian Reichelt hat seine Vorstellung vom Publikum unlängst so beschrieben: „Sie wollen Superstars, die ihre eigene Meinung bestätigen.“ Geben Sie ihm Recht, wählen Sie einzig Medien, die Ihre Ansichten verstärken. Vermeiden Sie Medienkonsum, der Sie auf andere Gedanken bringt, Ihnen neue Perspektiven aufzeigt oder Sie womöglich ins Zweifeln bringt.

Gehen Sie stets davon aus, dass alles genau so ist wie es wirkt
Der Zweifel ist Gift fürs Rechthaben. Seien Sie deshalb möglichst selbstsicher. Das gilt auch in Bezug auf Beschreibungen, Accounts und vermeintliche Fakten: Vermeiden Sie in jedem Fall die Frage „Und wenn das Gegenteil richtig wäre?“ Unterdrücken Sie unbedingt den Gedanken, dass manche Beiträge vielleicht von Fake-Accounts oder Bots kommen könnten (hier schreibt Ronen Steinke sehr lesenswert über virtuelle V-Leute im Netz).

Halten Sie Twitter-Trends konsequent für die Bevölkerungsmeinung
Da alles so ist, wie es wirkt, nehmen Sie auch Likes, Follower und Trends auf Plattformen stets für voll. Muss ja stimmen! Als Journalist:in können Sie zum Beispiel Twitter-Trends nicht nur als Abbild der Gesellschaft lesen, sondern durch „hat ja viele likes“- auch in klassischen Medien noch weiter verbreiten. Keinesfalls sollten Sie sich mit dem Mediamanipulation-Book oder der Mechanik von Meme-Wars befassen. Die Autor:innen des gleichnamigen Buches sagen mit Blick auf die Meme-Mechanik: „They’re the activation of people’s confirmation bias and stereotypes. As we watched political opponents begin to memeify one another and push these tropes — some with the intention of sowing disinformation, others with the intention of spreading propaganda — I think many journalists were initially very dismissive.“

Achten Sie auf ohrenbetäubendes Schweigen
Um Recht zu behalten, muss Ihr Thema in der Debatte bleiben. Sonst merkt ja keiner, dass Sie Recht haben. Achten Sie dabei stets darauf, dass die Diskussion sich nicht zu weit, von Ihren Interessen entfernt. Neben der klassischen Themen-Erinnerung (vulgo: Whataboutism) bieten sich hier auch anklangende Meinungsäußerungen an, in denen Sie kritisieren, dass manche Leute (gerne markieren!) sich noch nicht zu einem aktuellen Ereignis geäußert haben. Brandmarken Sie dieses Schweigen als „ohrenbetäubend“!

Lassen Sie keine Gelegenheit zum Widerspruch ungenutzt
Aber nicht nur Schweigen fordert Ihren Widerspruch heraus. Jede abweichende Meinungsäußerung provoziert Sie persönlich. Dass Sie überhaupt öffentlich geäußert wird, ist eine Frechheit und Beweis für die katastrophale Debattenkultur, für die natürlich ausschließlich die anderen verantwortlich sind. Sie hingegen tun nur, was Ihr gutes Recht ist: Sie widersprechen. Immer und jederzeit! Denn irgendwo ist immer jemand im Unrecht, wenn Sie dem Gedanken konsequent folgen, wird Ihre Glut nie ausgehen.

Denken Sie konsequent und ausnahmeslos schwarz-weiß
Zwischentöne lehnen Sie ab. Ziehen Sie klare Linien: Wer nicht Ihrer Meinung ist, ist gegen Sie. Persönlich. Genau so reagieren Sie auch: ablehnend, geringschätzend, beleidigend. Dass manchmal vermeintlich gegenteilige Dinge gleichzeitig eine Berechtigung haben, halten Sie für eine Erfindung. Ambiguitätstolerenz hat für Sie – wie Toleranz überhaupt – ihre Grenzen.

Halten Sie sich für den Mittelpunkt der Welt
Beurteilen Sie alle Ereignisse des Weltgeschehens konsequent ausschließlich aus Ihrer eigenen Perspektive. Ihre Prägung oder Ihre nostalgische Erinnerung sollten zum alleinigen Maßstab Ihrer Meinungen werden. Andere sollen das bitte auch anerkennen: Sie sind jetzt mal dran, Ihre Meinung, ihre Ansicht kamen jahrenlang nicht angemessen zur Geltung. Jetzt ist Ihre Zeit! Das ist Ihr gutes Recht und Sie haben Recht!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit dem Thema Streitkultur und Social Media befasse – zum Beispiel: Impfverweigerung als Meme, „Die Anderen anders sein lassen“ (April 2022) „Danke für Ihren Verstand“ (Januar 2022) „Ich mag Twitter“ (November 2021) „Ungerecht!“ (Januar 2021) „Die Meinungsmodenschau“ (November 2020), „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Weniger Recht haben müssen“ (November 2018), „Fünf Fitness-Übungen für Demokratie“ (Juli 2018) „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017).

Seit Jahren befasse ich mich auch in Büchern und Vorträgen mit dem Thema, in dem Zusammenhang besonders zu empfehlen: „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ und den Vortrag „Die Gluttheorie der öffentlichen Debatte“ im Deutschlandfunk.

It’s corn, Excuse me wir haben 2022, NAFO, Ein-Wort-Tweets, Nina Chuba, Snowflake (Netzkulturcharts September 2022)

Was geht online? Die Netzkulturcharts sind meine völlig subjektive Antwort auf diese Frage. Ich liste darin Phänomeme auf, die ich inspirierend, interessant oder bemerkenswert finde. Sie erscheinen als kostenfreier monatlicher Newsletter. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorab: Wer sich für Netzkultur begeistert, sollte Snowflake kennen. Diese Browser-Erweiterung hilft all denen, die das Netz nicht einfach so benutzen können. Zu den Protesten im Iran empfehle ich die Einordnung meiner Kollegin Dunja Ramadan bei der SZ.

Platz 1: It’s corn 🆕

Der bekannteste Junge des Internet war vor wenigen Wochen noch völlig unbekannt, mittlerweile ist Tariq als „The Corn Kid“ ein Star, der zur Filmpremiere von „Pinocchio“ eingeladen und von der New York Times porträtiert wird. Dabei hatte er nichts anderes getan als in einem kurzen Video-Interview des Channels Recess Therapy seine Begeisterung für Mais kund zu tun. Dass aus diesem scheinbar belanglosen Interview in Brooklyn nicht nur der virale Hit des Sommers, sondern sogar ein richtiger Song wurde, liegt an echten Experten der Viralität: die Gregory Brothers entdeckten und autotunten Tariqs Corn-Begeisterung und traten damit ein Massen-Mais-Phänomen los – zu dessen vorläufigem Höhepunkt sogar der offizielle Tiktok-Account auf Tiktok seine Bio in „It’s corn“ änderte. Deshalb gebührt mindestens die Hälfte der Chartspitze in diesem Monat dem Musik-Quartett, das auf YouTube schmoyoho heißt und schon seit Jahren in Sachen Viralität unterwegs ist. Die andere Hälfte gehört Tariq und seiner Familie, die dafür gesorgt hat, dass sein Nachname trotz des plötzlichen Ruhms nicht an die Öffentlichkeit kommt.

Platz 2: Excuse me, wir haben 2022 🆕

Als die Tiktokerin Linneasky im Juli diesen Jahres eine Nutzer:innen-Frage zum Thema BH beantwortet, ist ihr vermutlich nicht klar, dass die nun folgenden Sätze am Ende des Sommers zu einen geflügelten Wort der Netzkultur werden: „Excuse me, wir haben 2022“ wird nicht nur in allerlei Zusammenhängen zitiert, geremixt und gestiched, es gibt auch ein Mashup mit dem „Fettes Brot“-Jahreszahlenklassiker „Jein“. Aber anders als bei den Gregory Brothers und ihrem Corn-Kid hat sich bisher noch niemand gefunden, der einen wirkliche populären Song aus dem Spruch gemacht. So bleibt die Freude an der Unplanbarkeit von viralen Phänomenen.

Platz 3: NAFO 🆕

Wenn das Internet einen Wachhund suchen würde, es wäre der Shiba Inu, das Krafttier des Doge-Meme. Seit ein paar Wochen ist der das Symbol der digitalen Friedensbewegung namens NAFO geworden. Die North Atlantic Fellas Organisation ist eine zaunpfahlwinkende Anspielung auf das Verteidigungsbündnis ähnlichen Namens und versucht mit digitalen Mitteln auf den russischen Angriffskrieg in der Ukrainie zu reagieren. Der Economist hat als erstes größer darüber berichtet und ich finde das mehr als bemerkenswert – wie ich in diesem Interview mit dem Deutschlandfunk erklären durfte.

Platz 4: Ein-Wort-Tweets 🆕

Wofür willst du im Netz stehen? Die Antwort auf diese Frage in einen Ein-Wort-Tweet zu packen, war Anfang des Monats für ein paar Tage ein großes Ding. Der One-Word-Tweet-Trend wurde von den „trains“ von Amtrack ausgelöst und steht für eine kleine, scheinbar bedeutungslose Besonderheit, die die Netznutzung so zauberhaft macht – und mich dazu gebracht hat, schlicht „internet“ zu twittern.

Platz 5: Nina Chuba „Wildberry Lillet“🔽

Der Trend um Nina Chuba ist ungebrochen. Ihr „Wildberry Lillet“ läuft weiterhin aus allen Boxen und erscheint in immer neuen Remixen. Sogar der französische Spirituosen-Hersteller Pernod Ricard hat sich offiziell geäußert (ihm gehört die Marke „Lillet“), die Sparkasse macht mit Aditotoro Werbung damit – aber nichts und niemand kriegt diese Zeilen kaputt. „Immos, Dollars, fliegen wie bei Marvel“ machen immer noch großen Spaß.

🎶Ungebetene Ohrwürmer* des Monats🎶

1. Armani White „Billie Eilish“
2. Tariq, The Gregory Brothers, Recess Therapy „It’s corn“
3. Romero „Nie mein shawty“
4. Nina Chuba „Wildberry Lillet“
5. Rian „Schwarzes Schaf, Akustikversion“

* in dem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ nutze ich Ohrwürmer als Metapher um die Wirkung von Memes zu beschreiben. Deshalb ist es nur konsequent, sie nicht nur metaphorisch, sondern eins-zu-eins zu nehmen.

Besondere Erwähnung:

Fürs digitale Vokabelheft unbedingt den Begriff Bootleg Ratio notieren. Bei Verge nutzt Russel Brandom ihn, um die Veränderungen des Contents auf Plattformen zu beschreiben. Gemeint ist das Verhältnis zwischen „a) Inhalte, die von Benutzern speziell für die Plattform erstellt wurden, und b) halbanonyme Accounts, die in Interaktion treten und das Publikum abwerben. Jede Plattform wird beides haben, aber wenn B beginnt, A zu überholen, haben die Benutzer immer weniger Gründe, sie zu besuchen, und die Ersteller werden immer weniger Gründe haben, zu posten. Kurz gesagt, es ist ein Zeichen dafür, dass die interessanten Dinge über die Plattform allmählich aussterben.“ (Danke für den Hinweis Johannes)

Eine zweite wichtige Veränderung, die im September durch den Start von Tiktok Now Bedeutung bekam ist der Vibe-Shift in Social-Media. Das Social-Media-Watchblog nennt die Hinwendung zu einer vermeintlich privateren User-Experience, die sich vom klassischen Reichweiten-Feed abwendet, so.

Passend zum Oktoberfest gibt es einen erwähnenswerten bayerischen Remix des Top-Ohrwurm des Monats von Armani White „Billie Eilish“. In der Bavaria Version wird „Billie Eilish“ zu „aber bayerisch“ – dabei wird eine Transition hin zu bayerischer Tracht ins Bild gesetzt.

Tiktok lässt in diesem Monat eine mit ausschließlich Werbe- und Marketing-Knowhow besetzte Jury einen Tiktok-Award verleihen. USA Today zeigt am Beispiel der Behauptung des Wahlbetrugs wie Memes die politische Debatte durchsetzen. Welche Plattformen Memes treiben, hat Know Your Meme untersucht.

Wie man Nachrichten in einem Meme-Umfeld erstellt, erklären die Macher:innen der „News WG“ vom Bayerischen Rundfunk in diesem Instagram-Interview. Wie der Tod der Königin von England in Wikipedia vermeldet wurde? Dieser Thread fasst es zusammen.

Weiterhin ein Highlight meiner Timeline: die twitterisierten Tagebücher von Thomas Mann (Hintergrund dazu hier)

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

Tiktok Now – der BeReal-Klon jetzt in Deutschland

Dass erfolgreiche Social-Media-Plattformen sich von Angeboten anderer Apps inspirieren lassen, kannte man bisher vor allem von Meta-Facebook. Seit ein paar Tagen ist nun auch Tiktok, das bisher als Vorlagengeber für Instagram diente, auch selbst in der Inspirations-Adaption aktiv: mit dem Angebot Tiktok Now versucht die App ein Nutzungserlebnis zugänglich zu machen, das bei BeReal äußerst erfolgreich ist.

In den USA bietet Tiktok die sehr viel privatere und vermeintlich authentischere Social-Media-Experience innerhalb der klassischen Tiktok-App als so genannten now-Feed an. In einigen anderen Ländern, u.a. auch Deutschland, gibt es Tiktok Now als eigene App in den Stores. Beide Angebote (die vermutlich in einem interessanten A-B-Test ausprobiert werden) basieren auf der BeReal-Erfahrung, die auf einer etwas privateren Social-Media-Nutzung basiert. Um im Explore-Feed (For You Page) mit Reals/Nows auftauchen zu können, muss man bei Tiktok-Now z.B. mindestens 18 Jahre alt sein. Im Alter von 13 bis 15 Jahren können Nutzer:innen nur mit Freund:innen interagieren. Und selbst bei volljährigen Nutzer:innen ist der Default-Modus auf privat gestellt.

Es geht, das ist sehr deutlich um einen Test für eine andere Form von Social-Media, die nicht mehr auf Reichweiten und Austausch setzt, sondern eher Züge von Dark Social trägt: es geht um ein vermeintliche authentischeres Social-Media.

Warum BeReal interessant ist, habe ich hier beschrieben.

Die Kolleg:innen vom Social-Media-Watchblog sprechen übrigens von einem Vibe-Shift in Social Media.

Nina Chuba, #dancewithsanna, Girl Explaining, Deutsche Band Memes, Millenial Pause (Netzkulturcharts August)

Die Netzkulturcharts sind ein völlig subjektives Ranking netzkultureller Phänomene, die ich auffällig finde. Sie erscheinen monatlich als Teil meines Newsletter „Digitale Notizen“ und umfassen besondere Accounts, Memes und Ideen, die ihren Ursprung im Netz haben, sich mit dem Internet befassen bzw. so nur im Netz aufkommen können. Der Begriff „Netzkultur“ ist dabei bewusst offen und der zeitliche Bezug kann schlicht daran liegen, dass mir dieses Phänomen erst in dem Monat aufgefallen ist. Die Charts aus den Vormonaten stehen hier.

Vorschläge gerne per Mail an mich oder auf Twitter @dvg oder Instagram @dvg mit dem Hashtag #netzkulturcharts.

Platz 1: Nina Chuba 🆕

Im Wikipedia-Artikel zu Nina Chuba fehlt ihr größer Erfolg noch komplett. Dass sie im August 2022 erst Tiktok und dann die Charts mit einem Loblied auf ein alkoholisches Wildbeeren-Getränke stürmte, steht auch in diesem Zeit-Campus-Porträt nicht, das sie „als Zukunft des Deutschrap“ bschreibt. „Wildberry Lillet“ ist quasi die Blaupause eines Tiktok-Hits. Die Sequenz: „Ich will Immos, ich will Dollars, ich will fliegen wie bei Marvel Zum Frühstück Canapés und ein Wildberry-Lillet“ geisterte schon ein paar Wochen vor Single-Veröffentlichung durch die Plattform und wird mit einer openversechallenge am Laufen gehalten. Dabei rappen andere Nutzer:innen Strophen mit Hilfe der Duett-Funktion gemeinsam mit Nina. Gemeinsam haben sie Nina und ihre „Immos“ auf Platz 1 der deutschen Single-Charts geschoben – vorbei an Layla.

Platz 2: #dancewithsanna 🆕

Dass in der öffentlichen Beurteilung politischer Arbeit sehr merkwürdige Standards angelegt werden, hat die Guardian-Kolumnistin Arwa Mahdawi am Beispiel der tanzenden finnischen Regierungschefin Sanna Marin lesenswert illustriert: „You don’t have to squint to see the sexist double standards involved in this “scandal”. Boris Johnson having an unknown number of children with multiple women? Well, that’s just Boris being Boris. Donald Trump paying large sums of money to a pornography star? Boys being boys. A woman dancing with a few of her friends in a living room, though? DRUG TEST THE WITCH!“ Dass Marin dennoch in den Netzkulturcharts des Monats August gelandet ist, liegt an zahlreichen jungen Frauen, die sich im Netz mit ihr solidarisiert haben – und unter #dancewithsanna Tanzvideos hochgeladen haben.
Die Videos sind ein weiterer Beleg für die Glut-Theorie der öffenltichen Debatte, die sich hier um die Frage dreht: Auf welcher Seite stehst tanzt du?

Platz 3: Girl Explaining 🆕

Das da rechts auf dem Bild sind Denise „Dinu“ Sanchez und ihr damaliger Freund Alfre vor einem Club namens „Chau Che Clu“ in Claromeco (Buenos Aires). Die beiden befinden sich im Bildhintergrund, Denise spricht auf dem Bild nicht, sondern singt ihrem Freund einen Song ins Ohr. Aber schon 2019 wurde dieser Bildausschnitt im spanischsprachingen Web aus dem Zusammenhang gerissen – und als weibliche Variante des Mansplaning-Meme „Bro Explaining“ gelesen. Seit Beginn dieses Monats sind Denise und Alfre auch im englisch- und deutschsprachigen Web sehr präsent. Der Spiegel hat unlängst sogar probiert, ein Interview mit Denise zu führen, die dann vorschlug dafür bezahlt zu werden und wird jetzt nicht in den Genuß kommen, ein Spiegel-Gespräch über die Frage zu führen, ob sie den Milk-Club in Edinburgh kennt, wo eines der Bro-Explaining-Motive aufgenommen wurde.

Platz 4: Deutschband-Memes 🆕

Ein verhältnismäßig kleiner Instagram-Account verbindet zwei der schöneren Netztrends der vergangenen Jahre zu einer besonderen musikalischen Parodie: Bilder aus dem Kontext zu reißen, schenkte uns vor ein paar Jahren schöne Bilder des jungen Kurt Cobain mit der Zeile „Otto Waalkes“. Diese Kontextbrüche bringt Deutchband-Memes mit dem „deutsche xyz“-Meme der vergangenen Jahre zusammen. Dabei werden internationale Phänomeme auf Deutschland runtergerechnet (beim Otto-Bild würde dort „Deutsche Kurt Corbain“ auf dem Foto stehen & eine Deutsche Blockchain ist dann so). Deutschband-Memes zeigt also falsche Bilder mit falschen Zeilen – und macht damit richtig Spaß.

Platz 5: Millennial Pause 🆕

Generationen-Themen sind äußerst beliebt im Social-Web. Eltern und Kinder spielen das in unterschiedlichen Aspekten täglich durch. Aber auch die Frage, ob du dich als GenZ, Boomer oder Millenial definierst, kann viele Beiträge provozieren. Einen besonders schönen hat in diesem Monat Kate Lindsay im Atlantic verfasst. Denn bei ihrer Millenial-Pause-Beobachtung geht es nicht nur um Generationen-Fragen, sondern um einen kultur-technische Aspekt des sozialen Web: machen Millenials aufgrund früherer Aufnahme-Möglichkeiten bei Selfie-Videos immer eine kleine Pause bevor sie starten? Es lohnt sich, mal drauf zu achten…

Besondere Erwähnung:

Das irische Baby, das aussieht wie Woody Harrelson hat erst Internet-Ruhm und mediale Reichweite und dann ein Gedicht vom US-Schauspieler bekommen. Herzlichen Glückwunsch!

Meine Begeisterung an den Tagebüchern von Thomas Mann auf Twitter hält an – auch andere Menschen scheinen an dieser neuen Aufbereitung von klassischen Inhalten Gefallen gefunden zu haben. Jedenfalls hat er jemand Thomas Bernhard auf Twitter übersetzt.

Und irgendjemand hat den FDP-Chef Christian Lindner sehr ernst genommen und die URL Gratismentalität reserviert.

Die Netzkulturcharts sind eine subjektive Rubrik aus meines Newsletter „Digitale Notizen“. Mehr über Netzkultur in meinem Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“. Die Platzierungen der Vormonate sind hier nachzulesen.

Die Fußball-Metapher: was man von 22 Goals über erzählenden Journalismus lernen kann

Wenn das Leben ein Menü wäre, wäre metaphorisches Denken für mich so etwas wie die Pizza: ein mehr als grundlegender Standard; eine immer integrier- und gleichzeitig ausbaubare Basis, die Voraussetzung für Vieles und Neues. Metaphorisches Denken gehört beinahe täglich auf den Tisch, es ist ein wichtiger Bestandteil für Kreativität (wie man im Ted-Talk von James Geary anhören und in der Anleitung zum Unkreativsein nachlesen kann) – und macht Spaß.

Wenn metaphorisches Denken die Pizza im Menü ist, ist die Fußballmetapher die Quattro Formaggi – meine Lieblings-Variante. Bilder und Vergleiche aus dem Sport und besonders aus dem Fußball nerven manchen helfen dabei, Dinge zu veranschaulichen – finde ich (Symbolbild: Unsplash). Und seit diesem Monat weiß ich auch genauer warum. Die Antwort habe ich in einem Podcast gefunden, den ich für unbedingt empfehlenswert halte. Er handelt wenig verwunderlich von Pizza vom Fußball und heißt 22 Goals.

Brian Phillips erzählt darin die Geschichte von 22 ikonischen Fußballtoren erzielt in WM-Spielen. Zwei Folgen sind bereits erschienen und ich freue mich jetzt schon auf alle weiteren Tore Folgen. Es sind kleine Geschichts-Stunden, die auf anschauliche Weise zeigen, wie erzählender Journalismus heute funktioniert: mit einem erzählenden Ich, das sich nicht in den Vordergrund drängt, aber der Geschichte einen Rahmen gibt. Voller Selbstreflektion und Humor, aber völlig ohne Nostalgie, teilt Phillips seine Begeisterung für den Sport, ohne parteiisch oder einseitig zu sein. Die Geschichten werden im Team erzählt (Phillips stellt am Ende jeder Folge alle vor, die mitgearbeitet haben) und verzichten auf jegliche Autoren-Glorifizierung, wie sie im alten Journalismus manchmal noch auftaucht.

Ich empfehle den Podcast aber aus einem anderen viel wichtigeren Grund. 22 Goals liefert eine wunderbare Erklärung dafür, warum Fußball-Metaphern so gut funktionieren – weil Sport uns hilft, Ordnung zu finden. In der ersten Episode sagt Brian Phillips:

Why do sports make us feel things? Here’s a theory. Because nothing is simple. It’s complicated. Life is hard, and messy, and clumsy, and ideas never line up with actions, and ideas never line up with other ideas, and you spill your smoothie in the car, and you wake up at three in the morning thinking about the embarrassing text you sent two years ago, and everyone you have ever loved is going to die, and your battery is on 2 percent, and you don’t even know why you told that lie. And I submit that no athlete in history has embodied the mess and confusion of being alive more consistently and more vividly than Diego Maradona.

But sometimes. Sometimes, on a soccer pitch, everything comes together in just the right way to make it look simple. Clear. Everything breaks your way for once. Everything works.

All das sagt Phillips über ein Tor, das mich auf besondere Weise berührt, weil ich es zum Einstieg in mein Kopierbuch nacherzählt habe. Nicht im Original von Maradona, sondern in der Kopie von Leo Messi, die die Unmöglichkeit überbot – indem sie sie wiederholte. Das Kopieren spielt auch in dem Podcast eine Rolle – aber ich will nicht zu viel verraten. Höre es dir an!