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loading: Fairplaid

Crowdfunding verändert nicht nur auf Basis einzelner Projekt die Art des Bezahlens. Durch neue Crowdfunding-Plattformen verändern sich auch ganze Branchen. Im Bereich Sport will die Plattform fairplaid das Prinzip der Förderung erweitern. Die Seite möchte Menschen belohnen, die Sportprojekte fördern.

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Wie das geht erklärt Anja Balleer im loading-Fragebogen:

Was macht Ihr?
Wir schaffen mit fairplaid.org eine neue Säule der Sportförderung in Deutschland. Auf den ersten Blick für die meisten eine „einfache“ Crowdfunding-Plattform, auf der Sportler und Sportvereine ihre Sportprojekte einstellen können. Allerdings stimmt das nicht ganz, denn wir erweitern das Prämienprinzip des Crowdfundings um eine weitere, dem Sport angemessene, Komponente. Auf fairplaid.org können die Unterstützer natürlich mit Prämien des Projektstarters belohnt werden. Besonders macht die Plattform allerdings, dass Unterstützer über exklusive Gutscheine von kooperienden Unternehmen belohnt werden – oftmals mit einem Wert in doppelter Höhe ihres Unterstützungsbetrags.

Als Beispiel: Du gibst dem Sportprojekt „Unterwasserhockey WM 2013 – Wir sind dabei!“ 10 Euro und kannst Dir hierfür einen Gutschein von brands4friends in Höhe von 20 Euro auswählen.

Warum macht Ihr es so?
Zum einen besteht unser Team durchweg aus Sportlern. Wir sind im Verein groß geworden, wissen was der normale Sportverein für die Gesellschaft leistet. Vor allem wissen wir aber auch um die schlechte finanzielle Lage der Vereine. Viele können kaum mehr den normalen Sportbetrieb aufrecht erhalten. Wir möchten den Sportvereinen deshalb eine neue Möglichkeit bieten, Gelder für ihre Sportprojekte zu sammeln. Die zusätzliche Komponente der exklusiven Gutscheine hat den Grund, dass Sportvereine eben oftmals nicht die tollen Prämien wie Bands oder Kulturschaffende bieten können. Uns ist bewusst, dass wir hier helfen und Prämien zusteuern müssen – daher diese Art der Belohnung der Unterstützer.

Wer soll da mitmachen?
Erstens natürlich Sportler und Sportvereine, die sich ihre Sportprojekte finanzieren lassen möchten. Zweitens diejenigen, die ihren oder andere Sportvereine unterstützen möchten und dafür belohnt werden. Drittens Unternehmen, welche etwas Gutes tun möchten und dadurch gleichzeitig Neukunden gewinnen möchten. Und natürlich viertens mittelfristig auch Gutscheinjäger, die in erster Linie sparen möchten. Freut uns aber auch, da auch diese mit ihrem Beitrag zu einer neuen Säule der Sportförderung beitragen

Wie geht es weiter?
Wir sind gerade mit den ersten Sportprojekten gestartet und hatten schon vor wenigen Tagen ein erstes erfolgreiches Projekt auf der Plattform. Wir noch in der Anfangsphase, spüren aber bereits das Interesse von vielen Seiten, potentiellen Projektstartern, Sportverbänden, Unterstützern, aber auch Unternehmen.
Wir sind überzeugt von der Sache und werden vollen Einsatz bringen, um Sportler und Sportvereine zu fördern und so viele Sportprojekte möglich zu machen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Mehr Menschen sollten wissen, dass es sich für jeden persönlich lohnt zu unterstützen. Zum einen weil die Plattform neue Möglichkeiten der Belohnung von Unterstützern in Form von exklusiven Gutscheinen bietet und ich als Unterstützer sozusagen „doppelt“ belohnt werde. Zum anderen aber, weil ich als Unterstützer mit meinem Beitrag den Sport und somit eine wichtige gesellschaftliche Bewegung – mit insgesamt 91.000 Sportvereinen – voranbringe und somit zu einer neuen Säule der Sportförderung beitrage.

Die Menschen sollten außerdem wissen, dass hinter fairplaid.org ein Team steckt, welches aus dem Sport kommt und gemeinsam mit Verbänden und Vereinen die Plattform konzipiert hat.

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Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


loading: Das IOC-Buch

Im Wikipedia-Artikel über Jens Weinreich steht: „Obwohl Weinreich vorwiegend als Sportjournalist tätig ist, unterscheidet sich sein Werk deutlich von der üblichen Berichterstattung.“ Das bezieht sich auf die Themen, aber auch auf die innovativen Zugänge, die Weinreich zu seinem Beruf wählt.

Jetzt hat er auf Krautreporter des Projekt „IOC-Buch“ gestartet. Im loading-Fragebogen erklärt er, was sich dahinter verbirgt:



Was machst du?
Ich bin Journalist und beschäftige mich mit seit vielen Jahren mit Themen der internationalen Sportpolitik, mit Korruption und Compliance-Fragen. Im September wird der mächtigste Mann des Weltsports gewählt, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Das wird wahrscheinlich der Deutsche Thomas Bach. Gleichzeitig laufen alarmierende globale Machtverschiebungen im milliardenschweren Sportbusiness ab. Ölscheichs, Oligarchen und despotische Politiker wie Wladimir Putin dominieren die Szene, bestimmen über Mega-Events, Profit und Positionen, bringen ihre Marionetten in Stellung. Auch Bach ist bestens vernetzt und wird u.a. von einem dubiosen Scheich aus Kuwait unterstützt, der mal OPEC-Präsident war. Das alles will ich durchleuchten, so gut es geht – auch mit Hilfe der Crowd. Über diese Themen blogge ich, schreibe für Zeitungen, habe Filme und Bücher gemacht – nun will ich zu diesem sporthistorischen Anlass der IOC-Vollversammlung im September in Buenos Aires ein Ebook schreiben.

Warum (machst du es so)?
Auf herkömmlichen Wege, etwa über Buchverlage oder in dem ich meine Recherchereisen mit aktueller Berichterstattung für verschiedene Medien finanziere, kann ich ein solches Buchprojekt nicht stemmen. In Recherche investieren nur wenige Medien. Also versuche ich es selbst – über Crowdfunding. Die Interessenten kaufen ihr Buch vorab. Sie finanzieren meine Arbeit, meine Reisen, die Recherchen, auch ein Lektorat, juristische Unterstützung und vielleicht eine englische Übersetzung. Aber mehr noch: Es geht mir gleichzeitig um Crowdsourcing, ich baue immer auf meine Diskutanten – ja, ich nenne die Kundschaft nicht mehr Rezipienten, weil Journalismus für mich u.a. ein Diskussionsprozess ist. So wird diese Buchproduktion ebenfalls zum Diskussionsprozess, denn ich schreibe nicht im stillen Kämmerlein, sondern etliche Passagen gewissermaßen live, vor Ort, dort wo ich recherchiere. Die aktuelle Berichterstattung von der entscheidenden IOC-Session in Buenos Aires im September gehört mit zu diesem Projekt. Fast zwei Wochen 24/7, so wie ich es bei anderen Highlights wie Olympischen Spielen oft gemacht habe. Diese Art von sportpolitischer Live-Berichterstattung, Analytik in Echtzeit quasi, ist nicht alltäglich.

Ganz wichtig dabei: Ich zeige im Buch nicht nur die Machtstränge hinter der glänzenden Fassade des Olympia-Business auf, ich behandele dabei konsequent auch journalistische Themen – wie recherchiere ich, wer spricht mit mir, welchen Einfluss haben Spin-Doktoren und Propaganda, wer behindert Journalismus, wie lassen sich Journalisten und Medien instrumentalisieren, welche Chancen hat Journalismus in diesem Metier überhaupt noch? Das alles werde ich sehr plastisch beschreiben. Zudem arbeite ich mit Links, Fußnoten, Dokumenten – Nachprüfbarkeit und das Bereitstellen von Quellen und Daten sind essentiell in meiner Arbeit.

Wer soll das lesen?
Jeder politisch denkende Mensch. Das ist kein Sportbuch, sondern ein Polit- und Wirtschaftskrimi. Es ist alles dabei: Sex and Crime und ein bisschen Weltverschwörung. Wer liest nicht gern solche Krimis? Wenn Thomas Bach IOC-Präsident wird, ist das die wichtigste Personalie in der gesamten deutschen Sportgeschichte. Da möchte ich mich dann schon ganz gern der Wahrheit annähern, das Business, die Marionettenspieler und deren Puppen
beschreiben. Da sollte dieses Buch Pflichtlektüre sein.

Wie geht es weiter?
Während der Finanzierungsphase, die bis zum 8. Juli läuft, mache ich weiter normal meine Arbeit. In dieser Woche muss ich zum Beispiel eine Reise nach Lausanne in die IOC-Konzenzentrale finanzieren. Ich werde dort für einige Medien berichten, bloggen, filmen, Fotos machen, vor allem aber viele Gespräche führen und andere Treffen vorbereiten. Sollte die Projektsumme von 10.000 Euro zusammen kommen, kann ich wichtige Recherchereisen machen, ich muss zum Beispiel nach Russland, nach Afrika, mehrfach in die Schweiz. Ich kann meine Arbeit dann viel konzentrierter erledigen, weil ich, zum Beispiel, nicht um jedes Flugticket mit kleineren Geschichten kämpfen müsste, sondern weil diese Kosten abgedeckt wären.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Dieses Buch wird ein Stück Aufklärung über eine Milliardenbranche, die mit Emotionen handelt. Es geht um Geschäfte in der Grauzone von Sport, Wirtschaft und Politik, um Korruption, um eine Parallelgesellschaft mit eigenen Gesetzen. Ich kann da etliche Erklärungen und Analysen bieten, weil ich mich seit mehr als zwanzig Jahren intensiv in dieser Szene bewege und versuche, meinen Job als Journalist zu machen und Aufklärung zu liefern. Jeder kann das Buch besser machen, in dem er es vorab kauft, meine Recherchen finanziert, sich an der Diskussion beteiligt, Hinweise gibt, mich kritisiert – die Möglichkeiten sind vielfältig. Jeder Unterstützer bekommt dafür vor der IOC-Session im September ein Dossier, nach der Wahl des IOC-Präsidenten ein Ebook, und einige Goodies. Unterstützer bekommen also vor allem ein Produkt harter Arbeit und eines modernen Journalismus unter schwierigen Bedingungen. Ich finde, das ist ein fairer Deal.

>>>>Hier das „IOC-Buch“ kaufen

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Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Niemals aufgeben

Lance Armstrong hat keine Lust mehr, sich den Vorwürfen der Doping-Fahnder zu erwehren. So die Sicht des vormals erfolgreichen wie populären Radrennfahrers auf die Meldung der vergangenen Woche: Lance Armstrong lebenslang gesperrt.

Der mit Abstand beste Text, den ich zu diesem Thema, das eigentlich in diesem Blog nichts verloren hat, gelesen habe, stammt von Michael Specter aus dem New Yorker. Specter schreibt eine sehr persönliche Einschätzung zum Fall Armstrong, als jemand, der jahrelang über Armstrong berichtet und ihm wohl auch geglaubt hat. Specter macht sich selber zum Thema seines Textes und das macht den Text so gut:

That is why I am so deeply appalled by his announcement yesterday that he would no longer fight the charges against him. He said he was tired of the fight. Tired? Really? Armstrong made it clear on several occasions he would fight to the death.

Jetzt will Armstrong nicht mehr kämpfen – und Specter erinnert an ein Zitat des Sportlers, das mit den Geschehnissen der vergangenen Woche eine neue Bedeutung erlangt:

Pain is temporary. It may last a minute, or an hour, or a day, or a year, but eventually it will subside and something else will take its place. If I quit, however, it lasts forever.

Die Medien-Mitgliedschaft

Das da oben ist Philipp Köster. Er ist Chefredakteur des tollen Magazins 11 Freunde. In dem Clip stellt er die Dauerkarte des Magazins vor. Ein Mitgliedsausweis, der das konkret umsetzt, was Alan Rusbridger am Wochenende beim Guardian Open Weekend angekündigt hatte (siehe dazu den sehr lesenswerten Beitrag von Mercedes Bunz in der heutigen Print-SZ): Leser und Nutzer nicht als zahlende Kunden zu verstehen, sondern als Mitglieder einer Gemeinschaft. Jennie Gibson, die mit der US-Version des Guardian Nordamerika erobern möchte, bringt es so auf den Punkt:

We are trying to make [the audience] feel they are part of the international army of Guardian readers.

Spannend sind daran zwei Punkte: Zum einen betont eines solche Mitgliedschaft das Verbindende, das durch die Lektüre einer Zeitung bzw. durch die Zugehörigkeit zu einer Medienmarke entstehen kann (dazu habe ich unter dem Schlagwort Community hier bereits viel geschrieben). Zum anderen ist dies aber auch ein sehr spannender Ansatz für Pay-Modelle. Denn es ist mehr als rein sprachlicher Unterschied, ob man zahlender Kunde und zahlendes Mitglied ist. Am Beispiel der Wikipedia-Spende war diese sprachliche Fassung dessen, was man Geld-Transfer nennen würde, bereits Thema.

Vielleicht hängt Bezahlen im Internet nicht unwesentlich auch davon ab, wie man es nennt? Denn aus anderen Begriffen leitet sich auch eine andere Haltung ab.

Kundenpflege auf Twitter – Interview mit Raphael Honigstein

Raphael Honigstein ist deutscher Journalist in Großbritannien. Der Kenner des britischen Fußballs (der – Disclosure – auch schon für jetzt und jetzt.de tätig war) schreibt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und den Guardian. Er ist Autor des Buchs Harder, better, faster, stronger: Die geheime Geschichte des englischen Fußballs und aktiver Twitter-Nutzer. Seinem Account honigstein folgen mehr als 22.000 Menschen. Ein Interview über Kundenpflege und Journalismus in Zeiten des Dialog.

Journalisten, die in Deutschland twittern, bekommen dafür oftmals noch skeptische Reaktionen. Hat dich einer deiner britischen Kollegen schon mal gefragt: Warum twitterst du eigentlich?
Nein. Ich wurde nur ständig gefragt, warum ich nicht tweete. (nicht: „twittere“). Kurz vor der WM 2010 habe ich angefangen.

Was hättest du geantwortet?
Dass ich es aus den gleichen Gründen wie alle (britischen) Journalisten mache. Manchmal hat man kleine, interessante Dinge zu erzählen, ohne dass daraus ein Text werden muss. Im Vordergrund steht für mich aber der Vetrieb bzw die Verlinkung meiner Texte. Meine Tweets generieren traffic für meine Stücke und finden über retweets neue Leser. Der Nutzen liegt dabei auf der Hand. Darüberhinaus hat für mich Twitter mittlerweile die Funktion meiner „Start-Seite“ eingenommen. Ich muss am morgen nicht mehr diverse Seiten nach Nachrichten abklappern, sondern bekomme dank den verschiedenen Timelines alles in Echtzeit (und oft mit dem passenden Kommentar versehen) auf einen Schirm. Drittens geht es um Interaktivität und Austausch. Über den Dialog mit den Usern und Kollegen kommt man zu neuen Themen, Ideen etc etc. Und nicht zuletzt ist Twitter auch eine Art Branding-Tool, ein dynamisches, ständig aktualisiertes Mini-Showreel, und gleichzeitig eine Kontaktadresse für neue Kunden.

Eine typische Kollegen-Replik hierzulande lautet oftmals: „Dafür hätte ich gar keine Zeit.“ Ist Twittern tatsächlich so zeitaufwändig?
Das hängt von der eigenen Mitteilsamkeit ab. Ich tweete relativ spärlich. Manchmal muss man aber trotzdem aufpassen, dass man sich nicht in endlosen 140 Zeichen-Debatten verliert oder alle paar Sekunden nach Antworten sucht.

In deiner Timeline sind auch zahlreiche Antworten auf Fragen zu lesen, die Follower Dir stellen. Ist dieser Dialog mit den Lesern eher anstrengend oder eher anregend?
Ich sehe das als Kundenservice. Man kann zwar nicht jede Frage beantworten, aber ich versuche es zumindest. Anstrengend ist das eigentlich nicht; vor allem, weil man Rabauken und Nervensägen geräuschlos weg-„block“-en kann.

Bist du so schon auf neue Geschichten gestoßen über diesen Twitter-Dialog?
Ein paar Mal. Besonders in der Zusammenarbeit mit Kollegen lässt sich sehr schnell und effektiv recherchieren. Und das „wisdom of crowds“-Prinzip funktioniert auch hervorragend: vor einem Blatter-Interview auf CNN habe ich im Auftrag des Producers zum Beispiel Fragen von den Usern gesammelt. Binnen einer Stunde gingen etwa 100 ein. Die meisten waren sehr lustig und hoch intelligent.

Als Regierungssprecher Steffen Seibert im Frühjahr begann, Twitter zu nutzen, hat er sich in der Bundespressekonferenz eine Menge kritischer Fragen anhören müssen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es derartige Kritik in London gegeben hätte. Was glaubst du, warum es da Unterschiede gibt?
Ich habe das Video der PK gesehen. Es ging da wohl eher um Besitzstandswahrung/Kommunikationsherrschaft, die diversen Sicherheitsbedenken wirkten doch arg konstruiert. Eine ähnliche Debatte hätte es in London allein schon deshalb nicht gegeben, weil sich hier niemand darum reißt, offizielle Bekanntmachungen als erster weiterzusenden.

Peter Horrocks der Chef vom BBC World Service hat gesagt, dass Journalisten, die sich nicht um Twitter und Facebook kümmern, ihren Job nicht anständig erledigen. Würdest du das auch so sehen? Also: Würdest du eine Prognose wagen, wie es mit Twitter und dem Journalismus weiter geht?
Für Freelancer und Journalisten im öffentlichen Dienst, sprich: bei der BBC gilt das sicher. Die fest angestellten Kollegen sollten sich grundsätzlich natürlich auch um den Text-Vertrieb, Kundenservice etc kümmern, müssen dabei aber immer bedenken, dass sie nicht zuviel umsonst verzwitschern. Facebook sehe ich persönlich als weniger geeignetes Medium an, weil sich da Privates (Freunde) mit Geschäftlichem („Freunde“) vermischt. Ich poste zwar dort auch Links, weiß aber, dass die Streubreite unheimlich groß ist

Letzte Frage: Welche Twitter-Nutzer würdest du Einsteigern als Follow-Empfehlung ans Herz legen?
@lucymanning für Politik, @henrywinter für Fußball, @twilo73 für Real-Madrid-Insider-Tweets.

Raphael Honigstein tweetet unter dem Namen honigstein

„We cannot catch him“

Die New York Times widmet unter dem Titel Boy Genius dem bald 24-jährigen Lionel Messi ein ausführliches Porträt, in dem auch sein Mannschaftskollege Gerard Piqué zu Wort kommt. Er erinnert sich:

“He was in the dressing room, on the bench, just sitting. He said nothing to us for the first month. We traveled to Switzerland to play a tournament, and he started to talk and have fun. We thought it was another person. He was really good, but he was really small and thin. His legs were like fingers. One coach said, ‘Don’t try to tackle him strong, because maybe you will break him.’ And we said, ‘O.K., but don’t worry because we cannot catch him.’ ”

Dazu gibt es diese Messi’s Eleven genannte Übersicht seiner elf Champions-League-Tore (bisher). Mit dabei auch dieser wunderbare Treffer gegen Real Madrid am 27. April:

via

Hauptsache Fußball!

Der Kölner Bayern-Fan Andreas Bach (mit dem ich hier unlängst ein Interview führte) hat den sehr empfehlenswerten Film Hauptsache Fußball gedreht, dessen Trailer eine Antwort auf die Katastrophe des gestrigen Abends liefert. Nach 1:08 Minuten kommt ein Bochum-Fan (nach dem Abstieg in der vergangenen Saison) zu Wort. Er sagt:

Ich werd jetzt noch ein paar Bier trinken. Und dann wird alles wieder gut

Übersetzt auf die aktuelle Situation heißt das (glaube ich): Gladbach ist noch nicht durch!


Denn ich erinnere an Christoph Biermanns sehr richtige Einschätzung:

Die Welt des VfL Bochum ist ewiger Abstiegskampf, Fahrstuhlfahrten zwischen den Ligen, Schmerz, Trauer – und immer wieder Hoffnung. Ein zähes „Ihr da oben, wir hier unten” ordnet die Welt seit Anbeginn.

Die Leser im Fußballstadion

Die gesellschaftliche Metaphorik des Fußballs ist so allgegenwärtig, dass man sie kaum mehr zitieren mag. Die Kommerzialisierung, die Kurzlebigkeit und die alleinige Fixierung auf Erfolg (Punkte = Umsatz) sind hinlänglich zitiert und beschrieben worden. Unlängst wies der FAZ-Kollege Marcus Jauer zudem sehr lesenswert darauf hin, wie auch die politische Berichterstattung sich immer mehr dem annähert, wie über Fußball berichtet wird.

„Grundsätzlich überlebt keine Industrie, die nicht auf ihre Kunden hört, und Kunden sind überall fordernder geworden, seitdem es diese großartigen Formen der direkten Kommunikation gibt.“ Michalis Pantelouris

Trotzdem muss ich den Fußball heranziehen, um eine Frage aufzuwerfen, die (weiter unten) auch den Journalismus betrifft. Michalis Pantelouris hatte unlängst darauf hingewiesen, dass die Kunden immer fordernder werden und dass er keine Industrie kenne, die überlebe, ohne auf ihre Kunden zu hören. Er bezog das auf die fehlende Kommunikationsbereitschaft mancher Journalisten im Netz. Ich musste dabei jedoch an den FC Schalke und den FC Bayern denken. Deren Kunden (vulgo: Fans) haben derzeit ein Problem mit Manuel Neuer, der übrigens nicht nur wegen seiner herausragenden Arbeit auf dem Fußballplatz Respekt verdient, sondern gerade und vor allem für die Art und Weise wie er mit seinen Kunden (vulgo: Facebook-Fans) kommuniziert.

„Die Scheißstimmung, für die seid ihr doch zuständig und nicht wir. Es kann nicht sein, dass wir uns jahrelang den Arsch aufreißen und dann so kritisiert werden. Was glaubt ihr denn, wer ihr seid?“ Uli Hoeneß, Wutrede

Aber um den Torwart geht es nur nebenbei. Ich frage mich vor allem, ob ein Verein einen Spieler gegen den erklärten Willen einiger seiner Fans (Kunden?) kaufen und einsetzen sollte und kann? Wie er das kann, wird der FC Bayern wohl in den nächsten Tagen zeigen, ob er das sollte, kann ich nicht beurteilen. Erstaunlich finde ich jedoch, dass es offenbar Anhänger des FC Bayern gibt, die aus welchen Gründen auch immer, darauf verzichten wollen, den erkennbar besten Torhüter des Landes (der Welt?) in ihrem Team zu haben. Warum auch immer die Koan Neuer-Menschen sich organsieren, sie widersprechen damit massiv dem Vorwurf, Schönwetter-Fans zu sein, die nur gewinnen wollen. Sonst hätten sie kein Problem damit, den besten Torwart des Landes in ihrem Team zu haben, sich also dem oben angesprochenen Leistungsgebot zu fügen: der Erfolg des eigenen Team rechtfertigt die Mittel.

Ähnlich scheinen einige der Schalke-Anhänger zu denken, die Manuel Neuer nun die Sympathie (und die Mitgliedschaft) entziehen, weil sich nicht wollen, dass er zu den Bayern geht. Damit sind die Aufbegehrenden unter den Schalke- und Bayern-Fans sich erstaunlich nah – und stehen so für einen Trend, dem das Magazin 11 Freunde in seiner gerade vergangenen Ausgabe eine Geschichte unter dem Titel Die neue Macht der Fans widmete. Darin heißt es (womöglich im Unterschied zum Fall Neuer):

All diese Bündnisse haben über Vereinsgrenzen hinweg den Umstand gemeinsam, dass sie zunächst einmal keine klassischen Faninitiativen sind. Die üblichen Reizthemen zwischen Kurven und Vorständen, etwa Eintrittspreise oder Legalisierung von Pyrotechnik, tauchen in den Forderungskatalogen nicht auf. Stattdessen eint die Aktivisten der generelle Wunsch nach mehr Rechten der Mitglieder und Teilhabe an Entscheidungsprozessen. (…) Es verbindet sie weniger die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Szene als die Sorge um die Zukunft ihres Klubs. Die Protagonisten sind tendenziell mittelalt und als Ingenieure, Unternehmensberater oder Juristen überdurchschnittlich gebildet.

Vielleicht haben diese Initiativen nichts mit dem Fall Neuer zu tun, vielleicht wären sie auch ohne die Möglichkeiten der neuen Kommunikationsmittel entstanden, ganz sicher aber werfen sie die Frage auf: Wie geht ein Verein mit seinen Fans um? Immerhin stimmt zumindest zum Teil, was der ironisiert eingestreute Anrufer im Song Ich möchte nicht dass ihr meine Lieder singt von Jan Delay sagt:

Ohne deine Fans, da wärst du gar nichts.

Was all das jetzt mit dem Journalismus zu tun hat? Eine ganze Menge: Zeigt der Fußball doch, welche Rolle der aktive Rezipient für eine Organisation haben kann. Der Verein, die Trainer, die Spieler erstellen jede Woche ein Produkt – das Spiel. All das erlangt seine Bedeutung aber nur die soziale Komponente des gemeinschaftlichen Erlebens. Die Fans des Vereins haben Einfluß auf dessen Produkt. Vielleicht genau so, wie die Fans einer Nachrichtenwebsite deren Ansehen, Image und womöglich deren Wert mitbestimmen.

Die Neuer-Geschichte zeigt aber auch, dass die Entstehung des aktiven Rezipienten keine die Medien allein herausfordende Veränderung ist. Sie zeigt, dass das, was gemeinhin als Social Media bezeichnet wird, in erster Linie die Fähigkeit zum Dialog und zur Transparenz meint, die von mehr gesellschaftlichen Akteuren verlangt wird als lediglich von Journalisten.

Darüber hinaus zeigt diese Fußball-Geschichte aber noch etwas, was für unser Verständnis von Massenmedien und Leser-Gemeinschaften interessant sein könnte: Wutrede und Delay-Rap erinnern mich an diese eine Geschichte eines Chefredakteurs vom alten Schlag, die ich mittlerweile von sovielen unterschiedlichen Redaktionen gehört habe, dass ich gar nicht sicher bin, ob sie sich wirklich zugetragen hat, oder ob sie lediglich eine Episode aus der „Früher war alles besser“-Welt ist. Dieser legendäre Haudegen des Journalismus soll jedenfalls auf einen besonders dummen, nervigen, rechten (Adjektive nach Belieben ergänzen) Leserbrief geantwortet haben, dass seine Zeitung einen solch dummen, nervigen, rechten (Adjektiv wiederum nach Belieben ergänzen) Leser nicht wünsche und ihm deshalb mit sofortiger Wirkung das Abo entziehe. Es schwingt in dieser Geschichte der Zauber einer besseren Zeit als ein Chefredakteur es sich noch leisten konnte, Abos abzulehnen, ja sogar zu kündigen.

Es steckt in dieser Geschichte aber auch eine Ahnung dessen, wie wir Leserschaften (oder Fans) auch verstehen können: als Gemeinschaften, die sich eben dadurch auszeichnen, dass sie ein Innen und ein Außen haben. Und erst, wenn es Leute gibt, die nicht zu diesem Innen gehören, kann die Gemeinschaft erwachsen. Gerade in Zeiten, in denen wir ständig die Rede von segmentierten Leserschaften hören, kann diese Erkenntnis womöglich an Bedeutung gewinnen.

Vielleicht diesmal nicht für den Fußball, aber für den Journalismus.