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Inframing: Matthias Schamp über Gemeinsamkeit in Videokonferenzen

Matthias Schamp ist „Inhaber einer kleinen gutgehenden Sinnsucherei“ und hat als solcher schon einige tolle Kunstprojekte realisiert. Ich bin seit seiner „Schlechte Verstecke“-Serie Fan seiner Arbeit (mehr dazu im Unkreativ-Newsletter). Als ich diese Woche von seiner Idee „Inframing“ las, habe ich ihm ein paar Fragen zu dem Projekt geschickt. (Die Inframing-Screenshots hier im Blog zeigen Schamp im Verbund mit PAErsche-Performerinnen)

Wie genervt bist du auf einer Skala von 1 bis 10 von Videokonferenzen?
Maximal genervt. Obwohl – eigentlich sind es ja nicht die Videokonferenzen, die nerven. Sondern die Tatsache, dass anders Treffen nicht möglich sind. Sobald das aufhört, werde ich Videokonferenzen als zusätzliche Option vielleicht sogar zu würdigen wissen. Aber bis dahin: 10

Du hast ein Konzept entwickelt, um Videokonferenzen etwas sozialer und kollaborativer zu gestalten. Was verbirgt sich dahinter?
Ich nenne es Infraframing. Weil unterhalb der Frames gedanklich eine Ebene eingezogen wird, auf der Begegnung in einer neuartiger Weise stattfindet. An die Stelle der Zerplitterung der Subjekte in einzelne Frames tritt die Gemeinschaft, die sich zu einer Gesamtform zusammenschließt und aus vielen Einzel-Frames ein gemeinsames Bild bildet. So – aber nur so – machen dann sogar Zoomkonferenzen Freude.

Wie bist du auf die Idee gekommen?
Das Nachdenken über das Verhältnis von virtuellem und physischem Raum zieht sich als einer der Hauptstränge durch mein Werk. Da gibt es z. B. „Kontravirtuelle Programme“, „Videolecken“, ein „Nasenfettfilm-Abspielgerät“, die „Wir-sind das Bild“-Bewegung und einen Cyber-Westernroman namens „Hirntreiben.EEG“. Gerade habe ich eine neue Serie von Arbeiten gestartet mit dem Titel „Gelebte Photoshopeffekte“. Insofern war mein Denken bereits darauf geeicht, die Konventionen, die uns von solchen Programmen aufgedrängt werden, zu hinterfragen. Sie nicht einfach als gegeben hinzunehmen. Sondern Alternativen zu ersinnen.

Du hast das Konzept schon in einigen Runden getestet. Wie lief das Infraframing ab?
Ich habe Infraframing mit Seminaren von mehreren Universitäten und Hochschulen ausprobiert. Mit großem Erfolg bei den Studierenden. Anstatt nur zu glotzen, verrenkt man sich dabei, turnt, nimmt im physischen Raum alle möglichen Haltungen ein, um sich mit anderen, die in ähnlicher Weise körperlich agieren, zu einem bizarren Gebilde zusammenzuschließen. Es entsteht wirklich ganz stark dabei das Gefühl: Wir kommen jetzt zusammen.
Und ich habe drei Infraframing-Sessions im Rahmen meines AIM e.V.-Stipendiums des Kunstpavillons Burgbrohl gemeinsam mit Mitgliedern der Performance-Plattform PAErsche durchgeführt (Guadalupe Aldrete, Susanne Helmes, Irmgard Himstedt, Rolf Hinterecker, Christiane Obermayr, Karin Meiner, Elke Mark, Evamaria Schaller, Carola Willbrand). Im Zusammenspiel mit solchen professionellen KünstlerInnen ließ sich das Potenzial der Methode mal so richtig ausschöpfen. Das war toll. Die Ergebnisse haben mich selber geflasht.

Welche Pläne hast du jetzt mit dem Konzept?
Mit der Uni Siegen bin ich dabei, ein kurzes Lehrvideo zu dem Verfahren zu produzieren. Und gerade jetzt gibt es drei Tage lang Infraframing-Sessions, in denen sich Studierende der Uni Siegen mit Schülern aus zwei Klassen des Gymnasiums Netphen zusammenfinden. Sowie auch Bürgern aus Netphen. Dies steht in Zusammenhang mit einem Seminar von Prof. Johanna Schwarz und ihr Projekt „Wanderspace“, in das ich involviert bin. Was danach kommt weiß ich noch nicht. Das Jahr ist auch sonst schon sehr voll mit Aktivitäten. Aber ich hoffe es bleibt noch Zeit, für die eine und andere Infraframing-Session mit mit findigen, pfiffigen Leuten. Ein paar Ideen hab ich noch in petto und wäre auch selber gespannt, was da kommt.

Mehr über die Arbeit von Matthias Schamp auf seiner Website der-schamp.de

Im vergangenen Jahr hab ich die durch Corona ausgelöste Digitalisierung von Kunst und Gesellschaft in einer kleinen Serie hier im Blog begleitet, die sich mit Streaming und Video-Konferenzen befasst. Dazu sind u.a. erschienen:

> Eine Betrachtung über Geisterspiele in der Bundesliga
> Richard Oehmann von der Band Cafe Unterzucker über Band-Musik im Stream
> Interview mit Jasmin Schreiber von Streamkultur
> Shruggie des Monats: Der Live-Stream
> Zehn Lehren aus der Coronakrise für Videokonferenzen und Live-Streams
> Performance-Künstler Marcus John Henry Brown über die Herausforderung, Menschen im Stream zu halten
> Social-Media-Experte Michael Praetorius über Workshops im Stream
> Pfarrerin Miriam Hechler über Gottesdienst im Stream
> Museums-Experte Maximilian Westphal über Führungen im geschlossenen Museum
> DJ Ivo Schweikhardt übers Auflegen im Stream
> Autor Pierre Jarawan über Workshops zum Kreativen Schreiben im Stream
> Musikerin Maria über Musikunterricht im Stream
> Denny Leo Kinder über Friseure im Stream
> Wolfgang Tischer über Lesungen im Stream
> Die Therapeuten Imke Herrmann und Lars Auszra über Therapie im Stream
> Lehrer Philippe Wampfler über Unterricht im Stream
> Autor Tom Hillenbrand über Krimis auf Twitch
> VHS-Chef Christof Schulz über Volkshochschule im Stream
> Zukunftsforscher Gerd Leonhard über die Zukunft von Live-Events und Live-Streams

Perspektive lernen: der Workshop-Newsletter bei steady

Am 12. April startet drüben bei steady ein kleines Experiment: ich habe einen Teil meines Buches „Anleitung zum Unkreativsein“ in einen Newsletter überführt, der wie ein Workshop funktioniert.

Elf Wochen lang bis zum längsten Tag des Jahres versuche ich jeden Montag neue Perspektiven zu eröffnen. Zu jedem Buchstaben des Wortes PERSPEKTIVE gibt es eine Folge, die das jeweilige Schlagwort thematisiert, Lesetipps vermittelt und Fragen beantwortet.

Denn die Besonderheit an dem Newsletter-/Workshop-Konzept steckt auch im Austausch mit den Leserinnen und Lesern. Die ersten 500 Teilnehmer:innen können kostenfrei mitmachen – und ihre Fragen einschicken. Bis jetzt haben sich 308 Menschen in den Newsletter eingetragen. Deshalb hier meine Einladung an Dich: Trage dich hier ein und schicke mir gerne deine Frage, deine kreative Herausforderung oder Anmerkung zum Thema (Mail-Adresse im Kontakt)

Ich werde mich bemühen, in jeder Folge beispielhaft eine Frage aufzugreifen und (anonymisiert) zu beantworten. Dabei kann es um Feedback-Kultur gehen oder um die Frage wie man mit scheinbar ausweglosen Aufträgen umgeht. Spielerische Lösungsansätze für kreative Herausforderungen versuche ich ebenso in dem Newsletter aufzuzeigen wie die Ratschläge zur Unkreativität, die in dem Buch versammelt sind. Dazu haben mir unter anderem Christoph Niemann, Kathrin Passig, Alice Hasters und Susi Bumms Antworten auf die Frage geschickt: Was ist deine wichtigste Anleitung zum Unkreativsein? In der ersten Newsletter-Folge gibt es direkt ein paar Antworten von Teilnehmer:innen des Workshops.

Ich probiere diese Form des Newsletters nicht nur aus, weil er mir passend zum Buch erscheint. Mich reizt vor allem der Aspekt, den ich unlängst unter dem Schlagwort „Inspirierender Journalismus“ notiert habe. Darüber werde ich innerhalb der elf Folgen und bestimmt auch danach reflektieren: Wie kann man ein Buch in einen Workshop übertragen?

Hier anmelden und mitlesen!

Fünf Dinge, die ich bei „Last one laughing (LOL)“ über Kreativität gelernt habe

Zehn Comedians in einem Raum, sechs Stunden Zeit und nur eine Vorgabe: Niemand lacht! Das sind die Zutaten für eine TV-Show, die seit ein paar Tagen in Deutschland unter dem Titel „Last one Laughing“ bei Amazon Prime zu sehen ist. Das Konzept stammt aus Japan, wo Hitoshi Matsumoto schon 2016 unter dem Titel Documental aus dem Nicht-Lachen eine lustige Sendung machte. Die Idee wurde in den vergangenen Jahren bereits nach Australien und Mexiko übertragen und soll jetzt mit Michael Bully Herbig als Kopf auch in Deutschland erfolgreich werden.

Ich finde die Sendung nicht nur erstaunlich lustig, sie ist überraschender Weise auch ein gutes Beispiel für Kreativität. Denn obwohl hier vermeintlich kopiert wird, steckt in dem Konzept Lehrmaterial für alle, die sich für neue Ideen interessieren.

Deshalb hier fünf Dinge, die ich bei Last one Laughing (LoL) über Kreativität gelernt hat:

1. Adaption macht den Unterschied

Wenn man sich die japanischen, australischen und mexikanischen Versionen des „Nicht Lachen!“-Humors anschaut, fallen kleine Unterschiede zur deutschen Adaption auf. Neben gelben und roten Karten, die in Deutschland komplett fehlen, sticht vor allem ins Auge: in der deutschen Fassung spielt Geld eine viel geringere Rolle. In der Ursprungsversion bringen die Comedians eine Geldsumme mit, die sie jeweils verlieren, wenn sie lachen und das Haus verlassen. Dieser Aspekt wird in Deutschland komplett ausgelassen. Es gibt eine Gewinnsumme, die zudem auch nicht dem/der Letzt-Lachenden gehört, sondern gespendet wird.

Ich glaube es gehört zur Kreativität, Details zu bedenken, die den Unterschied machen. Das ist u.a. das Sympathische an der deutschen Variante, dass der Wettstreit sich nur um den Spaß dreht und nicht extrinsisch durch Geld angefeuert wurde. Auch deshalb fühlt sich die Sendung kaum nach Big-Brother-Reality-Show an, obwohl sie das Grundsetting nutzt.

2. Kopieren ist kreativ

Wie schon beim internationalen Erfolg „Perfetti Sconosciuti“, der als „Das perfekte Geheimnis“ in deutschen Kino lief (und über den mein Kollege Alex Rühle hier in der SZ schrieb) zeigen auch die Lachverbot-Kopien von LOL: Kreative Schöpfung entsteht auch in der Adaption. Es ist ein Irrglaube, Kreativität stets als Alleinschöpfung zu denken. Es geht um Referenz, Bezug und Fortentwicklung. Und gerade im Vergleich zeigt sich, welche Fassungen kreativer sind. Außerdem legt der internationale Vergleich offen, was den Erfolg in den sehr unterschiedlichen Kontexten ausmacht. Beim perfetti sconosciuti war es das Spiel mit Wahrheit und Lüge, im Fall von Last one Laughing geht es um den sehr menschlichen Reflex lachen zu wollen bzw. es nicht zu dürfen.

Aus kreativer Perspektive sollte man eher auf die kleinen Unterschiede in den Kopien schauen, an denen sich die originelle Leistung zeigt, als das ganze Format als billiges Plagiat abzuwerten.

3. Grenzen schaffen neue Räume

Gemeinhin wird Kreativität dort vermutet, wo besondere Offenheit gewährt wird. Dass Grenzen sich eher positiv auf neue Ideen auswirken, kann man auch an der Lachverbots-Grenze zeigen. Sie stimuliert nicht nur Kreativität, sie schafft auch den besonderen Humor. Als Vater dieser Idee kann vermutlich Schwanzus Longus aus „Das Leben des Brian“ gelten. Hier sieht man römisches Wachpersonal, das vor Pontius Pilatus versucht das Lachen zu unterdrücken, wenn dieser mit Sprachfehler den Namen seines Freundes ausspricht. Mittlerweile gibt es zahllose Varianten von dieser Idee, die als You Laugh, You Loose, als Alman Witze und als Aushalten: Nicht lachen durchs Web geistern.

Ihren Humor und ihre Kreativität ziehen diese Formate einzig aus der Begrenzung. Denn je klarer die Grenzen gezogen sind, um so kreativer kann man damit spielen. Grenzen sind aus dieser Perspektive also keine Beschränkungen deiner Kreativität, sie stärken und formen sie vielmehr.

4. Feedback ist Teil der Kreativität

Wenn Leute lachen, muss es lustig sein. Sitcoms haben diese wenig subtile Botschaft zum Allgemeingut gemacht. Durch das Ausbleiben der Publikumsreaktion fordert Last one laughing nicht nur die Comedians heraus, die gewohnt sind, Lacher als Antwort auf ihr Spiel zu erhalten. Die fehlende Reaktion zeigt vor allem, wie wichtig Feedback für unser Urteil und damit auch für Kreativität ist. Erst durch das Zusammenspiel mit denen, die eine neue Idee hören, kann eine gute Idee entstehen. Wie ein Phantomschmerz fehlt das Lachen der Anderen wenn man zum Beispiel Heino mit Helium-Gas-verzerrter Stimme singen aber niemanden lachen hört.

In Bezug auf Kreativität ist dieser Phantomschmerz die Erinnerung daran: Du kannst Kreativität befördern, indem du anderen auf konstruktive Weise Feedback gibst. In der Anleitung zum Unkreativsein habe ich diese kreativitätsverstärkende Form der Rückmeldung „Kreativen Imperativ“ genannt.

5. Das Gegenteil hilft

Die wichtigste Voraussetzung, um kreative Lösungen zu finden, ist die Fähigkeit zum Perspektivwechsel. Last one Laughing illustriert genau dies auf perfekte Weise. Denn manchmal ist der beste Weg zur Lösung, der Wunsch, das Gegenteil zu erreichen: Wer eine lustige Sendung entwickeln will, verbietet genau das, worum es geht: das Lachen! Das klingt nur im ersten Moment absurd, es ist bei genauerer Betrachtung aber eine der besten Methoden zu kreativen Einfällen. Mehr dazu auch in der aktuellen Wirbt das?-Folge, die sich mit der Takalp-Werbung befasst. Genau nach dem Prinzip funktioniert die „Anleitung zum Unkreativsein“.

Die Offenheit zum Perspektivwechsel kann man üben. Denn wer den Blick verändert, die Frage anders stellt oder aus anderer Warte auf Themen schaut, geht schon den ersten Schritt zur kreativen Lösung. Dazu gibt es ab 12. April einen Workshop auf Steady, der den Perspektivwechsel trainiert. Noch sind wenige Plätze frei!

Augmented Reality handgemacht: die #AllesIstDrin-Sonnenblumenkampagne der Grünen

Wie macht man eigentlich eine gute Social-Media-Kommunikation? Die Antwort auf diese Frage ist äußerst schwierig, aber manchmal findet man eine Lösung wenn man es sich ein wenig leichter macht. Ich hatte darüber hier schon mal am Beispiel von Norbert Röttgen geschrieben und als ich heute früh eine aufgehende Sonnen-Blume in der Timeline sah, dachte ich mir: Dieses Beispiel lohnt es, festgehalten zu werden.

Ich spreche von der Social-Media-Kampagne der Partei Bündnis90/Die Grünen, die gerade parallel zur Vorstellung des des Programmentwurfs zur Bundestagswahl 2021 gestartet wurde. Dazu zählen neben dem Hashtag #AllesIstDrin kleine gelbe Sonnenblumen-Schablonen, die grüne Influencer:innen Politiker:innen gerade in unterschiedlichen Kontexten fotografiert und gepostet haben. Die Bilder aus der Collage rechts stammen aus den Social-Media-Auftritten von Terry Reintke, Michael Kellner, Stefan Engstfeld und Katharina Schulze. Aber auch andere Partei-Accounts arbeiten mit dem Symbol, das schon immer eng mit den Grünen verbunden ist (im Corporate Design-Bereich der Website gibt es klare Vorgaben für die richtige Nutzung).

Neu ist wie diese halbe Sonnenblume als Schablone in neue Kontexte gestellt wird. Das ist an sich nicht sonderlich kompliziert, aber gerade deshalb bemerkenswert. Diese Form der Einbindung von Hand möchte ich als „Augmented Reality Handgemacht“ bezeichnen und als optische Übersetzung eines Hashtags beschreiben. Damit sind die Grünen sicher nicht die Ersten, aber sie zeigen auf politischer Bühne, wie eine gute Social-Media-Kampagne funktionieren kann – wenn man es sich etwas leichter macht.

Dass bald ein TV-Teams auf die Idee kommen wird, die aufgehende Sonnenblume über das Kanzleramt zu montieren und so die Berichterstattung über die Grünen im Fernsehen zu bebildern, ist sicher ein angenehmer Nebeneffekt.

Mehr über Social-Media und Politik gibt es auch in meiner Gebrauchsanweisung für das Internet, die bei Piper erschienen ist und in meinem Wagenbach-Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ – sowie in meinem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem ich mich unlängst auch mit der Social-Media-Strategie von Norbert Röttgen befasst habe. Denn ich interessiere mich für die Mechanismen hinter guter Kommunikation, deshalb frage ich gemeinsam mit Lucas von Gwinner regelmäßig: Wirbt das?

Internetquatsch: Nele Hirsch über die Frage, wie sich in einer Kultur der Digitalität gute Bildung gestalten lässt

Am Wochenende twitterte die Bildungswissenschaftlerin Nele Hirsch vom eBildungsslabor: Internetquatsch ist online Dahinter steckt eine schöne Doppeldeutigkeit. Denn natürlich ist das Internet per se online. Neu ist hingegen, dass Neles pädagogisches Projekt internetquatsch.de im World Wide Web zugänglich ist. Ich habe ihr ein paar Fragen gemailt.

Warum Quatsch? All die Sachen, die du auf der Seite versammelst, sind sehr schöne Beispiele für eine völkerverbindende Netzkultur. Warum denken wir dennoch, es handele sich irgendwie um Quatsch?
Für mich ist Quatsch sehr positiv konnotiert. Bei Quatsch geht um Lachen, Spielen und Erkunden außerhalb von normierten Nützlichkeitserwägungen. Internetquatsch sind für mich demnach Anstöße zum neu und selber Denken. Zudem hat Quatsch ein verbindendes und oft auch kollaboratives Moment.

Ich selbst verwende den Begriff Internetquatsch auch oft und verstehe deshalb intuitiv deine Freude daran. Kannst Du dennoch nochmal für alle, die sich nicht so sehr für Memes und Netzkultur begeistern, zusammenfassen, was dich daran reizt?
Mich reizt daran vor allem die unglaubliche Kreativität, die darin ihren Ausdruck findet. Wie kommt zum Beispiel jemand dazu, eine Katze ins Netz zu stellen, mit der man auf Bongos und anderen Instrumenten trommeln kann?
Neben solchem Spaß ist Internetquatsch oft auch einfach wunderschön. Zum Beispiel, wenn per Zufallsgenerator Planetenbilder generiert und geteilt werden.
Und richtig großartig wird Internetquatsch mit Kollaboration. Ich liebe beispielsweise, die Sammlung von Waldgeräuschen, die Menschen auf der ganzen Welt aufgenommen und über eine Online-Karte geteilt haben. Oder das Projekt Colornames, bei dem für jede Internetfarbe eine Bezeichnung gesucht wird. Schon über 2 Millionen Farbbezeichnungen sind inzwischen eingegangen. Darunter ‚Murky Purple‘ für ein dunkles Violett oder ‚Peppermint Mints‘ für ein leuchtendes Grün.

An wen richtet sich deine Seite hauptsächlich: eher an Lernende oder eher an Lehrende? Und was sollen sie mit der Seite machen?
Gute Lehrende sind ja immer auch Lernende. In diesem Sinne hatte ich bei der Erstellung der Seite als Zielgruppe vor allem ‚lernende Lehrende‘ im Blick. Also Menschen, die neugierig darauf sind, wie sich in einer Kultur der Digitalität gute Bildung gestalten lässt.
Mit der Seite möchte ich erstens dabei unterstützen, überhaupt Einblicke in Internetquatsch zu bekommen. Denn außerhalb bestimmter Communities ist dieser ja oft eher versteckt oder unbekannt. Manchmal ist hier auch das in der Netzkultur vorherrschende Englisch eine Barriere, bei deren Überwindung ich durch die kurzen deutschsprachigen Beschreibungen helfen will.
Zweitens ergänze ich zu jeder kuratierten Quatsch-Website mögliche pädagogische Einsatzszenarien. Diese sind mit einem Zwinkersmiley versehen, denn es geht ja gerade nicht darum, die Offenheit des Internetquatsches gleich wieder in ein bestimmtes Schema oder gar in einen Lehrplan zu pressen. Gerne möchte ich damit aber beispielhaft zeigen, was damit alles möglich ist – und auf diese Weise Lust machen, eigene Ideen zur Nutzung zu entwickeln.

Ich persönlich mag die Seite „Shruggie basteln“ besonders. Dort schreibst du: „Zeitgemäße Bildung ist für alle ein Lernprozess. Wenn man also wieder mal an die Stelle kommt, wo es mehr Fragen als Antworten gibt, kann man kurz Pause machen und alle denken nach, während sie – unterstützend dazu – einen Shruggie zusammensetzen.“ Kannst du mal den pädagogischen Ansatz erklären, der dahinter und damit auch hinter dem Internetquatsch steckt?
Bei zeitgemäßer Bildung gibt nicht eine Person (meist die Lehrperson), die auf alles die Antworten hat und den Lernenden die Welt erklärt. Stattdessen geht es darum, gemeinsam zu lernen und auf diesem Weg auch neue Ideen zu entwickeln. Zeitgemäße Bildung hat in diesem Sinne ein sehr ermächtigendes Potential. Denn indem wir Lernenden ermöglichen, sich erkundend auf ihren Lernweg zu begeben, ist das Lernziel nicht mehr vorrangig eine Anpassung an bestehende Strukturen. Stattdessen lernen sie zu hinterfragen. Sie werden gefordert, bestehende Strukturen neu und anders zu denken und perspektivisch auch zu gestalten. In der Pädagogik spricht man hier von den so genannten 4K-Kompetenzen als den Schlüsselkompetenzen, die Lernende heute vor allem entwickeln sollen: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken. All das steckt auch in Internetquatsch.

Wie reagierst du, wenn Pädagoginnen und Pädagogen sagen, dass das alles sehr gefährlich ist und Kinder sowieso viel zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen?
Wenn wir Kinder und Jugendliche stark machen wollen, sich gegen etwaige Gefahren zu wehren, dann müssen wir uns mit ihnen gemeinsam mit diesen Gefahren auseinandersetzen. Das gilt nicht nur für das Internet, sondern für alle gesellschaftlichen Bereiche. Wegsperren und verbieten führt stattdessen dazu, dass man Kinder und Jugendliche allein lässt. Deshalb ist das aus meiner Sicht der schlechteste Weg.

Und zur Bildschirmzeit: Es ist doch immer die Frage, was da vor dem Bildschirm gemacht wird. Netzkultur hat mit Verblödung und Passivität überhaupt nichts gemein. Ganz im Gegenteil: Wenn wir Kinder und Jugendliche dabei begleiten und unterstützen wollen, sich zu kreativen, schlauen, kommunikativen und sozialen Erwachsenen zu entwickeln, dann ist Internetquatsch dafür perfekt geeignet. Und überhaupt stammt ganz viel Internetquatsch ohnehin von Jugendlichen selbst.

Wie geht es weiter mit dem Internetquatsch? Also sowohl mit der Seite als auch mit der Netzkultur?
Netzkultur ist aus meiner Sicht gerade sehr lebendig. Ich kann mir vorstellen, dass die soziale Distanz an physischen Orten im Zuge der Corona-Pandemie dazu einiges beiträgt. Denn umso mehr freuen sich Menschen gerade in so einer Zeit, wenn das Internet für alle ein schöner, kreativer und spaßiger Ort ist.
Bei meiner Seite habe ich vor, in der nächsten Zeit jeden Tag mindestens einen weiteren Beitrag mit Internetquatsch zu teilen. Über Vorschläge freue ich mich sehr! Und dann bin ich neugierig darauf, was Menschen mit all dem Quatsch anfangen und wie sie das nutzen werden. Das Schöne am offenem Teilen ist ja gerade, dass daraus oft völlig unerwartete Ideen entstehen.

Und zum Abschluss: Was wünschst du dir in Bezug auf digitale Bildung?
In Bezug auf digitale Bildung wünsche ich mir, dass wir den Transformationsprozess als Katalysator nutzen, um Herausforderungen im Bildungssystem endlich anzugehen. Wichtige Fragen sind dazu: Wie muss Bildung gestaltet sein, dass sie soziale Ungleichheit verringert statt zu verstärken? Wie können wir Lernende dazu ermutigen, selbst zu denken statt nachzuplappern? Und wie ermöglichen wir Schulen und Lehrkräften mehr Freiräume für die Gestaltung personalisierter Lernprozesse?

Mehr unter internetquatsch.de

Dass ich mich für Internetquatsch begeistern kann, liegt auch an dem Buch Meme – Muster digitaler Kommunikation, das gerade in der Reihe Digitale Bildkulturen im Wagenbach-Verlag erschienen ist. Am Mittwoch 17.3. gibt es in Berlin eine Buchpremiere – gemeinsam mit dem wunderbaren Band „Gifs“ von Tilmann Baumgärtel

Sprechstunde: Clubhouse oder Twitter Spaces?

Es ist dieser Moment auf einer Konferenz, den man eigentlich nicht planen kann, der aber den Reiz des physischen Zusammentreffens ausmacht: Nach einem Vortrag oder in einer Pause stehen plötzlich ein paar Leute zusammen und beginnen ein Gespräch. Eher inoffiziell, eher ohne Agenda und deutliche Hierachie, dafür interessiert und thematisch verbunden. Mit diesem Bild habe ich versucht mir selbst den Hype rund um die Quatschen-Funktion Drop-In-Audio zu erklären. In einer Zeit, in der physische Treffen nicht stattfinden, wird dadurch vielleicht auch verständlich, warum sich derzeit so viele Menschen mit dieser Form der Telefonkonferenz befassen.

Seit Beginn des Jahres nehmen Lucas von Gwinner und ich die zweite Staffel unseres kleinen Werbepodcasts „Wirbt das?“ vor den Ohren des Publikums auf: Freitag 21 Uhr waren wir bisher stets in Clubhouse. Das verändert nicht nur die Produktion des Podcasts (weil z.B. die an die offizielle Aufzeichnung angeschlossene Debatte erstaunliche Erkenntnisse bringt), es macht sogar auch Freude – und hat mir den Reiz des Drop-in-Audio deutlich gemacht. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass mediale Angebote künftig Nutzer:innen anbieten, an der Produktion beteiligt zu sein. Fans könnten dann also bei der Aufzeichnung ihres Lieblings-Podcasts live dabei sein oder mithören wenn Menschen sozusagen auf den Second Ear (als Äquivalent zur medialen Begleitung durch den Second Screen) TV-Sendungen besprechen. Wie dieser Begleitungsprozess Medien verändern kann, habe ich in meinem Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ beschrieben.

In dieser Woche nun haben wir im Beta-Test einen „Audiobereich“ in Twitter eröffnet (Peter Wittkamp sagte, dass sich alle Begriffe anfühlen als habe ein Lehrer Clubhouse übersetzt) und dabei einige Unterschiede zu Clubhouse bemerkt. Zumindest im Beta-Test scheint Twitter durch die Spaces-Anwendung mehr Strom zu benötigen, das Handy wurde bei einigen Teilnehmer:innen erstaunlich warm. Auch gab es anfangs einige Latenz-Verzögerungen, gerade wenn Teilnehmer:innen aus der Rolle „Zuhörer“ in die Rolle „Sprecher“ befördert wurden.

Weil ich selbst den Reiz des digitalen Quatschens mag, will ich hier die zentralen Differenzen zwischen den beiden Gesprächsräumen Clubhouse und Twitter-Spaces festhalten (Stand: 6. März 2021 im Beta-Test, Beitragsillustration via Visuals/Unsplash)

Clubhouse
👋 neue App, die Zugriff aufs Telefonbuch verlangt
👋 funktioniert derzeit ausschließlich auf iOS
👋 mehrere Gastgeber/Hosts sind möglich
👋 keine andere Reaktion als Mitsprechen
👋 Mikro an- und ausschalten für andere sichtbar
👋 der/die Sprechende wird farbig markiert
👋 keine Verfikation oder User-Rollen
👋 Direkt-Kontakt unter Teilnehmer:innen während des Gesprächs aktuell nicht möglich
👋 Terminierung und Vorausplanung möglich
👋 andere Medien können nicht eingebunden werden

Twitter-Spaces
💯 in Twitter über die Fleets-Leiste am Kopf
💯 offiziell im Beta-Stadium auf iOS und Android
💯 aktuell nur ein:e Gastgeber:in möglich
💯 lässt Reaktionen in Form von Emojis zu
💯 Mikro an- und ausschalten für andere nicht sichtbar
💯 der/die Sprechende wird durch Audiogram markiert
💯 Verifikation und User-Roller (zB nur für Follower)
💯 Direkt-Kontakt unter Teilnehmer:innen während des Gesprächs per Emoji und DM möglich
💯 Terminierung und Vorausplanung aktuell nicht möglich
💯 Tweets können eingebunden werden

Diese Beobachtungen basieren auf dem persönlichen Test in der ersten März-Woche 2021. Der Feature-Umfang in den beiden Apps kann sich jederzeit ändern. Stand heute ist durch die genannten Unterschiede aber erkennbar, dass die beiden Ansätze auf zwei Ziele hinaus laufen:

Clubhouse scheint ein Ökosystem rund um ein zentrales Angebot anzustreben (so wie Snapchat und Storys) und Twitter scheint sein bestehendes Ökosystem um ein Angebot ausbauen zu wollen (so wie Instagram mit Storys).

UPDATE:
The Verge meldet, dass Twitter seine Spaces ab April für alle Nutzer:innen öffnen will

Mehr zum Thema Cluhouse, Twitter Spaces und Drop-In-Audio gibt es in den Digitalen Notizen:
Shruggie des Monats: Deine Stimme
Shruggie des Monats: Digitale Präsenz
Der Hype um Clubhouse
Ruhe in Frieden, Ruheraum! Abschieds-Interview mit Erfinder Leander Wattig

Ruhe in Frieden, Ruheraum! Abschieds-Interview mit Erfinder Leander Wattig

Damals als Clubhouse noch neu und cool war, waren alle im Ruheraum. Über die Grenzen des deutschsprachigen Raums (sic!) hinweg, hat Leander Wattig mit seiner Idee des „Schweigen als Gemeinschaft“ in dem Hype der vergangenen Wochen einen besonderen Trend gesetzt. Ich habe ihm zum Thema Ruheraum ein paar Fragen geschickt, die sich im Laufe der Zeit als Abschieds-Interview entpuppten.

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Raum zu erfinden, der das Gegenteil dessen in den Mittelpunkt stellt, worum es ursprünglich beim Clubhouse geht?
Ich bin notorisch neugierig und mag es, Dinge um die Ecke zu denken. Zudem ist das Rumdenken auf möglichen Inhalte- und Community-Formaten ohnehin mein Job. Insofern habe ich auch bei Clubhouse überlegt, wie man es gegen den Strich bürsten kann, was ja gerade in Frühphasen solcher Plattformen immer gut geht. Und das Prinzip Ruheraum ist ja ein altbekanntes, das kenne ich schon aus „alten Zeiten“ beispielsweise von Kirchentagen. Bei Clubhouse war es aber komplett neu und überraschend, als ich es am 22. Januar gestartet hab, und schlug entsprechend ein mit sofortiger großer Aufmerksamkeit bis hin zu Presseartikeln.

Mittlerweile wird das Konzept in unzähligen Facetten imitiert. Kannst du erklären, was der Reiz am gemeinsamen Schweigen ist?
Ich bekam dann auch sofort ständig Zuschriften von völlig irritierten Leuten, die den Sinn nicht verstanden und ihn komplett abgesprochen haben. Ich hatte es ja bewusst offen gelassen mit dem „Ruheraum“, was den gewünschten Effekt mindenstens verstärkt hat. Aber es steckte eben doch etwas dahinter. Ich habe es gern Schweigen als Gemeinschaft genannt. Also, man ist beisammen, ohne aktiv zu sprechen, aber eben doch verbunden. Und diese Verbindung bleibt immer besonders, weil gefährdet, indem jederzeit Lärm entstehen kann (was ab und an auch passiert) seitens der zahlreichen Leute auf der Bühne, die ich ihrerseits immer gezielt kuratiert habe auf Vielfalt hin in jeder Hinsicht. Viele Leute, die es erst für völligen Quatsch hielten, waren dann nach dem Ausprobieren schnell fest dabei. Nach einer Woche und bis wir dann gesperrt wurden hatten wir entsprechend hohe und stabile Teilnehmerzahlen von 1.000 bis 2.000 Menschen zu jeder Zeit am Tage. Selbst nachts blieben bis zu 1.000 Leute dabei, was es umso besonderer macht. Der Reichweitenerfolg führte nicht nur dazu, dass ungefähr jeder in der Clubhouse-Welt den Ruheraum gesehen hat, sondern auch zu zahllosen Copycats – zu Beginn von Leuten, die allesamt bei uns abhingen oder nicht auf die Bühne durften. :)
Die Kopien verspielten für mich aber den eigentlichen Zauber, indem sie das vordergründig Nutzwertige eines aufwandsarmen „stillen“ Vernetzens in den Vordergrund rückten und es wohl auch noch tun. Ich habe das nicht mehr so genau verfolgt, seit wir seitens der Plattform gesperrt wurden.

In deinen Social-Media-Accounts zeigst du immer mal wieder äußerst merkwürdige Folgen und Reaktionen auf deine Idee – auch die Sperrung. Was hat dich am meisten beschäftigt, seit der Ruheraum in der Welt ist?
Ich liebe vor allem die fröhliche Irritation, die der Raum gestiftet hat. Am meisten macht die Leute immer fertig, wenn sie etwas nicht gleich verstehen und es auf den ersten Blick keinen Nutzen hat. Das hat mich auch im Kern angetrieben, das Ding weiterlaufen zu lassen, was ja auch einiges an Aufwand im Hintergrund bedeutet hat. Am Ende ist es ja auch das Moment, welches heute im Internet und in Social Media oft fehlt – das freundlich Verspielte im Miteinander. Jedenfalls gab es unzählige Tweets und Botschaften als Beispiele dafür und eben jene Dynamik führte hin bis zu Artikel in den Printausgaben u.a. von NZZ, DerStandard und Meedia.

Wie geht es jetzt weiter mit dem Ruheraum?
Erst wurden wir wegen einer erfolgreichen Vermarktungsaktion von der Plattform gesperrt (irgendwelche Neider müssen mich gemeldet haben) und ich habe es jetzt auch nicht mehr neu aufgesetzt, weil die Aktion für mich rund ist. Seit dem 6. Februar ist der originale Ruheraum damit final beendet und aktuell ist da auch nichts geplant. Aber wer weiß, auf welche Ideen ich noch so komme. Der Raum selbst war ja auch nicht geplant, sondern eine fixe Idee beim Essen am Strand in meinem OstseeOffice.

Mehr zum Thema Cluhouse und Drop-In-Audio gibt es in den Digitalen Notizen:
Shruggie des Monats: Deine Stimme
Shruggie des Monats: Digitale Präsenz
Der Hype um Clubhouse

Digitalisiert Euch!

Wir wissen es nicht. Wir wissen nicht, wie es nach der Pandemie weiter geht und ob es überhaupt ein Ende gibt, das sich anfühlt wie ein davor. Ich habe in den vergangenen Tagen einige Beiträge gehört und gelesen, die mein Gefühl von Unsicherheit und Nicht-Wissen auf fundierte Weise bestätigt haben. Mai Thi Nguyen-Kim lässt in ihrem unbedingt empfehlenswerten „So endet die Pandemie“-Clip Lenny Krevitz zu Wort kommen, der singt. „So many tears I’ve cried / So much pain inside / But baby, it ain’t over till it’s over“. Bei Karl Lauterbach im Gespräch mit den Elementarfragen klingt das weniger poetisch, aber auch hier bleibt deutlich die Erkenntnis: Nach der Pandemie ist nicht einfach wieder alles so wie früher. (Foto: unsplash)

Im vergangenen Frühjahr habe ich hier versucht zu beschreiben, wie digitale Denkansätze helfen können mit der Unsicherheit umzugehen, die durch die Pandemie entsteht. Nach den Erfahrungen des vergangenen Jahres und den Einschätzungen zum weiteren Fortgang stelle ich mir immer häufiger die Frage: Müssten wir nicht auch viel deutlicher unser Handeln digitalisieren?

Die Art wie wir gerade Homeschooling erleben, wie der Einzelhandel versucht durch die Krise zu kommen und wie Restaurants versuchen Essen zu liefern – all das kann doch nicht das Ende der digitalen Weisheit sein. Es muss doch mehr möglich sein als Click&Collect und „könnt ihr mich hören“-Unterricht mit lausiger Bandbreite. Meinem Eindruck nach ist all das konzipiert vor dem Hintergrund von „Bald ist alles wieder wie vor der Pandemie“. Diese Hoffnung teile ich, um aber auf neue Ideen zu kommen, ist dieser Wunsch ein eher ungünstiger Begleiter. Er bremst die Kreativität, redet uns ein, ein neuer Ansatz lohne sich nicht und verhindert auf diese Weise wirklich digitale Lösungen.

Das Jahr 2021 ist jetzt alt genug, um zu erkennen: Die Idee, 2020 einfach aus dem Kalender zu streichen und so weiter zu machen als hätten wir jetzt die Fortsetzung von 2019, wird nicht gelingen. Statt auf physische Verbindungen zu hoffen, werden wir anfangen müssen, die digitale Präsenz zu umarmen. Denn selbst wenn wir das nicht mögen. Es gibt eine Sache, die in Zeiten von Unsicherheit noch schlimmer ist: diese quälende Unentschlossenheit. Deshalb wünsche ich mir: Digitalisiert euch!

Was heißt Digitalisierung? Fünf Entwicklungen zum Einstieg

1. Die Kopie geht nicht mehr weg. Nutze sie!
2. Das Internet ist ein Ort. Sprich mit den Einheimischen.
3. Wir erleben einen Wandel von der Lautsprecher- zur Kopfhörer-Kultur. Es gibt eine Welt hinter dem Durchschnitt.
4. Produkte werden zu Prozessen. Begleite deine Kundinnen und Kunden!
5. Neue Ideen sind möglich!

Dazu habe ich zu Beginn des November-Lockdowns fünf Ratschläge zum Start notiert!

Shruggie des Monats: Die digitale Präsenz

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Das da oben auf dem Bild ist Seoul, Südkorea. Ich sitze in einem Auto, höre einen lokalen Radionsender und fahre durch die Straßen der Millionenmetropole. Klar, in Wahrheit sitze ich in München im Homeoffice, aber die Seite Drive And Listen gibt mir das Gefühl, ich sei wieder in Südkorea.

Das ist wunderbar. Denn mit einem Klick kann ich auch durch Amsterdam oder Barcelona fahren. Und mit zwei weiteren Klicks finde ich raus: die Seite wurde in München gebaut. Von Erkam Şeker, der hier an der TU studiert und der Welt diese tolle Seite geschenkt hat, die einen Blick raus aus dem Lockdown gewährt (man kann ihm übrigens hier auf Instagram folgen und hier einen Kaffee kaufen. Und wer noch mehr lokale Radiostationen weltweit hören und sich via Google-Maps in die passende Städte begeben will, kann sich auch mal eine Weile durch Radiogarden klicken.)

Ich erzähle das, weil diese kleine Geschichte im doppelten Sinn der Beweis für die These ist, die im zu Beginn des ersten Lockdowns notierte: Immerhin haben wir das Internet. Mehr noch: Die vergangenen Monate haben uns gelehrt, dass das Internet mehr ist als ein Notlösung, dass digitale Präsenz eine ganz eigene auch wertvolle Form der Verbindung ist.

¯\_(ツ)_/¯

Was ich damit meine, könnte vermutlich Leander Wattig am besten beschreiben, der das Schweigen in Clubhouse erfunden hat: der Ruheraum zeichnet sich dadurch aus, dass Menschen gemeinsam an einem virtuellen Ort sind und schweigen. Mittlerweile gibt es das Prinzip des „stillen Vernetzens“ in zahlreichen Varianten in Clubhouse und Leanders wunderbare Idee ist zu einem Symbol für das geworden, was ich digitale Präsenz nennen würde: das besondere Gefühl auf mehr als virtuelle Weise verbunden zu sein.

Beim so genannten Presence-Projekt wird der gemeinsame Raum nicht akustisch, sondern optisch erlebbar. Ich kann in der App sehen, wie jemand woanders ebenfalls den Bildschirm berüht – und wenn wir gemeinsam den gleichen Punkt auf dem Smartphone berühren, vibriert das Gerät leicht.

Die App Color Chat überträgt die Konversation in Textform auf Farben und in der Sonar-App kann ich gemeinsam mit anderen Musik hören und mich austauschen.

All diese kleinen Beispiele zeigen, dass die Art der Live-Verbindung übers Netz, die ich 2020 mal in diesem Schwerpunkt begleitet habe, kein Notlösung mehr ist, sondern zu einer Verbindungsform geworden ist. Telebier, gemeinsames virtuelles Fernsehen oder Kinoabende werden auch über die Pandemie hinweg die digitale Kultur prägen.

Und bis dahin können wir mit der Seite citywalk.live durch fremde Städte spazieren – und mit dem Feature „Group Walks“ sogar gemeinsam mit anderen in Echtzeit.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Im April 2019 habe ich schon mal in dieser Rubrik über das Gendersternchen und die geschlechterneutrale Stimme Q geschrieben. Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle.

Emoji ✍️ Erinnerung ✍️ Sprache ist ständig in ✨Bewegung✨

Jonathan Jones war richtig in Fahrt. „Wir rasen zurück in die Welt des alten Ägypten“, schrieb er im Mai 2015 im Guardian und prognostizierte dieser rasenden Rückschritt-Reise keinen guten Fortgang: „Nächste Haltestelle ist die Steinzeit – mit großen gelben Grimassen in unseren Gesichtern.“

Wohl selten ist Wut so schlecht gealtert wie dieses Schimpfen auf die „hirnlosen kleinen Icons“. Denn nicht mal sechs Jahre nach diesem Text wirkt sogar dessen Kulturpessimismus irgendwie aus der Zeit gefallen. Emojis haben in dieser kurzen Zeitspanne so viele Wendungen durchlaufen, dass sie nicht mehr nur als digitale Dialekt gelesen werden können (wie ich es in der „Gebrauchsanweisung für das Internet“ vorschlug), sondern sogar in ihrer Nutzung selbst als Distinktionsmerkmal eingesetzt werden.

Auf den Punkt bringt dies die Emojipedia-Analyse, die seit ein paar Tagen im Netz geteilt und zum Beispiel in diesem Text im Netzfeuilleton referenziert wird. Chief Emoji Officer Jeremy Burge hat darin die Kommentare in Tiktok untersucht und erstaunliche Umdeutungen der ja angeblich so banal eindeutigen Emojis beobachtet.

Zwei Beispiele für die kreative Aneignung von Emojis habe ich im Titel dieses Blogeintrags eingesetzt. Einerseits die schreibende Hand, die manchmal auch ironisch ein Mitschreiben und Lernen symbolisieren soll. Wenn jemand also kommentieren möchte, dass eine Erkenntnis neu und notierenswert ist, kann dies durch die ✍️ schreibende Hand ✍️ ausgedrückt, aber eben auch ironisiert werden. Etwas weniger doppeldeutig ist das ✨Stern-Glitzer-Emoji✨, das eingesetzt wird, um bestimmte Begriffe zu betonen.

Dass Emojis eine zweite Ebene haben, ist Auberginen-Freunden sicher schon mal aufgefallen. Burge beobachtet aber eine viel weiter gehende sexuelle Doppeldeutigkeit in der Verwendung von Emojis, derer man sich vielleicht bewusst sein sollte, wenn man arglos Kirschen- oder Katzen-Symbole posten möchte. Eine Übersicht gibt es rechts im Bild und hier am Ende des Textes.

Besonders erstaunlich ist meiner Einschätzung nach aber die Beschreibung des tränen-lachenden Emojis, das Burge vor allem alten Menschen zuschreibt. Wer jünger ist und bei Tiktok kommentierend Emojis nutzt, wählt für das überschäumende Lachen den fröhlichen Totenkopf (siehe Beitragsbild ganz oben) – auch um sich damit in der Wahl des Emojis abzugrenzen.

Denn Sprache – gesprochen wie geschrieben – war schon immer Ausdruck von Distinktion, Abgrenzung und Verstandenwerden. Dass Ärzt:innen lateinische Fachbegriffe verwenden, hat zum Beispiel nicht ausschließlich inhaltlich-fachliche Gründe. Vergleichbar ist die Totenkopf-Wahl anstelle des Tränen-Lachers: es geht um Zugehörigkeit und Abgrenzung. Und damit werden diese beiden Emojis zum Ausdruck einer Entwicklung, die unlängst schon mal am Beispiel des glottalen Plosivs beschrieben habe: Egal, wie sehr man Sprache reglmentieren und vorgeben möchte, in ihrer konkreten Anwendung ist Sprache stets in Bewegung und wandelt sich beständig. Durch die Nutzung von Emojis hat sich diese Bewegung womöglich gar beschleunigt. Jedenfalls wird der eingangs zitierte Text aus dem Jahr 2015 heute deutlich älter.