Dieser Text ist Teil der Februar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, der immer zum Ende eines Monats erscheint. Hier kannst du ihn kostenlos abonnieren.
Wir brauchen mehr Aufmerksamkeit für Aufmerksamkeit – denn: Aufmerksamkeit ist politisch! Die Frage, welche Themen uns beschäftigen (politisch wie privat) ist mindestens so wichtig wie die Haltung, die wir zu diesen Themen entwickeln.
Energie fließt dorthin, wo wir unsere Aufmerksamkeit haben – das gilt nicht nur auf der Yoga-Matte, es gilt auch in politischen Debatten. Die Antwort auf die Frage, ob Jugendliche Social-Media nutzen sollten, ist deshalb meiner Ansicht nach auch keine Frage von Verboten, sondern eine Frage von Aufmerksamkeit(en): Wer selbst bestimmt von seiner Aufmerksamkeit Gebrauch machen kann, kann auch mit sozialen Medien umgehen. Wenn man so will, kann man sagen: Wir brauchen eine Aufklärung der Aufmerksamkeit!
Um an einem praktischen Beispiel zu illustrieren, was ich mit dieser abstrakten Beschreibung sehr konkret meine, möchte ich auf einen Netzkulturtrend hinweisen, den ich auf zahlreichen Paar-Accounts sehe (es waren übrigens auch solche Paar-Accounts, die mich schon mal auf einen Provokations-Trend hingewiesen haben, der zu der These: „Widerspruch ist die beste Werbung“ führt.) Das Muster ist dabei immer gleich: eine Person filmt aus der POV-Perspektive ein Gespräch mit der zweiten Person.
Dann kommt eine Behauptung, die mit einem Schnipsen in Verbindung gebracht wird. Dieses Schnipsen bestimmt als unhinterfragte Voraussetzung dann das folgende Gespräch (Das Muster kann man hier aus männlicher Perspektive sehen – und in diesem Tiktok aus weiblicher Perspektive)
In diesem Beispiel des Accounts @celinaxluis auf Instagram (Bild oben) sehen wir, wie Luis Celina anspricht
Er: Schatzi warte, ich werde schnell schnipsen und du wirst vergessen, dass du hässlich bist.
Celina reagiert wie geplant und sagt: „ich war nie hässlich“.
Er: Richtig
Sie: Nah, ich war nie hässlichEr: Richtig
Sie: Das hat jetzt nicht mit deinem Schnipsen zu tun.Er: Hats auch nicht.
Sie: Ich lass mir den Schuh jetzt nicht anziehen.
Er: Schatzi, deswegen hab ich jetzt nicht geschnipst.
Sie: Na, das hat nichts mit deinem Schnipsen zu tun. Ich hab vorher gewusst, dass ich nicht hässlich bin. Ich bin eine Naturschönheit.
Er: Genau.
Eben! Das Gespräch eskaliert wie gewünscht.
Natürlich sind diese inszenierten Paar-Videos für eine bestimmte Form von Identitäts-Bait gemacht: Menschen sollen sich in klischeehaften Mustern wiedererkennen oder diese als klischeehaft anerkennen. Aber in diesen Videos steckt eine zweite Botschaft – sie illustrieren nämlich auf sehr konkrete Weise, wie politische Debatten im Zeitalter der Aufmerksamkeit funktionieren:
Jemand tritt auf die Bühne und stellt eine Behauptung auf* die fortan wie die Schnips-Behauptung die Debatte bestimmt. Wer sich auf diese Prämisse einlässt, landet in der gleichen Zwickmühle wie die Schnips-Opfer. Jedes inhaltliche Argument, das der Logik einer sachlichen Argumentation zu folgen versucht, endet in der Bestätigung der Prämisse. Widerspruch feuert die Ausgangsthese nur noch weiter an.
Eben! Das öffentliche Gespräch eskaliert wie gewünscht.
In diesen „Debatten“ geht es nicht mehr um die Suche nach einem Konsens. Die Ausgangsthese ist hier kein Einstieg mehr, dem eine Antithese gegenüber gestellt werden kann, die dann zu einer Synthese führt. Hier geht es nur noch darum, Schnips-Behauptungen öffentlich zu machen. Wer darauf mit einem bloßen Vermeldungen der Ausgangsbehauptung reagiert, schenkt ihr nur mehr Öffentlichkeit.
„Sagen, was ist“ müsste in dem genannten Beispiel nicht das Wiederholen des Dialogs sein, sondern die Beschreibung der Situation: „Luis provoziert Celina mit einer unrealistischen Behauptung“.
*Wie die jeweilige Behauptung konkret lautet, kann sich jede und jeder selbst ausdenken – das Spektrum reicht von „Wenn wir nur mehr Ausländer abschieben, werden alle Probleme werden verschwinden“ bis zu „Ich brauche Grönland für meine Sicherheit“.
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… und im Minifesto „Wesentlich weniger“
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