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Für bessere Weitsicht im Umgang mit dem Internet!

In der heutigen Ausgabe der Welt am Sonntag führt die Kollegin Jennifer Wilton ein Interview mit dem Schauspieler Moritz Bleibtreu. Darin geht es um seine Filme, ums Erwachsenwerden und in der allerletzten Antwort auch ums Internet. Bevor er dessen Abschaffung fordert, sagt Bleibtreu, er genieße es, „hier und da einen ein bisschen schlaueren Umgang mit Dingen zu haben, eine bessere Weitsicht.“

Das ist eine schöne Perspektive. Denn sie bewahrt davor, sofort auf den Empörungsreflex einzugehen, der durch die Vereinfachung in der Überschrift entstehen könnte. Es ist überhaupt eine schöne Vorstellung, sich für viele Dinge einen „ein bisschen schlaueren Umgang“ anzugewöhnen. Auch beim Schimpfen übers Internet.

Bleibtreu beschreibt in seiner vorletzten Antwort einen Gegensatz zwischen inszenierter Gewalt in Filmen (nicht so schlimm) und realer Gewalt, die im Internet gezeigt wird (sehr schlimm) und kommt zu dem Schluss: „Das ist gefährlich! Da wäre ich der Erste, der eine Petition unterschreiben würde!“ Und auf die abschließende Gegenfrage „Eine Petition gegen Gewaltvideos?“ setzt er dann zu der viel zitierten Antwort an:

Oder auch das ganze Internet. Schafft das Internet ab! Dafür würde ich sogar auf die Straße gehen. Sofort! Ich brauche das nicht. Ich glaube, das ist die größte Büchse der Pandora, die die Menschheit bisher geöffnet hat. Ich würde es gern wieder loswerden. Es gibt so viele politische Dinge, für die die Leute auf die Straße gehen – aber wenn man sich mal anschaut, wo die Wurzeln für vieles liegen, das wir gerade erleben, die sind doch in dieser zweiten Realität zu finden. Und keiner kommt auf die Idee, das zu fordern: Schaltet doch mal dieses Internet ab.

Ich mag das Internet. Es ist für mich ein ortloser Ort, der Heimat sein kann und der Beweis dafür, dass Kooperation und ein Leben über Grenzen hinweg funktionieren kann. Insofern bin ich vielleicht sehr schlecht geeignet, um Bleibtreus Antwort zu bewerten. Ich nehme es mir dennoch heraus, drei gängige Internet-Kritik-Muster einzuordnen, die auch Leute an den Tag legen, die einen ein bisschen weniger schlauen Umgang mit Dingen pflegen als der Schauspieler:

1. „Ich brauche das nicht“ ist zwar ein schöner Satz, aber in jeglicher gesellschaftlichen Debatte vor allem Ausdruck eines ein bisschen weniger schlauen Verständnis‘ von Öffentlichkeit. Ich persönlich brauche z.B. auch keine Filmförderung, dennoch käme ich nicht auf die Idee, ihre Abschaffung zu fordern. Das Internet (und in Wahrheit meint Bleibtreu vermutlich eh erstmal nur das Web) ist ein öffentlicher Ort, dessen Wert sich auch dadurch bestimmt, wer sich wie einbringt. Man könnte zum Beispiel mal fragen: Warum gibt es eigentlich vergleichsweise viel öffentliche Filmförderung und vergleichsweise wenig öffentliche Digitalförderung? Weshalb gehen Gesellschaft und Politik davon aus, dieser öffentliche Raum werde sich schon ganz von alleine gestalten?

2. Das Ziel der Internet-Kritik ist häufig gar nicht das Internet. So auch bei Bleibtreu: Ihm geht es nicht darum, dass etwas an der technischen Infrastruktur geändert wird, er kritisiert auch nicht die Algorithmen der großen Internet-Anbietern (was man tun könnte), sondern stört sich an manchem, was Menschen ins Web posten. Vint Cerf, einer der Väter des TCP/IP-Protokolls, hat auf diese Form der Kritik unlängst sehr treffend geantwortet, das Netz sei „zum Spiegel unserer globalen Gesellschaften geworden“ – weshalb jegliche Kritik dieser Art in erster Linie eine Gesellschafts- und keine Internetkritik sei. Konsequente Folge dieser Kritik müsste also sein: höheres gesellschaftliches Engagement und nicht die platte Forderung der Abschaffung.

3. Dass man eine solche Forderung überhaupt stellen kann, zeigt, dass wir einem grundfalschen Narrativ über das Digitale nachhängen. Man stelle sich kurz vor, jemand würde den Autoverkehr beenden wollen, weil auf deutschen Straßen jährlich über 3000 Menschen zu Tode kommen: „Schafft das Auto ab!“ Wer das sagt, würde sofort für verrückt erklärt werden (fragen Sie mal VW-Chef Driess, der schon „Arbeitsplätze!“ ruft, wenn jemand nur die Klimaziele einhalten will). Dabei ist die Forderung nach Schließung der Autobahnen viel weniger absurd als jene der Schließung der Datenautobahnen. Dass wir trotzdem nicht darauf kommen, liegt an der falschen Perspektive auf das Neue und auf das Digitale. Und diese Perspektive wird durch Forderung wie jener von Bleibtreu noch verstärkt.

Ich glaube, wir brauchen dringend einen anderen Blick aufs Digitale in Gänze und sehr konkret aufs Internet. Denn in Wahrheit ist es ein großartiger ortloser Ort, den es nur gibt, weil die Ideen einer offenen pluralen Gesellschaft auf eine andere technische Ebene gehoben wurden. Es ist möglich, dass wir uns diesen ortlosen Ort aus der Macht der Überwacher und der Konzerne zurückholen – das habe ich jedenfalls diese Woche auf der ARD-Bühne auf der Frankfurter Buchmesse behauptet. Und ein erster Schritt besteht darin, „hier und da einen ein bisschen schlaueren Umgang mit Dingen zu haben, eine bessere Weitsicht“: das Internet ist ein menschheitshistorisches Geschenk, wir müssen lernen damit umzugehen!

Links:
– Das Bleibtreu-Interview in der Welt am Sonntag
– Das Interview auf der Frankfurter Buchmesse
– Das Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“
– Die Idee „Heimatverein Internet“