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Liveexperiment: Online-Journalist sein

Man kann das als Bedrohung sehen. Oder doch besser als faszinierendes Liveexperiment bei der vierten Gewalt, an dem man teilnehmen darf. Wenn der Job mal nervt, sollte man sich immer klarmachen: In einigen Jahrzehnten wird man seinen (womöglich genervten) Enkeln erzählen, wie man den Onlinejournalismus mit erfunden hat.

Der Kollege Stefan Plöchinger wird in Kürze seinen Job als Chefredakteur bei sueddeutsche.de antreten. Vorher hat er für Christian Jakubetz‘ Journalistenbuch einen Text übers Blattmachen im Netz verfasst (hier eine Leseprobe), den ich jedem und jeder dringend zur Lektüre empfehle.

Außerdem gibt es hier weitere Informationen zu dem Buch – sowie die Möglichkeit, das Buch direkt zu bestellen.

Wohlstand durchs Netz

Als Anfang des 20. Jahrhundert das Radio erfunden wurde, war es zunächst als Standverbindung zwischen zwei Punkten konzipiert. Die Menschen dachten: Das ist also das Radio, eine Fortentwicklung des Telegraphen. Nach einiger Zeit wurde es zu einem Medium, durch das wenige mit vielen kommunizieren konnten – und 25 Jahre lang versuchten Unternehmen, ein Geschäftsmodell für dieses neue Medium zu finden, viele Firmen entstanden, viele gingen gleich wieder pleite. Ausgerechnet Procter & Gamble gelang der Durchbruch, indem es ein Format entwickelte, das vor allem Frauen ansprach und so für steigende Umsätze sorgte: die Seifenoper. Wir werden Geschäftsmodelle für das Netz finden, sie werden sogar für mehr Wohlstand sorgen.

Der Kollege Johannes Kuhn hat für sueddeutsche.de ein sehr interessantes Gespräch mit John Naughton über die Zukunft des Internets geführt.

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In Kategorie: Netz

Das Ich als Ware

Mein Text zum Themenschwerpunkt „Das Ich als Ware“ der Süddeutschen Zeitung vom Wochenende ist jetzt hier online zum Nachlesen verfügbar:

Die Existenzförderung, aber vor allem der Begriff der „Ich AG“ hat unter dem Slogan „Fördern und Fordern“ eine Form des Selbstmarketings in Deutschland etabliert, die ihre Wurzeln in einem eigeninitiativen „Streben nach Glück“ hat, das genau so aus Nordamerika stammt wie die jetzt kritisierten Web-Börsen der Ich-Inszenierung. Bevor das sich ausbreitende Facebook diesen Markt zu dominieren begann, war er bestimmt von Partnerschafts- und Job-Netzwerken – und somit von dem Streben nach Glück in den beiden nicht unwesentlichen Lebensbereichen Liebe und Arbeit.

Das Interesse der Menschen für diese Themen haben aber natürlich nicht die Datingsites oder Karrierenetzwerke erfunden, sie bedienen sich dessen lediglich besonders gut – und funktionieren so wie der Katalysator für eine Entwicklung, die ihre Ursache woanders hat. Gleiches gilt für die dank Facebook auf alle Lebensbereiche ausgedehnte Eigenvermarktung im sozialen Web. Nicht Marc Zuckerberg hat die Sehnsucht der Menschen nach Aufmerksamkeit erfunden. Er und sein Unternehmen bedienen sie eben nur allumfassend – in kleinen, schnell klickbaren Dosen.

Wozu noch Journalismus?

Denn mit der Lektüre einer Publikation entscheidet man ja über weit mehr als nur über den Inhalt. Leser eines Magazins teilen gleiche Interessen, ähnliche Sorgen und meist sogar eine vergleichbare Geisteshaltung. Wie ausgeprägt diese ist, stellt man fest, wenn man in der U-Bahn die Wahl hat, neben jemandem Platz zu nehmen, der in einem Sexheft blättert oder neben jemandem, der die eigene Lieblingszeitung liest. Dieses unausgesprochene Band besteht natürlich nicht nur zwischen den Lesern, es verbindet auch Leser und Journalisten – ob sie wollen oder nicht. Es ist das Bindemittel, das aus den verlässlichen, glaubwürdigen und hochwertigen Inhalten ein erfolgreiches Produkt macht. Darüber hinaus ist diese Verbindung ein Ansatzpunkt für die Frage, wie Verlage im Netz neue Erlösquellen erschließen können. Denn diese besondere Verbindung – manche sprechen von Community – ist vor allem nicht kopierbar.

Ich durfte im Rahmen der Serie Wozu noch Journalismus? auch eine Antwort schreiben. Sie trägt den Titel „Trend zur Brotbackmaschine“ und befasst sich mit dem Phänomen aktiver Rezipient und der Zeitung als Community.

Gleicher Meinung sein?

‚ÄúAlle, die unserer Meinung sind, sind an Deck. Und die, die man eigentlich erreichen möchte, die erreicht man nicht.‚Äù

In der Reihe der Blogs auf sueddeutsche.de erzählt Christine Dössel im geht’s noch‚Ķ?!-Kritikerinnen-Blog von einer Begegnung mit Klaus Maria Brandauer, der mit obigem Zitat die Diskussion über den gestern in München gezeigten Film Georg Elser – einer aus Deutschland (telefonisch) zusammenfasst und damit einen interessante Punkt an Kunst und deren Möglichkeiten aufwirft. Interessant an dem Blog-Eintrag ist zudem: Brandauer hat sich offenbar die Rechte an dem Pessoa-Buch ‚ÄúDer anarchistische Bankier‚Äù gesichert und würde es verfilmen wollen.

Neben den in der Übersicht aufgeführten Blogs (Johannes Boies Schaltzentrale, Andrian Kreyes Der Feuilletonist und Petra Steinbergers East of Eden) gehört natürlich Johnny Waechters Musikblog (gerade lesenswert: die schlimmsten Wende-Songs) sowie das Besser München-Blog von jetzt.de in die Liste. (Disclaimer)

Qualität auch ohne Papier

Gäbe es keine Alternative, dann wäre das eine Katastrophe. Wenn die Alternative hingegen ein wunderbares elektronisches Gerät wäre, mit dem man ein Buch, eine Zeitschrift oder Zeitung lesen kann, ist es egal, ob die Informationen auch auf Papier gedruckt sind oder nicht. Das Gleiche wird eben nur in anderer Form geliefert. Und wenn eine Hardware entwickelt würde, die es den Menschen erleichtert, Journalismus zu bekommen und dafür zu bezahlen, umso besser. Ich glaube nicht, dass die Frage ist, was passiert, wenn Print verschwindet, sondern eher, wie man den Qualitätsjournalismus unterstützt, der essentiell für das Funktionieren einer Demokratie ist.

Auf sueddeutsche.de wird über die Zukunft der Zeitung des Qualitätsjournalismus gesprochen – diesmal mit Jonathan Landman von der New York Times.