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Lob der Kopie: Kanadische Band erfindet ein neues Album der Band „Greenday“

Die Brüder Braedon und Riley Horbacio und ihr Kumpel Ian Willmer sind Fans der Band Greenday. Die drei stammen aus Winnipeg (Kanada) und hatten eine originelle Idee: Sie kopieren Greenday – aber mit Songs, die es noch gar nicht gibt. Die Seite Ladbible nennt es einen Prank und hat dem Video, das schon seit Dezember im Netz steht, nochmal einen viralen Schub gegeben. Über den Newsletter von Johnny Haeusler ist der Clip dann auch bei mir gelandet und ich schließe mich Johnnnys Urteil an, der schreibt: „Inzwischen nennt die Band das Ganze “A Green Day Fan Fiction”, und ich finde das alles sehr schön.“

Ich würde sogar noch weiter gehen, denn die Aktion ist nicht nur schön, es handelt sich um eine herausragende Kunstaktion, die uns eine Menge über den Zauber der digitalen Kopie und den Wert von Meta-Daten erzählt. Denn Panicland (so heißt die Band der drei Jungs) zeigen mit diesem vermeintlich geleakten Album wie sehr Kunst davon abhängt, wie auf sie reagiert wird. Die besondere Kraft dieser Aktion erwächst nämlich daraus, dass die drei Greenday so gut imitieren, dass die Fans tatsächlich glauben, Magnum Opus of the Inglorious Kind sei ein neues Album der Band Greenday. In meinem Buch „Mashup – Lob der Kopie“ komme ich genau wegen solcher Aktionen zu dem Schluss:

Was wir für ein Original halten, hat mindestens ebenso viel mit dem Prozess der Entstehung und seinem oder seinen Schöpfern zu tun wie mit dem Prozess der Rezeption und Einordnung. Die Konstruktion des Originals gelingt also nur, wenn es auch Rezipienten gibt, die es als ein solches wahrnehmen wollen. Ich pläddiere deshalb dafür, mit der Vorstellung vom objektiv genialen Kunstwerk zu brechen. Originalität, Kreativität und vielleicht sogar Genialität entstehen immer im Auge des Betrachters. Es sind Prozesse der Zuschreibung, über die diese Begrifflichkeiten konstruiert werden. Ich halte diese drei Aspekte für zentral, um den Begriff des Originals neu zu verstehen: Dieses ist kein binär zu unterscheidendes solitäres Werk (1), sondern ein in Bezüge und Referenzen verstrickter Prozess (2), und seine skalierte Originalität beruht immer auf Zuschreibungen und Konstruktionen (3), die man mit ihm verbinden will. Ich halte diese veränderte Herangehensweise nicht nur aus intellektuellen oder künstlerischen Gründen für notwendig, sondern aus politischen. Denn mit Matt Mason verstehe ich das Mashup als politisches Instrument, als Form von „ultimativer Demokratie, offen für unbegrenzte Kritik, Neu-Interpretationen und Weiterentwicklung“.

Oder anders formuliert: Es geht um die Frage, wie ein zeitgemäßges Urheberrecht aussehen kann, das mit der Kopie arbeitet nicht gegen sie.

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Wir haben kein sind das Problem

Jürgen von der Lippe hat Max Goldt zitiert. Das ist ein wenig untergegangen. Denn in erster Linie hat der „große Freund der guten Manieren“ (von der Lippe über von der Lippe) festgestellt, was „die Leute“ angeblich so wollen. Und da hat der Hawai-Hemd-Experte rausgefunden, dass „die Leute“ es satt haben erzogen zu werden und dass „die Leute“ Greta satt haben. (Foto: Google-Suche) Daraus hat das Hamburger Abendblatt eine Überschrift gebastelt und darunter von der Lippe sagen lassen: „Der alte weiße Mann ist eine dreifache Diskriminierung – wegen der Hautfarbe, des Alters und wegen des Geschlechts.“ Statt ihn auf strukturelle Vorteile und Privilegien anzusprechen, lässt das Abendblatt ihn dann zum Abschluss Max Goldt zitieren. Mit einem Satz, den ich erstaunlich finde. Im Interview heißt es:

Max Goldt hat mal gesagt: Wenn die Kritik an Zuständen mehr nervt als die Zustände selber, dann muss man aufpassen, und so weit sind wir gerade.

Erstaunlich finde ich den Satz aus zwei Gründen:

1. Bin ich sehr unsicher, ob das Zitat so tatsächlich von Max Goldt stammen kann. Es erscheint mir nicht nur sprachlich nicht dem Goldt-Werk zu entsprechen*. Denn

2. Ist genau diese Haltung, die in dem Zitat formuliert ist, Ausdruck einer äußerst privilegierten Sicht auf die Welt. Wen nervt die Kritik an den Zuständen mehr als die Zustände selber? Genau: diejenigen, die mit den Zuständen eher einverstanden sind. Deshalb müsste das Zitat eigentlich heißt

Wenn die Kritik an den Zuständen mehr nervt als die Zustände selber, dann geht es dir vermutlich ziemlich gut. Es wäre ein schöner Zeitpunkt, mal deine Privilegien zu überprüfen.

Wäre schön gewesen, wenn Jürgen von der Lippe das gemeint hätte mit „dann muss man aufpassen“ – das würde sogar sprachlich passen…

*P.S.: Falls das Zitat tatsächlich von Max Goldt stammt, freue ich mich über Hinweise auf die Fundstelle und den Kontext. Falls nicht, könnte vielleicht jemand Max Goldt informieren…

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Wenn Menschen soziale Netzwerke wären: die Geschichte der Dolly-Parton-Challenge

Betonen wir auf unterschiedlichen sozialen Netzwerken unterschiedliche Aspekte unserer Persönlichkeit? Diese Frage hat die Country-Sängerin Dolly Parton in dieser Woche auf Instagram gestellt. Sie hat sie nicht wörtlich formuliert, sondern in Form von vier Porträts gestellt, die jeweils typische Posen für LinkedIn, Facebook, Instagram und Tinder darstellen sollen. Sehr viele Menschen haben diese Frage aufgenommen und ebenfalls Bilder gepostet, die zu den Netzwerken passen. Dolly Parton Challenge heißt das ganze und mein SZ-Magazin-Kollege Marc Baumann hat ein paar Hintergründe dazu notiert.

Mich erinnert diese Challenge an den Film Breakfast Club. Der Film von John Hughes aus dem Jahr 1985 war nämlich vor ein paar Jahren schon mal so eine Art filmische Dolly-Parton-Challenge. Einem Reddit-Nutzer war aufgefallen, dass die Hauptfiguren des Films erstaunliche Ähnlichkeit zu den Charakteren haben, die man auf bestimmten sozialen Netzwerken findet. Sport-Ass Andrew (Facebook), die Prinzessin Claire (Instagram), die Außenseiterin Allison (Tumblr), der Rebell John (Twitter) und der Streber Brian (LinkedIn) tauchen deshalb auch in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ auf. Ich illustriere an ihnen und ihrer Geschichte wie die Netzwerke sich positionieren. Im Buch heißt es:

„Ich habe die Analogie zum Film Breakfast Club auch deshalb gewählt, weil er zeigt, dass es gewisse Konstanten in der Jugendkultur gibt. Die Schülertypen aus dem Jahr 1985 finden sich auch im Jahr 2018 wieder. Im Umgang mit Social Media wird allerdings immer mal wieder die These aufgestellt, das Internet stelle die Identitätsbildung der Jugend völlig auf den Kopf. Urs Gasser und John Palfrey stellen in ihrem Buch Generation Internet dazu fest: »Natürlich verändert das Internet nicht alles grundlegend. So hat sich der Begriff der Identität durch das Internet nicht entscheidend verändert. Ebenso sind nicht sämtliche seiner Auswirkungen für uns gänzlich neu oder unbekannt. In gewisser Weise ähnelt das Wesen der Identität im Internetzeitalter also dem in unserer agrarischen Vergangenheit. Persönliche Identität bleibt weitgehend das, was sie einst war. Und sogar die erhöhte Dynamik hinsichtlich der sozialen Identität im Internetzeitalter birgt noch immer bestimmte Parallelen zu den Veränderungsprozessen der Vergangenheit.« Dennoch gibt es, so analysieren die Wissenschaftler, erstaunliche Transformationen: »Die Veränderungen hinsichtlich der sozialen Identität sind dabei weitaus größer als in Bezug auf die persönliche Identität.« Denn durch die sogenannten sozialen Netzwerke ist es möglich, seine persönliche Identität stärker als zuvor in den sozialen Austausch mit anderen treten zu lassen“

Mein persönlicher Beitrag zur Dolly-Parton-Challenge steht übrigens drüben auf Instagram – und ist inspiriert vom Shruggie, der Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“

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Fünf Dinge, die ich bei The Athletic über Journalismus gelernt habe

Im Sommer 2019 hatte mein SZ-Kollege Jürgen Schmieder einen interessanten Artikel über das US-Sportangebot The Athletic geschrieben: „Das Sportportal startete im Oktober 2016 in Chicago, expandierte ein paar Tage später ins kanadische Montréal und danach recht schnell in amerikanische Städte wie Cleveland, Detroit und San Francisco, schrieb er. „Das Alleinstellungsmerkmal ist nicht der Versuch, die komplette Welt des Sports abzubilden, sondern in ausgewählten Bereichen mehr zu wissen oder besser zu erklären als die Konkurrenz – dafür braucht es Reporter, die bestens über einen Verein informiert sind.“ Einer dieser Reporter ist Raphael Honigstein (der vor einer kleinen Ewigkeit auch mal hier im Blog zu Besuch war), als er kurz danach ankündigte, zum britischen Ableger der US-Seite zu wechseln, wurde ich das zweite Mal auf The Athletic aufmerksam.

In den vergangenen Tagen habe ich mir das Angebot, das über ein bezahltes Abo-Modell zugänglich ist, in einem freien Test mal genauer angeschaut. Mein Fazit: Ich finde den Ansatz äußerst spannend, da der Schwerpunkt aber bisher auf US-Sport und britischem Fußball liegt, bin ich unsicher, ob ich ein bezahltes Abo abschließen will (siehe Punkt 5 unten). Ich würde für diesen Journalismus aber unbedingt bezahlen, wenn er sich noch ausführlicher der Bundesliga (und bis #meinvfl aufsteigt, auch der zweiten Liga?) widmet. Denn an der Art und Weise, wie The Atheltic den Sport-Journalismus verändert, kann man etwas über die Branche in Bewegung lernen:

1. Gute Begründungen für guten Journalismus

Ich bin sozialisiert mit der Haltung, guter Journalismus spreche für sich selbst. Von den Lehrerinnen und Lehrern, die ich an der Journalistenschule hatte, hätte keine und keiner eine solchen Text schreiben können, wie Raphael Honigstein ihn im Sommer schrieb, als er erklärte, warum er zum The Athletic wechselt: „The best places of work make you feel like you belong.“ Kann man da lesen. „It has been like that from the outset. We’re not just colleagues here but a band of brothers and sisters, a gang of writers, grateful to have been given this opportunity, determined to show that we can pull this off. Whether we’ll turn out more like the Wild Bunch, the Incredibles or the Expendables, only time will tell. What I can promise you is that I will, along with everyone else, do my utmost to bring you the best features and analysis we’re able to produce. Writing for The Athletic, the way I understand it, is an attempt to do no-bullshit sports journalism, the telling of stories not as a means to sell advertising – but as an end in itself.“ Es ist eine Kunst, ohne Pathos starke Gefühle für die eigene Arbeit zu wecken – und Leserinnen und Lesern damit einen Grund zu geben, warum sie diese Arbeit unterstützen sollen. Nicht nur Raphael, alle Autorinnen und Autoren, die ich mir bei The Athletic angeschaut habe, beherrschen diese Kunst. Die Art und Weise wie sie sich auf der Seite vorstellen, sollte Bestandteil jeder Medienkompetenzschulung sein. Denn sie zeigen, warum sie sich für eine Thema interessieren und warum das Publikum das auch tun sollte – und dabei geht es um so etwas Nebensächliches wie Fußball. Was wäre da erst möglich, wenn Politik-Journalist*innen sich so öffnen würden.

2. Das Ende der Nachrichten-Homepage

Zwar sagt der Chefredakteur Paul Fichtenbaum das Ziel sei die Sport-Seite der Welt zu werden (“Our vision is to be the sports page for the world”), doch damit ist etwas anderes gemeint als die Startseiten klassischer Nachrichtenportale. Bei The Athletic gibt es keine für alle gleiche Durchschnitts-Seite, wer The Athletic liest, folgt einem Club, einer Sportart, einer Liga. Und sie oder er folgt diesen Themen mit einem klaren Ziel: Um tiefgehenden Journalismus zu bekommen. Fichtenbaum nennt den Kern der Marke „a storytelling brand“, es geht The Athletic also um Hintergründe, nicht um Nachrichten: “Our mandate is to tell people why things happened, and how they happened, not what happened. We do very little transactional news. We need to give the audience something more, something deeper. It’s that explanatory journalism, the bigger picture that brings people back to us.

3. Neue Wertschätzung für die eigenen Inhalte

So über Inhalte zu sprechen, ist das eine. Sie auch so zu präsentieren, ist etwas anderes. The Athletic behandelt seine Texte wie Netflix seine Serien: Wenn ich einen Text gelesen habe, wird mir dies angezeigt. Der Teaser taucht in der Übersicht nur eingegraut auf. Wie bei einem Podcast-Player, der mir zeigt: diese Folge hast du schon gespielt. Das ist nur ein Detail, aber eines, das mir als Leser deutlich macht: Hier geht es um tiefgehende Inhalte, die die Seite selber wertschätzt – tue das auch. Denn der Hauptkanal für The Athletic ist die werbefreie Pay-App, über die die Inhalte gelesen und kommentiert werden. Ein winziges Feature, das aber starke Symbolkraft hat, ist das Angebot, jeden Text mit drei Gefühlsregungen zu bewerten. Das wirkt aus klassischer journalistischer Perspektive vielleicht albern, ich finde es großartig und es erhöht meine Bindung an die Seite und an die Autor*innen.

4. Journalismus weiter denken: in den Dialog

Dialog ist ein zentrales Angebot von The Athletic. Unter allen Texten, die ich in meiner Testphase gelesen habe, waren die Autoren selbst aktiv. Unter keinem Text habe ich einen Marken-Account gesehen, der moderierend eingreifen musste. Das kann Zufall sein, es zeigt aber: Bei The Athletic endet der Journalismus nicht bei der Publikation, er beginnt dann erst. Denn viele Texte werden auch fortgeschrieben. Auch hier zeigt sich: Die Inhalte werden wie Serien behandelt, sie bauen aufeinander auf. Und womöglich entsteht durch einen Leser*innen-Kommentar eine neue Geschichte. Denn um diese besonderen Zugänge geht es. Fichtenbaum sagt seinen Reporter*innen, sie sollten nicht auf Pressekonferenzen gehen, sondern die Geschichten hinter den Meldungen finden: „I tell our folks ‘watch the game, don’t type’. After the game, don’t go to the press conference because that’s where everybody gets the same quote. Go find somebody who’s not there. Go talk to some other personnel from a team, develop sources. If we get the same information as everybody else, then why would people give us their credit cards. It’s really about differentiation and uniqueness.“ Es ist erstaunlich, aber diese Unterscheidung kann im Jahr 2020 noch über Offenheit, Zuhören und Dialog gelingen.

5. Text ist nur der Anfang

Ich interessiere mich nicht wirklich für den klassischen US-Sport, aber was ich in der App an Videos zu dem Thema finden könnte, ist schon beeindruckend. Wirklich bewerten kann ich die Breite im Angebot nur bei den Podcasts für den britischen Fußball. Dabei handelt es sich um eine konsequente Fortführung der oben beschriebenen Strategie für Text. Hier findet man tiefgehende Analyse und Hintergründe zum Hören. Da mein Interessenschwerpunkt aber eher in der Bundesliga liegt, bin ich unsicher, ob ich dafür zahlen möchte. Auf meine Unsicherheit hat die The Athletic übrigens sehr nett reagiert. Statt mich nach sieben Tagen in ein Bezahl-Abo zu überführen oder rauszuwerfen, wurde der Testzeitraum nochmal verlängert. Ob ich ihn verlängern soll?

Wer sich für „fünf Dinge“ interessiert:
Fünf Dinge über Tiktok
Fünf Dinge übers Streiten

Zehn (digitale) Dinge, die ich in den Zehnern gelernt habe (Digitale Januar Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Eine Liste! Natürlich muss ein Text über die Erkenntnisse der Zehnerjahre dieses Format nutzen. Denn die vergangene Dekade war geprägt von den Listicles genannten Aufzählungen, die erst viel Freude – und dann Clickbait den Boden bereiteten. Diese nun folgende Liste will einen digitalen Zwischenstand (Foto: Unsplash) zusammenfassen: Zehn Dinge, die ich glaube verstanden zu haben im vergangenen Jahrzehnt – über das Internet und den digitalen Wandel. Und wie die Form ist auch der Inhalt geprägt von seiner Zeit: Denn keiner der folgenden Punkte will abschließende Wahrheit für sich beanspruchen. Die Punkte basieren im Gegenteil auf der prozesshaften Grundhaltung, am Wahrheiten zu sein, also in Bewegung und offen für Veränderung.

1. Es spielt eine Rolle, was Du tust
2. Transformation ist weniger eine technische als vielmehr eine kulturelle Frage
3. Das Internet (und seine Folgen) geht nicht mehr weg
4. Veränderung ist nicht nur möglich, sondern beständig
5. Wir stecken mitten in einem wuchtigen Generationenkonflikt
6. Aufmerksamkeit ist die wichtigste Währung der Gegenwart
7. Kontext schlägt Content: Meta-Daten sind die unterschätzten Treiber des Jahrzehnts
8. Der Durchschnitt als dominantes Prinzip verliert an Bedeutung
9. Ohne digitale Kopie keine Digitalisierung
10. Das Gegenteil könnte stimmen

1. Es spielt eine Rolle, was Du tust

Die Nacht auf den 23. Juli 2016 war in München geprägt von Angst und Panik. Das lag zum einen an dem – wie wir heute wissen – rechtsradikalen Terroranschlag am Olympia-Einkaufzentrum. Es lag aber vor allem daran, dass die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung in dieser Nacht zu einem Panik-Beschleuniger wurden: Timeline der Panik heißt die #langstrecke-Rekonstruktion der Kolleg*innen, die nachzeichnet, wie Gerüchte und Halbwahrheiten sich durch die Stadt gefressen haben. Man kann eine Menge aus dieser Nacht lernen (gemeinsam mit Manuel Kostrzynski und Heiko Bielinski haben wir deshalb die Medienkompetenz-Schulung gegen-die-panik.de ins Netz gestellt), aber vor allem dies: Es spielt eine Rolle, was Du tust. Du kannst Einfluss darauf nehmen, ob Gerüchte sich verbreiten. Die Art wie du dich in Dark-Social-Gruppen verhältst, hat Folgen. Dein Beitrag ist wichtig! Der New York Times Kolumnist Farhad Manjoo hat dies so zusammengefasst: „Die Lehre der vergangenen Dekade lautet, dass unsere privaten Entscheidungen über Technologie Geschäftsmodelle und Gesellschaften verändern können. Sie spielen eine Rolle.“

Diese Erkenntnis hat deshalb Bedeutung weil sie nicht nur in digitalen Ökosystemen gilt. Greta Thunberg und die ebenfalls durchs Digitale beschleunigte Fridays-for-Future-Bewegung haben gezeigt, dass dies auch für andere Politik-Bereiche gilt. Die größte Gefahr der Zehnerjahre scheint es mir deshalb zu sein, sich Machtlosigkeit einreden zu lassen: Mag die Aufgabe auch noch so groß oder noch so komplex sein: Lass Dir nicht einreden, dass Du zu klein bist, um Dich damit zu befassen!

2. Transformation ist weniger eine technische als vielmehr eine kulturelle Frage

Am Anfang der Zehnerjahre dachte ich bei der digitalen Transformation ginge es vor allem um technische Fragen. Die folgenden Punkte handeln auch genau davon: wie die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie ganze Branchen verändert, wie Kultur zu Software wird und wie die Öffentlichkeit sich segmentiert. Dahinter stecken tiefgreifende Transformationen, die bei weitem noch nicht abgeschlossen sind. Aber vor diesen eher technischen Aspekten steht die kulturelle Frage: Wie gehst du mit dem Neuen um? Bist du offen für Veränderung?

Denn alle technische Innovation bleibt so lange wertlos, wie sie auf kulturelle Widerstände trifft. Die Verteidigungs- und Verweigerungskräfte sind dort besonders ausgeprägt, wo die Frage „Kann es (noch) besser werden?“ beständigt verneint wird. Digitales Denken zeichnet sich meiner Einschätzung nach deshalb auch weniger einzig durch das technische Verständnis als vielmehr durch die Bereitschaft zur Verständigung und zur Veränderung aus. Dazu zählt die Fähigkeit, Dinge aus der Perspektive des und der anderen wahrzunehmen: ¯\_(ツ)_/¯

3. Das Internet (und seine Folgen) geht nicht mehr weg

„Die Unterscheidung zwischen einer irgendwie echten analogen Welt auf der einen Seite und einer irgendwie neuen digitalen Welt auf der anderen Seite hat sich aufgelöst. Anders formuliert: Die Mitte der Gesellschaft bemerkt gerade, dass sie sich vielleicht anders mit dem Internet befassen sollte.“ Diese Sätze habe ich erst am Ende der Dekade in die SZ geschrieben – nachdem ein junger Digitalpublizist (in Medien oft noch als YouTuber beschrieben) mit einem ernorm reichweitenstarken Video gezeigt hatte, dass sich #diesejungeleute mehr für Politik interessieren als die etablierten Generationen erwartet hatten. Doch das Erstaunen war noch größer weil der Generationenkonflikt auch greifbare Ergebnisse bei der Europawahl produzierte und damit auch den Skeptiker*innen zeigte: Das Internet ist nichts, was man der Gesellschaft optional hinzufügen kann, es ist die Gesellschaft. Denn das heißt auch: Wer sich nicht für das Internet interessiert, verliert den Anschluss an die Gegenwart – und an gegenwärtige Gesellschaft.

Nicht wenige Menschen reagieren darauf mit Angst und Ablehnung. Der Economist diagnostiziert „eine Orgie der Nostalgie“, die nicht nur den Westen erfasst hat und die sich auch darin ausdrückt, dass Menschen ständig Sorgen aussprechen, statt Hoffnungen zu formulieren. Wer jedoch hoffnungsvoll auf Veränderungen blickt, kann eine Fähigkeit trainieren, die man mit Robert Musil als „Möglichkeitssinn“ beschreiben könnte.

4. Veränderung ist nicht nur möglich, sondern beständig

Die Welt verändert verbessert sich schneller als vielen es bewusst ist. Gerade darin begründet sich ja die Angst derjenigen, die spüren, dass ihr Wissen an Bedeutung verliert. Der Bildungsforscher Andreas Schleicher formuliert den Wandel so: „Kompetenz ist die wichtigste Währung des 21. Jahrhunderts. Aber es ist eine Währung mit einem hohen Grad an Inflation.“ Der Inflationsprozess verläuft für ihn so: „Ich nutze meine Kompetenzen nicht. Die Welt verändert sich. Ich kann im Grunde jeden Tag weniger.“ (zitiert nach „Das Pragmatismus-Prinzip“)

Denkt man diesen Wandel zusammen mit dem oben erwähnten Generationenkonflikt ist man mitten drin in der zentralen Herausforderung dieser (und der kommenden Dekade): Autorität muss sich neu begründen. Lebensalter alleine ist in einer Zeit, die durch lebenslanges Lernen geprägt ist, keine Autoritätsbegründung mehr. Es geht vielmehr darum, wie man beständig mit dem Neuen und Verstörenden umgeht, ohne das Lernen nun mal nicht auskommt. Auf diese Überforderung gibt es zwei Reaktionsmuster: Man kann sich auf die vermeintlich bessere Vergangenheit und dort vermutete einfache Antworten zurückziehen (Früher weiß alles besser) oder man kann versuchen, eine Fähigkeit zu erlernen, die Christoph Kucklick „Überforderungsbewältigungskompetenz“ nennt und die ich dem Shruggie zugeschrieben habe: ein gestaltendes Schulterzucken.

5. Wir stecken mitten in einem wuchtigen Generationenkonflikt

Am Beginn der Dekade war oft die Rede vom digitalen Graben, der die Gesellschaft trennt. Mittlerweile hat er sich zu einem riesigen Problem ausgewachsen – wie sich in diesem Jahr an der Klimadebatte und an der Auseinandersetzung ums Urheberrecht gezeigt hat. Der Konflikt zwischen denen, die bewahren und jenen, die gestalten wollen, also „zwischen denen, die etabliert sind und jenen, die sich etwas herausnehmen, was anders ist und neu – und nicht selten als Angriff wahrgenommen wird. „Das gehört sich nicht“, sagen die Alten und sprechen von mangelnder Wertschätzung für die eigene Leistung. „Die machen nichts“, sagen die Jungen und sprechen von mangelndem Möglichkeitssinn und Gestaltungswillen.“

Ich glaube wir erleben gerade den Anfang dieser Auseinandersetzungen (mit Umweltsau und Ok Boomer) und daraus erwächst eine Herausforderung, die für das gesamte digitale Ökosystem gilt: Wir sollten weniger Recht haben müssen. Anders formuliert: Medienkompetenz ist immer auch Streitkompetenz – und damit die Fähigkeit, Dinge aus der Perspektive eines anderen zu betrachten.

6. Aufmerksamkeit ist die wichtigste Währung der Gegenwart

„In einer Welt voller Informationen bedeutet diese Fülle zugleich einen Mangel an etwas anderem: eine Knappheit von dem, was Informationen verbrauchen. Was das ist, liegt auf der Hand: Informationen verbrauchen die Aufmerksamkeit ihrer Empfänger. Folglich erzeugt ein Reichtum an Informationen eine Armut an Aufmerksamkeit.“ Dieses Zitat stammt aus dem Jahr 1972 vom Sozialwissenschaftler Herbert Simon. Und es beschreibt das Verhältnis von Information und Aufmerksamkeit in einem Zeitalter, in dem Publikationsmittel demokratisiert werden. Jede und jeder kann publizieren. Die spannende Frage ist heute nicht mehr, wer sich öffentlich äußert, sondern wer gehört wird. Und damit kommen wir zum ersten Punkt der Liste zurück und zu der ganz persönlichen Frage: Wem schenkst du Aufmerksamkeit?

Diese Dekade hat uns vor Augen geführt, dass in der Antwort auf diese Frage eine politische Ebene stecken kann – das gilt für den Umgang mit weltweitem Terror und für die Debatte um Ok Boomer. Wer auf diese Weise auf das Zusammenspiel von Information und Aufmerksamkeit blickt, kommt nicht umhin festzustellen:

7. Kontext schlägt Content: Meta-Daten sind die unterschätzten Treiber des Jahrzehnts

Wir haben bei der Betrachtung der digitalen Kopie in den Zehnerjahren einen Fehler gemacht. Wir haben stets auf den Inhalt geschaut und gedacht, die Kopie sei ein Raub am Original. Wir hätten vielmehr und viel früher den Blick auf das richten sollen, was beim Kopieren neu entsteht: die Metadaten. Dann hätten wir erkannt: „Die Kopie raubt nicht Content, sie produziert: Kontext!“ (zitiert nach Meta!)

Die Beziehung von Inhaltsdaten zueinander kann wertvoller sein als die Inhaltsdaten selber – das hat nicht zuletzt Edward Snowden mit seinen Enthüllungen der Welt vor Augen geführt. Auf dieser Beobachtung basiert aber auch der Plattform-Kapitalismus, der diese Dekade geprägt hat. Sie erklärt, warum Kontext-Anbieter mächtiger geworden sind als Inhalte-Anbieter.

8. Der Durchschnitt als dominantes Prinzip verliert an Bedeutung

Die Macht des Kontext greift auch ein Konzept an, das Chris Anderson mal als „Diktat des kleinsten gemeinsamen Nenners“ beschrieben hat: die Mainstream- oder Durchschnittskultur, die auf dem Prinzip „Ein Sender – eine Botschaft – viele Empfänger“ basiert. Diese Form der Massenkultur hat das 20. Jahrhundert geprägt. Das 21. Jahrhundert hingegen ist von einer massenhaften Nischenkultur geprägt, die eine Segmentierung der Öffentlichkeit nach sich zieht: Ich nenne es „Das Ende des Durchschnitts„, denn eben durch Metadaten können nicht nur Botschaft nach Empfänger gefiltert werden, sie werden zum Teil auch erst durch die Metadaten des Empfängers geschaffen.

Spotify zeigt mit seinem Daily Drive genannten Versuch, Musik und Wortbeiträge auf die Interessen der Hörer*innen zuzuschneiden, wie sich die Idee des „Beste Hits“-Radios in Zukunft verändern wird. Viele weitere Bereiche werden von dieser Entwicklung betroffen sein, die in den vergangenen zehn Jahren ihren Anfang nahm.

9. Ohne digitale Kopie keine Digitalisierung

Ich nenne sie die historische Ungeheuerlichkeit und sehe in der Kopie die Grundlage für das, was wir digitale Transformation nennen. Die Möglichkeit, Inhalte identisch zu duplizieren, kann nicht hoch genug bewertet (ich würde sogar sagen gelobt) werden. Sie ist die Voraussetzung für die Versionierung von Inhalten (Kultur wird zur Software) und für den wachsenden Wert von Kontext. Meine Einschätzung ist: Wer die Kopie als Funktionsprinzip verstanden hat, erhält tieferen Einblick in die digitale Gegenwart. Denn die Kopie hat sich mittlerweile weit über das Ökosystem Internet hinaus bewegt und prägt die politische Kommunikation auf erstaunliche Weise. Limor Shifman spricht von der Memefizierung der Gegenwart und öffnet damit die Tür, um sowohl die kurzlebigen Hashtag-Debatten als auch die sehr grundlegenden Debatten-Trends zu verstehen.

Dass die Möglichkeit, nahezu kostenfrei Inhalte vom Träger zu lösen und zu vervielfältigen, auch ganze Geschäftsmodelle auf den Kopf stellt, kommt noch hinzu. Die Musik- und Medienbranche hat in den vergangenen zehn Jahren hier erstaunliche Wandlungen durchlaufen – und vieles spricht dafür, dass dies in den kommenden zehn Jahren weiter gehen wird. Eine der wenigen Konstanten, die ich dabei sehe: die Kopie wird nicht verschwinden.

10. Das Gegenteil könnte stimmen

Ich finde man kann keine glaubwürdige gegenwärtige Äußerung treffen, ohne deren Gegenteil mitzubedenken. Wer am Wahrheiten ist (s.o.), ist dies selbstverständlich gewöhnt, es lohnt sich aber immer wieder daran zu erinnern, dass das Gegenteil stimmen könnte. Kurt Tucholsky wird (vermutlich falscherweise) das Zitatz zugeschrieben, Toleranz sei der Verdacht, dass der andere Recht haben könnte. In diesem Sinne tolerant zu bleiben, scheint mir eine Voraussetzung für die offenen Gesellschaft (natürlich mit dem Verweis auf Popper und die Grenzen der Toleranz). Auszuhalten, dass man nicht immer nur Recht haben muss, lässt sich etwas wissenschaftlicher mit den Begriff „Ambiguitätstoleranz“ zusammenfassen. Das bedeutet auch, dass man anerkennt, dass die Gegenwart widersprüchlich ist, dass man am Anspruch stets alles richtig machen zu wollen, scheitern muss.

In diesem Sinne ist auch diese Liste zu lesen, die sich ihrer eigenen Unzulänglichkeit bewusst ist. Details zu den Punkten findet man in den Büchern, die ich in den vergangenen zehn Jahren veröffentlicht habe: „Mashup – Lob der Kopie“ (2011, Suhrkamp), „Eine neue Version ist verfügbar“ (2013, metrolit), „Meta – Das Ende des Durchschnitts“ (2017, Matthes&Seitz), „Das Pragmatismus-Prinzip“ (2018, Piper), „Gebrauchsanweisung für das Internet“ (2018, Piper)

Dieser Text ist Teil meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. In diesem Jahr sind in diesem Newsletter folgende Texte erschienen:
> 12 Dinge, die erfolgreiche Tiktoker tun (Dezember)
> Ambiguität der Aufmerksamkeit: Fallen Sie nicht noch mal auf Claas Relotius rein (November)
> 50 Dinge, die man zum 50. Geburtstag übers Internet wissen könnte (Oktober)
> Essen ist fertig – online (September)
> Handeln vs. Sein (August)
> #internetbriefmarke (Juli)
> Es bleibt was du tust (Juni)
> Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Mai)
> 70 Jahre Grundgesetz (April)
> Warum die Urheberechtsdebatte schon jetzt ein Fortschritt ist (März)
> Lesen Sie diesen Text – bevor es zu spät ist (Februar)
> Meinungsvirus: das bessere Bild für einen Shitstorm (Januar)

loading: Buzzard, das Online-Medium für Perspektiven-Vielfalt

„Demokratie braucht Diskurs“ sagen die Macher*innen von Buzzard, einer App, die Perspektiven-Vielfalt für ein demokratisches Miteinander bieten will. Dazu ist heute ein Crowdfunding gestartet, zu dem die Buzzard-Macher*innen den loading-Fragebogen beantwortet haben.

Was macht Ihr?
Wir arbeiten an einer Newsapp, die auf einen Blick Medien vom ganzen Meinungsspektrum im Überblick zeigt – unvoreingenommen und transparent. Wir wollen damit Menschen motivieren, sich wieder öfter mit anderen Positionen als der eigenen zu beschäftigen. Und einen neuen Blick auf die Nachrichtenwelt bieten.
Unser Prototyp war zwei Jahre lang erfolgreich, wurde mit zahlreichen Gründerpreisen und Förderungen ausgezeichnet. Jetzt arbeiten wir an einer Newsapp, die Perspektivenvielfalt im Alltag möglich macht. Jeden Tag, auf dem Smartphone, auch für Menschen, die wenig Zeit haben.
Um das möglich zu machen, starten wir zum 8. Dezember eine groß angelegte Crowdfundingkampagne. Unser Ziel: 4500 Unterstützer*innen und 250 000 Euro, um das erste Jahr des neuen Online-Mediums zu finanzieren. Jetzt, da unsere Prototyp-Phase abgeschlossen ist. Uns ist wichtig, dass wir uns über unsere Leserinnen und Leser finanzieren und so unabhängigen und werbefreien Journalismus machen können.
Im Rahmen der Crowdfunding-Kampagne sind wir zurzeit in ganz Deutschland unterwegs. Wir sprechen in Gründungszentren und Universitäten über Debattenkultur in Deutschland und stellen unsere App vor.

Warum macht Ihr es (so)?
Der Diskurs in Deutschland verroht. Politiker erhalten Mordrohungen, Shitstorms und Hassrede sind für viele Menschen Alltag und radikalen Worten folgen mittlerweile radikale Taten. Das kann nicht so weitergehen. Wir brauchen einen Diskurswandel. Wir brauchen Argumente statt Emotionen und sachlichen Diskurs statt Schubladendenken und Beleidigungen.
Und aus unserer Sicht haben Medien hier eine große Verantwortung. Denn Medien prägen, wie wir die Welt sehen. Und oftmals auch, wie wir über Andersdenkende urteilen. Deshalb reicht es nicht aus, wenn Journalist*innen sich über Hatespeech beschweren. Damit ist das Problem nicht gelöst. Wir als Journalistinnen und Journalisten müssen uns fragen, wo die Radikalisierung herkommt. Sie ist nicht zuletzt auch ein Medienproblem.
Was kann man tun? Unser Ansatz ist, Buzzard zu gründen. Denn ein Grund, warum viele Menschen immer weniger Geduld für andere Meinungen haben, ist, dass sie sich an die Bestätigung ihres eigenen Weltbildes gewöhnen. Viele Menschen sprechen im Alltag kaum noch mit Andersdenkenden. Fragen Sie mal einen Grünen-Wähler, wie oft er sich ernsthaft mit AfD-Wählern unterhält? Sehr selten. Daran muss sich etwas ändern.
Aber es wird sich nur ändern, wenn es möglich ist, sich im Alltag öfter mit Positionen von Andersdenkenden zu beschäftigen. Vielen Menschen fehlt dafür schlichtweg die Zeit. Deshalb braucht es dringend Buzzard.

Wer soll sich dafür interessieren?
Alle, die etwas dagegen tun wollen, dass der Diskurs immer weiter verroht und die Gesellschaft weiter auseinanderdriftet. Alle, die wieder sachlich diskutieren wollen, anstatt sich mit Beleidigungen niederschreien zu lassen. Alle, die sich für Meinungen und Perspektiven außerhalb ihrer Filterblasen interessieren. Und alle, die sich eine Welt wünschen, in der Menschen wieder mehr Verständnis füreinander haben.
Außerdem ist Buzzard auch einfach ein sehr nützliches Tool in der täglichen Nachrichtenflut. Wer Buzzard nutzt, spart Zeit. Zu wichtigen aktuellen Themen, kann man sich mit Buzzard innerhalb kürzester Zeit differenziert informieren, hat den Überblick und findet Meinungsbeiträge vom ganzen Meinungsspektrum ohne lange zu suchen. Buzzard hilft einem dadurch, im Alltag gelassener aufzutreten, interessantere Gespräche zu führen und neue Debatten anzustoßen, öfter die Punkte nennen zu können, von denen andere sagen: Wow, so habe ich das noch nie gesehen.

Wie geht es weiter?
Alles entscheidet sich jetzt mit der aktuellen Crowdfunding-Kampagne. Mit ihr steht und fällt Buzzard. Wenn wir unser Ziel von 4500 Unterstützer*innen erreichen, können wir als werbefreies und unabhängiges Journalismus-Projekt weiterarbeiten. Ist die Kampagne erfolgreich, geht im Frühjahr 2020 die Buzzard-App an den Start, die Nachrichtenleser*innen täglich den Überblick bietet und die Möglichkeit den eigenen Horizont zu erweitern.
Mit dem Budget von 250 000 Euro bezahlen wir die Tagesredaktion sowie Entwicklung und Design für ein Jahr. Alle Ausgaben sind transparent einsehbar. Es geht uns nicht um Profit, sondern um Kostendeckung.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Öfter abseits der eigenen Blase unterwegs zu sein, hat nichts mit Idealismus oder Gutmenschentum zu tun. Und es ist auch kein „Nice-to-Have“. Es ist essentiell. Wir brauchen einen vernünftigen, differenzierten Überblick über das Weltgeschehen, wenn wir vernünftige Entscheidungen treffen wollen.

>>> Das Projekt hier unterstützen

Update: Übermedien berichtet über Kritik am Projekt
Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen: Freiheit zum Andersdenken, Unser Land, unsere Regeln, Was wäre wenn Seehofer Recht hätte?, Streiten lernen, Warum ich nicht mehr an den Masterplan glaube – und natürlich beim Shruggie ¯\_(ツ)_/¯.

Witze erklären

Gudrun Kirfel hat geantwortet. Vor ein paar Wochen hatten die Space Frogs gefragt, welche Vertreter*in der „klassischen Medien Altmedien“ sie besuchen und Memes angucken möchte. Und heute nun ist das Video online gegangen, in dem die Space Frogs versuchen Memes zu erklären.

Das machen sie leider viel schlechter als ihre sonstigen Videos. Denn natürlich ist es nahezu unmöglich, Referenz-Witze (und was anderes sind Memes ja meist nicht) zu erklären ohne dabei die Witze kaputt zu machen. Das kann eigentlich nur der Twitter-Account WitzigWeil, der selber schon wieder ein schönes Beispiel für ein Meme ist. Und darin liegt das Hauptproblem in dem kurzen Clip: Die Space Frogs zeigen fast ausschließlich Referenz-Witze, bei denen die Referenzen nicht im deutschsprachigen Raum liegen. Das macht das Erklären dann nochmal schwieriger.

Dabei stellt man am Ende des Videos fest, dass es eine sehr leichte Brücke gegeben hätte, über die Gudrun Kirfel und die Space Frogs hätten gehen können. Denn Gudrun Kirfel zeigt den beiden am Ende einen Ausschnitt aus ihrer Arbeit – und die funktioniert vergleichbar zum Prinzip der Memes. In der Rubrik ausgezappt werden aktuelle Geschehnisse referenziert und eingeordnet. Und das machen Memes eben auch – nur für eine andere Nutzer*innenschaft und mit anderen Referenzen. So entsteht eine Art Geheimsprache, die ihren Wert eben daraus zieht, dass es Menschen gibt, die die Referenz gerade nicht verstehen.

Insofern ist das Video wiederum ein sehr guter Beweis für die Funktionalität von Memes – das hätte man aber auch einfach einmal sagen können…

Mehr über Memes hier im Blog

Ringlicht – der Gegenstand der digitalen Gegenwart

Der Selfiestick steht vor einem riesigen Problem: das beliebteste Symbol für die vermeintlich selbstbezügliche Gegenwartskultur wackelt, nicht mehr lang und der Selfiestick wird fallen. Rausfallen aus all den kulturpessimistischen Analysen, die mit Hilfe des Selfiesticks illustrieren, wie Ich-bezogen die Jugend, das Internet und überhaupt die Gesellschaft doch sei. Wer diesen Eindruck auf einfache Weise erwecken will, muss lediglich hier oder da einen Selfiestick auftauchen lassen. Schon ist klar: die auf diese Weise beschriebene Person muss dümmer sein als man selbst.

Unter Druck gerät der Selfiestick nicht etwa durch die Erkenntnis, dass Kulturpessimismus auf Dauer langweilig ist – sondern durch eine technische Erfindung, die bisher nicht mal einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat, für mich aber durchaus so etwas wie der Gegenstand der Gegenwart ist. Ich spreche von einem Ringlicht (hier Beispiel-Foto von Unsplash). Das Ring-Light wird in der Fotografie eingesetzt, um so genannte Beauty-Shots, Makro-Aufnahme und vor allem Porträts schattenfrei zu beleuchten. In der Mitte der Ringleuchte wird die Kamera angebracht, so dass vor der Linse kein Schatten das Bild stört. In den Augen der auf diese Weise fotografierten Person erkennt man das Ringlicht dann in der Spiegelung in den Pupillen.

Außer bei professionellen Fotograf*innen leuchtet das Ringlicht vor allem bei Menschen, die gerne gut ausgeleuchtete Kurzfilme und Porträts erstellen. Instagram und vor allem Tiktok machen ohne Ringlicht nur halb so viel Spaß bzw. die Bilder, die man dort hochladen kann, sind ohne die Ringleuchte nur halb so schön. Diese Popularität wird meiner Meinung nach dazu führen, dass schon bald erste Kulturpessimist*innen dazu übergehen werden, ihr Unwohlsein an der Gegenwart nicht mehr an Selfiesticks zu illustrieren – sondern am Ringlicht.

Wenn es dann so weit ist, kann man diesen Text verlinken – mit dem Hinweis darauf, dass die Verbesserung von Bildern keineswegs ein Ausdruck für den Niedergang der Kultur ist, sondern schon im 18. Jahrhundert praktiziert wurde – wie man am Beispiel des Claude-Glass nachlesen kann.

Mehr zum Thema Tiktok hier in den Digitalen Notizen: Was ich nach 24 Stunden TikTok gelernt habe (es waren fast 24 Stunden)

50 Dinge, die man zum 50. Geburtstag übers Internet wissen könnte (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

1. Am 29.10.1969 wurde das erste Mal eine Verbindung über den Internet-Vorläufer Arpanet hergestellt. Zeit für eine kleine Jubiläumsliste ( Foto: Unsplash): Was man übers Internet wissen könnte!
2. Das Internet ist die grundlegende Infrastruktur für die Vernetzung. Sie ist die Voraussetzung für viele anderen Anwendungen.
3. Das Web ist die vermutlich bekannteste Anwendung, die das Internet nutzt. Es gibt aber noch zahlreiche weitere Anwendungen. Um das Web nutzen zu können, braucht man einen Internet-Browser.
4. Als Faustregel kann man sich merken: Das Internet vernetzt Computer – das Web vernetzt Inhalte.
5. Die wichtigste Erfindung im Web ist der Link. Von Goethe stammt das Zitat „Das Wichtigste sind die Bezüge. Sie sind alles.“ Im Web kann man erleben, was dies bedeutet.
6. Was der Link fürs Web, ist das Kabel fürs Internet. Die bekanntesten Internetkabel liegen unter dem Meer und verbinden Kontinente miteinander. Ohne Kabel kein Internet, sie dienen der Übertragung von Daten.
7. In Wahrheit werden die Daten aber nicht übertragen, sondern kopiert. Kevin Kelly spricht deshalb von der „Kopiermaschine Internet“.
8. Ich glaube deshalb, dass die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie zu den zentralen Treibern dessen gehört, was man digitalen Wandel nennt.
9. „Man kann nicht nicht kopieren.“ Und die Kopie ist lobenswert.
10. Am schnellsten können Daten kopiert werden, die über Glasfaserkabel übertragen werden.

11. Die Signalverarbeitung einer Verbindung wird als Bandbreite bezeichnet. Besonders hohe Übertragungsraten werden als Breitband beschrieben.
12. Die Versorgung des Landes nennt man deshalb Breitbandausbau.
13. Um alte Kupferkabel nicht durch Glasfaserkabel ersetzen zu müssen, gibt es den Ansatz Kupferkabel durch so genanntes Vectoring aufzurüsten.
14. Schon in den 1980er Jahren gab es Pläne, Deutschland flächendeckend mit Glasfaserkabeln auszustatten. Diese wurden aber mit dem Ende der sozial-liberalen Koalition nicht weiterverfolgt.
15. In Südkorea, das heute als eines der Länder mit der besten Internet-Infrastruktur gilt, hat man sich schon früh für Glasfaser entschieden. Dort wurden die Kabel aber nicht überall unter der Erde verlegt. In der Hauptstadt Seoul sieht man viele Kabel, die wie Stromkabel über die Straße gehängt werden.
16. Auch kabelloses Internet, so genanntes WLAN, braucht diese Kabel. Denn auch die Funkmasten sind mit Kabeln verbunden.
17. Außer den Kabeln benötigt das Internet drei weitere zentrale Bestandteile: Server, Router und das Endgerät, über das die Nutzer*innen ins Internet gehen.
18. In den 1990er Jahren gab es einen Werbespot mit dem Tennissspieler Boris Becker, in dem dieser sich mit einem Endgerät mit dem Internet verbindet und dann erstaunt fragt: „Bin ich schon drin?“
19. Texte über das Internet kommen in diesem Land nicht ohne diese Referenz aus. Ebenfalls verpflichtend für alle, die planen übers Internet zu schreiben: eine Referenz zu Angela Merkels Satz vom Neuland. Was hiermit erledigt ist.
20. Die Router sind die Lotsen ins Internet. Sie haben vermutlich auch einen Router in ihrem Wohnung stehen – er ist Ihre Verbindung ins Internet. Da das Internet ein Netzwerk ist, sind Sie dank des Routers auch immer Teilnehmer*in. Das Internet ist keine Einbahnstraße, sie sind nicht drin, sondern dabei.

21. Wie Sie persönlich dabei sind, können Sie über ihr so genannte IP-Adresse z.B. über utrace.de nachverfolgen.
22. Im Zusammenspiel von Kabeln, Servern, Routern und Endgeräten sind die Kabel die unterste Ebene des Austauschs. Würde man das Internet mit dem Versand eines Papierbriefes vergleichen (was ich in der „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tue), wären die Kabel die Transporter oder LKW.
23. Die Router entsprechen den Verteilzentren der Post, sie schicken die Daten jeweils auf Teilstrecken, bis sie erneut auf Router treffen. Der Server (engl. für »Diener«) schließlich ist der Briefkasten, in den und aus dem Absender und Empfänger (also die Endgeräte) den Brief stecken und herausnehmen.
24. Die Art der Zusammenarbeit wird über so genannte Protokolle geregelt. Diese kann man sich vorstellen wie das diplomatische Protokoll bei einem Staatsempfang. Sie schaffen eine Art Grammatik fürs Internet.
25. Der Austausch von Informationen wird über das so genannte Client-Server-Modell geregelt.
26. Der Server hält Informationen bereit, die der Client nach bestimmten Regeln abrufen kann.
27. Häufig werden Server in Schränken, sogenannten Racks, gestapelt, die wiederum so zahlreich sind, dass man von Serverfarmen spricht und zum Vergleich mit Fußballfeldern greift, um ihre Größe zu beschreiben.
28. Das Netzwerk, das wir als Internet kennen, basiert auf dem so genannten Prinzip der Paketvermittlung. Das heißt: Inhalte werden in Pakete zerlegt und über sehr viele unterschiedliche Wege transportiert und erst am Ende wieder zusammengefügt.
29. Die kleinen Pakete werden unabhängig von ihrem Inhalt alle gleich behandelt. Das meint der Begriff der sogenannten Netzneutralität. Das Netzwerk priorisiert den Versand nicht, es schafft lediglich die Verbindung.
30. Ein Dienst, der dieses Netzwerk nutzt, ist zum Beispiel E-Mail. Das Besondere an Mail: diese Verbindung kommt ohne zentrale Instanz aus, sie ermöglicht den Austausch zwischen völlig unterschiedlichen Partnern. Das ist ein großer Unterschied zu den Kommunikationsangeboten großer Dienste wie Facebook.

31. Es ist ohnehin wichtig zu betonen: Das Internet ist viel mehr als Google oder Facebook – auch wenn die großen Firmen das Internet heute dominieren. Man spricht in einem Akronym von der Übermacht von GAFAM (Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft).
32. Der besondere Zauber des Internet basiert darauf, dass es ein dezentrales Netzwerk ist, das ohne Zentrale auskommt. Bei der Verbindung ist dem Internet egal, welche Sprache, Betriebssystem oder Lebensalter ein Computer hat: es verbindet diese einfach.
33. Ich habe das Internet als grundlegende Infrastruktur gelegentlich als Ausdruck für eine Haltung beschrieben, die ohne Ausgrenzung und Nationalismen auskommen.
34. Das heißt nicht, dass diese auf der Anwendungsebene durchaus noch zu sehen sind. Aber eigentlich gilt: „Wer sich und seine Heimat ernsthaft für etwas Bessere hält, darf das Internet eigentlich nicht benutzen – seine bloße Existenz beweist nämlich, dass die Idee von Ausgrenzung und Distinktion überholt ist.“
35. Seine Existenz verdankt das Internet einem Projekt der „Advanced Research Projects Agency“ des US-Militärs. Deshalb hieß der Vorläufer des heutigen Internet Arpanet – und ging in diesem Oktober vor 50 Jahren ins Netz.
36. Im Raum 3420 der UCLA in Los Angeles wurde erstmals eine Verbindung zu anderen Rechnern hergestellt. Im empfehlenswerten Film „Wovon träumt das Internet?“ von Werner Herzog wird dieser Moment ausführlich in Szene gesetzt.
37. Im März 1989 schrieb Tim Berners-Lee einen Förderantrag im CERN in Genf, aus dem das hervorging, was viele heute für das Internet halten: das World Wide Web. Das Ziel des WWW ist es, Wissen miteinander zu verbinden.
38. Internet und Web haben einen grundlegenden Wandel in der Gesellschaft ansgestossen. Der Schweizer Kulturwissenschaftler Felix Stalder zeichnet in seinem Buch „Kultur der Digitalität“ drei grundlegende Entwicklungslinien. Diese sind: Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität.
39. Im Jahr 2004 kam erstmals der Begriff Web 2.0 auf. Tim O’Reilly definierte in einem Grundlagentext sechs Eigenschaften: „Web 2.0 wird erstens als eine Plattform betrachtet, es setzt zweitens auf die sogenannte Weisheit der vielen (Folksonomy statt Taxonomie), die Nutzer werden drittens als Mitarbeiter ohne Bezahlung eingespannt. Viertens wird Software eingesetzt, die über einzelne Gerätekategorien hinaus anwendbar ist, Daten sind fünftens wichtiger als Design, und es greift sechstens der sogenannte Long Tail. Unter diesem Titel (Der lange Schwanz) hat Chris Anderson ein Buch veröffentlicht, das beschreibt wie durch das Internet auch Nicht-Bestseller zu Verkaufserfolgen werden – weil sie eben sehr lange genutzt werden können.“
40. Als Schlagwort wird Web 2.0 vor allem als Oberbegriff für aktive Nutzer*innen verstanden. Es bildet die Grundlage für den Trend des Prosumers – und drückt sich vor allem auch in so genannten sozialen Medien aus wie Twitter oder Facebook aus.

41. Ein besonders Beispiel für diese Form der Beteiligungskultur ist die Enzyklopädie Wikipedia, an der man die Verflüssigung der Kultur beschreiben kann. Sie zeigt, wie Kultur zu Software wird.
42. Durch die aktiven Nutzer*innen entstand auch einen neue Form von Kultur. Der so genannten Meme-Kultur des Internet sind zum Beispiel auch kreative Anwendungsformen von Buchstaben und Symbolen zu verdanken – der Shruggie steht z.B. nicht nur für das Gefühl, online zu sein. Ich glaube sogar, dass er eine eigenen Philosophie ausdrückt.
43. Schon im Jahr 1996 formulierte der Internetforscher Nicholas Negroponte eine Befürchtung, die die Schattenseiten des Internet betrifft: „Wenn Sie mich fragen“, sagte er in einem Interview, „ist das die dunkle Seite des Internets, die wir auch sehr genau beobachten müssen. Die Privatsphäre mag in der Welt von Bits leichter erreichbar sei als in der Welt von Atomen, aber wenn wir nicht aufpassen, können wir sie auch schneller verlieren.“
44. Negropontes Buch „Total Digital“ stammt zwar aus den 1990er Jahren, zählt aber mit zum Besten, was man über die Digitalisierung lesen kann.
45. Der Kampf für Datenschutz gegen staatliche und kommerzielle Überwachung ist der Antrieb für eine neue Form von NGOs, die durch das Internet entstanden sind. EFF, Netzpolitik oder La Quadratur du Net sind Beispiele für eine digitale Zivilgesellschaft, die Ausdruck auch in der Gründung der Piratenpartei oder in Demonstrationen wie im Frühjahr gegen die europäische Urheberrechtsreform fand.
46. Diese Demonstrationen und die Debatte zum Beispiel um das Rezo-Video im Frühjahr zeigen, dass die Unterscheidung, die Marc Prensky 2001 getroffen hat, immer noch trennt – Eingeborene und Zugereiste des Digitalzeitalters. Es ist eine bedeutsame Aufgabe, diesen digitalen Graben nicht wachsen zu lassen.
47. Ein wichtiger Ansatz dafür, ist ein gelassener – ich schlage vor kulturpragmatischer – Blick auf das in Wahrheit gar nicht mehr so neue Medium Internet. Das bezieht sich vor allem auf das aktuell populärste Endgerät: das Smartphone, dessen Umgang die Gesellschaft einüben, aber nicht weiter verteufeln sollte.
48. Vielleicht ist es auch eine Idee, das Internet als Heimat zu denken – in Form einer Internet-Straße oder zumindest in Form einer Jubiläumsbriefmarke.
49. In jedem Fall ist das Internet in seinem 50sten Jahr viel umfassender und breiter geworden als jemals gedacht. Es hat tiefgreifende gesellschaftliche Transformationen ausgelöst, die rein technologisch nicht gelöst werden können. Es braucht auch einen kulturellen Wandel.
50. Diesem Wandel könnte man zum Beispiel Rechnung tragen, in dem die Bundesregierung – vergleichbar dem Umweltministerium – ein Querschnitts-Ressort einführt, das den Titel „Bundesministerium für Internet und Digitalen Wandel“ tragen könnte.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann. Ergebnis dieses Denkens war zum Beispiel das Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“, das bei Piper erschienen ist.

In diesem Newsletter sind schon häufiger Beiträge über das Internet erschienen – z.B. „Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Mai 2019), „Was ist dein Bild vom Internet?“ (August 2018), „Altland – eigentlich sollten wir online sein“ (April 2018). Das Thema findet sich aber auch in anderen Beiträgen im Blog – wie z.B. Deutschland und das Internet oder Wer nur am Rand hockt, braucht kein Wasser im Pool

Vinyl-Begeisterung für vier Prozent

Schallplatten sind eine tolle Sache. Mindestens um wehmütige Erinnerungen an die Zeit zu stimulieren „als Musik noch richtig groß war“ – wie Olli Schulz singt. Vinyl-Schallplatten sind aber vor allem eine tolle Projektionsfläche (Foto: unsplash). Gerade kann man das an einer Meldung sehen, die die amerikanische Musikindustrie als PDF verschickt hat: „Mid Year Report“ heißt der Halbjahresbericht, aus dem in den vergangenen Tagen erstaunliche Aussagen geformt wurden: „Vinyl liegt im Trend“ (stern), „Der Vinyl-Boom will nicht enden“ (Musikexpress) und „Das schwarze Gold erlebt einen Aufschwung“ (Tagesspiegel) konnte man in Texten lesen, die mit wohligem Retro-Charme an die Zeit vor Streaming-Diensten und Internet erinnerten. Inspiriert wurden diese Trend-Behauptungen von der Beobachtung, dass es sein könnte, dass mit Ablauf des Jahres 2019 in den USA mit Vinyl mehr Geld verdient wird als mit CDs.

Wohlgemerkt: Es könnte sein, dass es so kommt. Denn aktuell wird mit CDs noch mehr Geld verdient. Der CD-Umsatz schrumpft allerdings, der mit Vinyl wächst leicht. In den Worten des Mid-Year-Reports liest sich das so:

Net revenues from physical products bucked the recent trend in unit sales and grew 5% to $485 million in 1H 2019; however, this growth was the result of a reduction in physical product returns, and on a gross basis the revenues from physical product would have been down for the period. Vinyl albums grew 13% to $224 million, but still only accounted for 4% of total revenues in 1H 2019.

Egal wie gut man Englisch spricht: Diese Aussage ist nur ganz schwer in das Wort „Vinyl-Boom“ zu übersetzen. Vier Prozent vom gesamten US-amerikanischen Musikkuchen (Grafik aus dem Mid-Year-Report) fallen auf Vinyl-Schallplatten. Nimmt man die CDs als weitere physische Produkte dazu kommt man auf neun Prozentpunkte. Erstaunlich daran: dieser Anteil entspricht dem, was die US-Musikindustrie mit digitalen Downloads erwirtschaftet. Ob das allerdings für die Begriffe „Trend“ oder „Boom“ reicht? Der Report selber sieht das nicht so. Dort steht eine andere Entwicklung zentral:

In the first half of 2019, the U.S. recorded music market continued the overall trends and double digit growth rates of 2018. Revenue increases were driven by the number of paid subscriptions exceeding 60 million for the first time.

Von „paid subscriptions“ kann man allerdings in keiner der zitierten Meldungen lesen. Dort steht nichts darüber, was es bedeutet, dass diese Form des Musikkonsums wächst. Obwohl dieser Bereich zu dem größten Stück im Musikkuchen zählt, der in der Grafik als „Streaming“ zusammengefasst wird: 80 Prozent umfasst dieser Bereich. Ob das schon für eine Meldung über einen Trend oder einen Boom ausreicht?