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Netzneutralität: Petition unterzeichnen

Markus Beckedahl hat in dieser Woche eine Petition auf Change.org eingestellt, die sich an Bundeskanzlerin Angela Merkel richtet. Der Kern des Aufrufs lautet:

Mit dieser Petition fordern wir Sie auf, das Zweiklassen-Internet zu verhindern und sich klar zur Netzneutralität zu bekennen. Das Internet darf nicht den Interessen der Telekom-Lobby geopfert werden.

Ich habe die Petition gerade unterzeichnet, weil ich das Prinzip der Gleichbehandlung von Inhalten im Web wichtig finde. Der Kollege Pascal Paukner hat das unlängst auf Süddeutsche.de sehr treffend zusammengefasst:

Wären die Straßen in Europa in einem so miserablen Zustand, dass für Krankenwagen und Feuerwehrautos kein Durchkommen mehr wäre, würden Politiker schief angeschaut, die forderten, man müsse Privatstraßen für Rettungskräfte bauen.
Stattdessen würde man hergehen und schleunigst in die öffentliche Infrastruktur investieren. Auch wenn das steigende Kosten bedeutete. So sollte man auch mit dem Internet verfahren.

Hintergründe zum Thema Netzneutralität bei Netzpolitik.org und bei der Digitalen Gesellschaft.

Und hier kann man die Petition unterzeichnen!

Bücher sind mein Internet

Die Welt dokumentiert die Rede, die Sibylle Lewitscharoff bei der Wiener Buchmesse gehalten hat. Wenn man ein Hauptwort (mit * markiert) und den Plural ändert, kann man darin das hier lesen:

Ein Leben ohne Internet* ist für mich nicht vorstellbar. Das Internet ist ein beständiger Quell der Freude, in jungen Jahren war es bedeutender Trostspender, weil es eine innigere, tiefere Menschenkenntnis in mich senkte, als sie das begrenzte Leben bietet. In Fleisch und Blut kennen wir nur wenige Menschen gut, und die wandern meistens auf demselben Zeithorizont wie wir.

Im Internet ist das ganz anders. Da können wir mit einer Vielzahl von Menschen bekannt werden, sogar bis in ihr Innerstes vordringen, unbehindert von Zeitläuften, können andere Kontinente, andere soziale Klassen entdecken, können frei zwischen ihnen wurmisieren oder durch sie hindurchspazieren.

Wenn man das liest, muss man sich durchaus fragen, warum medial über Internet-Sucht diskutiert wird, über Buchsucht aber nie.

Das trifft uns dann morgen: das Internet in West Wing

Ich schaue gerade mit einige Verspätung die Präsidentschaftsserie West Wing. Das bringt mir neben Spott (zu spät) und Neid (nochmal alles vor sich haben) meiner Vorne-dran-Peer-Group vor allem einen interessanten Einblick auf die Welt des Internet zu Zeiten von West Wing (die Serie startete 1999). Gerade habe ich beispielsweise die Folgen gesehen, in denen Leo McGarrys Alkohol- und Tablettenabhängigkeit thematisiert wird. Über einen langen Zeitraum wird das Öffentlichwerden dieser Meldung über den Stabschef des Präsidenten thematisiert. Die bösen Reaktionen der Öffentlichkeit werden (zumindest bis zu dem Punkt, den ich jetzt gesehen habe) nicht gezeigt. Einzig das Aufziehen dieses vermeintlichen Gewitters wird thematisiert. Regen, Donner oder gar Blitze sieht man nicht.

Noch erstaunlicher ist aber dies: An einem Nachmittag verbreitet sich die Meldung im Westflügel des Weißen Hauses, dass die Geschichte morgen medienöffentlich werde – die Amerikaner verwenden den Ausdruck „it is breaking“ dafür, dass die Medien die Meldung aufgreifen und verbreiten werden. Auslöser für dieses Wissen im West Wing ist die Erkenntnis: „It is in the internet.“
Man sieht die engsten Mitarbeiter des Präsidenten, seine Presseabteilung, seine Berater und seinen Stab wie sie alle die Beobachtung debattieren, dass etwas im Netz sei. Niemand geht an einen Computer um diese Behauptung zu überprüfen oder gar darauf zu reagieren. Alle sind sich einig: Das trifft uns dann morgen. So wie ein Gewitter, das nach Osten zieht, von Menschen weitergemeldet wird, die viel weiter im Westen wohnen: Es wird uns treffen, aber noch nicht jetzt.

Am nächsten Tag gibt Leo eine Pressekonferenz, gesteht seine Sucht ein und der Erzählstrang wird weitergereicht an einen Konflikt an der indisch-pakistanischen Grenze. Man sieht Leo wie er in der freundlich beleuchteten Ruhe seines Büros (hat er tatsächlich keinen Computer auf dem Tisch!?) einen Blick auf den stummen Fernseher wirft, der sein Bild aus dem Presseraum des Weißen Hauses zeigt. Er greift zur Fernbedienung und schaltet das Gerät aus.

Vielleicht muss man diese Serie gesehen haben um zu verstehen, wie Menschen das Internet sehen die nicht mit der selbstverständlichen Echtzeit-Systematik des Always-On sozialisiert wurden. Man muss verstehen, dass es eine Zeit gab – und die ist noch gar nicht so lange vorbei – in der die Ankündigung eines Gewitters nicht gleichbedeutend war mit plötzlichem Regen und Donner.

Vom ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff ist die zeithistorisch bedeutsame Beobachtung überliefert, dass das Netz ihm die Möglichkeit zum „Gegenarbeiten“ geraubt habe. Im Sommer 2010 – weit vor den Meldungen, die schließlich seinen Rücktritt erzwangen – sagte er in einem Radiointerview:

Früher war es so, da erfuhren sie nachmittags, dass morgen irgendwas in der Zeitung steht. Da konnten Sie schon richtig stellen, da konnten Sie schon gegenarbeiten. Heute erfahren Sie, dass etwas im Internet steht und Millionen anderer haben gleichen Zugriff auf die gleiche Information. Man hat damit keinen Vorlauf mehr, um Dinge richtigzustellen.

Früher ist heute eine sehr spannende Fernsehserie.

Das Internet ist Gott

Das Internet ist für mich die größte emanzipatorische Erfindung der Menschheit seit der Erfindung der Schrift.(…) Es hat seit der Erfindung des Telegraphen und des Telefons nichts Vergleichbares gegeben, und das Netz schlägt diese Erfindungen ja noch, weil jeder mit jedem ganz nach eigenem Wunsch in Verbindung treten kann. Es ist ein verwirklichter Traum. Und jeder hat Zugang zu jedem. Ich bin eine begeisterte Anhängerin des Netzes. Und die schärfsten Restriktionen von Regierungen können immer auch von technisch Versierten umgangen oder ausgeschaltet werden. Das Netz ist demokratisch und subversiv zugleich. Es ist Gott.

Elfriede Jelinek zitiert nach a href=“http://mlrm.de/?p=609″ target=“_blank“>mlrm

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Fünf Milliarden Flickr-Bilder

Mashable meldet: Flickr hat die Fünf-Milliarden-Marke geknackt. Als der Fotodienst im November 2007 zwei Milliarden Bilder gesammelt hatte, notierte ich für die Süddeutsche Zeitung Folgendes:

An diesen Online-Bilderbergen lässt sich eine Menge über eine (digitale) Gesellschaft ablesen, deren kollektive Selbstvergewisserung vor allem über Bilder funktioniert. Das Prinzip des klassischen Urlaubsfotos, das später als Beweis nicht nur dafür dient, dass man auch wirklich verreist war, sondern auch als Beleg dafür, dass es erholsam gewesen sein muss, hat alle Gesellschaftsbereiche erfasst. Wirklich erscheint nur noch das, was man im Bild sehen kann. Denn nur dann kann man die Botschaft verbreiten, es also veröffentlichen und Freunden Links zu den Bildern schicken.

Der Text endet übrigens mit Bezug auf die zwei Milliarden von damals:

Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass es in naher Zukunft Texte geben wird, in denen man sich über diese Zahl amüsieren wird.

Economist über die Zukunft des Internet

Yet it is another kind of commercial attempt to carve up the internet that is causing more concern. Devotees of a unified cyberspace are worried that the online world will soon start looking as it did before the internet took over: a collection of more or less connected proprietary islands reminiscent of AOL and CompuServe. One of them could even become as dominant as Microsoft in PC software. “We’re heading into a war for control of the web,” Tim O’Reilly, an internet savant who heads O’Reilly Media, a publishing house, wrote late last year. “And in the end, it’s more than that, it’s a war against the web as an interoperable platform.”

Im Economist gibt es ein interessantes Lesestück namens The future of the internet: A virtual counter-revolution – das auch Bezug nimmt auf eine Debatte, die im vergangenen Jahr hier schon mal Thema war.

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Wohlstand durchs Netz

Als Anfang des 20. Jahrhundert das Radio erfunden wurde, war es zunächst als Standverbindung zwischen zwei Punkten konzipiert. Die Menschen dachten: Das ist also das Radio, eine Fortentwicklung des Telegraphen. Nach einiger Zeit wurde es zu einem Medium, durch das wenige mit vielen kommunizieren konnten – und 25 Jahre lang versuchten Unternehmen, ein Geschäftsmodell für dieses neue Medium zu finden, viele Firmen entstanden, viele gingen gleich wieder pleite. Ausgerechnet Procter & Gamble gelang der Durchbruch, indem es ein Format entwickelte, das vor allem Frauen ansprach und so für steigende Umsätze sorgte: die Seifenoper. Wir werden Geschäftsmodelle für das Netz finden, sie werden sogar für mehr Wohlstand sorgen.

Der Kollege Johannes Kuhn hat für sueddeutsche.de ein sehr interessantes Gespräch mit John Naughton über die Zukunft des Internets geführt.

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In Kategorie: Netz

Rüttgers rechtsfreier Raum

Man muss Jürgen Rüttgers dankbar sein. Der scheidende Ministerpräsident aus Nordrhein-Westfalen hat bei seiner Rede auf dem medienforum.nrw (bei Twitter #mefo10) nochmal die schöne Geschichte vom rechtsfreien Raum aufgewärmt. Er sagte

„Wir brauchen so viel Selbstbestimmung und Eigenverantwortung im Internet wie irgend möglich. Aber es muss auch Regeln geben, zumal wenn elementare Standards des sozialen Miteinanders in Gefahr geraten. Es kann nicht sein, dass im Internet alles erlaubt ist. Vor allem Kinder und Jugendliche müssen wirksam vor Gefährdung geschützt werden. Wir brauchen klare Regeln im Netz – nicht um Freiheit zu beschneiden, sondern um Freiheit zu sichern.“

Das ist schön und gut – suggeriert aber, es gebe im Netz keine Regeln. Wieso Jürgen Rüttgers das denkt, verrät er in der Rede allerdings nicht. Und wo wir gerade dabei sind: Es kann nicht sein, dass in deutschen Fußgängerzone alles erlaubt ist.

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Journalistisches Freibier

Ich glaube nicht an die Umsonst-Kultur. Wenn die Medien alles verschenken, zerstören sie sich selbst. Eine Brauerei, die jeden Tag Freibier anzapft, kann zwar abends damit prahlen, dass sie viele Hektoliter unters Volk gebracht hat, aber das Ende dieser Firmenpolitik ist klar: Das Volk ist betrunken und die Brauerei pleite.

Im aktuellen Kress-Report gibt es ein Interview mit Gabor Steingart, dem neuen Chef vom Handelsblatt. Darin spricht er von der vielzitierten Umsonstkultur und bringt auch den Begriff des „Verschenken“ ins Spiel.

Nicht nur, weil ich gerade diese Woche darüber schrieb: Ich glaube diese Analyse ist kontraproduktiv. Es ist dringend notwendig, neue Erlösmodelle für verlegerische Angebote im Netz zu entwickeln. Vermutlich wird das aber so lange nicht gelingen, wie dieses Missverständnis der Umsonst-Kultur im Raum steht – wie übrigens Marcel Weiss ebenfalls diese Woche aufgezeigt hat.

Mir ist niemand bekannt, der an diese Umsonst-Kultur glauben würde. Die gibt es nämlich nicht. Es ist vielmehr eine Kultur, die auf anderen Finanzierungsmodellen beruht als die klassische Bezahlkultur. Das zitierte Freibier ist im Netz nämlich nicht umsonst. Es ist werbefinanziert. Ein Sponsor verschenkt es und die Brauerei (zum Beispiel die USA-Today) glaubt, damit mehr einzunehmen als würde sie das Bier verkaufen – zum Beispiel deshalb weil mehr Leute an den Bierstand kommen, als wenn es sich um einen Stand handelte, an dem man auf klassischem Weg bezahlt.

Ich bin kein Wirtschaftsexperte. Ich kann nicht beurteilen, welche Modelle tragen und welche nicht. Ich kann aber sehen, dass auch die Begrifflichkeit des Verschenkens nicht ganz richtig ist. Denn dies setzt – so definiert Wikipedia – die

freiwillige Übertragung des Eigentums an einer Sache oder an einem Recht an einen anderen, ohne eine Gegenleistung

voraus. Ist das im Internet so? Wird mir der Zugang zu zum Beispiel einem Text ohne Gegenleistung ermöglicht? Oder ist es nicht vielmehr so, dass die Freibier-Brauerei beim Ausschank sagt: „Du kriegst das Bier nur, wenn du dafür … diese Werbung anschaust, diese Google-Ads akzeptiert und vielleicht sogar anklickst“? Besteht also die Gegenleistung nicht gerade darin, dass neben dem Text Werbung angezeigt wird und ich direkt darunter eine Versicherung abschließen kann? Damit ist keine Leistung im klassischen Sinne beschrieben, aber davon zu sprechen, der Leser erhalte das journalistische Freibier gänzlich ohne Gegenleistung, erscheint mir (rein sprachlich) auch nicht ganz korrekt. Vor allem: Weil diese Gegenleistung für manche Medien auszureichen scheint, um darauf ein Geschäftsmodell aufzubauen.

Ich halte dies gar nicht mal aus wirtschaftlichen Erwägungen für interessant, sondern aus sprachlichen: Ähnlich wie die falsche Rede vom Diebstahl zeigt die vermeintliche Kostenlos-Kultur, dass es an den sprachlichen Mitteln fehlt, die Veränderungen der Digitalisierung zu fassen (siehe dazu zum Beispiel diesen und jenen Text). Vielleicht ist es tatsächlich so, dass wir die Revolution, die das Internet angestoßen hat, erst dann produktiv nutzen können, wenn wir Begriffe gefunden haben für das, was sich gerade verändert.