Dieser Text ist Teil der März-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, der immer zum Ende eines Monats erscheint. Hier kannst du ihn kostenlos abonnieren.
In Wahrheit war es schon immer Mist. Seit Beginn der Nullerjahre beschäftige ich mich mit dem Bereich, den wir heute Social Media nennen. Und seit dem gibt es eine Melodie, die immer wieder höre. Sie wird auf unterschiedlichen Instrumenten und in sehr unterschiedlichen Liedern gespielt, aber sie klingt immer gleich und verkündet: Social Media ist minderwertig, Social Media ist doof, Social Media ist Mist.
Erst wurde sie von vermeintlichen Profis zu Abgrenzung von Amateuren gespielt (sucht mal „Klowände des Internet“), dann wurde sie zu einem Qualitäts- (Idioten!) und schließlich zu einem Populismus-Politik-Problem. Dass es zwischendurch mal die Hoffnung auf demokratische Kraft von sozialen Medien gab, war nur ein fremdes Phänomen, das für andere Länder galt (sucht mal „Arabischer Frühling“) und dann auch mit großer Überzeugung als rein temporär eingeordnet und sofort von der bekannten Melodie übertönt wurde.
In jüngerer Vergangenheit nutzt die Social-Media-Ablehnung das Thema Big-Tech-Kritik als Verstärker – und übersieht nahezu konequent, dass es das Fediverse gibt, das bewusst nichts mit Big-Tech zu tun hat (sucht mal „Eugen Rochko“). Aber zum absoluten Hit wurde die Social-Media-Mist-Melodie erst durch den Sucht-Trick, der auf Kinder-Instrumenten gespielt wird: Social Media ist jetzt nicht mehr nur Mist, sondern macht so abhängig, dass wir unsere Kinder schützen müssen.
Wir erleben dieser Tage den Höhepunkt eines Zeitgeist-Phänomens, das ich Social-Media-Scham nenne – es privatiert alle Probleme mit sozialen Medien und digitalen Öffentlichkeiten und legt sie auf die Schultern der Nutzerinnen und Nutzer. Patrick Gensing schreibt dazu beim Volksverpetzer:
Die eigentliche Auseinandersetzung beginnt nicht bei den Nutzerinnen, sondern bei den Infrastrukturen, die digitale Öffentlichkeit formen, besser gesagt deformieren und dominieren. Aber es ist eben einfacher, Verantwortung nach unten zu reichen, anstatt sich mit den Plattformen und ihren Schutzpatronen anzulegen.
Was in der Begeisterung für diesen absoluten Meinungshit des Jahres 2026 ein wenig untergeht, ist die Antwort auf die Frage: Warum gibt es Social-Media eigentlich noch, wenn es doch so Mist ist?
Anders formuliert: die Perspektive derjenigen, die womöglich aus guten Gründen soziale Medien nutzen, findet kaum mehr statt. Deshalb möchte ich hier mal die 6’7 Argumente aufzählen, die mich weiterhin an Social Media faszinieren:
6’7 Dinge, die ich an Social Media mag:
Soziale Medien machen Stimmen hörbar, die früher ungehört waren: Die Welt ist bunt; bunter als dies durch die Massenmedien des 20. Jahrhunderts sichtbar wurde. Durch soziale Medien erstrahlt diese Diversität in bunteren Farben. Das ist gut. Dass Menschen sich verbinden, organisieren und ihre Perspektiven öffentlich machen können, kann in einer freien Gesellschaft per se als Problem definiert werden – es ist ein Schritt der Emanzipation, der positiv ist und über dessen Ausgestaltung man streiten kann. Es ist aber richtig, diese Form der Medientransformation als Demokratisierung der Publikationsmittel zu beschreiben
Soziale Medien ermöglichen politische Teilhabe und Vernetzung: Es geht nicht nur darum, dass Stimmen hörbar werden – es geht auch darum, die ihre Sprecher:innen einander hören. „Du bist nicht allein“ ist ein zentrales Gefühl, dass Social-Media-Vernetzung ermöglicht, über Landes-, Sprach- und Religionsgrenzen hinweg. Diese Vernetzung erscheint vielen heute so selbstverständlich, dass die nur über Blasen und Verstärker reden und vergessen, was das Gegenteil war: Vereinsamung und fehlende Verständigung.
Soziale Medien schaffen Digitale Nachbar- und Freundschaft: Es sind (womöglich) schwache, aber stets bedeutsame Bindungen, die soziale Medien ermöglichen. Ich mag den Begriff der digitalen Nachbarschaft, um zu beschreiben, was zauberhaft sein kann, auf diese Weise verbunden zu sein: dass es manchmal sehr beiläufig ist. Es ist aber, das darf man nicht unterschätzen, manchmal auch das Gegenteil: nämlich richtig wichtig. So wichtig, dass Menschen auf Plattformen bleiben, weil sie andere Menschen, die dort sind mehr mögen als sie Mark Zuckerberg hassen – auf diese Formel bringt es Cory Doctorow in diesem Podcast, in dem er beschreibt, wie bedeutsam digitale Vernetzung ist.
Soziale Medien machen Wissen zugänglich: Warum sind soziale Medien für Bots interessant, die demokratische Gesellschaften unterwandern wollen? Weil Menschen in sozialen Medien Informationen finden. Das heißt aber auch: die Art und Weise, sich in sozialen Medien zu informieren, ist nicht nur ein Rabbithole wie manche kritisieren. Die Mechanik ermöglicht es, ohne aktive Suche Informationen aufzunehmen, die dich interessieren. Das ist an sich nicht schlimm – schlimm ist, dass minderwertige geistige Nahrung hier genauso behandelt wird, wie wertvolle Medienkost. Dass auf diese Weise Bildung ermöglicht wird, geht häufig unter, wenn über „den Algorithmus“ geschimpft wird. Ich würde sogar sagen:
Soziale Medien machen dich schlauer: die hochpersonalisierten und auf persönliche Interessen zugeschnittenen For-you-pages werden immer nur als Problem gesehen. Sie bieten aber auch eine Form von Deepdive, die das Prinzip der Durchschnitts-Information im guten Sinne übersteigt. Wer sich z.B. für Ausdauersport interessiert, bekommt durch den Algorithmus sehr schnell sehr viel tiefgehendere Informationen als in Umfeldern, die auf den Durchschnittsnutzer statt auf dich optimiert sind. Das was bei Meinungen als Radikalisierung bezeichnet wird, kann bei echtem Wissen auch als schnelle und zielgerichtete Bildung interpretiert werden.
Soziale Medien schaffen eine eigene Kultur: Felix Stalder spricht von einer digitalen Volkskultur – und ich halte das für stimmig. Soziale Medien haben eine sehr lebendige Form der Popkultur geschaffen, die Beteiligung und Teilhabe ermöglicht und wie alle Formen der Kultur zur Orientierung dient. Ich bin bei diesem Thema nicht objektiv, aber ich glaube, dass erst die kommenden Generationen den (politischen) Wert dieser Form der Netzkultur richtig einschätzen werden. Die Memes, Referenzen und Running Gags schaffen Ohrwürmer des Internet, die ihren Wert weit über die digitalen Ökosysteme hinaus haben.
Soziale Medien machen Spaß: ich habe es in der sixseven-Meme-Referenz im Titel andeuten wollen. In der Referenz- und Distinktionskultur des Web steckt eine nicht nur kulturelle, sondern auch humoristische Dimension, die bedeutsam ist. Man soll kulturelle Darstellungsformen nicht vergleichen, aber wenn wir Karneval für eine kulturelle Errungenschaft halten, dann sind Memes dies umso mehr.
Mehr zur Netzkultur im Buch „Meme – Muster digitaler Kommunikation“ und in der monatlichen Rubrik „Netzkulturcharts„
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