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Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen (Digitale März-Notizen)

Dieser Text ist Teil der März-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wenn Sie diesen Text lesen, ist es unmöglich, dass Sie sich aufgrund Ihrer Hautfarbe, Religion oder Nationalität für etwas Besseres halten. Dieser Satz ist wahr, obwohl ich nicht kontrollieren kann (und will), was Sie denken – und obwohl wir feststellen müssen, dass es zuviele Menschen gibt, die sich aufgrund ihrer Hautfarbe, Religion oder Nationalität für etwas Besseres halten.

Dass ich dennoch eine solche Behauptung aufstelle, liegt daran, dass ich uns nach den rechtsradikalen Morden der vergangenen Monate daran erinnern möchte, dass allein die Tatsache, dass Sie das Internet benutzen, beweist, dass die Ideen der Ausgrenzung überholt und falsch sind. Das Internet kann nur existieren, weil sich alle (technischen) Teilnehmer auf die Idee von Gleichheit geeinigt haben (Wie die Liebe werden auch digitale Daten nicht weniger, wenn man sie teilt. Foto: Unsplash). Das Netzwerk fragt nicht, welches Betriebssystem Sie nutzen, welche Sprache Sie sprechen oder an welchen Gott sie glauben. Das Netzwerk stellt eine Verbindung her – und diese Verbindung selbst ist der auf die menschlichen Nutzer*innen übertragene Beweis für den Satz aus der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (PDF-Link):

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Wer diesem Grundgedanken widerspricht, sollte auf der Stelle aufhören, ein System zu nutzen, das nur durch diesen Grundgedanken möglich wird. Das ist keine Frage politischer Meinung, sondern schlicht der Logik. Es lohnt sich nach den Morden von Hanau genau daran zu erinnern: Wer das Internet benutzt, kann schon aus Gründen der Logik nicht gleichzeitig Rechtsterrorismus oder Überlegenheitsphantasien unterstützen. Das erscheint merkwürdig, weil die meisten Rechtsterroristen das Web nutzen, um sich zu radikalisieren und ihre menschenverachtenden Thesen zu verbreiten. Deshalb wird das Internet fälschlicherweise zum Auslöser für die gesellschaftliche Verrohrung gemacht. Ich glaube, dass es im Gegenteil zur Lösung des zentralen gesellschaftlichen Problems der rassistischen Spaltung taugt. Wir sollten jedem Rechtsterroristen, der seine Thesen und Manifeste im Web verbreitet, zurufen: „Allein die Tatsache, dass du das online stellst, beweist, dass du falsch liegst!“ Jedem und jeder, die das Internet nutzen, um Ausgrenzung und Nationalismen zu verbreiten, sollten wir immer und immer wieder sagen: „Wenn deine Thesen wahr wären, gäbe es das Internet gar nicht. Hör auf, es für diesen Mist zu missbrauchen.“

Der Historiker Volker Weiß hat in einem Gastbeitrag im Spiegel herausgearbeitet, wie die Rhetorik von AfD und Pegida den geistigen Nährboden für den neuen Rechtsterrorismus legt:

Ihr ethnozentristischer Sozialdarwinismus ermächtigt sie, die „Minderwertigen“ auszumerzen. Offensichtliche Züge von Wahnsinn, wie sie aus ihren Pamphleten sprechen, können nicht alles erklären, denn die Auswahl der Opfer folgt einer eigenen, rassistischen Rationalität. Sie teilen die Welt in „produktive“ und „destruktive“ Teile. Alle, die dem heroischen Imago vom deutschen Herrenmenschen nicht entsprechen, sollen zur Vernichtung freigegeben werden.

Er weist daraufhin, dass dieses „Gedankengut mittlerweile derart verbreitet ist, dass Akteure auch unabhängig voneinander handeln können“. Es ist ein Gedankengut, das sich gegen die Idee einer freien, offenen Gesellschaft richtet. Es findet sich in unterschiedlichen Ländern und man kann es als Gegenaufklärung zusammenfassen:

Alle Fraktionen sind Teil der europäischen Gegenaufklärung und sehen ihren Aktivismus in ein überhistorisches Schicksal eingekleidet: einen Kulturkampf gegen den Individualismus, die liberalen westlichen Werte, gegen den Universalismus.

Das Internet und im speziellen das Web als seine bekannteste Anwendung sind in diesem Sinn konkrete Projekte der Aufklärung. Das Web ist Ausdruck liberaler westlicher Werte. Es basiert auf der Idee, dass ein mehr an Wissen besser sei. Es setzt die Idee in die Tat um, dass Vernetzung über Sprach- und Landesgrenzen hinweg zu einer Verbesserung für alle Menschen führen kann. Es kann nur funktionieren, wenn es eine offene Gesellschaft gibt. Die vergangenen Wochen haben auf erschreckende Art deutlich gemacht, dass die Idee eines offenen, freien Deutschlands angegriffen wird, dass die Gesellschaftsordnung destabilisiert und die Institutionen des Landes verächtlich gemacht werden sollen – wie Kurt Kister in diesem Kommentar schreibt:

Genau dieses Deutschland greifen die Mörder an, wenn sie auf Migranten schießen. Aber nicht nur die Mörder greifen es an, sondern auch jene, die ihnen den Boden bereiten. Jene, die dauernd von „Überfremdung“ reden, die Politiker, den Staat, das Gemeinwesen verächtlich machen, die Lebensstile mit Krankheiten gleichsetzen („links-grün versifft“), die unablässig versuchen, Grenzen zu ziehen zwischen „uns“ und „denen“.

Es gibt ganz viele Gründe, jetzt für ein freies Land aufzustehen, sich einzusetzen für die offene Gesellschaft und der Empörung der Ausgrenzung zu widersprechen. Ich hoffe sehr darauf, dass mehr Menschen gegen Alltagsrassismus aufbegehren, dass mehr Menschen beweisen, dass dieses Land offen und freundlich ist und dass mehr Menschen die Idee einer freien Gesellschaft verteidigen.

Und falls noch irgendwer Zweifel daran haben sollte, warum das wichtig ist, dann lohnt sich der Blick aufs Internet. Wenn man die kruden Gedanken der Rechtsterroristen liest, muss man feststellen: In der Welt, die diese sich erträumen, gibt es keinen Platz mehr fürs Web. Oder plakativ formuliert: Die Nazis werden uns das Internet wegnehmen!* Es ist Ausdruck all dessen, wogegen sie sind. Verteidigen wir es!

P.S.: Wie die Verteidigung der freien Gesellschaft aussehen könnte, haben Farhad Dilmaghani, Stephan J. Kramer und Matthias Quent in elf Punkten bei Zeit Online aufgeschrieben. Sie kommen zu dem Schluss:

Niemand wird geboren, um andere Menschen wegen ihrer Hautfarbe, Religion, Kultur oder persönlichen Lebensplanung zu hassen. Menschen lernen zu hassen – und wenn sie Hass lernen können, dann kann man ihnen auch Nächstenliebe und Respekt für den oder die andere beibringen.

* Mir ist schon klar, dass diese Verkürzung problematisch ist und dass es ungeheuer viele und ungeheuer wichtigere Gründe gibt, gegen Ausgrenzung und Rassismus zu sein. Ich formuliere das aber bewusst so um all denen, die nicht direkt bedroht sind, zu zeigen, was diese Angriffe bedeuten.


Dieser Text stammt aus meinem monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann. Meine Haltung zum Internet, das ich als Heimat verstehe, habe ich auch in dieser „Gebrauchsanweisung für das Internet“ skizziert. In der SZ habe ich die Idee ausformuliert, was es heißen könnte, den Begriff Heimat digital zu denken.

Die Idee, einen Heimatverein für das Internet zu gründen, habe ich aus Zeitgründen bisher nicht weiter verfolgt. Sie steht hier genauer beschrieben.

#internetbriefmarke (Digitale Juli-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Juli-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Wer herausfinden will, was diesem Land wichtig ist, muss sich Briefmarken anschauen. Die so genannten Postwertzeichen sind nämlich weit mehr als das reine Porto für den Transport von Briefen, Pakten und Postkarten. Durch so genannte Sondermarken werden Briefmarken zum Ausdruck von Wertschätzung und öffentlicher Erinnerungskultur.

So gibt es in diesem Land zum Beispiel Postwertzeichen, die die Deutsche Brotkultur würdigen oder das Farbfernsehen. Es gibt Dauerserien wie jene, die Blumen wie das Wiesenschankkraut zeigt oder jene, die Legendäre Olympiamomente in Erinnerung halten möchte.

Es gibt allerdings keine Marke, die das Digitale würdigt. Zumindest habe ich in Deutschland keine gefunden*. Ist Österreich ist gerade eine Blockchain-Briefmarke auf den Markt gebracht worden, aber in Deutschland habe ich etwas Vergleichbares nicht entdeckt. Das ist merkwürdig, denn das Bundesfinanzministerium erklärt auf seiner Website:

Das Ziel aller Marken-Ausgaben ist, wichtige historische und aktuelle Ereignisse, bedeutende Persönlichkeiten und „runde“ Jubiläen in Deutschland zu würdigen. Auch die verschiedenen Regionen sowie bedeutsame gesellschaftspolitische Themenfelder sollen ausgewogen und breit gefächert vertreten sein.

Ich würde annehmen, dass das Internet ein bedeutsames gesellschaftspolitische Themenfeld ist, dessen Würdigung auf einem Postwertzeichen angezeigt wäre. Weniger bürokratisch formuliert: Warum gibt es eigentlich keine Briefmarke, die das Internet würdigt?

Wir als Gesellschaft verdanken dem Internet sehr viel. Es hat uns gezeigt, dass multikulturelle Zusammenarbeit über Landes-, Sprach- und Religionsgrenzen hinweg möglich ist. Die grundlegende Infrastruktur des Internets hat bewiesen, dass die Idee von Abgrenzung, Nationalismus und Rassimus ein überholtes Konzept ist. Menschen können sich hier verbinden, Wissen austauschen und vermehren und völlig neue Ideen entwickeln. All das ist wertvoll und bedeutsam. Leider vergessen wir das in der täglichen Nutzung nicht nur, es wird auch oft absichtsvoll übersehen. Der gesellschaftspolitische Wert des Internet für eine offene Gesellschaft sollte deshalb an einem Ort gewürdigt werden, der auch für Netzskeptiker bedeutsam ist. Deshalb haben wir vor kurzen das Projekt Internet-Straße gestartet** – und deshalb werde ich am Ende des Sommers einen Brief ans Bundesfinanzministerium schreiben und darum bitten, das Internet auf mindestens einer Briefmarke zu würdigen (besser noch wäre eine ganze Serie, die auch die Möglichkeit bieten würde, Einzelaspekte wie die Netzneutralität, Emojis oder die Memekultur zu würdigen).

Die Entscheidung über die thematische Auswahl für Sondermarken trifft in Deutschland der Bundesminister der Finanzen. Das ist aktuell Olaf Scholz. Und sollte der SPD-Politiker dieses Amt auch im Herbst noch ausüben, wird ihm der Programmbeirat hoffentlich meinen Vorschlag vorlegen, eine Internet-Briefmarke aufzulegen. Denn leider ist das Verfahren für die Sondermarken etwas zäh: Jeweils im Herbst wird für das übernächste Jahr entschieden, welche Themen auf einem kleinen gezackten Wertzeichen gewürdigt werden.

Für das Jubliläum 50 Jahre Internet sind wir also leider zu spät dran.
Deshalb brauche ich Eure Hilfe: Unter dem Hashtag #internetbriefmarke würde ich gerne Argumente für das Internet auf Briefmarken sammeln. Vielleicht liest hier sogar jemand mit, die oder der eine Idee für das gestalterische Motiv für die Internet-Briefmarke hat. Bitte schicke mir deine Vorschläge oder poste sie unter dem Hashtag #internetbriefmarke!! Ich nehme alle Beiträge, Likes, Retweets mit auf, um der Bitte beim Finanzministerium Nachdruck zu verleihen.

Dann kann es vielleicht klappen, dass das Internet auf einer Briefmarke gewürdigt wird. Verdient wäre es!

* Dieser ganze Beitrag ist natürlich ein bisschen überflüssig, wenn es bereits eine solche Marke geben sollte oder sie in den nächsten Tagen auf den Markt kommt. Sollte das sein bzw. passieren, möchte ich diesen Beitrag als unbedingten Support für diese Marke verstanden wissen ;-)

** Wer mehr Argumente für die Web-Würdigung sucht, kann auf Internet-Straße nachlesen oder dort sogar mitmachen!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen,
in dem ich mich auch schon häufiger mit dem gesellschaftlichen Wert des Internet befasst habe – z.B. „Was ist dein Bild vom Internet?“ (August 2018) oder „Heimatverein für das Internet“ (Oktober 2017). Hier kann man den Newsletter kostenfrei bestellen – und hier kann man meine Gebrauchsanweisung für das Internet lesen.

Nachtrag: Nicola Wessinghage hat Briefmarken mit Beispielmotiven erstellt

Heimatverein Internet

Kann das weltumspannende Netz der Netze Heimat sein? Schon weit bevor die Bundesregierung ein Heimatministerium gründete, formulierte ich hier meine vorsichtige Antwort: Ja, man kann im Internet Zuhause sein!
Die vage Idee, einen Heimatverein zu gründen für Menschen, die Online als ihre Heimat finden, stieß auf erstaunlich positiven Zuspruch. Deshalb denke ich schon seit einer Weile mit eine paar Mitstreiter*innen darüber nach, wie man ein solches Projekt angehen kann, damit es mehr ist als eine schöne kleine Idee.

Das dauert alles etwas länger als geplant, aber es wird. Es wird ein ganz tolles Projekt. Das kann ich voller Überzeugung sagen, weil einige sehr tolle Leute weiter an der Idee mitdenken und wir schon ziemlich gute Ideen entwickelt haben. In der Umsetzung brauchen wir noch etwas Zeit und Geduld. Aber: Es wird!

Deshalb lohnt es sich, sich hier in den Newsletter für den Heimatverein Internet einzutragen. Und wer weitere Hintergründe erfahren möchte, kann dieses Essays aus der SZ lesen, in dem ich aufgeschrieben habe, „dass das Internet die Heimat einer Generation ist, die völlig selbstverständlich mit der Idee von Völkerverständigung und Verbindung aufwächst. Auf diese Weise aufs Internet und auf die dort entstandene Heimat zu schauen, eröffnet einen völlig neuen Blick auf die Debatte um eine vermeintlich so bedrohte Identität. Es macht den Kulturessentialisten die Deutungshoheit über die Begriffe Heimat und Identität streitig und dokumentiert eine Wertschätzung für die Ideen des freien Wissens, des Pluralismus und der Meinungsfreiheit.“

Wenn du diese Wertschätzung teilst, kannst Du Dich hier für den Newsletter zum Heimatverein Internet eintragen