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Ringlicht – der Gegenstand der digitalen Gegenwart

Der Selfiestick steht vor einem riesigen Problem: das beliebteste Symbol für die vermeintlich selbstbezügliche Gegenwartskultur wackelt, nicht mehr lang und der Selfiestick wird fallen. Rausfallen aus all den kulturpessimistischen Analysen, die mit Hilfe des Selfiesticks illustrieren, wie Ich-bezogen die Jugend, das Internet und überhaupt die Gesellschaft doch sei. Wer diesen Eindruck auf einfache Weise erwecken will, muss lediglich hier oder da einen Selfiestick auftauchen lassen. Schon ist klar: die auf diese Weise beschriebene Person muss dümmer sein als man selbst.

Unter Druck gerät der Selfiestick nicht etwa durch die Erkenntnis, dass Kulturpessimismus auf Dauer langweilig ist – sondern durch eine technische Erfindung, die bisher nicht mal einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat, für mich aber durchaus so etwas wie der Gegenstand der Gegenwart ist. Ich spreche von einem Ringlicht (hier Beispiel-Foto von Unsplash). Das Ring-Light wird in der Fotografie eingesetzt, um so genannte Beauty-Shots, Makro-Aufnahme und vor allem Porträts schattenfrei zu beleuchten. In der Mitte der Ringleuchte wird die Kamera angebracht, so dass vor der Linse kein Schatten das Bild stört. In den Augen der auf diese Weise fotografierten Person erkennt man das Ringlicht dann in der Spiegelung in den Pupillen.

Außer bei professionellen Fotograf*innen leuchtet das Ringlicht vor allem bei Menschen, die gerne gut ausgeleuchtete Kurzfilme und Porträts erstellen. Instagram und vor allem Tiktok machen ohne Ringlicht nur halb so viel Spaß bzw. die Bilder, die man dort hochladen kann, sind ohne die Ringleuchte nur halb so schön. Diese Popularität wird meiner Meinung nach dazu führen, dass schon bald erste Kulturpessimist*innen dazu übergehen werden, ihr Unwohlsein an der Gegenwart nicht mehr an Selfiesticks zu illustrieren – sondern am Ringlicht.

Wenn es dann so weit ist, kann man diesen Text verlinken – mit dem Hinweis darauf, dass die Verbesserung von Bildern keineswegs ein Ausdruck für den Niedergang der Kultur ist, sondern schon im 18. Jahrhundert praktiziert wurde – wie man am Beispiel des Claude-Glass nachlesen kann.

Mehr zum Thema Tiktok hier in den Digitalen Notizen: Was ich nach 24 Stunden TikTok gelernt habe (es waren fast 24 Stunden)

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50 Dinge, die man zum 50. Geburtstag übers Internet wissen könnte (Digitale Oktober-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

1. Am 27.10.1969 wurde das erste Mal eine Verbindung über den Internet-Vorläufer Arpanet hergestellt. Zeit für eine kleine Jubiläumsliste ( Foto: Unsplash): Was man übers Internet wissen könnte!
2. Das Internet ist die grundlegende Infrastruktur für die Vernetzung. Sie ist die Voraussetzung für viele anderen Anwendungen.
3. Das Web ist die vermutlich bekannteste Anwendung, die das Internet nutzt. Es gibt aber noch zahlreiche weitere Anwendungen. Um das Web nutzen zu können, braucht man einen Internet-Browser.
4. Als Faustregel kann man sich merken: Das Internet vernetzt Computer – das Web vernetzt Inhalte.
5. Die wichtigste Erfindung im Web ist der Link. Von Goethe stammt das Zitat „Das Wichtigste sind die Bezüge. Sie sind alles.“ Im Web kann man erleben, was dies bedeutet.
6. Was der Link fürs Web, ist das Kabel fürs Internet. Die bekanntesten Internetkabel liegen unter dem Meer und verbinden Kontinente miteinander. Ohne Kabel kein Internet, sie dienen der Übertragung von Daten.
7. In Wahrheit werden die Daten aber nicht übertragen, sondern kopiert. Kevin Kelly spricht deshalb von der „Kopiermaschine Internet“.
8. Ich glaube deshalb, dass die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie zu den zentralen Treibern dessen gehört, was man digitalen Wandel nennt.
9. „Man kann nicht nicht kopieren.“ Und die Kopie ist lobenswert.
10. Am schnellsten können Daten kopiert werden, die über Glasfaserkabel übertragen werden.

11. Die Signalverarbeitung einer Verbindung wird als Bandbreite bezeichnet. Besonders hohe Übertragungsraten werden als Breitband beschrieben.
12. Die Versorgung des Landes nennt man deshalb Breitbandausbau.
13. Um alte Kupferkabel nicht durch Glasfaserkabel ersetzen zu müssen, gibt es den Ansatz Kupferkabel durch so genanntes Vectoring aufzurüsten.
14. Schon in den 1980er Jahren gab es Pläne, Deutschland flächendeckend mit Glasfaserkabeln auszustatten. Diese wurden aber mit dem Ende der sozial-liberalen Koalition nicht weiterverfolgt.
15. In Südkorea, das heute als eines der Länder mit der besten Internet-Infrastruktur gilt, hat man sich schon früh für Glasfaser entschieden. Dort wurden die Kabel aber nicht überall unter der Erde verlegt. In der Hauptstadt Seoul sieht man viele Kabel, die wie Stromkabel über die Straße gehängt werden.
16. Auch kabelloses Internet, so genanntes WLAN, braucht diese Kabel. Denn auch die Funkmasten sind mit Kabeln verbunden.
17. Außer den Kabeln benötigt das Internet drei weitere zentrale Bestandteile: Server, Router und das Endgerät, über das die Nutzer*innen ins Internet gehen.
18. In den 1990er Jahren gab es einen Werbespot mit dem Tennissspieler Boris Becker, in dem dieser sich mit einem Endgerät mit dem Internet verbindet und dann erstaunt fragt: „Bin ich schon drin?“
19. Texte über das Internet kommen in diesem Land nicht ohne diese Referenz aus. Ebenfalls verpflichtend für alle, die planen übers Internet zu schreiben: eine Referenz zu Angela Merkels Satz vom Neuland. Was hiermit erledigt ist.
20. Die Router sind die Lotsen ins Internet. Sie haben vermutlich auch einen Router in ihrem Wohnung stehen – er ist Ihre Verbindung ins Internet. Da das Internet ein Netzwerk ist, sind Sie dank des Routers auch immer Teilnehmer*in. Das Internet ist keine Einbahnstraße, sie sind nicht drin, sondern dabei.

21. Wie Sie persönlich dabei sind, können Sie über ihr so genannte IP-Adresse z.B. über utrace.de nachverfolgen.
22. Im Zusammenspiel von Kabeln, Servern, Routern und Endgeräten sind die Kabel die unterste Ebene des Austauschs. Würde man das Internet mit dem Versand eines Papierbriefes vergleichen (was ich in der „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tue), wären die Kabel die Transporter oder LKW.
23. Die Router entsprechen den Verteilzentren der Post, sie schicken die Daten jeweils auf Teilstrecken, bis sie erneut auf Router treffen. Der Server (engl. für »Diener«) schließlich ist der Briefkasten, in den und aus dem Absender und Empfänger (also die Endgeräte) den Brief stecken und herausnehmen.
24. Die Art der Zusammenarbeit wird über so genannte Protokolle geregelt. Diese kann man sich vorstellen wie das diplomatische Protokoll bei einem Staatsempfang. Sie schaffen eine Art Grammatik fürs Internet.
25. Der Austausch von Informationen wird über das so genannte Client-Server-Modell geregelt.
26. Der Server hält Informationen bereit, die der Client nach bestimmten Regeln abrufen kann.
27. Häufig werden Server in Schränken, sogenannten Racks, gestapelt, die wiederum so zahlreich sind, dass man von Serverfarmen spricht und zum Vergleich mit Fußballfeldern greift, um ihre Größe zu beschreiben.
28. Das Netzwerk, das wir als Internet kennen, basiert auf dem so genannten Prinzip der Paketvermittlung. Das heißt: Inhalte werden in Pakete zerlegt und über sehr viele unterschiedliche Wege transportiert und erst am Ende wieder zusammengefügt.
29. Die kleinen Pakete werden unabhängig von ihrem Inhalt alle gleich behandelt. Das meint der Begriff der sogenannten Netzneutralität. Das Netzwerk priorisiert den Versand nicht, es schafft lediglich die Verbindung.
30. Ein Dienst, der dieses Netzwerk nutzt, ist zum Beispiel E-Mail. Das Besondere an Mail: diese Verbindung kommt ohne zentrale Instanz aus, sie ermöglicht den Austausch zwischen völlig unterschiedlichen Partnern. Das ist ein großer Unterschied zu den Kommunikationsangeboten großer Dienste wie Facebook.

31. Es ist ohnehin wichtig zu betonen: Das Internet ist viel mehr als Google oder Facebook – auch wenn die großen Firmen das Internet heute dominieren. Man spricht in einem Akronym von der Übermacht von GAFAM (Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft).
32. Der besondere Zauber des Internet basiert darauf, dass es ein dezentrales Netzwerk ist, das ohne Zentrale auskommt. Bei der Verbindung ist dem Internet egal, welche Sprache, Betriebssystem oder Lebensalter ein Computer hat: es verbindet diese einfach.
33. Ich habe das Internet als grundlegende Infrastruktur gelegentlich als Ausdruck für eine Haltung beschrieben, die ohne Ausgrenzung und Nationalismen auskommen.
34. Das heißt nicht, dass diese auf der Anwendungsebene durchaus noch zu sehen sind. Aber eigentlich gilt: „Wer sich und seine Heimat ernsthaft für etwas Bessere hält, darf das Internet eigentlich nicht benutzen – seine bloße Existenz beweist nämlich, dass die Idee von Ausgrenzung und Distinktion überholt ist.“
35. Seine Existenz verdankt das Internet einem Projekt der „Advanced Research Projects Agency“ des US-Militärs. Deshalb hieß der Vorläufer des heutigen Internet Arpanet – und ging in diesem Oktober vor 50 Jahren ins Netz.
36. Im Raum 3420 der UCLA in Los Angeles wurde erstmals eine Verbindung zu anderen Rechnern hergestellt. Im empfehlenswerten Film „Wovon träumt das Internet?“ von Werner Herzog wird dieser Moment ausführlich in Szene gesetzt.
37. Im März 1989 schrieb Tim Berners-Lee einen Förderantrag im CERN in Genf, aus dem das hervorging, was viele heute für das Internet halten: das World Wide Web. Das Ziel des WWW ist es, Wissen miteinander zu verbinden.
38. Internet und Web haben einen grundlegenden Wandel in der Gesellschaft ansgestossen. Der Schweizer Kulturwissenschaftler Felix Stalder zeichnet in seinem Buch „Kultur der Digitalität“ drei grundlegende Entwicklungslinien. Diese sind: Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität.
39. Im Jahr 2004 kam erstmals der Begriff Web 2.0 auf. Tim O’Reilly definierte in einem Grundlagentext sechs Eigenschaften: „Web 2.0 wird erstens als eine Plattform betrachtet, es setzt zweitens auf die sogenannte Weisheit der vielen (Folksonomy statt Taxonomie), die Nutzer werden drittens als Mitarbeiter ohne Bezahlung eingespannt. Viertens wird Software eingesetzt, die über einzelne Gerätekategorien hinaus anwendbar ist, Daten sind fünftens wichtiger als Design, und es greift sechstens der sogenannte Long Tail. Unter diesem Titel (Der lange Schwanz) hat Chris Anderson ein Buch veröffentlicht, das beschreibt wie durch das Internet auch Nicht-Bestseller zu Verkaufserfolgen werden – weil sie eben sehr lange genutzt werden können.“
40. Als Schlagwort wird Web 2.0 vor allem als Oberbegriff für aktive Nutzer*innen verstanden. Es bildet die Grundlage für den Trend des Prosumers – und drückt sich vor allem auch in so genannten sozialen Medien aus wie Twitter oder Facebook aus.

41. Ein besonders Beispiel für diese Form der Beteiligungskultur ist die Enzyklopädie Wikipedia, an der man die Verflüssigung der Kultur beschreiben kann. Sie zeigt, wie Kultur zu Software wird.
42. Durch die aktiven Nutzer*innen entstand auch einen neue Form von Kultur. Der so genannten Meme-Kultur des Internet sind zum Beispiel auch kreative Anwendungsformen von Buchstaben und Symbolen zu verdanken – der Shruggie steht z.B. nicht nur für das Gefühl, online zu sein. Ich glaube sogar, dass er eine eigenen Philosophie ausdrückt.
43. Schon im Jahr 1996 formulierte der Internetforscher Nicholas Negroponte eine Befürchtung, die die Schattenseiten des Internet betrifft: „Wenn Sie mich fragen“, sagte er in einem Interview, „ist das die dunkle Seite des Internets, die wir auch sehr genau beobachten müssen. Die Privatsphäre mag in der Welt von Bits leichter erreichbar sei als in der Welt von Atomen, aber wenn wir nicht aufpassen, können wir sie auch schneller verlieren.“
44. Negropontes Buch „Total Digital“ stammt zwar aus den 1990er Jahren, zählt aber mit zum Besten, was man über die Digitalisierung lesen kann.
45. Der Kampf für Datenschutz gegen staatliche und kommerzielle Überwachung ist der Antrieb für eine neue Form von NGOs, die durch das Internet entstanden sind. EFF, Netzpolitik oder La Quadratur du Net sind Beispiele für eine digitale Zivilgesellschaft, die Ausdruck auch in der Gründung der Piratenpartei oder in Demonstrationen wie im Frühjahr gegen die europäische Urheberrechtsreform fand.
46. Diese Demonstrationen und die Debatte zum Beispiel um das Rezo-Video im Frühjahr zeigen, dass die Unterscheidung, die Marc Prensky 2001 getroffen hat, immer noch trennt – Eingeborene und Zugereiste des Digitalzeitalters. Es ist eine bedeutsame Aufgabe, diesen digitalen Graben nicht wachsen zu lassen.
47. Ein wichtiger Ansatz dafür, ist ein gelassener – ich schlage vor kulturpragmatischer – Blick auf das in Wahrheit gar nicht mehr so neue Medium Internet. Das bezieht sich vor allem auf das aktuell populärste Endgerät: das Smartphone, dessen Umgang die Gesellschaft einüben, aber nicht weiter verteufeln sollte.
48. Vielleicht ist es auch eine Idee, das Internet als Heimat zu denken – in Form einer Internet-Straße oder zumindest in Form einer Jubiläumsbriefmarke.
49. In jedem Fall ist das Internet in seinem 50sten Jahr viel umfassender und breiter geworden als jemals gedacht. Es hat tiefgreifende gesellschaftliche Transformationen ausgelöst, die rein technologisch nicht gelöst werden können. Es braucht auch einen kulturellen Wandel.
50. Diesem Wandel könnte man zum Beispiel Rechnung tragen, in dem die Bundesregierung – vergleichbar dem Umweltministerium – ein Querschnitts-Ressort einführt, das den Titel „Bundesministerium für Internet und Digitalen Wandel“ tragen könnte.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann. Ergebnis dieses Denkens war zum Beispiel das Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“, das bei Piper erschienen ist.

In diesem Newsletter sind schon häufiger Beiträge über das Internet erschienen – z.B. „Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Mai 2019), „Was ist dein Bild vom Internet?“ (August 2018), „Altland – eigentlich sollten wir online sein“ (April 2018). Das Thema findet sich aber auch in anderen Beiträgen im Blog – wie z.B. Deutschland und das Internet oder Wer nur am Rand hockt, braucht kein Wasser im Pool

Vinyl-Begeisterung für vier Prozent

Schallplatten sind eine tolle Sache. Mindestens um wehmütige Erinnerungen an die Zeit zu stimulieren „als Musik noch richtig groß war“ – wie Olli Schulz singt. Vinyl-Schallplatten sind aber vor allem eine tolle Projektionsfläche (Foto: unsplash). Gerade kann man das an einer Meldung sehen, die die amerikanische Musikindustrie als PDF verschickt hat: „Mid Year Report“ heißt der Halbjahresbericht, aus dem in den vergangenen Tagen erstaunliche Aussagen geformt wurden: „Vinyl liegt im Trend“ (stern), „Der Vinyl-Boom will nicht enden“ (Musikexpress) und „Das schwarze Gold erlebt einen Aufschwung“ (Tagesspiegel) konnte man in Texten lesen, die mit wohligem Retro-Charme an die Zeit vor Streaming-Diensten und Internet erinnerten. Inspiriert wurden diese Trend-Behauptungen von der Beobachtung, dass es sein könnte, dass mit Ablauf des Jahres 2019 in den USA mit Vinyl mehr Geld verdient wird als mit CDs.

Wohlgemerkt: Es könnte sein, dass es so kommt. Denn aktuell wird mit CDs noch mehr Geld verdient. Der CD-Umsatz schrumpft allerdings, der mit Vinyl wächst leicht. In den Worten des Mid-Year-Reports liest sich das so:

Net revenues from physical products bucked the recent trend in unit sales and grew 5% to $485 million in 1H 2019; however, this growth was the result of a reduction in physical product returns, and on a gross basis the revenues from physical product would have been down for the period. Vinyl albums grew 13% to $224 million, but still only accounted for 4% of total revenues in 1H 2019.

Egal wie gut man Englisch spricht: Diese Aussage ist nur ganz schwer in das Wort „Vinyl-Boom“ zu übersetzen. Vier Prozent vom gesamten US-amerikanischen Musikkuchen (Grafik aus dem Mid-Year-Report) fallen auf Vinyl-Schallplatten. Nimmt man die CDs als weitere physische Produkte dazu kommt man auf neun Prozentpunkte. Erstaunlich daran: dieser Anteil entspricht dem, was die US-Musikindustrie mit digitalen Downloads erwirtschaftet. Ob das allerdings für die Begriffe „Trend“ oder „Boom“ reicht? Der Report selber sieht das nicht so. Dort steht eine andere Entwicklung zentral:

In the first half of 2019, the U.S. recorded music market continued the overall trends and double digit growth rates of 2018. Revenue increases were driven by the number of paid subscriptions exceeding 60 million for the first time.

Von „paid subscriptions“ kann man allerdings in keiner der zitierten Meldungen lesen. Dort steht nichts darüber, was es bedeutet, dass diese Form des Musikkonsums wächst. Obwohl dieser Bereich zu dem größten Stück im Musikkuchen zählt, der in der Grafik als „Streaming“ zusammengefasst wird: 80 Prozent umfasst dieser Bereich. Ob das schon für eine Meldung über einen Trend oder einen Boom ausreicht?

Fünf Gründe warum Podcasts kein Geld verdienen (jedenfalls nicht einfach so)

Seth Godin ist ein BesserBescheidwisser in Fragen von Internet und Marketing. Ich habe den Eindruck, die beiden Themen wachsen immer mehr zusammen und immer mehr Menschen nutzen das Internet vor allem für Marketing-Zwecke: Reichweite, Interaktion, Kontakte – all das scheint mehr Menschen anzutreiben als die Tatsache, dass man sich im Internet so gut wie noch nie zuvor nach eigenen Interessen vernetzen und fortbilden kann.

Seth Godin hat – wie gefühlt fast jeder andere Internet-Mensch auch – einen Podcast. Der heißt Akimbo und ist sehr empfehlenswert. In der aktuellen Folge spricht er Meta! über Podcasts und mir ist danach so einiges klarer geworden – über das Internet, Marketing und das große Problem mit der Werbung (Foto: unsplash). Deshalb halte ich hier fünf Dinge fest, die ich bei Godin über die Frage gelernt habe, wie man mit Aufmerksamkeit Geld verdienen kann. Nicht alle Gründe sind auch meine Meinung (dafür kenn ich mich gar nicht gut genug aus), aber sie sind in jedem Fall spannende Denkansätze.

Godin lobt Podcasts und rät jeder und jedem, einen Podcast zu starten. Deshalb hat er unter dem Slogan „Podcasting is the new Blogging“ ein Podcast-Fellowship-Programm aufgesetzt. „Podcasting hilft die eigene Stimme zu finden, aber es ist kein guter Weg um Geld zu verdienen“, sagt er. Dass er darauf kommt, hängt mit Daten über das Podcast-Ökosystem zusammen, die Andreessen Horrwoitz erhoben haben und die Andrew Chen hier zusammengefasst hat – wie er das begründet, sagt viel über den Unterschied zwischen klassischer Werbung und Online-Werbung aus. Deshalb halte ich es hier fest:

1. Podcast sind groß(artig) – und anders

„Es gibt kein Medium, das mir bekannt ist“, sagt Godin mit Bezug auf die Daten der Podcast-Erhebung, „das so schnell wächst wie Podcasts – mit Ausnahme von Surfen im Netz.“ Und dann ergänzt er beeindruckende Wachstumszahlen von Menschen, die regelmäßig Podcasts hören (in den USA) – vor allem auf dem iPhone. Aber Podcasts sind nicht nur groß, sondern auch großartig – weil sie sich meist dem Clickbait um Aufmerksamkeit entziehen, den wir von anderen Medien kennen. Godin vergleicht Podcasts deshalb eher mit klassischen Büchern – mit der Ruhe und der Erkenntnistiefe, die entsteht, wenn ein Medium sich einem Thema ausführlich widmet. Die Frage lautet nun: Kann man mit diesem wachsenden Medium Geld verdienen? Die Antwort hängt von der Perspektive ab. Godin vergleicht die durchaus erstaunliche Summe, die für Podcast-Werbung in den USA ausgegeben wird mit dem Betrag, der dort für Werbung in Kinos ausgegeben wird: das Podcast-Budget macht gerade mal ein Drittel davon aus.

2. Podcasts sind zu neu

Warum ist der Podcast-Anteil so gering? Godins Antwort (die er im Podcast mit Zahlen begründet, die belegen, wie hoch der Betrag ist, den Werbetreibende ausgeben, um eine durchschnittliche Podcast-Hörer-Stunde zu erreichen im Vergleich zur gleichen Zeit im Radio, in Magazinen, Zeitungen) lautet: Werbung wird häufig von anderen Menschen gekauft als von denen, die sie bezahlen (Stichwort Media-Agenturen). Die Einkäufer müssen ihren Chefs begründen, warum sie die Werbe-Euros ausgerechnet für diese Werbeform ausgegeben haben. Und dabei, so Godin, schneiden sehr neue Werbemöglichkeiten viel schlechter ab als ältere. Der Grund: Die Chefs sind einfach noch nicht so vertraut mit Werbung in Podcasts. Sie kennen Fernseh-Werbung. Und der Einkauf richtet sich, so Godin, nach dem, was die Chefs kennen.

3. Das Internet hat Werbung zu Direktmarketing gemacht

Die zentrale Ausnahme von dieser Biografie der Werbeformen bildet das Internet, so Godin. Denn Internet-Werbung ist eigentlich im klassischen Sinn keine Reklame, die auf Image zielt. Internet-Werbung ist, so Godin, Direkt-Marketing. Direkt-Marketing zielt auf direkte Aktionen ab, die man genauso direkt messen kann. „Damit unterläuft die Internet-Werbung grundlegenden Prinzipien anderer Werbeformen“, erklärt Godin. Denn bei klassischer Fernsehwerbung konnte man den Return of Invest (ROI) eben nicht so deutlich messen wie man das heute bei Google-Ads messen kann. Außerdem basierte diese klassische Werbung auf Knappheit und der Sorge, dass ein Mitbewerber diesen einen Platz für einen TV-Werbespot bucht. Das Internet löst diese Begrenzung auf und verändert das Ökosystem für Werbung (spannender Weise betont Godin, dass dass nicht bedeutet, dass sich klassische Werbung auflösen wird).

4. Podcasts sind schwer messbar, sie brauchen Sponsoren

Anders als Online-Werbung sind Podcasts kaum messbar. Und das, was man in der Breite messen kann, ist eher ernüchternd. Godin zitiert eine Zahl, nach der der durchschnittliche Podcast gerade mal auf 124 Hörerinnen und Hörer kommt. Diese Zahl basiert aber auch auf einer unfassbar großen Gesamtzahl an Podcasts, die es allein in Amerika gibt. Soll heißen: es gibt auch Angebote mit sehr viel größerer Hörerschaft. Doch diese sind sehr schwer vermarktbar – nach klassischen Regeln. Godin rät deshalb: Es braucht Sponsoren, die die Nähe zu schätzen wissen, die durch gute Podcasts entsteht. Das ist eine andere Form der Werbung als das Direkt-Marketing in Google-Ads und die klassische Marken-Werbung in anderen Medien. Podcasts liegen genau dazwischen – und genau deshalb kann man so schwer Geld mit ihnen verdienen. So Godin.

5. Podcasts werden nach dem Buch-Prinzip funktionieren

Godin rät, genau diese Zwischenposition zu nutzen, die Podcasts im Werbeumfeld einnehmen. Er vergleicht sie deshalb wiederholt mit Büchern. Dort gibt es Ausnahmen, die zu Beststellern werden, aber die meisten Bücher werden keine Bestseller – sie werden geschrieben, weil jemand etwas zu sagen hat. Genau diesen Anspruch sollten auch Podcasts haben, so Godin. Dann finden sie auch weitere Wege um Geld zu verdienen.
Ich finde das einen erstaunlichen Ansatz, der die Frage aufwirbt: Warum kümmern sich Buchverlage nicht mehr um Podcasts?

Hier den Podcast von Seth Godin anhören, hier gibt es den Podcast, den ich zu meinem letzten Buch gemacht habe und unter dem Hashtag #klangstrecke schaue ich mir gerne auf Twitter Podcast-Empfehlungen .

Was ich nach 24 Stunden TikTok gelernt habe (es waren fast 24 Stunden)

Hugh Gallagher hatte die Idee als erster. Das war 1990. Er schloss sich in einem Hotelzimmer in New York ein und schaute sieben Tage lang den Musiksender MTV an. Sein „Experiment in Terror“-Text erschien anschließend im Rolling Stone und ist jetzt im GenX-Reader von Douglas Rushkoff versteckt. Im Web kann man ihn leider nicht mehr lesen, anders als das Experiment 24 Stunden Fox News von Issac Chotiner oder Ein Tag Bayern 3 von Andreas Bernard.

Die wichtigste Erkenntnis dieser Texte lautet: Alles, was man zu lang macht, ist schlecht (im übrigen kein ganz schlechter Beitrag zur Medienkompetenz-Smartphone-Debatte). Die zweitwichtigste Erkenntnis ist: Das Web vergisst entgegen aller Behauptungen leider doch sehr viel. Denn ich bin mir sicher, dass noch viel mehr Texte dieser Art erschienen sind, ich habe sie aber nicht mehr finden können, weil sie eben nicht archiviert sind. Das ist sehr schade, denn diese Textform eröffnet auch im Rückblick erstaunliche Perspektiven auf mediale Wirklichkeiten.

Bei so genannten sozialen Netzwerken sind diese Selbstversuche kaum möglich, weil deren Inhalte sich stets aus dem speisen, was die Nutzer*innen sich selber zusammenstellen – durch Follower- oder Freundschaften. Twitter, Instagram oder Facebook sehen halt so aus, wie die Nutzer*in es sich zusammenstellt. Im Prinzip ist das bei Tiktok nicht ganz viel anders, aber eben doch ein bisschen. Der Dienst, der zum chinesischen Anbieter ByteDance gehört, hält den so genannten „Für Dich“-Feed bereit, der auch Inhalte ausspielt, wenn man niemandem folgt: „Der ‘Für Dich’ Feed ist ein zentraler Bestandteil der TikTok-Erfahrung aller Nutzer und „Creator“. Er basiert auf neuen Technologien und empfiehlt Videos, die für sie relevant sein könnten. Auf diese Weise können sich Nutzer von den Inhalten aller Mitglieder der TikTok-Community inspirieren lassen“, steht im TikTok-Glossar.

Ich habe in den vergangenen Tagen genau das gemacht: mich von den Inhalten aller Mitglieder der Tiktok-Community inspirieren lassen (Anlass war, dass mir ein Hustenvirus viel Zeit, aber gleichzeitig kaum Kraft bescherte, so dasss ich nicht mehr zustande brachte als Kurzclips auf Tiktok zu schauen). Dabei habe ich nichts geliket oder kommentiert, ich habe keinerlei weitere Interaktion auf der Plattform getätigt als das typische nach oben Swipen zum nächsten Clip. Doch das hat schon eine enorm magnetische Wirkung. Denn die Clips sind so kurz, dass man immer die Hoffnung hat, dass hinter dem nächsten Swipe was Lustiges, Erstaunliches, Sinnvolles kommen könnte. Am Ende aller Swipes blieben ein paar Erkenntnisse übrig, die ich hier festhalte:

1. Es gibt einen direkten Weg vom Numa-Numa-Guy zu TikTok

Mein Versuch ist selber sowas wie das Playback-Singen des Originals von Hugh Gallagher. Ich kenne das Original nicht ganz, imitiere es in Teilen für mich privat und stelle das dann online. Genauso kann man einen zentralen Anreiz an Tiktok (ja, das sind die, die vormals musical.ly hiessen) zusammenfassen – aber eben für Musik oder lustige Zitate. Diese Form des Internet-Playback-Singens hat als einer der ersten webweit Gary Brolsma äußert populär praktiziert (und zwar schon vor Youtube). In Mashup habe ich „das Bild des jungen Mannes“ gelobt, „der den Song, vor seinem Computer sitzend, lippensynchron in eine Webcam singt. Dabei rudert der robuste Brillenträger wild mit den Armen und tanzt im Sitzen. Das US-Magazin „The Believer“ schreibt über den Clip: »Das ist ein Film von jemandem, der eine wunderbare Zeit hat, der diese Freude mit jedermann teilen möchte und sich dabei überhaupt nicht darum kümmert, was andere über ihn denken könnten.« Über Gary Brolsma wurde im Februar 2005 in der New York Times berichtet, auch die BBC und zahlreiche Fernsehersender erzählten die Geschichte des nach dem Refrain des Songs benannten »Numa-Numa-Dance«. Der junge Mann aus New Jersey löste damit eine neue Mode aus: Überall auf der Welt folgten Menschen seinem Vorbild (man könnte auch sagen, sie kopierten ihn), filmten sich mit Webcams und stellten die Clips ins Internet. »Jeder wollte der Numa-Numa-Typ sein«, schreibt Douglas Wolk in The Believer. »Diese Kids verspotten den Numa-Numa-Typen nicht, sie verehren ihn. Sie sind Geeks, und sie ehren den König der Geeks. Es ist wunderbar, das anzuschauen, weil sie seine Freude wiederholen und verbreiten.« Wolk kommt zu dem Schluss: »Das alles wirkt weniger wie ein ansteckender Scherz als wie der Beginn einer neuen kulturellen Ordnung.«

Von dieser neuen kulturellen Ordnung handelt mein Lob der Kopie – und Tiktok hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht. Tiktok gibt Menschen die Mögichkeit, Songsequenzen oder lustige Zitate lippensynchron nachzuspielen. Und darin liegt heute noch immer der gleiche Zauber wie zu Numa-Numa-Zeiten.

2. Ich habe selten so viele Kacheltische und Schrankwände gesehen

Wer der Meinung ist, auf Instagram sei zu viel gefiltert und weichgezeichnet, der sollte sich als Gegenmittel mal länger auf Tiktok umschauen: Mir fällt kein anderes soziales Netzwerk ein, in dem ich häufiger mit deutscher Durchschnitts-Mittelzentrum-Treppenhaus-Schrankwand-Einbauküche-Realität konfroniert worden wäre als auf Tiktok (der Kollege Max Scharnigg hat dafür schon vor einer Weile den Kacheltisch zum relevantesten Einrichtungsgegenstand erklärt) Das ist vielleicht meinem „Für Dich“-Feed geschuldet und vielleicht auch nicht repräsentativ, aber doch bemerkenswert – und passt auch zu Gary Brolsma. Denn wer vor lauter Begeisterung in seinem Badezimmer etwas nachsingt, kümmert sich nicht zuerst um die Ausstattung der Nasszelle, der singt einfach. Klar, helfen dann ein paar Tiktok-Filter und ein Licht an der Kamera um einen schönen Clip zu produzieren. Im Hintergrund bleibt jedoch die Nasszelle im Bild. Und die gehört ja auch irgendwie dazu – ach komm, ich lass das jetzt so.

3. Es geht darum, Witze weiterzuerzählen

Dass bei mir irgendwie ein Anklang an RTL2 hängen blieb, mag auch an Jasmin liegen. Jasmin ist eine Teilnehmerin einer oder mehrerer RealityTV-Formate des Senders, die es mit einem verunglückten Zitat zu echter Berühmtheit in Tiktok geschafft hat. In einer offenbar im TV ausgestrahlten Szene kommt Jasmin in ein Restaurant und stellt sich vor. Sie missversteht die Antwort ihres Gegenübers, was ein bisschen lustig ist. Richtig lustig wird es für die Tiktok-Creator (wie die Plattform die aktiven Nutzer*innen nennt) aber erst dadurch, dass sie diesen Witz immer und immer wieder nacherzählen. Sie spielen ihn in verteilten Rollen (Duett) oder alleine nach und erfreuen sich daran. Das basiert auf dem Grundprinzip aller Meme und wird hier in einer Weise fortentwickelt, die irgendwie an die Frühphase von Stefan Raabs TV Total erinnert – nur demokratisierter. Jede und jeder kann hier einen Maschendrahtzaun-Versprecher nehmen und verulken. (Dass die Creatoren dabei zuweilen selber solche Versprecher produzieren, fällt ihnen zumeist nicht auf).

Nach einer gefühlten Mittelzentrum-Kacheltisch-Ewigkeit (in der ich einerseits eine Menge Musik gehört habe, die auch in klassischem Beste-Hits-Radio läuft – kennt jemand diesen Holterdiepolter-Mist? – und andererseits unzählige Frauen, die Carolin Kebekus Witze lippensynchron nacherzählen) zeigte mir mein „Für Dich“-Feed übrigens auch sehr viele internationale Beispiele, die illustrieren, warum der beste Tiktok-Experte, den ich kenne (Philipp Metamythos Meier), die Plattform hier mal als die „UNO des neuen Jahrtausendes“ beschrieben hat: „Auffallend viele Reime, Gesten, Wortspiele, Gesänge und Witze funktionieren über die unterschiedlichsten Kulturen hinweg.“

4. Ein wichtiger Antrieb ist der Zauber der Verwandlung

Eines der Memes, das über unterschiedlicheste Kulturen hinweg funktioniert, ist jenes, bei dem der Creator in dem kurzen Clip in zwei Versionen zu sehen ist. Nicht selten wird dafür ein Videoschnitt genutzt, bei dem die Hand kurz die Linse verdeckt (wie in diesem auf Chris Lawyers „Right on Time“ basierenden Meme). Danach sind sehr viele Creatoren plötzlich als Cowboys zu sehen. So jedenfalls funktioniert das Meme-Prinzip beim Sommerhit „Old Town Road“, an dessen Geschichte man perfekt illustrieren kann, wie TikTok das Musikgeschäft verändert. Hier gibt es eine Zusammenstellung einiger Kurzclips, in denen normale Menschen, plötzlich in Cowboy-Outfit zu sehen sind. Diese inszenierte Verwandlung gibt es in ganz vielen unterschiedlichen Spielarten auf der Plattform zu bestaunen – und Dazed zeigt seit ein paar Wochen, wie auch klassische Medien sie einsetzen können.

5. Am Ende geht es wie immer um: Identität

TikTok ist ein soziales Netzwerk. Es hilft Menschen dabei, sich im Netz dazustellen. Ein Profil anzulegen und Beiträge zu posten, heißt in erster Linie: Teilhabe. Man drückt aus: „Ich bin auch dabei, ich singe mit, erzähle einen Witz, ich verstehe das Spiel.“ Doch wirklich erfolgreich wird Social-Media erst dann, wenn es darüberhinaus identitätsstiftend wird (dazu mein kaum großspuriger Beitrag „Alles, was ich über Social Media weiss“ aus dem April 2016). Creatoren müssen in der Lage sein, ihre Persönlichkeit auszudrücken. Dabei sind mir drei interessante Varianten aufgefallen, die dem Playback-Prinzip auf kreative Weise persönliche Ausdrucksmöglichkeiten ergänzt haben. Die erste basiert auf den ersten Sekunden des „Choices“ genannten Tracks des Rappers E-40 aus dem Jahr 2011. Dabei wechseln sich in kurzer Folge ein ablehnendes „No“ und ein zustimmendes „Yup“ ab. Creatoren nutzen diese Sequenz um sich selbst zu filmen und den Track als Antwort auf Fragen zu nutzen, die sie sich selber im Bild stellen. Dabei können die Fragen völlig unterschiedlich sein, verbindend ist, dass sie in Nein/Ja-Abfolge beantworten werden – und dass andere sich eben auch genauso vorstellen. Das ist der Kern von Identität in Social-Media: das Eigene in der Gemeinschaft der anderen. Wie das mit festen Fragen funktioniert – Variante zwei -, zeigt eine Sequenz aus dem Song „What’s your name?“ von Chase Rice. Darin werden kurz hintereinander Fragen nach Namen, Herkunft, Sternzeichen, Lieblingsgetränk und Lieblingssong gestellt, die die Creatoren als Textfeld im Selfie-Clip beantworten. Und die dritte Variante, die ich beispielhaft für die identitätsstiftende Funktion aufführen will, hat der empfehlenswerte funk-Fußballkanal „@Wumms“ hier am Beispiel DFL und Videoschiedsrichter umgesetzt. Auf Basis einer Sequenz aus dem Song „Jump in the Line“ von Harry Belafonte zeigen Creator wie sie persönlich auf Versprechungen reingefallen sind („I Believe you“). Das Erstaunliche dabei für mich: Alle genannten Songs tauchte so häufig in meinem Feed auf, dass ich sie anschließend sehr lang als Ohrwurm hatte. Womit wir wieder beim Erfolg Old Town Road wären.

Ich bin mir völlig bewusst darüber, dass dieser Eindruck absolut zufällig und subjektiv ist. Da ich aber ständig Leute höre, die mir sagen, dass sie TikTok nicht verstehen, dachte ich mir: Vielleicht hilft es aufzuschreiben, was ich nach einer Weile TikTok-Nutzung glaube verstanden zu haben. Was ich vom Internet glaube verstanden zu haben, habe ich übrigens in ein ganzes Buch geschrieben ;-)

Zeit für zivilen Ungehorsam: Greta Thunberg und The 1975

Was für ein Bild! Im Polaroid-Stil fotografiert von Jordan Curtis. Es zeigt Greta Thunberg an einer grauen Wand lehnend. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt. Eine Converse-Mashup-Kopie. „Antifa Allstars“ steht da. Schwarz auf weiß. In der Mitte ein schwarzer Stern. An Gretas Schulter lehnt ein junger Mann. Gelbes T-Shirt, strubbeliges Haar. Er wirkt fast kleiner als sie. Matty Healy ist Sänger, Gitarrist und Songschreiber der Band The 1975. Und alles auf diesem Bild ruft: Das hier ist Pop! Pop des Jahres 2019, aus dem Jahr, in dem das Klima politisch wurde. Dabei verströmt es – natürlich wegen der Polaroid-Ästhetik – die Aura eines augenblicklichen Klassikers.

Die Band The 1975 hat das Bild auf Instagram gepostet. Man kann es auf allen relevanten Musikportalen sehen – als Bebilderung für die Zusammenarbeit zwischen der schwedischen Klima-Aktivistin und der britischen Band. Denn diese ist in Wahrheit noch beeindruckender als das Bild (das aber nicht zu unterschätzen ist). Und das liegt nur oberflächlich daran, dass hier eine Zusammenarbeit im Sinne eines musikalischen Features vorliegt. Auch die These, dass Musik die Welt verändern kann, trifft in diesem Fall nicht unbedingt zu. Denn der Song ist im klassischen Sinn kein Song und er wird auch die Lücke der musikalischen Begleitung der „Fridays-for-Futures“-Bewegung nicht füllen. Diese Kooperation ist mehr und sie ist etwas anderes. Sie ist eben Pop des Jahres 2019.

Es ist eine Kollaboration, die die neuen digitalen Aufmerksamkeitsregeln des Musikbusiness erstmals bzw. erstmals so deutlich für politische Anliegen nutzt. Klar, wir haben in den vergangenen Monaten immer mal wieder darüber gesprochen wie der Entzug von Aufmerksamkeit als politisches Signal gewertet werden kann. Aber hier geht es ja um das genaue Gegenteil: Hier drängt ein politisches Thema in die Liste der Neuveröffentlichungen, die aktive Spotify-Nutzer*innen jeden Freitag augespielt bekommen. Im Release Radar gibt es in dieser Woche sehr direkte Politik, vorgestragen, in einem Song, der einzig aus einem politischen Appell von Greta Thunberg besteht. Zu sehr zurückgenommenen orchestralen Klängen spricht sie ihren Text ein. Das ist Pop, der auf Codes und Anspielungen fast vollständig verzichtet. Der Text, den Greta Thunberg spricht, ist eine klare politische Aufforderung. Keine Zwischentöne, keine Anspielungen, direkter politischer Appell.

Pop des Jahres 2019? In jedem Fall Politik im Jahr 2019.

Im Guardian analysiert Laura Snapes die Zusammenarbeit jedenfalls genau in diese Richtung

They may not be the world’s most commercially successful band, but – with their stylish aesthetic, unfiltered intimacy with fans and success with a post-genre mix of everything from soft rock to emo – they are one of the most mimicked, and so Thunberg’s message could spread far beyond their network. Spotify’s recommendation algorithms work by assigning thousands of intricate data points to every song, then using that data to link a track you already like, to another one you haven’t heard but would probably like as well.

Das klingt stimmig: die politische Aktivistin, die von den Popularität der Band profitiert. Aber spätestens, wenn man auf die Website kommt, die The 1975 zur ersten Single ihres neuen Albums geschaltet haben, kann man die Frage auch andersrum stellen: Ist das Werbung für eine politische Bewegung? Oder ist es nicht eher Werbung für die Band? Denn auf der Website steht nichts von Extention Rebellion, der Bewegung, der Greta Thunberg die Einnahmen spenden will. Auf der Website steht einzig ein Submit-Feld für die Mailingliste der Band. Damit man informiert werden kann, wenn im Frühjahr das neue Album erscheint. Auch das ist Pop der Gegenwart. Ein Newsletter.

Musik als Meme und Mashup: Was der Sommerhit „Old Town Road“ übers Internet erzählt

Ich habe den Verdacht bei der Analyse der musikalischen Jahresrückblicke 2018 schon mal geäußert: Die Spitze der Charts ist zwar populär, aber nicht zwingend bekannt. Man kann das jetzt gerade an einem Lied sehen, das die allermeisten Menschen für den Sommerhit 2019 halten. Es ist ein Song, der vor ein paar Tagen rekordausgezeichnete 143 Millionen Mal pro Woche gestreamt wurde. Er stand mehrere Wochen in Deutschland an der Spitze der Charts und in den USA noch immer. Und trotzdem ist der Song in meinem Umfeld nahezu unbekannt. Ich glaube allerdings, dass das weniger über mein Umfeld als über das sich ändere Pop-Umfeld aussagt – wie hier am Beispiel von RAF Camora schon mal erläutert.

Das Besondere an Old Town Road, das selbst ein Remix der 2018 produzierten Vorlage ist, ist nicht nur, dass Miley Cyrus‘ Vater, der Country-Sänger Billy Ray Cyrus mitsingt. Es ist die durch und durch digitale Darstellungs- und Distributionsform (dass der Erfolg von Lil Nas X auch Auslöser für größere Debatten in den USA war, hat Jan Kedves hier in der SZ aufgeschrieben). Das Lied, das u.a. ein Banjo-Sample aus dem Nine-Inch-Nails-Song „34 Ghosts IV“ nutzt, verbreitete sich fast schon wie ein Meme durchs Netz. Es wurde zur Vorlage für eine Challenge auf Tiktok, über die Alyssa Abereznak in einer lesenswerten Analyse schrieb:

The song’s Wild West imagery struck a chord among its young users, inspiring them to include it in 15-second challenge videos where they cosplayed as cowboys. The groundswell of enthusiasm on the social network bled out into the public and eventually launched the song to the top of the Billboard Hot 100 chart.

An dieser Chartspitze steht Old Town Road noch immer und schickt sich an zum erfolgreichsten Song in der Geschichte der Billboard-Charts nach dem 1942-Hit „White Christmas“ zu werden. Daran ist nicht nur interessant, dass ihm dieses Kunststück quasi abseits einer Aufmerksamkeit in den Bereichen gelingt, die man früher Mainstream genannt hätte. Der Erfolg basiert neben der memetischen Verbreitung in z.B. Tiktok auch auf dem Prinzip der Kopie und des Remixes. Heute wurde der 79ste Remix des Liedes veröffentlichte, zu dem Rapper Lil Nas X das Versprechen twittert, dies sei nun aber versprochen der letzte Remix.

Erstaunlich ist dieser angeblich letzte Remix weil er von jemanden gefertigt wurde, der im deutschen Mainstream noch unbekannter ist, dem Song aber einen enormen Schub garantieren wird. Es handelt sich um den Rapper Kim Nam Joon, der unter dem Namen RM Kopf der K-Popband BTS ist. Die Boyband ist nicht nur in Südkorea äußerst populär und wird mit dem Remix, der den Namen Seoul Town Road trägt und ein südkoreanisches Gartenwerkzeug namens Homi referenziert, dafür sorgen, dass Lil Nas X auch in Asien noch bekannter wird.

Diese Form des musikalischen Netzwerks ist nachvollziehbar, sie zeigt aber vor allem sehr konkret, wie die Digitalisierung eine Entwicklung beschleunigt hat, die man als Weg vom Werk zu Netzwerk bezeichnen kann. Es geht nicht mehr einzig um den Song, der als unveränderliches Werk in der Mitte stehen soll, es geht um das Netzwerk und die Bezüge drumherum. Es wird kopiert und referenziert, um Bekanntheit in unterschiedlichen Märkten zu schaffen. Die Kopie als Treiber der Remix-Kultur ist selbstverständliche Grundlage des Erfolgs. Keiner der Beteiligten will die Kopie bekämpfen, es geht im Gegenteil darum, möglichst viele Kopien und Remixes zu fertigen, weil diese Aufmerksamkeit nach sich ziehen.

Und dass all das nahezu abseits dessen stattfindet, was man mal als Mainstream bezeichnet hat, macht die drei digitalen Lehren aus „Old Town Road“ noch interessanter:

1. Die Kopie ist die Grundlage digitaler Kultur
2. Kultur verflüssigt sich, besteht immer mehr aus Referenzen
3. Die Idee von Mainstream löst sich dabei auf.

#internetbriefmarke (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wer herausfinden will, was diesem Land wichtig ist, muss sich Briefmarken anschauen. Die so genannten Postwertzeichen sind nämlich weit mehr als das reine Porto für den Transport von Briefen, Pakten und Postkarten. Durch so genannte Sondermarken werden Briefmarken zum Ausdruck von Wertschätzung und öffentlicher Erinnerungskultur.

So gibt es in diesem Land zum Beispiel Postwertzeichen, die die Deutsche Brotkultur würdigen oder das Farbfernsehen. Es gibt Dauerserien wie jene, die Blumen wie das Wiesenschankkraut zeigt oder jene, die Legendäre Olympiamomente in Erinnerung halten möchte.

Es gibt allerdings keine Marke, die das Digitale würdigt. Zumindest habe ich in Deutschland keine gefunden*. Ist Österreich ist gerade eine Blockchain-Briefmarke auf den Markt gebracht worden, aber in Deutschland habe ich etwas Vergleichbares nicht entdeckt. Das ist merkwürdig, denn das Bundesfinanzministerium erklärt auf seiner Website:

Das Ziel aller Marken-Ausgaben ist, wichtige historische und aktuelle Ereignisse, bedeutende Persönlichkeiten und „runde“ Jubiläen in Deutschland zu würdigen. Auch die verschiedenen Regionen sowie bedeutsame gesellschaftspolitische Themenfelder sollen ausgewogen und breit gefächert vertreten sein.

Ich würde annehmen, dass das Internet ein bedeutsames gesellschaftspolitische Themenfeld ist, dessen Würdigung auf einem Postwertzeichen angezeigt wäre. Weniger bürokratisch formuliert: Warum gibt es eigentlich keine Briefmarke, die das Internet würdigt?

Wir als Gesellschaft verdanken dem Internet sehr viel. Es hat uns gezeigt, dass multikulturelle Zusammenarbeit über Landes-, Sprach- und Religionsgrenzen hinweg möglich ist. Die grundlegende Infrastruktur des Internets hat bewiesen, dass die Idee von Abgrenzung, Nationalismus und Rassimus ein überholtes Konzept ist. Menschen können sich hier verbinden, Wissen austauschen und vermehren und völlig neue Ideen entwickeln. All das ist wertvoll und bedeutsam. Leider vergessen wir das in der täglichen Nutzung nicht nur, es wird auch oft absichtsvoll übersehen. Der gesellschaftspolitische Wert des Internet für eine offene Gesellschaft sollte deshalb an einem Ort gewürdigt werden, der auch für Netzskeptiker bedeutsam ist. Deshalb haben wir vor kurzen das Projekt Internet-Straße gestartet** – und deshalb werde ich am Ende des Sommers einen Brief ans Bundesfinanzministerium schreiben und darum bitten, das Internet auf mindestens einer Briefmarke zu würdigen (besser noch wäre eine ganze Serie, die auch die Möglichkeit bieten würde, Einzelaspekte wie die Netzneutralität, Emojis oder die Memekultur zu würdigen).

Die Entscheidung über die thematische Auswahl für Sondermarken trifft in Deutschland der Bundesminister der Finanzen. Das ist aktuell Olaf Scholz. Und sollte der SPD-Politiker dieses Amt auch im Herbst noch ausüben, wird ihm der Programmbeirat hoffentlich meinen Vorschlag vorlegen, eine Internet-Briefmarke aufzulegen. Denn leider ist das Verfahren für die Sondermarken etwas zäh: Jeweils im Herbst wird für das übernächste Jahr entschieden, welche Themen auf einem kleinen gezackten Wertzeichen gewürdigt werden.

Für das Jubliläum 50 Jahre Internet sind wir also leider zu spät dran.
Deshalb brauche ich Eure Hilfe: Unter dem Hashtag #internetbriefmarke würde ich gerne Argumente für das Internet auf Briefmarken sammeln. Vielleicht liest hier sogar jemand mit, die oder der eine Idee für das gestalterische Motiv für die Internet-Briefmarke hat. Bitte schicke mir deine Vorschläge oder poste sie unter dem Hashtag #internetbriefmarke!! Ich nehme alle Beiträge, Likes, Retweets mit auf, um der Bitte beim Finanzministerium Nachdruck zu verleihen.

Dann kann es vielleicht klappen, dass das Internet auf einer Briefmarke gewürdigt wird. Verdient wäre es!

* Dieser ganze Beitrag ist natürlich ein bisschen überflüssig, wenn es bereits eine solche Marke geben sollte oder sie in den nächsten Tagen auf den Markt kommt. Sollte das sein bzw. passieren, möchte ich diesen Beitrag als unbedingten Support für diese Marke verstanden wissen ;-)

** Wer mehr Argumente für die Web-Würdigung sucht, kann auf Internet-Straße nachlesen oder dort sogar mitmachen!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich auch schon häufiger mit dem gesellschaftlichen Wert des Internet befasst habe – z.B. „Was ist dein Bild vom Internet?“ (August 2018) oder „Heimatverein für das Internet“ (Oktober 2017). Hier kann man den Newsletter kostenfrei bestellen – und hier kann man meine Gebrauchsanweisung für das Internet lesen.

Nachtrag: Nicola Wessinghage hat Briefmarken mit Beispielmotiven erstellt

Generation Bewahren vs. Generation Gestalten (Digitale Mai-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Mai/Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Bedeutung. Am Ende geht es einzig und allein um unsere eigenen Bedeutung. Das jedenfalls sagt Jason Feifer in seinem Text „Warum ältere Menschen schon immer über jüngere Menschen schimpfen“, der zur Grundlage für die aktuelle Episode des Pessimists Archive-Podcast wurde, die auf deutsch „Die Jugend von heute“ heißen würde (und auf Twitter vermutlich #diesejungenleute). „Wir können nicht anerkennen, dass das Leben ohne uns weitergeht. Und statt den Lauf der Welt zu akzeptieren, geben wir einfach der kommenden Generation die Schuld.

Für Feifer liegt genau in dieser Angst vor der eigenen Sterblichkeit der Hauptgrund für das Hadern der Alten mit der Jugend – und zwar nicht nur mit der Jugend von heute, sondern auch mit jener von gestern, vorgestern und auch der davor. Er erkennnt ein wiederkehrendes Muster, das man Beschuldigungs-Vererbung nennen könnte. Stets auf Neue klagen dabei die Älteren über die Jüngeren: Weil es diesen an Anstand fehle oder an Wissen oder weil sie schlicht nicht so sind wie das Früher™️, an das sich mancher zu erinnern glaubt. In der Podcast-Folge kann man dazu ein kleines Ratespiel spielen, für das Feifer Jugend-Beschimpfungen aus mehreren Jahrhunderten zusammengetragen hat, die sich frapierend ähneln und deshalb kaum unterscheidbar sind. Als aktuell fallen die Beschimpfung dieser Tage nur deshalb auf, weil sie häufig von der angeblich unsachgemäßen Handy-Nutzung (Symbolbild: Unsplash) handeln. Davon abgesehen scheint es eine Art Ur-Misstrauen der Alten in Bezug auf das Neue zu geben. Umberto Eco spricht deshalb davon, dass es sich beim Hadern der Jugend von gestern über die Jugend von heute um eine Art wiederkehrenden Menschheitstraum handle.

Es ist dies kein besonders schöner Traum – und der abgelaufene Monat war für mich voll von Beispielen für diese Konfliktlinie zwischen den Generationen. Ich durfte (wie hier berichtet) auf Einladung des Goethe-Instituts in Seoul an einer Veranstaltung teilnehmen, die Generationenkonflikte in einem internationalen Kontext beleuchtete. Dabei lernte ich, dass z.B. auch in Korea greifbar wird, wie Alte und Junge sowie Junge und Alte aneinander vorbei reden – und sich dabei auf äußerst unschöne Weise beleidigen, wie man in diesem Text von Korea Expose nachlesen kann – dazu in der aktuellen Ausgabe von The Economist über den Begriff kkondae Und kaum war ich zurück, lieferte ein YouTube-Video den Beweis dafür, dass auch Deutschland diese Konflikte kennt: zwischen denen, die etabliert sind und jenen, die sich etwas herausnehmen, was anders ist und neu – und nicht selten als Angriff wahrgenommen wird. „Das gehört sich nicht“, sagen die Alten und sprechen von mangelnder Wertschätzung für die eigene Leistung. „Die machen nichts“, sagen die Jungen und sprechen von mangelndem Möglichkeitssinn und Gestaltungswillen.

Zur Europawahl gab es diesen Konflikt dann auch in handfesten Zahlen, die zeigen: Diejenigen Wähler*innen die erstmals wählten, entschieden sich grundlegend anders als jene, die schon häufiger an Wahlen teilnahmen. Konkret stimmten bei den Wähler*innen unter 30 Jahren mehr Menschen für die Grünen als für SPD, CDU/CSU und FDP zusammen. Das passt zu einer Analyse über die Kluft zwischen den Generationen, die Jagoda Marinic schon im vergangenen Jahr in der New York Times beschrieb. Bernd Ulrich diagnostizierte am Sonntag, diese Europawahl habe „eine so nie da gewesene Spaltung zwischen der jungen Generation und den Älteren bloßgelegt“, was durchaus an seine Prognose aus dem März erinnert, als er schrieb: „Wenn die Politik so weitermacht, dann läuft nicht nur Deutschland in einen Generationenkonflikt hinein, gegen den 68 ein Kindergeburtstag war. Damals ging es vor allem um die deutsche Vergangenheit (und den Krieg in Vietnam), heute geht es um die globale Zukunft.“

Das mögliche Ausmaß dieses Generationenkonflikts konnte man unlängst im Atlantic nachlesen, wo ein Professor und ein Student gemeinsam analysierten, „der Bruch zwischen den Generationen in der amerikanischen Politik wächst so stark, dass er wichtiger werden könnte als die Differenzen zwischen Klassen oder Hautfarben, die traditioneller Weise als Grundlage der Analyse dienen“. Auch Georg Diez, der den Text in der taz zitiert, argumentiert ähnlich. Er fordert: „Es wird sich mehr verändern müssen als nur die inhaltliche Debatte von Politik, ob im EU-Parlament oder im Deutschen Bundestag, so viel scheint klar. Die Schüler, die den Protest auf die Straße getragen haben, was zu zum Teil krassen und hässlichen Abwehrreaktionen von Teilen der Politik und der Medien geführt hat, die mehr darüber aussagen, wie verzweifelt hier um das eigene Überleben, sprich die eigene Karriere oder die Interessen, die dahinter stehen, gekämpft wird – die Schüler sind jedenfalls geprägt von einer anderen Welt, wie sie sie wahrnehmen, bedroht in ihrem Wesen, erschaffen durch die Technologien, die sie benutzen. Das verändert Theorie und Praxis von Politik, wie es etwa Fridays for Future zeigt. Es geht nun darum, die Demokratie in Europa für das digitale Zeitalter und eine andere Generation neu zu erfinden.“

Womit wir wieder bei der eingangs erwähnten Bedeutung sind. Denn noch deutlicher als am Lebensalter ist die Differenz an einer Frage erkennbar, die ich hier und hier schon mal gestellt habe: Kann es (noch) besser werden? Die Konfliktlinie des neuen Generationenstreits zwischen denen, die etwas zu verlieren und jenen, die etwas zu gewinnen haben, verläuft zwischen der „Generation Bewahren“ und der „Generation Gestalten“ – und das hat natürlich mit dem Alter zu tun, aber eben nicht nur. Es hat damit zu tun, ob man die von Feifer eingangs zitierte eigene Bedeutung aus der Vergangenheit begründet oder ob man Zukunft gestalten will. Das geht womöglich beides und auch zusammen, aber es ist eine Frage der Priorisierung. Jede und jeder muss sich die Frage stellen: Trage ich dazu bei, Hoffnung für eine bessere Zukunft wachsen zu lassen?

Darin liegt vielleicht ein Ansatz, den wiederkehrenden Traum des Generationenkonflikts zu beenden. Denn: „Die Kraft diesen Zirkel zu durchbrechen, liegt in unseren Händen“, ereifert Feifer sich in seinem Podcast. Schließlich haben wir Alten Älteren, ja schon mal bewiesen, dass die Generationen-Beschuldigung falsch war. Was die Alten Sehr Alten über uns sagten, war doch erkennbar falsch, also durchbrechen wir den Kreislauf und hören auf, auf die Jungen zu schimpfen – schlägt Feifer vor und kommt zu dem Schluss: „Wir sind nichts Besonderes. Wir sind lediglich die letzte Generation in einer ganzen Reihe.“ Wir sollten uns von dem Wunsch verabschieden, dass man sich an uns erinnert. „Wir sind genauso gut und genauso schlecht wie die vor uns – auch wie die, die nach uns kommen. Wir sind eingeklemmt zwischen zwei Generationen. Das Beste was wir daraus machen können: Wir sollten unsere Zeit klug nutzen und diejenigen unterstützen, die uns mal nachfolgen werden.“

Besonders schön ist dieser Vorsatz übrigens in einem Kinderbuch zusammengefasst, das ich auch in diesem Monat gelesen habe. Es stammt von Rebecca Solnit, von der ich einen hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft gelernt habe und die sich die Mühe gemacht hat, Aschenputtel in eine moderne Form zu bringen (Cinderella Liberator). Sie sagt, sie habe irgendwann gemerkt, dass es in der Geschichte gar nicht so sehr darum gehe, einen Prinzen zu heiraten, sondern viel mehr um die Verwandlung und die Transformation. Deshalb lässt sie die gute Fee in dem Buch an einer Stelle auch sagen, dass die wahre Magie darin liege, dazu beizutragen, dass jedes Ding sein bestes und möglichst freies Selbst entwickeln kann.


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, dessen Mai-Ausgabe in den kommenden Tagen verschickt wird. Mehr zum Thema Generationenkonflikt gibt es auch in dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip – zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen“

Grumpy Cat ist tot

Wer einen Grund zur schlechten Laune sucht, hier ist er: „Jetzt gibt es sogar schon Nachrufe auf Internet-Memes.“ Alles an dem Satz macht missmutig. Der Anlass (Grumpy Cat ist tot) und die darauf folgenden medialen Verwertungsmechanismen (Nachrufe!) laufen konsequent auf den einen Satz zu, der mit der missmutig schauenden Katze auf ewig verbunden sein wird: „I had fun once – it was awful“

Es war ein Spaß, sich an der Katze zu erfreuen, die mit einem besonders missmutigen Gesichtsausdruck beschenkt und von ihrer Besitzerin „Tadar Sauce“ getauft wurde. Doch der Spaß ist jetzt vorbei! Die vermeintlich schlechte Laune als Reaktion auf alles, war einer der ersten Running-Gags des Internets. Aus der vermeintlich guten Zeit: Früher! Eine lustige Referenz, die mit Erwartungen brach und auf gemeinsamem Vorwissen basierte. So funktionieren Memes, die Geheimsprache in der Welt, die für alle zugänglich ist. Das war mal jung und frisch und neu – und jetzt landet dieses System der Wortwitz-Bezüge in der Nachruf-Spalte. Schlimme Welt! Niedergang, Skandal, schlechte Laune!

Doch das ist das Großartige an der kleinen Katze aus Arizona: Sie hat die schlechte Laune den Schlechtgelaunten geraubt. Wann immer ein missmutiger Griesgram auftaucht, muss man an die in Wahrheit ja lustige Katze denken – und schon ist die Griesgram weniger mächtig. Das ist der Zauber der Ironie dieses Memes: man kann es nicht mit schlechter Laune betrachten.

Deshalb wird Grumpy Cat für mich immer der beste Beweis dafür bleiben, dass das Jammern über den Niedergang der Welt im Allgemeinen und über die Popularisierung von Memes im Speziellen nicht funktioniert. Es gehört zu Memes dazu, dass sie irgendwas aus der Ecke des Geheimwissens heraustreten. Und es bleibt Grundantrieb der Welt, dass sie sich ändert. So traurig der Anlass also sein mag, dass die Katze am 14. Mai verstorben ist: Dass es mittlerweile Nachrufe auf Memes gibt, ist doch in Wahrheit ein Beweis dafür, dass Fortschritt möglich ist. Und wer das nicht so sieht, darf gerne missmutig bleiben.

Hier der Beitrag zum Phänomen von vor vier Jahren aus der Serie „15 Minutes of Fame“