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Fünf Tipps, wie man einen Job findet, den man liebt

Ich bin großer Fan des Podcasts „The Arthur Brooks Show“. Regelmäßige Blogleser*innen haben den Hinweis auf Arthur Brooks schon hier sehen können. Jetzt ist die zweite Staffel seines Podcasts gestartet, die er – passend zu seinem neuen Buch – unter das Oberthema Liebe gestellt hat: Love Your Enemys folgt dem Thema der ersten Staffel, nämlich den Herausforderungen an eine zivilisierte Streitkultur. Der Podcast geht auf eine spannende Weise etwas darüberhinaus und stellt zum Beispiel die Frage: Wie findet man einen Job, den man liebt? (Foto: Unsplash)

Brooks hat dafür mit interessanten Menschen gesprochen. Zum Beispiel mit dem „Givers/Takers“-Autor Adam Grant, der selber einen tollen Podcast zu dem Thema macht (WorkLife für TED). Zum Ende des Gespräch versucht Brooks Ratschläge aus dem zu kondensieren, was Grant erforscht hat. Er schlägt die ersten drei Punkte aus der folgende Liste vor, die ich zum zwei weitere Punkte ergänzt habe. Punkte vier stammt aus dem Gespräch mit Adam Grant und Punkt fünf ist ein Ratschlag aus dem Gespräch mit dem Autor William Deresiewicz, der gerade das Buch „Excellent Sheep“ veröffentlicht hat.

1. Achte auf das richtige Verhältnis von Kontrolle und Autonomie. Finde einen Job, den du zu „deinem Job“ machen kannst. Der wichtigste Auslöser für Unzufriedenheit im Job, konnte man vorher lernen, sind schlechte Chefs. Solche, die keine Wertschäftung weitergeben und ein zu hohes Maß an Kontrolle ausüben. Solches Verhalten, so Grant, unterdrückt zwei Treiber für Zufriedenheit im Arbeitskontext: Die Möglichkeit, selber zu bestimmen und den Wert der eigenen Arbeit zu erkennen (Selbstwirksamkeit)

2. Finde einen Ort, an dem du die Leute magst, an dem ihr den gleichen Werten folgt und du Vertrauen teilst und bekommst. Vertrauen bekommt nur wer auch Vertrauen gibt. Deshalb beschreibt dieser Punkt keine Eigenschaften eines guten Jobs, sondern Aufgaben wie man einen Job zu einem guten machen kann: indem man auf Basis von ähnlichen Werten und Sympathie Vertrauen aufbaut.

3. Versuche in dem was du tust, einen tieferen Nutzen für andere zu stiften und dabei selber hinzuzulernen. Selbstwirksamkeit ist dann besonders wichtig, wenn man merkt, dass die eigene Arbeit anderen hilft, dass sie Nutzen stiftet. Grant erläutert dies in dem Podcast anhand von Studien, die beweisen, dass Menschen nicht nur höhere Zufriedenheit für, sondern auch bessere Ergebnisse im Job entwickeln, wenn sie Sinn in dessen Zielen erkennen.

4. Du solltest nicht nach einem Job suchen, der dich am glücklichsten macht. Suche einen Job, in dem du am meisten lernen kannst. Grant wählt diesen Ratschlag als Antwort auf diejenigen, die behaupten, man müsse nur seinen Träumen folgen. Das sei irreführend, sagt er. Wichtiger sei es, sich einem kalkulierten Maß an Überforderung auszusetzen und zu lernen. Denn das Meistern einer Lernkurve sei ein guter Indikator für Zufriedenheit.

5. Es wird nicht alles super sein. Sei offen für eine guten Kompromiss. Dieser Ratschlag stammt aus dem Gespräch mit William Deresiewicz. Er warnt davor, einen guten Kompromiss als Kapitulation zu interpretieren. Sehr locker übersetzt, sagt er: „Finde heraus, was du willst und dann kann auch die zweitbeste Lösung sehr zufrieden machen.“

Ich notiere das hier, weil mich Teile des Gesprächs an die Shruggie-Haltung erinnert haben. Ich notiere es aber vor allem, um den Podcast zu empfehlen.

Shruggie des Monats: Auf die Straße gehen

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

„Wissen Sie,“ sagt Greta Thunberg im Gespräch mit dem Spiegel, „Ich darf nicht wählen, obwohl es hier um meine Zukunft geht. Und zur Schule muss ich gehen. Wenn ich dann schwänze, um gegen die Klimakrise zu protestieren, wird auf meine Stimme viel eher gehört.“ Greta Thunberg ist Vorbild für zahlreiche Schüler*innen und Student*innen, die europaweit freitags streiken. Statt zur Schule oder zur Uni gehen sie auf die Straße. Fridays for Future heißt die Aktion, die sich deutschlandweit vor allem über Dark-Social-Kanäle wie WhatsApp- und Telegram organisiert – wie einer der Mitorganisatoren in diesem Gastbeitrag auf Tagesschau.de erklärt (Details dazu auch in diesem Bento-Bericht)

Am 15. März wollen Klimaschützer*innen weltweit auf die Straße gehen – um für die Einhaltung der Pariser Klimaziele zu demonstrieren. Für acht Tage später ist eine Demonstration gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform geplant (Hintergründe hier). Beide Themen scheinen die Kraft zu haben, viele junge Menschen auf die Straße zu bringen – um dort ihre Meinung kundzutun. (Foto: Twitter/Adora Belle)

Aber bringt das überhaupt was? Wird sich dadurch die Politik ändern? Die Hauptperson aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ antwortet darauf mit einem unterstützenden Schulterzucken. Denn der Shruggie ist kein teilnahmsloser Zyniker, sondern jemand, der den demokratischen Impuls unterstützt, für die eigenen Interessen auf die Straße zu gehen.

„Wir sind keine Bots“, rufen diejenigen, die am Wochenende gegen die Urheberrechtspläne in Köln auf die Straße gegangen sind. Sie wollen damit deutlich machen, dass sie eigene Interessen vertreten und nicht im Auftrag von Plattformen handeln. Ein CDU-Abgeordneter hatte dies mit einem Tweet nahegelegt. Mit ihrem Protest bringen sie aber auch ihre Lebensrealität, ihren Alltag und ihre Sprache auf die Straße – wie dieses tolle Plakat zeigt (weitere Plakate hat Buzzfeed gesammelt) Zu sehen ist das Table-Flip Emoticon, das dem Shruggie allein deshalb gefällt, weil er aus der gleichen Welt kommt. Details findet man auf der Seite jemoticons, die Emoticons aus japanischen Schriftzeichen versammelt.

Der Table-Flip (rechts der Tisch, den die Figur links aus Protest umgeworfen hat) ist ein Zeichen des Protests – auf neue Art. Vermutlich gab es bisher keine Demonstration in diesem Land, auf der ein solches Symbol gezeigt wurde. Und das allein gefällt dem Shruggie an den Demos des Frühjahrs 2019: Sie werden von einer neuen Generation getragen, die ihre eigenen Symbole und Zeichen prägt. Und die vielleicht auch ein neues Denken verlangt.

Rund um die Schulstreiks junger Menschen hat sich eine Debatte über die Frage entzündet, ob es denn erlaubt sei, freitags einfach nicht zur Schule zu gehen. Verweise und mindestens unentschuldige Fehlstunden drohen. Torsten Beeck hat deshalb schon den Verdacht geäußert, dass diese Hinweise in Zeugnissen künftig als Ausdruck einer politischen Haltung gelesen werden können.

Mich erinnert der Schulstreik an die Wehrdienstverweigerer der Vergangenheit. Die junge Generation des Jahres 2019 verweigert nicht die Wehrpflicht, sondern die Schulpflicht – nicht in Gänze, sondern aus symbolischen Gründen jeden Freitag. Als Wehrdienstverweigerer musste man die eigene Entscheidung schriftlich begründen und einen (längeren) Ersatzdienst leisten. Vielleicht wäre dies auch ein Option für die streikenden Schüler*innen der Gegenwart: Sie können offiziell verweigern – und damit ihren Protest gegen die verfehlte Klimapolitik der Regierung Merkel zum Ausdruck bringen.

Bei der Wehrpflicht hatte diese Form der persönlichen Verweigerung langfristig bedeutsame politische Folgen. Und darum geht es doch, wenn man auf die Straße geht…

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Zum Thema Schulstreik empfehle ich den TED-Talk von Greta Thunberg aus dem August 2018 sowie die Übersichtsseite Fridays for Future. Bei Netzpolitik gibt es eine Übersicht der Demonstrationen gegen Artikel 13.

Wer nur am Rand hockt, braucht kein Wasser im Pool – vom Ende des freien Internet

Ist die Aufregung um den Urheberrechtskompromiss, der gestern in Brüssel ausgehandelt wurde, eigentlich berechtigt? Ist das freie Internet wirklich in Gefahr? Darüber wird gerade heftig gestritten und der Grund hat weniger mit dem etwas komplizierten juristischen Fachgebiet zu tun (zu dem ich btw. eine klare Meinung bereits vor Jahren geäußert habe: Wir brauchen Lösungen mit und nicht gegen die Kopie) als vielmehr mit der Frage, was eigentlich gemeint ist, wenn man vom „freien Internet“ spricht.

Es gibt da nämlich einen sehr bedeutsamen Unterschied in der Wahrnehmung, den man am besten mit dem Bild von einem Pool illustrieren kann (Foto: Unsplash): Dort gibt es schwimmende Menschen und solche, die nur am Rand sitzen. Beide mögen den Pool, aber Schwimmer*innen und Randsitzer*innen haben dennoch völlig unterschiedliche Wahrnehmungen dessen, was den Pool ausmacht. Die Frage, ob Wasser im Pool ist, spielt dabei nur für diejenigen eine Rolle, die auch reinspringen. Für sie ist es jedoch die zentrale Frage. Im Urheberrechtsstreit ist das Wasser das freie Internet. Der Pool verliert seinen Reiz, wenn er kein Wasser mehr hat. Wie soll man dann schwimmen? Menschen von der Randsitzer*innen-Fraktion verstehen diese Frage nicht, denn Wasser kennen sie kaum aus eigenem Erleben. Sie schwimmen nicht und sehen höchstens Mal die Wasserspritzer wenn einer der Schwimmer Arschbombe macht. Das ist dann vielleicht lustig, aber eine Ausnahme. Denn die Randsitzer*innen gehen nicht ins Wasser und verstehen deshalb auch nicht, warum die Schwimmer so einen Aufstand um das Wasser machen. Der Pool ist doch auch ohne Wasser schön – denken sie und wischen alle berechtigten Bedenken weg, die mit Uploadfiltern verbunden sind. Denn wer eh nichts hochlädt, kann sich vermutlich auch keine Probleme mit Uploadfiltern vorstellen.

Ich habe schon vor ein paar Jahren in einem SZ-Text über diesen digitalen Graben zwischen den aktiven und den passiven Internet-Nutzern geschrieben (hier kann man ihn nachlesen), doch jetzt droht dieser Unterschied zu einem Problem zu werden. Denn die Randsitzer haben ein Gesetz in Planung, das dazu führen könnte, dass das Wasser aus dem Pool verschwindet.

Simon Hurtz hat dazu gestern einen treffenden Kommentar geschrieben, der die zentralen Sorgen der Schwimmer*innen zusammenfasst, schon im Sommer hat Sascha Lobo auf den Punkt gebracht, dass der Glaube an „Erkennungsoftware“ den Verdacht nähert, dass hier jemand noch nie im Wasser war. Die Schwimmer*innen aller politischen Farben hingegen sind sich einig, dass Uploadfilter das Wasser im Pool bedrohen – und deshalb keine Lösung liefern.

Da sich im so genannten Trilog EU-Staaten, die Kommission und das Parlament gestern auf einen Kompromiss geeinigt haben, ist unwahrscheinlich, dass das Parlament, das darüber noch abstimmen wird, den Entwurf noch ablehnt. Es ist aber nicht unmöglich, darauf weist eine der Schwimmerinnen im EU-Parlament hin: Julia Reda hat heute einen Blogeintrag online gestellt, in dem sie beschreibt, was andere Schwimmer*innen jetzt tun können:

Die endgültige Abstimmung im Parlament findet nur wenige Wochen vor der Europawahl statt. Die meisten Abgeordneten – und jedenfalls sämtliche Parteien – würden gerne wiedergewählt werden. Die Artikel 11 und 13 werden dann fallen, wenn genug Wähler*innen sie zum Wahlkampfthema machen

Vielleicht besteht ein Ansatz für eine Lösung ja darin, die Randsitzer*innen mal zum Aufstehen zu bewegen und sie wie auf dem Bild oben an die Leiter am Pool zu begleiten. Wer dort steht, stellt schnell selber fest, dass es einen Unterschied macht, ob Wasser im Pool ist oder nicht wenn man gleich reinspringt!

Viel Spaß beim Schwimmen – so lange es noch geht

„Der Kaufprozess ist die einzigartige nicht reproduzierbare Handlung und definiert das Original“ – Interview mit Florian Kuhlmann

Am Freitag lädt der Düsseldorfer Künstler Florian Kuhlmann zu einem metamodernen Ritual in die Galerie Falko Alexander nach Köln. Florian greift dabei auf Konzepte zurück, die mit der Idee von Kopie und Original in der digitalen Welt spielen. Deshalb habe ich ihm ein paar Fragen zu der Veranstaltung (1.2. 19 Uhr, Venloer Str. Köln ) gemailt.

Ihr plant ein metamodernes Ritual mit der Energie des Marktes. Erklär mal, was passieren wird: Was ist ein metamodernes Ritual?
Dirk, ich sag wie’s ist. Auch nach mehreren Jahren der intensiven Beschäftigung mit Metamoderne weiß ich nicht was das ist. Aber da ist eben nach wie vor das wirklich SEHR starke Gefühl, verbunden mit einer tiefen Ahnung, dass sie da ist und jetzt beginnt, die Metamoderne. Immer. Jetzt.
Und auch hier ganz ehrlich: ich mag das einfach, also den Glauben daran, dass etwas beginnt, etwas Neues und Großes anfängt, gerade jetzt und hier. Am besten eben eine neue Epoche. Das ist doch viel geiler als die dieser ganze reaktionär-depressive Post-Retro-Blick der mittlerweile so abgefeiert wird.

Um aber auf Deine Frage zurück zu kommen, ich weiß also nicht wirklich was ein metamodernes Ritual ist. Aber aus dem eben beschrieben schließe ich, dass das, was am Freitag passieren wird wohlzwangsläufig metamodern sein wird. Ich glaube da fest dran an dieses Bauchgefühl, weil fühlen ja auch einfach wieder viel wichtiger wird als wissen.
Wer sich dafür aber ernsthaft interessiert kann dazu gerne etwas mehr in meinem Buch ‚METAMODERNE WISSEN FÜHLEN SEIN‘ nach lesen.

Was den Ritual-Charakter angeht beziehe ich mich aber dann eben doch auf etabliertes Wissen und schlagen eine Brück in die Vergangenheit und moderne Gegenwart. In diesem Fall mit Hilfe von Walter Benjamin und sein bahnbrechenden Text ‚Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit‘, den Du als Freund der Kopie natürlich kennst. Wer nicht, klickt hier bitte. Benjamin schreibt dort unter anderem „Mit anderen Worten: Der einzigartige Wert des »echten« Kunstwerks hat seine Fundierung im Ritual, in dem es seinen originären und ersten Gebrauchswert hatte. Diese mag so vermittelt sein wie sie will.“
Bingo!

Und was hat das mit der Energie des Marktes zu tun?
Energie ist einfach überall und auf allen Ebenen relevant. Nicht nur mit Blick auf Strom, der sich über den Computer in Informationen, Daten, Bilder, Texte und wieder zurück verwandelt, der Sprache transportiert und zuweilen auch Gefühle, Stichwort Emojis.
Im Prinzip geht das aber natürlich weiter. Ökonomie ist ja im Grunde – George Bataille beschreibt das sehr schön in ‚Die Aufhebung der Ökonomie‘ – nichts anderes als ein permanente Transformation von Energienformen.

Nun ist der Markt, dieses mystisch metaphysische Wesen, dem wir mittlerweile übermenschliches Wissen und Weisheit zugestehen, derzeit die vorherrschende Metapher für ökonomische Prozesse. Und das wird auch so bleiben, solange Gesellschaft kapitalistisch organisierte ist und bleibt.

Aber dieser Kapitalismus ändert sich gerade mal wieder, Interwebs und Digitales spielen dabei eine zentrale Rolle, sie verändern die etablierten Energieströme, schaffen neue Verbindungen und neue Akteure betreten die globale Bühne. Zusätzlich sind wir, das Publikum, nun aber über das Netz und insbesondere die sozialen Netzwerke sowohl als Produzenten, als auch als Autoren und Distributoren viel stärker in diese Prozesse eingebunden.

Wodurch sich zwangsläufig auch die Nutzung von Bildern, Medien, Texten ändert und damit ganz selbstverständlich auch die Fragen und Antworten nach dem Umgang mit Original, Kopie und Unikat. Kontext und aktive Nutzung sind viel wichtiger geworden als die reine Betrachtung.

Kannst Du das Konzept von „Selling the“ mal im Detail erklären?
Es sind einige einfache Regeln, nach denen 16 gleiche Bilder die als 4×4 Tableau gehängt sind gehandelt werden. Das ganze basiert auf einem Projekt an dem ich die letzten Jahre gearbeitet habe, THE GIFT und dem daraus abgeleiteten Konzept sellingthe.net.

Während des Rituals wird die Edition aus 16 Bildern nach zwei festgelegten Regeln verkauft.
Regel Nr 1: der Preis für ein Bild verdoppelt sich jeweils zum vorherigen.
Regel Nr 2: der Käufer erhält sein Geld zurück erhält sobald ein weitere Käufer kauft.
Nach dem Kauf wird das Bild aus dem Rahmen entnommen, dem Käufer übergeben und zurück bleibt dort lediglich der Kaufbetrag und die Unterschrift von mir und dem Käufer.

Der Markt schreibt sich so über den Kaufprozess sukzessive in den Arbeit ein. Der Kaufprozess ist die einzigartige nicht reproduzierbare Handlung und definiert das Original. Am Ende des Projekts bleibt ein transformiertes Tableau zurück, in dem sich einige Bilder in Zahlen transformiert haben. Das ganze verweist damit auf ein Zitat von Guy Debord in ‚Die Gesellschaft des Spektakels‘: „Das Spektakel ist das Kapital in einem solchen Grad der Akkumulation, dass es zum Bild wird.“ Im Ritual machen wir dann quasi die Rückabwicklung des ganzen, also Bild wird Kapital, wird Zahl.
Und Zahlen sind bekanntlich das neue Kapital.

Was erwartest Du Dir von Freitag abend?
Eine gute Zeit. Bisschen gedanklichen Austauch mit anderen zu den Fragen der Ökonomie im Kontext von Kunst, Interwebs und Digital. Klar auch paar Scheine im Tausch für die Bilder. Mals ehen was passiert. Die ersten 7 bis 8 Bilder gehen erfahrungsgemäß ruckzuck weg. Danach wirds dann sehr schnell etwas teuer, mal sehen ob wir diesmal die Marke von 65.536 Euro knacken und alle Bilder in Zahl transfomiert bekommen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Wie eingangs gesagt, Nicht Wissen und vor allem Nix wissen müssen ist eh das neue Paradigma. Fühlen, ahnen und einfach Metamodern sein. Darum gehts doch. Der Rest erledigt sich eh von selbst. Liebe Grüße an den Shruggie!

Mehr über Florian Kuhlmanns Arbeit auf seiner Website. Mehr übers Kopieren in Zeiten der digitalen Vervielfältigung im Lob der Kopie

„Wir haben keine Schweigespirale, wir haben eine Meinungsspirale“

Ich habe Alf Frommer bestohlen. Der Creative Director aus Berlin hat in diesem Monat einen Begriff erfunden (und auf Facebook gepostet), den ich als Domain registriert habe. Ich möchte www.meinungsfreizeit.de ab sofort nutzen, um etwas Ruhe in besonders wilde Diskussionen zu bringen. Alf und ich kennen uns schon eine Weile – digital. Deshalb hat er mir den Diebstahl nicht nur gestattet, sondern auch ein paar Fragen zu der Wortneuschöpfung und zur Diskussionskultur im Netz beantwortet. (Freizeit-Symbolbild: Unsplash)

Wie bist du auf den Begriff Meinungsfreizeit gekommen?
Stefan Kretzschmar äußerte kürzlich, dass man nicht alles sagen darf in unserem Land. Die BILD sprang ihm bei und meinte, dass die Jury aus Sprachwissenschaftlern, die „Anti-Abschiebe-Industrie“ zum Unwort des Jahres wählte, im Grunde eine Sprachpolizei sei. Also eine Institution, die uns vorschreibt, was sagbar wäre oder nicht.

Aber eigentlich haben wir von allem zu viel Meinung. Es gibt keine Schweigespirale, sondern eine Meinungsspirale: zu jedem Thema werden auch die absonderlichsten Meinungen ausgedrückt. In letzter Zeit besonders von Journalisten: da ist dann „Nazis raus“ zum Beispiel grundgesetzwidrig oder man diskutiert das Pro & Contra der Menschenrettung im Mittelmeer.

Da dachte ich: Zeit für eine Auszeit von der Meinung. Jeder müsste das Recht haben, auch mal keine Meinung zu haben. Her mit der Meinungsfreizeit.

Du bist schon lange in sozialen Medien unterwegs. Welche Erfahrungen hast du da gemacht?
Es wird immer schwerer andere Meinungen zu respektieren. Ich merke das an mir selbst. Der Ton wird gleich rau oder man blockt Menschen mit anderen Ansichten. Wenn man mit denen an einem Tisch sitzen würde, könnte man da bestimmt ganz anders miteinander reden. Ich habe zum Beispiel letztes Jahr bei „Deutschland spricht“ mitgemacht. Da konnte ich mit jemanden in Ruhe zwei Stunden sprechen, der teilweise vollkommen anderen Meinungen zu vielen Themen hatte. Die Akzeptanz ist da größer, als in den sozialen Medien. Das war richtig gut. Schließlich brauchen wir auch unterschiedliche Meinungen.

Unlängst hat Robert Habeck öffentlich seinen Abschied aus Twitter und Facebook verkündet. Kannst du das verstehen?
In seinem Fall ja. Schließlich ist Robert Habeck trotz seines Verzichtes ja nicht von Twitter und Facebook verschwunden. Der nutzt die Kanäle von Bündnis90/Die Grünen für seine Statements und Video-Botschaften. Er verliert also wenig und gewinnt noch die Filterfunktion seiner Berater. Ich denke zudem, dass er irgendwann zurückkehren wird.

Was könnte man tun, um die Debattenkultur auf FB und Twitter zu heben?
Debatten in sozialen Medien und gerade bei Twitter sind schwierig. Da haut man sich nur Slogans um die Ohren. Richtig diskutieren geht da nicht. Und wenn man mit manchen diskutiert, schalten sich deren Follower gleich ein: das können rechte Trolle sein, Netz-Feministinnen aber eben auch die Antifa. In dieser Kakophonie von Parolen wird jede Diskussion zu einem reinen Abwehrkampf.
Wahrscheinlich wäre daher ein Rückzug in den privaten Messenger bei Facebook oder in die DM-Funktion von Twitter sinnvoll. So kann man mit seinem Gegenüber reden und es schalten sich nicht gewollt oder ungewollt andere mit ein, die eine Debatte sofort zerstören. Wahrscheinlich schwierig umzusetzen.

Was würdest du jemanden raten, die oder der jetzt mit Social Media anfangen will?
Geh zu Instagram, da sind schöne Menschen und gude Laune. Scherz. Nichts bleibt so, wie es war. Was das heißt? Jetzt haben wir gerade eine angestrengte Stimmung auf Facebook und Twitter, aber das wird nicht so bleiben. Irgendwann ist die AfD-Erzählung, dass Geflüchtete unser schönes Deutschland zerstören auserzählt. Und eine immer noch größere Polarisierung mag ich mir nicht vorstellen. Selbst das nützt sich irgendwann ab.
Dann wird Twitter wieder zum neuen Instagram – mit guter Laune, aber weniger hübschen Menschen.

Hast du eine Follow-Empfehlung?
Mich. Noch ein Scherz. Aber mal zur Abwechslung ein guter von mir.
Ehrlich gesagt, gehört für mich der bekannte Netz-Denker und Journalist Dirk von Gehlen (kennst du den?) zu den absoluten Stimmen der Vernunft im Netz. Bestimmt steckt der auch in seiner Filterblase, aber die erscheint mir weniger polarisierend als viele andere. Und das ist doch heute schon wirklich viel wert.

Der Unterschied von Meinungsfreiheit zu Meinungsfreizeit besteht nur in einem Buchstaben. Das ist doch auch eine Twitter-Challenge, solche Wortpaare zu finden, oder? Hast du noch welche?
Globulisierung -> der Wunsch weltweite Probleme wie den Klimawandel durch Gegenmaßnahmen in homöopathischen Dosen zu lösen.

5% Würde, die -> scheitert die AfD trotz weit höherer Zustimmung bei Wahlen ständig dran

Müllenials -> die Generation Plastikmüll der um die 30-jährigen Deutschen, die ihren Müll trennt und dann nach Asien verschiffen lässt, damit es von dort im Meer landet.

Mehr über die Verwendung von Alfs Wortschöpfung unter meinungsfreizeit.de

10 Dinge, die ich in „Chaos im Netz“ übers Internet gelernt habe

Es war im Jahr 1992 als die Autorin Jean Armour Polly für einen Artikel über das Internet nach einem Bild suchte. Sie entdeckte auf ihrem Mousepad das Motiv eines Surfers und nutzte es als Überschrift für ihren Text. Der „Information Surfer“ ist aber seit dem viel mehr: Surfen ist zu dem Symbol geworden für das, was man so schwer ins Bild setzen kann: im Internet sein.

Seit dieser Woche ist ein Film im Kino, dem das sehr gut gelingt. Er heißt „Chaos im Netz“ (im Original „Ralph Breaks the Internet“) und ist mehr als ein Disney-Kinderfilm. Denn dem Film gelingt es, das „Im Internet sein“ gut ins Bild zu setzen. Die Kolleg*innen der Kinderzeitung der SZ haben mich deshalb gebeten, über den Film und das Internet zu schreiben.

Die Bilder und Lehren, die man aus „Chaos im Netz“ ziehen kann, sind aber auch für Erwachsene äußerst interessant. Deshalb hier die zehn wichtigsten Erkenntnisse aus „Ralph Breaks The Internet“ – über das Internet:

1. Ohne Kabel geht gar nichts: Wie richtig dieser Satz ist, stellen gerade Menschen in Tonga fest. Ein Tiefseekabel ist zerstört worden und sie sind im Wortsinn vom Internet abgeschnitten. Im Film schlüpfen die Hauptfiguren Ralph und Vanellope durch die Kabel ins Internet. Die sehen aus wie Wasserrutschen und treiben sie in hohem Tempo immer tiefer rein ins Netzwerk. Wer sich dafür interessiert, wie diese Kabel außerhalb des Films aussehen, sollte sich das Buch Kabelsalat (von Andrew Blum) besorgen oder die Website wodasinternetlebt.de von Moritz Metz besuchen.

2. Das Zauberwort heißt Packet-Switching: Vanellope und Ralph werden bei der Reise durch die Kabel getrennt. Jeder reist für sich. Ich sehe darin ein (etwas weit hergeholtes) Bild für das grundlegende Prinzip des Packet-Switchings. Für die Datenübertragung übers Internet werden Informationen nämlich in kleine Teile zerlegt, die über unterschiedliche Wege versendet und erst am Ende wieder zusammengesetzt werden. Denn das Internet ist ein dezentrales Netzwerk, das auf eine zentrale Verteilstation verzichtet.

3. Das Internet ist nicht das Web:
Am Ende der Wasserrutschen Kabel landen Ralph und Vanellope in einer riesigen unübersichtlichen Stadt. Hier gibt es allerlei Firmen, die man so oder ähnlich auch aus dem echten Web kennt. Sie werden in dieser Stadt durch große Gebäude symbolisiert. Dieses Bild ist vermutlich ein wenig schief, richtig ist aber, dass das nicht das Internet ist. Diese unübersichtliche Stadt, in der kleine Figuren mit Schildern zwielichtige Angebote machen (JP Spamley), ist das Web. Dabei handelt es sich um eine Anwendung, die die Infrastruktur „Internet“ nutzt. Weitere Anwendung sind Mail oder FTP. Eine zentrale Rolle spielen dabei die so genannten Protokolle, die man sich ein wenig wie die Grammatik in der Sprache vorstellen kann. Sie regeln, dass die völlig unterschiedlichen Geräte und Systeme sich auch verstehen.

4. Links sind wie magische Züge: in der großen Web-Stadt gibt es einige tolle Besonderheiten. Am schönsten sind die magischen Züge, die plötzlich angerauscht kommen, wenn man irgendwo hinwill. Sie sind das Bild, das die „Chaos im Netz“-Erfinder für die wichtigste Grundlage des Web gefunden haben: den Link. Er verbindet Informationen, die vorher unverbunden waren. Das ist die Kernidee dessen, was Tim Berners-Lee in den 1990er Jahren das World Wide Web nannte.

5. Einen Algorithmus muss man sich wie eine sehr kluge Frau vorstellen: Das Web ist etwas anderes als das Internet und beides ist etwas anderes als Google oder Facebook oder eBay (das erstaunlich ausführlich beworben wird in dem Film). Dabei handelt es sich um Anwendungen, die im Web stattfinden. Die Google-Suche greift dabei auf Rechenanweisungen zurück, um festzustellen, welche Suchergebnisse wie wichtig sind. Man nennt diese Anweisungen Algorithmen. Im Film wird der Algorithmus im Bild einer sehr gewandten Chefin eines Unterhaltungskonzerns ausgedrückt. Die Figur Yesss berät Ralph und Vanellope als diese populäre Videos drehen wollen.

6. Autovervollständigung kann sehr lustig sein Wie ein Algorithmus arbeitet, zeigt der Film am Beispiel des Alleswissers, der in einer Bibliothek hockt und Fragen von Information Surfern beantwortet. Die Parallele zur Suchmaschine ist deutlich erkennbar – sie wird aber besonders dadurch betont, dass der Alleswisser wie die Autovervollständigung beim Tippen, stets versucht den Satz der Fragenden zu beenden. Das wirkt durch den Gesprächs-Charakter sehr lustig – und legt offen: das Ziel von Suchmaschinen ist nicht das Suchen. Sie wollen möglichst schnell und möglichst passend antworten. Manchmal sogar schneller als gefragt wurde.

7. Das Web schafft neue Geschäfsmodelle: Ralph und Vaneloppe nutzen die Viralkultur des Web (und die Hilfe von Yessss) um sehr schnell berühmt zu werden – und damit Geld zu verdienen. Wie aus der Popularität Geld wird, beschreibt der Film nicht. Dafür zeigt er, wie Popularität entsteht: Wenn viele Menschen auf einen Link klicken und ihn teilen. Mit Staubsaugern werden dann Like-Herzen eingesammelt, wenn Ralph wie eine Ziege singt. Das ist ein gutes Bild für die Aufmerksamkeits-Ökonomie des Netzes.

8. Meide die Kommentare: diesen Ratschlag gibt Yesss als sie gegen Ende des Films Ralph sucht und ihn in den Kommentarspalten seiner Videos findet. Dort wird er zum Teil übel beschimpft. Ralph macht das aber nichts aus – er ist Nutzer-Unmut aus seinem Computerspiele aus dem ersten Teil gewohnt. Dennoch schafft der Film in Sachen Kommentarkultur ein erstaunlich gutes Bild für das, was man bisher Shitstorm nannte: Ich nenne es den Meinungsvirus.

9. Das Darknet ist einfach nur eine Etage tiefer: Auf der Suche nach einem Virus, den Ralph benötigt, begeben sich die Filmfiguren auch ins Darknet. Dafür fahren sie in einem nicht näher definierte Aufzug sehr lange nach unten. Das ist nicht ganz falsch. Denn das Darknet nutzt die gleiche Infrastruktur wie das so genannte Surface Web. In seinem Buch „Darknet“ unterscheidet Stefan Mey das gute, das böse und das kommerzielle Darknet. Im Fim treffen die Hauptfiguren im Darknet auf den doppelköpfigen Charakter Double Dan, desssen Cousin Gord (ein Internet-Wurm) die Verbindung von Spam-Werbung ins Darknet hergestellt hat.

10. Das Internet ist ein Wunder: Als Ralph und Vaneloppe im Web angekommen, schauen sie auf das Gewusel und Vandeloope sagt: „This is the most beautiful miracle I’ve ever seen“ In der deutschen Übersetzung ist von dem wunderschönen Wunder allerdings nichts mehr übrig. In der gleichen Szene hört man im deutschen Film stattdessen den Netz-Skeptiker Ralph sprechen. Er sagt: „Heilige Scheiße, gehts hier ab“. Das ist nur eine sehr entfernte Übersetzung des gleichen Inhalts, es ist vor allem ein sehr schönes Bild für die unterschiedliche Wahrnehmung des Internets in den USA und in Deutschland. Aus der Begeisterung über das „schönsten Wunder, das ich je gesehen habe“, wird in Deutschland „heilige Scheiße, gehts hier ab“ eine skeptische Überforderung. Das ist schade, denn eine zentrale Erkenntnis des Films ist auch: Das Internet ist schon ein ziemlich tolle Sache!

Gerade ist die Gebrauchsanweisung für das Internet erschienen, „die allgemeinverständlich erklärt wie das Netz funktioniert“ – urteilt Spiegel-Online. Wenn man so will: Das Buch zum Film

Mainstream nach dem Ende des Durchschnitts

Im dritten Jahr in Folge ist der am häufigsten gestreamte Künstler auf Spotify in Deutschland ein junger Mann, den in meinem direkten Umfeld niemand kennt. Nun darf man den persönlichen Umfeld-Anekdoten nur bedingt trauen. Im aktuellen Fall scheint es dafür jedoch einen weiteren Beleg zu geben. Denn auch als der gesuchte Künstler unlängst den ersten Platz der Albumcharts einnahm, schrieb Gerrit Bartels im Tagesspiegel: den kennt ja keiner.

Er drückte das etwas feuilletonistischer aus – und zwar so:

Selbst in Kreisen, die der Popmusik nicht ganz fern stehen (…), stößt man oft auf Kopfschütteln, wenn Namen wie Trettmann, Gringo, Bonez MC, Capital Bra oder Raf Camora fallen. Nie gehört, heißt es dann, obwohl es gerade diese Musiker sind, genauer: diese Deutsch-Rapper, die Woche für Woche mit neuen Songs herauskommen und es damit sofort auf die Spitzenplätze schaffen.

Den Spitzenplatz im Spotify-Jahresranking hat RAF Camora erklommen, dessen Namen weniger Bezug auf die Rote Armee Fraktion nimmt als auf seinen bürgerlichen Namen Raphael Ragucci. Auf Instagram gefällt das aktuell 112.000 Accounts – und ich frage mich seit ich die Meldung las: Was heißt das eigentlich für unsere Vorstellung von Mainstream (hihi), wenn der Streaming-Spitzenreiter in manchen Kreisen nahezu unbekannt ist?

Mein Verdacht: Das Ende des Durchschnitts ist schneller gekommen als gedacht…

Weniger Recht haben müssen

Es war schon spät in der Nacht als der Fotograf David Wilkinson, der für den schottischen Club Milk in Edinburgh arbeitet, die beiden Gäste Lucia und Patrick fotografierte. Das Bild, das die beiden 18-Jährigen dabei zeigt, wie Patrick der desinteressiert schauenden Lucia etwas ins Ohr brüllt, wurde kurz darauf auf die Facebookseite des Clubs geladen – und von dort zur Grundlage für eines weltweiten Memes: Patrick Richie und Lucia Gorman wurden zum Symbol für ein etwas ungutes Geschlechterverhältnis: links ein etwas unsympathischer Mann, der brüllt. Rechts eine schweigende Frau, die wenig mit der Information anfangen kann.

Gäbe es ein Buch zu diesem Bild, es wäre vermutlich „Wenn Männer mir die Welt erklären“ von Rebecca Solnit.

„Ich weiß, ich komm nicht besonders gut rüber auf dem Bild“, sagte Patrick der BBC als das Bild anfing weltweite Verbreitung zu erfahren – in immer neuen Abwandlungen des immer gleichen Musters. Seit ein paar Tagen gibt es das Motiv auch mit deutschen Bildbeschreibungen. Und zwar so ausführlich, dass Der Gazetteur das Bild aus Edinburgh als Ablenkung für den Distracted Boyfriend montiert hat – kombiniert mit einem anderen Twitter-Thema, das in den vergangenen Tagen Fahrt aufgenommen hat und bei dem auch viel gebrüllt wurde.

Es geht um das Motiv: #Fahrradstraße, das ein Zusammentreffen in einer Fahrradstraße in Hannover beschreibt. Dabei blieben eine Radfahrerin und ein Lkw-Fahrer so lange im Recht bis die Polizei gerufen wurde. Der zentrale Satz dabei: Er will nicht warten oder ausweichen. Jetzt stehen wir Nase an Nase. Seit 10 Min.

Beide Bilder – und vor allem die anschließende Weiternutzung – sind nicht nur schöne Illustrationen für den großen Spaß, den man an Internetquatsch haben kann. Sie beschreiben auch wunderbar, dass es vielleicht gar nicht so sehr ums Internet geht, wenn wir auf Internetkommentare schimpfen. Vielleicht ist das Netz eher ein Spiegel der Gesellschaft, in der Menschen beiderlei Geschlechts einfach sehr gerne Recht haben – und andere daran teilhaben lassen. Recht haben scheint zum zentralen Ziel viele Diskutanten on- wie offline geworden zu sein. Es ist Menschen oftmals so wichtig, dass sie es höher werten als Menschlichkeit, Verständnis oder gar Toleranz. Das Schlimmste aber: Vor lauter Recht haben müssen, vergessen wir dass womöglich auch mehrere Ansichten richtig sein können – vielleicht sogar gleichzeitig mit unserer eigenen Meinung. Das Stichwort dazu heißt Ambiguität und im Fall der Özil-Debatte genannten Auseinandersetzung um Rassismus in der Gesellschaft konnte man das Problem sehr genau beobachten.

Ich habe diesen Verdacht am Wochenende getwittert – und erhielt daraufhin einen guten Hinweis auf den ersten Satz in der Straßenverkehrsordnung. Dort ist in einer Vorbemerkung geregelt, worauf man achten soll, wenn man am Straßenverkehr teilnimmt:

Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.

Vielleicht ist das eine schöner Vorsatz für die nächste Debatte – egal ob im Internet oder außerhalb: Einfach mal jemanden vorfahren lassen – gerade dann wenn man das Recht hätte selber zuerst zu fahren. Gäbe es einen seriösen Vorsatz, den man in den beiden lustigen Memes des Winters erkennen kann, es wäre vermutlich: Weniger Recht haben müssen!

Zum Weiterlesen:
> Das Gespräch mit Armin Nassehi
> BBC: How To Disagree: A Beginner’s Guide to Having Better Arguments
> Das Experiment „Das ist Deine Meinung“ mit der Erkenntnis: Freiheit ist immer die Freiheit zum Andersdenken
> Der Podcast How To Disagree Better von Arthur Brooks
> Das Buch Streit! von Meredith Haaf, die hier einige Fragen zum Streiten beantwortet hat

UPDATE: Zum Ende des Jahres fand das Motiv erneut Verwendung als Nico Lange (Berater der neuen CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer) #nurmalso auf Twitter bekannt gab, dass er Fleisch esse, Auto fahre und zu Silvester Böller zünde. Sascha Lobo hat dann lesenswert beschrieben, warum Twitter sich für politische Debatte nur schlecht eignet – und der Twitter-User freshofall hat dann eine Meme-Replik an Nico Lange gesendet.

Shruggie des Monats: das Stories-Format

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Seit Anfang des Jahres habe ich darin bereits den Autoren Eli Pariser, das Phänomen des Techlash, den Broccoli-Tree sowie den Traditionshasen und die Plattform Startnext beschrieben – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. ¯\_(ツ)_/¯

Ich verstehs nicht. Das Format widerspricht allem, was ich meinte über Social Media verstanden zu haben: Man kann es nur für kurze Zeit (24 Stunden) ansehen, es gibt keine Möglichkeit zu öffentlichen Likes oder Kommentaren, keinen sichtbaren Austausch und maximal 15 Sekunden Zeit. Die im Hochformat gefilmten Sequenzen, die Snapchat unter dem Namen Stories erfand, sind mir ein Rätsel – aber ein faszinierendes. Seit Instagram das Format kopiert hat, versuche ich zu verstehen, was den Reiz der Stories ausmacht – mit mäßigem Erfolg. Bis ich mich meiner Ratlosigkeit stellte, einfach selber konsequent Stories zu nutzen begann und einen tollen Text dazu las.

Dabei soll ich hier gar nicht so sehr darum gehen, dass Ian Bogost in diesem the Atlantic-Text Stories als erstes Smartphone-Medienformat beschreibt. Als Shruggie des Monats wähle ich das Story-Format, weil ich eine Menge Leute kennen, die meine Ratlosigkeit ihnen gegenüber teilen. Sie verstehen einfach nicht so genau, was dieses Format will oder soll. Und genau diese Verstörung ist Ausgangspunkt für Neues – behauptet jedenfalls der Shruggie. Er fordert gar dazu auf, sich dieser Irritation bewusst auszusetzen. Eben um auf neue Ideen zu kommen.

Ich bin weit davon entfernt, auf Story-Ideen zu kommen. Seit ich aber aus der Ratlosigkeit heraus begonnen habe, selber kleine Sequenzen zu filmen und zu veröffentlichen, habe ich eine erstaunliche Shruggie-Beobachtung gemacht: Die Verwirrung verschwindet.

Durch die Benutzung habe ich selber verstanden, was ich vorher nur von außen geahnt habe: Die zeitliche Verknappung der Stories sind die grundlegende Basis ihres Erfolgs. Um auf dem Laufenden zu bleiben, was meine Freunde beschäftigt, muss ich sehr regelmäßig ihre Stories anschauen. Denn wenn es blöd läuft, verpasse ich sonst eine zentrale Information – die eben nach 24 Stunden verschwunden ist. So wie Twitter auf die unbegrenzte Möglichkeit der Veröffentlichung mit einer Begrenzung der Zeichenzahl reagiert, so setzt das Stories-Format in Zeiten der ständigen Verfügbarkeit von Online-Inhalten auf deren zeitliche Begrenzung. „Gibts halt nur 24 Stunden, musst du jetzt gucken“ ist die Online-Entsprechung zur Schlange am angesagten Club – eine Verknappung, die das Interesse steigert.

Richtig begriffen habe ich das erst, als ich über meine eigenen Ratlosigkeit hinweg begonnen habe, selber Stories zu veröffentlichen. Denn natürlich bleiben diese nicht ohne Reaktion – die Reaktionen geschehen aber nicht mehr öffentlich. Es gibt einen privateren Austausch als jener auf der Social-Media-Bühne. Auch das ist ein interessanter Aspekt, den ich als außenstehender Beobachter vermutlich nicht erkannt hätte.

Und abseits der formalen Aspekte, eröffnet das Format tatsächlich ein neues Erzählmuster und veränderte filmische Narrative. Ob es – wie Ian Bogost schreibt – wirklich das erste Smartphone-Medienformat ist, kann ich nicht beurteilen. Aber ich glaube er liegt nicht falsch, wenn er analysiert:

“Photography is not about the thing photographed,” Winogrand once said. “It is about how that thing looks photographed.” And likewise, a Story is not about the things sequenced in the story. It is about how those things look through the sensors and software of a smartphone. It’s a dubious sensation, to stare down the barrel of that future.

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf, der dieser Tage passender Weise auf Startnext in das längste Podcast-Abo der Welt gestartet ist: Hier kann man es unterstützen

Heimatverein Internet

Kann das weltumspannende Netz der Netze Heimat sein? Schon weit bevor die Bundesregierung ein Heimatministerium gründete, formulierte ich hier meine vorsichtige Antwort: Ja, man kann im Internet Zuhause sein!
Die vage Idee, einen Heimatverein zu gründen für Menschen, die Online als ihre Heimat finden, stieß auf erstaunlich positiven Zuspruch. Deshalb denke ich schon seit einer Weile mit eine paar Mitstreiter*innen darüber nach, wie man ein solches Projekt angehen kann, damit es mehr ist als eine schöne kleine Idee.

Das dauert alles etwas länger als geplant, aber es wird. Es wird ein ganz tolles Projekt. Das kann ich voller Überzeugung sagen, weil einige sehr tolle Leute weiter an der Idee mitdenken und wir schon ziemlich gute Ideen entwickelt haben. In der Umsetzung brauchen wir noch etwas Zeit und Geduld. Aber: Es wird!

Deshalb lohnt es sich, sich hier in den Newsletter für den Heimatverein Internet einzutragen. Und wer weitere Hintergründe erfahren möchte, kann dieses Essays aus der SZ lesen, in dem ich aufgeschrieben habe, „dass das Internet die Heimat einer Generation ist, die völlig selbstverständlich mit der Idee von Völkerverständigung und Verbindung aufwächst. Auf diese Weise aufs Internet und auf die dort entstandene Heimat zu schauen, eröffnet einen völlig neuen Blick auf die Debatte um eine vermeintlich so bedrohte Identität. Es macht den Kulturessentialisten die Deutungshoheit über die Begriffe Heimat und Identität streitig und dokumentiert eine Wertschätzung für die Ideen des freien Wissens, des Pluralismus und der Meinungsfreiheit.“

Wenn du diese Wertschätzung teilst, kannst Du Dich hier für den Newsletter zum Heimatverein Internet eintragen