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Das Phänomen Tiktok: ein Gespräch mit Philipp Meier – als Chat

Philipp Meier kenne ich schon aus seiner Zeit am Cabaret Voltaire in Zürich. Nach seiner Arbeit am Geburtsort des Dadaismus war er bei Watson und Swissinfo tätig, unlängst widmete der Tagesanzeiger ihm ein großes Porträt, weil Philipp einen beruflichen Neustart wagt.

Für mich ist metamythos, wie er auf Twitter heißt, einer der besten Tiktok-Kuratoren im deutschsprachigen Raum, in den Stories auf seinem Instagram-Account zeigt er immer wieder erstaunliche Clips – und schreibt auch darüber.

Deshalb habe ich ihn für ein Chat-Interview angefragt, das wir über ein paar Tage im Boomer-Messenger von Facebook geführt haben.

du bist ziemlich aktiv in social-media und zumindest für mich ein großartiger tiktok-kurator. kannst du dich noch erinnern, was dein erstes tiktok war?
an den ersten tiktok-clip kann ich mich leider nicht mehr erinnern. aber ich kann mich an den ersten clip auf musical.ly erinnern (das ist die vorläufer-app von tiktok), bei dem ich mitwirken durfte. meine tochter hatte da einen account und war sehr aktiv (obwohl sie mit knapp 10 theoretisch zu jung war, wie so viele damals;). dank boomer-fb konnte ich den clip für die nachwelt sichern. hier ist er

dann muss ich direkt auf das generationen-thema kommen: ist tiktok was für die ganz-jungen? bzw. was genau an tiktok ist jung und neu?
meine tochter hat denselbe jahrgang wie das iphone, 2007. sie zählt demnach zur ersten generation, die gänzlich mit dem smartphone sozialisiert wurde. es war faszinierend mitzuerleben, wie sie bereits als zweijährige das iphone bedienen konnte (diese intuitive ’simple‘ bedienung ist wohl der grundstein des erfolgs des iphones).

snapchat war dann die erste app, die auf menschen ausgerichtet war, die mit dem smartphone sozialisiert wurden. obwohl ich bei ’social apps‘ enorm neugierig bin, fiel mir der einstieg bei snapchat relativ schwer. für die generation meiner tochter war es jedoch scheinbar ein leichtes, sich darin zurechtzufinden. dasselbe dann bei musically; wobei da – wie auch später bei tiktok – zumindest der zugang zum ‚consumer feed‘ einfacher ist, als bei snapchat (wobei ich da nach wie vor genial finde, dass die kamera der startbildschirm ist).
es fällt mir jedoch schwer zu beschreiben, was nun genau die details sind, die hier quasi die generationen trennt (ausser, dass all die apps im hochformat genutzt werden und der inhalt fast gänzlich und relativ einfach in der app produziert werden kann).
eine unbelegte persönliche these meinerseits: einen generationenbruch stelle ich entlang von schrift vs. bild fest; wobei ich hier zwischen fb/twitter und insta/SC/TT unterscheiden würde (SC für snapchat und TT für tiktok;); denn instagram würde ich quasi ‚brückenapp‘ zwischen den social media plattformen der generation ‚digital immigrant‘ (fb/twitter) und der generation ‚digital native‘ (SC/TT) bezeichnen. interessanterweise schaffte youtube diesen shift zwischen den generation scheinbar extrem leichtfüssig (denn mein sohn mit dem jahrgang 2003 ist neben der game-konsole v.a. dort ‚zuhause‘). der erfolg von insta, SC und TT scheint aufzuzeigen, dass die vernetzung, die awareness und das empowernment bei den jüngeren generation viel stärker über bilder denn über text funktioniert (wobei ich grad realisiere, dass das früher mit den pop- und jugendmagazinen und den musikfernsehen ähnlich war; einfach ohne vernetzung und nur beschränktem austausch).

kannst du beschreiben was dich an tiktok fasziniert?
wieder ne kurze frage, die in mir mehrere gedankengänge auslöst. zum glück habe ich dazu schon das eine oder andere festgehalten. in diesem blogeintrag habe ich vor knapp zwei jahren beschrieben, wie TT zur globalen völkerverständigung beiträgt
und vor ein paar tagen habe ich auf twitter in einem kurzen thread ausgeführt, was mich aktuell interessiert (was meines wissens auch der auslöser für dieses interview war) weil TT monat für monat tiefer in die gesellschaft eindringt wird der inhalt immer diverser und bestärkt immer mehr menschen und deren situationen und milieus, respektive sorgt für deren relevanz und sichtbarkeit. im prinzip wird hier kompensiert, was viele massenmedien total verschlafen haben: die diversität der gesellschaft zur darstellung zu bringen; resp. demontiert sogar durch massenmedien zementierte klischees (z.b., dass sich in hijab oder chador gekleidete frauen für die queere community stark machen).

wie findest du dich auf tiktok zurecht? und wie findest du neue inspirierende clips, die sich von dem schrott (den es ja auch gibt) unterscheiden?
dass es diesen ’schrott‘ gibt – übrigens eine schrecklich abschätzige haltung gegenüber user generated content (kommt im journalismus leider immer noch zu oft vor;) – habe ich erst gemerkt, als ich mal für swissinfo vor gut einem jahr eine recherche zu schweizer inhalten auf TT machte. diese recherche entlang von schweiz-spezifischen hashtags liess mich etwas konsterniert zurück. ich bedauerte sehr, wie viele TT-clips es gibt (wohl milliarden), die kaum bis keine aufmerksamkeit erhalten. das machte mich in gewissem sinne auch traurig. so gesehen ist der TT-algorithmus in seiner genialität brutal. dank dem offenen ‚for-you-feed‘ kann zwar jede’r ohne follower einen clip produzieren, der viral geht. aber umgekehrt gibt es auch ungezählt viele accounts, deren inhalte so gut wie niemand sieht.
umgekehrt ist es jedoch auch genial, dass ich mit likes, verweildauer und sharings relativ genau steuern, welchen content ich sehen möchte. sprich: wenn mich ‚genderfluide‘ oder ‚migrantische‘ inhalte interessieren, dann werden mir auch solche angezeigt. um also gute TT-inhalte für meinen instagram-account zu kuratieren, muss ich oft nur kurz auf TT gehen. der algo ist wirklich genial perfekt und reagiert auch umgehen, wenn sich meine interessen ändern; und lässt sich auch easy steuern, indem in die audio- oder hashtag-feeds eingetaucht wird.

es ist also nicht nur traurig, dass du es ’schrott‘ nennst, sondern auch, dass er selten sichtbar wird (ab und an zeigt TT im for-you-feed auch clips mit weniger views/likes; und dann oft auch von leuten, denen ich eigentlich folgen würde).

die inhalte aus der schweiz sind übrigens im vergangenen jahr explodiert. das ist auch insofern spannend, weil die app mit den vielen schweizer-deutschen inhalten plötzlich sehr lokal ‚gelesen‘ wird (tauschte mich gerade gestern mit jemandem aus, der ne lokale app im TT-design launchen möchte, worauf ich realisierte, dass im prinzip TT als ’schweizer app‘ gelesen werden könnte)

dann kurz zum thema “schrott”: ich meinte damit nicht user-generated-content, sondern nazi-generated-content oder diese nervigen marketing-aktionen, bei denen nutzer:innen nach dem schneeball-prinzip abgezockt werden.
auch solche inhalte kriege ich kaum zu gesicht. die werbung finde ich jedoch aus drei gründen spannend, zu beobachten:

1. wie kann ich möglichst rasch erkennen, dass es werbung ist, um sie zu skipen? 😉
ist werbung nicht umgehend als solche erkennbar, ist es schon mal keine schlechte werbung. trotzdem nervt es mich, wenn ich mich verführen lasse (und z.b. zu schnell ein like hinterlasse;). deshalb schweift mein blick umgehend zur tonspur, wo jeweils der begriff ‚promo‘ sichtbar ist.

2. wie entwickelt sich werbung lokal? vor einem jahr gab es noch keine möglichkeit, schweizer werbung anzuzeigen. das hat sich im vergangenen jahr rasant verändert. ich finde es interessant mitzuverfolgen, welche firmen auf tiktok in welcher form aktiv werden.

3. welche qualitative unterschiede gibt es?
sprich: ich finde es spannend zu beobachten, welche firmen das konzept verstehen und dadurch einen glaubwürdigen auftritt haben (in der schweiz haben u.a. die accounts von coop und postfinance einen sehr authentischen auftritt)

und bezüglich ’nazi-content‘: hatte diesbezüglich im letzten herbst ein längeres telefonat mit einem deutschen vertreter des jüdischen weltkongresses. er hat mich wegen meinem TT-artikel bei swissinfo kontaktiert. zuerst war er sehr begeistert, weil ich im deutschsprachigen der erste medienmensch sei, der TT verstehe. obwohl ich seine sorge verstehe und in gewissem sinne auch teile, liess ich mich nicht zur aussage bewegen, dass TT eine gigantische nazi-verführungsmaschine sei. im gegenteil: dieser fokus auf alles böse eines neuen medien-angebotes verschüttet viel zu oft die positiven oder einfach mal verblüffendsten auswirkungen, die sie auf die menschen und deren (medialen) verhaltens auch noch haben. ich vermittelte ihm dann schweizer journalist’innen, die möglicherweise eher an seiner sorge interessiert sein könnten. in diesem twitter-thread habe ich unser gespräch kurz zusammengefasst.

was ich jedenfalls bis jetzt bestätigen kann: wer an ‚genderfluidem‘ oder lgbt+-content interessiert ist, wird nie antisemitismus-inhalte zu sehen kriegen (was nun als blind machende filterbubble verschrien oder als zentralen mechanismus des empowernments gefeiert werden kann;)

ich nehme den ball gerne auf: ich möchte den blick auch lieber auf das neue und kreative richten als gefahren herbeizuschreiben. als ich vor zwei jahren einen kleinen selbstversuch unternahm, war ich vor allem von der magnetischen wirkung des dienstes fasziniert. jeder swipe verspricht was neues, lustiges. so dass ich echt dazu neige, dort viel zeit zu verbringen. geht es dir auch so?
ich mochte deine ausführungen und beobachtungen sehr. kenne in ‚den medien‘ relativ wenig leute, die sich derart neugierig auf neue ‚phänomene‘ stürzen. finde das sehr erfrischend und würde auch einer journalistischen berichterstattung gut anstehen (siehe zb. ‚konstruktiven journalismus‘).

weil ich online oft sehr intuitiv unterwegs bin, kann das bei mir sehr schwanken. zum beispiel ärgert es mich ein wenig, dass ich kurz nach meinem kürzlichen twitter-thread zu TT im insta-story-feed (und auf twitter) in die kritische reflektion meines kürzlichen medien-features abgedriftet bin. sprich: ich erhielt (auch dank deinem RT) einige neue insta-follower und sie könnten nun enttäuscht sein, weil es aktuell neben den TT-clips noch viel andere storys hat, die sie womöglich nicht interessieren könnten.

zum einen mag ich es sehr, dass ich mich v.a. zwischen facebook, insta, twitter und TT verzettle, zum anderen beneide ich jedoch auch menschen, die sich ganz bewusst auf eine plattform beschränken können.

aber zurück zu deiner frage: ja, TT kann süchtig machen und ich kenne einige, die ihren account deswegen wieder gelöscht haben und froh sind, dass sie auf instag ne kuratierte auswahl von mir kriegen, ohne selber weiterswipen zu können.

was ich übrigens besonders schön finde: ich bastle mir nen soundtrack für bestimmte situationen oder momente. das geht so: wenn ich unterwegs bin (wegen corona trotz kälte oft auf einer parkbank) und einen TT-clip entdecke, den ich sehr mag, dann tauche ich in den sound-feed ein (ist übrigens sensationell, dass hier ne tonspur quasi zum hashtag wird). und von diesen unterschiedlichen clips zur selben tonspur teile ich dann ein paar in meinem insta-feed, damit die leute wissen, welche variationen möglich sind. du merkst, (auch) ich bin ziemlich angefixt 😉

diesen musik-aspekt kenn ich auch. mich fasziniert dieser moment, wenn man songs hinter den schnipseln erkennt. das ist wie eine kleine erleuchtung, wie das verstehen eines witzes. dank TT bin ich wieder viel tiefer in dieses pop-ding eingetaucht. was glaubst du wie TT langfristig musik verändern wird?
interessanterweise ist musik für mich bei tiktok insofern nur zweitrangig, weil ich sie nicht sehr zentral wahrnahme (obwohl sie natürlich teilweise sehr zentral ist). es gibt ja auch viele tonspuren mit stimmen von TT-nutzenden, die dann von anderen lautlos nachgesprochen werden oder quasi als duett benutzt werden (z.b. ‚mach einen finger runter, wenn du das und das schon mal erlebt hast‘ oder in textform sachen einblenden, die jemand in der via tonspur abfragt).

natürlich ist es spannend, wenn zu aktuellen hits umgehend challenges entstehen und wie diese teils mehr, teils weniger den inhalt thematisieren. oder auch, wenn kurze ausschnitte von älteren, teils gänzlich unbekannten, stücken auftauchen und quasi viral gehen. mich persönlich interessiert auch hier die globale komponente; wenn ich zb. auf einen rumänischen pophit stosse und mir dann alle die adaptionen anschaue. so entdeckte ich z.b. den letzten sommerhit ‚jerusalema‘ oder die somalische volksmusik dhaanto.
aber abschätzen, wie sich dadurch die musik verändern wird, fällt mir schwer. ich denke, dass TT die k-pop-welle ‚im westen‘ massgeblich verstärkt hat. vielleicht ist TT der anfang vom ende der angelsächsischen dominanz in der europäischen musik. ganz grundsätzlich sehe ich bezüglich popkultur zwei sehr gegensätzliche megatrends: grosse hits, die quasi die welt eint, und eine enorme verästelung in kleinstszenen (womöglich in der musik, wei bei den memes: es gibt memes, die alle verstehen, und es gibt memes, die nur ganz wenige verstehen). ich kenne jemand, die oft nur engl. memes ins schweizerdeutsche übersetzt und finde faszinierend, wie es dadurch in gewissem sinne ’stärker‘ wird. nun bin ich aber etwas abgeschweift…

überhaupt nicht. gerade die verästelung finde ich sehr spannend: im vergangenen Jahr bin ich u.a. über TT auf den slogan: „Ich chille mit der Crew Digga“ gestoßen, der aus einem song namens „mafia“ stammt. das für mich erstaunliche daran war: ich fand fast nichts über diesen song in den teilen des web, die ich normalerweise nutze bzw. durchsuchen kann. gleichzeitig schien der song auf den schulhöfen und auf tiktok äußerst populär zu sein. ich lese darin nicht nur eine bestätigung für „Das Ende des Durchschnitts“, sondern vor allem einen erstaunlichen neuen aspekt von popkultur, die sich völlig abseits von googlebaren orten abspielt. auch die geschichte von TT-nutzenden, die trump im vergangene sommer trollten, kann man so lesen. meine kurze frage nach langer herleitung: teilst du diese einschätzung?

es ist hoffentlich oke, wenn ich nochmals kurz auf meine these eingehe, dass TT die ‚völkerverständigung‘ fördert; auch innerhalb eines landes, resp. eines sprachraums. wer nämlich auf TT durch den soundfeed von ‚ich chille mit der crew, digga‘ scrollt, erhält den eindruck, dass sich hier eine sehr bunte deutschsprachige community vereint und sich teilweise in den kommentaren gegenseitig abfeiert. aufgfallen ist mir das im clip dieser ‚kleinbürgerlichen‘ familie, die sich in einem deutschen einfamilienhausquartier vor ihrem auto filmte (und eine längere sequenz des stückes benutzt). ich mag auch sehr die ironie, die in dieser tonspur steckt.

aber zurück zu deiner frage: als ich im laufe der letzten jahre realisierte, dass das allumfassend offene, demokratisierende, allwissende, grosse, weite web scheinbar eine utopie bleibt, stimmte mich das sehr traurig. inzwischen freunde ich mich mit dem gedanken an, dass sich das web dadurch insofern unserem ‚real live‘ anpasst, als dass es völlig normal ist, dass es privatere und öffentlichere zonen gibt. mit informellen ‚klassen-chats‘ gibt es ja längst quasi nen ‚digitalen schulhof‘, den nur die involvierten mitschneiden können. in meiner (zürcher) bubble wird z.b. telegram immer grösser und wichtiger. bin da in diversen chats zur critical mass und velofahren/-politik oder auch zu einem lokalen, unkommerziellen marktplatz. diese beispiele zeigen: telegram und und anderen gruppenchats sind überhaupt nicht nur so ‚böse‘, wie sie aktuell von den massenmedien gerne dargestellt werden. womöglich sind sie die vorläufer dazu, dass sich zum globalen ausbreiten des webs nun eine lokale verästelung entstehen. dazu ein kleines beispiel: vor ein paar tagen zeigte mir jemand eine (‚zürcher‘) app, die quasi ein TT-klon wird und extrem geolokalisiert auf städte oder grössere orte funktionieren soll (geplanter fokus: flohmarkt, tauschen, services). im prinzip können wir nun betrauern, dass sich das offene, grosse, weite web derart zersplittert. umgekehrt sind es jedoch auch in gewissem sinne gegenöffentlichkeiten zu den grossen, kommerziell kolonialisierten bereiche des webs, die wir aktuell massgeblich nutzen. wieder auf eine stadt oder grössere gemeinde runtergebrochen: wir realisieren langsam aber sicher, dass die grossen einkaufszentren auf der grünen wiese ausserhalb der stadt, die innenstädte aussterben lässt. nun sind wir daran, die balance zu finden, zum einen die milieus-verbindenen grossplattformen zu nutzen und uns kleinteilig(er) zu vernetzen und auszutauschen. wobei ich gerade bei TT faszinierend finde, wie schnell eine solch gigantischen plattform ‚lokal gefühlt‘ werden kann (mit den inzwischen extrem vielen schweizerdeutschen inhalten und mit werbung von hiesigen firmen). auch das hat TT mit seinem algo (brutal) gut hingekriegt.


sehr spannender gedanke. ich hab mich sofort gefragt, ob diese verästelung nicht früher in foren stattfand und sich jetzt halt in messenger-gruppen zeigt. ein faszinosum an TT ist für mich mit seiner foryouPage eine Art hauptbühne auf diesem sehr verästelten festivalgelände gebaut hat. wenn dieses schiefe bild gestattet ist. denn natürlich ist diese Page “foryou”, aber es gibt trends, die schnittmengen bilden. deshalb sprechen wir ja überhaupt über TT als phänomen. siehst du das auch so? und gibt es noch einen gedanken zu TT, den wir vergessen haben?

stimmt, mit den foren und blogs gabs diese (teil)privaten bereiche im web schon immer. das vergessen wir sowieso viel zu oft. auch twitter ist nur ne teilöffentlichkeit; sogar facebook (meines wissens ist die hälfte der in der schweiz lebenden menschen nicht auf fb).

ansonsten bin ich ein grosser fan von metaphern und (auch assoziativen oder gar verqueren) vergleichen. es hilft mir sehr, etwas einzuordnen oder auch, um etwas zu erklären.

vielleicht können wir unseren TT-chat mit folgendem vergleich schliessen, der möglicherweise deine und meine thesen zusammenführt (das einende sollte eigentlich viel öfters wieder unser aller fokus sein, statt uns aufs trennende zu konzentrieren): im prinzip ist TT für die heutige ‚jugend‘ was ähnliches, wie für uns damals die bravo und das musikfernsehen; jedoch mit dem massgeblichen unterschied, dass es im ‚mitmach-web‘ viel ausufernder und umfassender ist (so, wie z.b. auch wikipedia viel umfassender und aktueller ist als jede enzyklopädie davor je war). und statt eine’n dr. sommer gibt es heute für jedes ‚problem‘ irgendwo einen menschen, der das sogar aus eigener warte viel glaubwürdiger thematisieren kann. dazu fällt mir eine asiatisch aussehende deutsche ein, die sehr selbstbewusst und selbstironisch ihre (sehr) kleinen brüste thematisiert (und in einem halben nebensatz auch die klimakrise anspricht). verkörpert sie nicht auf verschiedenen ebenen das ende des durchschnitts?

Philipp kuratiert Clips in den Storys in seinem Instagram-Account @metakoenig

„Die Bequemlichkeit muss ein Ende haben“

Markus Söder hat gestern im bayerischen Landtag eine Regierungserklärung gehalten. Weil es darin vor allem um Kabinettsumbildung und Corona-Entscheidungen ging, ist ein Aspekt etwas untergegangen, den ich bemerkenswert finde. Der bayerische Ministerpräsident hat eine erstaunliche Variante von „Wir haben die Digitalisierung verschlafen“ formuliert. Er spricht von „Nachholbedarf“ und fordert „dispruptive Prozesse“ im „öffentlichen Sektor“. Wörtlich sagte er (ab Minute 21 Uhr)

Unser Land, Bayern wie Deutschland, ist in der Hightech-Digitalisieurng sensationell aufgestellt. KI, Robotik? Super! Aber in der Alltagsdigitalisierung haben wir echt noch Nachholbedarf. Das geht von Mobilfunk los, Funklöcher, Funkmasten, geht vor allem auch über die öffentliche Verwaltung. Wir müssen da einen Schnitt machen. Wir brauchen disruptive Prozesse. Die Bequemlichkeit, in der sich der ein oder andere auch im öffentlichen Sektor eingerichtet hat, was die Digitalisierung betrifft, die muss ein Ende haben. Und wir werden da in den nächsten Wochen eine sehr entscheidende Phase haben und die Dinge komplett neu aufstellen. Das darf ich Ihnen hier an der Stelle versprechen.

Bequemlichkeit in der bayerischen Verwaltung?

Ich finde diese Aussagen aus zwei Gründen erstaunlich. Erstens dachte ich immer ein wichtiger Antrieb für technische Verbesserungen sei Bequemlichkeit. Da scheint offenbar genau gegenteilig zu sein. Es scheint bequemer zu sein, Dinge nicht zu digitalisieren als Vereinfachungen zu nutzen. Denn zweitens gesteht der bayerische Ministerpräsident mit diesen Wort ein: das Dilamme der Digitalisierung in Deutschland ist nicht vom Himmel gefallen, sondern Ergebnis absichtsvoller Politik Bequemlichkeit.

Diese Einschätzung teile ich (und habe das hier in der SZ unlängst auch notiert) und ich verbinde damit die Hoffnung, dass in der Erkenntnis ein erster Schritt zur Lösung liegen könnte. Ich bin sehr ernsthaft gespannt, was Söder in den nächsten Wochen in Sachen „disruptiver Prozesse“ plant.

Ein guter Anfang wäre vielleicht anderer Umgang mit Unsicherheiten, dem Fremden und dem Neuen. Wenn wir anfangen, digitaler zu denken, kommen wir vielleicht auch zu digitaleren Taten.

Kultur wird flüssig: das Beispiel „Sing Mine Song“

Was heißt das eigentlich, wenn wir sagen die Digitalisierung verändert die Kultur? Ich habe dazu im Jahr 2012 ein Buch begonnen, in dem ich beschrieben habe, „wie das Ablösen der Daten von ihrem Träger auch ihre Form verändert. Sie tauen dadurch auf, verflüssigen sich. Die Digitalisierung macht Kunst und Kultur zu Software – zumindest sollten wir sie, um die veränderten Bedingungen im Digitalen verstehen und nutzen zu können, wie Software denken. Wir sollten den Begriff der Version dem des abgeschlossenen Original-Werkstücks entgegenstellen.

Heute ist ein Projekt gestartet, das diese Idee der Verflüssigung und das Verhältnis von Version und Original perfekt auf den Punkt bringt. Es heißt Sing Mine Song und ist leider kaum googlebar, weil die Suchmaschine den Namen der Sängerin Mine in dem Zusammenhang nicht versteht (dies nur als Hinweis an die Intelligenz, die zwar künstlich sein mag, aber an einfachsten Wortspielen scheitert).

Mine stellt bei dem Projekt Lyrics, Cords und Noten ihres Songs „Unfall“ zur Verfügung bevor sie ihre eigene Interpretation des Songs veröffentlicht. Trotzdem sagt sie in dem Video „Mein neue Single ist draußen, aber der Song erscheint nicht wie sonst als Audio-Version“. Die wird nämlich erst am 29. Januar veröffentlicht. Bis dahin sind Zuhörer:innen aufgefordert, selbst aktiv zu werden:

Wie klingt mein neuer Song, wenn du ihn spielst? Das würde ich gerne wissen. Die Noten sind nur ein Anhaltspunkt. Verändere, wenn du Etwas verändern willst. Tonart, Voicings, Tempo & Rhythmik – Hauptsache man erkennt noch einigermaßen was auf dem Blatt steht.

Ich finde diesen Ansatz großartig, weil er Musik endlich in dem Sinne digital denkt, wie ich es in „Eine neue Version ist verfügbar“ versucht habe zu beschreiben: als Spiel der Versionen.

Mehr zu dem Projekt auf singminesong.de und auf Mines Instagram-, YouTube– und Twitter-Kanal

Die Social-Media-Strategie von Norbert Röttgen

Es gibt Menschen, die über sich selbst lachen können und es gibt die anderen. Die CDU sucht gerade einen Nachfolger von Annegret Kramp-Karrenbauer im Amt der Parteivorsitzenden. Es treten drei Kandidaten an und wenn man die genannte Unterscheidung anlegt, komme ich zu dem Schluss: Es gibt Norbert Röttgen und es gibt die beiden anderen.

Diese Einschätzung basiert einzig auf dem, was ich von Norbert Röttgen in so genannten sozialen Medien sehe. Ich bin kein Mitglied der CDU, ich habe wenig Ahnung davon, was die drei Kandidaten innerparteilich unterscheidet, aber ich sehe: Norbert Röttgen hat die erkennbar beste Social-Media-Strategie.

Wie ich darauf komme? Norbert Röttgen besitzt ein Ansteck-Ringlicht und Norbert Röttgen mag Koalas.

Beginnen wir mit den Koalas. Dass er die mag, twitterte er in dieser Woche und es war etwas anderes als der bekannte Politiker-Trick sich mit süßen Tieren zu umgeben. Denn der Koala-Tweet ist nur der jüngste Beleg für eine digitale Inszenierung, die darauf hindeutet: Der Mensch hinter diesen Accounts zählt offenbar zu denjenigen, die über sich selbst lachen können.

Dieser Eindruck entstand spätestens als im Oktober dieser Clip durch Twitter-Deutschland ging: Ein Mann versucht sich zu später Bürostunde allein im Ballspiel…

… das ist so rührend inszeniert, dass Röttgen für den kurzen Clip viel Zuspruch bekam. Interessanter als der Applaus ist die Haltung, die diesen Applaus möglich macht. Ein solcher Clip (übrigens aus dem eigenen Umfeld gestreut) deutet auf das Bild eines unsicheren, schwachen und fehlerhaften Politikers hin. So jedenfalls hätte man das Video in den 1990er Jahren interpretiert: Wenn jemand schon nicht Ball spielen kann, wie soll er denn dann eine Partei führen (oder gar Kanzler werden)? Heute ist der Clip Ausdruck einer gegenwärtigen, reflektierten Haltung zu sich selbst. Wer an einem solchen Clip teilnimmt, hat ein reflektiertes Verhältnis zu den eigenen Schwächen – und kann über sich selbst lachen. Ein weitere Beleg dafür findet sich in diesem Video, in dem der Kandidat sich über seine eigene Wurfungenauigkeit lustig macht.

Das ist nicht nur nahbar, sondern Teil einer Meta-Stratgie, deren bedeutsamtes Symbol das Ansteck-Ringlicht ist, das man auf zahlreichen Fotos des Kandidaten sieht. Das Ringlicht ist nicht nur der beleuchtete Beweis für Zugehörigkeit zur digitalen Sphäre, es ist vor allem nur in der Meta-Aufsicht auf den Kandidaten zu sehen. Wo immer die Follower das Ringlicht in der Röttgen-Inszenierung sehen, werden sie auf die Reflektions-Ebene geholt, auf der der Kandidat inhaltlich sein „über sich Lachen“ einsetzt: Diese Kandidatur ist nicht eins-zu-eins, diese Kandidatur lässt den Blick hinter die Kulissen zu.

Das ist im Fall von Norbert Röttgen nicht nur deshalb interessant, weil es die Form der digitalen Nähe durch Social-Media sehr gut umsetzt, es muss vor allem im Kontext der Außenseiter-Kandidatur gelesen werden. Zu Beginn des innerparteilichen Wahlkampfs galt Röttgen als drittes Rad am Laschet-Merz-Wagen. Man fragte sich, warum kandidiert der überhaupt? Und genau diese Meta-Perspektive wird durch die Social-Media-Kampagne des Kandidaten perfekt inszeniert. Er ist auch dabei, aber so reflektiert, dass Friedrich Merz noch verbissener wirkt als eh schon und man den Eindruck bekommt: Röttgen spielt gar nicht richtig mit.

Darin liegen zwei unschätzbare Vorteile: Erstens kann er aus dieser Haltung heraus quasi nicht verlieren (er war ja nur dabei, hat aber ja gar nicht richtig gekämpft) und zweitens schiebt er sich damit quasi unbemerkt ins Ziel – womöglich sogar als erster.

Dabei kommen ihm die Auftritte in den klassischen Medien sicher zu gute: Er war in der heute-show und Jan Böhmermann hat ihm ein Kompromiss-Lied gewidmet.

Ob das die CDU-Mitglieder erreicht? Keine Ahnung.

Ganz sicher ist aber, dass es kein Zufall ist. Norbert Röttgen twitterte diese Woche: „Es ist nicht egal, wie wir uns selber präsentieren. Im Gegenteil: Die Menschen schauen sich an, wer macht da mit und kann ich mich mit denen identifizieren?“ Wer so spricht, hat eine ganze Menge über Social-Media verstanden.

Mehr über Social-Media und Politik gibt es auch in meiner Gebrauchsanweisung für das Internet, die bei Piper erschienen ist und in meinem Wagenbach-Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ – sowie in meinem monatlichen Newsletter Digitale Notizen.

Shruggie des Monats: Das Meta-Meme 2020

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Kriege ich alle Beteiligten an diesem Meta-Meme in eine Zeile? „Cat Vibing zu Trump & Biden im Ievan Polkka auf einer Trump-Pressekonferenz“ müsste dieser Beitrag eigentlich heißen, der sich auf diesen Clip hier bezieht:

Dieser kurze Clip fasst für mich so viel von diesem Jahr aus Meme-Perspektive zusammen, dass ich ihn erstens als Shruggie des Monats, aber auch als Meta-Meme des Jahres auszeichnen möchte.

Die Referenz der Referenz legt diesen Aspekt in doppeltem Sinn nahe: Hier werden so viele Bezüge auf Meme genommen, dass es kaum möglich ist an dem Clip vorbeizukommen. Und all das geschieht auf eine Shruggie-hafte Weise, die wir im Frühjahr von Sara Cooper gelernt haben – und die für das Jahr 2020 stehen wird. Denn es ist das Schlussjahr der Trump-Amtszeit – und der damit verbundenen Anspielungen, Meme und Witzchen (hoffentlich).

Beginnen wir aber mit dem Mann, der dieses Meme ermöglicht – aber gar nicht im Bild zu sehen ist: Bilal Göregen ist in diesem Clip durch Joe Biden ersetzt worden. Im Ursprungs-Clip spielt der blinde Musiker aus der Türkei aber die Trommel (Tambourin), wie er in diesem Interview erzählt. Sein Clip blieb über ein Jahr relativ unbeobachtete im Web bis jemand auf die Idee kam, den Twitch-Charakter CatJam bzw. Vibing Cat in das Video zu montieren. Die musikalische Katze taucht in zahlreichen Videos auf, wie man auf dem Twitter-Account CatVibesTo sehen kann – aber besonders populär wurde sie in Kombination mit der Ievan Polkka von Bilal Göregen.

Das alles geschah zeitlich rund um die US-Wahl so dass es wenig verwunderlich ist, dass kurz darauf die Idee ins Bild gesetzt wurde Bilal Göregen durch Joe Biden zu ersetzen: Fortan trommelt der künftige US-Präsident neben dem bisherigen – denn natürlich bietet es sich an, dass Trump-Tanz-Meme hier zu ergänzen.

Doch damit nicht genug: dieses schöne Trump/Biden-Video wird im Meta-Meme in einen Kontext eingebettet, der ebenfalls bestimmend war für das Jahr. Eine Trump-Pressekonferenz dient als Vorlage, weil wie beiden Bildschirme einfach zu schön und zu weiß darum betteln, als Vorlage genutzt zu werden. Ergänzt wird der Clip um den erneuten – quasi als Meta-Referenz zu lesenden – Auftritt von Tanz-Trump und Vibing Cat im Weißen Haus. Das ist nicht nur eine tolle Referenz an die Referenz, sondern auch ein guter Abschluss für diese merkwürdige Meme-Jahr ¯\_(ツ)_/¯.

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen:

Tiktok-Sounds als gegenwärtigste Form der Trump-Kritik

Lehrstück in digitaler Öffentlichkeit: Wie Teile der amerikanischen Jugend Trump ärgern

Meme-Kultur und das Memo-Monster aus dem Weißen Haus

Boss-Baby Deepfake: Trump-Parodie als Kritik an der Corona-Politik des Präsidenten

Ich chille mit der Crew Digga

M to the B – das erfolgreichste Tiktok-Video aller Zeiten

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Über Gesellschaftswahrnehmung in Zeiten von Daten und Algorithmen habe ich in dem Buch „Meta – das Ende des Durchschnitts“ geschrieben. Und wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Der Spabiergang gegen Corona: Ein Lob aufs Parkbier

Dieser Artikel basiert auf einer rein persönlichen statistischen Erhebung: Seit Wochen beobachte ich Menschen dabei, wie sie sich zu Zweier-Spaziergängen im Park verabreden und dort mit Glasflaschen in der Hand und im Corona-Abstand spazierend Gespräche führen. Ich nenne diese Freiluft-Variante des Telebiers, die beide hygienekompatible Arten des Austauschs sind, Parkbier, habe aber auch die Variante SpaBIERgang schon gehört. Und das hier ist ein Lob des Parkbiers!

In einer Krise kann es ein guter Perspektiv-Wechsel sein, sich vorzustellen, die Krise sei vorbei und man schaue vom Ende auf die schwierige Zeit. Wenn man genau dies im Rahmen des aktuellen Corona-Lockdowns tut, fällt etwas auf, was ich als Äquivalent zum Telebier interpretiere: das Parkbier! Nach Corona werden wir uns daran erinnern, dass uns erstmals und in großem Stil das hier einfiel: Menschen treffen sich zu zweit zum gemeinsamen Spaziergang mit Getränken in Mehrweg-Glasflaschen*. Sie verbringen Zeit miteinander, aber mit Abstand. Ich nenne diese Form des Austauschs auf Abstand Parkbier und möchte hiermit vorschlagen: Die Bundesregierung sollte Parkbiere fördern.

Zunächst ist das Parkbier nämlich eine Corona-konforme Art des Austauschs und sollte deshalb gefördert werden (Foto: unsplash). Dann steckt im Parkbier aber auch Potenzial für die Branchen, die sonst vom gemeinsamen Biertrinken leben. Wie wäre es, wenn man das Pfand von Bierflaschen nutzt, um für jede im Park getrunkene Flasche der Gastronomie im Umfeld Geld zu spenden? So würde auch das Problem des Leerguts gelöst, das sich seit Wochen auf Mülleimern im Park sammelt.

Mein konkreter Vorschlag geht so: Wir brauchen Bierautomaten am Ein- und Ausgang von Parks. Dort können nicht nur frische Getränke erworben werden (streng begrenzt!), hier kann auch das Leergut zurückgegeben werden. Bands, Künstler:innen und Designer:innen könnten sich mit Brauereien zusammentun und spezielle Parkbier-Etiketten fertigen, die in streng limitierter Auflage ausgegeben werden. Vielleicht findet sich auch wer, der für jede im Park getrunkene Flasche einen Euro aufs Pfand drauflegt um die Kunst- und Kreativ-Wirtschaft zu unterstützen, zu der die Spabiergänger:innen ohne Corona ihren Bierdurst getragen hätten.

Hier sind viele Ansätze denkbar. Auch Konzertveranstalter, die sonst Rock, Pop oder Punk im Park veranstalten, könnten einbezogen werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass hier gesellschaftliches Potenzial liegt und wünsche mir deshalb eine (dem Park-Run vergleichbare) Parkbier-Bewegung. Deshalb habe ich die Domain parkbier.de reserviert und fordere alle verantwortungsvollen Spabiergänger:innen auf, ihren Besuch im Park mit dem Hashtag #parkbier auf Instagram zu versehen – als Zeichen für die verbindende Grundhaltung: Wir lassen uns von Corona nicht unterkriegen! Wir bleiben vernünftig und auf Abstand und trinken unser Parkbier wenn es sein muss auch allein. Aber in jedem Fall bleiben wir gut gelaunt!

*Bier wird hier für jegliche Form Kaltgetränk verwendet. Es kann auch alkoholfrei oder koffeinhaltig sein.

Ich chille mit der Crew, Digga!

Kann es wirklich sein, dass ich nichts finde zu einem der schönsten Ohrwürmer der vergangenen Monate? Klar, ich hab den Song auf Spotify entdeckt. Er heißt „Mafia“ und der rappende Künstler heißt „Lil M.“ Er hat eine Facebook-Seite, auf der ich sehen kann, dass der Song im Oktober 2019 veröffentlicht wurde – und man damals dachte die Zeile „Ich chille mit der Mafia-jaja“ so toll sei, dass man sie als Trailer in einen Clip packte.

Ein Jahr später wissen wir, dass es eine andere Line ist, die Lil M. webbekannt gemacht hat:

ich chille mit der crew digga
wir sind fresher than you digga
wir wollen keinen stress ohne grund
wir haben nur angst vor dein hund

lauten die beiden Paar-Reime, die sich seit einigen Monaten als Runnig Gag duch Tiktok bewegen. Der Satz „ich chille mit der crew digga“ ist dabei so stark geworden, dass er SEO-optimiert sogar im Titel des Clips auf YouTube steht, den Song-Titel erfährt man dort nicht.

Im Clip (Screeshot oben) sieht man den Künstler mit seiner Crew durch die Straßen ziehen und Fußball spielen: „Alle sehen aus wie Ronaldo. Wenn wir ein Tor schießen, machen wir ein Salto“

Auf Tiktok wurde der Song zu einer beliebten Kopiervorlage. Menschen imitieren die crew-digga-Sequenz und stellen sie in neue Kontexte: Über 70.000 neue Clips sind nach Tiktok-Angaben so entstanden und der Satz „ich chille mit der crew digga“ hat sich aus dem Web auf die Schulhöfe bewegt.

Ich glaube, dass man auf deutschen Schulhöfen und Klassenchats mehr Fundstellen zu der Zeile findet als bei Google. Das ist auf unterschiedliche Weise erstaunlich. Man kann es als schwindende Macht von Google lesen, man kann die Kraft der Weiter-Erzähl-Meme und von Tiktok darin erkennen oder die Spaltung zwischen seriösen Medien und der digitalen Jugend.

Oder ich habe einfach nur nicht verstanden, wo ich mehr über Lil M. und seine Crew finden kann.

Ich mag solche Geschichten oder auch jene vom M to the B-Sound, weil sie den Zauber dessen zeigen, was mich zu diesem Buch brachte. Sie zeigen in jedem Fall, welcher Zauber durch die Kraft der digitalen Kopie entstehen kann – und dass es immer noch und immer wieder zufällige Hits gibt, an denen sich Menschen erfreuen können. Dass darüber die politische Debatte über Tiktok nicht aus dem Blick geraten darf, habe ich hier bereits erwähnt und das gilt natürlich weiterhin. Dazu empfehle ich den Newsletter vom Socialmediawatchblog und in Fragen zur Tiktok-Kultur den Newsletter von Marcus Bösch. Mehr über Tiktok hier im Blog gibt es außerdem unter tiktok-taktik.de

Das Ende des Durchschnitts-(Radios): The Get Up von Spotify

Es gibt nur eine Sache, die noch flacher ist als die Witze von Morning-Show-Moderator:innen: Witze über Morning-Show-Moderator:innen! Es ist tatsächlich keine leichte Aufgabe, Schnüffelfurt oder Bummelfeld (hier wahlweise ein Sendegebiet einsetzen) wach zu kriegen. Und so wie der Humor sich dabei am kleinsten gemeinsamen Nenner orientiert, ist auch die Musik auf das zugeschnitten was die meisten Menschen am wenigsten nervt. Witze und Songs werden dann so lange als „Das Beste“ durchgenudelt, bis sie allen maximal auf die Nerven gehen. Das ist die Idee einer Durchschnittsbotschaft, die möglichst allen gefallen will.

Das 20. Jahrhundert war geprägt von dieser Idee, die selten so greif- und hörbar wird wie in der Idee von Mainstream-Radio (Symbolbild: Unsplash). Eine zentrale Veränderung der Digitalisierung besteht meiner Meinung nach in dem, was man den Wandel von der Lautsprecher zur Kopfhörer-Kultur nennen könnte: die Durchschnittsbotschaft, die allen gefallen will, wird ersetzt durch unzählige personalisierte Botschaften, die massenhafte Nische produzieren. Twitterbar auf den Punkt gebracht: Digitalisierung führt zum Ende des Durchschnitts. Damit ist kein Zielpunkt gemeint, sondern eine kontinuierlicher Prozess.

Der Dienst Spotify, der als einer der ersten verstanden hat, dass in dieser neuen Welt Kontext den Content überrragt, hat diese Woche angekündigt, unsere Vorstellung von Radio komplett auf den Kopf zu stellen. Sie nennen ihr Angebot einen Podcast, aber es ist die gegenwärtige Variante dessen, was im 21. Jahrhundert eine Mainstream-Morning-Show war: „We have your morning covered — with news, pop culture, and the music you love. The only way to wake up“, steht in der Beschreibung, die der Streaming-Dienst formuliert hat. The Get Up heißt die Sendung der Podcast, der voraufgezeichnete Inhalte mit personalisierter Musik kombiniert.

Ob das funktionieren kann? Vermutlich schon, denn der Test, Nachrichten von Radiostationen halbstündlich als Podcasts in Spotify zu laden hat die Radionachrichten von ihrer Sendezeit befreit – und gezeigt, dass das „Ende des Durchschnitts“-Prinzip nicht nur für Musik funktioniert. Aber vielleicht ist diese „Funktioniert das?“-Perspektive auch der falsche Blick auf die Veränderung, die sich hier gerade unter unseren Füssen vollzieht. Vielleicht könnte man eher fragen: „Was bedeutet das?“

Im Klappentext zu meinem Buch „Das Ende des Durchschnitts“ hat der Verlag Matthes&Seitz das hier geschrieben: „Die Welt des Durchschnittsangebots, das für alle gleich ist, wird erweitert um das digitale Prinzip der Personalisierung: Inhalte entstehen nicht mehr einzig beim Hersteller und Absender, sondern werden mittels Datensammlung und -auswertung auf den Konsumenten und Empfänger zugeschnitten. Entgegen der vorschnellen Verteufelung dieser Entwicklung als Entmündigung und Überwachung beleuchtet Dirk von Gehlen Chancen des Endes des Durchschnitts und zeigt sehr konkret, wie Personalisierung, Datennutzung und Digitalisierung die Arbeit von Medizinern, Marktforschern, Fußballern und Carsharing-Anbietern verändern.

Mehr zum Thema im Blog
Die große Chance auf eine Renaissance der Radioreportage
Geisterspiele und der beiläufige Zauber von Live-Events
Das Ende des Durchschnitts – der Lauf zum Buch

M to the B – das erfolgreichste Tiktok-Video aller Zeiten

Wer den Namen Millie Bracewell in eine populäre Suchmaschine eingibt, bekommt relativ weit oben einen Beitrag von der BBC. Er ist wenige Stunden alt. Die anderen Ergebnisse führen (bisher) eher in die Irre. Wer jedoch nach Bella Poarch sucht, wird auf die 15 wichtigsten Fakten geleitet bzw. auf die zehn geheimen Fakten, die es über den Tiktok-Star zu wissen gibt.

Millie Bracewell und Bella Poarch haben gemeinsam das erfolgreichste Tiktok-Video aller Zeiten ins Netz gestellt. Das ist der Grund, warum man jede Menge Infos über die 19-jährige Bella Poarch findet, sie betreibt den Kanal, über den der Clip bisher fast 470 Millionen Mal angeschaut wurde. Darin ist zu sehen, wie die einen kurzen Song-Schnipsel lippensynchron nachsingt und dabei ein komisches Gesicht macht. Damit wurde sie zum Vorbild für 7,2 Millionen Videos, die ebenfalls den Sound „M to the B“ nutzen.

Als der Begriff „Sommerhit“ noch ganze Lieder meinte, hätte man damit nicht beschreiben können, was das Besondere an diesem Geräusch der Stunde ist. Das schnell wiederholte „M to the B“ ist zu einem zentralen Tiktok-Ohrwurm geworden und wird im Rückblick („bored in the house“) sicher zu den wichtigeren Geräuschen des Tiktok-Jahres 2020 zählen.

Das Besondere dabei: Bella Poarch hat mit diesem Sound eigentlich gar nichts zu tun. Er stammt aus Blackpool, wo Millie Bracewell Zuhause ist und vor vier Jahren Sprechgesang und Battle-Rap gemacht hat. Aus einem „Sends“ genannten Diss-Track in der Grime-Szene Blackpools stammt die Sequenz, die Bella Poarch jetzt webbekannt gemacht hat – ohne dass die mittlerweile 20-jährige Millie Bracewell auch nur den Hauch einer Ahnung davon hatte. Freunde hätte ihr erzählt, dass ihr Sound gerade auf Tiktok äußert populär sei, berichtet sie der BBC und daraufhin habe sie sich dort auch mal angemeldet. Und das sei ja wirklich verrückt.

Das Verückte daran ist wie bei der schönen Geschichte hinter dem Love Storys-Meme, dass hier kein Plan, keine Absicht, nicht mal eine Prognose erkennbar ist. Die „M to the B“-Geschichte scheint sich tatsächlich einfach so ergeben zu haben. Eher zufällig und weil durch das Netz die Möglichkeit zur weltweiten Vernetzung gegeben ist – und das heißt: Ein eher unbedeutender Disstrack aus dem Blackpool des Jahres 2017 kann drei Jahre später zum Tiktok-Geräusch der Stunde werden.

Musikalisch untermalt wird dieser Sound übrigens von dem Song „Skank“ von dem Projekt Bordum Beats, das der Produzent Dean Williams aus Leeds gegründet hat. „Skank“ diente als Basis für den Disstrack, den Millie Bracewell im einem Schnellrestaurant in Blackpool aufgenommen hatte. Der Song ist vor ein paar Tagen auch offiziell veröffentlicht worden – inklusive Dean Williams‘ Musik. Der BBC sagte er: „“I just loved people rapping to it, I loved hearing that. I never charged anyone. I just wanted people to have fun and enjoy what they were doing.“

Ich mag diese Geschichten, sie sind der Grund, weshalb ich mich für Meme zu begeistern begann (und dann auch dieses Buch schrieb). Sie zeigen, welcher Zauber durch die Kraft der digitalen Kopie entstehen kann – und dass es immer noch und immer wieder zufällige Hits gibt, an denen sich Menschen erfreuen können. Dass darüber die politische Debatte über Tiktok nicht aus dem Blick geraten darf, habe ich hier bereits erwähnt und das gilt natürlich weiterhin. Dazu empfehle ich den Newsletter vom Socialmediawatchblog und in Fragen zur Tiktok-Kultur den Newsletter von Marcus Bösch. Mehr über Tiktok hier im Blog gibt es außerdem unter tiktok-taktik.de

Fünf Gründe, sich gerade jetzt ernsthaft mit Memen zu befassen (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Er bezieht sich auf das Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“, das gerade erschienen ist.

Dieser Tage beginnt der Herbst. Die Blätter verfärben sich, es regnet häufiger und es wird kälter. Unter veränderten klimatischen Bedingungen verändern sich auch unsere Kleidungsgewohnheiten. Statt zu Shorts greift man künftig zu warmen Socken – und zum guten Buch (Herbst-Symbolbild: unsplash).

Auch auf die Gefahr hin zu platt zu werden: Das digitale Ökosystem verändert Bedingungen für Kommunikation. Ich habe das am Beispiel eines Schneeballs beschrieben, der bei steigender Temperatur seinen Aggregatzustand verändert und ich glaube es gilt auch für die Prinzipien der Aufmerksamkeit und denen ihn folgenden Grundbedingungen der (politischen) Auseinandersetzung im digitalen Diskurs.

Wer verstehen will, welche Kleidung Haltung in diesem Ökosystem angemessen ist und welche Folgen die sich ändernden klimatischen Bedingungen haben, kann sich bestimmte „Muster der digitalen Kommunikation“ anschauen. Diesen Untertitel hat der Wagenbach-Verlag meinem gerade in der Digitale Bildkulturen-Reihe veröffentlichen Band „Meme“ gegeben. Das Büchlein versucht zu beschreiben, was Meme sind, weshalb sie gesellschaftspolitische Bedeutung haben und welche Schlüsse man aus der Beschäftigung mit Memen ziehen kann. Darin steckt viel mehr als der (nicht zu unterschätzende) Spaß an Internetquatsch, darin steckt eine Möglichkeit, aktuelle politische Entwicklungen besser zu verstehen.

Deshalb hier fünf Gründe, warum es sich jetzt lohnt, sich mit Memen und den ihnen zugrunde liegenden Mustern digitaler Kommunikation zu befassen:

Meme zeigen, dass …

… Kommunikation ein Prozess ist.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis irgendwer im seriösen Fernsehen bemerkt, dass Friedrich Küppersbusch seit einer Weile auf YouTube eine Art Fernsehen macht, die ich als zukunftsweisend und seriös bezeichnen würde. In dieser Woche hat er dort „Die Wahrheit über Shitstorms“ thematisiert – und zwar am Beispiel eines Mannes, der im vermeintlich seriösen ARD-Fernsehen so genannte Witze machen darf und dieses Prinzip Nuhr mit Hilfe von vermeintlich provokanten Thesen am Laufen hält. Auch der selbst geglaubte Kanzlerkandidat Friedrich Merz oder der selbst geglaubte Medienerfinder Gabor Steingart bedienen sich dieser Methode, die Internet-Trolle für sie seit Jahren erprobt haben. These raushauen und im folgenden Prozess auf die Empörung der Gegenseite hoffen. Klappt so lange wie man nicht begreift: Deine Empörung ist Teil des Spiels derjenigen, über die Du dich gerade aufregst.

… Aufmerksamkeit vor dem Inhalt steht.
Die schönste und provokanteste These bleibt so lange wirkungslos, wie sie niemand aufnimmt. Anders formuliert: Es werden nur diejenigen Inhalte memefiziert, die es überhaupt wert sind, mit Aufmerksamkeit bedacht zu werden. Wer sich schon länger im digitalen Ökosystem bewegt, weiß, dass die Kopie und die Referenz (und sei es in Form des Widerspruchs) das wichtigste Ziel ist. Man kann diese Aufmerksamkeit nicht planen, aber man kann sie provozieren – und dabei die Reaktionen einkalkulieren. Die Troll-Forscherin Whitney Phillips sagt dazu: „Eine Hasskampagne, über die nicht berichtet wird, ist quasi fehlgeschlagen. Auch die Social-Media-Kommentare von denen, die die Attacken verurteilen, tragen zu mehr Aufmerksamkeit bei. Dann wird die Kampagne vielleicht zum Twitter-Trend – und dann berichten wieder mehr Medien darüber. Es ist ein Kreislauf.“ Es ist übrigens kein Zufall, dass auf Phillips‘ aktuellem Buch ein Shruggie auf dem Cover zu sehen ist ;-)

… vermeintliche Identität zu Polarisierung führt.
Sich zugehörig zu fühlen und sich damit von anderen abzugrenzen, kann als eines der Grundprinzipien von sozialen Medien gelesen werden. „Ich verstehe etwas, was du nicht verstehst“, ist zentraler Distinktions-Treiber für Internet-Memes. Diese Polarisierung basiert auf einer digitalen Vorstellung von Identität. Meme legen offen, wie diese Vorstellung mit Hilfe von auf Abgrenzung optimierten Inhalten gesteigert werden kann. Denn wenn es in einem Konflikt nicht mehr um einen Wettstreit von Meinungen geht, sondern um den Ausdruck der innersten und ureigensten Identität, dann ist ein Kompromiss nahezu unmöglich. Man kämpft nicht mehr um eine gemeinsame Lösung, sondern verteidigt das eigene Selbstbild. Meme zeigen, wie diese Polarisierung die Präferenzen verschiebt und die notwendige Trennung von Politik und Person auflöst. Dabei werden sie für einen Prozess genutzt den man – erinnert sich noch jemand an die Umweltsau – als Spektakelpolarisierung bezeichnen kann.

… Teilhabe demokratisiert wurde.
Meme gibt es nur im Plural. Weil Meme nicht von Gatekeepern oder ausgewählten Stimmen formuliert werden, sondern theoretisch von allen. Am Beispiel von Memen lässt sich zeigen, wie das theoretische Recht auf Publikationsfreiheit zu einer praktischen Herausforderung wurde. Am Beispiel von Memen lässt sich aber auch zeigen, dass darin ein wunderbarer Zauber liegt. Meme sind auch deshalb nicht prognostizierbar, weil sich in ihnen der Kontrollverlust des digitalen Ökosystems zeigt. Es wäre falsch, dies einzig zu beklagen. Hier liegt auch eine große Chance. Denn zum einen finden so Stimmen Gehör, die zuvor jahrzehntelang ungehört blieben. Zum zweiten entstehen auf diese Weise auch neue Formen der politischen Kritik, die die Möglichkeiten des digitalen Ökosystems auf neue Weise nutzen. Ich bin sehr froh, dass Sarah Coopers Trump-Kritik noch Erwähnung im Meme-Buch finden konnten, denn sie zeigt für auf erstaunliche Weise, wie Kritik auch unter den veränderten Aufmerksamkeitsbedingungen möglich ist.

… die offene Gesellschaft überlegen ist.
Meme sind nicht nur Symbol für sich veränderende Prozesse. Meme sind an sich auch Beweis dafür, dass das Internet als grenzüberschreitende Verbindung gewonnen hat. Zwar mag es auf der Anwendungs-Ebene gerade von Kräften genutzt werden, die auf Abgrenzung, Nationalismen und Hass setzen, aber in seiner Grundstruktur sind das Netz und der Netz-Humor, der sich in Memen ausdrückt, nur möglich, weil die Idee der offenen, vernetzten Gesellschaft überlegen ist. Ich beschreibe in dem Buch ausführlich, wie rechte Kräfte Pepe the Frog kaperten und in der „Der Alt-Right Komplex“ genannten Ausstellung kann man sehen, wie diese Bewegungen an Kraft gewinnen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass das Internet in seiner Grundinfrakstruktur nur möglich ist, wenn man die Ideen von Abgrenzung und Hass hinter sich lässt. Meme als Ausdruck eines verbindenen Humors machen nicht nur Freude, sie sind auch der Beweis dafür, dass das Zeitalter der Ausgrenzung vorbei sein sollte.

Das Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ ist diese Woche bei Wagenbach erschienen.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich immer wieder mit den Mustern digitaler Kommunikation befasse – zum Beispiel: „Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen“ (März 2020), „Die Empörung der anderen“ (Februar 2020), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017). Hier kann man ihn kostenlos abonnieren. Und hier kann man das genannte Meme-Buch bestellen.