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Shruggie des Monats: das Web – Vague but exciting

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

In diesen Tage gab es einige Jubiläumsveranstaltungen und Veröffentlichungen mit dem Titel „30 Jahre Web“. Denn im März 1987 legte Tim Berners-Lee einen ersten Grundstein für das, was wir heute sehr selbstverständlich im Browser ansurfen: das World Wide Web. Es wäre allerdings falsch anzunehmen, dass wir das seit 30 Jahren tun. Denn im März vor 30 Jahren reichte Berners-Lee einen ersten Vorschlag für ein Projekt ein, aus dem dann irgendwann mal das werden sollte, was wir als Web kennen. Bis eine erste Website online ging, dauerte es bis in den Dezember 1990 und erst im August 1991 wurde das Web einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dass all das aber nicht der Geburtstag des Internet (die zugrunde liegende Infrastruktur) ist, sondern der Beginn einer von zahlreichen auf dem Internet basierenden Anwendungen (eben dem Web), kann man im Detail in der Gebrauchsanweisung für das Internet nachlesen, in der es auch eine Übersicht über die zahlreichen Jahrestage gibt, die man in Bezug auf das Internet feiern kann.

Am Forschungsinstitut Cern, wo Berners-Lee damals arbeitete, wurde der Jahrestag des ersten Forschungsanstrags in diesem Monat gerade mit einem Festakt begangen und in London feierte das Science Museum den berühmten Sohn der Stadt mit einer prominent besetzten Veranstaltung. Tim Berners-Lee hielt dabei (ab ca 1:15 Std) einen Vortrag, der sich inhaltlich deckt mit dem, was er in einem offenen Brief notierte, der dieser Tage in zahlreichen internationalen Medien veröffentlicht wurde.

In dem Vortrag zeigt er auch das erste handschriftliche Feedback, das auf seinen Vorschlag erhielt: „Vague but exciting“ ist so eine schöne (perfekt zum Shrugggie passende) Beurteilung für nahezu alles im Digitalen, dass man die handschriftliche Notiz mittlerweile sogar auf einem T-Shirt gedruckt kaufen.

Unklar, aber spannend – ist eine gute Beschreibung für die Herausforderung, vor die das Web uns stellt. Leider ist das Web und die neue Welt, die sie uns öffnet nicht einfach und eindeutig. Sie ist (wie vermutlich jede Zukunft zu jeder Zeit) ein Raum voller Unsicherheiten und Widersprüche, aber ein spannender Raum. Wir können und wir sollten sie gestalten.

Wie wir das tun, ist leider etwas untergegangen in der Berichterstattung der vergangenen Tage. Denn neben einer recht umfangreichen Analyse dessen, was unklar ist am Web, bringen die Jubliäums-Veröffentlichungen durchaus eine erkennbare Beschreibungen dessen, was digitale Bürger*innen tun können. In der deutschen Übersetzung des Contract for the Web heißt es, Bürger*innen sollten sich folgendes vornehmen:

Gestalter und Mitwirkende im Web sein
Damit das Web für jeden Menschen umfangreiche und relevante Inhalte bereithält.

starke Gemeinschaften bilden, die den gesellschaftlichen Diskurs und die Menschenwürde respektieren
Damit sich jeder Mensch online sicher und willkommen fühlt.

für das Web kämpfen
Damit das Web offen und eine globale öffentliche Ressource für die Menschen bleibt – überall, heute und in Zukunft.

Ich finde in diesen drei zunächst vage klingenen Vorsätzen für digtale Bürgerschaft, steckt ein spannendes Potenzial. Denn was bedeutet dies vor dem Hintergrund der Debatten und Demonstrationen um das Urheberrecht, die wir in der kommenden Woche erleben werden? Was bedeutet es in Bezug auf die Frage, wie wir mit gewaltverherrlichender Propaganda und den Regeln der Aufmerksamkeit zum Beispiel nach dem Terroranschlag von Christchurch umgehen?

Berners-Lees Antwort darauf: Wir sollten Verantwortung übernehmen – für unser Handeln, aber eben auch für das Web als offene Infrastruktur. „Denn das Wichtigste von allem: Bürger*innen müssen Unternehmen und Regierungen in die Pflicht nehmen, sich an die Versprechen zu halten, die sie gegeben haben. Sie müssen von beiden einfordern, dass sie das Web als globale Gemeinschaft der Bürgerinnen und Bürger respektieren. Wenn wir keine Politiker*innen wählen, die das freie und offenen Web verteidigen, wenn wir nicht unseren Teil dazu beitragen, eine konstruktive und gesunde Debattenkultur zu pflegen und wenn wir einfach „Zustimmen“ klicken ohne für unseren Datenschutz einzutreten, dann laufen wir vor unserer Verantwortung davon, diese Debatten auf die Agenda unserer Regierungen zu heben.“

Das digitale Klima, die Gesundheit des Web sind bedeutsame Aufgaben für die Zukunft. Mir scheint, dass selbst an einem Festtag wie in dieser Woche das öffentliche Bewusstsein dafür nicht gerade ausgeprägt ist. Entweder weil Menschen das Web ohnehin für böse halten oder weil sie nicht bemerken, wie bedeutsam die Idee einer offenen Infrastruktur ist. Beides halte ich für kurzsichtig. Es ist möglich, einen offenen nicht euphorischen Blick auf das Web zu werfen und zu erkennen, welche demokratische Gestaltungsmacht in dem liegt, was Tim Berners-Lee vor 30 Jahren in einer ersten Idee formulierte. Dies kann gelingen, wenn wir Gestalter und Mitwirkende an diesem gemeinsamen Projekt werden, die Menschenwürde respektieren und für das Web kämpfen.

Jedenfalls kann man darauf im besten Shruggiesinn hoffen ¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Meinungsvirus: das bessere Bild für einen Shitstorm (Digitale Januar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Kennen Sie die „Warum wurde ich nicht gefragt?“-Theorie? Sie stammt aus dem Jahr 2011 und ich musste an diese Idee denken, als ich unlängst im Kino war. Ich schaute mir „Chaos im Netz“ an, der tatsächlich ein ziemlich gelungener Film über das Internet ist. Denn er ist voller guter Bilder für das, was man so schwer erklären kann: Im Internet sein! Für die Kinderzeitung der Samstags-SZ habe ich das an drei Beispielen beschrieben. Man könnte aber unzählige weitere ergänzen: Packet-Switching, den Unterschied zwischen Web und Internet, die Idee des Hyperlinks, das Konzept Algorithmus, Autovervollständigung, Dark Net und sogar Viralkultur werden in dem Film so kindgerecht ins Bild gesetzt, dass auch Erwachsene sich den Film anschauen sollten (für Details können Sie danach dann die Gebrauchsanweisung lesen).

Und im hinteren Drittel des Films gibt es auch ein Bild für jene Form der Empörungswelle, die man in Deutschland (und nur in Deutschland) Vulgär-Englisch Shitstorm nennt. Dieses Bild (Screenshot links) ist so gut, dass ich mir sogar vorstellen kann, dass es langfristig in der Lage wäre, den merkwürdigen Begriff Shitstorm zu ersetzen. Das Bild ist ein Meinungsvirus. Und dieser Meinungsvirus hängt sehr eng mit der eingangs zitierten „Why wasn’t I consulted?“-Theorie zusammen. Aber eins nach dem anderen.

Zum Abschluss des Films muss die Hauptfigur Randale-Ralph (der im ersten Teil namens Ralph reicht’s aus einem Computerspiel ausbricht) gegen ein Computervirus kämpfen. Er hat dieses Virus selber miterschaffen und in ein Computerspiel eingeschleußt. Herkunft und Details des Schadprogramms erspare ich aus Spannungsgründen, wichtig ist nur: Das Programm macht sich durch beständiges Kopieren selbstständig. Es dupliziert Randale-Ralph immer und immer wieder, so lange bis dieser sich zu einer riesigen bedrohlichen Figur aufgetürmt hat, die nicht nur den Ursprungs-Ralph, sondern das ganze Internet bedroht. Bis hierhin gleicht der überdimensionierte Angreifer eher einer DDOS-Attacke als einem Shitstorm. Doch dann wird ein winziger Aspekt ergänzt, der mit der eingans zitierten Theorie zusammenhängt und offenlegt: Der Angreifer ist ein Meinungsvirus.

Denn der Ursprungs-Ralph besiegt den Virus-Ralph am Ende durch einen simplen Trick: indem er sich seiner Unsicherheit stellt. Denn diese war der Auslöser für das Duplikations-Virus und erst als er sie anerkennt, wird der Angriff und das beständige Kopieren gestoppt. Ganz ähnlich verhält es sich mit den Empörungswellen, die sich ebenfalls aufbäumen können wie das Virus im Film. Sie werden zu einer überlebensgroßen Bedrohung und vermehren sich auch immer weiter. Wie ein Meinungsvirus setzen sie den Angegriffenen unter Druck. Und wie im Film scheint die Lösung im Umgang mit Unsicherheiten zu liegen. Einerseits auf Seiten der Angreifer (Virus-Ralph) wie auf Seiten derjenigen, die vom Meinungsvirus bedroht werden (Ursprungs-Ralph).

Die Frage, wie man mit Unsicherheiten umgeht, scheint mir eine der zentralen der digitalen Gegenwart zu sein. Dabei geht es nicht nur darum, dass in komplexen Situationen so genannte Masterpläne nicht mehr greifen. Es geht auch darum, wie Menschen damit umgehen, dass sie sich ungefragt fühlen. Schon 2011 stellte der NPR-Redakteur Paul Ford die These auf, dass die zentrale Frage des Web laute „Warum wurde ich nicht gefragt?“ Menschen fühlen sich übergangen – in banalen Entscheidungen (welchen Film soll ich mir anschauen?) wie in komplexen politischen Debatten. Das Gefühl nicht angemessen befragt und eingebunden worden zu sein, ist in sehr vielen Fällen von Meinungsviren der Ausgangspunkt für das, was sich dann zu dem auftürmt, was man früher einen Shitstorm nannte. Ford listet in seinem Text jede Menge auch positive Beispiele auf, die aus der Energie entstanden, die sich durch den WWIC-Impuls freisetzen kann. Es verschweigt aber auch die Aspekte nicht, die sich aus enttäuschten Erwartungen ergeben – und die sich mittlerweile zu handfesten gesellschaftlichen Problemen entwickelt haben (auch deshalb wählte die letzte Digitale-Notizen-Ausgabe die URL erwartungs-management.de).

Die Sorge nicht gefragt worden zu sein (oder in Zukunft an Bedeutung zu verlieren), ist einer der zentralen Treiber für das, was Online-Debatten heute so unschön machen. Selten sind Menschen emotionaler bei der Sache als in den Situationen, in denen sie das Gefühl haben, etwas nicht zu bekommen, was ihnen zusteht. Fast immer geht es um Zuneigung, aber manchmal drückt sich das auch in – im Verhältnis – so banalen Dingen wie Kindergeld aus, von dem man vermutet, andere könnten es zu Unrecht und damit auf „unsere Kosten“ beziehen. Es ist dies überhaupt die wirksamste Methode, um Menschen zu steuern: indem man ihnen das Gefühl gibt, irgendwer würde ihnen vorenthalten, was ihnen zusteht. Mir ist niemand bekannt, die oder der vor diesem Gefühl gefeit wäre. Nur wenn es poopulistisch ausgeschlachtet wird, kann es sich wie das Computervirus im Film zu einer echten Empörungswelle auswachsen: zu einem Meinungsvirus.

Das Bild vom Meinungsvirus ist deshalb so tauglich, weil es eine Option so zusagen ein Anti-Viren-Programm mitliefert. Leider ist dieses Gegenmittel aber viel schwerer in die Tat umzusetzen. Denn es besteht aus Empathie und Reflektion. Die Fähigkeit, die Shruggie-Frage zu stellen „Was wäre, wenn das Gegenteil richtig wäre?“, muss immer und immer wieder geübt werden. Wie schwierig es ist, digitale Empathie zu leben, hat Richard Gutjahr in seinen beeindruckenden Vorträgen der vergangenen Jahre demonstriert (wie hier beim Zündfunk Netzkongress). Richard hat aber auch bewiesen, wie wichtig diese Fähigkeit ist.

Ich habe die Hoffnung, dass ein Gegenmittel gegen die umgreifenden Meinungsviren auch in Reflektion liegen könnte. Deshalb habe ich in diesem Monat eine URL reserviert, die man sich für solche Situationen merken sollte, in denen Debatten sich auftürmen wie die Virus-Version von Ralph. Sie heißt meinungsfreizeit.de – und behauptet: Wenn eine Diskussion aus dem Ruder läuft, hilft manchmal eine Pause. Wie ein Timeout beim Sport: kurz unterbrechen, sich sammeln und reflektieren. Meinungsfreizeit will keine Diskussionen abbrechen, sondern Reflektion ermöglichen.

Wenn das gelingt, passiert vielleicht das gleiche wie mit dem Virus-Ralph im Film als der echte Ralph sich seiner Unsicherheit stellt: das Meinungsvirus bricht in sich zusammen.

Probieren Sie es aus – unter meinungsfreizeit.de


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter ging es in den vergangenen Monaten häufiger schon um das Thema Debattenkultur und Streit – z.B. „Was wäre, wenn Seehofer Recht hätte?“ (September 2018), Fünf Fitness-Übungen für Demokratie (Juli 2018), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017)

In Kategorie: DVG

Ich mag Social-Media, Ihr kennt mich von meinen #GreatestHits „Das Land hat vielleicht eher ein Nazi- als ein Internet-Problem“

Das Jahr begann mit einer großen Debatte über all die negativen Seiten dessen, was man Social-Media nennt. Die Debatte über HateSpeech und schlechte Diskussionskultur bekommt viel mediale Aufmerksamkeit. Dass Social-Media auch sehr schöne Momente bereithält, merken die „Kritiker“ von außen häufig nicht.

Deshalb hänge ich mich heute kurz an das Meme #GreatestHits, das gerade durch Twitter läuft. Ausgehend vom angelsächsischen Sprachraum posten Nutzer*innen hier selbstironisch berufstypische Sätze (GreatestHits-Symbolbild: unsplash)

Das ist – ich sage das unironisch erfreut – ein großer Spaß. Denn auch prominentere Nutzer*innen springen auf das Meme auf und zeigen, dass sie durchaus Humor haben. Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitalisierung im Bundeskanzleramt, liefert zum Beispiel einen selbstironischen Beitrag (mit Spitze gegen ihren Parteikollegen Andreas Scheuer), auch Medien wie Deutschlandfunk Kultur melden sich auf humorvolle Weise zu Wort.

Ich finde das sehr lustig – und ich mag jeden weiteren Beitrag, der dazu kommt. Ja, auch dann wenn er „zu spät“ kommt und auch wenn er nicht mehr so cool ist, wie die Beiträge, die in den ersten Minuten kamen. Denn als Meme-Freund, der Social-Media mag, kommt man nicht umhin zu derartigen Wellen ebenfalls #GreatestHits zu sagen – sogar im Internet. Diese klingen dann so: „Nein, das wird nicht blöd, nur weil mehr Menschen mitmachen“ oder „Doch ich finde das lustig“ oder „Ja, das ist eigentlich bedeutungslos, aber eben deshalb toll“

Außerhalb des Internets klingen die #GreatestHits eines Internetfreundes eher so: „Das Land hat vielleicht eher ein Nazi- als ein Internet-Problem“ oder „Vielleicht werden gesellschaftliche Probleme durchs Netz eher sichtbar“ oder „Ja, ich bin auch nicht mit allem einverstanden, was Facebook/Twitter macht“ und „Du weißt aber schon, dass das Internet mehr ist als Google, oder?“

Ich markier mir das jetzt mal – und verweise die Menschen darauf, wenn sie das nächste Mal darüber schimpfen wie schlimm alles ist im Internet. Bis dahin können sie ihre Zeit damit verbringen, sich an Quatsch-Memes wie den #GreatestHits zu erfreuen – oder zu verstehen, was der Unterschied zwischen Web und Internet ist….

Für bessere Weitsicht im Umgang mit dem Internet!

In der heutigen Ausgabe der Welt am Sonntag führt die Kollegin Jennifer Wilton ein Interview mit dem Schauspieler Moritz Bleibtreu. Darin geht es um seine Filme, ums Erwachsenwerden und in der allerletzten Antwort auch ums Internet. Bevor er dessen Abschaffung fordert, sagt Bleibtreu, er genieße es, „hier und da einen ein bisschen schlaueren Umgang mit Dingen zu haben, eine bessere Weitsicht.“

Das ist eine schöne Perspektive. Denn sie bewahrt davor, sofort auf den Empörungsreflex einzugehen, der durch die Vereinfachung in der Überschrift entstehen könnte. Es ist überhaupt eine schöne Vorstellung, sich für viele Dinge einen „ein bisschen schlaueren Umgang“ anzugewöhnen. Auch beim Schimpfen übers Internet.

Bleibtreu beschreibt in seiner vorletzten Antwort einen Gegensatz zwischen inszenierter Gewalt in Filmen (nicht so schlimm) und realer Gewalt, die im Internet gezeigt wird (sehr schlimm) und kommt zu dem Schluss: „Das ist gefährlich! Da wäre ich der Erste, der eine Petition unterschreiben würde!“ Und auf die abschließende Gegenfrage „Eine Petition gegen Gewaltvideos?“ setzt er dann zu der viel zitierten Antwort an:

Oder auch das ganze Internet. Schafft das Internet ab! Dafür würde ich sogar auf die Straße gehen. Sofort! Ich brauche das nicht. Ich glaube, das ist die größte Büchse der Pandora, die die Menschheit bisher geöffnet hat. Ich würde es gern wieder loswerden. Es gibt so viele politische Dinge, für die die Leute auf die Straße gehen – aber wenn man sich mal anschaut, wo die Wurzeln für vieles liegen, das wir gerade erleben, die sind doch in dieser zweiten Realität zu finden. Und keiner kommt auf die Idee, das zu fordern: Schaltet doch mal dieses Internet ab.

Ich mag das Internet. Es ist für mich ein ortloser Ort, der Heimat sein kann und der Beweis dafür, dass Kooperation und ein Leben über Grenzen hinweg funktionieren kann. Insofern bin ich vielleicht sehr schlecht geeignet, um Bleibtreus Antwort zu bewerten. Ich nehme es mir dennoch heraus, drei gängige Internet-Kritik-Muster einzuordnen, die auch Leute an den Tag legen, die einen ein bisschen weniger schlauen Umgang mit Dingen pflegen als der Schauspieler:

1. „Ich brauche das nicht“ ist zwar ein schöner Satz, aber in jeglicher gesellschaftlichen Debatte vor allem Ausdruck eines ein bisschen weniger schlauen Verständnis‘ von Öffentlichkeit. Ich persönlich brauche z.B. auch keine Filmförderung, dennoch käme ich nicht auf die Idee, ihre Abschaffung zu fordern. Das Internet (und in Wahrheit meint Bleibtreu vermutlich eh erstmal nur das Web) ist ein öffentlicher Ort, dessen Wert sich auch dadurch bestimmt, wer sich wie einbringt. Man könnte zum Beispiel mal fragen: Warum gibt es eigentlich vergleichsweise viel öffentliche Filmförderung und vergleichsweise wenig öffentliche Digitalförderung? Weshalb gehen Gesellschaft und Politik davon aus, dieser öffentliche Raum werde sich schon ganz von alleine gestalten?

2. Das Ziel der Internet-Kritik ist häufig gar nicht das Internet. So auch bei Bleibtreu: Ihm geht es nicht darum, dass etwas an der technischen Infrastruktur geändert wird, er kritisiert auch nicht die Algorithmen der großen Internet-Anbietern (was man tun könnte), sondern stört sich an manchem, was Menschen ins Web posten. Vint Cerf, einer der Väter des TCP/IP-Protokolls, hat auf diese Form der Kritik unlängst sehr treffend geantwortet, das Netz sei „zum Spiegel unserer globalen Gesellschaften geworden“ – weshalb jegliche Kritik dieser Art in erster Linie eine Gesellschafts- und keine Internetkritik sei. Konsequente Folge dieser Kritik müsste also sein: höheres gesellschaftliches Engagement und nicht die platte Forderung der Abschaffung.

3. Dass man eine solche Forderung überhaupt stellen kann, zeigt, dass wir einem grundfalschen Narrativ über das Digitale nachhängen. Man stelle sich kurz vor, jemand würde den Autoverkehr beenden wollen, weil auf deutschen Straßen jährlich über 3000 Menschen zu Tode kommen: „Schafft das Auto ab!“ Wer das sagt, würde sofort für verrückt erklärt werden (fragen Sie mal VW-Chef Driess, der schon „Arbeitsplätze!“ ruft, wenn jemand nur die Klimaziele einhalten will). Dabei ist die Forderung nach Schließung der Autobahnen viel weniger absurd als jene der Schließung der Datenautobahnen. Dass wir trotzdem nicht darauf kommen, liegt an der falschen Perspektive auf das Neue und auf das Digitale. Und diese Perspektive wird durch Forderung wie jener von Bleibtreu noch verstärkt.

Ich glaube, wir brauchen dringend einen anderen Blick aufs Digitale in Gänze und sehr konkret aufs Internet. Denn in Wahrheit ist es ein großartiger ortloser Ort, den es nur gibt, weil die Ideen einer offenen pluralen Gesellschaft auf eine andere technische Ebene gehoben wurden. Es ist möglich, dass wir uns diesen ortlosen Ort aus der Macht der Überwacher und der Konzerne zurückholen – das habe ich jedenfalls diese Woche auf der ARD-Bühne auf der Frankfurter Buchmesse behauptet. Und ein erster Schritt besteht darin, „hier und da einen ein bisschen schlaueren Umgang mit Dingen zu haben, eine bessere Weitsicht“: das Internet ist ein menschheitshistorisches Geschenk, wir müssen lernen damit umzugehen!

Links:
– Das Bleibtreu-Interview in der Welt am Sonntag
– Das Interview auf der Frankfurter Buchmesse
– Das Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“
– Die Idee „Heimatverein Internet“

Nachruf auf die Roaming-Gebühr

Manchmal hilft es, mit dem Blick der nächsten Generation auf die Gegenwart zu schauen. Dabei fällt auf, wie sehr uns die eigenen Erfahrungen und Prägungen beeinflussen und nicht selten auch im Weg stehen. Im Falle der Roaming-Gebühren fehlten mir seit Jahren Argumente, um Kindern zu erklären, warum man zwar ohne Passkontrolle aus München durch Österreich z.B. an den Gardasee fahren kann, dabei aber in mindestens zwei fremden Telekommunikationsnetzen Besuchsgebühren für die Mobiltelefonnutzung bezahlen muss. Man zahlt im anderen Land mit dem gleichen Geld, soll dort aber plötzlich vorsichtig sein mit dem Telefonieren, weil es sonst gefährlich teuer wird. Diese Diskrepanz gilt es, ab diesem Sommer zu konservieren – denn sie ist verschwunden.
Endlich!

Dank dem Europaparlament sind die Gebühren fürs Herumstreifen/Streunern in fremden Netzen seit 15. Juni (nach langem Hin und Her) endgültig weggefallen, ab sofort gilt „Roam like at home“. Es ist also an der Zeit, den Roaming-Gebühren einen Nachruf zu widmen, in dem man zunächst festhalten muss, was für ein befreiendes Gefühl es ist, z.B. in Spanien aus dem Flugzeug zu steigen und dort genauso einfach zu telefonieren und im Netz zu surfen wie sagen wir in Düsseldorf oder Berlin.

Dass das mal nicht so war, erscheint schon jetzt wenige Tage nach dem Roaming-Gebühr-Ende als völlig absurd. Wenn man Europa als gemeinsamen Kultur- und Kommunikationsraum versteht, dann ist es kaum nachvollziehbar, warum dies ausgerechnet bei der zentralen Kommunikationsform – nämlich der Internet-Nutzung – an Grenzen stößt gestoßen ist.

Mindestens genauso unverständlich ist es aber, warum diese grenzüberschreitende Errungenschaft nicht breiter und pro-europäischer kommunziert wurde. Zumindest mir fallen beim Thema Roaming vor allem merkwürdige Symbolbilder mit Handys am Strand ein – und keine konstruktiven Geschichten über Gemeinsamkeiten in Europa (was auch daran liegen mag, dass es ewig gedauert hat von der Idee bis zur wirklichen Abschaffung).

Im Techniktagebuch, das genau diese Gefühle für die Nachwelt konserviert, war Stefan Niggemeier Mitte Juni jedenfalls genauso überrascht als er plötzlich nicht mehr zusätzlich zur Kasse gebeten wurde:

Und die ganze Zeit kann ich es nicht glauben. Die langjährige Erfahrung, das Wissen, die Warnung, dass man im Ausland nicht einfach so Dinge aus dem Netz herunterlädt, dass man sicherheitshalber am Flughafen die “Datenroaming”-Einstellungen auf dem Smartphone nochmal überprüft, all das ist mir so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass es komplett unwahrscheinlich erscheint, dass es auch kostenlos geht. (Nicht wirklich kostenlos natürlich, weil auch meine vermeintliche Flatrate monatliche Grenzen hat, aber genauso “kostenlos” wie in Deutschland halt.)
(…)
Und nun geht das plötzlich. Und ich bin live dabei gewesen.
Kein Wunder, dass alle die EU lieben.

Webdesign-Sommercamp in München

In den Ferien ins Internet: das ist die Ziel des Webdesign-Sommercamps, das Alexander Hoffmann und Philip Frank Anfang September in München anbieten. Das Besondere dabei: die beiden wollen Jugendlichen zwischen 10 und 15 Jahren Wege ins Netz zeigen. Ich habe Alexander dazu ein paar Fragen gestellt.

Zur Zeit sind in Bayern Sommerferien. Ihr bietet trotzdem einen Kurs für Jugendliche von 10 bis 15 Jahre an. Warum?
Der Kurs findet in der letzten Woche der Sommerferien statt, wenn die meisten Jugendlichen wieder aus dem „Urlaub“ zurück sind. Wenn ich mich an die wenigen Tage vor Schulbeginn zurückerinnere, habe ich sie zum Zocken von Computerspielen genutzt.

Wir möchten daher die Zeit nutzen und den Jugendlichen ohne Ablenkungen aus dem Schulalltag ein qualitativ hochwertiges Programm bieten, um einerseits Berührungsängste abzubauen und natürlich um zu zeigen, wie spannend die Welt der Programmierung sein kann.

Das ganze heißt „Webdesign Sommercamp“. Es gibt Leute, die behaupten, dass Jugendliche eh zuviel Zeit im Internet verbringen. Warum sollen sie jetzt auch noch Webdesign lernen?
Gerade deshalb glauben wir daran, dass Jugendliche zumindest die Grundlagen des Internets verstehen sollten, da sie es tagtäglich nutzen: Was passiert eigentlich, wenn man eine Website aufruft? Was sind Cookies, IP-Adressen oder Webserver? Wo liegen eigentlich die Daten, wenn man eine Website im Internet veröffentlichen will? Denn nur wer die Grundlagen versteht, kann sich besser vor Gefahren und Sicherheitsrisiken schützen.
Zudem eignet sich Webdesign hervorragend, um schnelle Erfolgserlebnisse bei der Programmierung zu erzielen und um ein langfristiges Interesse zu wecken. Zwar ist jetzt HTML streng genommen keine Programmiersprache, aber hier bekommen die Jugendlichen bereits ein Gefühl dafür, was es eigentlich bedeutet, wenn sie sich nur in ein paar Zeichen vertippen oder mal ein Zeichen vergessen. Das Ergebnis sehen sie sofort im Browser.

Und was sagst Du denjenigen, die finden, dass Kinder und Jugendliche möglichst wenig Zeit im Netz verbringen sollen?
Theoretisch brauchen die Jugendlichen kein Internet, um Programmieren zu lernen. Wir unterrichten z. B. an einer Schule bei der wir (leider) ohne Wlan auskommen müssen, weil externe Partner keinen Zugriff darauf haben dürfen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Es kommt natürlich immer darauf an, was die Kinder und Jugendlichen im Netz machen. Ich kenne z. B. einen geflüchteten Jugendlichen, der das Internet wortwörtlich aufsaugt und sich Webdesign und Grafikdesign selbst beibringt, weil er dort die Lerninhalte in seiner Sprache findet.
Oder ein anderer Fall: ein 12-Jähriger, der bereits mehrere Open Source Projekte unterstützt hat und damit so viel IT-Wissen angesammelt hat, dass er locker die Prüfung zum IHK Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung bestehen könnte. All das mithilfe des Internets.

Kannst Du ein bisschen was zu den Kurs-Inhalten sagen? Was zum Beispiel ist ein Twitter-Bootstrap?
Das ist ein Framework, mit dem man viel schneller und einfacher eine Website umsetzen kann, die sich auch auf mobile Endgeräte anpasst. Also responsive ist.


Ein Punkt heißt „Wie funktioniert das Internet?“…

Du öffnest deinen Browser und besuchst eine Website. Klingt simpel, aber was steckt eigentlich dahinter und woraus besteht dieses weltweite Netzwerk? Wir vermitteln den Jugendlichen einen Überblick über die Technologie, Geschichte und Politik des Internets und wie es uns in Echtzeit mit Menschen auf der ganzen Welt verbindet. Hier erfährst du woraus sich dieses fast schon magische Phänomen in den letzten 25 Jahren entwickelt hat.

Und die anderen Inhalte?
HTML Grundlagen
Die Teilnehmer lernen, wie man Inhalte in einer Website definiert, die Website damit strukturiert und sie von Anfang an suchmaschinenfreundlich gestaltet.

CSS Grundlagen
In dem Abschnitt lernen die Jugendlichen, wie einfach es ist, die Schriftfarben oder Hintergrundbilder auszutauschen oder der Website ein schönes Layout zu verpassen.

JavaScript / Scratch
Die Jugendlichen erlernen hier die typischen Elemente einer Programmiersprache am Beispiel von JavaScript oder Scratch. Das ist besonders interessant für ihre Zukunft, da sich die Programmierkonzepte (Bedingungen, Schleifen, Variablen) in fast allen Programmiersprachen sehr ähneln.
Kennen sie eine Programmiersprache, erlernen sie damit sehr schnell eine weitere. Und sind die Konzepte einmal verinnerlicht, ändert sich auch die Denkweise hinsichtlich der Konzeption und Entwicklung von Algorithmen.
Die Jugendlichen bauen mit den gelernten JavaScript-Grundlagen ihren eigenen Vokabel-Test, um danach noch besser ihre Vokabeln aus der Schule üben zu können und um eigene Gamification-Ansätze auszuprobieren. Z. B. Vokabel-Test auf Zeit, Multiplayer-Modus, usw. Die Jugendlichen können selbst entscheiden, wie sie ihren Vokabel-Test anpassen.

Was ist das übergeordnete Ziel eurer Kurse: Was wollt ihr damit erreichen?
Wir wollen Berührungsängste abbauen und Menschen für IT-Themen begeistern.

Das Webdesign-Sommercamp vom 4. bis 9. September ist kostenlos. Es wird gemeinsam von Alexander Hoffmann, Gründer von COOK and CODE (Programmierkurse) und CHECK24 veranstaltet. Der Kreisjugendring München-Stadt stellt das Café Netzwerk als Location zur Verfügung. Hier kann man sich anmelden!

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen: Ein Interview mit den Machern des Hamburg App Camps

Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein (Digitale Oktober Notizen)


Was in den nächsten Zeilen folgt, ist vielleicht eine recht gute Idee und vielleicht nur ein kleiner Witz. Um das herauszufinden, schreibe ich es jetzt hier auf und überlasse die Entscheidung dem Internet!

Dieser Text ist Teil die Oktober-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann! Er beschreibt die Idee, einen digitalen Heimat- und Brauchtumsverein zu gründen. Interessenten tragen sich dafür hier ein!


Wir sollten gemeinsam Deutschlands größten Brauchtumsverein gründen: Einen Verein für Menschen, deren Heimat das Internet ist. Einen Verein, der sich um die digitale Volkskultur bemüht und deren Förderung einfordert. Die Debatten der vergangenen Monate um Netzneutralität und Verlinkung einerseits sowie über Nationalismen und Hate Speech andererseits zeigen: Das Internet, das vielen Menschen Heimat ist, verdient Schutz und Pflege!

Um die Forderung danach zu artikulieren und einzufordern, müssen vielleicht diejenigen Wege beschritten werden, die klassischer Weise eingeübt sind. Um zu erklären, warum digitale Kultur bedeutsam ist, muss man vielleicht die Begriffe verwenden, die in der Kulturförderung gelernt wurden. Und um den Nationalisten aller Länder zu zeigen, dass das Internet für Völkerverständigung und Austausch über alle Grenzen hinweg steht, muss man ihre Begriffe neu definieren: Wer im Internet Zuhause ist, hat das gleiche Recht auf Brauchtums- und Heimatpflege wie all die anderen Interessengruppen, die in Schulen, Behörden, Gremien, Kirchen, Parteien und Gewerkschaften Einfluß nehmen. Der digitale Heimat- und Brauchtumsverein soll genau hier auftreten – und z.B. „durch vertiefte Heimatkenntnis zu Heimatliebe führende Erziehung“ fordern. Das habe ich auf der Website des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege gelesen und mir gedacht: Das könnte muss doch auch für die digitale Heimat gelten!

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Und zwar so:
Die folgenden acht Punkte sind ein erster Vorschlag für eine mögliche Satzung eines digitalen Heimat- und Brauchtumsverein

Heimatverein Internet

1. Wir lieben das Internet und die neuen Formen der (Volks- und Beteiligungs-)Kultur, die es hervorgebracht hat und weiterhin hervorbringen soll. Das Internet ist uns grenzüberschreitende Heimat geworden, deren Erhalt und Pflege oberstes Vereinsziel ist! Wir haben das Internet als netzneutrales, völkerverbindendes Netzwerk der demokratischen Bürger*innenbeteilung kennen gelernt. Als solches wollen wir es verteidigen und ausbauen. Anlasslose Massenüberwachung aus kommerziellen wie politischen Gründen, Einschränkung des Zugangs sowie den Bruch des Fernmeldegeheimnis lehnen wir strikt ab!

2. Digitale Kultur verdient (mindestens) das gleiche Ansehen und die gleiche auch finanzielle Förderung wie etablierte Kulturformen. Als Lobby-Verein für digitale (Volks-)Kultur verstehen wir uns als Teil der digitalen Zivilgesellschaft, die die Schaffung angemessener digitaler Rahmenbedingungen auch als zivilgesellschaftliche und öffentliche (nicht einzig privatwirtschaftliche) Aufgabe versteht. Dazu zählt für uns der zügige Ausbau der digitalen Infrastruktur ebenso wie die Modernisierung des Urheberrechts.

3. Unser Ziel ist es, die digitale Kultur in öffentlichen Organisationen und Gremien angemessen zu repräsentieren, sie gegen einseitige kommerzielle Interessen nicht nur der Digitalwirtschaft zu verteidigen und nicht zuletzt ein Bewusstsein für ihre gesellschaftliche Bedeutung in Schulen, Parlamenten, Parteien, Kirchen und Verbänden zu schaffen. Wir verstehen dies als Voraussetzung für einen souveränen Umgang mit dem Digitalen, der dringend überfällig ist.

4. Digitale Brauchtumspflege ist ein internationales Anliegen. Als deutschsprachiger Verein verstehen wir uns als Teil einer internationalen Gemeinschaft, setzen uns aber zuvorderst in deutschen Behörden und Organisationen für die Vereinsziele ein – auch um der deutschsprachigen digitalen Kultur angemessene Förderung zukommen zu lassen. Dabei sind wir in keiner Weise parteipolitisch gebunden, sondern geleitet von diesem Anliegen: die Pflege und den Ausbau des digitalen Brauchtums stärken und die demokratische Gestaltung der digitalen Sphäre durch eine aktive, vielfältige Zivilgesellschaft vorantreiben. Dabei verstehen wir uns als Erweiterung, nicht als Konkurrenz zu CCC, Digitale Gesellschaft, EFF, D64 und vielen anderen, die sehr gute Arbeit leisten.

5. Das Bekenntnis zur digitalen Heimat bedeutet ausdrücklich auch: Wir lehnen Nationalismus, Rassismus, Sexismus und jegliche Ausgrenzung vermeintlicher Minderheiten ab. Wir sehen im Internet einen grenzüberschreitenden Ort der Verbindung, den wir schützen und ausbauen wollen.

6. Wir wünschen und fördern einen pragmatischen Umgang mit den gesellschaftlichen Veränderungen, die durch das Internet und die Digitalisierung angestoßen wurden. Wir wehren uns gegen einseitige Panikmache und stellen dem die Forderung entgegen, Veränderungen im Sinne der Werte von Freiheit und Demokratie zu gestalten. Angst führt niemals zu Souveränität!

7. Ziel und Zweck des Vereins ist die Förderung
… von Kunst und Kultur in der digitalen Sphäre,
… der Bildung zur selbstbesimmten, schöpferischen Gestaltung der digitalen Sphäre.
… von Wissenschaft, Forschung über die digitale Sphäre.
… bürgerschaftlichen Engagements zugunsten dieser Zwecke.

8. Der Vereinszweck wird insbesondere verwirklicht durch …
… Zusammenarbeit mit Lehrkräften und Erziehern, Schulen und Jugendverbänden zur Unterstützung einer durch vertiefte Heimatkenntnis zu Heimatliebe führenden Erziehung.
… heimatkundliche (virtuelle) Zusammentreffen
… Herausgabe von (digitalen) Zeitschriften und sonstigen Publikationen über grundsätzliche und aktuelle Fragen der Erhaltung und Fortentwicklung digitaler Kulturwerte
… Bildungsarbeit auf allen Gebieten der digitalen Kultur
… öffentliche Stellungnahmen zu wichtigen Fragen der Digitalkultur
… einen jährlichen Preis zur digitalen Brauchtums- und Heimatpflege

Interessiert? Dann kommt hier der Vorschlag: Wenn sich bis Ende des Jahres 2016 auf diese Liste mindestens 1000 Menschen eintragen und Interesse an einem solchen Verein zeigen, gehen wir das Ganze im Jahr 2017 an. Deal? Deal!

HIER MITMACHEN


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen: „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September) „Soll mein Buch auf Facebook?“ (August), „Der Grüffelo in Social Media“ (Juli) „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

Netzneutralität: Petition unterzeichnen

Markus Beckedahl hat in dieser Woche eine Petition auf Change.org eingestellt, die sich an Bundeskanzlerin Angela Merkel richtet. Der Kern des Aufrufs lautet:

Mit dieser Petition fordern wir Sie auf, das Zweiklassen-Internet zu verhindern und sich klar zur Netzneutralität zu bekennen. Das Internet darf nicht den Interessen der Telekom-Lobby geopfert werden.

Ich habe die Petition gerade unterzeichnet, weil ich das Prinzip der Gleichbehandlung von Inhalten im Web wichtig finde. Der Kollege Pascal Paukner hat das unlängst auf Süddeutsche.de sehr treffend zusammengefasst:

Wären die Straßen in Europa in einem so miserablen Zustand, dass für Krankenwagen und Feuerwehrautos kein Durchkommen mehr wäre, würden Politiker schief angeschaut, die forderten, man müsse Privatstraßen für Rettungskräfte bauen.
Stattdessen würde man hergehen und schleunigst in die öffentliche Infrastruktur investieren. Auch wenn das steigende Kosten bedeutete. So sollte man auch mit dem Internet verfahren.

Hintergründe zum Thema Netzneutralität bei Netzpolitik.org und bei der Digitalen Gesellschaft.

Und hier kann man die Petition unterzeichnen!

Bücher sind mein Internet

Die Welt dokumentiert die Rede, die Sibylle Lewitscharoff bei der Wiener Buchmesse gehalten hat. Wenn man ein Hauptwort (mit * markiert) und den Plural ändert, kann man darin das hier lesen:

Ein Leben ohne Internet* ist für mich nicht vorstellbar. Das Internet ist ein beständiger Quell der Freude, in jungen Jahren war es bedeutender Trostspender, weil es eine innigere, tiefere Menschenkenntnis in mich senkte, als sie das begrenzte Leben bietet. In Fleisch und Blut kennen wir nur wenige Menschen gut, und die wandern meistens auf demselben Zeithorizont wie wir.

Im Internet ist das ganz anders. Da können wir mit einer Vielzahl von Menschen bekannt werden, sogar bis in ihr Innerstes vordringen, unbehindert von Zeitläuften, können andere Kontinente, andere soziale Klassen entdecken, können frei zwischen ihnen wurmisieren oder durch sie hindurchspazieren.

Wenn man das liest, muss man sich durchaus fragen, warum medial über Internet-Sucht diskutiert wird, über Buchsucht aber nie.

Das trifft uns dann morgen: das Internet in West Wing

Ich schaue gerade mit einige Verspätung die Präsidentschaftsserie West Wing. Das bringt mir neben Spott (zu spät) und Neid (nochmal alles vor sich haben) meiner Vorne-dran-Peer-Group vor allem einen interessanten Einblick auf die Welt des Internet zu Zeiten von West Wing (die Serie startete 1999). Gerade habe ich beispielsweise die Folgen gesehen, in denen Leo McGarrys Alkohol- und Tablettenabhängigkeit thematisiert wird. Über einen langen Zeitraum wird das Öffentlichwerden dieser Meldung über den Stabschef des Präsidenten thematisiert. Die bösen Reaktionen der Öffentlichkeit werden (zumindest bis zu dem Punkt, den ich jetzt gesehen habe) nicht gezeigt. Einzig das Aufziehen dieses vermeintlichen Gewitters wird thematisiert. Regen, Donner oder gar Blitze sieht man nicht.

Noch erstaunlicher ist aber dies: An einem Nachmittag verbreitet sich die Meldung im Westflügel des Weißen Hauses, dass die Geschichte morgen medienöffentlich werde – die Amerikaner verwenden den Ausdruck „it is breaking“ dafür, dass die Medien die Meldung aufgreifen und verbreiten werden. Auslöser für dieses Wissen im West Wing ist die Erkenntnis: „It is in the internet.“
Man sieht die engsten Mitarbeiter des Präsidenten, seine Presseabteilung, seine Berater und seinen Stab wie sie alle die Beobachtung debattieren, dass etwas im Netz sei. Niemand geht an einen Computer um diese Behauptung zu überprüfen oder gar darauf zu reagieren. Alle sind sich einig: Das trifft uns dann morgen. So wie ein Gewitter, das nach Osten zieht, von Menschen weitergemeldet wird, die viel weiter im Westen wohnen: Es wird uns treffen, aber noch nicht jetzt.

Am nächsten Tag gibt Leo eine Pressekonferenz, gesteht seine Sucht ein und der Erzählstrang wird weitergereicht an einen Konflikt an der indisch-pakistanischen Grenze. Man sieht Leo wie er in der freundlich beleuchteten Ruhe seines Büros (hat er tatsächlich keinen Computer auf dem Tisch!?) einen Blick auf den stummen Fernseher wirft, der sein Bild aus dem Presseraum des Weißen Hauses zeigt. Er greift zur Fernbedienung und schaltet das Gerät aus.

Vielleicht muss man diese Serie gesehen haben um zu verstehen, wie Menschen das Internet sehen die nicht mit der selbstverständlichen Echtzeit-Systematik des Always-On sozialisiert wurden. Man muss verstehen, dass es eine Zeit gab – und die ist noch gar nicht so lange vorbei – in der die Ankündigung eines Gewitters nicht gleichbedeutend war mit plötzlichem Regen und Donner.

Vom ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff ist die zeithistorisch bedeutsame Beobachtung überliefert, dass das Netz ihm die Möglichkeit zum „Gegenarbeiten“ geraubt habe. Im Sommer 2010 – weit vor den Meldungen, die schließlich seinen Rücktritt erzwangen – sagte er in einem Radiointerview:

Früher war es so, da erfuhren sie nachmittags, dass morgen irgendwas in der Zeitung steht. Da konnten Sie schon richtig stellen, da konnten Sie schon gegenarbeiten. Heute erfahren Sie, dass etwas im Internet steht und Millionen anderer haben gleichen Zugriff auf die gleiche Information. Man hat damit keinen Vorlauf mehr, um Dinge richtigzustellen.

Früher ist heute eine sehr spannende Fernsehserie.