Alle Artikel mit dem Schlagwort “zukunft

Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung von morgen (Digitale-September-Notizen)

Dieser Text ist Teil die September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Die frohe Botschaft vorweg: Es ist nicht alles schlecht im Journalismus. Ich habe heute sehr engagierte, motivierte und innovative Ausbildungs-Redakteur*innen getroffen, die auf Einladung des IfP (Katholische Journalistenschule) in Würzburg der Frage nachgehen, wie die Journalistenausbildung von morgen aussehen solle. Burkhard Schäfers hatte mich zu einem kulturpragmatischen Impuls eingeladen, in dessen Vorbereitung ich mich mit der Frage befasste, wie mich eigentlich meine eigene Ausbildung auf den sich verändernden Beruf vorbreitet hat.

Beim Seminar der Ausbildungsredakteure des IFP stellt @dvg auch unser Longreads-Magazin vor #langstrecke

Ein von SZ Langstrecke (@langstrecke) gepostetes Foto am

In der Antwort bin ich auf ein Dutzend Ideen gekommen, die ich meiner eigenen Ausbildung im Rückblick ergänzen würde. Zwölf Aspekte, die heute zum Journalismus dazu gehören, die im Rahmen meiner Ausbildung aber nicht auf dem Lehrplan standen: Dazu passt übrigens die August-Ausgabe der Digitalen Notizen aus dem Jahr 2015 – und sollte jemand wie beim Hashtag #journo2014 Ergänzungen vorzunehmen, freue ich mich darüber – #journo2016 vielleicht

1 Leserbriefe beantworten
im Sinne von: Leserbriefe beantworten. Ganz ohne Internet und Zuschauer, sondern sehr banal: Wie geht man damit um, dass Zuschauer*innnen, Leser*innen, Hörer*innen auf publizierte Inhalte reagieren?

2 Im Internet diskutierten
Was passiert wenn Leserbriefe öffentlich werden? Wie erkennt man echtes Diskussions-Interesse? Wie geht man mit Trollen um? Wie reagiert man angemessen? Wie findet man Mehrwerte und neue Geschichten sowie: Was muss man wissen um sich auch zu schützen?

3 Ein Smartphone benutzen
Es geht nicht nur theoretisch darum, die Apps und die (Hard-)Ware-Erweiterungen zu kennen, die aus einem Smartphone ein journalistisches Sendegerät machen. Es geht auch praktisch darum, diese tatsächlich einzusetzen: Welche technischen Fähigkeiten braucht man? Wie schneidet man? Welche Darstellungsformen entwickeln sich hier? Wie erzählt man eine Snapchat-Story oder eine Instagram-Geschichte?

4 Zusammenarbeiten
Wie schreibt man eigentlich gemeinsam (oder in einer größeren Gruppe) einen Text? Vielleicht sogar mit seinen Lesern zusammen? Wie arbeitet man mit Entwicklern, Gestaltern, Fotografen, Filmemachern oder Datenspezialisten gemeinsam in einem Team? Kollaboration muss man lernen, das bezieht sich auf die nötige Software, aber auch auf die Teamfähigkeit und die Definition der eigenen Rolle (nein, die anderen sind keine Zuarbeiter der Journalisten).

5 Bloggen
Ein Blog zu betreiben heißt nicht nur eine besondere Form des informellen Schreiben zu erlernen, sondern vor allem auch: Grundlagen des Publizierens im Netz zu verstehen. Wo sind die Inhalte, wenn ich auf „senden“ drücke? Wie funkioniert das Hosting? Wofür braucht man eine Datenbank?

6 Persönlich publizieren
Bloggen ist nur eine Ausprägung dessen, was ich persönliches publizieren nennen würde: Gibt es ein Seminar zum Newsletterschreiben? Oder eine Ausbildungseinheit, in der man die Feinheiten von Social Media-Angeboten wie Twitter, Facebook oder Instagram erlernen kann? Die Besonderheiten der einzelnen Dienste bilden hier nur den einen Teil. Mindestens genauso wichtig: Wie verhält man sich in Social Media? Wie positioniert man sich als Autor?

7 Inhalte verbreiten
Jonah Peretti von Buzzfeed sagt, das Erstellen von Inhalten umfasse nur die eine Hälfte journalistischer Arbeit? Wie funktioniert die zweite Hälfte? Was muss man über Distribution wissen? Wie verbreitet man seine Inhalte? Digitales Blattmachen schließt das Wissen um sehr aktuelle Nutzerzahlen ein. Welche Inhalte trenden? Wie ermittelt man diese? Wie wertet man sie aus? Und vor allem: Welche Schlüsse zieht man daraus?

8 Eine Suchmaschine bedienen
Das bedeutet in seiner aktiven Ausprägung: Inhalte so schreiben, dass sie gefunden werden. Grundlagen von Suchmaschinen-Optimierung gehören zum digitalen Publizieren dazu. In der passiveren Suchmaschinen-Nutzung heißt es: im Netz recherchieren, unterschiedliche Suchbefehle aber auch Suchmaschinen kennen.

9 Digitale Inhalte verifizieren
Weit über die Nutzung von Suchmaschinen hinaus geht die journalistische Fähigkeit (digitale) Inhalte zu verifizieren: Wie überprüft man das, was man findet? Wie ermittelt man, ob die Informationen glaubwürdig sind?

10 Livejournalismus
Vorträge halten, Veranstaltungen moderieren, Interviews öffentlich führen oder geben, ist heute womöglich mehr noch als früher Bestandteil journalistischen Arbeitens. Hinzu kommen all die digitalen Varianten desjenigen Journalismus, den man erleben kann: Wie macht man das?

11 Unternehmerisch Denken
Es gilt unter Journalisten noch immer als Ausweis von Kompetenz, sich nicht für die wirtschaftliche Seite des eigenen Tuns zu interessieren. Mehr noch: diejenigen, die das tun, werden schief angesehen. Ich habe erhebliche Zweifel, dass dies Haltung sinnvoll ist.

12 Nicht aufhören
Lernen lernen ist vermutlich die wichtigste, die zentralste Fähigkeit, die man unterrichten sollte. Denn wenn ich den Blick nicht in die Vergangenheit auf meine eigene Ausbildung, sondern in die Zukunft auf die Veränderungen der Branche richte, muss ich voller Überzeugung sagen: Ich weiß es ja auch nicht. Was ich weiß: Das Dazwischen-Sein, das Nicht-Ankommen und die Forderung ständig Neues zu lernen – all das wird nicht aufhören!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen: „Soll mein Buch auf Facebook?“ (August), „Der Grüffelo in Social Media“ (Juli) „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

Smartphones in die Schule – Interview zu App Camps

Nur wenige Texte in diesem Blog sorgten für soviel Aufregung und Diskussion wie die kleine Replik, die ich unlängst auf die Smartphone-Geschichte im Spiegel schrieb. Vielleicht stimmt, was Johannes Kuhn befürchtet: „„Das Smartphone“ ist das neue „Das Internet“, ein Raum für Projektionen rund um Verhaltensänderung und Technologiehoffnungen/-sorgen, inklusive der alten Gegensätze.“ Ganz sicher gibt es hier großen Diskussionsbedarf. Deshalb habe ich Theresa Grotendorst nach der Debatte ein paar Fragen zum Thema Smartphone gemailt. Sie diskutiert nicht über das Thema, sondern engagiert sich dafür, insbesondere Jugendliche und junge Frauen für digitale Technologien zu begeistern. Sie unterstützt so genannte App Camps (wie jenes, das kommende Woche in Hamburg stattfindet) als Projektleiterin und Trainerin bei App Workshops.

appcamps

Über das Thema Smartphone-Nutzung kann man sich mit Eltern und Lehrern lang und breit streiten. Ihr bringt Smartphones in die Schule. Warum das denn?
In unseren Workshops lernen Schüler*innen eigene Apps für Smartphones oder Tablets zu entwickeln. Dabei wollen wir mit App Camps Interesse wecken und zeigen, wie viel Spaß programmieren macht, wie kreativ es ist. Wir können digitale Medien und Geräte verteufeln oder die Medienaffinität der Jugendlichen als Chance sehen. Die Jugendlichen sollen Smartphones und Co. nicht nur aus der Anwenderperspektive kennen lernen. Es geht darum den Jugendlichen zu zeigen, was man damit alles machen kann und wie sie ihre eigenen Ideen umsetzen können – weg vom reinen Konsumieren, hin zum Produzieren und Selbergestalten.
Programmierung ist anwendungsorientiert und kann wunderbar mit anderen Disziplinen kombiniert werden. So können sich die Schüler*innen z.B. eine Quiz-App bauen, um sich auf eine Biologieklausur vorzubereiten. Zudem ist Programmieren weit mehr als „nur” Code zu schreiben: Es fördert vor allem analytisches und logisches Denken, Problemlösefähigkeit und verbessert die Zukunftschancen. Leider spielt Informatik an vielen Schulen in Deutschland oftmals noch eine geringe Rolle und viele Jugendliche haben keine Möglichkeit diesen Bereich kennenzulernen. Wir wollen allen Schüler*innen den Zugang zu diesem Wissen ermöglichen.

Und das macht ihr alles, weil die Firmen aus dem Silicon Valley, die im Rahmen der Smartphone-Kritik auch immer erwähnt werden, Euch bezahlen? Oder wie finanziert Ihr Euch?
App Camps ist eine gemeinnützige Organisation. Neben Veranstaltungen wie dem App Summer Camp erstellen wir Unterrichtsmaterial für Lehrkräfte zum Thema Programmieren. Für Schulen und andere Bildungseinrichtungen sind diese Unterlagen kostenlos. Daneben organisieren wir aber auch Fortbildungen und Workshops für Firmen, die ihre Mitarbeiter zu Themen rund um Digitalisierung weiterbilden wollen. Damit können wir das Angebot für Schulen querfinanzieren.
Zudem haben wir tolle Partner an der Seite, die uns unterstützen. So wird z.B. das diesjährige App Summer Camp von einem Bündnis aus Stiftungen, Unternehmen der Digitalbranche und der Stadt Hamburg gefördert.

Was lernen die Schüler*innen denn genau bei euch?
Die Jugendlichen entwickeln selber Apps für Android Geräte und lernen dabei spielerisch die Grundlagen der Programmierung und Konzepte der Informatik kennen. Für die App-Entwicklung nutzen die Schüler*innen den vom MIT frei zur Verfügung gestellten App Inventor.
Dabei lernen sie nicht nur wie man die Sensorik eines Telefons ansteuert, sondern auch Fähigkeiten, die weit über das Programmieren hinausgehen. Denn sie bekommen auch ein besseres Verständnis für die Apps, die sie tagtäglich auf ihren Smartphones nutzen. So können sie fertige Medienprodukte kritischer betrachten und z.B. Themen wie unzureichenden Datenschutz bei Apps hinterfragen. Dadurch entwickeln sie einen bewussten und kreativen Umgang mit neuen Technologien und Medien.

Kritiker sagen, Kinder und Jugendliche sollten möglichst gar keinen Kontakt mit Smartphones haben und diese erst ab 18 nutzen. Ihr bietet Kurse für Jugendliche ab 13 Jahre an…
Kinder und Jugendliche wachsen in einer zunehmend digitalen Welt auf und diese Entwicklung lässt sich nicht aufhalten. Die meisten Viertklässler haben inzwischen ein internetfähiges Handy. Dabei ist ein Großteil der 13-Jährigen am PC und Handy schon richtig fit, aber in den meisten Fällen wird nur konsumiert. Das ist schade. Wir möchten, dass Kinder und Jugendliche die digitale Welt nicht nur konsumieren und aus “Anwender”-Sicht kennenlernen, sondern dass sie diese aktiv mitgestalten. Wir möchten den Kindern zeigen, welche Möglichkeiten es gibt kreativ zu werden und wie sie mit Hilfe digitaler Technologien und Programmierung eigene Ideen entwickeln und umsetzen können. So lernen die Jugendlichen früh neue Technologien zu verstehen und auch reflektiert zu bewerten, zu hinterfragen und einzusetzen.

Wie steht Ihr zu der weit verbreiteten Annahme, man solle die Geräte doch mal weglegen?
Natürlich sollte man “das Gerät” auch mal weglegen, jedoch ist diese Empfehlung in der Diskussion um eine angemessene Nutzung wenig zielführend. Ich denke, nicht die Technologien oder die Geräte sind das Problem. Es geht vielmehr um Selbstkontrolle, Disziplin und einen reflektierten und sinnvollen Einsatz. Ein pauschales Verbannen digitaler Technologien wird auf jeden Fall keine angemessenen Umgangsformen trainieren. Für eine vernünftiges Nutzungsverhalten brauchen Kinder und Jugendliche vor allem Vorbilder und Training. Computer und Smartphones sind Teil unsere Welt – wir müssen den angemessenen Einsatz und Umgang üben.


Zum Hintergrund auf den Digitalen Notizen:
Fünf Fragen zur angemessenen Smartphone-Nutzung

Fünf Fragen zur angemessenen Smartphone-Nutzung

Dieser Text ist eine kulturpragmatische Antwort auf die um sich greifende Smartphone-Angst.

Stellen wir uns kurz vor, der Gesellschaft sei in den vergangenen Jahren nicht die Technologie des Smartphones geschenkt worden, sondern – sagen wir – ein Fahrrad. Mit dem Bild eines immer wieder scheiterenden Fahrrad-Schülers, der sich in Schlangenlinien unsicher vorwärts bewegt, lässt sich vermutlich am besten fassen, wie die Gesellschaft (übrigens natürlich nicht nur in Deutschland) gerade versucht, ohne Stürze mit dem neuen Gefährt Gerät umzugehen. Dabei sollte uns die Tatsache, dass viele Menschen in der Lage sind, den kleinen Computer ohne fremde Hilfe einzuschalten, nicht täuschen: Wir können diese in Wahrheit noch sehr neuen Geräte bedienen, aber umgehen können wir mit ihnen noch nicht. Wir müssen als Gesellschaft einen vernünftigen Umgang mit dem Smartphone erst lernen!

legweg_blendleOb die aktuelle Debatte über das ausführlich dämonisierte Smartphone dabei allerdings hilfreich ist, darf bezweifelt werden. Im Gegenteil: Nach der Lektüre der aktuellen Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ zum Thema (€-Link zu Blendle) bin ich mir sicher, dass wir erst ganz am Anfang stehen. Denn zu einem vernünftigen Umgang zählt zuvorderst der sachliche Zugang zum Thema – frei von Drogenvergleichen und Dämonisierung.

Auf dem Weg dahin stellen sich mir diese fünf Fragen, die von der Spiegel-Lektüre ausgelöst wurden, sich (in abgewandelter Form) aber auf zahlreiche Varianten der Debatte „Wie gehts du eigentlich mit dem Smartphone um?“ anwenden lassen:

1. Seit wann ist „einfach mal weglegen“ eigentlich ein sinnvoller Ratschlag für Lernende? Glaubt irgendjemand ernsthaft, der unsicher schlenkernde Radfahrschüler würde besser, wenn ihm von außen jemand zuruft: „Vielleicht einfach mal weglegen, das Ding.“ Mit diesem Satz endet die Spiegel-Geschichte – und dieser Satz wird auch auf dem Cover als Lösung verkauft. Uwe Buse, Fiona Ehlers, Özlem Gezer, Christine Luz, Dialika Neufeld und Martin Schlak (die Autor*innen der Geschichte) raten den ratlosen Smartphone-Nutzer, die Vorbilder im vernünftigen Umgang mit dem Gerät suchen, ernsthaft „dass wir uns erst mal weniger mit Maschinen beschäftigen sollten und mehr mit dem Menschen.“ Wie dadurch der Umgang mit dem Smartphone besser werden soll, sagen sie nicht. Und so bleibt ihr Fazit in etwa so hilfreich wie der Ratschlag an die unsicher fiedelnde Geigenschülerin, doch häufiger einen Ball zur Hand zu nehmen. Schließlich seien Menschen, die Ball spielen allesamt recht sportlich, viel an der frischen Luft und im Sommer mit gesunder Gesichtsfarbe beschenkt. Ob ihr Geigenspiel sich dadurch irgendwie verändert? Vermutlich wird es höchstens schlechter!

2. Wer ist eigentlich auf die Idee mit dem Drogenvergleich gekommen? Die Gesundheit ist ein hohes Gut und in der Debatte um Smartphones kommt ihr eine zentrale Rolle zu. Manfred Spitzer sagt „das Smartphone“ sei „heute das, was vor 70 Jahren die Zigarette war“ und im aktuellen Spiegel kommt eine Fachfrau mit ähnlicher Expertise zu dem Schluss: „Die Geräte sind wie Heroin, sie machen sofort abhängig.“ Die Frau, die das sagt ist Mutter zweier Kinder und Vertriebsreferentin bei der Lufthansa. Trotzdem bleibt ihr Zitat unkommentiert. Es dient mehr noch, um den emotionalen Rahmen zu setzen. Hier geht es nicht um ein technisches Gerät (das nebenbei bemerkt ohne Netzzugang für die meisten wertlos ist), hier geht es um den „Feind in meiner Hand“ (Titel), hier geht es um „Abhängige“, um einen „schädlichen Lebensstil“ und um „Verhaltensstörungen mit sozialen und psychischen Folgeproblemen“. Dieses Hochgebirge an Problemen macht sofort klar: jeglicher gar humorvoller Ansatz zu einer konstruktiven Lösung muss als ahnungsloser Flachlandspaziergang verstanden werden! Anders formuliert: Wer diese Probleme auftürmt, sucht vielleicht gar keine Lösung.

3. Wieso muss eigentlich stets die Jugend als Schreckensszenario herhalten? Die Sache mit der Sucht lässt sich übrigens noch steigern – wenn Kinder und Jugendliche ins Spiel kommen. Die Jugend war schon immer verdorben. In einer Zeit, in der die Generation der Eltern Punkrock hört und kifft, erkennen diese den Niedergang der Nachkommen aber nicht mehr in schlimmer Musik oder langen Haaren. Der heutigen Elterngeneration, die in Autos ohne Sicherheitsgurt aufgewachsen ist, treibt die Tatsache, dass ihre Kinder auf kleinen Computern tippen, tiefe Sorgenfalten auf die Stirn. Voller ehrlicher Angst lesen sie Texte über Abhängigkeit und Sucht – statt sich sehr banal auf die Suche nach dem zu machen, was Erziehung schon immer ausgemacht hat: Beispiel und Liebe (Friedrich Wilhelm August Fröbel). Aber wo sind die Vorbilder für die angemessene Handy-Nutzung in der Generation der Eltern, die Ramones-Shirts (die Echten, von früher!) tragen und mehr über die Vergangenheit sprechen als nach Lösungen für die Zukunft suchen? Wo sind die Eltern und Lehrer, die vormachen, wie man ohne Dämonisierung mit Handys umgeht?
Wer mit den wenigen spricht, die es davon zweifelsohne gibt, findet übrigens schnell raus: Sie wissen sehr genau, dass es Kern des Problems und nicht der Lösung ist, wenn man aus der Tatsache, dass man das Gerät mal unvernünftig oder übertrieben genutzt hat, gleich eine Entzugsklinik-Debatte macht.

4. Seit wann ist eigentlich alles, was man auf dem Smartphone macht gleich? Pokemons fangen, mit mehreren Menschen gleichzeitig chatten oder hochkonzentriert „Der Mann ohne Eigenschaften“ lesen – all das kann ich auf dem Smartphone tun. Und all das führt zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Man kommt sich fast wie ein Smartphone-Fanatiker vor, wenn man darauf hinweist, dass es kaum zielführend ist, alles, was man mit dem kleinen Computer tun kann, über einen kulturpessimistischen Kamm zu scheren. Hier zu differenzieren, scheint mir ein erster vorsichtiger Schritt in Richtung einer Lösung. Denn: Natürlich gibt es smartphone-verbundene Freizeitbeschäftigungen, die sprunghaft, verwirrend und unstet sind. Es gibt aber auch eine kontemplative, eine versinkende Lektüre Nutzung des Geräts. Wer sich also im gesundheitspolitischen Hochgebirge der Gefahren und Probleme zu verlaufen droht, sollte bedenken: Smartphones sind auch Bücher – und über Bücher würde der Spiegel niemals so respektlos schreiben.

5. Können wir uns vielleicht alle ein wenig locker machen? Dass Eltern ihre Kinder nicht verstehen oder mit der Art und Weise hadern, wie diese ihr Leben gestalten wollen, ist ja nun nicht wirklich neu. Und gäbe es keine Smartphones, würde sich die Debatte womöglich an anderen Gepflogenheiten entzünden. Vielleicht liegt ein erster Ansatz einer Lösung also darin, sich locker zu machen – oder zumindest das Verteufeln und die Weglegen-Debatte zu beenden. Kevin Kelly schreibt in seinem lobens- wie lesenswerten „The Inevitable“: „Unser erster Impuls scheint es zu sein, auf die wogende Veränderung der digitalen Technologie zu reagieren, indem wir zurückrudern. Es zu bremsen, zu verbieten, zu leugnen oder mindestens den Zugang zu erschweren. Aber das rächt sich. Prohibition ist höchstens kurzfristig gut, langfristig ist sie kontraproduktiv.“
Etwas mehr Anregung und viel weniger Aufregung könnten dazu führen, dass wir ganz bald viel mehr Vorbilder haben, wie man denn ein Smartphone angemessen nutzt. Dazu zählt – keine Frage – auch die Tatsache, dass man es (wie schon Peter Lustig wusste) auch mal ausmacht. Dazu zählt aber vor allem, dass man anerkennt, dass das Smartphone in sehr vielen Fällen zunächst ein Instrument des sozialen Austauschs ist. Wer es oft und ausgiebig nutzt, tut das also selten allein wegen des Geräts, sondern recht häufig wegen der Personen, mit denen er und sie darüber verbunden ist. Auch deshalb gibt es hier übrigens keine einfache Lösung.


Mehr zum Thema unter dem Schlagwort Kulturpragmatismus!

Update: Aufgrund der meinungsstarken Debatte habe ich ein Interview zum Thema geführt

Kulturpragmatismus

Dieser Text ist Teil der Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

„Die Welt“, sagt der amerikanische Fotograf Nicholas Nixon, „ist unendlich viel interessanter als irgendeine meiner Ansichten darüber.“ Nixon beschreibt damit die Haltung, aus der heraus er seine fotografischen Arbeiten angeht, die Art und Weise wie er die Wirklichkeit bannen und abbilden will. In diesem Satz steckt aber etwas, was ich weit über das künstlerische Schaffen des Fotografen hinaus bedeutsam halte. In diesem Zitat manifestiert sich eine Haltung zur Welt, die ich Kulturpragmatismus nennen möchte. In Abgrenzung zu begeisterter Zukunftsgläubigkeit und resignierter Vergangenheitsverklärung zeichnet sich der Kulturpragmatismus durch die Fähigkeit aus, die eigene Bewertung der Welt und ihrer Entwicklung nicht so wichtig zu nehmen. Kulturpragmatiker sind neugierig, wo Pessimisten und Optimisten (so oder so) meinungsstark sind. Sie stellen die Frage nach einem grundlegenden Verstehen von Entwicklungen vor die eigene Einschätzung über deren Folgen. Denn sie glauben, dass die Welt (und das Verstehen ihrer Entwicklung) interessanter ist als die eigenen Meinungen und Bewertungen.

Ich halte eine Entwicklung hin zum Kulturpragmatismus für überfällig. Ich glaube, dass man aus politischen, technologischen und gesellschaftlichen Gründen den Raum zwischen den Stühlen der Optimisten und Pessimisten erweitern muss. Man muss Platz schaffen für kulturpragmatische Perspektiven, die uns in die Lage versetzen, angstfrei und souverän in die Zukunft zu gehen und diese zu gestalten. Ich glaube das, weil ich im Bereich der Digitalisierung (und in meiner Arbeit dazu) festgestellt habe, dass ein kulturpragmatischer Blick auf „das nächste große Ding“ oder „den Niedergang der Kultur“ stets die besten Ergebnisse zu Tage fördert – losgelöst von Euphorie und Angst entsteht ein Blick auf die Zukunft, der diese für gestaltbar hält. Wo Pessimisten einen zwangsläufigen Abstieg zu erkennen meinen und Optimisten einen automatische Verbesserung, geht der Kulturpragmatiker davon aus, dass Zukunft veränderbar ist – auch durch eigenes aktives Handeln.

Diese Haltung wird nicht nur wegen der vermeintlichen oder tatsächlichen Beschleunigung technischer Entwicklungen und Veränderungen immer bedeutsamer. Auch der größere politische Rahmen – die Brexit-Entscheidung des vergangenen Monats hat dies deutlich gemacht – verlangt nach einem kulturpragmatischen Blick auf die Welt, der erkennt: Das Bewahrende, Rückwärtsgewandte liegt im Trend. Denn die Menschen der westlichen Welt werden immer älter – und niemand hat uns beigebracht, wie man bei diesem Älterwerden Anschluss hält an das, was sich unter den eigenen Füßen verändert. Und da dieses Wissen fehlt, ist es nur verständlich, dass Orientierung einzig im Blick zurück (Take back control) erkennbar zu sein scheint.

Der FAZ-Journalist Volker Zastrow hat das im Herbst 2015 (zu einer Zeit, die fälschlicherweise oft als Flüchtlingskrise bezeichnet wurde) in einem langen und sehr guten Text so beschrieben:

„Wer vor fünfundzwanzig Jahren Kind war, hat schon Mühe, zu erklären, wie anders das Leben damals gewesen ist. Wer vor fünfzig Jahren Kind war, lebte tatsächlich in einem anderen Land, in einer anderen Welt. Es ist mehr fort als blieb. So groß sind die Unterschiede, dass es kaum möglich ist, sie den Jungen zu erklären, ohne komisch zu wirken. Unsere Kinder können unsere Kindheit nicht mehr verstehen. Aber wir können auch die Kindheit unserer Kinder nicht wirklich verstehen. Die Welt schafft sich ab.
(…)
Viel von dem Unbehagen in der Kultur, von den Ängsten und mitunter dem Zorn, rührt aus diesen Verlusten. Altern in einer solchen Gesellschaft bedeutet: lange gesund bleiben, lange leben, neue Gelenke für die Hüften bekommen und neue Hornhäute für die Augen – ja. Aber es bedeutet auch, einer Welt, der man traute, beim Untergehen zuzusehen.“

Ich finde den Text, der übrigens als Newsletter verschickt wurde, deshalb so stark weil dieser Beschreibung eben keine direkte Beurteilung folgt. Der Text selber ist aus einer kulturpragmatischen Haltung heraus geschrieben. Er analysiert eine Entwicklung, die man verstehen muss um zum Beispiel zu erkennen, woher das Hadern an der Gegenwart kommt – und damit auch, wie man z.B. den digitalen Graben in dieser Gesellschaft schließen kann. Zastrow folgert:

„Älter werden bedeutet in einer solchen Gesellschaft: Man wird zum Fremden in der eigenen Heimat, und nicht etwa nur, weil Fremde zuwandern, sondern weil das ganze Land von einem weg wandert. Deutschland schafft sich ab. Das ist kein moralischer oder unmoralischer Prozess. Es ist naiv, manchmal geradezu boshaft dumm, so zu tun, als gehe dabei nur Schlechtes verloren – wie es Progressisten tun. Und es ist genauso dämlich oder finster zu glauben, man könne diesen Vorgang rückgängig machen – wie es Reaktionäre anstreben.“

Es ist an der Zeit, einen Raum zwischen den Progressisten und den Reaktionären zu öffnen. Einen Raum, der frei ist von Angst und geprägt von einer Haltung zur Zukunft wie sie ein Historiker einnehmen würde. Bruce Sterling hat das in einer sehr frühen Folge des Elektrischen Reporters mal nahegelegt. Darin rät er, weder optimistisch noch pessimistisch über die Zukunft zu sprechen. Schließlich wähle man diese Begriffe auch nicht, wenn man übers 19. Jahrhundert spricht. Stattdessen rät Sterling zum Engagement, zur Teilhabe, zum Einlassen (im Film etwa ab Minute 8)

Meiner Meinung nach ist das beste Symbol für eine solch kulturpragmatische Haltung zur Welt übrigens der Shruggie ¯\_(ツ)_/¯


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

Die Zeitung nach dem Papier (Digitale März Notizen)

Dieser Text ist Teil der März-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann! Dieses Jahr sind bereits erschienen „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

„Die Druckmaschinen stehen still, die Tinte ist getrocknet, das Papier wird nicht mehr zerknittern.“ Mit diesen Worten endet das Editorial der letzten Papierausgabe der britischen Tageszeitung The Independent. Am 26. März 2016 wurde diese verkauft, 29,5 Jahre nach der ersten Ausgabe der Zeitung, die im Englischen Newspaper heißt, jetzt aber ohne Papier auskommen muss.

Nicht nur weil ich bei einer Tageszeitung arbeite – und schon 2012 schrieb, dass ich keinen besseren Ort für den Medienwandel kenne – halte ich dieses Datum für bedeutsam. Es fügt sich ein in das Bild, das wir noch nicht vollständig sehen, seine Grundzüge aber schon erkennen: Eine Tageszeitung ist mehr als das Papier, auf dem sie erscheint. Das weiß man beim Independent, beim Guardian (wo der damalige Chefredakteur Alan Rusbridger schon 2006 sagte, man werde keine neuen Druckmaschinen mehr brauchen) und z.B. auch bei der spanischen ElPais (wo sich in diesem Monat der Chefredakteur sehr ähnlich äußerte). Und damit wirft dieses Datum automatisch auch die Frage auf: Wie sieht denn eine Tageszeitung nach dem Papier aus?

Eine Antwort findet man dort, wo auch noch Papier bedruckt wird: „Wir wollen ein digitales Unternehmen sein, das auch eine Zeitung herausgibt“, sagte ebenfalls in diesem Monat Michael Golden. „Nicht eine Zeitung, die auch eine Website betreibt und eine mobile App.“ Golden ist Vice Chairman in einem Haus, das sowas wie Mutter und Vorbild von Tageszeitungen überall auf der Welt ist. Michael Golden arbeitet bei der New York Times und hat diese Neuausrichtung seines Papers im Rahmen einer Veranstaltung der World Association of Newspapers and News Publishers erläutert. Dabei hat er acht sehr spannende Prinzipien benannt, die den Wandel bei der New York Times begleiten:

Was diese Prinzipien in der täglichen Arbeit bei der New York Times bedeuten, kann man in der neunten Etage des ZeitungsMedienhauses beobachten. Dort arbeiten rund 50 Mitarbeiter im so genannten Beta-Team und dorthin führt dieser äußerst lesenswerte Poynter-Text, der den stellvertretenden Beta-Chef Ben French mit den Worten zitiert: „Nachrichten sind und bleiben der Kern unseres Angebots. Aber als Organisation, die jeden Tag 350 Geschichten veröffentlicht – soviel wie ein Harry Potter Band täglich – machen wir viel mehr als lediglich zu sagen, was gerade wichtig ist. Wir sagen unseren Lesern wie sie ihr Leben besser machen können.“

Mit diesem Ansatz eines veränderten „readers-service“ arbeitet das Beta-Team nicht nur daran, die Idee einer Tageszeitung auf digitale Wege übertragen und eine direktere Verbindung zur Leserschaft herzustellen. Das Beta-Team verändert vor allem auch die Arbeitsweise klassischer Tageszeitungs-Redaktionen. „Die Beta-Mitarbeiter arbeiten in interdisziplinären Teams, in denen Redakteure gemeinsam mit Produktmanangern, Gestaltern, Entwicklern und Datenanalysten versuchen, den Times Journalismus an die Bedürfnisse der Leser anzupassen“, erläutert der Text und schlussfolgert: „Dieser Prozess ist ungewohnt für zahlreiche alteingesessene Reporter und Redakteure der Times, aber er wird zum Standard in Unternehmen, in denen Produktentwicklung und journalistische Produktion eng verschlungen sind – wie zum Beispiel auch bei Vox Media.“ (wer sich für diese Arbeitsweise interessiert, kann hier bei Konrad Weber weiterlesen)

Wie sehr diese Entwicklungen auch die Arbeit in der Redaktion beeinflußt, zeigte Anfang Februar ein Memo des New York Times-Chefredakteurs Dean Baquet, in dem er sehr offen zahlreiche redaktionelle Gewohnheiten in Frage stellte und eine gemeinsame Vision dessen einforderte, wie der Newsroom der Zeitung in den nächsten Jahren auszusehen haben.

Wie er in den vergangenen Jahren aussah, hat Gabriel Dance unlängst in einer Rede im Rahmen des Marshall-Projects beschrieben. Der Multimedia-Journalist benannte vier Typen, die ihm im Rahmen seiner Arbeit bei der New York Times begegneten: Zunächst Journalisten, die für ihn eine Art digitale Urbevölkerung darstellen (Natives) und die Implikationen des technischen Wandels bereits verinnerlicht hatten. Die zweite Gruppe bestand aus jenen, die das Potenzial der Veränderungen sahen – obwohl ihnen der Wandel selber nicht sofort klar war (Naturals). Die dritte Gruppe bezeichnet Dance als Kollaborateure und betont, dass er mit ihnen am liebsten zusammen gearbeitet habe: Experten auf ihrem Gebiet, die keine Angst entwickelten, wenn jemand auf sie zukam, um mit ihnen gemeinsam digitale Projekte umzusetzen. Die vierte und schwierigste Gruppe im Newsroom sind für Garbriel Dance die Angstgetriebenen (Fearful). „Es ist gefährlich in dieser Gruppe zu sein“, sagt er. Sie wissen nicht, was passiert, sie wissen nicht, wie sie ihren Job behalten sollen und sie verstehen nicht, was die neue Technologie bringt.

Gabriel Dance geht in seiner lesenswerten Rede nicht weiter auf diese vier Typen ein. Es scheint aber klar, dass der Wandel zur Zeitung nach dem Papier auch vor der großen Herausforderung steht, die Angst im Newsroom zu reduzieren – und womöglich in Begeisterung zu verwandeln. Deshalb sehe ich im Medienwandel im März nicht nur die Meldung von der letzten Papierausgabe in London, sondern auch den ansteckenden Virus der Arbeit des Beta-Teams in New York.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Digitale Notizen Newsletter.

Cyberkrank! Der Niedergang der Kultur

Ich bin dumm, ich habe ein Interview mit Manfred Spitzer gelesen. Und schuld ist der Dienst Blendle, der mir die Spitzer-Buchwerbung aus der aktuellen Bild am Sonntag lesegerecht (für 0.25 Euro) aufbereitet hat. Also wischte ich mich auf meinem Smartphone (gefährlich!) durch das Gespräch und wurde vom Dummheitsexperten Spitzer zu Erkenntnissen wie diesen geführt: „Wischen macht dumm.“

dummHarald Staun schrieb schon 2012 über Spitzers „Digitale Demenz“ in der FAZ: „Vielleicht wäre es wirklich das Beste, wenn man kein Wort mehr darüber verlöre.“

Da Spitzer mit seinem „700 Studien“ nun wieder auf die Titelseiten biegt, scheint es wichtig, nochmal mit Staun festzuhalten: „Die Pose des Hirnforschers reicht aus, um seinen Gemeinplätzen das Gewicht wissenschaftlicher Erkenntnisse zu verleihen.“ Denn es droht mit „Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert“ das gleiche zu passieren wie mit „Digitale Demenz“ vor ein paar Jahren. Die Gemeinplätze schleichen sich ins Partygespräch und weil sie von einem Professor stammen, werden sie ausführlich zitiert.

Ich mag sie nicht mehr hören. Daran ändert auch Spitzers „Ich habe ja nichts gegen Ausländer die Gegenwart“-Rhetorik nichts („Digitale Medien sind etwas Wunderbares, aber eben – für Erwachsene – in Maßen und nichts für Kinder und Jugendliche“). Was sich hier ausdrückt, ist ein Unwohlsein mit der Gegenwart, das keineswegs mit technologischem Fortschritt oder irgendeiner Form digitaler Geschwindigkeit zu tun hat, sondern einzig mit der Überhöhung dessen, was man kennt. Douglas Adams hat diesen Prozess schon Ende der 1990er Jahre beschrieben: „Was da, ist wenn wir auf die Welt kommen, nehmen wir als völlig normal hin. Was entsteht, bis wir etwa 30 Jahre alt werden, sehen wir als Chance und alles, was nach unserem 30 Lebensjahr entsteht, ist ein Niedergang der Kultur.“ Oder um mit Spitzer zu sprechen: ein Angriff auf unsere Gesundheit.

Und das einzige, was der Doktor mit dieser immer gleichen Rhetorik heilt, ist sein Geldbeutel. Es gibt viele Menschen, die gerne hören wollen, dass es früher besser war und dass das Neue saugefährlich ist – mit dem tollen Dreh, dass es vor allem bei Kindern und Jugendlichen zu Schäden führt. Dass genau die gleichen Argumente ins Feld geführt wurden, als man nicht mehr auf Steintafeln schrieb („kann sich keiner mehr was merken bei diesen neuen flüchtigen Methoden“) und als man von Kutschen auf Züge umstieg („diese widernatürliche Beschleunigung macht alle ganz blöd im Hirn“), gilt im aktuellen Fall nicht. Denn die aktuelle Version der Gegenwart ist tatsächlich viel gefährlicher als alle anderen davor …

Sich ohne Angst und Angstmache auf die Entwicklung einzulassen, ihre Möglichkeiten und Schwierigkeiten abzuschätzen und zu gestalten, das wäre aus dieser Perspektive – mit mit Horst Seehofer gesprochen – „eine Kapitulation vor der Realität“.

Der Text von Douglas Adams ist übrigens sehr lesenswert und trägt den (nicht nur in diesem Fall) sehr passenden Titel: How to Stop Worrying and Learn to Love the Internet Man würde sich wünschen, dass sich viel mehr Menschen mal reinwischen …

#OJZKM15 – fünf Langstrecke-Lehren

Auf Einladung des ZKM in Karlsruhe habe ich heute an dem Symposium „Online-Journalismus und die 4. Macht“ teilgenommen – und dabei über das Projekt „Süddeutsche Zeitung Langstrecke“ berichtet (hier geht es zum Live-Stream).

zkm

Basierend auf dem Blog-Eintrag, den ich im Früjahr zum Thema schrieb, habe ich fünf Lehren herausgearbeitet, die man aus dem Projekt ziehen kann (und die vielleicht auch übergeordnet für die Entwicklung des Onlinejournalismus stehen). Außerdem habe ich die Gelegenheit genutzt, an die Frisbee-Werfer aus dem Sommer zu erinnern

1. Langstrecke ist ein Experiment: Das heißt vor allem, es ist die Option, sich öffentlich zu blamieren. Es heißt: Wir wissen es nicht, wir wollen es ausprobieren. Das setzt eine veränderte Haltung voraus (siehe Punkt 5).
2. Der Bildschirm ist ein Lesefenster: Es ist noch gar nicht so lange her, da galt es als unbequem lange Texte auf Bildschirmen zu lesen. In Zeiten von Lesegeräten und Apps wie Longform fragt man sich stattdessen wie das Zeitalter des iPhone-Readings beschaffen sein wird.
3. Kontext wird ebenso wichtig wie Content: Der Rahmen, in dem ein Inhalt wahrgenommen wird, wird immer wichtiger. Im Fall von Langstrecke sieht man das an der sehr hochwertigen Aufbereitet. Dahinter steckt aber viel mehr.
4. Crowdfunding wird das neue Social Media: Vor wenigen Jahren dachte man es sei sonderbar, wenn große Firmen auf Facebook sind. Heute ist das selbstverständlich, heute denken viele noch es sei ebenso sonderbar, dass große Firmen Crowdfunding nutzen.
5. ¯\_(ツ)_/¯ Ich mag den Shruggie – weil er so wunderbar auf den Punkt bringt, wo wir derzeit stehen: Wir wissen es nicht. Und das ist die vielleicht wichtigste Erkenntnis, dass man lernen muss mit dem Übergang umzugehen.


Shut up and take my money

Kennt irgendjemand bei den Krautreportern das auf Futurama basierende Meme „Shut up and take my money“? Know your Meme erklärt in Bezug auf das Bildmotiv und den zugehörigen Satz:

The phrase is often used on web forums and image boards to express a desire to obtain a certain product or invention, or to show approval for a proposed idea.

Im Rahmen der aktuell laufenden Diskussion zu der Frage wie es mit den Krautreportern weitergeht, ist das Meme der einzige Satz, den man den Crowdfundern zurufen will: Es wird seit Tagen über ihr Projekt diskutiert, Stefan Niggemeier erklärt seinen Ausstieg, Menschen erläutern warum sie ihr Abo verlängern oder nicht verlängern werden, es werden Interviews gegeben und Meinungen ausgetauscht. Einzig, das worum es jetzt gehen sollte, passiert nicht: Jedenfalls finde ich keinen Knopf auf der Seite, der mir hilft jetzt sofort das Abo zu verlängern. Und mal unter uns: Wenn es diesen Knopf nicht gibt, dann wird einfach niemand Geld fürs zweite Jahr geben können – völlig unabhängig davon, ob man die Krautreporter nun für relevant hält oder nicht. Sie sind ohne diesen Knopf einfach nur … kaputt!


Mehr zum Thema Krautreporter auch bei Thomas Knüwer, Marcus Schuler und Felix Schwenzel. Zur Frage von Wartezeiten für Bezahlangebote auch hier im Blog.

UDPATE: Der Knopf ist da!

kraut

Wie wir mit dem Internet umgehen …

frisbee

Zwei Männer stehen im sommerlichen Wasser am Strand und spielen Frisbee – zumindest kommt das zugehörige Sportgerät bei ihrem Spiel zum Einsatz. Sie stehen einander gegenüber und werfen sich die Scheibe zu – allerdings ohne, dass diese (wie Wikipedia definiert) „durch aerodynamischen Auftrieb und Kreiselbewegung in der Luft gehalten“ wird. Die beiden werfen halt irgendwie – und zwar so ausdauernd falsch, dass es sehr anstrengend aber auch sehr lustig ist, sie dabei zu beobachten.

Unter anderem für solche Clips habe ich bei der SZ das Phänomeme-Blog erfunden. Als ich gestern jedoch dieses angeblich aus Bosnien stammende Video sah, erkannte ich nicht nur einen viralen Clip: Ich sah vor allem uns selber – bei der Benutzung des Internet. Unsere Frisbee-Scheibe heißt Digitalisierung, sie liegt vor uns, wir haben aber noch nicht so richtig verstanden, wie man sie einsetzt. So wie die beiden Badegäste versuchen auch wir uns in Techniken, die wir von anderen Spielgeräten kennen. Die beiden werfen die Scheibe wie einen Ball, wir betrachten das Netz wie ein Medium, das klassisch verbreitet wird. Das geht schon irgendwie, so wie auch die Scheibe von einem zum anderen bewegt wird, ihre besonderen Fähigkeiten entfaltet sie allerdings kaum.

Ziemlich sicher werden kommende Generationen auf unseren Umgang mit dem Internet schauen wie wir auf die beiden Badegäste mit der Frisbee: amüsiert und ratlos. Beenden werden wir dieses Amüsement übrigens nur, wenn wir anfangen anders zu denken, daneben zu liegen und (immer wieder) Neues auszuprobieren. Vielleicht finden wir dann den Trick mit dem aerodynamischen Auftrieb und der Kreiselbewegung …

Digitale Medien sind Kontext-Medien

In der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung singt der „Papier-Manic“ und Verleger Gerhard Steidl ein Loblied auf Print. Das Interview – neben einem Teller mit Apfelschnitzen geführt – ist schön zu lesen und gibt einen guten Einblick in den Medienwandel von Print zu Pixeln und in die Hoffnungen und Ängste, die damit verbunden sind.

An einer Stelle des Gesprächs beschreibt Steidl einen vermeintlichen Vorteil von Print. Er sagt …

Das Betrachten eines Bildes auf Papier ist etwas völlig anderes als das Betrachten am Bildschirm. Egal ob ich das iPad eines Freundes in Tokio benutze oder in Washington oder zu Hause mein eigenes, es ist immer die gleiche Wahrnehmung. Ob ich mir aber in Madrid eine Zeitung kaufe oder in London, das macht einen Unterschied.

… und legt damit – meiner Meinung nach – den Grundstein für etwas, was ich als Lob des Kontext beschreiben würde (allerdings aus einer genau gegenteiligen Interpretation des Wandels).

Ob er seine Zeitung in Madrid oder London kaufe, mache einen Unterschied, sagt Steidl und hält doch in England wie Italien eine identische Vervielfältigung in der Hand. Beide Zeitungen zeigen den gleichen Inhalt. Ein digitales Produkt – egal ob mehr geliebt oder gehasst – könnte in beiden Städten Kontexten tatsächlich unterschiedliche Produkte zeigen. Das muss man nicht mögen, man sollte es aber zur Kenntnis nehmen: Digitale Medien sind Kontext-Medien. Ein digitales Produkt kann einen Unterschied auf Konsumenten-Ebene machen – jeder Leserin in ihrem eigenen Nutzungskontext ein angepasstes Angebot liefern. Diese Betrachtung von Medien und Kultur geht über den Inhalt und dessen Duplikat hinaus und nimmt auch das Umfeld in den Blick, in dem dieser konsumiert wird. Unabhängig davon, ob man das mag oder nicht: Hier liegt das nachhaltige und grundlegende Veränderungspotenzial der Digitalisierung. Romane, die je nach Tageszeit und Leseort ihren Handlungsverlauf anpassen, sind nur die folgerichtige technische Entwicklung dessen, was Spotify mit seiner gerade angekündigten Jogging-Erweiterung ermöglicht. Dabei wird die Schrittfrequenz des joggenden Spotify-Nutzers mit Hilfe von Handy-Sensoren analysiert und mit einer Playlist kombiniert, deren Lieder einen Beat haben, der zur Lauf-Frequenz und zur Geschwindigkeit passt.

„In einer Welt der grenzenlosen Vielfalt ist der Kontext – nicht der Inhalt – König“, hat Rod Reid, der Gründer von Rhapsody, mal gesagt. Daran musste ich denken, als ich die Stelle mit den Zeitungen in Madrid und London las.